Beschreibung

Der Fall von Gondolin‹ – eine der drei Großen Geschichten des Ersten Zeitalters von Mittelerde Zwei der größten Mächte Mittelerdes stehen sich in ›Der Fall von Gondolin‹ gegenüber: Auf der einen Seite Morgoth, die Verkörperung des Bösen und auf der anderen Ulmo, der Herr der Meere, Seen und Flüsse unter dem Himmel. Im Zentrum ihres Konflikts steht die verborgene Elben-Stadt Gondolin. Turgon, König von Gondolin, wird von Morgoth mehr als alles andere gehasst. Seit Langem versucht der dunkle Herrscher, Gondolin zu finden und zu zerstören, aber vergeblich. In diese Welt kommt Tuor und wird zum Werkzeug von Ulmos Plan. Von ihm geleitet, macht sich Tuor auf den gefahrvollen Weg nach Gondolin und gelangt in die verborgene Stadt. Dort heiratet er Idril, die Tochter Turgons; ihr Sohn ist Earendil, dem es vorherbestimmst ist, einmal der berühmteste Seefahrer des Ersten Zeitalters zu werden. Durch einen gemeinen Verräter erfährt Morgoth, wie er einen vernichtenden Angriff gegen die Stadt führen kann, mit Balrogs, Drachen und zahllosen Orks. Das Verhängnis nimmt seinen Lauf. Christopher Tolkien verwendet in dieser Ausgabe eine vergleichbare Darstellung der Entwicklung der Geschichte wie bei ›Beren und Lúthien‹. Für J.R.R. Tolkien war ›Der Fall von Gondolin‹ »die erste richtige Geschichte aus dieser imaginären Welt«, und wie ›Beren und Lúthien‹ und ›Die Kinder Húrins‹ zählte er sie zu den drei ›Großen Geschichten‹ des Ersten Zeitalters von Mittelerde. ›Der Fall von Gondolin‹ wurde von Christopher Tolkien herausgegeben und bildet den Abschluss der drei großen Geschichten, die 2007 mit ›Die Kinder Húrins‹ begonnen und 2017 mit ›Beren und Lúthien‹ fortgesetzt wurde. Dieser neue Band enthält zahlreiche Farbtafeln des berühmten Tolkien-Künstlers Alan Lee. Weltweiter Erscheinungstermin von ›Der Fall von Gondolin‹: 30. August 2018

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 411


J.R.R. TOLKIEN

DER FALLVON GONDOLIN

Herausgegeben von Christopher Tolkien

Illustrationen von Alan Lee

Aus dem Englischenvon Helmut W. Pesch

KLETT-COTTA

Impressum

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Speicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

»Der Fall von Gondolin« aus Das Buch der Verschollenen Geschichten, Teil 2 und »Von Tuor und seiner Ankunft in Gondolin« aus Nachrichten aus Mittelerde werden wiedergegeben nach der Übersetzung von Hans J. Schütz.

Hobbit Presse

www.hobbitpresse.de

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel

»The Fall of Gondolin« im Verlag HarperCollins Publishers, London 2018

Für alle Texte und Materialien von J.R.R. Tolkien © The Tolkien Estate Limited 2018

www.tolkienestate.com

Vorwort, Anmerkungen und alle weitere Materialien © C.R. Tolkien 2018

Illustrationen © Alan Lee 2018

®, Tolkien® und The Fall of Gondolin® sind eingetragene Markenzeichen

von The J.R.R. Tolkien Estate Limited

Für die deutsche Ausgabe

© 2018 by J. G. Cotta’sche Buchhandlung

Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart

Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung: © Birgit Gitschier, Augsburg

unter Verwendung der Daten vom Originalverlag

Cover-Illustration © Alan Lee 2018; Layout © HarperCollins Publishers Ltd 2018

Datenkonvertierung: Dörlemann Satz, Lemförde

Printausgabe: ISBN 978-3-608-96378-6

E-Book: ISBN 978-3-608-11511-6

Dieses E-Book basiert auf der aktuellen Auflage der Printausgabe.

Inhalt

Liste der Abbildungen

Vorwort

Prolog

DER FALL VON GONDOLIN

Die ursprüngliche Geschichte

Der früheste Text

Turlin und die Verbannten von Gondolin

Die Geschichte in der Fassung der Skizze der Mythologie

Die Geschichte in der Fassung der Quenta Noldorinwa

Die letzte Fassung

Die Entwicklung der Geschichte

Der Schluss

Der Schluss der Skizze der Mythologie

Der Schluss der Quenta Noldorinwa

Anhang

Verzeichnis der Namen

Weitere Anmerkungen

Stammbäume

Karte

Tafeln

Für meine Familie

Liste der Abbildungen

Farbtafeln

Schwanenhafen

›Sie versuchen, die Schwanenschiffe in Schwanenhafen zu besetzen, und es kommt zu einem Kampf‹.

Turgon verstärkt die Wache

›Er gebot, die Wachen an allen Stellen zu verdreifachen‹.

Der Turm des Königs stürzt ein

›Der Turm fing Feuer, und in einer Stichflamme brach er zusammen‹.

Glorfindel und der Balrog

›Der Balrog sprang mit einem mächtigen Satz auf ein paar hohe Felsen‹.

Die Regenbogenspalte

›Ein unterirdischer Flusslauf, der aus Mithrim in eine tiefe Kluft führte und schließlich in das Westmeer mündete‹.

Berg Taras

›Eine Kette mächtiger Hügel, die ihm den Weg versperrten. Sie verlief in westlicher Richtung und endete in einem hohen Berg‹.

Ulmo erscheint vor Tuor

›Dann krachte der Donner, Blitze zuckten über dem Meer‹.

Orfalch Echor

›Tuor sah, dass der Weg durch eine große Mauer versperrt war, die quer durch die Schlucht verlief‹.

Illustrationen

Tuor schlägt einen Ton auf der Harfe an

Tuor steigt zum verborgenen Fluss hinab

Isfin und Eol

Mithrimsee

Die Berge und das Meer

Adler über den Umzingelnden Bergen

Das Delta des Sirion

Geschnitzte Galionsfigur von Glorfindel vor Elbenschiffen

Rían durchsucht den Hügel der Erschlagenen

Der Eingang zum Haus des Königs

Tuor folgt den Schwänen nach Vinyamar

Gondolin im Schnee

Der Palast Ecthelions

Elwing empfängt die Überlebenden von Gondolin

Earendels Wahrzeichen über dem Meer

Am Ende des Buches sind Stammbäume der Fürsten der Noldor und des Hauses Beor enthalten, außerdem ist eine Karte eingelegt.

Vorwort

In meinem Vorwort zu Beren und Lúthien bemerkte ich, dass dies in meinem dreiundneunzigsten Lebensjahr »(vermutlich) mein letztes Buch in der langen Reihe von Editionen der Schriften meines Vaters« sei. Ich benutzte das Wort »vermutlich«, weil ich damals vage daran dachte, die dritte der »Großen Geschichten« meines Vaters, Der Fall von Gondolin, genauso zu behandeln wie Beren und Lúthien. Aber ich hielt das für sehr unwahrscheinlich und ging daher davon aus, dass Beren und Lúthien das letzte Buch sein würde. Die Vermutung erwies sich jedoch als falsch, und ich muss jetzt sagen, dass in meinem vierundneunzigsten Jahr Der Fall von Gondolin (sicherlich) das letzte sein wird.

In diesem Buch erfährt man aus der komplexen Darstellung vieler Stränge in verschiedenen Texten, wie sich Mittelerde auf das Ende des Ersten Zeitalters zubewegte und wie sich die Vorstellung meines Vaters von dieser Geschichte, die er sich erdacht hatte, über lange Jahre entfaltete, bis sie schließlich, zur ausgereiften Form gelangt, Schiffbruch erlitt.

Die Geschichte von Mittelerde in den Ältesten Tagen war ein sich stets veränderndes Gebilde. Meine History of Middle-earth, so lang und komplex sie auch ist, verdankt ihre Länge und Komplexität diesem endlosen Emporquellen neuer Darstellungen, neuer Motive, neuer Namen und vor allem neuer Assoziationen. Mein Vater, als ihr Schöpfer, denkt über die große Geschichte nach, und während er schreibt, wird er sich eines neuen Elements bewusst, das in die Geschichte eingegangen ist. Ich will dies an einem sehr kurzen, aber signifikanten Beispiel verdeutlichen, das für viele stehen mag.

Ein wesentliches Merkmal der Geschichte des Falls von Gondolin war die Reise, die der Mensch Tuor mit seinem Begleiter Voronwë unternahm, um die verborgene Elbenstadt Gondolin zu finden. Mein Vater erwähnt dies ganz kurz in der ursprünglichen Geschichte, ohne ein nennenswertes, ja überhaupt irgendein Ereignis; aber in der Endfassung, in der die Reise viel weiter ausgearbeitet ist, hören sie eines Morgens in der Wildnis einen Schrei im Wald. Man könnte fast sagen, er hörte plötzlich und unerwartet einen Schrei im Wald.1 Ein großer Mann in schwarzer Kleidung und mit einem langen schwarzen Schwert kommt auf sie zu und ruft einen Namen, als ob er nach jemandem suchen würde. Aber ohne sie anzusprechen, geht er an ihnen vorbei.

Tuor und Voronwë waren nicht in der Lage, diesen ungewöhnlichen Anblick zu erklären; aber der Schöpfer der Geschichte weiß sehr gut, wer dieser Mann war. Er war niemand anders als der berühmte Túrin Turambar, Tuors Vetter ersten Grades, der aus der untergehenden Stadt Nargothrond floh – wovon Tuor und Voronwë nichts wussten. Hier spürt man den Hauch einer der großen Geschichten aus Mittelerde. Túrins Flucht aus Nargothrond wird in Die Kinder Húrins beschrieben (siehe dort, S. 193f.), aber ohne Erwähnung dieses Treffens, das keinem dieser beiden Helden bewusst war und sich nie wiederholte.

Die Verwandlungen, die im Laufe der Zeit stattgefunden haben, lassen sich besonders gut an der Darstellung des Gottes Ulmo veranschaulichen: In der ersten Fassung der Geschichte sitzt er im Schilf und musiziert in der Dämmerung am Fluss Sirion. Viele Jahre später wird er dann beschrieben, wie er sich als Herr aller Gewässer der Welt in einem großen Sturm aus dem Meer bei Vinyamar erhebt. Ulmo steht tatsächlich im Zentrum des großen Mythos. Auch wenn die Mächte von Valinor ihn alleinlassen und sich ihm sogar weitgehend widersetzen, erreicht der große Gott auf mysteriöse Weise sein Ziel.

Wenn ich auf meine Arbeit zurückblicke, die nun nach etwa vierzig Jahren abgeschlossen ist, glaube ich, dass mein eigentliches Ziel zumindest teilweise darin bestand, dem Wesen des »Silmarillion« und seiner fundamentalen Bedeutung in Bezug auf den Herr der Ringe mehr Gewicht zu verleihen – und es eher als das Erste Zeitalter der Welt meines Vaters zu betrachten, die Mittelerde und Valinor umfasst.

Zwar gibt es Das Silmarillion, das ich 1977 veröffentlichte, aber es wurde zusammengestellt – man könnte sogar sagen, konstruiert – als erzählerischer Hintergrund für den Herr der Ringe, und das viele Jahre später. Es mag daher in gewisser Weise als Monolith erscheinen, ein großes Werk in einem erhabenen Stil, angeblich aus einer sehr fernen Vergangenheit stammend, mit wenig von der Kraft und Unmittelbarkeit des Herr der Ringe. Das war wohl unausweichlich, angesichts der Form, in die ich es gebracht habe, denn die Erzählung des Ersten Zeitalters war von einer radikal anderen literarischen und imaginativen Natur. Dennoch wusste ich, dass mein Vater lange zuvor, als Der Herr der Ringe fertig, aber noch nicht erschienen war, den tiefen Wunsch und die Überzeugung geäußert hatte, dass das Erste und das Dritte Zeitalter (in dem Der Herr der Ringe spielt) als Elemente oder Teile desselben Werkes behandelt und veröffentlicht werden sollten.

Im Kapitel »Die Entwicklung der Geschichte« gebe ich Teile eines langen und sehr aufschlussreichen Briefes wieder, den er im Februar 1950, kurz nachdem die eigentliche Niederschrift von Der Herr der Ringe ihr Ende erreicht hatte, an seinen Verleger, Sir Stanley Unwin, schrieb und in dem er seinen Gedanken zu diesem Thema Ausdruck gab. Damals porträtierte er sich selbstironisch als entsetzt, als er über dieses unhandliche »Monstrum« von etwa 600 000 Wörtern nachdachte – umso mehr, als der Verlag erwartete, was er erbeten hatte, eine Fortsetzung des Hobbit, während dieses neue Buch, wie er sagte, in Wirklichkeit eine Fortsetzung zum Silmarillion war.

Er hat seine Meinung nie geändert. Er betrachtete sogar, wie er schrieb, Das Silmarillion und Der Herr der Ringe als »eine einzige lange Saga von den Juwelen und den Ringen«. Aus diesem Grund war er gegen die getrennte Veröffentlichung beider Werke. Aber am Ende gab er sich geschlagen, wie man im Kapitel »Die Entwicklung der Geschichte« sehen wird, und erkannte, dass es hoffnungslos war, diesem Wunschtraum weiter nachzuhängen, und stimmte der Veröffentlichung von Der Herr der Ringe als Einzelwerk zu.

Nach der Veröffentlichung des Silmarillion wandte ich mich einer jahrelangen Untersuchung des gesamten Konvoluts von Manuskripten zu, das er mir hinterlassen hatte. In der History of Middle-earth beschränkte ich mich als allgemeines Prinzip darauf, »die Pferde im Gespann zu treiben«, das heißt, nicht einer Geschichte um die andere durch die Jahre auf ihren eigenen Wegen zu folgen, sondern dem Verlauf des Ganzen. Wie ich im Vorwort zum ersten Band der History bemerkte:

Der Blickwinkel, unter dem der Autor seine eigene Erfindung betrachtete, veränderte sich ständig; die Welt wurde weitläufiger, größer: nur in Der Hobbit und Der Herr der Ringe gelangten zu Lebzeiten Teile daraus, die abgeschlossen waren, in Druck. Das Studium von Mittelerde und Valinor ist mithin kompliziert, denn der Gegenstand des Studiums blieb nicht gleich; er folgte gewissermaßen der Lebenszeit des Autors, war also nicht die Fixierung eines bestimmten Abschnitts, festgelegt wie ein gedrucktes Buch, das keinem wesentlichen Wandel mehr unterworfen ist.

So liegt es bei der History in der Natur der Sache, dass einzelnen Themen oft nur schwer zu folgen ist. Als die Zeit gekommen war, wie ich mir sagte, endlich diese lange Folge von Editionen abzuschließen, kam es mir in den Sinn, eine andere Vorgehensweise zu versuchen: einer einzelnen Erzählung von ihrer frühesten existierenden Form durch ihre gesamte spätere Entwicklung zu folgen. Das Ergebnis war Beren und Lúthien. In meiner Ausgabe von Die Kinder Húrins habe ich zwar in einem Anhang die wichtigsten Veränderungen der Erzählung in den aufeinanderfolgenden Versionen benannt; aber in Beren und Lúthien habe ich tatsächlich frühere Texte vollständig wiedergegeben, beginnend mit der frühesten Form im Buch der Verschollenen Geschichten. Nun, da es sicher ist, dass das vorliegende Buch das letzte ist, habe ich für Der Fall von Gondolin die gleiche ungewöhnliche Form gewählt.

Bei dieser Darstellungsweise kommen Passagen oder gar ausgereifte Konzeptionen zum Vorschein, die später aufgegeben wurden; so in Beren und Lúthien der imposante, wenn auch kurze Auftritt von Tevildo, dem Katzenfürsten. Der Fall von Gondolin ist in dieser Hinsicht einzigartig. In der Originalversion der Geschichte wird der überwältigende Angriff auf Gondolin mit seinen ungeahnten neuen Waffen so klar und detailliert gesehen, dass sogar die Namen der Plätze in der Stadt, an denen die Gebäude niedergebrannt wurden oder wo berühmte Krieger starben, angegeben werden. In den späteren Versionen sind der Kampf und die Zerstörung auf einen Absatz reduziert.

Dass die Zeitalter von Mittelerde miteinander verbunden sind, kommt am unmittelbarsten durch das Wiederauftreten – als Person und nicht nur als Erinnerung – der Gestalten der Ältesten Tage im Herr der Ringe zum Ausdruck. Wahrlich uralt war der Ent Baumbart; die Ents waren das älteste Volk im Dritten Zeitalter, das überlebt hatte. Als er Meriadoc und Peregrin durch den Wald von Fangorn trug, sang er ihnen vor:

Ich ging durch die Fluren von Tasarinan im Frühling.

Ah! Der Duft und die Farben des Frühlings in Nan-tasarion!

Als Baumbart dieses Lied sang, war es in der Tat sehr lange her, dass Ulmo, der Herr der Wasser, nach Mittelerde kam, um in Tasarinan, dem Land der Weiden, mit Tuor zu sprechen. Desgleichen lesen wir am Ende der Geschichte von Elrond und Elros, den Söhnen von Earendel2, die in einem späteren Zeitalter Herr von Bruchtal und erster König von Númenor werden; hier sind sie sehr jung und werden von einem Sohn Feanors in Schutz genommen.

Als eine Figur, welche die Zeitalter von Mittelerde überspannt, möchte ich exemplarisch Círdan, den Schiffbauer, nennen. Er war der Träger von Narya, dem Ring des Feuers, einem der drei Ringe der Elben, bis er ihn Gandalf übergab; von ihm hieß es, er »blickte weiter und tiefer als jeder andere in Mittelerde«. Im Ersten Zeitalter war er der Herr der Häfen von Brithombar und Eglarest an den Küsten von Beleriand, und als diese von Morgoth nach der Schlacht der Ungezählten Tränen zerstört wurden, floh er mit einem Rest seines Volkes auf die Insel Balar. Dort und an den Sirionmündungen wandte er sich wieder dem Bau von Schiffen zu, und auf Wunsch von König Turgon von Gondolin baute er sieben davon. Diese Schiffe segelten in den Westen, aber von keinem von ihnen kam je wieder eine Nachricht – bis auf das letzte. In diesem Schiff war Voronwe, ausgesandt von Gondolin, der den Schiffbruch überlebte und zum Führer und Begleiter von Tuor auf ihrer Reise zur Verborgenen Stadt wurde.

Gandalf gegenüber erklärte Círdan viel später, als er ihm den Ring des Feuers gab: »Doch was mich betrifft, so hängt mein Herz am Meer, und ich will an den grauen Gestaden bleiben, bis das letzte Schiff Segel setzt.« So tritt Círdan ein letztes Mal am letzten Tag des Dritten Zeitalters in Erscheinung. Als Elrond und Galadriel mit Bilbo und Frodo zu den Toren der Grauen Anfurten ritten, wo Gandalf sie erwartete,

kam Círdan, der Schiffsbauer, heraus, um sie zu begrüßen. Sehr groß war er, und sein Bart war lang, und er war grau und alt, nur seine Augen waren scharf wie Sterne; und er schaute sie an und verneigte sich und sagte: »Alles ist nun bereit.«

Nachdem die Beteiligten Abschied genommen hatten, gingen sie an Bord,

und die Segel wurden gehisst, und der Wind wehte, und langsam glitt das Schiff den langen, grauen Golf hinunter; und das Licht des Glases von Galadriel, das Frodo trug, schimmerte und verschwand. Und das Schiff fuhr hinaus auf die Hohe See und dann in den Westen …

und folgten damit dem Weg Tuors, von dem es heißt, als das Ende des Ersten Zeitalters nahte, fuhr er zusammen mit Idril »in den Sonnenuntergang nach Westen hinaus und verschwand aus den Liedern und Erzählungen«.

In der Geschichte vom Fall von Gondolin kommen in der Folge ihrer Entwicklung viele flüchtige Verweise auf andere Geschichten, andere Orte und andere Zeiten zustande: auf Ereignisse in der Vergangenheit, die Handlungen und Motive in der Jetztzeit der Geschichte bestimmen. Der Impuls, in solchen Fällen eine Erklärung oder zumindest eine gewisse Aufhellung anzubieten, ist stark; aber in Anbetracht der Intention dieses Buches habe ich die Texte nicht mit einer Fülle von Fußnoten versehen. Was ich angestrebt habe, ist, eine gewisse Form von Hilfe zu bieten, die auf Wunsch gern ignoriert werden kann.

Zunächst stelle ich im »Prolog« einen Auszug aus der Skizze der Mythologie meines Vaters von 1926 vor, um ein Bild der Welt von ihren Anfängen bis zu den Ereignissen zu vermitteln, die schließlich zur Gründung von Gondolin führten. Außerdem habe ich das Verzeichnis der Namen in vielen Fällen für Erklärungen genutzt, die viel umfassender sind als eine bloße Namenserklärung; und ich habe nach der Namensliste noch verschiedene Anmerkungen zu sehr unterschiedlichen Themen angefügt, die von der Erschaffung der Welt bis zur Bedeutung des Namens Earendel und der Weissagung des Mandos reichen.

Sehr heikel ist natürlich der Umgang mit Namensänderungen beziehungsweise unterschiedlichen Namensformen. Dieses Problem wird dadurch noch komplexer, dass eine bestimmte Form keineswegs ein zwingender Hinweis auf das Datum der Entstehung ist. Mein Vater konnte die gleiche Änderung in einem Text zu ganz verschiedenen Zeiten vornehmen, wenn er die Notwendigkeit dafür sah. Ich habe nicht auf Einheitlichkeit im ganzen Buch geachtet; das heißt, ich habe mich weder auf eine einzige Form festgelegt, noch bin ich in jedem Fall der im Manuskript gefolgt, sondern habe solche Variationen zugelassen, wie sie mir am besten erschienen. So behalte ich Ylmir bei, wenn es für Ulmo steht, da es sich um ein regelmäßiges Vorkommen sprachlicher Natur handelt, verwende aber immer Thorondor für Thorndor, ›Adlerkönig‹, da mein Vater ganz klar die Absicht hatte, dies zu ändern.

Zu guter Letzt habe ich den Aufbau des Buches anders als bei Beren und Lúthien gestaltet. Die Texte der Geschichte erscheinen zuerst, in Folge und ohne oder mit nur kurzem Kommentar. Ein Bericht über die Entwicklung der Geschichte folgt im Anschluss, mit einer Diskussion über den äußerst betrüblichen Abbruch der letzten Version der Geschichte an dem Punkt, als Tuor durch das letzte Tor von Gondolin schreitet.

Ich will damit schließen, dass ich das wiederhole, was ich vor vierzig Jahren schrieb:

Es bleibt somit die bemerkenswerte Tatsache, dass die einzige vollständige erzählerische Ausarbeitung der Tuor-Geschichte (sein Aufenthalt in Gondolin, seine Ehe mit Idril Celebrindal, die Geburt Earendils, der Verrat Maeglins, die Plünderung der Stadt und das Entkommen der Flüchtlinge), die in seiner Vorstellung vom Ersten Zeitalter einen zentralen Platz einnimmt, bereits in jener Jugenderzählung geleistet wurde.

Gondolin und Nargothrond wurden jeweils einmal geschaffen und kein zweites Mal neu gestaltet. Sie blieben mächtige Quellen und Bilder – umso mächtiger vielleicht, weil sie nie revidiert wurden, und dies vielleicht deswegen, weil sie so mächtig waren.

Obwohl mein Vater sich aufmachte, Gondolin einen neuen Besuch abzustatten, sollte er die Stadt nie mehr erreichen: Nachdem er den endlosen Hang des Orfalch Echor bestiegen und die lange Reihe heraldischer Tore durchquert hatte, hielt er mit Tuor beim Anblick der Stadt in der Ebene an und durchquerte Tumladen nie wieder.

Die Veröffentlichung der Historie der dritten und letzten der »Großen Geschichten« ist für mich die Gelegenheit, ein paar Worte zu Ehren des Werkes von Alan Lee zu schreiben, der alle drei Bücher illustriert hat. Er ist mit einem tiefen Verständnis der inneren Natur der Szenen und Ereignisse, die er aus dem großen Panorama der Ältesten Tage ausgewählt hat, an diese Aufgabe herangegangen. So hat er in Die Kinder Húrins den gefangenen Húrin gesehen und gezeigt, der an einen steinernen Sitz auf den Thangorodrim gekettet dem schrecklichen Fluch Morgoths lauscht. Er hat in Beren und Lúthien die letzten Söhne Fëanors dargestellt, die bewegungslos auf ihren Pferden sitzen und auf den neuen Stern am westlichen Himmel starren, den Silmaril, für den so viele sterben mussten. Und in Der Fall von Gondolin hat er neben Tuor gestanden und mit ihm den Anblick der Verborgenen Stadt bestaunt, für die er so weit gereist ist.

Schließlich bin ich Chris Smith von HarperCollins sehr dankbar für seine außergewöhnliche Hilfe bei der Vorbereitung dieses Buches und seiner Gewissenhaftigkeit, die auf dem Wissen um die Anforderungen einer solchen Veröffentlichung und die besondere Art dieses Buches beruht. Desgleichen meiner Frau Baillie: Ohne ihre unerschütterliche Unterstützung während der langen Zeit, in der das Buch entstanden ist, wäre es nie zustande gekommen. Ich möchte auch all jenen danken, die mir so freundlich geschrieben haben, als es so aussah, als ob Beren und Lúthien mein letztes Werk sein sollte.

Prolog

Zu Beginn möchte ich auf einen Brief meines Vaters aus dem Jahre 1964 zurückgreifen, den ich bereits in der Einleitung zu Beren und Lúthien zitiert habe. Dort berichtet er, dass er die Geschichte vom Fall von Gondolin »›rein aus dem Kopf heraus‹ während eines Krankheitsurlaubs vom Heeresdienst 1917« und die Originalversion von Beren und Lúthien im selben Jahr verfasst habe.

Es gibt einige Zweifel an dem Entstehungsjahr, die sich aus anderen Äußerungen meines Vaters ergeben. In einem Brief vom Juni 1955 heißt es: »Der Fall von Gondolin (und die Geburt Earendils) wurde im Krankenhaus und im Urlaub geschrieben, nachdem ich 1916 die Schlacht an der Somme überlebt hatte«; und in einem Brief an W. H. Auden vom selben Jahr datierte er die Entstehung auf »während eines Krankenurlaubs Ende 1916«. Die erste Erwähnung mir gegenüber findet sich in einem Brief vom 30. April 1944, in dem er mir über seine damaligen Erfahrungen berichtete. »Die ›Geschichte der Gnomen3‹«, schrieb er, »habe ich in Heeresbaracken angefangen, im Gedränge und im Lärm der Grammophone.« Das hört sich nicht nach Krankheit an; aber es kann sein, dass er mit dem Schreiben begann, bevor er vom Dienst beurlaubt wurde.

Sehr wichtig im Zusammenhang mit diesem Buch ist jedoch, was er in seinem Brief an W. H. Auden von 1955 über Der Fall von Gondolin schrieb: Es sei »die erste richtige Geschichte aus dieser imaginären Welt« gewesen.

Seine Vorgehensweise beim Originaltext von Der Fall von Gondolin war anders als bei Die Geschichte von Tinúviel, wo er das erste, mit Bleistift geschriebene Manuskript ausradierte und an dessen Stelle eine neue Fassung schrieb. In diesem Fall hat er zwar auch den ersten Entwurf der Geschichte umfassend überarbeitet, aber anstatt ihn auszuradieren, überschrieb er das mit Bleistift geschriebene Original mit einem überarbeiteten Text in Tinte, was die Vielfalt der Veränderungen im Laufe der Zeit erhöhte. An Stellen, an denen der ursprüngliche Text lesbar ist, kann man erkennen, dass er der ersten Fassung ziemlich genau gefolgt ist.

Auf dieser Grundlage fertigte meine Mutter eine saubere Abschrift an, welche vor allem angesichts der Schwierigkeiten, die der Text in dieser Form bereitet, bemerkenswert genau ist. In der Folge hat mein Vater viele Änderungen an dieser Kopie vorgenommen, keineswegs alle zur gleichen Zeit. Da es nicht Ziel dieses Buches ist, die Komplexitäten der Textentstehung darzulegen, die das Studium seiner Werke fast immer begleiten, folgt der Text, den ich hier wiedergebe, der von meiner Mutter erstellten Fassung, einschließlich der daran vorgenommenen Änderungen.

In diesem Zusammenhang muss erwähnt werden, dass viele der Änderungen am Originaltext vorgenommen wurden, bevor mein Vater die Geschichte im Frühjahr 1920 dem Essay Club des Exeter College in Oxford vortrug. In seinen einleitenden Worten, mit denen er die Wahl dieser Erzählung anstelle eines Vortrags entschuldigte, erklärte er: »Sie hat natürlich noch nie zuvor das Licht der Öffentlichkeit erblickt. Seit geraumer Zeit ist in meiner Vorstellung ein kompletter Zyklus von Ereignissen in einer erfundenen Elfenwelt entstanden (besser gesagt: entworfen worden). Einige der Episoden habe ich flüchtig skizziert. Die vorliegende Geschichte ist nicht die beste von ihnen, aber sie ist die einzige, die überhaupt so weit überarbeitet ist, dass ich, so wenig zufriedenstellend die Revision auch war, es wagen kann, sie vorzulesen.«

Der ursprüngliche Titel der Geschichte lautete Tuor und die Verbannten von Gondolin, aber mein Vater nannte sie später immer Der Fall von Gondolin, und ich bin ihm darin gefolgt. Im Manuskript folgen auf den Titel in Klammern die Worte »welches die große Geschichte von Earendel einleitet«. Der Erzähler auf der Einsamen Insel – zur Erzählsituation siehe Beren und Lúthien, S. 34f. – war Winzigherz (Ilfiniol), der Sohn jenes Bronweg (Voronwe), welcher eine wichtige Rolle in der Handlung spielt.

Bevor ich den Text zu Der Fall von Gondolin aus dem Buch der Verschollenen Geschichten wiedergebe, möchte ich hier als Prolog einen Auszug aus einem weiteren Frühwerk meines Vaters voranstellen.

Es liegt in der Natur dieser, der dritten der »Großen Geschichten« der Ältesten Tage, dass der enorme Wandel in der Welt der Götter und Elben, der stattgefunden hatte, sich auf die Erzählung vom Fall von Gondolin unmittelbar auswirken sollte – und tatsächlich ein Teil davon ist. Eine kurze Darstellung dieser Ereignisse erscheint daher notwendig; und anstatt selbst eine zu schreiben, denke ich, ist es besser, die verdichtete und charakteristische Schilderung meines Vaters zu verwenden. Diese findet sich in einem von 1926 datierenden und später überarbeiteten Text mit dem Titel Eine Skizze der Mythologie – in Folgenden auch kurz als »die Skizze« bezeichnet –, dem »ursprünglichen Silmarillion«, wie er selbst es nannte. Ich habe dieses Werk in Beren und Lúthien als eine Phase in der Entwicklung der Geschichte herangezogen und werde dies in diesem Buch ebenfalls tun. Aber hier soll es zunächst dazu dienen, einen kurzen Überblick über die Geschichte vor der Entstehung von Gondolin zu geben; es hat auch den Vorteil, dass es aus einer sehr frühen Zeit stammt.

Im Hinblick auf den Zweck der Wiedergabe an dieser Stelle habe ich Passagen, die hier nicht relevant sind, weggelassen und vereinzelt aus Gründen der Übersichtlichkeit weitere geringfügige Änderungen und Ergänzungen vorgenommen. Mein Text setzt an der Stelle ein, an der die ursprüngliche Skizze beginnt.

Nach der Entsendung der Neun Valar zur Lenkung der Welt lehnt sich Morgoth (Dämon der Finsternis) gegen die Oberherrschaft Manwes auf, stürzt die Lampen um, die aufgestellt waren, um die Welt zu erleuchten, und flutet die Insel Almaren, wo die Valar (oder Götter) wohnten. Er erbaut sich eine unterirdische Festung im Norden. Die Valar ziehen sich in den äußersten Westen zurück, ein Land, das bis an das Außenmeer und die letzte Mauer reicht und im Osten durch die gewaltigen Berge von Valinor begrenzt wird, welche die Götter aufgerichtet haben. In Valinor sammeln sie alle hellen und schönen Dinge und erbauen Paläste, Gärten und ihre Stadt; die Hallen Manwes und seiner Gemahlin Varda aber stehen auf dem höchsten Berg (Taniquetil), von wo aus sie auf die ganze Welt bis in den dunklen Osten hinausblicken können. Yavanna Palúrien pflanzt mitten in der Ebene von Valinor vor den Toren der Stadt Valmar die Zwei Bäume. Sie wachsen unter ihren Liedern, und der eine hat Blätter von dunklem Grün, die von unten wie Silber schimmern, und weiße Blüten wie die Kirsche, aus denen ein Tau aus silbernem Licht fällt; der andere hat goldumrandete Blätter von frischem Grün wie die Buche und gelbe Blüten wie die hängenden Blüten von Goldregen, die Wärme und helles Licht spenden. Jeder Baum erstrahlt sieben Stunden lang in vollem Glanz und verblasst dann sieben Stunden lang. Zweimal am Tag kommt daher eine Zeit des sanfteren Lichts, wenn der Schein beider Bäume schwach ist und ihr Licht sich vermischt.

Die Außenlande [Mittelerde] liegen im Dunkeln. Das Wachstum der Dinge geriet ins Stocken, als Morgoth die Lampen auslöschte. Es gibt dunkle Wälder von Eiben, Tannen und Efeu. Dort zieht Orome mitunter auf die Jagd, den Norden haben Morgoth und seine dämonische Brut (Balrogs) und die Orks (Goblins, auch Glamhoth oder Volk des Hasses genannt) in ihrer Gewalt. Varda sieht die Dunkelheit und ist berührt, und mit dem gesammelten Licht von Silpion, dem Weißen Baum, erschafft sie die Sterne und verstreut sie über den Himmel.

Beim Erscheinen der Sterne erwachen die Kinder der Erde – die Eldar (oder Elben). Sie werden von Orome an dem sternerhellten See Cuiviénen, dem Wasser des Erwachens, im Osten entdeckt. Er reitet heim nach Valinor, erfüllt von ihrer Schönheit, und berichtet den Valar davon, die an ihre Pflicht gegenüber der Erde erinnert werden, da sie in dem Wissen dorthin kamen, es sei ihre Aufgabe, sie für die beiden Geschlechter der Erde zu regieren, die zur jeweils vorbestimmten Zeit kommen sollten. Es folgt ein Heerzug zur Festung des Nordens (Angband, Eisenhöllen), aber diese ist bereits zu stark für sie, um zerstört werden zu können. Morgoth wird dennoch gefangen genommen und in die Hallen des Mandos gebracht, der im Norden von Valinor wohnt.

Die Eldalie (Volk der Elben) werden nach Valinor eingeladen, aus Angst vor den bösen Dienern Morgoths, die noch im Dunkel ihr Unwesen treiben. Die Eldar beginnen ihre Große Wanderung aus dem Osten, angeführt von Orome auf seinem weißen Pferd. Die Eldar teilen sich in drei Scharen auf, die Ersten, unter Ingwe, werden hernach Quendi (Lichtelben), die Zweiten Noldoli (Gnomen oder Tiefelben), und die Dritten Teleri (Meerelben) genannt. Viele von ihnen kommen auf dem Marsch vom Wege ab und wandern in den Wäldern der Welt umher. Aus ihnen werden die verschiedenen Völker der Ilkorindi (Elben, die nie in Kôr im Lande Valinor wohnten). Der Höchste von ihnen war Thingol, der Melian und ihre Nachtigallen singen hörte, verzaubert wurde und in einen langen Schlaf fiel. Melian war eine der göttlichen Maiden des Vala Lórien, die es manchmal in die Außenwelt zog. Melian und Thingol wurden Königin und König der Waldelben in Doriath und lebten in einer unterirdischen Stätte namens Tausend Grotten.

Die anderen Elben gelangten zu den letzten Ufern des Westens. Im Norden der Welt erstreckte sich das Land damals weit nach Westen, bis es nur noch eine Meerenge vom Land der Götter trennte, und diese war voller zermalmender Eisberge. Doch an dem Punkt, an den die Elbenscharen kamen, war im Westen ein breiter, dunkler Ozean.

Es gab zwei Valar des Meeres. Ulmo (Ylmir), der mächtigste aller Valar neben Manwe, war Herr über alle Gewässer, weilte aber oft in Valinor oder dem Außenmeer. Osse und seine Gemahlin Uinen, deren Haar über alle Wasser unter dem Himmel gebreitet ist, liebten eher die Meere der Welt, welche die Ufer unterhalb der Berge von Valinor umspülten. Ulmo entwurzelte die halbversunkene Insel Almaren, auf der die Valar zuerst gewohnt hatten, und die Noldoli und Quendi, die als Erste ankamen, bestiegen sie und fuhren darauf nach Valinor. Die Teleri verweilten einige Zeit an den Ufern des Meeres und warteten auf ihn, und von daher kam ihre Liebe zum Meer. Als auch sie von Ulmo übers Meer gezogen wurden, verankerte Osse aus Eifersucht und aus Liebe zu ihrem Gesang die Insel auf dem Meeresgrund weit draußen in der Feenbucht, von wo aus man die Berge von Valinor in der Ferne sehen konnte. Kein anderes Land war in der Nähe, und daher wurde sie die Einsame Insel genannt. Dort lebten die Teleri lange Zeit, wobei ihre Sprache sich veränderte, und Osse lehrte sie seltsame Musik und schuf zu ihrer Freude die Seevögel.

Den anderen Eldar gaben die Götter ein Heim in Valinor. Weil sie sich sogar in den baumerhellten Gärten von Valinor nach einem Blick auf die Sterne sehnten, wurde eine Bresche in die umliegenden Berge geschlagen und dort in einem tiefen Tal ein grüner Hügel, Kôr, aufgeworfen. Von Westen fiel das Licht der Bäume auf ihn, nach Osten blickte er auf die Feenbucht und die Einsame Insel und darüber hinaus auf die Schattigen Meere. So drang ein Teil des gesegneten Lichts von Valinor in die Außenlande und fiel auf die Einsame Insel, und ihr Westufer wurde licht und grün.

Auf dem Gipfel des Kôr wurde die Stadt der Elben erbaut und erhielt den Namen Tûn. Die Quendi wurden am meisten von Manwe und Varda geliebt, die Noldoli von Aule (dem Schmied) und Mandos dem Weisen. Die Noldoli erfanden Edelsteine und schufen sie in großer Zahl, erfüllten ganz Tûn mit ihnen und die ganzen Hallen der Götter.

Der Größte an Kunstfertigkeit und Magie unter den Noldoli war Finwes ältester Sohn Feanor4. Er fertigte drei Juwelen (Silmaril), in die ein lebendiges Feuer aus dem Licht der beiden Bäume gelegt wurde; sie leuchteten aus eigener Kraft, unreine Hände wurden von ihnen versengt.

Die Teleri, die von weitem das Licht von Valinor sahen, waren hin- und hergerissen zwischen dem Verlangen, sich ihren Sippenverwandten wieder anzuschließen, und dem Wunsch, am Meer zu wohnen. Ulmo lehrte sie die Kunst des Schiffbaus. Osse gab ihnen Schwäne, und indem sie viele Schwäne vor ihre Schiffe spannten, gelangten sie nach Valinor und ließen sich dort am Gestade nieder, wo sie das Licht der Bäume sehen konnten. So konnten sie nach Valmar gehen, wenn sie wollten, aber auch in den Gewässern segeln und tanzen, die von dem Schein, der durch den Pass von Kôr auf das Meer fiel, erleuchtet wurden. Die anderen Eldar schenkten ihnen viele Juwelen, vor allem Opale und Diamanten und andere blasse Kristalle, die am Strand der Feenbucht verstreut wurden. Sie selbst erfanden die Perlen. Ihre Hauptstadt war Schwanenhafen am Meeresufer nördlich des Passes von Kôr.

Die Götter wurden nun von Morgoth betört, der nach sieben Jahren allmählich erleichterter Haft in den Kerkern von Mandos schließlich vor den Rat der Götter geführt wurde. Morgoth blickt mit Gier und Bosheit auf die Eldar, die dort zu Füßen der Götter sitzen, und ihn gelüstet besonders nach den Juwelen Feanors. Er verbirgt seinen Hass und sein Verlangen nach Rache. Ihm wird eine bescheidene Wohnstatt in Valinor zugebilligt, und nach einer Weile wandelt er frei umher. Nur Ulmo ahnt Übles, während Tulkas der Starke, der ihn seinerzeit gefangen nahm, ihn beobachtet. Morgoth hilft den Eldar in vielen Dingen, vergiftet aber langsam ihren Frieden mit Lügen.

Er flüstert ihnen ein, dass die Götter sie aus Eifersucht nach Valinor gebracht hätten, aus Furcht, dass sie aufgrund ihrer wunderbaren Kunst und Magie und Schönheit draußen in der Welt zu stark für sie werden könnten. Die Quendi und Teleri berührt das wenig, aber die Noldoli, die weisesten der Elben, sind betroffen. Sie fangen an, gegen die Götter und ihre Verwandten zu murren, erfüllt von der Eitelkeit ihres Könnens.

Vor allem schürt Morgoth die Flammen im Herzen von Feanor, aber die ganze Zeit gelüstet ihn nach den unsterblichen Silmaril, obwohl Feanor auf ewig jeden verflucht hat, ob Gott oder Elb oder künftigen Sterblichen, der sie berührt. Morgoth erzählt Feanor Lügen, dass Fingolfin und sein Sohn Fingon planten, Feanor und seinen Söhnen die Herrschaft über die Gnomen zu entreißen und die Silmaril an sich zu nehmen. Zwischen den Söhnen Finwes bricht ein Streit aus. Feanor wird vor die Götter gerufen, und die Lügen Morgoths werden aufgedeckt. Feanor wird aus Tûn verbannt, und mit ihm gehen Finwe, der Feanor von seinen Söhnen am meisten liebt, und viele Gnomen. Sie bauen ein Schatzhaus im Norden Valinors, in den Hügeln nahe Mandos’ Hallen. Fingolfin herrscht fortan über die Gnomen, die in Tûn bleiben. So scheinen Morgoths Worte sich zu bewahrheiten, und die Verbitterung, die er gesät hat, dauert fort, nachdem seine Lügen widerlegt wurden.

Tulkas wird ausgesandt, um Morgoth wieder in Ketten zu legen, aber dieser entkommt durch den Pass von Kôr in das dunkle Land am Fuße des Taniquetil, genannt Arvalin, wo der Schatten auf der ganzen Welt am tiefsten ist. Dort findet er Ungoliant, die Weberin der Düsternis, die in einer Schlucht in den Bergen haust und Licht oder leuchtende Dinge aufsaugt, um daraus dunkle Netze von würgender Finsternis, Nebel und Schwärze zu spinnen. Mit Ungoliant plant er Rache. Nur eine gewaltige Belohnung wird sie dazu bringen, den Gefahren von Valinor oder dem Anblick der Götter zu trotzen. Sie webt zum Schutz eine dichte Finsternis um sich herum und schwingt sich auf Fäden von Zinne zu Zinne, bis sie den höchsten Gipfel der Berge im Süden von Valinor erklommen hat (die wegen ihrer Höhe und ihrer Entfernung von der alten Festung Morgoths kaum bewacht werden). Sie flicht eine Leiter, auf der Morgoth hinaufsteigen kann. Sie schleichen sich in Valinor ein. Morgoth sticht die Bäume mit seinem Schwert, und Ungoliant saugt deren Säfte auf und rülpst Wolken der Schwärze aus. Die Bäume erliegen langsam der vergifteten Klinge und den giftigen Lippen von Ungoliant.

Die Götter werden durch eine Düsternis am Mittag aufgeschreckt, und schwarze Wolken ziehen die Straßen von Valmar herauf. Sie kommen zu spät. Die Bäume sterben, während die Götter deren Verlust beweinen. Tulkas und Orome und viele andere jagen zu Pferd in der hereinbrechenden Finsternis Morgoth nach. Wo immer Morgoth wandelt, ist die Finsternis am größten, dank der Netze Ungoliants. Gnomen aus dem Schatzhaus Finwes kommen herbei und berichten, dass Morgoth von einer Spinne der Dunkelheit unterstützt wird. Sie hatten gesehen, wie sie gen Norden zogen. Morgoth hatte auf seiner Flucht beim Schatzhaus innegehalten, Finwe und viele seiner Männer getötet und die Silmaril und einen riesigen Hort der prächtigsten Edelsteine der Elben mitgenommen.

In der Zwischenzeit entkommt Morgoth mit Ungoliants Hilfe nach Norden und überquert das Malm-Eis. Als er wieder die nördlichen Regionen der Welt erreicht hat, fordert Ungoliant von ihm die andere Hälfte ihrer Belohnung. Die erste Hälfte war der Saft der Bäume des Lichts. Jetzt beansprucht sie die Hälfte der Edelsteine. Morgoth gibt sie ihr, und sie verschlingt sie. Sie ist jetzt monströs geworden, aber er will ihr keinen Anteil an den Silmaril geben. Sie verstrickt ihn in ein schwarzes Netz, aber er wird von den Balrogs mit Flammengeißeln und dem Heer der Orks gerettet; und Ungoliant zieht ab in den äußersten Süden.

Morgoth kehrt nach Angband zurück, und seine Macht und die Zahl seiner Dämonen und Orks wächst ins Unermessliche. Er schmiedet eine eiserne Krone und setzt darin die Silmaril ein, obwohl seine Hände von ihnen schwarzgesengt werden, und er wird nie wieder frei vom Schmerz des Brandes. Die Krone nimmt er niemals ab, und er verlässt auch nie die tiefen Kerker seiner Festung und herrscht über seine gewaltigen Heere von seinem Thron in der Tiefe.

Als klar wurde, dass Morgoth entkommen war, versammelten sich die Götter um die toten Bäume und saßen lange Zeit betroffen und stumm in der Dunkelheit und sprachen kein Wort. Der Tag, den Morgoth für seinen Angriff gewählt hatte, war ein Festtag in ganz Valinor. An diesem Tag war es Brauch unter den höchsten Valar und viele Elben, insbesondere den Quendi, in endlosem Zug die langen gewundenen Pfade zu Manwes Hallen auf dem Taniquetil emporzusteigen. Alle Quendi und einige der Noldoli (die noch unter Fingolfin in Tûn wohnten) waren zum Taniquetil gegangen und sangen auf dessen höchstem Gipfel, als die Beobachter aus der Ferne das Sterben der Bäume bemerkten. Die meisten Noldoli waren in der Ebene und die Teleri am Gestade. Nebel und Dunkelheit treiben nun durch den Pass von Kôr auf den Ozean hinaus, während die Bäume sterben. Feanor ruft die Gnomen nach Tûn (und lehnt sich damit gegen seine Verbannung auf).

Es gibt eine große Versammlung auf dem Platz vor dem Turm Ings auf dem Gipfel Kôrs, der von Fackeln beleuchtet wird. Feanor hält eine stürmische Rede, und obwohl sein Zorn Morgoth gilt, sind seine Worte zum Teil die Frucht von Morgoths Lügen. Er fordert die Gnomen auf, in der Dunkelheit zu fliehen, während die Götter noch von Trauer umfangen sind, die Freiheit in der Welt zu suchen und Morgoth zu finden, jetzt da Valinor nicht glückseliger ist als die Welt draußen. Fingolfin und Fingon reden gegen ihn. Die versammelten Gnomen stimmen für die Flucht, und Fingolfin und Fingon geben nach; sie wollen ihr Volk nicht im Stich lassen, aber sie behalten den Befehl über die Hälfte der Noldoli von Tûn.

Die Flucht beginnt. Die Teleri wollen sich nicht anschließen. Die Gnomen können ohne Schiffe nicht entkommen und trauen sich nicht, das Malm-Eis zu überqueren. Sie versuchen, die Schwanenschiffe in Schwanenhafen zu besetzen, und es kommt zu einem Kampf (dem ersten unter den Völkern der Erde), in dem viele Teleri getötet und ihre Schiffe geraubt werden. Ein Fluch wird über die Gnomen ausgesprochen, dass sie hernach als Strafe für das in Schwanenhafen vergossene Blut oft unter Verrat und der Furcht vor Verrat unter ihren eigenen Blutsverwandten leiden werden. Sie segeln nach Norden die Küste von Valinor entlang. Mandos schickt einen Abgesandten aus, der sie von einer hohen Klippe aus anspricht und sie auffordert zurückzukehren, und als sie sich weigern, verkündet er die »Weissagung des Mandos« über ihr künftiges Schicksal.

Die Gnomen kommen zur Meerenge und bereiten sich auf die Überfahrt vor. Während sie am Strand lagern, machen sich Feanor und seine Söhne und ihre Leute mit allen Schiffen davon und lassen Fingolfin heimtückisch am anderen Ufer zurück, sodass sich der Fluch von Schwanenhafen zu erfüllen beginnt. Sie verbrennen die Schiffe, sobald sie im Osten der Welt gelandet sind, und Fingolfins Leute sehen das Licht am Himmel. Das gleiche Licht zeigt auch den Orks die Landung an.

Fingolfins Volk wandert im Elend umher. Einige kehren unter Fingolfin nach Valinor zurück, um die Vergebung der Götter zu erbitten. Fingon führt die Hauptschar nach Norden und über das Malm-Eis. Viele gehen verloren.

Zu den Gedichten, die mein Vater während seiner Zeit an der Universität von Leeds schrieb (vor allem das Lied der Kinder Húrins im Stabreim), gehörte Die Flucht der Noldoli aus Valinor. Dieses Gedicht, ebenfalls im Stabreim geschrieben, wurde nach 150 Zeilen aufgegeben. Es ist sicher, dass es in Leeds geschrieben wurde, höchstwahrscheinlich im Jahre 1925, dem Jahr, in dem seine Ernennung zum Professor in Oxford erfolgte. Aus diesem poetischen Fragment zitiere ich hier einen Teil, beginnend bei der großen Versammlung auf dem Hügel Kôr, wo Feanor »eine stürmische Rede« hielt, wie oben in der Skizze der Mythologie beschrieben. Der Name Finn in den Zeilen 4 und 16 ist die gnomische Form von Finwe, dem Vater von Feanor, Bredhil in Zeile 49 der gnomische Name von Varda.

But the Gnomes were numbered    by name and kin,

marshalled and ordered    in the mighty square

upon the crown of Kôr.    There cried aloud

the fierce son of Finn.    Flaming torches

5he held and whirled    in his hands aloft,

those hands whose craft    the hidden secret

knew, that none    Gnome or mortal

hath matched or mastered    in magic or in skill.

»Lo! slain is my sire    by the sword of fiends,

10his death he has drunk    at the doors of his hall

and deep fastness,    where darkly hidden

the Three were guarded,    the things unmatched

that Gnome and Elf    and the Nine Valar

can never remake    or renew on earth,

15recarve or rekindle    by craft or magic,

not Feanor Finn’s son    who fashioned them of yore –

the light is lost    whence he lit them first,

the fate of Faerie    hath found its hour.

Thus the witless wisdom    its reward hath earned

20of the Gods’ jealousy,    who guard us here

to serve them, sing to them    in our sweet cages,

to contrive them gems    and jewelled trinkets,

their leisure to please    with our loveliness,

while they waste and squander    work of ages,

25nor can Morgoth master    in their mansions sitting

at countless councils.    Now come ye all,

who have courage and hope!    My call harken

to flight, to freedom    in far places!

The woods of the world    whose wide mansions

30yet in darkness dream    drowned in slumber,

the pathless plains    and perilous shores

no moon yet shines on    nor mounting dawn

in dew and daylight    hath drenched for ever,

far better were these    for bold footsteps

35than gardens of the Gods    gloom-encircled

with idleness filled    and empty days.

Yea! though the light lit them    and the loveliness

beyond heart’s desire    that hath held us slaves

here long and long.    But that light is dead.

40Our gems are gone,    our jewels ravished;

and the Three, my Three,    thrice-enchanted

globes of crystal    by gleam undying

illumined, lit    by living splendour

and all hues’ essence,    their eager flame –

45Morgoth has them    in his monstrous hold,

my Silmarils.    I swear here oaths

unbreakable bonds    to bind me ever,

by Timbrenting    and the timeless halls

of Bredhil the Blessed    that abides thereon –

50may she hear and heed –    to hunt endlessly

unwearying unwavering    through world and sea,

through leaguered lands,    lonely mountains,

over fens and forest    and the fearful snows,

till I find those fair ones,    where the fate is hid

55of the folk of Elfland    and their fortune locked,

where alone now lies    the light divine.«

Then his sons beside him,    the seven kinsmen,

crafty Curufin,    Celegorm the fair,

Damrod and Diriel    and dark Cranthir,

60Maglor the mighty,    and Maidros tall

(the eldest, whose ardour    yet more eager burnt

than his father’s flame,    than Feanor’s wrath;

him fate awaited    with fell purpose),

these leapt with laughter    their lord beside,

65with linked hands    there lightly took

the oath unbreakable;    blood thereafter

it spilled like a sea    and spent the swords

of endless armies,    nor hath ended yet.

Doch die Gnomen gingen,    in Gruppen geordnet,

in Reihe und Rang    zu dem raumen Platz

auf der Kuppe Kôrs.    Kühn stand dort

Finns feuriger Sohn.    Flammende Brände

5hielt er in Händen,    hoch sie wirbelnd,

Händen, die einst    das Geheimnis gemeistert,

das keiner kannte    und keiner beherrscht

mit Macht oder Kunst,    ob Mensch oder Gnom.

»Erschlagen ist mein Vater    durch das Schwert der Feinde,

10seinen Tod trank er    am Tor seiner Halle,

der Festung tief,    wo, im Finstern verborgen,

die Drei sich befanden,    Dinge ohnegleichen,

die Gnom und Elb    und die Größten der Valar

niemals auf Erden    erneut vermögen

15so schön zu schmieden    mit Geschick und Magie,

nicht Feanor Finns Sohn,    der vormals sie schuf –

verloren das Licht,    das zum Leuchten sie brachte,

Feenlands Schicksal    fand seine Stunde.

So hat letztlich die Torheit    ihren Lohn erhalten

20ob der Götter Missgunst,    die uns gütlich bewachen

in süßen Käfigen,    zu singen, zu tanzen,

ihnen Gemmen zu geben    und gleißenden Tand,

ihre Muße zu mildern    mit dem Maß unsrer Schönheit,

während sie die Stunden    mit Sinnen vergeuden

25und Morgoth zu meistern    kein Mittel finden

im Rate sitzend.    Jetzt ruf ich euch alle,

die ihr Hoffnung und Mut habt!    Hört mein Gebot

zur Flucht, zur Freiheit    an fernen Orten!

Die Wälder der Welt,    deren weite Gefilde

30noch im Schlummer liegen    und in Schlafes Dunkel,

die weglosen Weiten    und wilden Gestade,

die kein Mond schon bescheint,    keine Morgenröte

in Tau und Taglicht    getränkt hat auf immer,

weit tauglicher wär’n sie    für tapfere Schritte

35als die Gärten der Götter,    umgeben von Dunkel,

von Nichtstun erfüllt    und nutzlosen Tagen.

Auch wenn Licht sie erhellte    und liebreich die Zeit war,

die hier wir harrten,    waren hörig wir doch

lang und länger.    Doch das Licht ist tot.

40Unsre Steine sind fort,    gestohlen die Gemmen;

und die Drei, meine Drei,    dreimal verzaubert,

strahlende Sterne,    von unsterblichem Licht

erhellt und erleuchtet,    von heiliger Flamme

und der Farben Freude    in feuriger Pracht –

45Morgoth hält sie    in machtvollem Griff,

mein Eigen, die Silmaril.    Eide hier schwör ich,

unbrechbare Bande,    zu binden mich ewig,

bei Timbrenting    und den türmigen Hallen

der heiligen Bredhil,    die hoch droben wohnt –

50möge sie mich hören –    zu suchen allzeit,

ohne müde zu werden,    über Meer und Land,

durch Täler tief,    über tückische Berge,

durch Wiesen und Wälder    und den weißen Schnee,

bis die Schönen ich schaue,    deren Schicksal dem Volk

55der Elben unbekannt,    doch ewig verbunden,

allein darin liegt    das Licht der Schöpfung.«

Und die Söhne sein,    die sieben Brüder,

Curufin der Geschickte,    Celegorm der Helle,

Damrod und Diriel    und der dunkle Cranthir,

60Maglor der Mächtige    und Maidros der Lange

(der Älteste, dessen Glut    noch eifriger brannte

als des Vaters Flamme,    als Feanors Zorn;

ihn sollt’ ereilen    das ärgste Schicksal),

sie liefen ihrem Herrn    lachend zur Seite,

65mit verschränkten Händen    schworen sie flugs

den unbrechbaren Eid;    Blut hernach

vergoss er in Strömen    und vergeudete Schwerter

unzähliger Heere.    Zu Ende ist’s nimmer.

DER FALL VON GONDOLIN

Die ursprüngliche Geschichte

Da sagte Winzigherz, Sohn von Bronweg: »Wisset denn, dass Tuor ein Mann war, der in sehr alten Tagen in jenem Lande des Nordens wohnte, das Dor Lómin oder Land der Schatten genannt wurde, und von den Eldar kennen es die Noldoli am besten.

Das Volk nun, dem Tuor entstammte, wanderte durch die Wälder und Hügel, wusste nicht vom Meer und sang nicht davon. Tuor aber wohnte nicht bei ihm und lebte allein an dem See, Mithrim genannt, und wenn er nicht in den Wäldern jagte, musizierte er am Seeufer auf seiner einfachen Harfe, aus Holz und den Sehnen von Bären gemacht. Nun kamen viele, die von seinen kraftvollen, rauhen Liedern gehört hatten, von nah und fern, um seinem Harfenspiel zu lauschen, jedoch Tuor sang nicht mehr und zog sich in die Einöde zurück. Dort wurden ihm viele sonderbare Dinge kund, und er hatte teil am Wissen der wandernden Noldoli, die ihn in ihrer Sprache und Überlieferung unterwiesen. Er war jedoch nicht dazu bestimmt, für immer in diesen Wäldern zu leben.

So führten ihn dann eines Tages Zauberkraft und Schicksal zum Eingang einer Höhle, auf deren Grund ein verborgener Fluss aus dem Mithrim hervorströmte. Und Tuor betrat diese Höhle, um ihr Geheimnis zu ergründen, doch die Wasser von Mithrim trieben ihn vorwärts ins Herz des Gesteins, und er konnte nicht mehr ans Licht zurückfinden. Und dies, so heißt es, war der Wille von Ulmo, dem Herrn der Wasser, auf dessen Geheiß die Noldoli diesen verborgenen Pfad geschaffen hatten. Da kamen die Noldoli zu Tuor und geleiteten ihn über dunkle Pfade im Inneren der Berge, bis er wieder ins Licht hinaustrat und sah, dass der Fluss rasch eine sehr tiefe Schlucht durchströmte, deren Wände unersteigbar waren. Nun mochte Tuor nicht mehr umkehren, sondern schritt weiter voran, und der Fluss führte ihn immerzu nach Westen.

Hinter seinem Rücken stieg die Sonne auf, und vor seinem Antlitz ging sie unter, und wo das Wasser zwischen vielen Felsbrocken aufschäumte oder über Fälle stürzte, spannten sich zuweilen Regenbogen über die Schlucht, doch am Abend erglühten ihre glatten Flanken in der untergehenden Sonne, und darum gab Tuor ihr den Namen Goldene Spalte oder Wasserrinne des Regenbogendaches, und das heißt in der Sprache der Gnomen Glorfalc oder Cris Ilbranteloth.

Hier nun wanderte Tuor drei Tage lang, trank das Wasser des verborgenen Flusses und nährte sich von dessen Fischen. Diese waren golden, blau und silbrig und hatten viele wundersame Formen. Schließlich wurde die Schlucht breiter, und je mehr sie sich öffnete, desto niedriger und zerklüfteter wurden ihre Flanken, und im Bett des Flusses hinderten immer mehr Felsen seinen Lauf, sodass seine Wasser dagegenschäumten und aufspritzten. Lange saß Tuor da, bestaunte das aufgerührte Wasser und lauschte seiner Stimme, und dann erhob er sich, sprang vorwärts von Stein zu Stein und sang dabei. Erschienen aber die Sterne in dem schmalen Streifen Himmels über der Rinne, schlug er die Harfe, und Echos antworteten ihren harschen Klängen.