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Ein Landgut, ein Erbe, ein skandalöses Geheimnis… Wer wird der neue Herrscher über den Unterauhof? Ale-xander oder Heinrich? Die Last des Anerbenrechts zwingt einen der beiden Jungbauern, den Traum vom Leben auf dem Land aufzugeben. Doch ist es der richti-ge, der das Landgut in eine erfolgreiche Zukunft führen soll? Der historische Roman spürt den emotionalen Turbulen-zen nach, die entstehen, wenn Tradition und harte Reali-tät aufeinandertreffen, wenn die große Liebe den dunklen Seiten des Lebens begegnet und die Fassade der Harmonie zu bröckeln beginnt. Es bleibt die Frage: Wird der Fluch des Anerbenrechts die Familie entzweien?
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Seitenzahl: 164
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie. Detaillierte Informationen sind im Internet über
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Impressum:
© Verlag Kern GmbH,
Bahnhofstraße 22
D - 98693 Ilmenau
Verlag-kern.de, [email protected]
©Inhaltliche Rechte beim Autor
1, Auflage, Dezember 2025
Autor: Ernst Luger
Lektorat: Heike Funke
Cover/Layout/Satz: Brigitte Winkler
Bildquelle Cover: Adobe Stock | #1753414079 generiert
E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH, Rudolstadt
ISBN 978-3-95716-395-0
E-Book ISBN 978-3-95716-416-2
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Ernst Luger
Der Fluch des Anerben
Roman
Teil I
Am Unterauhof (Sommer 1875)
Hofübergabe (Herbst 1875)
Gertrud (Herbst 1875)
Alexander (Herbst 1875)
Heinrich (November 1875)
Gertrud (Frühjahr 1876)
Alexander (Winter 1875)
Gertrud (Frühjahr 1876)
Alexander und Heinrich (Sommer 1876)
Gertrud (Sommer 1876)
Alexander und Johann (Winter 1877)
Gertrud (Sommer 1876)
Alexander und Magda (Winter 1877)
Gertrud (Herbst 1877)
Alexander und Magda (Sommer 1877)
Gertrud (Herbst 1880)
Alexander und Magda (Winter 1885)
Heinrich (Frühjahr 1890)
Gertrud (Sommer 1890)
Alexander (Sommer 1890)
Heinrich (Sommer 1890)
Gertrud (Sommer 1890)
Teil II
Alexander (Sommer 1895)
Alexander und Gertrud (Sommer 1895)
Alexander und Gertrud (Herbst 1895)
Am Unterauhof (Sommer 1905)
Erklärungen
Im Jahr 1875 erlebt Vorarlberg (Österreich) eine rasante Industrialisierung, wobei die Textilindustrie einen wichtigen Motor des Wirtschaftswachstums darstellt. Diese Entwicklung zieht viele Arbeitskräfte an und trägt wesentlich zur wirtschaftlichen Entwicklung der Region bei. In den bäuerlichen Stuben der Region hat sich über Generationen hinweg Fachwissen angesammelt, das sich die Industrie in Form von Heimarbeit zunutze macht. Dies ermöglicht vielen Bäuerinnen, ihre Arbeit flexibel zu gestalten und gleichzeitig die Familie zu versorgen.
Im Herzen des Dorfes, umgeben von einer malerischen Bergwelt, steht der majestätische Unterauhof, ein wahres Juwel des Vorarlberger Alpenrheintals*. Eingefasst von idyllischen Bauernhöfen prangt dieses Anwesen nicht nur als Wohnsitz, sondern auch als ein lebendiges Stück Geschichte. Neben dem imposanten Gebäude mit Stallungen und anderen landwirtschaftlichen Gebäuden erhebt sich die Dorfkirche. Der Friedhof, auf dem die Ahnen der Bauern ruhen, bewahrt die Vergangenheit. Gegenwärtig steht dieser traditionsreiche Hof vor einer historischen Herausforderung: Eine Hofübergabe steht bevor.
Nach jahrzehntelangem Warten auf Nachwuchs sind die Bauersleute überraschend mit Zwillingen beschenkt worden. 18 Jahre später wird es für den Bauern Bernhard Bilgeri Zeit, sich auf sein Altenteil zurückzuziehen. Bleibt die Frage, welcher der beiden Zwillinge den Hof weiterführen und somit die Zukunft des traditionsreichen Anwesens prägen wird. Der Landeshauptmann von Vorarlberg, Anton Jussel, wird der Hofübergabe persönlich beiwohnen – ein Zeichen für die Bedeutung dieser Tradition. Doch für die Familie Bilgeri ist es mehr als nur eine Formalität: Es geht um das Erbe ihrer Ahnen und die Zukunft ihres Lebenswerks.
Die Sonne steht tief am Himmel, ein Spätsommertag, der langsam in den Abend übergeht. Die Zwillingsbrüder Alexander und Heinrich reiten langsam und gelangweilt von ihrem erfolglosen Jagdausflug zurück auf den elterlichen Hof. Die Stille zwischen ihnen wiegt schwer von der Enttäuschung über die leeren Satteltaschen. Als sie auf den letzten Metern ein Rennen zu Pferd improvisieren, kommt plötzlich Stimmung auf. Der Preis ist hoch: Der Sieger darf am Sonntag die hübsche Gertrud, Tochter vom Nachbarhof, zum Schützenfest begleiten.
Heinrichs Augen blitzen auf, als er seinen Hengst anspornt und mit donnerndem Galopp an seinem Bruder vorbeizieht. Alexander prescht hinterher, doch Heinrichs Vorsprung ist nicht aufzuholen. Als sie den Hof erreichen, streckt Heinrich triumphierend die Faust in die Luft. „Ich werde Gertrud am Sonntag nach dem Kirchgang zum Festtag geleiten“, ruft er seinem Bruder zu, während Alexander mit einem schiefen Lächeln seine Niederlage akzeptiert.
Sonntagmorgen, direkt nach dem Schlusssegen, strömt die Dorfgemeinschaft samt Gästen aus den umliegenden Orten zum Anger, um das traditionsreiche Schützenfest zu feiern. Die allgemeine Spannung ist spürbar: Wird Heinrich seinen Titel als bester Schütze verteidigen oder kommt ein neuer Schützenkönig? Die bereitgestellten Tische sind bereits gut belegt und das frisch gezapfte Bier fließt in Strömen. Gleichschon geht’s los, die ersten Teilnehmer stehen bereits in Reih und Glied zur Schussabgabe parat. Jeder gibt fünf Schüsse auf die Scheibe ab – nur die wenigsten treffen ins Schwarze. Wer schafft es in die nächste Runde? Wer wird den begehrten Titel des Schützenkönigs für sich beanspruchen und die Damenwelt im Sturm erobern?
Heinrich gewinnt erneut und darf mit seiner Auserwählten den Tanzreigen eröffnen. Die Musik spielt auf, der alte/neue Schützenkönig nimmt Gertrud bei der Hand und dreht sich mit ihr im Takt der Musik über den Tanzboden. Neidvoll warten die anderen jungen Mädchen am Rand der Tanzfläche, bis sie von einem Jüngling zum Tanz aufgefordert werden. Egal wie sehr sich Heinrich auch anstrengt, seine Tanzaufführung wirkt eher abgehackt und stolprig. An seinen Tanzkünsten liegt’s nicht, sondern an Gertrud, die eher unkonzentriert wirkt und nur Augen für seinen Bruder Alexander hat. Ihr Tanzpartner kann das nicht gutheißen, lässt sie einfach stehen, verlässt wutentbrannt den Tanzboden und stellt seinen Bruder zur Rede. Es entflammt ein heftiger Streit zwischen den Zwillingen, jeder beansprucht die Gunst der Nachbarstochter für sich. Erst beschuldigen sie sich gegenseitig verbal des Verrats und gleichschon lassen sie die Fäuste sprechen.
Nichts Ungewöhnliches bei einem Schützenfest, deshalb dauert es einige Zeit, bis ein paar genervte Jungmänner die zwei Dickköpfe voneinander trennen und mit einem Kübel kaltem Wasser zur Räson bringen. Auch wenn sich die zwei Streithähne etwas beruhigt haben, scheint kein Ende der Auseinandersetzung in Sicht. Erst recht wollen sie es wissen und stellen der Nachbarstochter die entscheidende Frage. Gertrud, die nicht auf den Mund gefallen ist, weiß sehr wohl, was sie will, und stellt mit voller Überzeugung ihre Zukunftspläne klar: „Schon als kleines Mädchen habe ich davon geträumt, Bäuerin auf einem Hof zu werden. Ich mag euch beide gern, doch da Alexander der Ältere von euch beiden ist, wird er wohl euren Erbhof übernehmen. Nicht nur darum soll ihm fortan meine Gunst gehören, nein, ich habe mich auch in ihn verliebt.“
Klare Ansage. Heinrichs Enttäuschung ist groß und er distanziert sich fortan von seinem Bruder, der ja den Hof erben wird. Scheinbar wissen das bereits alle anderen, nur er hat davon nichts mitbekommen. Dies stellt ihn vor eine schwere Entscheidung, weil er den Hof möglicherweise bald verlassen muss. Das zwingt ihn, intensiv über seine Zukunft nachzudenken. Eines wird ihm dabei bewusst: Als Knecht seines Bruders wird er keinesfalls auf dem Hof bleiben – doch wohin? Womit soll er zukünftig seinen Lebensunterhalt bestreiten? Er ist nur Bauer, hat nichts anderes gelernt und sich auch für nichts anderes interessiert. Warum auch, hat er doch immer damit gerechnet, wenn die Eltern einmal alt sind, mit Alexander zusammen den Hof weiterzuführen. Geschickte Hände besitzt er ja, er könnte sich eine Arbeit in der aufstrebenden Textilindustrie suchen, dort werden gute Leute immer gebraucht. Keine einfache Entscheidung, und in seiner Verzweiflung wendet er sich vertrauensvoll an seinen Vater und legt ihm seine Sorge offen.
„Da ich nicht mehr der Jüngste bin und die tägliche Arbeit mir bereits sehr zu schaffen macht, habe ich beschlossen, an Martini, (Martinstag 11. November), den Hof zu übergeben, doch welchem von euch? Ihr seid Zwillinge und am selben Tag geboren, darum ist mein Schiedsspruch bezüglich der Übernahme des Erbhofes noch nicht gesprochen. Ihr seid unsere einzigen Nachkommen und gleichwertig, gebt stets euer Bestes, könnt ordentlich zupacken, habt einen anständigen Umgang mit dem Gesinde, wisst richtig mit dem Vieh umzugehen und beherrscht beide die erfolgreiche Bewirtschaftung von Feldern, Wiesen und Wäldern. Genau das macht es mir schwer, doch eine Entscheidung muss getroffen werden. Es ist nicht leicht, da mir bewusst ist, dass einer von euch dabei leer ausgehen wird. Laut dem Anerbengesetz* darf ich den Hof weder teilen noch verkaufen. Doch jammern löst mein Problem auch nicht, bis dann muss ich entschieden haben, an welchen von euch beiden ich den Hof abtreten werde. Ich wünsche mir, mein Sohn, dass du bis zur endgültigen Übergabe keinen unüberlegten Entschluss bezüglich deiner Zukunft treffen wirst.“
Heinrichs Augen hängen an den Lippen seines Vaters, während dieser ihm eine überraschende Neuigkeit offenbart: Die Erbfolge ist noch nicht in Stein gemeißelt, es steht noch nicht fest, dass Alexander der künftige Hoferbe* sein wird. Ein winziger Funke Hoffnung glimmt in Heinrichs Brust auf und hält ihn davon ab, den Hof Hals über Kopf zu verlassen. Plötzlich scheint alles wieder möglich und die Zukunft liegt wie ein unbeschriebenes Blatt vor ihm.
Anfang Oktober versammelt der Bauer vom Unterauhof seine Familie samt dem Gesinde und verkündet, dass an Martini der Besuch eines hohen Gastes anstehe. „In wenigen Wochen wird der Landeshauptmann unseren Hof besuchen, da ich die Entscheidung getroffen habe, den Hof an einen unserer Söhne zu übergeben. Die Zeit der Entscheidung ist gekommen. Da nur einer unserer Söhne den Erbhof übernehmen kann, werde ich dann bekannt geben, wer das Vertrauen erhält, unser Land, die Wälder und das Anwesen in die Zukunft zu führen.“
Die Rede hat die Neugier aller erweckt. Die restliche Familie wie auch das Gesinde warten gespannt auf die bevorstehende Entscheidung.
Die Brüder wachsen als gleichwertige Geschwister auf, spielen zusammen, besuchen gemeinsam die Schule, lernen selbstständig Aufgaben am Hof zu übernehmen, und widmen sich gemeinsam leidenschaftlich der Jagd. Im Dorf kennen alle die Unterauhof-Zwillinge, und wo sie auch aufkreuzen, geht’s gleich mal rund. Heinrich, der Clown von den beiden, hat immer einen humorvollen Spruch drauf und reißt gern mal spontan Possen, die alle zum Lachen bringen. Auch gilt er als sehr redegewandt und tritt des Öfteren als Redner bei verschiedenen Veranstaltungen auf. Am Hof ist er für Feld und Wald zuständig, bringt die frischen Früchte zum Markt, schlägert und bereitet das Brennholz für die Küche und den Kachelofen in der Stube vor.
Alexander dagegen ist eher der Bescheidene, allemal der Kreativere, meist eher ernst, aber nicht schüchtern. Ab und zu begeistert er seine Zuhörerschaft mit musikalischen Einlagen, ansonsten hält er sich lieber etwas zurück. Auf dem Hof kümmert er sich um das Vieh und die Pferde. Im Sommer zieht er zusammen mit der Knechtschaft als Senn auf die Alpe und bringt im Herbst den jungen Käse mit ins Tal.
In Summe sind sie ein Gespann, das überall geschätzt und gern gesehen wird. Doch wie so oft im Leben, steckt hinter den beiden ein Geheimnis, das die Bauersleut bis zum heutigen Tag gegenüber allen anderen verschwiegen haben – nicht einmal ihre Söhne haben sie darin eingeweiht. Die Bilgeris haben stets ein harmonisches Familienleben geführt, doch die Hofübergabe könnte alles aufdecken. Dem Bauern geht’s nicht gut, Tag und Nacht grübelt er über eine behaglichere Lösung bezüglich der Erbfolge nach. Es liegt nicht in seinem Sinn, dass einer seiner Söhne leer ausgeht oder gar den Hof verlässt. Dafür hat er die beiden nicht zu kräftigen Jungbauern herangezogen. Eines steht fest: Wird ihr Mysterium offengelegt, werden alle wie aus Wolken fallen. Schweigen sie weiterhin und erfolgt die Übergabe genau nach dem Erbfolgegesetz, könnte sich, sofern die Geschichte eines Tages enthüllt wird, zwischen den Söhnen ein gewaltiger Streit entfachen. Auf jeden Fall würde einer von ihnen ganz sicher einen Fluch über seine Eltern aussprechen.
Die Martinisonne hat kaum den Horizont berührt, da herrscht bereits reges Treiben in der Küche. Die Bäuerin Theresa Bilgeri bereitet das Festmahl vor, das den Landeshauptmann beeindrucken soll. Auf dem Hof ist alles auf Hochglanz poliert und alle warten auf die Ankunft des hohen Gastes. Der angekündigte Besuch fährt in den Hof ein, das komplette Gesinde steht parat. Nach kurzem Begrüßungszeremoniell wird der Gast zum gemeinsamen Essen in die bäuerliche Stube eskortiert, wo er vom Bauern, seiner Frau und ihren Söhnen Alexander und Heinrich empfangen wird. Der Hausherr begrüßt den hohen Besuch mit einer Runde Schnaps und einem herzlichen „Grüß Gott“. Gleichschon tragen die weiblichen Bediensteten das opulente Mahl auf: eine kräftige Suppe, gefolgt von knusprigem Schweinebraten mit sauren Rüben und Hafaloab*. Der leicht moussierende Apfelmost, der zum leichteren Verdauen eingeschenkt wird, perlt verlockend in den Gläsern. Zur Unterhaltung des hohen Gastes untermalt Alexander zwischendurch das Ambiente mit leichter Musik auf seiner Ziehharmonika.
Nachdem das restliche Essen abgetragen und der Tisch abgeräumt ist, lässt Alexander einen Tusch erklingen. Der Bauer Bilgeri erhebt sich aus seiner Sitzposition und übernimmt das Wort: „Werter Landeshauptmann, meine Familie, wie schon allseits bekannt, habe ich beschlossen, mich auf mein Altenteil zurückzuziehen. Doch zuvor ist es meine Pflicht, den Hof an die nächste Generation weiterzugeben. Unsere Söhne Alexander und Heinrich sind zu gleichwertigen Jungbauern herangewachsen, jeder von ihnen ist fähig, auf diesem Hof das Erbe anzutreten. Das Erbfolgegesetz sagt, der älteste männliche Nachkomme folgt dem Altbauern auf dem Hof, eine Tradition, die seit Generationen Bestand hat und die ich eigentlich fortführen sollte. Doch mein Herz spricht eine andere Sprache. Mein Entschluss: Unser gemeinsamer Sohn Heinrich soll die Nachfolge auf diesem Erbhof antreten.“
Allen bleibt der Mund offenstehen, auch der hohe Gast ist entrüstet und kann den Entscheid nicht nachvollziehen. Spontan verlangt er ein Vieraugengespräch mit dem Bauern. Schließlich ist er extra aus Bregenz angereist, um den neuen Jungbauern Alexander in den Bauernstand aufzunehmen. Auch wenn sein Bruder Heinrich gleichwertig ist, er ist der Jüngere von den beiden. „Bauer, warum Heinrich? Du brichst mit der Tradition. Ich kann deinen Entschluss nicht gutheißen. Erklär mir, warum.“
Der Bauer bleibt ruhig und versucht, seinen Entscheid zu erklären: „Wer den Hof erbt, ist alleiniger Entscheid des Hofherrn, hier haben weder die Familie noch die Nachbarn oder anderes Volk was mitzureden. Der Bauer kann, aber muss nicht nach dem Erbfolgegesetz entscheiden. Darum hast auch du als Landeshauptmann meinen Entscheid zu akzeptieren.“
Das erklärt nicht, warum Heinrich und nicht Alexander. „Die Erbfolge ist normalerweise so geregelt, dass der älteste männliche Nachkomme den Hof übernimmt. Die anderen Nachfolger erhalten eine angemessene Abfindung oder bleiben als Knechte oder Mägde auf dem Hof. Diese Tradition gilt auch für dich und deine beiden Söhne, da sie gleichberechtigt sind. Deshalb sollte diese Regel auch in deinem Fall angewendet werden.“
Noch bleibt Bauer Bilgeri locker und fühlt sich im Recht. „Ja, ist auch so. Ich habe es mir nicht einfach gemacht und nach dieser Regel entschieden. Über das Warum, darüber muss ich weder dir noch irgendjemand anderem Rechenschaft abgeben. Mein Beschluss steht fest und soll so vollzogen werden.“
Dem Landeshauptmann reicht’s, so geht das nicht. „Ich werde Heinrich nicht in den Bauernstand erheben, solange du mir keine für mich nachvollziehbare Erklärung dazu geben kannst.“
Bauer Bilgeri bricht sein Schweigen und schenkt dem Vertreter von Gesetz und Ordnung in einem Vieraugengespräch reinen Wein ein, was ihm zu einem späteren Zeitpunkt eine Vorladung von der Gerichtsbarkeit einbringt. Doch bevor der Landesregent das Gut verlässt, nimmt er mit wenigen Worten Heinrich in den Bauernstand auf, setzt sich verärgert auf seinen Pferdewagen und zieht enttäuscht von dannen.
Heinrich ist hiermit der neue Herr auf dem Unterauhof, Alexander ist entrüstet und fühlt sich übergangen. Schließlich ist er der Ältere und dem steht traditionell die Nachfolge auf dem Erbhof zu. Hat er doch mit Gertrud schon alles besprochen, doch was jetzt? In seiner Verzweiflung schüttet der verzweifelte Sohn seinem Vater den Most ins Gesicht und verlässt wutentbrannt die Stube.
Bevor der verärgerte Sohn sich in seine Kammer zurückziehen und sich dort vor der restlichen Familie verbarrikadieren kann, fängt ihn seine Mutter ab, die als Einzige von dem Entscheid nicht überrascht wurde. Sie nimmt seine Hand und erzählt ihm die wahre Geschichte über seine Vergangenheit in diesem Haus: „Alexander, du bist nicht als Zwillingsbruder von Heinrich geboren, sondern zwei Wochen vor ihm als Neugeborenes heimlich in der Nacht in unserem Hühnerstall abgelegt worden. Eines Morgens habe ich dich dort gefunden, umringt von neugierigem Federvieh, am Boden liegend. Gleichschon habe ich dich aufgehoben, dich ins Haus getragen, und nach Rücksprache mit meinem Mann Bernhard als Jungbauer und der Einwilligung seiner Eltern, den damaligen Altbauern, haben wir dich als Findling bei uns aufgenommen. Hat ja niemand was davon gewusst, im Dorf ist über keine frische Geburt geredet worden und nirgendwo ist ein Frischgeborenes abgängig gewesen. Als ich knapp zwei Wochen später einen gesunden Jungen geboren habe, haben wir euch als Zwillinge eintragen und auf die Namen Alexander und Heinrich taufen lassen. Nach außen hin sind alle fest davon überzeugt gewesen, dass beide Knaben rechtmäßige Nachkommen des Unterauhofs wären. Keiner hat Verdacht geschöpft. Da du als Erster in unser Haus gekommen und auch der Größere von euch beiden gewesen bist, haben wir dich den anderen gegenüber einfach als den Älteren ausgegeben. So ist niemand auf die Idee gekommen, deine Identität infrage zu stellen.“ Alexander lässt die Hand seiner Mutter los, wendet sich von ihr ab und verkriecht sich enttäuscht und deprimiert in seiner Kammer.
Die Arbeit am Hof geht ungehindert weiter. In der Familie herrscht Ruhe, aber kein Frieden. Heinrich weiß nicht, wie er mit seiner neuen Situation umgehen soll, der Vater fühlt sich schlecht, weiß nicht so recht, ob er richtig gehandelt hat. Einzig die Mutter versucht, alle wieder an einen Tisch zu bringen, doch die Zeichen dafür stehen schlecht.
Den Altbauern bleibt normalerweise ein Jahr, um sich auf ihr Altenteil zurückzuziehen. Heinrich versucht, ab sofort das Kommando zu übernehmen, und soll bis Martini im kommenden Jahr eine Jungbäuerin auf den Hof holen. Alexander hält sich aus allem raus, schweigt, leidet vor sich hin und hält sich aus Scham wegen seiner umstrittenen Herkunft von Gertrud fern. Innerlich sucht er verzweifelt nach einer Lösung für seine scheinbar aussichtslose Lage. Die Tage auf dem Unterauhof scheinen im Moment nicht so einfach, doch das Leben auf einem Bauernhof kennt keine Unterbrechung.
Ein Monat später steht Bauer Bilgeri vor Gericht und wird beschuldigt, die Behörden getäuscht zu haben. Er habe kurzerhand ein Findelkind als Zwillingsbruder seines Sohnes ausgegeben. Die Verhandlung endet mit einem überraschenden Urteil: Bernhard wird zu einer Geldstrafe von 100 Gulden verurteilt, die jedoch aufgrund der Verjährung der Straftat zur Bewährung ausgesetzt wird.
Das Gericht hat sich von Bernhards umfassendem Geständnis und seiner gezeigten Reue beeindruckt gezeigt. Zudem ist die leibliche Mutter von Alexander unauffindbar geblieben. Diese Umstände haben zu einer ungewöhnlichen Entscheidung geführt: Alexander, der noch nicht volljährig ist, wird offiziell zum Ziehsohn der Bauersleute vom Unterauhof erklärt. Diese Lösung scheint für alle Beteiligten die beste Option zu sein. Auch für Alexander?
Als Gertrud den Entscheid des Unterauhofbauern erfährt, rastet sie empört aus: „Das kann’s nicht sein, Alexander ist der Erbe und nicht Heinrich.“ Doch was nützt’s, sie hat zu respektieren, was der Hofherr auf dem Unterauhof entschieden hat. Was passiert mit ihrem Geliebten? Wird er weggehen? Wenn ja, geht er alleine oder nimmt er sie mit? Gibt es für sie in diesem Dorf noch eine Zukunft? Soll sie sich einfach eiskalt auf die Seite von Heinrich schlagen und so tun, als wäre sie in ihn verliebt? „Nein, das bin nicht ich, auch wenn ich alles verloren habe“, sagt sie laut zu sich selbst.
Da sich Alexander bereits mehrere Tage nicht mehr bei ihr hat sehen lassen, fasst sie einen einschneidenden Entschluss und zieht als Magd auf den Lechnerhof, einen kleinen Bregenzerwälder Bauernhof an der Egg*, mit überschaubarem Viehbestand und mehrheitlicher Milchwirtschaft für die Käseerzeugung. Der Lechnerhofbauer, zugleich Gertruds Oheim, ein rechtschaffender Mann, erwartet von seinen Leuten Fleiß und bestmöglichen Einsatz, im Gegenzug zeigt er sich gerne großzügig. Erst hilft die neue Magd im Haushalt und in den Stallungen mit, doch schon im neuen Jahr denkt der Landwirt darüber nach, sein Schwesterkind vorab aufs Maisäß* zu schicken, um dort alles für den Viehauftrieb zum Alpsommer vorzubereiten.
Gertrud passt das ganz gut, sie liebt das Leben auf den Alpen und träumt davon, dort das Käsehandwerk zu erlernen. Ihre erste Aufgabe bestehe darin, die Gebäude auf der Alm, einschließlich des Wohnhauses, der Käserei, des Lagerkellers und der Stallungen, für die Ankunft von Senn Korbinian Mutsch und seinem Team vorzubereiten. Dazu gehöre auch, die Zäunung zu überprüfen und gegebenenfalls zu reparieren, damit das Vieh problemlos untergebracht werden kann. Anschließend könne sie dann unter Korbinians Anleitung die Käserei übernehmen. Es läuft gut für Gertrud.
