Der gefrorene Fluss - Ariel Lawhon - E-Book

Der gefrorene Fluss E-Book

Ariel Lawhon

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Beschreibung

"Martha Ballard ist nicht nur eine Hebamme aus Maine, die noch nie eine Gebärende verloren hat. Sie ist auch eine Wahrheitssprecherin und Gerechtigkeitssucherin in einer Zeit, in der Frauen nicht einmal vor Gericht aussagen dürfen. … Wieder einmal vollbringt Lawhon mit einer realen Heldin erzählerische Magie." --People Magazine, Buch der Woche "Fans von Claire Fraser aus 'Outlander' werden Lawhons Martha mögen, die mutig und freimütig ist, wenn es darum geht, die Unschuldigen zu beschützen. … beeindruckend." – The Washington Post "Teils Krimi, teils historische Fiktion … dieser Roman hat eine winterliche Atmosphäre, die ihn zu einer idealen Lektüre für die Kaminecke macht." --Real Simple Dieser historische Krimi ist inspiriert vom Leben und Tagebuch der Martha Ballard, einer berühmten Hebamme aus dem 18. Jahrhundert, die sich dem bestehenden Rechtssystem widersetzte und so in die amerikanische Geschichte einging.  Maine, 1789: Als der Kennebec River zufriert und die Leiche eines toten Mannes im Eis sichtbar wird, soll Martha Ballard den Leichnam untersuchen und die Todesursache feststellen. Als Hebamme und Heilerin ist sie in vieles eingeweiht, was sich hinter verschlossenen Türen in der Kleinstadt Hallowell abspielt. Ihr Tagebuch ist eine Aufzeichnung aller Geburten und Todesfälle, Verbrechen und Debakeln, die sich in der engen Gemeinschaft ereignen. Monate zuvor dokumentierte Martha die Einzelheiten einer angeblichen Vergewaltigung, die von zwei der angesehensten Herren der Stadt begangen wurde – einer von ihnen wurde nun tot im Eis aufgefunden. So ist Martha sich sicher, dass sie es hier mit einem Mord zu tun hat. Doch ein örtlicher Arzt widerlegt ihre Schlussfolgerung und erklärt den Tod für einen Unfall. Martha ist entschlossen, den schockierenden Mord auf eigene Faust zu untersuchen. Im Laufe eines Winters, während der Prozess näher rückt und Gerüchte und Vorurteile zunehmen, ist Martha beharrlich auf der Suche nach der Wahrheit. Ihr Tagebuch gerät bald in den Mittelpunkt des Skandals, verwickelt diejenigen, die sie liebt, in die Sache und zwingt Martha, zu entscheiden, wo ihre eigene Loyalität liegt. Clever, vielschichtig und subversiv stellt Ariel Lawhons neuestes Werk eine unbeugsame Heldin vor, die sich weigerte, etwas Geringeres als die Gerechtigkeit zu akzeptieren, in einer Zeit, in der es galt, Frauen am besten nur zu sehen und nicht zu hören. "Der gefrorene Fluss" ist eine spannende und zärtliche Geschichte über eine bemerkenswerte Frau, die ein beispielloses Erbe hinterlassen hat und dennoch bis heute fast vergessen ist. Das perfekte Buch für Leserinnen von "Eine Frage der Chemie" und "Der Gesang der Flusskrebse" und in der limitierten Ausgabe mit Farbschnitt ein wunderschönes Geschenk für alle Buchliebhaberinnen!

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2024

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ISBN: 978398582277

1. Auflage 2024

Copyright © 2023 by Ariel Lawhon

Alle Rechte vorbehalten. Veröffentlicht in den Vereinigten Staaten unter dem Titel THE FROZEN RIVER von Doubleday, einer Abteilung von Penguin Random House LLC, New York, und vertrieben in Kanada von Penguin Random House Canada Limited, Toronto.

Coverfoto © Natasza Fiedotjew/Trevillion Images, Cover Design von John Fontana

HAFTUNGSAUSSCHLUSS

Dieses Buch ist ein fiktionales Werk. Alle Namen, Charaktere, Orte und Begebenheiten sind entweder Produkte der Phantasie der Autorin oder werden fiktiv verwendet. Jede Ähnlichkeit mit Ereignissen, Orten oder lebenden oder toten Personen ist zufällig.

Wir behalten uns die Nutzung unserer Inhalte für Text und Data Mining im Sinne von § 44b UrhG ausdrücklich vor.

© für die deutsche Ausgabe ADRIAN VERLAG

Adrian & Wimmelbuchverlag GmbH, Friedrichstraße 126, 10117 Berlin

Übersetzung: Rena Ziehnert

Satz deutsche Ausgabe: Catherine Strefford

Korrektorat: Ute Lehmann

Lektorat: Christine Neumann

Alle Rechte vorbehalten

Printed 2024 in Germany

www.adrian-verlag.de

Meine Mutter lehrte mich, Hebammen sind Heldinnen.Meine Schwester ließ mich das Wunder miterleben.Mein Mann saß neben mir und hielt meine Hand.Aus diesen und zehntausend weiteren Gründenist dieser Roman ihnen gewidmet.

Und Sie weiß es, weil Sie ihn warnt und Ihre Instinkte niemals versagen, dass das Weibchen ihrer Spezies tödlicher ist als das Männchen.

Rudyard Kipling, Das Weibchen der Spezies

1 · EINE HINRICHTUNG

NOVEMBER 1789

Die Wahrheit wird ans Licht kommen; Mord kann nicht lange verborgen bleiben.

William Shakespeare, Der Kaufmann von Venedig

ALLES VERGANGENE IST PROLOG

Die Leiche treibt flussabwärts. Es ist Ende November, der Kennebec River beginnt zu gefrieren. Große Eisbrocken taumeln durch das Wasser, sammeln sich zu Haufen, während sich klare, kalte Finger aus Eis von beiden Seiten des Ufers ausstrecken, in die Strömung greifen und alles erfassen, was vorbeizieht. Von seiner durchnässten Kleidung beschwert, treibt der tote Mann in der abschwellenden Strömung, seine blinden Augen starren auf den Halbmond.

Es ist eine triste Nacht, der Wind bitterkalt und der Frost betäubend. Je langsamer der Fluss fließt, desto schneller friert er zu, fängt den Mann in seinem trägen Griff, während die Falten seines gewebten Leinenhemds wie Blütenblätter einer verwelkenden Tulpe erscheinen. Noch vor einer Stunde war sein Haar gekämmt und von einem Band aus Spitze zusammengehalten. Er hatte es gedankenlos gegriffen, und es ist gut möglich – das Schicksal ist schließlich eine ziemlich fragile Sache –, dass er vielleicht noch am Leben wäre, wenn er diese Wahl nicht getroffen hätte. Aber so war es das, was noch Salz in die Wunde streute.

Der tote Mann hatte es eilig gehabt, den Ort zu verlassen, er steckte schon in zu großen Schwierigkeiten, und hätte er mehr Sorgfalt walten lassen und wäre geduldig gewesen, hätte er seine Angreifer im Wald gehört. Gelauscht. Sich versteckt. Den Atem angehalten. Und gewartet, bis sie vorbeigingen. Aber der tote Mann war rücksichtslos und ungeduldig. Er hatte Spuren im Schnee hinterlassen und war so nicht schwer zu finden. Sein Haar löste sich im Kampf, das Stück Spitze wurde zurückerobert und in eine Tasche gesteckt, und jetzt ist dieses Haar, braun wie die schlammigen Flussufer, ein wirres Durcheinander, mal an seiner Stirn klebend, mal in seinem Mund. Es war dorthin gelangt, während eines letzten erschrockenen Keuchens, bevor er in den Fluss geworfen wurde.

Sein verdrehter, gebrochener Körper wird von der Strömung noch eine Viertelmeile weitergetrieben, bevor das Eis sich verdichtet und mit einem müden Stöhnen zum Stillstand kommt, ihn fünfzehn Fuß vom Ufer entfernt einkeilt, das Gesicht einen Zoll unter der Oberfläche, die Lippen geöffnet, die Augen immer noch vor Überraschung geweitet.

Der große Frost ist einen Monat zu früh in die Stadt Hallowell, Maine, gekommen – der tote Mann konnte dies nicht wissen, noch konnte es sonstjemand, der hier lebt – das Tauwetter wird noch viele, lange Monate nicht einsetzen. Sie werden dies das Jahr des langen Winters nennen. Es wird zur Legende werden, und er kein kleiner Teil davon. Noch jedoch schlafen sie sicher und warm in ihren Betten, die Türen fest verschlossen gegen einen frühen, wilden Winter. Aber dort – entlang des Flussufers, wenn man genau hinsieht – bewegt sich etwas Dunkles und Wendiges im Mondlicht. Eine Füchsin. Vorsichtig setzt sie eine Pfote auf das Eis. Dann die andere. Sie zögert, denn sie weiß, wie launisch der Fluss sein kann, wie er alles verschlingen und in die brodelnden Tiefen ziehen will. Aber das Eis hält, und die Füchsin pirscht sich vorwärts, auf den toten Mann zu. Sie schleicht sich dorthin, wo er liegt, im Eis eingeschlossen. Das schlaue kleine Tier schaut ihn an, den Kopf zur Seite geneigt, aber er erwidert den Blick nicht. Die Füchsin hebt die Nase zum Himmel. Schnüffelt nach Gefahr. Inhaliert den stechenden Geruch von Frost und Kiefern entlang des Flusses und, weiter entfernt, den schwachen Hauch von Holzrauch. Zufrieden beginnt die Füchsin zu heulen.

CLARKS SCHMIEDE

DONNERSTAG, 26. NOVEMBER

»Du brauchst keine Angst zu haben«, sage ich zu Betsy Clark. »In all meinen Jahren, in denen ich Frauen bei der Geburt beistand, habe ich noch nie eine Mutter verloren.«

Die junge Frau sieht mich an, die Augen weit aufgerissen, Schweißperlen auf den Schläfen, und nickt. Aber ich glaube nicht, dass sie mir glaubt. Das tun sie nie. Jede gebärende Frau vermutet, dass sie tatsächlich nur Augenblicke vom Tod entfernt ist. Das ist normal. Und es beleidigt mich nicht. Eine Frau ist nie verletzlicher als während der Niederkunft. Noch ist sie jemals stärker. Wie ein verwundetes Tier, in die Enge getrieben und verzweifelt, verbringt sie ihre Wehen abwechselnd zusammengerollt oder um sich schlagend. Es sollte eine Frau umbringen, dieser Prozess, bei dem ihr Körper nach außen gekehrt wird. Eigentlich sollte niemand so etwas überleben. Und doch tun sie es, immer wieder, auf wundersame Weise.

John Cowan – der junge Schmiedelehrling von Betsys Ehemann – kam vor zwei Stunden, um mich zu holen, und ich sagte ihm, dass keine Zeit zu verlieren sei. Betsys Kinder kommen mit ungewöhnlicher Geschwindigkeit und Lautstärke zur Welt. Kreischende Wesen aus einer anderen Welt, alle glitschig und rotgesichtig. Aber so klein, dass – selbst voll ausgetragen – ihr ganzer Hintern in meine Handfläche passt. Winzige kleine Dinger. John nahm meine Anweisungen ernst und legte ein so schnelles Tempo vor, dass mein Körper immer noch von unserer hektischen Fahrt durch Hallowell schmerzt.

Aber jetzt, kaum vor Ort und eingerichtet, stelle ich fest, dass das Baby bereits das Köpfchen zeigt. Betsys Wehen kommen im Abstand von dreißig Sekunden. Dieses Kind – wie ihre anderen – hat es eilig, seine Mutter zu begrüßen. Zum Glück ist sie gut gebaut fürs Gebären.

»Es ist Zeit«, sage ich ihr und lege eine warme Hand auf jedes ihrer Knie. Sanft drücke ich sie auseinander und helfe der jungen Frau, ihr Nachthemd höher über ihren nackten Bauch zu schieben. Er ist hart, verkrampft auf dem Höhepunkt einer Wehe, und Betsy knirscht mit den Zähnen, versucht nicht zu schluchzen. Jede Geburt macht jede Frau zur Anfängerin. Jedes Mal ist das erste Mal, und die einzige Expertise kommt von denen, die versammelt sind, um zu helfen. Und so hat Betsy ihre Frauen um sich geschart: Mutter, Schwestern, Cousine, Tante. Eine Geburt ist ein gemeinschaftlicher Akt, und alle springen in Aktion, als ihre Entschlossenheit nachlässt und sie vor Schmerz aufschreit. Sie wissen, was das bedeutet. Selbst diejenigen ohne spezielle Aufgabe finden etwas zu tun. Wasser kochen. Das Feuer hüten. Tücher falten. Dies ist Frauenarbeit in ihrer elementarsten Form. Männer haben in diesem Raum keinen Platz, kein Recht, und Betsys Ehemann hat sich in seine Schmiede zurückgezogen, machtlos, um seine Angst und Frustration auf dem Amboss auszuleben und ein Stück glühendes Metall in Unterwerfung zu schlagen.

Betsys Frauen arbeiten Hand in Hand, beobachten mich, reagieren auf jedes Zeichen. Ich strecke eine Hand aus, und ein warmes, feuchtes Tuch wird draufgelegt. Kaum habe ich das frische Blut und Fruchtwasser abgewischt, wird das Tuch aus meinem Griff genommen und durch ein neues ersetzt. Die jüngste von Betsys Verwandten – eine Cousine, nicht älter als zwölf – ist damit beauftragt, die verschmutzten Tücher zu reinigen, den Kessel am Kochen zu halten und den Waschzuber aufzufüllen. Sie widmet sich der Aufgabe, ohne zu zögern oder zu murren.

»Da ist dein Baby«, sage ich, meine Hand auf dem glatten, warmen Kopf. »Kahl wie ein Ei. Genau wie die anderen.«

Betsy hebt ihr Kinn und spricht mit schmerzverzerrtem Gesicht, als die Wehe nachlässt. »Heißt das, es ist wieder ein Mädchen?«

»Es bedeutet nichts.« Ich halte meinen Blick ruhig und meine Hand sanft auf dem winzigen Kopf, der gegen meine Handfläche drückt.

»Charles will einen Jungen«, keucht sie.

Charles hat kein Mitspracherecht, denke ich.

Eine weitere heftige Welle überkommt Betsy, und ihre Schwestern treten vor, um ihre Beine anzuheben und zurückzuhalten.

»Auf mein Kommando, pressen«, sage ich ihr. »Eins. Zwei. Drei.« Ich beobachte, wie Betsys Wehe ihren Bauch wölbt. »Jetzt.«

Sie hält den Atem an, presst, und ein weiteres Stück des kahlen Kopfes wird sichtbar, die Spitzen kleiner Ohren ragen über die Grenzen ihres Körpers hinaus. Sie hat keine Chance, Luft zu holen, bevor die nächste Welle über sie hinwegrollt, und dann kommen sie, unerbittlich, eine nach der anderen, ohne den Griff um ihre Gebärmutter zu lockern. Betsy presst. Schnappt nach Luft. Presst wieder. Wieder. Und wieder. Jemand wischt den Schweiß von ihrer Stirn, die Tränen von ihren Wangen, aber ich schaue nie weg. Schließlich tritt der Kopf hervor.

Ich schiebe meine Hand nach vorn, umfasse eine Wange und ein kleines Ohr mit meiner Handfläche. »Nur noch die Schultern. Zwei weitere Presswehen sollten es schaffen.«

Betsy ist bereit, die Sache zu Ende zu bringen, und sie stemmt sich mit ihrer letzten Kraft, zwingt das Kind direkt in meine Hände. Dann sinkt sie zurück auf das Bett, als das Baby mit einem Plopp aus ihrem Körper befreit wird, die einzige verbleibende Verbindung ein glitschiges silbernes Band.

Ein winziges, empörtes Quäken erfüllt den Raum, aber Betsys Frauen jubeln nicht und klatschen nicht. Sie beobachten schweigend, warten auf mein Urteil.

»Hallo, Kleine«, flüstere ich, dann halte ich das Baby hoch, damit Betsy es sehen kann. »Du hast eine weitere Tochter.«

»Oh«, sagt sie niedergeschlagen und stützt sich auf ihre Ellbogen, um das Kind zu betrachten.

Es gibt noch Arbeit zu erledigen, und ich gehe sie mit Bedacht an. Ich lege das kleine Mädchen auf das Bett zwischen die Beine ihrer Mutter und schneide die Nabelschnur mit meiner Schere durch. Sobald diese uralte Verbindung durchtrennt ist, binde ich sie ab. Dann tauche ich meine Hände in einen Waschzuber, reinige sie und streiche mit meinem Daumen über den Gaumen des Babys. Keine Gaumenspalte. Ein weiteres kleines Wunder, das ich bei jeder erfolgreichen Geburt im Kopf abhake. Ich wische das Blut und die wachsartige Käseschmiere von dem sich windenden, glitschigen Säugling, während ich Betsy auf übermäßige Blutungen beobachte. Nichts scheint ungewöhnlich.

Betsys Frauen streichen ihr die Haare zurück, waschen ihr Gesicht, lassen sie lauwarmen Tee trinken. Sie helfen ihr, sich aufzusetzen und ein sauberes Hemd anzuziehen. Sie bereiten sie darauf vor, zu stillen.

»Schau, wie hübsch du bist«, sage ich zu dem Baby, dann füge ich hinzu: »Schau, wie sehr du geliebt wirst.«

Und ich bete zu Gott, dass es wahr ist.

Charles Clark ist so verzweifelt auf einen Sohn aus – dies ist ihr drittes Kind in vier Jahren –, dass seine Entschlossenheit seine Frau umbringen könnte, wenn er nicht vorsichtig ist. Was Betsy betrifft, so ist sie verzweifelt bemüht, ihren Mann zufriedenzustellen, und wird niemals zu ihm nein sagen. Alles scheint in Ordnung mit Mutter und Kind, also wickle ich das Baby in sauberes, weiches Leinen und reiche es Betsy. Sie legt das Bündel an ihre Brust und zischt, als die Kleine an ihrer Brustwarze saugt. Es lässt ihren Bauch erneut zusammenziehen und sich von der Nachgeburt befreien. Auch das fasziniert mich, und ich untersuche die Überreste der Geburt auf Unregelmäßigkeiten, stelle sicher, dass alles intakt ist, dass nichts zurückgeblieben ist. Auch das ist normal, und ich entsorge die Rückstände in den Eimer zu meinen Füßen.

»Es gibt noch eine letzte Sache«, warne ich.

Betsy nickt. Sie hat das schon einmal durchgemacht.

»Halte durch. Es wird nur ein paar Sekunden dauern. Aber es könnte wehtun.«

»Mach schon.«

Ich massiere Betsys Bauch, rolle den Ballen meiner Hand hierhin und dorthin, helfe ihm, sich zusammenzuziehen. Die Frau verzerrt das Gesicht, schreit aber nicht auf. Nun kann sie in Ruhe weiterstillen.

»Wie wirst du sie nennen?«, frage ich.

»Mary.«

Ein Name, der ›bitter‹ bedeutet, denke ich, schenke der jungen Mutter aber ein zustimmendes Lächeln, weil es von mir erwartet wird.

Die Frauen arbeiten geeint, um Betsy zu säubern und ihren Unterleib in saubere, trockene Tücher zu wickeln. Diese werden von den Wochenbetthelferinnen in den nächsten Tagen ständig gewechselt werden.

Es ist halb fünf Uhr morgens – noch Stunden vor der Morgendämmerung – und Betsys Frauen schleichen davon, um die letzten Reste des Durcheinanders zu beseitigen und dann den Schlaf zu finden, den sie bekommen können. Sie werden sich in Schichten abwechseln, um sich in der nächsten Woche um Betsy und ihre Kinder zu kümmern. Es wird die einzige Ruhe sein, die die junge Schmiedefrau bekommen wird.

Ich ziehe meine verschmutzte Schürze aus und wasche meine Hände erneut, dann binde ich die Haarsträhnen zurück, die sich gelöst haben, bevor ich mich auf die Bettkante setze und eine Tasse Tee – inzwischen kalt – trinke, die mir bei meiner Ankunft gebracht wurde. Einige Momente lang beobachte ich Mutter und Kind.

»Soll ich Charles wissen lassen, dass alles in Ordnung ist?«, frage ich.

»Ja«, antwortet Betsy, »aber sag mir nicht, wenn er wütend ist.«

»Er hat kein Recht, wütend zu sein. Du hast ihm ein wunderschönes Kind geschenkt.«

»Es spielt keine Rolle, ob er ein Recht auf seine Wut hat oder nicht.«

Ich hole tief und für mich beruhigend Luft, bevor ich sie beschwichtige. »Mach dir keine Sorgen um Charles. Ich kümmere mich um ihn. Genieße deine Tochter.«

Die Clarks wohnen in einer kleinen Hütte neben der einzigen Schmiede im Umkreis von drei Landkreisen. Es ist nur ein kurzer Spaziergang, aber ich schlüpfe trotzdem in meinen Reitmantel. Die eisige Luft trifft mich wie eine Ohrfeige, überraschend nach der fast erdrückenden Hitze im Geburtsraum. Sie sticht mir bei jedem Atemzug in die Nase. Die Nacht ist klar und frisch, der Mond stolz und die Sterne leuchten hell vor einem tintenschwarzen Himmel.

Ich mache mir nicht die Mühe, an die Schmiedetür zu klopfen – Charles würde mich bei all dem Hämmern sowieso nicht hören –, sondern schiebe sie unangekündigt auf. Betsys Ehemann geht auf und ab, murmelt Flüche und Gebete. Er wirkt völlig hilflos, als trage er die alleinige Schuld an den jüngsten Qualen seiner Frau.

Charles hebt den Kopf, als ich in sein Blickfeld trete, und drischt einen Kreuzschlaghammer mit solcher Wucht auf eine Stange weißglühenden Eisens, dass ich die Vibrationen durch den hartgestampften Boden unter mir spüren kann. Der Raum riecht nach heißem Metall und gebackenem Lehm. Nach Schweiß und Angst. Charles Clark richtet sich auf, legt seinen Hammer beiseite und streicht sich ein nasses Haarbüschel von der Stirn. Er fängt an, eine Glatze zu bekommen – ich kann die zurückweichenden Stellen an den Schläfen sehen – und es lässt ihn älter erscheinen als seine dreißig Jahre. Dunkles Haar. Dunkle Augen. Dunkler Bart. Piraterie wäre eine gute Option für Charles gewesen, hätte er sich nicht für die Schmiede interessiert.

Er wagt einen flüchtigen Blick auf mich, dann schaut er weg. »Lebt meine Frau?«, fragt er, dann räuspert er sich, um die aufwallenden Gefühle zu verbergen.

»Ja. Natürlich. Sie ist wohlauf und gesund.«

Ich glaube, so nah werde ich nie wieder erleben, den Mann zittern zu sehen. Erleichterung durchströmt seinen Körper und lässt seine Knie weich werden, aber dann reißt er sich zusammen und dreht sich zu mir um.

»Und das Kind?«

»Sie hat sehr kräftige Lungen.«

Sein Gesichtsausdruck zerfällt förmlich. Ich kann sehen, wie der Muskel entlang seines Kiefers arbeitet, als er die Zähne zusammenbeißt und dann knirscht. Schließlich schluckt er schwer und fragt: »Hat Betsy ihr einen Namen gegeben?«

»Mary.«

»Ich hatte auf einen Sohn gehofft.«

»Ich weiß.«

»Wegen der Schmiede. Ich brauche Hilfe. Ich …« Charles unterbricht sich verlegen. »Ich liebe meine Töchter.«

»Das habe ich nie bezweifelt.«

»Es ist nur, ich brauche mehr helfende Hände. Es gibt so viel zu tun. Und ich wollte es ihm beibringen.«

Ich erspare es mir, Charles noch einmal zu sagen, dass es keinen ihm gibt und Säuglinge in einer Schmiede ohnehin keine Hilfe sind. Dass es mindestens ein Jahrzehnt dauern würde, bis ein Sohn – wenn er einen gehabt hätte – auch nur einen kleinen Beitrag zum Familiengeschäft leisten könnte.

»Du hast John Cowan als Hilfe.« Der junge Mann ist groß, gebaut wie ein Ochse, und nicht viel klüger. »Und vielleicht bekommst du ja noch einen Sohn. Betsy ist noch jung. Genauso wie du.«

Charles nickt, als würde er eine wichtige Entscheidung treffen. »Wir werden es beim nächsten Mal stärker versuchen. Dafür werde ich sorgen.«

Dummer Mann.

Ich trete zu den glühenden Ziegeln und strecke meine Hand aus, bis sie auf Charles’ Unterarm ruht. Er ist muskulös und vernarbt, warm vom Feuer. Jedes Haar, das einst darauf wuchs, wurde längst weggesengt.

»Aber erst nach mehreren Monaten«, sage ich ihm. »Mindestens. Wenn du einen Sohn willst, musst du ihrem Körper Zeit geben, sich zu erholen. Und selbst dann ist es Gott, nicht du, der entscheidet, was du haben wirst. Verstehst du, was ich sage?«

»Ich bin nicht grausam«, antwortet er.

Nur fordernd und undankbar. Das sage ich jedoch nicht laut. Er ist die Art von Mann, der die Wahrheit hört, aber nur, wenn sie indirekt ausgesprochen wird.

»Betsy braucht jetzt mehr als das. Sie braucht dich, dass du sanft bist. Und geduldig.«

Er sagt nichts, also drücke ich seinen Arm ein letztes Mal und lasse Charles seiner Arbeit nachgehen.

Ich kehre zur Hütte zurück, finde einen leeren Platz neben dem Herd und strecke mich auf der Strohmatte aus, die für mich bereitgelegt wurde. In ein paar Stunden werden Betsys Frauen eine Mahlzeit zur Feier dieses neuen Lebens zubereiten. Manchmal ist es ein elegantes Festmahl auf einem Leinentischtuch, und manchmal ein spärliches, kaltes Angebot, das hastig zusammengeworfen wurde. Manchmal schlafe ich in einem Ersatzbett, und manchmal gibt es keinen Platz für mich zum Schlafen. Ich habe mehr als eine Nacht im Sitzen in einem Stuhl verbracht. Aber die heutige Nacht ist typisch für die meisten Geburten. Ein bescheidenes Zuhause, eine normale Geburt, ein einfaches Bett und am Morgen ein herzhaftes Frühstück.

Ich liege zusammengerollt unter meinem Reitmantel, starre auf die grob behauenen Balken der Decke und lausche den Geräuschen um mich herum. Als meine Augen schwer werden, öffnet sich die Vordertür und Charles geht über den knarrenden Boden in Richtung Schlafzimmer. Ich lausche auf das Geräusch von Wut, höre aber nur, wie ein Mann sanft zu seiner Frau flüstert.

***

Es fühlt sich an, als hätte ich kaum die Augen geschlossen, als ich von einer großen, schwieligen Hand auf meiner Schulter geweckt werde. Charles ist da, eine Laterne in der anderen Hand und Dringlichkeit in seiner Stimme.

»Mistress Ballard«, flüstert er. »Sie müssen aufstehen.«

Ich blicke zum Schlafzimmer, wo ich Mutter und Kind zurückgelassen habe, in Panik, dass in der Nacht etwas schiefgegangen ist.

»Ihnen geht es gut.« Er deutet auf die Vordertür. »Aber jemand ist gekommen, um mit Ihnen zu sprechen. Sagt, es sei dringend.«

Vielleicht ist eine Stunde vergangen, höchstens, seit ich eingeschlafen bin. Es fühlt sich an, als wären Watte in meinem Kopf und Spinnweben in meinen Augen, aber ich wickele meinen Reitmantel etwas fester um meine Schultern und folge Charles nach draußen. Der plötzliche Kälteschock ist gnadenlos. Ich keuche, dann zittere ich.

Charles hebt die Laterne, und ich erkenne den Mann, der auf dem Pferd sitzt. Er ist mittleren Alters, mittlerer Größe und von geringer Attraktivität. Ich kann nicht verstehen, warum er hier ist und nicht auf halbem Weg nach Long Reach auf einem Floß mit meinem Sohn.

James Wall sieht so erschöpft aus, wie man nur sein kann, nachdem man die ganze Nacht in der brutalen Kälte wach war. Seine Augen sind gerötet, das Haar zerzaust und das Gesicht unrasiert. Er leckt sich über die rissigen Lippen. »Entschuldigen Sie, Martha«, sagt er, »aber Sie werden in der Stadt gebraucht. Sofort.«

»Ich dachte, du und Jonathan seid vor Stunden auf dem Floß losgefahren.«

»Das sind wir«, sagt er. »Aber es gab einen Unfall.«

WATER STREET

»Was ist passiert?«, frage ich James, sobald wir die Schmiede verlassen haben.

Es dauert nur einen Moment, um nach Betsy zu sehen und meine Arzttasche zu holen, während James mein Pferd sattelt. Brutus macht es ihm jedoch nicht leicht, und James reibt die schmerzende Stelle an seiner Schulter, wo mein Pferd versucht hatte, ihn zu beißen.

Er atmet zitternd ein. »Letzte Nacht … es war spät … wir haben Dawins Werft verlassen, da begann sich das Eis zu bilden. Ich und Sam und Jonathan. Es gab noch einen offenen Kanal in der Mitte des Flusses. Wir dachten, wir hätten noch genug Zeit, die Bretter nach Long Reach zu bringen, aber das Eis schloss sich plötzlich um uns. Ich habe so etwas noch nie gesehen, Mistress Ballard. In einer Minute bewegten wir uns noch mit der Strömung und in der nächsten steckten wir fest. Sam Dawin fiel vom Floß.«

»Wurde er unter das Eis gespült?«

»Beinahe, Mistress Ballard. Er hat die Scholle im letzten Moment noch gegriffen, bevor er unterging. Seine Zehen hatten schon den Grund berührt, sie wissen ja, wie groß er ist. Es kostete uns einige Mühe, aber wir konnten ihn herausziehen. Jonathan brachte ihn direkt zu Ihrem Haus.«

»Dann sollten wir uns besser beeilen«, sage ich und treibe Brutus mit den Fersen an. Es dauert einen Moment, bis James aufholt. »Entschuldigen Sie, Mistress Ballard, aber wir reiten nicht zurück zur Mühle. Amos Pollard schickt mich, um Sie zur Taverne zu bringen.«

»Was hat Amos damit zu tun?«

»Als Sam unter das Eis geriet, hat er eine Leiche gesehen.« Er bemerkt meinen erstaunten Blick und erklärt: »Einen Mann. Tot und erfroren. Wir haben ihn aus dem Eis geschnitten. Ich und Amos und ein paar andere. Deshalb reiten wir zur Taverne. Amos hat darauf bestanden, dass Sie die Leiche zuerst sehen. Vor allen anderen. Er sagt, sie hätten ein besonderes Interesse.«

Ich habe im Laufe der Jahre weitaus mehr Leichen gesehen als mir lieb ist, aber ich würde nicht behaupten, ich hätte ein besonderes Interesse an ihnen. Eine Notwendigkeit zuweilen, sicher, aber ich könnte gut und gerne darauf verzichten.

Die Farbe des Himmels wechselt von Tinte zu Zinn, und ich neige meinen Kopf, um James’ Profil zu studieren. Den besorgten Ausdruck seines Mundes. Zusammengezogene Augenbrauen. Seine Hände fest an den Zügeln.

»Was verschweigst du mir? Wen habt ihr aus dem Fluss geschnitten?«

Nach einer langen Pause sagt er: »Es ist schwer zu sagen.«

»Das heißt, du willst es nicht sagen?«

»Das heißt, dass ich es nicht kann. Ich bin mir nicht sicher, ob es gerade jemand kann.« Er schluckt. »Es gibt eine Menge Verletzungen … besonders im Gesicht, meine ich.«

James Wall ist ein fürchterlich schlechter Lügner. Diese Fertigkeit zu erlangen wird noch ein weiteres Jahrzehnt und eine gute Portion mehr Lebenserfahrung erfordern. Ich sehe es in der Anspannung seines Kiefers, als er sich wieder der Straße zuwendet. Keine Lüge vielleicht, aber mit Sicherheit eine Auslassung.

»Also gut,« antworte ich mit freundlicher Stimme. »Wen glaubst du, habt ihr aus dem Eis geschnitten?«

Die Frage überrascht ihn, und er antwortet, bevor er über die Konsequenzen nachdenken kann. »Es könnte Joshua Burgess sein.«

Oh.

Ich bin überrascht über die Erleichterung – nein, die Freude –, die ich empfinde, als ich diesen Namen höre. Welch ein seltsames Wunder. Ich hatte gehofft, Burgess am Ende eines Seils baumeln zu sehen für das, was er getan hat, aber tot ist tot, und ich bin nicht traurig, die Nachricht zu hören. Ich verstehe jedoch immer noch nicht, warum Amos nach mir geschickt hat, und sage das auch James.

»Es gibt eine Menge«, er stockt, sucht nach Worten. »Schaden – es ist nicht nur sein Gesicht, verstehen Sie? Jemand muss die Todesursache feststellen. Damit es offiziell ist, falls es eine Untersuchung gibt.« Verletzung. Schaden. Verschiedene Worte, verschiedene Bedeutungen.

»Und Amos Pollard glaubt nicht, dass Dr. Cony der Aufgabe gewachsen ist?«

»Der Doktor ist dafür bekannt, ein guter Freund von Colonel North zu sein.«

Mein Geist ist wach und verknüpft die Punkte, die er mit seiner sorgfältig formulierten Antwort andeuten will. »Dann ist es Joshua Burgess, den ihr gefunden habt. Und jemand hat ihn getötet?«

Er antwortet nicht. Stattdessen verzieht er den Mund, als er endlich den Mut aufbringt, die Frage zu stellen, die in ihm brennt.

»Glauben Sie, Rebecca Foster sagt die Wahrheit? Über Colonel North und Joshua Burgess?« Er scheint verlegen über seine eigene Kühnheit, und seine windgepeitschten Wangen röten sich noch mehr. »Glauben Sie, sie haben sie vergewaltigt, wie sie behauptet?«

***

Selbst jetzt, Monate später, sehe ich das Bild von Rebecca Foster ganz deutlich vor mir. Ich fand die junge Frau allein, zu Hause mit ihren Kindern, mehrere Tage nach dem Überfall. Der Ehemann war weg, sie war ein leichtes Opfer gewesen. Ich kümmerte mich um die aufgeplatzte Lippe, das blaue Auge, den geprellten Wangenknochen. Ich untersuchte die dunklen, violetten Blutergüsse, die ihren Oberkörper, ihre Arme und Oberschenkel, Handgelenke und Knöchel übersäten. Ich konnte wenig ausrichten. Es gibt keine Heilung für diese Art von Verletzung. Ich kenne diese Blutergüsse und weiß, was sie bedeuten.

Also badete ich die junge, hübsche Pastorenfrau und wickelte sie in eine Decke. Dann setzte ich mich hin und ließ sie an meiner Brust weinen. Ich streichelte ihr Haar und murmelte sanfte Laute in ihr Ohr. Wartete, bis Rebecca Foster sich ausgeweint hatte, dann nahm ich dieses schreckliche, herzzerreißende Geständnis entgegen, damit sie die Last nicht allein tragen musste.

Zuhören ist eine Fähigkeit, die man durch Übung erwirbt. Durch viele lange Jahre, die man an Betten und in Geburtsräumen verbringt, während man darauf wartet, dass Frauen die geheimen Handlungen teilen, die der Geburt vorangingen. Diese Geheimnisse werden in Wellen hervorgebracht: ein verstohlener Blick, eine geheime, erotische Berührung, Momente der Leidenschaft und des Kontrollverlusts. Aber manchmal – in den schlimmsten Momenten – ist es eine Geschichte wie die, die Rebecca vor vier Monaten in dieser gebrochenen, unzusammenhängenden Weise vor mir ausbreitete. Manchmal besteht meine Aufgabe darin, stillzusitzen und den Geschichten von Brutalität und Vergewaltigung zuzuhören. Von Frauen, die sich zu Sünden bekennen, die sie nicht begangen haben. Von denen sie sich nicht vorstellen konnten, dass sie ihnen je widerfahren könnten. Dinge, gegen die sie sich mit aller Kraft zur Wehr gesetzt hatten.

Also blieb ich an jenem Nachmittag still bei Rebecca sitzen. Ich ermutigte sie mit gelegentlichem verständnisvollem Nicken. Ich konnte nicht sprechen. Das wäre ganz falsch gewesen. Ich wusste, dass der Klang meiner Stimme dem Mädchen die Sprache verschlagen hätte. Und was auch immer danach geschah, ich war mir zweier Dinge gewiss: Rebecca musste mir alles erzählen, und ich musste herausfinden, wer für das, was ihr angetan worden war, zur Rechenschaft gezogen werden müsste.

***

»Ja«, sage ich schließlich zu James, während ich den harten Klumpen aus Zorn hinunterschluckte. »Rebecca sagt die Wahrheit, und ich glaube jedes Wort von dem, was sie sagt. Ich habe die Wunden gesehen, die sie ihr zugefügt haben. Aber ich hatte gehofft, dass Joshua Burgess dafür gehängt wird.«

James sieht mich an, der Mund zu einer grimmigen Linie verzogen. »Seien Sie nicht so sicher, dass er es nicht wurde.«

POLLARDS TAVERNE

Es brennt. Ich kann es riechen, vielleicht eine Viertelmeile von der Stadt entfernt. Für einen Moment fürchte ich, dass etwas Zerstörerisches Hallowell heimgesucht hat. Aber als wir um die Kurve biegen, sehe ich, dass die beiden Schornsteine der Taverne gewaltigen Rauch ausstoßen. Nasses Holz brennt nie gut, und der Rauch setzt sich fest wie ein Nebel, verpestet die Luft, dick und stechend, sodass meine Nase brennt.

Pollards Taverne wirkt wie ein dunkler Klotz gegen den dämmernden Himmel. Sie steht genau an der Kreuzung von Water und Winthrop Streets, einen Steinwurf entfernt sowohl von Colemans Laden als auch vom Kennebec River. Das Gebäude selbst, ein zweistöckiges Rechteck, das in einfacher Pfosten-Riegel-Bauweise entworfen wurde, wandelt seinen Zweck je nach Bedarf: Taverne, Gerichtssaal, Loge, Versammlungshalle – oder, in diesem Fall, Leichenhalle.

Diese Zweckentfremdungen sind nichts Ungewöhnliches. Letzten September diente die Taverne als Kaserne, als die Bostoner Miliz durch Hallowell marschierte – the Hook, wie die Einheimischen unser Dorf nennen. Sie kampierte hier zwei Wochen, trank Grog und schlief auf dem Boden, bis sie sich ihrem Regiment in Pittston anschließen konnte. Die Taverne roch noch tagelang nach ungewaschenen Männern. Genau neun Monate später brachte ich Sarah Whites Tochter zur Welt – eine eindrückliche Erinnerung an die Bostoner Miliz. Unverheiratet wie sie war, wurde das Mädchen zum Lieblingsthema der klatschsüchtigen Frauen des Ortes und weckte leider auch das niederträchtige Interesse einiger Männer. Sarah ist seit vielen Jahren eine Freundin meiner Töchter, und ich mag sie nach wie vor.

»Weiß sonst noch jemand von der Leiche?«, frage ich.

»Nicht, dass ich wüsste.«

»Wie viele Männer waren nötig, um ihn herauszuschneiden?«

»Sieben. Alle von Amos ausgewählt.«

Das ist ein Glücksfall, denke ich.

Ein kurzer Blick die Water Street hinauf und hinunter sagt mir, dass die Bewohner Hallowells schon wach sind – die meisten noch nicht auf den Beinen, aber immerhin wach. Manche Vorhänge sind aufgezogen, zeigen das warme Licht der Laternen im Inneren. Kinder holen noch schnell Holz unter den schneebedeckten Dachtraufen hervor und mehr als eine fleißige Hausfrau fegt schon ihre Vordertreppe und unterdrückt dabei ein Gähnen.

Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Nachricht der Ereignisse dieses Morgens Colonel North erreicht.

Aus dem Schornstein des Fort Western von Dr. Cony, fünf Häuser weiter, steigt Rauch auf. Ich brauche etwas Glück, wenn ich den Leichnam ungestört untersuchen will – bevor sie meine Arbeit unterbrechen oder sie gänzlich an sich reißen.

James hilft mir, so gut er kann, aus meinem Sattel – er ist gute fünf Zoll kleiner als ich. Er schlingt beide Zügel um den Anbindepfosten und schnallt meine Arzttasche vom Sattel ab, während ich meinen Reitmantel abstreife und die Handschuhe aus Ziegenleder ausziehe, die mir Ephraim zu Weihnachten geschenkt hat. Ich stecke sie durch die Schlitze an den Seiten meines Reitrocks und in die darunter befestigten Taschen. Ich setze meinen professionellen, leicht gleichgültigen Gesichtsausdruck auf und James hält mir die Tür auf und lässt mir den Vortritt: »Nach Ihnen.«

Ich vermeide jeglichen Blickkontakt mit irgendjemandem auf der Straße und achte darauf, so zu wirken, als wäre dies ein vollkommen gewöhnlicher, ungezwungener Besuch. Ich nehme die Stufen der Vordertreppe, trete über die Schwelle und augenblicklich geraten die Männer in Aufruhr. Sie springen auf, gestikulieren, reden laut durcheinander und deuten auf eine Tür am hinteren Ende der Taverne. Drei von ihnen halten Krüge mit Cider. Keinem fällt es ein, mich zu begrüßen. Einer von ihnen ist bereits betrunken. Chandler Robbins schwankt auf seinem Stuhl mit dem dumpfen Blick eines Mannes, der zu schnell und zu tief in seinen Becher geschaut hat.

»Ruhe«, schnauze ich und stemme die Fäuste in die Hüften. Sie verstummen, während ich den Raum absuche und jedem der sieben Männer direkt in die Augen sehe. »Wenn ich um eine Erklärung bitten dürfte?«

Moses Pollard – ein junger Mann von zwanzig Jahren – löst sich aus der Gruppe. Er ist breitschultrig, schmalhüftig und hat das Aussehen eines Mannes, der an Kraft gewinnt, je älter er wird. Aber wenn er spricht, dann mit dem weichen, freundlichen Akzent seiner schottischen Mutter.

»Danke, dass Sie gekommen sind, Mistress Ballard«, sagt er. »Er ist da hinten. Der Mann, meine ich. Der, den wir aus dem Eis geschnitten haben.« Moses schenkt mir ein schiefes halbes Lächeln – ebenfalls von seiner Mutter geerbt – und verlegen fügt er hinzu: »Wir wollten ihn nicht auf einen der Tische legen, wissen Sie, wir werden ja nachher von ihnen essen. Abgesehen von Fragen der Sauberkeit, sagte meine Ma, könnten sich die Frühstücksgäste vielleicht erschrecken, wenn da ein toter Mann auf dem Tisch liegt, während sie ihren Haferbrei verspeisen.«

Amos Pollard legt einen schweren Arm um die Schultern seines Sohnes und hustet ein Geräusch hervor, das sowohl ein Grunzen als auch ein Lachen sein könnte. Seine Stimme – ganz anders als Moses’ jugendlicher, federnder Tonfall – hat den kehligen Bariton eines deutschen Siedlers der ersten Generation. »Meine Frau sagte, sie würde mir den Hals umdrehen, wenn ich das erlaube.«

Die besagten Tische sind etwa zehn an der Zahl, und alle – außer einem, der, an dem die Männer gesessen haben – sind sauber gewischt, und nach Jahrzehnten des Gebrauchs von Tellern und Ellbogen glattpoliert. Auf jedem steht eine kleine Laterne, die warmes Licht spendet, die Bänke sind daruntergeschoben, jede bietet Platz für vier Gäste. Wie bei den meisten Dingen in Pollards Taverne – einschließlich der Besitzer – ist der Raum solide und rechteckig. Offene Kamine – jeder groß genug, um einen jungen Bullen darin zu braten – befinden sich an beiden Enden des Raumes und verleihen ihm das Aussehen der Großen Halle eines alten englischen Herrenhauses. Der Boden aus Steinplatten ist sauber gefegt. Es riecht nach Kerzenwachs, Holzpolitur und dem Essen von gestern Abend – Eintopf mit Kartoffeln, soweit ich das beurteilen kann.

Der ältere Pollard ist ein stämmiger Mann mit kantigem Kiefer und riesigen Händen. Er führt die Taverne, als wäre sie eine kleine Stadt und er der Bürgermeister. Seine Frau Abigail ist jedoch das wahre Herz des Ortes. In Hook wird sie geliebt für ihre Großzügigkeit, ihren Humor und ihre Kochkünste. Abigail ist die Art von Frau, die zwar fünf Gänse vor dem Mittagessen töten, rupfen, ausnehmen und braten kann, der aber beim Anblick von menschlichem Blut übel wird. Ich habe nur eine Handvoll solcher Frauen in meinem Leben getroffen und normalerweise habe ich keine Geduld für Zimperlichkeit, aber bei Abigail mache ich eine Ausnahme, weil es bei ihr liebenswert ist.

»Wie kann ich helfen?«, fragt Moses und tritt von seinem Vater weg.

Er versucht, einen guten Eindruck zu machen. Ich habe ein paar Mal bemerkt, wie er meine Tochter Hannah ansieht und ich vermute, er spielt mit dem Gedanken, sie zu umwerben.

»Ich bin mir nicht sicher. Ich muss ihn zuerst sehen.«

Amos knackt die Finger seiner kolossalen linken Hand, einen nach dem anderen, und ich zucke bei dem harten Geräusch zusammen. Es klingt, als würde er Äste brechen. »Es ist nicht gerade hübsch, Martha«, sagt er.

Ich sehe ihm in die Augen und erwidere: »Wenig an meiner Arbeit ist hübsch.«

Amos führt mich in den hinteren Raum, aber als ich an Moses vorbeigehe, schenke ich ihm ein kleines, ermunterndes Lächeln. Je besser ich den Jungen kennenlerne, desto besser kann ich ihn leiden. Er mag aussehen, als wäre er direkt aus dem Mund seines Vaters gespuckt worden, aber er hat das Herz seiner Mutter.

Ich trage meine Arzttasche in der Armbeuge, mein Reitmantel hängt über dem anderen Arm. Die Männer folgen mir in engem Pulk, mit wichtiger Miene, stolz darüber, einbezogen zu sein. Während sie mir nachstapfen, murmeln sie sich abwechselnd diverse Banalitäten zu.

»Ich würde wetten, der Kennebec ist bis nach Bath zugefroren, oder fast.«

»Ja, wahrscheinlich ein Dutzend Boote bis zum Frühling eingeschlossen. Oder mehr.«

»Hast du gehört, dass die Schwarze wieder im Hook ist?«

Dieser letzte Kommentar erregt meine Aufmerksamkeit und ich werfe einen Blick über meine Schulter zu Seth Parker, um in seinem Gesicht zu lesen, wie es um die Frau steht, aber er schaut zur Tür des Vorratsraums und scheint gar nicht bemerkt zu haben, dass er die Frage laut ausgesprochen hat. Diese Männer mögen die harte Arbeit geleistet haben, eine Leiche aus dem Fluss zu ziehen, aber nun, da sie sich ihr nähern, werden sie so nervös, dass die Luft knistert. Als die Tür zum Vorratsraum mit einem unheimlichen Quietschen nachgibt, weichen sie kollektiv zurück.

Grundgütiger. Ich schüttle den Kopf. Männer und der Tod: entweder Täter oder Feiglinge.

Ein Rechteck aus Licht fällt aus dem Hauptraum auf den Boden und die untere Hälfte eines Tisches, auf dem der Mann liegt, aber die Gestalt selbst ist zunächst in dem düsteren Haufen aus verbogenen Gliedmaßen und verdrehter, tauender Kleidung kaum auszumachen. »Eine Lampe, bitte«, sage ich und blicke über meine Schulter zu Moses. »Zwei wären besser.«

Es dauert nur einen Moment, bis er zurückkehrt, eine Laterne in jeder Hand. Die Männer treten zur Seite, um ihn durchzulassen, und er stellt eine an jedes Ende des Tisches. Das Licht ermöglicht mir den ersten guten Blick auf die Leiche.

Zwei Dinge sind sofort offensichtlich.

Es ist – ohne jeden Zweifel – Joshua Burgess.

Und er wurde erhängt.

Nicht nur der Leichnam wird jetzt sichtbar, sondern auch der gesamte Vorratsraum. An den Wänden sind Lebensmittel gestapelt, in Ecken angehäuft und an den Dachbalken aufgehängt. Über uns die hängenden Schinken und vor uns auf dem Tisch die ausgestreckte Leiche – mir rennt ein Schauer über den Rücken. Ich höre einen der Männer hinter mir würgen.

Ich ignoriere die sich zurückziehenden Schritte, das unruhige Scharren, die plötzliche Stille, als ich näher an den Tisch herantrete. Ich blende alles aus und fokussiere mich auf das Verlangsamen meines Pulses und das Beruhigen meines Geistes – eine erlernte Form der Konzentration, bei der ich alle Nervosität, alle Angst und jegliches Chaos beiseite schiebe. Ich atme tief durch die Nase ein, nehme den Geruch von Petroleum, Zwiebeln und Salz wahr – kein Blut, keine Verwesung, kein Erbrochenes. Ich lege Arzttasche und Reitmantel auf dem Boden ab, öffne die Knöpfe an jedem Handgelenk und kremple meine Ärmel hoch – zuerst den rechten, dann den linken – bis zu den Ellbogen. In meiner Tasche befindet sich eine saubere, fest gerollte Leinenschürze. Sie ist von langem Gebrauch fleckig und vom Tragen weich geworden. Ich ziehe sie heraus, streife sie über den Kopf und binde sie hinter meinem Rücken zu. All dies tue ich, während meine Augen neugierig umherschweifen und ich die Begutachtung des Körpers vornehme.

»Moses?«

Er tritt an meine Seite. »Ja?«

»Ich brauche eine Schüssel mit heißem Wasser und saubere Tücher.«

Er blinzelt einmal verwirrt, dann öffnet er den Mund, um etwas zu sagen, doch ich sehe, wie er mit der Frage ringt. Er will nicht respektlos sein, hält die Anweisungen aber offensichtlich für unsinnig. Schließlich bringt er nur ein einziges Wort heraus, bevor ich ihn unterbreche. »Aber –«

»Ja. Ich weiß, dass er tot ist.«

»Warum dann die Mühe, ihn zu säubern?«

Es ist eine gnadenlose Frage, die sich in Schlichtheit verbirgt. Sie zeigt, wo seine Loyalität in dem Skandal liegt, der unsere Gemeinschaft entzweit hat. Warum den Körper eines Kriminellen reinigen? Eines Vergewaltigers? Verschiedene Grunzlaute und zustimmendes Gemurmel ertönen von der Tür hinter uns. Anscheinend sympathisieren alle Männer, die Amos Pollard für die heutige makabre Aufgabe ausgewählt hat, mit Rebecca Foster.

»Ich reinige ihn nicht. Ich untersuche ihn«, sage ich sachlich. »Und ich tue es, weil es meine Pflicht ist.«

Ein Blick über die Schulter zeigt, dass die Herdfeuer wachsen, aber es wird noch eine Weile dauern, bis ihre Wärme den Vorratsraum erreicht. Die Kälte fühlt sich feucht und bösartig an, als könnte sie in meine Kleidung eindringen. In meine Knochen. Also reibe ich meine Hände aneinander, um wenigstens ein bisschen Wärme zu erzeugen.

Ich beschließe, Moses auf die Probe zu stellen, als er kurz darauf mit einer kleinen Schüssel und einem Stapel sauberer Tücher zurückkehrt. Es ist schließlich mein Recht als Mutter, denn wenn er vorhat, Hannah zu heiraten, darf er in einer solchen Situation nicht weniger Mut zeigen als meine Tochter. Ein Teil von ihm muss so zäh wie Leder sein, furchtlos wie sein Vater. Nur mit dem schwachen Magen seiner Mutter wird er es nicht weit bringen.

»Willst du immer noch helfen?«, frage ich, neige den Kopf zur Seite und sehe Moses herausfordernd an.

Sein einziges Anzeichen von Unsicherheit ist ein trockenes, schweres Schlucken. »Ja.«

»Dann kannst du mir assistieren.«

Seine Augen sind wachsam, aber er nickt. Das reicht mir schon, ich belohne ihn mit einem zufriedenen Lächeln. Moses scheint ermutigt und richtet sich ein wenig auf. Mein Mann behauptet gerne, ich sei schrecklich sparsam mit meinem Lächeln, es müsse sich hart verdient werden, aber ich halte das für ungerecht. Es gibt einfach selten Anlass zu lächeln.

»Was kann ich tun?«, fragt er.

»In meiner Tasche ist eine Schere. Gib sie mir bitte.«

Er findet sie schnell, stellt sich dann seitlich hinter mich, bereit für weitere Anweisungen.

Schmelzende Eisklümpchen haften noch an Joshua Burgess’ Haar und Oberkörper und tropfen auf den Steinboden und meine Schuhe. Ich ziehe die Haarsträhne aus seinem Mund und streiche sie zurück, wodurch das längliche erdbeerrote Muttermal an seiner Schläfe freigelegt wird. Jetzt kann es keinen Zweifel mehr an der Identität der Leiche geben. Burgess ist der einzige Mann in Hallowell mit solch einem Mal.

Teile seines Hemdes und seiner Hosenbeine wurden zerrissen, als die Männer das Eis aufhackten. Sein Nacken zieht meinen Blick auf sich – gebrochen in einem unnatürlichen Winkel liegend. Unter seinem Kiefer sind Seilspuren zu sehen und eine grässlich weiße Ausstülpung – wahrscheinlich die Luftröhre – ragt aus einem vertikalen Riss in seinem Hals.

Aber wo ist das Seil?

»Moses?«, frage ich.

»Ja?«

»Du warst heute Morgen mit den anderen unterwegs?«

»Ja.«

»Hatte er ein Seil um den Hals, als er aus dem Eis gezogen wurde?«

»Nicht, dass ich mich erinnere.«

»Bitte frag die anderen.«

Er dreht sich auf dem Absatz um und verlässt den Vorratsraum, leise wie eine Katze.

Ich habe in meinen fast fünfeinhalb Lebensjahrzehnten bisher nur einen weiteren Erhängten gesehen und der sah anders aus. In diesem Fall hier hatte der Sturz offenbar nicht das bewirkt, was er sollte. Richtig ausgeführt, bricht beim Hängen das Genick und führt zu einem grausamen, aber schnellen Tod. Falsch gemacht, ist es ein langsames Ersticken, das das Gesicht blau anlaufen und Zunge und Augen hervorquellen lässt. Joshua Burgess’ Augen sind offen und weit aufgerissen, doch auf seinem Gesicht liegt der Ausdruck der Überraschung, nicht des Erstickens. Und seine Lippen sind aufgeplatzt und mehrere Zähne abgebrochen.

Trotzdem müsste es ein Seil geben. Ob von Galgen, Bäumen oder Brücken hängend, Erhängte müssen abgeschnitten werden. Der Begriff totes Gewicht kommt mir in den Sinn, als ich mit dem Daumen über die aufgescheuerte Haut an seiner Kehle fahre.

»Niemand hat ein Seil gesehen«, erklärt Moses bei seiner Rückkehr.

Dann hat der Mörder es mitgenommen.

Das beunruhigt mich, aber ich schiebe es vorerst beiseite.

Burgess ist nicht verheiratet. Er lebt – nein, lebte – auf einem kleinen Gehöft, auf einem Grundstück dritter Klasse, drei Meilen die Winthrop Street hinunter. Diese Grundstücke – die kleinsten, unbeliebtesten und am weitesten vom Fluss entfernten – werden normalerweise alleinstehenden Männern oder ehemaligen Milizionären mit geringen Mitteln und wenigen Kontakten zugeteilt. Seit seiner Ankunft in Hallowell hat Burgess kein Geheimnis daraus gemacht, dass er ein Grundstück mit Flusszugang haben wolle, um ins Mühlengeschäft einzusteigen. Solche Grundstücke sind jedoch schwer zu bekommen und laut Ephraim alle verpachtet.

Aber Fakt ist, dass Burgess ein Gehöft mit einigen Tieren besitzt, die jetzt, da er tot ist, irgendwie versorgt werden müssen. Ich erwähne das gegenüber Moses, während ich mit den Fingern über Burgess’ Kopfhaut fahre und nach Wunden suche, die unter seinem langen, schmutzigen Haar verborgen sein könnten. »Ich sag’s Dad«, meint er, »mal sehen, ob er jemanden schicken kann, um sie zu holen.«

Nachdem ich festgestellt habe, dass Burgess keine Schnittwunden am Kopf hat, ist Moses zurück.

»Er hat drei Männer geschickt, um die Tiere zu den Nachbarn zu bringen. Sie werden auch alle Wertsachen aus dem Haus holen und bis zum Auffinden seiner Familie hier sicher verwahren.«

Ich danke ihm, dann wappne ich mich für den nächsten Teil der Untersuchung. »Schere«, sage ich und strecke die Hand zu Moses aus.

Er legt sie in meine Handfläche, dann rückt er näher. Das Metall ist kälter als die Luft, aber das Gewicht erdet mich für das, was nun zu tun ist. Ich schneide die Reste von Burgess’ Hemd weg und trete einen halben Schritt zurück, um zu begreifen, was ich sehe. Als Studentin der menschlichen Anatomie bin ich immer wieder erstaunt über die Variationen, die sie annehmen kann. Groß. Klein. Rund. Gerade. Dick. Dünn. Burgess ist kein großer Mann. Etwas kleiner als durchschnittlich und von der drahtigen Sorte, jene, die im Winter abmagert. Doch er ist möglicherweise der haarigste Mann, den ich je gesehen habe. Wie zu dieser Jahreszeit üblich, hat er sich einen Bart wachsen lassen, aber auch seine Brust, Arme und sicher auch der Rücken sind mit dunklem, grobem Haar bedeckt. Nichts davon kann die zahllosen grässlichen Blutergüsse oder die offensichtlich gebrochenen Rippen, Arme und Finger verbergen. Auf den ersten Blick sieht es aus, als hätte jemand auf Burgess’ Gesicht und den gesamten Oberkörper eingetreten. Als ich seine Hose aufschneide, sehe ich, dass sich die Verletzungen auch auf seinen Unterleib erstrecken.

Und das ist der Moment, in dem die verbliebenen Zeugen an der Tür kollektiv den Rückzug antreten, würgend, fluchend und schwitzend. Es scheint, als könnten – Vergewaltigungsvorwürfe hin oder her – nur wenige Männer den Anblick der zerquetschten Genitalien eines anderen Mannes ertragen.

Ich sehe zu Moses, ob er Anzeichen von Stress zeigt, aber er steht ruhig da, nur ein Muskel zuckt an seinem angespannten Kiefer. Er atmet durch die Nase und sein Blick scheint nicht fokussiert zu sein. Aber immerhin ist er weder geflohen noch hat er sich übergeben.

»Er hat es verdient«, flüstert Moses schließlich. »Hätte er meiner Schwester so etwas angetan, hätte ich ihn auch … Und ich würde mich nicht schlecht dabei fühlen.«

Ich wasche das Blut und den Schmutz von dem freigelegten, gefrorenen, verdrehten Körper ab. Ich blende die Ausrufe und Kommentare, die aus der Taverne dringen, aus. Ich ignoriere die Männer, die sich verabschieden. Ich zucke nicht zusammen, als eine Tür zuschlägt, ein Hund bellt oder ein Mann flucht. Ich lasse nicht nach, inspiziere jede Prellung, jeden Schnitt und jede Wunde sorgfältig und ignoriere die gleichmäßigen Schritte auf dem Steinboden hinter mir. Mein Fokus bleibt ganz auf den Leichnam gerichtet, auf meine Arbeit, die gründliche Untersuchung.

Plötzlich kann ich spüren, wie Moses neben mir unruhig wird. »Mistress Ballard …«, sagt er, und seine Stimme hebt sich bei der letzten Silbe.

»Joshua Burgess wurde geschlagen, gehängt und in den Fluss geworfen.« sage ich, wische meine Hände an der Schürze ab und trete vom Tisch zurück, zufrieden mit Ergebnis und Erkenntnis. Aber als ich mich zu Moses umdrehe, sehe ich, dass er zur Tür der Vorratskammer schaut. Er hatte meinen Namen warnend ausgesprochen, nicht fragend.

»Ich denke, ich bin derjenige, um das festzustellen.« Ein junger Mann steht in der Tür, er trägt einen guten Mantel und ein selbstgefälliges Grinsen. Er hält eine Ledertasche in der einen und einen neuen Filzhut in der anderen Hand. Er ist frisch rasiert und auf eine sorgfältig gepflegte Art gutaussehend – die Art, die mich schon immer irritiert hat.

»Wer sind Sie?«, frage ich.

»Dr. Benjamin Page.«

»Wo ist Dr. Cony?«

»Verreist. In Boston. Ich vertrete ihn heute. Freut mich, Ihre Bekanntschaft zu machen, Mistress Ballard.« Er neigt den Kopf, aber seine Stimme ist herablassend. »Ich versichere Ihnen, dass ich als approbierter Arzt und frischgebackener Absolvent der Harvard Medical School mehr als befähigt bin, diese Untersuchung durchzuführen.«

Mein Griff wird fester, aber ich zwinge mich, meine Finger zu lockern und meine Hände gelassen hängenzulassen. »Nicht nötig, Doktor Page. Ich habe die Untersuchung bereits abgeschlossen.«

Mit einem falschen Lächeln macht er einen Schritt auf mich zu. »So aufschlussreich Ihre Laienbeobachtungen auch sein mögen, ich bin sicher, Sie haben nichts dagegen, wenn ich an dieser Stelle hier übernehme.«

DR. COLEMANS LADEN

»Ich muss noch etwas erledigen«, sage ich zu James Wall, als wir vor der Taverne stehen. »Könntest du in der Zwischenzeit etwas für mich tun?«

»Natürlich.«

»Behalte Dr. Page im Auge. Ich traue ihm nicht.«

»Aye, Mistress Ballard. Ich bleibe, bis er gegangen ist«, verspricht James.

Der junge, neue Arzt muss nur meine Untersuchungsergebnisse bestätigen, dann können die Männer von Hallowell Joshua Burgess in die Erde legen, dort kann er verrotten. Aber der Boden ist gefroren und nichts außer einer Axt wird ihn in dieser Kälte aufbrechen und wahrscheinlich gibt es keinen Mann im Umkreis von drei Landkreisen, der bereit ist, die Arbeit zu erledigen. Das lässt sie mit einem Dilemma zurück: Was tun mit der verstümmelten Leiche? Fürs Erste in Leinen wickeln, dann in geöltes Segeltuch und im Schuppen hinter der Taverne lagern, bis eine bessere Lösung gefunden wird.

Mir ist nicht entgangen, dass Chandler Robbins in seinem betrunkenen Zustand vorgeschlagen hatte, Burgess wieder in den Fluss zu werfen. Sie hätten schließlich ein Loch hineingeschnitten, hatte er gelallt. Niemand hatte Chandler viel Beachtung geschenkt und dann hatten sich alle zerstreut und waren ihrer Wege gegangen.

Ich lasse James zurück, der müder aussieht als je zuvor, und mache mich auf die Suche nach etwas, das nur Samuel Coleman mir liefern kann. Ich muss nur die Straße überqueren und nach links abbiegen.

Das Schild über der Tür lautet »Colemans General Store« und es quietscht im Wind wie ein altes Tor an verrosteten Scharnieren. Kurz habe ich Sorge, der Laden könnte noch geschlossen sein, aber kaum lege ich meine Hand auf den Knauf, muss ich zurückweichen, als zwei Trapper – bärtig und übelriechend – herausstapfen.

»Hat uns nicht viel für die Felle gegeben, was?«, murrt der eine zum anderen.

Sie gehen an mir vorbei und ich halte den Atem an. Ich bezweifle, dass einer von ihnen in den letzten vier Wochen gebadet hat.

»Hol dir den Silberfuchs und er wird spendabler. Der ist locker zwanzig Dollar wert. Noch mehr, wenn du den Kopf dranlässt, wenn du ihn häutest.«

»Es gibt keinen Silberfuchs in diesen Wäldern«, widerspricht der zweite Mann. Er tritt vom Gehsteig und biegt nach links ab, in Richtung Pollards Taverne. »Die sind so selten wie Jungfrauen in einem Bordell.«

»Und genauso teuer. Aber ich habe einen gesehen. Eine hübsche kleine Füchsin. Flussaufwärts. Gestern. In der Nähe der Mühle, die der Waliser betreibt.«

Ich beobachte, wie sie über die Straße schlurfen und dabei matschige Spuren hinterlassen. Bald werden ihre Stimmen zu einem dumpfen Gemurmel und sie erreichen die andere Seite. Zweifellos, um die paar Münzen, die sie gerade verdient haben, in der Taverne zu versaufen.

Der Waliser, von dem sie sprechen, ist mein Ehemann und die Mühle gehört uns. Aber in den elf Jahren, die wir dort leben, habe ich dort noch nie einen Silberfuchs gesehen. Es stört mich, dass diese Männer glauben, sie könnten auf unserem Grundstück etwas töten und es einfach mitnehmen, nur weil ihnen danach ist.

Ich ziehe die Tür auf und betrete den Gemischtwarenladen. Das kleine Glöckchen klingelt über meinem Kopf und mein Blick fällt auf den Stapel neuer Felle neben der Theke. Sieben insgesamt, die meisten davon Biber, in der Mitte ein Hermelin und obenauf ein einzelnes, leuchtend rotes Fuchsfell. Plötzlich tut er mir leid, der kleine Gefährte der Silberfüchsin.

Colemans General Store wurde gebaut, bevor wir nach Hallowell zogen und Ephraim kann keinen Fuß in den Laden setzen, ohne zu zetern, dass er nicht rechtwinklig gebaut wurde. Die Löcher im Dach wurden jedoch letztes Jahr repariert und die Stadtbewohner müssen sich keine Sorgen mehr um Pfützen in der Abteilung für Trockenwaren machen. Mich zumindest erfreut dieser Ort. Die Fenster sind zahlreich, die Dielen knarren, und es riecht nach Lampenöl und getrockneten Äpfeln. Coleman wird jedoch älter und der Laden zeigt langsam Anzeichen von Vernachlässigung: Spinnweben in den Ecken. Staub auf jeder Fensterbank. Es ist viel zu bewältigen für einen Mann allein.

»Guten Morgen, Mistress Ballard«, ruft er von seinem Platz hinter der Kasse.

»Auch Ihnen einen guten Morgen«, antworte ich und gehe zu ihm an die Theke.

Außer uns beiden ist der Laden leer. Er sitzt auf einem Holzschemel und spielt eine Partie Schach gegen sich selbst. Je nachdem, ob er gerade Schwarz oder Weiß spielt, dreht er das Brett herum. Ich habe immer gedacht, Dame wäre einfacher, wenn das Ziel wäre, sich selbst zu überlisten, aber er besteht auf das Spiel der Könige.

Nachdem er den weißen Turm mit dem schwarzen Läufer genommen hat, schaut er vom Brett auf. Die Iris seines noch funktionierenden Auges ist in den letzten Jahren milchig geworden und hat das einst weiche Blau in ein trübes Grau verwandelt. Das ist jedoch weniger beunruhigend als die eingesunkene Leere an der Stelle, wo sein anderes Auge früher war. Der Mann weigert sich, eine Augenklappe zu tragen.

»Es ist noch früh. Was führt Sie in den Hook?«, fragt er.

»Eine Geburt und ein Tod, unter anderem.«

Er lächelt und man könnte meinen, mit seinen kaputten Augen mute das grotesk an – aber so ist es nicht. Sein Lächeln ist charmant. »Seelen, die in der Nacht vorüberziehen, nehme ich an? Wer ist gekommen und gegangen?«

»Charles und Betsy Clark haben eine weitere Tochter bekommen«, erzähle ich ihm, schmunzle über seine hochgezogene Augenbraue und füge dann hinzu: »Und jemand hat Joshua Burgess getötet.«

»Ah. Er war es also, den sie im Fluss gefunden haben.«

»Wie haben Sie davon erfahren?«

»Die halbe Stadt weiß inzwischen davon.«

»Nur die halbe?«

»Der Rest schläft noch.«

Deshalb habe ich mir die Zeit genommen, Samuel Coleman zu besuchen, bevor ich nach Hause gehe. Nichts passiert im Hook ohne sein Wissen. Er wird in der Stadt Dr. Coleman genannt, obwohl keiner ihn jemals medizinisch praktizieren sah. Auch würde ihm niemand in dem Bereich vertrauen, da er nur ein Auge und insgesamt sechs Finger besitzt: zwei an seiner linken und vier an seiner rechten Hand. Theorien darüber, wie er sie verloren hat, reichen von vernünftig (Kriegsverletzungen) bis lächerlich (Folter durch Piraten). Coleman lässt die Leute im Hook denken, was sie wollen und kümmert sich nie darum, ihre Spekulationen zu bestätigen oder zu dementieren. Tatsächlich spricht er, wenn er überhaupt spricht, meist nur, um über die Behauptung der Franzosen zu schimpfen, ihre Literatur sei der englischen überlegen. Welchen Groll er auch immer gegen die Franzosen hegt, er will den Grund für sich behalten. Es ist jedoch seine Fähigkeit zuzuhören, die ihn für mich wertvoll macht.

»Sagen Ihre Informanten auch etwas darüber, wer es getan haben könnte?«

»Ich würde vermuten, es gibt mehrere Männer, die einen Grund hätten. Isaac Foster fällt mir sofort ein. Ganz zu schweigen von Joseph North. Und Dutzende andere, die dafür bekannt waren, ihn nicht zu mögen. Ich habe keinen bestimmten Namen gehört, wenn Sie das meinen.« Er zwinkert. »Aber der Laden ist noch keine Stunde geöffnet, also geben Sie mir Zeit.«

»Sie werden es mir aber verraten?«

Er nickt.

Vor einigen Jahren haben Coleman und ich eine Art Tauschvereinbarung getroffen. Meistens tauschen wir Bücher und Informationen, aber gelegentlich auch Haushaltswaren. Er hält jedes Lesematerial zurück, das er bekommt und ich versorge ihn mit Kerzen. Der Klatsch ist kostenlos.

»Ich werde in ein paar Tagen wieder vorbeischauen«, sage ich.

»Gibt es sonst noch etwas, das Sie brauchen, wo Sie schon mal hier sind?«

»Nur noch eine Sache.«

»Und was ist das?«

»Was wissen Sie über diesen neuen Arzt, der in die Stadt gekommen ist?«

BALLARDS MÜHLE

Es ist später Vormittag, als ich nach Hause zurückkehre, die Wintersonne ist hinter einem Schleier trüber Wolken verborgen. Das Licht fühlt sich schwach und kränklich an, als ob es durch ein altes Käsetuch gesiebt würde. Ich reite mit Brutus durch den Wald und auf die Lichtung, wo ich an einer Weggabelung anhalte. Rechts führt mich der Weg hinunter zur Mühle, wo ich das schwere Hacken der Axt meines Mannes hören kann. Der linke Weg führt mich den Hügel hinauf zum Haus, wo meine Mädchen sich um Sam Dawin kümmern.

Ich überlege, welchen Weg ich nehmen soll, als ich die Silberfüchsin sehe.

Dort, am Hang, der zur südlichen Weide führt, klar gezeichnet gegen den Schnee, steht dieses geschmeidige Wesen, fast ganz schwarz, mit durchdringenden, bernsteinfarbenen Augen. Sie ist atemberaubend. Wild und stolz. Und ich würde eher einen dieser Trapper selbst erschießen, als zuzulassen, dass sie das Tier in eine Pelzstola verwandeln. Brutus zuckt unter mir, neugierig und angespannt. Er ist kein Freund von Zähnen oder Klauen. Aber die kleine Kreatur bewegt sich weder noch macht sie einen Laut.

Nach einem langen, faulen Gähnen, bei dem sich die rosa Zunge zu einem S entfaltet, dreht die Füchsin ihren spitzen Kopf, um den Hügel hinauf zum Haus zu schauen. Dann zurück zu mir und wieder zurück zur Auffahrt. Sie tut das drei Mal, langsam und sicher. Hin und her. Dann – aus dem Nichts – bellt sie mich an, was Brutus zu einem wilden Ruck veranlasst. Es ist ein heulendes Bellen. Aber nicht das eines Hundes. Auch nicht das eines Wolfs. Nicht das gemeine Kläffen und Knurren eines Kojoten. Es ist ein scharfzüngiges und wildes Geräusch. Katzengejaule, würde mein Mann sagen.

Schließlich schnuppert die Füchsin in die Luft, setzt sich auf ihre Hinterbeine, leckt eine getupfte Pfote und wirkt zufrieden.

Das ist sie also, die Füchsin, von der die Trapper sprachen. Sie will, dass ich zum Haus gehe, denke ich und bin so überrascht von dieser Erkenntnis, dass ich nach Luft schnappe. Die Füchsin hebt den Kopf bei dem Geräusch, trifft erneut meinen Blick, dann springt sie auf die Füße und trabt in den Wald.

»Pass auf dich auf, Kleine«, rufe ich ihr nach und treibe Brutus den Hügel hinauf.

Unser jüngster Sohn, Ephraim – der gerade elf geworden ist und nach seinem Vater benannt wurde – erwartet mich am Gartentor. Er greift nach den Zügeln, als ich von Brutus absteige.

»Sei vorsichtig mit ihm«, sage ich und schnalle meine Arzttasche vom Sattel ab. »Er ist heute ganz schön aufgedreht.«

»Egal. Er mag mich.« Er zuckt mit den Schultern, überzeugt, dass ihm nichts passieren wird und lächelt breit. Ich bemerke, dass er seinen letzten Milchzahn verloren hat.

»Trotzdem«, ich beuge mich hinunter, um seinen Kopf zu küssen und knabbere sanft an seinem Ohrläppchen, »er kann auch beißen.«

Ephraim kichert und ich zerzause sein struppiges Haar, als er sich zum Stall wendet, um mein Pferd zu versorgen.

Es ist schwer, ein ältestes Kind zu haben, aber noch schwerer, ein jüngstes zu haben. Bald wird auch er einen Bart wie Cyrus und einen Adamsapfel wie Jonathan haben. Bald wird er die Hälfte seiner Nächte auswärts verbringen und das wird das Ende der Kindheit in unserem Haus sein. Ich bin vierundfünfzig Jahre alt und dieser Junge ist mein letzter. Diese Gewissheit erleichtert und betrübt mich zugleich – schließlich habe ich neun Kinder in diese Welt gesetzt, doch nur sechs leben noch. Wie viele Mütter beherrsche ich längst die Kunst, Freude an der einen und Trauer an der anderen Brust zu stillen.

Ich stehe an der Tür und beobachte noch einen Moment seinen schlendernden, kindlichen Gang, dann gehe ich ins Haus, um nach Sam Dawin zu sehen.

»Wie geht es unserem Patienten?«, frage ich meine beiden Töchter, als ich durch die Tür trete. Warme Luft, die nach frisch gebackenem Brot riecht, strömt mir entgegen und vertreibt die Kälte, die mir in den Gliedern steckte seitdem ich das Haus mitten in der Nacht verlassen hatte.

»Woher wusstest du von ihm?« Dolly schaut auf und ich sehe die Neugier in ihren Augen brennen. Sie haben das gleiche leuchtende Blau wie die ihres Vaters.

»Neuigkeiten verbreiten sich schnell.« Mit zwanzig und siebzehn sind Hannah und Dolly Frauen, keine Mädchen mehr, mit Hüften und Kurven, die auf dem Weg in ihr eigenes Leben und weg von zu Hause sind. Es wird nicht lange dauern, bis sie mich überholen, bis sie sich nicht mehr damit begnügen, nur Töchter und Schwestern zu sein. Bald wird das Unvermeidliche passieren: Sie werden jemandes Frau sein wollen. Jemandes Mutter.

»Nun?«, frage ich. »Wie geht es ihm?«

»Er ist wach«, sagt Dolly.

»Und hungrig«, fügt Hannah hinzu.

»Und er will nach Hause. Aber wir haben ihn überredet zu bleiben.«

Sam Dawin ist weder ein kleiner Mann, noch scheint er der Typ zu sein, der sich von irgendjemandem etwas sagen lässt, geschweige denn von jungen Frauen, die halb so groß sind wie er. Neugierig hebe ich eine Augenbraue.