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Wie kam das Grün in die Stadt? Wie der Städter zum Grün? Und welches Verhalten ringt uns das Grün in der Stadt ab? Die Kulturwissenschaftlerin Mareike Vennen liefert mit ihrem Beitrag in Kursbuch 197 nicht weniger als eine kleine Naturgeschichte der Stadt und macht bewusst, wie allem Grünen eine Gleichzeitigkeit positiver und negativer Auswüchse innewohnt.
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Veröffentlichungsjahr: 2019
Inhalt
Mareike VennenDer grüne KomplexEpisoden zur Naturgeschichte der Stadt
Die Autorin
Impressum
Mareike VennenDer grüne KomplexEpisoden zur Naturgeschichte der Stadt
Was haben Öko-Institut, Weltraumkolonien und urbane Brachflächen gemein? Sie alle haben mit Grün zu tun, auf ihre je eigene Weise, und mit Stadt. Statt den Versuch zu unternehmen, »das Grün« übergreifend zu fassen, geht es im Folgenden um konkrete Schauplätze und Szenarien aus der Geschichte des Grüns in der Stadt – einige von ihnen ikonisch, andere weniger bekannt. Grün mit Natur und Ökologie zusammenzudenken, mag freilich wenig überraschen. Aber gerade für diese inzwischen so selbstverständliche Allianz war die Stadt zentral. Die Stadt bietet sich daher als Schauplatz und Untersuchungsobjekt an, weil sie eben nicht nur Schauplatz ist, sondern auch Akteur, der diesen Konnex historisch mit hervorgebracht hat. Anders gesagt: Wenn heute Grün unmittelbar mit Natur, Umweltschutz und Ökologie assoziiert wird, hängt das historisch (auch) mit der Stadt zusammen. Denn hier ist Grünes nicht einfach und immer gegeben. Es bedurfte und bedarf vielmehr historisch je verschiedener (Kultur-)Techniken, Diskurse und Medien, mittels derer Stadt und Grün zusammengedacht und zusammengebracht wurden. Die folgenden Überlegungen nähern sich dem Komplex von Grün und Stadt daher von den Praktiken aus, mit denen versucht wurde und wird, (Stadt-)Grün hervorzubringen, zu erforschen, einzuhegen, zu schützen oder auszumerzen.
Welcher Platz wurde dem städtischen Grün jeweils zugewiesen? An welchen Orten konnte sich das Grüne in der Stadt Bahn brechen, zu welcher Zeit erscheint es als vorbildlich für die Stadt und wann als störend? Auf welche Weise wurde städtisches Grün zum Objekt von Planung, ökologischem Wissen, gärtnerischer und bürokratischer Einhegung oder aber von sozialem Protest und kulturellen Gegenwelten? Mithilfe welcher stadtplanerischen, bürokratischen und gärtnerischen Instrumente wurde Grün in der Stadt kultiviert und durch welche Diskurse wurde es eingehegt oder sich selbst überlassen? Mit welchen Maßnahmen oder Strategien wurde es abgewehrt, entfernt oder ausgeschlossen? Wie wurde für und gegen Grün argumentiert und zu welchen Zeiten wurde das Grün(e) zum Politikum und wann gerade sein Fehlen? Kurz: Welche Verflechtungen und Dynamiken im Verhältnis von Ökologie, Wissen und Stadt bringt es hervor?
Grüne Umwelten im Glas
Mehr Grün. Daran arbeiten urbane Gärtner nicht erst, seit die Begrünung des Stadtraums unter dem Label des Urban Gardening firmiert. »Mehr Grün« war schon in den frühen 1980er-Jahren das Motto, als unter Federführung städtischer Gartenämter innerhalb von drei Jahren 10 000 Hinterhöfe in Ost-Berlin verschönert werden sollten. Eine Begrünung hatte auch der Londoner Arzt und Hobbygärtner Nathaniel Bagshaw Ward 1829 im Sinn, als er sich daranmachte, in seinem Hinterhof im Osten Londons verschiedene Arten von Farnen zu kultivieren. Rückblickend erweist sich diese Episode in mehrfacher Hinsicht als folgenreich für das Verhältnis von Ökologie, Natur und Stadt.
Das Ergebnis von Wards hortikulturellen Ambitionen war zunächst recht kümmerlich. Im Osten Londons, mitten im Herzen industriellen Wachstums, war die Luft von schädlichen Staub- und Rußemissionen der Fabriken dermaßen verunreinigt, dass die Bemühungen städtischer Kleingärtnerei buchstäblich auf keinen grünen Zweig kamen. Umso größer war Wards Überraschung, als in einer mit Erde und Blättern ausgelegten Flasche, die er zur Beobachtung einer darin lebenden Schmetterlingsraupe verschlossen auf sein Fenstersims gestellt hatte, unerwartet ein grüner Pflanzentrieb zu sprießen begann. Im Innern der Glasflasche hatte sich durch Verdunstung und Kondensation ein Mikroklima gebildet, sodass sich die Versuchsanordnung als funktionsfähige, das heißt wachstumsfördernde Umgebung für das zarte Grün entpuppte.
Die Ward’sche Flaschenfarnepisode mündete kurze Zeit später in die Entwicklung des ersten Wardian Case. Das unerwartet umtriebige Grün im Glas wechselte dafür in den 1830er-Jahren von der Flasche in ornamentale Glaskästen. Schon bald waren Wardian Cases in beliebiger Anzahl und Größe handelsfertig erhältlich und ließen einheimische und exotische Farne in bürgerlichen Salons sprießen.
Indem der Kasten das grüne Gewächs zum Wachsen und Gedeihen bringt, materialisiert sich in ihm das Bild einer nach außen hin unabhängigen, im Innern sich laufend selbst wiederverwertenden Natur, deren selbsterneuernde Kraft potenziell unendlich schien. Denn es war, so lässt Ward die Leser seiner Schrift On the Growth of Plants in Closely Glazed Cases 1 wissen, nur eine technische Materialschwäche – das Rosten des Flaschendeckels –, die seinem Experiment nach vier Jahren ein Ende setzte.
