Der Herr der Ringe -  Die Rückkehr des Königs - J.R.R. Tolkien - E-Book

Der Herr der Ringe - Die Rückkehr des Königs E-Book

J.R.R. Tolkien

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Beschreibung

Der Schauplatz des Herrn der Ringe ist Mittelerde, eine alternative Welt, und erzählt wird von der gefahrvollen Quest einiger Gefährten, die in einem dramatischen Kampf gegen das Böse endet. Durch einen merkwürdigen Zufall fällt dem Hobbit Bilbo Beutlin ein Zauberring zu, dessen Kraft, käme er in die falschen Hände, zu einer absoluten Herrschaft des Bösen führen würde. Bilbo übergibt den Ring an seinen Neffen Frodo, der den Ring in der Schicksalskluft zerstören soll. Hobbits sind kleine, gemütliche Leute, dabei aber erstaunlich zäh. Sie leben in einem ländlichen Idyll, dem Auenland.

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Seitenzahl: 677




J.R.R. Tolkien

DER HERR DER RINGE

Dritter Teil: Die Rückkehr des Königs

Aus dem Englischen übersetztvon Wolfgang Krege

Impressum

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Speicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

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Hobbit Presse

Die Originalausgabe von »Die Rückkehr des Königs« erschien unter dem Titel»The return of the King. Being the Third Part of the Lord of the Rings« im Verlag George Allen & Unwin Ltd., London

Published by arrangement with HarperCollins Publishers Ltd., London

© Tolkien Estate Limited 1955, 1966

und Tolkien® sind eingetragene Markenzeichen der Tolkien Estate Limited

Für die deutsche Ausgabe:

© 1970, 1972 by J. G. Cotta’sche BuchhandlungNachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart

Die Gedichte auf folgenden Seiten wurden von E.-M. von Freymann übertragen: S. 9, 165, 194, 256, 330, 376.

Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung: Birgit Gitschier, Augsburg

© Umschlagillustration Max Meinzold, München

Datenkonvertierung: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

Printausgabe: ISBN 978-3-608-93983-5

E-Book: ISBN 978-3-608-10715-9

Dieses E-Book entspricht der aktuellen Auflage der Printausgabe.

INHALT

Dritter Teil: Die Rückkehr Des Königs

Übersicht

FÜNFTES BUCH

ERSTES KAPITELMinas Tirith

ZWEITES KAPITELDer Weg der grauen Schar

DRITTES KAPITELDie Heerschau von Rohan

VIERTES KAPITELDie Belagerung von Gondor

FÜNFTES KAPITELDer Ritt der Rohirrim

SECHSTES KAPITELDie Schlacht auf dem Pelennor

SIEBENTES KAPITELDenethors Scheiterhaufen

ACHTES KAPITELDie Häuser der Heilung

NEUNTES KAPITELDie letzte Beratung

ZEHNTES KAPITELDas Schwarze Tor öffnet sich

SECHSTES BUCH

ERSTES KAPITELDer Turm von Cirith Ungol

ZWEITES KAPITELDas Land des Schattens

DRITTES KAPITELDer Schicksalsberg

VIERTES KAPITELDas Feld von Cormallen

FÜNFTES KAPITELDer Statthalter und der König

SECHSTES KAPITELViele Abschiede

SIEBENTES KAPITELHeimwärts

ACHTES KAPITELDas Ausmisten des Auenlandes

NEUNTES KAPITELDie Grauen Anfurten

Anmerkungen

Karte

Zur neuen Übersetzung

Informationen zum Autor

Dritter Teil:DIE RÜCKKEHR DES KÖNIGS

ÜBERSICHT

Dies ist der dritte Teil des Herrn der Ringe.

Im ersten Teil, Die Gefährten, wurde erzählt, wie Gandalf der Graue herausfand, dass der Ring im Besitz des Hobbits Frodo tatsächlich der Eine Ring war, der die anderen Ringe der Macht beherrschte. Darauf mussten Frodo und seine Gefährten aus ihrer Heimat, dem friedlichen Auenland, fliehen, verfolgt von den furchtbaren Schwarzen Reitern aus Mordor, bis sie endlich mit Hilfe des Waldläufers Aragorn aus Eriador unter höchsten Gefahren Elronds Haus in Bruchtal erreichten.

Dort wurde unter Elronds Vorsitz eine große Ratsversammlung abgehalten, die den Beschluss fasste, einen Versuch zur Vernichtung des Rings zu unternehmen. Zum Träger des Rings wurde Frodo bestimmt. Dann wurden Gefährten ausgewählt, die ihm helfen sollten, seinen Auftrag zu erfüllen: sich wenn irgend möglich ins Land des Feindes, nach Mordor, einzuschleichen und dort den Ring ins Feuer des Flammenbergs zu werfen, worin allein er zerstört werden konnte. Die Gefährten waren Aragorn und Boromir, der Sohn des Statthalters von Gondor, stellvertretend für die Menschen; Legolas, der Sohn des Elbenkönigs aus dem Düsterwald, für die Elben; Gimli, der Sohn Glóins vom Einsamen Berg, für die Zwerge; Frodo mit seinem Diener Samweis und seinen zwei jungen Vettern Meriadoc und Peregrin für die Hobbits; und außerdem Gandalf der Graue.

In aller Heimlichkeit zogen die Gefährten von Bruchtal weit nach Süden. Ein Versuch, das Hochgebirge im Winter auf dem Pass am Caradhras zu überschreiten, misslang; und dann führte Gandalf sie durch eine Geheimtür in die weiträumigen Minen von Moria, auf der Suche nach einem Weg unter den Bergen hindurch. Im Kampf mit einem entsetzlichen Wesen aus der Unterwelt stürzte Gandalf dort in einen dunklen Abgrund. Doch Aragorn, der sich nun als der geheime Erbe der alten Könige des Westens zu erkennen gegeben hatte, führte die Gefährten weiter: vom Osttor von Moria in das Elbenland Lórien, dann den großen Anduinstrom abwärts bis zu den Rauros-Fällen. Schon da hatten sie bemerkt, dass sie von Spähern beobachtet wurden und dass Gollum, eine Kreatur, die den Ring einmal besessen hatte und ihn noch immer begehrte, ihnen auf der Spur war.

Nun wurde es notwendig, sich zu entscheiden, ob sie ostwärts nach Mordor oder mit Boromir nach Minas Tirith gehen sollten, um Gondors Hauptstadt im bevorstehenden Krieg verteidigen zu helfen. Oder sollten sie sich trennen? Als deutlich wurde, dass der Ringträger entschlossen war, das hoffnungslose Unternehmen bis ins Feindesland fortzusetzen, versuchte Boromir, den Ring mit Gewalt an sich zu bringen. Der erste Teil endete damit, dass Boromir der Verlockung des Rings erlag, während Frodo und sein Diener Samweis sich heimlich davonmachten und die anderen Gefährten durch einen plötzlichen Überfall von Orksoldaten getrennt wurden, die teils im Dienst des Dunklen Herrschers von Mordor, teils des Verräters Saruman in Isengard standen. Das Unglück schien die Fahrt des Ringträgers schon ereilt zu haben.

Im zweiten Teil (Buch III und IV), Die zwei Türme, wurde über die Abenteuer aller Gefährten nach der Auflösung des Ringbundes berichtet. Buch III erzählte von Boromirs Reue und Tod und von seiner Bestattung in einem Boot, das die Rauros-Fälle hinabfuhr, von Meriadocs und Peregrins Gefangenschaft bei den Orks, die sie über die östlichen Ebenen von Rohan nach Isengard verschleppen wollten, und von der Verfolgung der Orks durch Aragorn, Legolas und Gimli.

Dann traten die Reiter von Rohan auf den Plan. Angeführt von ihrem Marschall Éomer umzingelten sie die Orks am Saum des Fangornwaldes und vernichteten sie; die Hobbits aber entkamen in den Wald und begegneten dort Baumbart, dem Ent, dem heimlichen Herrn des Waldes. Sie erlebten mit, wie das Baumvolk sich empörte und in heller Wut nach Isengard marschierte.

Währenddessen begegneten Aragorn und seine Gefährten dem von der Schlacht heimreitenden Éomer. Er lieh ihnen Pferde, und sie ritten zum Waldrand. Als sie dort vergebens nach den Hobbits suchten, stieß Gandalf wieder zu ihnen, der aus dem Tod zurückgekehrt war, nun als ein Weißer Reiter, doch immer noch mit einem grauen Mantel getarnt. Mit ihm ritten sie durch Rohan bis zur Halle Théodens, des alten Königs der Mark, den Gandalf von der Behexung durch Schlangenzunge heilte, den treulosen Ratgeber des Königs und heimlichen Verbündeten Sarumans. Dann zogen sie mit dem König und seinem Heer gegen Isengards Streitkräfte zu Felde und hatten Anteil an dem unverhofften Sieg bei der Hornburg. Unter Gandalfs Führung ritten sie nach Isengard und fanden die große Festung von den Baumhirten in Schutt gelegt, Saruman und Schlangenzunge belagert in dem uneinnehmbaren Orthanc-Turm.

Bei der Verhandlung vor seiner Tür zeigte Saruman keinerlei guten Willen; daher enthob ihn Gandalf seines Amtes, zerbrach seinen Stab und überließ ihn den Ents zur weiteren Bewachung. Aus einem hohen Turmfenster warf Schlangenzunge nach Gandalf einen Stein, der ihn aber nicht traf und von Peregrin aufgehoben wurde. Es stellte sich heraus, dass dies einer der drei noch erhaltenen Palantíri war, der Sehenden Steine aus Númenor. Später in der Nacht gab Peregrin (genannt Pippin) der Verlockung des Steins nach. Er stahl ihn und blickte hinein. So wurde er sichtbar für Sauron. Buch III endet damit, dass ein Nazgûl über die Ebenen von Rohan geflogen kam, ein Ringgeist auf einem geflügelten Reittier, Vorzeichen des nun beginnenden Krieges. Gandalf übergab den Palantír Aragorn und machte sich mit Pippin auf zum Ritt nach Minas Tirith.

Buch IV berichtete von Frodo und Samweis, die nun im kahlen Bergland der Emyn Muil umherirrten. Sie fanden einen Abstieg aus den Bergen und wurden von Sméagol-Gollum eingeholt. Frodo konnte Gollum zähmen und ihn von seiner Bösartigkeit beinah abbringen; und Gollum führte sie durch die Totensümpfe und das verwüstete Land bis zum Morannon, dem Schwarzen Tor an der Nordgrenze von Mordor.

Dort einzudringen, war unmöglich, und Frodo nahm von Gollum den Rat an, einen »geheimen Eingang« weiter im Süden aufzusuchen, den Gollum kannte, im Schattengebirge, Mordors westlichem Grenzwall. Auf dem Weg dorthin fielen sie einem Spähtrupp der Menschen von Gondor, geführt von Boromirs Bruder Faramir, in die Hände. Faramir bekam heraus, was sie vorhatten, widerstand aber der Versuchung, der Boromir erlegen war, und brachte sie auf den Weg zur letzten Etappe zum Cirith Ungol, dem Spinnenpass; zugleich aber warnte er sie, dass dies ein höchst gefährlicher Weg sei, von dem Gollum ihnen weniger gesagt habe, als er wisse. Eben als sie die Wegscheide erreichten und die Straße in Richtung der Geisterstadt Minas Morgul betraten, strömte von Mordor eine dunkle Wolke aus, die alle Länder bedeckte. Sauron schickte nun sein erstes Heer ins Feld, geführt vom schwarzen König der Ringgeister: Der Ringkrieg hatte begonnen.

Gollum brachte die Hobbits auf einem geheimen Pfad an Minas Morgul vorüber, und in der Dunkelheit kamen sie schließlich zum Cirith Ungol. Dort verfiel Gollum wieder auf seine bösen Absichten und versuchte, sie dem Ungeheuer Kankra auszuliefern, das den Pass bewachte. Dank Sams Tapferkeit, der seinen Angriff abwehrte und Kankra verwundete, wurde sein Vorhaben vereitelt.

Der zweite Teil endete damit, dass Sam einige schwierige Entscheidungen treffen muss. Frodo, von Kankra gestochen, liegt tot, wie es scheint, am Boden, und entweder wird seine Fahrt nun ein katastrophales Ende finden, oder Samweis muss seinen Master verlassen. Schließlich nimmt Samweis den Ring an sich. Er will das aussichtslose Unternehmen allein fortsetzen. Doch als er eben im Begriff ist, Mordor zu betreten, kommen Orks von Minas Morgul herauf, und andere kommen ihm aus dem Turm von Cirith Ungol entgegen, der die Passhöhe bewacht. Durch den Ring unsichtbar, erfährt Samweis aus dem Gezänk der Orks, dass Frodo nicht tot, sondern nur betäubt ist. Zu spät setzt er den Orks nach. Sie tragen Frodo durch einen Tunnel davon, der zu einem Hintereingang in ihren Turm führt. Als das Tor krachend vor Samweis zugeschlagen wird, fällt er in Ohnmacht.

Dieser dritte und letzte Teil nun soll berichten, auf wie verschiedene Weise Gandalf und Sauron gegeneinander vorgehen, wie es zur letzten Entscheidung und zum Ende der großen Finsternis kommt. Zunächst kehren wir zum Kriegsgeschehen im Westen zurück.

FÜNFTES BUCH

ERSTES KAPITEL

MINAS TIRITH

Pippin lugte unter Gandalfs Mantel vor. Er wusste nicht, ob er wach war oder schlief und noch immer in dem Traum dahinflog, der ihn umfangen hatte, als ihr großer Ritt begann. Die nächtliche Welt brauste vorüber, und der Wind pfiff ihm um die Ohren. Er konnte nichts sehen als die kreisenden Sterne hoch oben und zur Rechten gewaltige, gegen den Himmel aufragende Schatten, wo sich die Berge des Südens dahinzogen. Schläfrig versuchte er, die Stunden und Stationen ihres Ritts nachzuzählen, aber auf sein Gedächtnis, das noch döste, war kein Verlass.

Zuerst waren sie in rasendem Tempo ohne Halt die Nacht durch geritten, und im Morgengrauen hatte er einen blassen Goldschimmer gesehen, und sie waren in die stille Stadt und das große, leere Haus auf dem Hügel gekommen. Und kaum waren sie unter seinem Dach, da fuhr der geflügelte Schatten wieder über sie hinweg, und die Menschen vergingen vor Angst. Ihn aber hatte Gandalf beschwichtigt, und er hatte sich in einem Winkel schlafen gelegt, müde, aber unruhig, hatte hin und wieder etwas von dem Kommen und Gehen bemerkt, von den Menschen, die mit Gandalf redeten und denen er Anweisungen gab. Und dann wieder reiten, reiten durch die Nacht. Dies war die zweite, nein, die dritte Nacht, seit er in den Stein geblickt hatte. Und bei dieser abscheulichen Erinnerung wurde er vollends wach; ihn schauderte, und das Brausen des Windes füllte sich mit drohenden Stimmen.

Ein Licht brannte am Himmel, eine gelbe Flamme hinter dunklen Schranken. Pippin zog wieder den Kopf ein, und für einen Moment fragte er sich ängstlich, in was für ein schreckliches Land Gandalf ihn bringe. Er rieb sich die Augen und sah, dass es der Mond war, der, nun fast voll, über die Schatten im Osten aufstieg. Es war also noch nicht spät in der Nacht, und sie würden noch stundenlang so weiterreiten. Er rührte sich.

»Wo sind wir, Gandalf?«, fragte er.

»Im Königreich Gondor«, antwortete der Zauberer. »Das Land, durch das wir jetzt reiten, heißt Anórien.«

Sie schwiegen wieder eine Weile. Dann rief Pippin plötzlich, »was ist das?«, und klammerte sich fest an Gandalfs Mantel. »Sieh doch, Feuer, rotes Feuer! Gibt es in diesem Land Drachen? Sieh, da ist noch eines!«

Statt einer Antwort feuerte Gandalf laut sein Pferd an: »Los, Schattenfell! Wir haben’s eilig. Die Zeit wird knapp. Sieh dort, die Leuchtfeuer von Gondor brennen, sie rufen um Hilfe. Krieg ist entbrannt. Sieh, dort ist das Feuer auf dem Amon Dîn, dort das auf dem Eilenach; und dahinten ziehen sie sich weiter nach Westen: auf dem Nardol, dem Erelas, dem Min-Rimmon, Calenhad und Halifirien an der Grenze von Rohan.«

Aber Schattenfell lief langsamer und ging im Schritt; dann hob der Hengst den Kopf und wieherte. Und aus der Dunkelheit wieherte eine Antwort; und gleich darauf hörte man Hufgetrappel, drei Reiter preschten heran und verschwanden wie fliegende Gespenster im Mondschein nach Westen. Schattenfell setzte sich wieder in Trab, und die Nacht strömte über ihn hin wie ein brausender Wind.

Pippin wurde wieder schläfrig und passte kaum auf, als Gandalf ihm erzählte, was in Gondor für Bräuche herrschten und wie die Statthalter auf vorspringenden Gipfeln an beiden Rändern der langen Bergkette Leuchttürme hatten bauen lassen, an denen ständig Posten unterhalten wurden und frische Pferde für ihre Meldereiter nach Rohan im Norden oder Belfalas im Süden bereitstanden. »Es ist lange her, dass die Leuchtfeuer im Norden zum letzten Mal brannten«, sagte er, »und in Gondors alten Zeiten brauchte man sie nicht, denn man hatte die Sieben Steine.« Pippin zuckte unangenehm berührt zusammen.

»Schlaf noch eine Weile und hab keine Angst!«, sagte Gandalf. »Denn du kommst nicht nach Mordor wie Frodo, sondern nach Minas Tirith, und da bist du so sicher, wie man es in diesen Tagen nur irgendwo sein kann. Wenn Gondor fällt oder der Feind den Ring bekommt, bietet auch das Auenland keinen Schutz mehr.«

»Sehr tröstlich find ich das nicht«, sagte Pippin, aber trotzdem schlief er bald darauf ein. Das Letzte, was ihm in Erinnerung blieb, bevor er in einen tiefen Traum sank, war ein Ausblick auf hohe weiße Gipfel, die schimmernd über den Wolken trieben wie schwimmende Inseln, als das Licht des tief im Westen stehenden Mondes sie traf. Gern hätte er gewusst, wie es Frodo ging, ob er schon in Mordor und ob er noch am Leben war; und er konnte nicht wissen, dass Frodo in der Ferne denselben Mond betrachtete, wie er hinter Gondor unterging, ehe der Tag anbrach.

Pippin erwachte beim Klang von Stimmen. Wieder waren ein Tag und eine Nacht verstrichen, der Tag im Versteck und die Nacht zu Pferde. Wieder dämmerte ein kalter Morgen herauf, und im Zwielicht umlagerte sie kühler grauer Nebel. Schattenfell dampfte vor Schweiß, hielt aber den Hals stolz erhoben und zeigte kein Anzeichen von Erschöpfung. Viele große Menschen in dicken Mänteln standen bei ihnen, und dahinter sah man im Nebel eine Mauer. Zum Teil schien sie verfallen zu sein, doch obwohl es noch nicht Tag war, war schon der Lärm eiliger Ausbesserungsarbeiten zu hören: pochende Hämmer, scharrende Maurerkellen, knarrende Räder. Fackeln und Laternen leuchteten hier und da stumpf durch den Nebel. Gandalf sprach mit den Männern, die ihnen den Weg versperrten, und als Pippin zuhörte, merkte er, dass von ihm die Rede war.

»Dich kennen wir freilich, Mithrandir«, sagte der Anführer der Männer, »und du kennst die Losungsworte der sieben Tore und darfst daher eintreten. Aber deinen Begleiter kennen wir nicht. Was ist das für einer? Ein Zwerg aus dem Gebirge im Norden? Wir wünschen zu dieser Zeit keine Fremden im Lande, es sei denn, sie wären waffengewaltige Kriegsmänner, auf deren Treue und Hilfe wir uns verlassen können.«

»Ich werde vor Denethors Stuhl für ihn bürgen«, sagte Gandalf. »Und was die Kriegstüchtigkeit angeht, so ist sie nicht am Wuchs zu ermessen. Mein Gefährte hat mehr Schlachten und Gefahren bestanden als du, Ingold, obwohl du zweimal so groß bist; und er kommt jetzt von der Erstürmung Isengards, von der wir Nachricht bringen; daher ist er sehr müde, sonst würde ich ihn jetzt wecken. Sein Name ist Peregrin, und er ist ein sehr tapferer Mann.«

»Mann?«, sagte Ingold zweifelnd, und die anderen lachten.

»Jawohl, ein Mann!«, rief Pippin, nun vollends wach geworden. »Aber kein Mensch! Ich bin ein Hobbit und ebenso wenig tapfer, wie ich ein Mensch bin, außer vielleicht dann und wann im Notfall. Lasst euch von Gandalf nichts weismachen!«

»Mancher, der Heldentaten vollbracht hat, könnte nicht mehr sagen«, sagte Ingold. »Was aber ist ein Hobbit?«

»Ein Halbling«, antwortete Gandalf. »Nein, nicht derjenige, von dem die Rede war«, fügte er hinzu, als er das Erstaunen in den Gesichtern der Männer sah. »Der nicht, doch einer aus seinem Volk.«

»Ja, und der mit ihm auf Fahrt gegangen ist«, sagte Pippin. »Und Boromir aus eurer Stadt war auch bei uns und hat mich aus dem Schnee im Norden gerettet, und zuletzt ist er gefallen, als er mich gegen viele Feinde verteidigte.«

»Still!«, sagte Gandalf. »Diese traurige Nachricht hätte zuerst der Vater erfahren sollen.«

»Es ahnte uns schon«, sagte Ingold, »denn seltsame Zeichen wurden hier vor kurzem erkannt. Doch reitet nun schnell weiter! Denn der Herr von Minas Tirith wird begierig sein, jeden zu empfangen, der ihm die letzte Kunde von seinem Sohn überbringt, sei er nun Mensch oder …«

»Hobbit«, sagte Pippin. »Geringe Dienste nur kann ich eurem Herrn anbieten, doch was ich tun kann, will ich tun, im Gedenken an den tapferen Boromir.«

»Lebt wohl!«, sagte Ingold, und die Männer gaben Schattenfell den Weg frei, und sie ritten durch ein schmales Tor in der Mauer. »Mögest du Denethor in seiner Not guten Rat bringen, und uns allen, Mithrandir!«, rief Ingold. »Doch wieder kommst du mit Nachricht von Leid und Gefahr, wie man dir nachsagt, dass es deine Art sei.«

»Weil ich selten komme, wenn meine Hilfe nicht nötig ist«, antwortete Gandalf. »Und was den guten Rat angeht, so würde ich dir sagen, dass es allzu spät ist, die Mauer um den Pelennor auszubessern. Mut wird nun euer bester Schutz vor dem Sturm sein, der heraufzieht – Mut und der Rest von Hoffnung, den ich bringe. Denn nicht alle Nachrichten, die ich bringe, sind schlecht. Aber legt die Maurerkellen weg und schleift die Schwerter!«

»Hier werden wir noch vor dem Abend fertig«, sagte Ingold. »Dies ist das letzte Stück der Mauer, das zur Verteidigung bereitgemacht werden muss. Einem Angriff ist es am wenigsten ausgesetzt, denn es liegt in der Richtung, aus der unsere Freunde aus Rohan kommen müssten. Weißt du etwas von ihnen? Glaubst du, dass sie unserm Aufruf folgen werden?«

»Ja, sie werden kommen. Aber sie haben in eurem Rücken viele Schlachten geschlagen. Keine Straße, und auch diese nicht, führt mehr in sicheres Land. Seid wachsam! Wäre Gandalf Sturmkrähe nicht gewesen, sähet ihr ein Heer von Feinden aus Anórien heranrücken und nicht die Reiter von Rohan. Und das kann auch jetzt noch kommen. Lebt wohl und schlaft nicht!«

Gandalf ritt nun in den breiten Landstreifen hinter der Rammas Echor hinein. So nannten die Menschen von Gondor die äußere Mauer, die sie mit viel Mühe erbaut hatten, nachdem auf Ithilien der Schatten ihres Feindes gefallen war. Über zehn Wegstunden lang, vom Fuß des Gebirges ausgehend und wieder zum Gebirge zurückkehrend, umschloss sie die Felder des Pelennor, das schöne, fruchtbare Stadtland auf den langen, zum Anduin hin abfallenden Hängen und Terrassen. An der entferntesten Stelle, im Nordosten, wo die Mauer vier Wegstunden vor dem großen Stadttor stand, blickte sie von einer steilen Böschung auf die langen, flachen Uferstreifen am Fluss hinab; und dort war die Mauer hoch und stark befestigt, denn an dieser Stelle kam die Straße auf einem ummauerten Damm von den Übergängen und Brücken von Osgiliath herauf und führte durch ein bewachtes Tor zwischen Wehrtürmen. An der nächsten Stelle war die Mauer kaum mehr als eine Wegstunde von der Stadt entfernt, und dies war im Südosten. Der Anduin bog dort, wo er die Hügel der Emyn Arnen in Süd-Ithilien in einer weiten Schleife umfloss, scharf nach Westen ab, und dicht am Ufer stand die Außenmauer, oberhalb der Kais und Anlegeplätze des Harlond, des Hafens für die Schiffe, die stromaufwärts von den südlichen Lehen kamen.

Das Stadtland war fruchtbar, mit weiten bestellten Flächen und vielen Obstgärten, dazwischen Gehöfte mit Darren und Speichern, Pferchen und Ställen; und viele kleine Bäche rieselten durchs Gras, die vom Hochland zum Anduin hinabflossen. Doch die Hirten und Bauern, die dort lebten, waren nicht zahlreich, und zum größten Teil wohnte das Volk von Gondor in den sieben Mauerringen der Stadt, in den hochgelegenen Tälern zwischen den Ausläufern des Gebirges, in Lossarnach oder weiter südlich im milden Lebennin mit seinen fünf schnellfließenden Flüssen. Dort, zwischen dem Gebirge und dem Meer, wohnte ein wackerer Volksstamm. Sie wurden zu den Menschen von Gondor gezählt, doch war ihr Blut vermischt, und es gab Kleinwüchsige und Dunkelhäutige unter ihnen, deren Vorväter wohl eher von den vergessenen Menschen stammten, die in den Dunklen Jahren vor der Ankunft der Könige im Schatten der Berge gelebt hatten. Dahinter aber, in dem großen Lehen Belfalas, saß Fürst Imrahil in seiner Burg Dol Amroth am Meer, und er, ebenso wie sein Volk, war von edlem Geblüt: große, stattliche Menschen mit meergrauen Augen.

Als Gandalf ein Stück weit geritten war, wurde der Himmel allmählich hell. Pippin richtete sich auf und schaute sich um. Links lag ein Nebelmeer, das nach Osten hin zu einem dämmerigen Gewölk anstieg; rechts erhob sich eine Bergkette mit hohen Gipfeln, die von Westen herkam und hier jäh und steil abbrach, als hätte der Strom bei der Erschaffung des Landes eine hohe Schranke durchbrochen und ein breites Tal gegraben, als Schlachtfeld für die streitenden Völker künftiger Zeiten. Und dort, wo die Ered Nimrais, die Weißen Berge, endeten, sah er, wie Gandalf angekündigt hatte, das dunkle Massiv des Mindolluin, die tiefpurpurnen Schatten auf seinen Schluchten und seine steile Wand, die sich im zunehmenden Licht weiß färbte. Und auf einem vorgeschobenen Knie des Berges stand die Stadt des Wachtturms mit ihren sieben Mauern, so stark und alt, als wäre sie nicht von Menschenhand erbaut, sondern von Riesen aus den Gebeinen der Erde gemeißelt.

Während Pippin staunte, wechselten die Mauern die Farbe, von weichem Grau zu Weiß, dann zu zarter, morgendlicher Röte; und als die Sonne mit einem Mal über die Wolken im Osten aufstieg, sandte sie einen Strahl aus, der die Stadt aufleuchten ließ. Pippin stieß einen lauten Schrei aus, denn da stand der Turm von Ecthelion, hoch über die obersten Mauern aufragend, strahlend am Himmel wie ein Dolch von Silber und Perlen, aufrecht, schlank und zierlich, an der Spitze glitzernd wie von Kristallen; und auf den Mauerzinnen entrollten sich weiße Banner flatternd im Morgenwind; und trotz der Entfernung drang von dort oben rein und klar ein Schall wie von silbernen Trompeten herab.

So ritten Gandalf und Peregrin bei Sonnenaufgang zum großen Tor der Hauptstadt von Gondor, und die eisernen Torflügel schwangen vor ihnen zurück.

»Mithrandir! Mithrandir!«, riefen die Menschen. »Nun wissen wir, der Sturm naht wahrhaftig.«

»Er ist schon da«, sagte Gandalf. »Auf seinen Flügeln bin ich geritten. Lasst mich durch! Ich muss zu eurem Fürsten Denethor, solange er noch Statthalter ist. Was auch kommen mag: Mit Gondor, wie ihr es kennt, geht es zu Ende. Lasst mich durch!«

Vor seiner gebieterischen Stimme wichen die Menschen zurück, und sie befragten ihn nicht weiter; doch mit Erstaunen betrachteten sie den Hobbit, der vor ihm saß, und das Pferd, das sie beide trug. Denn die Bewohner der Stadt hatten wenig Pferde, und selten sah man eines auf ihren Straßen, wenn nicht die Boten des Statthalters vorüberritten. Und sie sagten: »Gewiss ist dies eines der edlen Rosse des Königs von Rohan. Vielleicht kommen uns die Rohirrim ja doch noch zu Hilfe.« Schattenfell aber schritt stolz die lange, hin- und herkreuzende Straße hinauf.

Denn Minas Tirith, so wie es die alten Baumeister angelegt hatten, stand auf sieben in den Berghang hineingegrabenen Stufen, deren jede von einer Mauer umfasst war. Jede Mauer hatte ein Tor; die Tore aber standen nicht in einer Reihe: Das große Tor in der äußeren Stadtmauer war an der Ostseite des Rings, das nächste aber ging halb nach Süden, das dritte halb nach Norden, und so weiter, hin und her, sodass die gepflasterte Straße, die zur Zitadelle hinaufführte, im Zickzack über den Berghang verlief. Und über dem großen Tor tauchte sie jedes Mal in einen gewölbten Tunnel ein, der einen mächtigen Felspfeiler durchstieß, dessen steile, nach außen vorspringende Wand alle Mauerringe mit Ausnahme des obersten in zwei Hälften zerteilte. Teils aus dem urzeitlichen Wuchs des Berges entstanden, teils von der starken und kundigen Hand der alten Baumeister geschaffen, erhob sich ganz oben, vor dem weiten Hof hinterm Tor der Zitadelle aufsteigend, eine mächtige steinerne Bastei, mit der vorspringenden Spitze scharf wie ein Schiffskiel nach Osten gerichtet. Bis zur Höhe des obersten Mauerrings stieg sie an und wurde dort von einer Brustwehr gekrönt, sodass die Mannen der Zitadelle vom Schnabel der Bastei wie Seeleute vom hohen Bug eines Schiffs auf das Stadttor herabblicken konnten, das siebenhundert Fuß unter ihnen stand. Auch der Eingang zur Zitadelle lag nach Osten, bohrte sich aber mitten durch den Felsen und führte durch einen langen, von Laternen erhellten Gang zum siebenten Tor hinauf. So gelangte man schließlich zum Innenhof der Zitadelle und dem Brunnenplatz, aus dem der Weiße Turm aufragte: hoch und schlank, dreihundert Fuß vom Sockel bis zur Spitze, wo die Fahne der Statthalter wehte, tausend Fuß über der Ebene.

Eine starke Festung war dies, die kein feindliches Heer einnehmen konnte, solange noch waffenfähige Männer darin waren; es sei denn, ein Feind wäre von hinten gekommen und über die unteren Hänge des Mindolluin zu der schmalen Bergschulter hinaufgestiegen, die den Wachtturm-Felsen mit dem Bergmassiv verband. Aber selbst diese Schulter, die bis zur Höhe der fünften Mauer hinaufreichte, war bis zu der Steilwand, die ihr westliches Ende überragte, mit starken Wällen eingefasst; und dort in dem ewig stillen Raum zwischen dem Turm und dem Berg standen die Häuser und Grabgewölbe der vornehmen Toten, der früheren Könige und Gebieter der Stadt.

Mit wachsender Bewunderung betrachtete Pippin die großen steinernen Bauten. Die Stadt war gewaltiger und prächtiger, als er es sich je hatte träumen lassen, größer und stärker als Isengard und bei weitem schöner. Doch in Wahrheit verfiel sie von Jahr zu Jahr; und schon fehlte ihr die Hälfte der Bewohner, die sie gut hätte unterbringen können. In jeder Straße kamen sie an dem einen oder anderen großen Haus oder Palast vorbei, über dessen Tür oder Torbogen viele zierliche Schriftzeichen von fremder und altertümlicher Art eingemeißelt waren: Namen, wie Pippin vermutete, von großen Männern und Sippen, die einst darin gewohnt hatten; jetzt aber herrschte dort Stille, keine Schritte hallten über das weite Pflaster, keine Stimmen klangen aus den Sälen herüber, und kein Gesicht blickte aus den Türen oder den leeren Fenstern.

Endlich kamen sie aus dem dunklen Gang ans siebente Tor, und die warme Sonne, die auch jenseits des Flusses schien, wo Frodo über die Lichtungen von Ithilien ging, beglänzte hier die glatten Mauern, die festgegründeten Säulen und den hohen Torbogen, in dessen Schlussstein das Ebenbild eines gekrönten Hauptes eingemeißelt war. Gandalf und Pippin saßen ab, denn kein Pferd durfte die Zitadelle betreten, und auf ein leises Wort seines Reiters hin duldete Schattenfell, dass man ihn wegführte.

Die Wachen am Tor waren schwarz gekleidet, und ihre Helme waren von eigenartiger Form, mit hohen Hauben und langen, eng anliegenden Wangenschützern. Über den Wangenschützern setzten weiße Seevogelschwingen an; die Hauben aber glänzten silbern, denn sie waren aus Mithril, Erbstücke aus ruhmreichen alten Zeiten. Auf den schwarzen Waffenröcken war ein schneeweiß blühender Baum unter einer silbernen Krone und vielzackigen Sternen eingestickt. Dies war unter Elendils Erben die Hoftracht gewesen, und jetzt trug sie in Gondor niemand mehr außer der Burgwache vor dem Brunnenhof, wo einst der Weiße Baum geblüht hatte.

Die Nachricht, dass sie kämen, schien ihnen vorausgeeilt zu sein, denn sie wurden sogleich eingelassen, wortlos und ohne Befragung. Rasch schritt Gandalf voran über den weiß gepflasterten Hof. Ein Springbrunnen plätscherte lieblich in der Morgensonne, von sattgrünem Rasen umgeben; doch in der Mitte, über das Becken gebeugt, stand ein verdorrter Baum, und die herabrieselnden Tropfen fielen traurig von seinen kahlen, abgebrochenen Zweigen wieder ins klare Wasser zurück.

Pippin betrachtete den Baum, als er hinter Gandalf hereilte. Er sah trübsinnig aus, fand er und wunderte sich, dass man den abgestorbenen Baum hatte stehen lassen, wo doch alles auf diesem Platz sonst säuberlich gehegt war.

Sieben Sterne und sieben Steine und ein weißer Baum.

Die Worte, die Gandalf vor sich hin gesprochen hatte, kamen ihm wieder in den Sinn. Und dann stand er schon an der Tür der großen Halle unter dem schimmernden Turm; und hinter dem Zauberer schritt er an den großen, stummen Türstehern vorüber in den kühlen, hallenden Schatten des steinernen Hauses.

Als sie über die Fliesen eines langen, leeren Flurs gingen, sagte Gandalf leise zu Pippin: »Halte deine Zunge im Zaum, Herr Peregrin! Flotte Hobbitsprüche sind hier nicht angebracht. Théoden ist ein freundlicher alter Herr. Denethor ist von anderem Schlag, hochmütig und scharfsinnig, ein Mensch von weit höherer Macht und Abkunft, obwohl er keine Königswürde trägt. Er wird zumeist mit dir sprechen und dich nach vielem ausfragen, denn du kannst ihm von seinem Sohn Boromir berichten. Er hat ihn sehr geliebt, zu sehr vielleicht, und umso mehr, als sie einander nicht ähnlich waren. Doch wird er glauben, unter dem Deckmantel seiner Vaterliebe von dir leichter als von mir erfahren zu können, was er wissen möchte. Sag ihm nicht mehr, als du sagen musst, und schweige still von Frodo und seinem Auftrag. Ich werde zur rechten Zeit davon reden. Und sage auch nichts von Aragorn, wenn es nicht sein muss.«

»Warum nicht? Was kann er denn gegen Streicher haben?«, flüsterte Pippin. »Er wollte doch herkommen, nicht? Und er wird doch sowieso bald selber hier sein.«

»Vielleicht, vielleicht«, sagte Gandalf. »Aber wenn er kommt, dann wahrscheinlich auf eine Weise, wie es niemand erwartet, nicht einmal Denethor. Es wäre auch besser so. Zumindest sollte er nicht von uns angekündigt kommen.«

Gandalf blieb vor einer hohen Tür von geschliffenem Metall stehen. »Hör zu, Herr Pippin, ich hab jetzt keine Zeit, dich über die Geschichte Gondors zu unterrichten; auch wenn es besser wäre, du hättest etwas darüber gelernt, als du noch in den auenländischen Wäldern Vogelnester ausnahmst, statt in die Schule zu gehn. Tu jetzt, was ich dir sage! Wenn man einem Mächtigen die Nachricht vom Tod seines Erben überbringt, wäre es nicht klug, allzu viel von der Ankunft eines Mannes zu reden, der, wenn er kommt, auf die Königswürde Anspruch erheben wird.«

»Die Königswürde?«, sagte Pippin erstaunt.

»Ja«, sagte Gandalf. »Und wenn du all die Tage schläfrig und mit verstopften Ohren herumgelaufen bist, dann wache nun auf!« Er klopfte an die Tür.

Die Tür ging auf, aber niemand war zu sehen, der sie geöffnet hatte. Pippin blickte in einen großen Saal. Er wurde durch niedrige Fenster in den breiten Seitenschiffen erhellt, hinter den Reihen hoher Säulen, welche die Decke trugen. Die Säulen, Monolithen von schwarzem Marmor, stiegen zu großen Kapitellen auf, in die vielerlei seltsame Tier- und Pflanzengestalten eingemeißelt waren; und weit darüber im Schatten schimmerte das breite Deckengewölbe stumpfgolden, durchbrochen von verschlungenen Rankenmustern in vielen Farben. Wandbehänge oder Bildteppiche sah man nicht in dem langen, feierlichen Saal, und auch sonst nichts aus gewebtem Tuch oder aus Holz; doch zwischen den Säulen war eine stumme Gesellschaft großer Standbilder von kaltem Stein versammelt.

Pippin musste an die behauenen Steine der Argonath denken, und voll Ehrfurcht blickte er die Reihe der längst verblichenen Könige entlang. Am andern Ende des Saals, auf einer um mehrere Stufen erhöhten Empore, stand ein Thronsessel, überdacht von einem marmornen Baldachin in der Form eines Kronenhelms; und die Wand dahinter zeigte das eingemeißelte und mit Edelsteinen besetzte Bild eines blühenden Baums. Der Thronsessel aber war leer. Am Fuß der Empore, auf der breiten untersten Stufe, stand ein steinerner Stuhl, schwarz und ohne Zierat, und darauf saß ein alter Mann und hielt den Blick in den Schoß gesenkt. In der Hand hielt er einen weißen Stab mit goldenem Knauf. Er sah ihnen nicht entgegen, als sie gemessenen Schritts durch den weiten Saal gingen und drei Schritt vor ihm stehen blieben. Gandalf ergriff das Wort.

»Seid gegrüßt, Herr und Statthalter von Minas Tirith, Denethor, Ecthelions Sohn! Ich bringe Rat und Nachricht in dieser düsteren Stunde.«

Nun blickte der alte Mann auf. Pippin sah sein stolzes, kantiges Gesicht, die Haut wie Elfenbein und die lange, gebogene Nase zwischen den dunklen, tiefgründigen Augen, und es erinnerte ihn weniger an Boromir als an Aragorn. »Düster ist die Stunde wahrhaftig«, sagte der alte Mann, »und zu solchen Zeiten kommst du für gewöhnlich, Mithrandir. Doch wenn auch alle Vorzeichen auf Gondors nahes Ende hindeuten, kann dies mich nicht düsterer stimmen, als ich es schon bin. Man sagte mir, du bringst einen mit, der meinen Sohn sterben sah. Ist es dieser hier?«

»Er ist es«, sagte Gandalf. »Einer von zweien. Der andere ist bei Théoden in Rohan und kommt vielleicht später. Halblinge sind sie, wie du siehst, doch nicht er ist derjenige, von dem in der Weissagung die Rede war.«

»Dennoch, ein Halbling«, sagte Denethor grimmig, »und ungern hör ich den Namen, seit jener verfluchte Spruch unsere Pläne verwirrte und meinen Sohn zur tollköpfigen Fahrt in den Tod lockte. Mein Boromir! Nun fehlst du uns. Faramir hätte statt seiner gehen sollen.«

»Er wäre gegangen«, sagte Gandalf. »Seid nicht ungerecht in Eurem Kummer! Boromir erhob Anspruch auf jene Fahrt und wollte sie keinem andern überlassen. Er war ein Mann, der seinen Willen durchsetzte und sich nahm, wonach es ihn verlangte. Ich bin weit mit ihm gereist und habe ihn gut kennengelernt. Doch Ihr sprecht von seinem Tod. Davon hattet Ihr schon Nachricht, ehe wir kamen?«

»Ich habe das hier erhalten«, sagte Denethor, legte seinen Stab nieder und nahm den Gegenstand von seinem Schoß auf, den er so lange betrachtet hatte. In jeder Hand hielt er eine Hälfte eines großen, in der Mitte zerspaltenen Horns: das mit Silber eingefasste Horn eines wilden Stiers.

»Das ist das Horn, das Boromir stets bei sich trug!«, rief Pippin. »So ist es«, sagte Denethor. »Und in meiner Jugend trug ich es, wie jeder älteste Sohn unseres Hauses seit den lang entschwundenen Jahren vor dem Erlöschen des Königshauses, als Mardils Vater Vorondil in den fernen Ebenen von Rhûn Araws wilde Rinder jagte. Von fern hörte ich es vor dreizehn Tagen an den Nordmarken blasen, und dann hat es der Strom zu mir getragen, zerbrochen: Es wird nie mehr erschallen.« Er hielt inne, und ein lastendes Schweigen trat ein. Plötzlich richtete er den düsteren Blick wieder auf Pippin. »Was sagst du dazu, Halbling?«

»Dreizehn, ja, dreizehn Tage«, stammelte Pippin. »Ja, ich glaube, das könnte stimmen. Ja, ich stand neben ihm, als er in das Horn stieß. Aber keine Hilfe kam. Nur noch mehr Orks.«

»So«, sagte Denethor und sah Pippin scharf ins Gesicht. »Du warst also dabei? Berichte mir mehr davon! Warum kam keine Hilfe? Und wie bist du entkommen, er aber nicht, so stark, wie er doch war, und wo er nur Orks gegen sich hatte?«

Pippin wurde rot und verlor seine Scheu. »Auch der Stärkste kann einem einzigen Pfeil erliegen«, sagte er, »und Boromir wurde von vielen durchbohrt. Als ich ihn zuletzt sah, sank er an einem Baum zu Boden und zog sich einen schwarzgefiederten Schaft aus der Seite. Dann verlor ich die Besinnung und wurde gefangen genommen. Ich habe ihn nicht wieder gesehen, und mehr weiß ich nicht. Doch ich halte sein Andenken in Ehren, denn er war sehr tapfer. Er ist gestorben, weil er uns zu retten versuchte, meinen Vetter Meriadoc und mich, als uns die Söldner des Dunklen Herrschers in den Wäldern auflauerten; und dass er vergebens fiel, macht meine Dankesschuld nicht geringer.«

Dann sah Pippin dem alten Mann in die Augen, und ein merkwürdiger Stolz regte sich in ihm, angestachelt durch die Missachtung und den Argwohn, die aus Denethors kaltem Ton sprachen. »Nur geringen Wert, gewiss, wird ein so großer Fürst der Menschen den Diensten eines Hobbits beimessen, eines Halblings aus dem Auenland im Norden; doch biete ich sie Ihnen an, in allem, was ich zu tun vermag, zum Entgelt meiner Schuld.« Den grauen Mantel beiseitestreifend, zog er sein kleines Schwert und legte es Denethor zu Füßen.

Ein blasses Lächeln, wie ein kalter Sonnenstrahl an einem Winterabend, huschte über das Gesicht des alten Mannes; aber er senkte den Kopf, legte die Scherben des Horns beiseite und streckte die Hand aus. »Gib mir die Waffe!«, sagte er.

Pippin hob sie auf und reichte ihm das Heft. »Woher kommt dies?«, sagte Denethor. »Viele, viele Jahre liegen darauf. Gewiss ist dies eine Klinge, die in ferner Vergangenheit von unseren Verwandten im Norden geschmiedet wurde?«

»Sie stammt aus den Grabhügeln an den Grenzen unseres Landes«, sagte Pippin. »Aber nur böse Wichte hausen jetzt dort, und von denen würde ich ungern berichten.«

»Ich sehe, seltsame Geschichten umspinnen euch«, sagte Denethor, »und wieder einmal erweist sich, dass das Äußere eines Menschen – oder eines Halblings – trügen kann. Ich nehme deinen Dienst an. Denn mit Worten bist du nicht einzuschüchtern und führst eine höfliche Sprache, so fremd ihre Laute uns im Süden auch klingen mögen. Und keinen, der von höflicher Art ist, werden wir in den kommenden Tagen missen können, er sei groß oder klein. Leiste mir nun den Eid!«

»Nimm das Heft«, sagte Gandalf, »und sprich dem Herrn nach, wenn du dazu entschlossen bist.«

»Ich bin es«, sagte Pippin.

Der alte Mann legte sich das Schwert auf den Schoß. Pippin legte die Hand auf das Heft und sprach langsam nach, was Denethor ihm vorsagte:

»Hier gelobe ich dem Reiche Gondor und seinem Herrn und Statthalter Lehenstreue und Dienstbarkeit, im Reden und Schweigen, im Tun und Lassen, im Kommen und Gehen, in der Armut wie im Reichtum, im Frieden wie im Kriege, im Leben wie im Sterben, von dieser Stunde an, bis mein Herr mich aus meiner Pflicht entlässt, der Tod mich hinrafft oder die Welt endet. So spreche ich, Peregrin, Paladins Sohn, aus dem Auenland der Halblinge.«

»Und dies höre ich, Denethor, Ecthelions Sohn, Herr von Gondor und Statthalter des Hohen Königs, und weder will ich es vergessen noch versäumen, Empfangenes zu vergelten: Lehenstreue mit Liebe, Tapferkeit mit Ehre, Eidbruch mit Rache.« Dann erhielt Pippin sein Schwert zurück und steckte es in die Scheide.

»Und nun«, sagte Denethor, »ergeht mein erster Befehl an dich: Sprich und verschweige nichts! Erzähle mir deine Geschichte von Anfang an und entsinne dich, so gut du kannst, alles dessen, was meinen Sohn Boromir angeht. Setz dich und fang an!« Bei diesen Worten schlug er einen kleinen silbernen Gong, der neben seinem Fußschemel stand, und sogleich kamen Diener herbei. Pippin sah nun, dass sie in Nischen beiderseits der Tür gestanden hatten, wo er und Gandalf sie beim Eintreten nicht bemerkt hatten.

»Bringt Wein und Speisen und Stühle für die Gäste«, sagte Denethor, »und eine Stunde lang soll uns niemand stören!

Mehr Zeit kann ich nicht erübrigen, denn um vieles andere noch muss ich mich kümmern«, sagte er zu Gandalf. »Vieles von größerer Bedeutung, wie es scheinen könnte, was mir doch weniger nahgeht. Aber vielleicht können wir uns am Ende des Tages noch einmal sprechen.«

»Und früher, will ich hoffen«, sagte Gandalf, »denn ich bin nicht von Isengard hierher geritten, hundertundfünfzig Wegstunden in Windeseile, nur um Euch einen kleinen Krieger zu bringen, und sei er noch so höflich. Bedeutet es Euch nichts, dass Théoden eine große Schlacht geschlagen hat, dass Isengard niedergeworfen ist und dass ich Sarumans Stab zerbrochen habe?«

»Viel bedeutet es mir. Doch von diesen Taten weiß ich schon alles, was für meine eigenen Pläne gegen die Gefahr aus dem Osten von Belang ist.« Er wandte seine dunklen Augen Gandalf zu, und nun bemerkte Pippin eine Ähnlichkeit zwischen den beiden und zugleich eine glimmende Spannung, die jeden Moment aufflammen konnte, fast so, als wäre ein feuerglühendes Band von Auge zu Auge gespannt.

Denethor sah sogar sehr viel eher als Gandalf wie ein großer Zauberer aus, königlicher, schöner, stärker und älter. Doch ein anderer Sinn als der seiner Augen sagte Pippin, dass Gandalf der mächtigere und weisere war und von einer Würde, die er nicht offen zur Schau trug. Und älter musste er auch sein, viel älter. »Wie viel älter?«, fragte er sich und fand es merkwürdig, dass er darüber noch nie nachgedacht hatte. Baumbart hatte etwas über Zauberer gesagt, aber da hatte Pippin gar nicht daran gedacht, dass Gandalf einer von ihnen war. Was war Gandalf überhaupt? In welch fernem Wo und Wann war er zur Welt gekommen, und wann würde er sie wieder verlassen? Dann rissen seine Grübeleien ab, und er sah, dass Denethor und Gandalf sich noch immer in die Augen blickten, als läsen sie einer die Gedanken des andern. Doch wer zuerst den Blick abwandte, war Denethor.

»Ja«, sagte er, »denn mögen die Steine auch, wie man sagt, verloren sein, haben die Herren von Gondor doch immer noch ein schärferes Auge als geringere Menschen, und vielerlei Nachrichten fliegen ihnen zu. Doch setzt euch nun!«

Diener kamen mit einem Stuhl und einem niedrigen Schemel, und einer brachte ein Tablett mit einer silbernen Kanne, Bechern und weißen Kuchen. Pippin setzte sich, doch er konnte den Blick nicht von dem alten Fürsten abwenden. Bildete er sich’s ein, oder traf es zu, dass Denethors Augen, als er von den Steinen sprach, ihn plötzlich angeblitzt hatten?

»Nun erzähle mir deine Geschichte, Lehnsmann!«, sagte Denethor halb freundlich, halb spöttisch. »Denn was einer zu berichten hat, mit dem mein Sohn so gut Freund war, soll mir hochwillkommen sein.«

Niemals vergaß Pippin diese Stunde im großen Saal, unter dem durchdringenden Blick des Herrn von Gondor, der ihn hin und wieder mit einer bohrenden Frage unterbrach; und die ganze Zeit war er sich Gandalfs an seiner Seite bewusst, der beobachtete und zuhörte und (wie Pippin spürte) seine Ungeduld und seinen Zorn immer schwerer bezähmen konnte. Als die Stunde um war und Denethor wieder den Gong anschlug, fühlte Pippin sich ausgelaugt. »Es kann nicht später als neun sein«, dachte er. »Jetzt könnte ich dreimal hintereinander frühstücken.«

»Führt Herrn Mithrandir zu der für ihn bereitgestellten Unterkunft«, sagte Denethor, »und auch sein Begleiter kann einstweilen dort wohnen, wenn er will. Tut aber kund, dass ich ihn unter Eid in meinen Dienst genommen habe! Man soll ihn als Peregrin, Paladins Sohn, kennen und ihn die minderen Losungsworte lehren. Schickt den Hauptleuten Nachricht, dass sie so bald wie möglich bei mir vorsprechen sollen, wenn die dritte Stunde geschlagen hat.

Und du, Herr Mithrandir, magst auch kommen, wenn und wann du willst. Niemand soll dich hindern, mich aufzusuchen, außer in den wenigen Stunden meiner Nachtruhe. Lass deinen Zorn über eines alten Mannes Torheit verrauchen, dann komme wieder und lass mich deinen Rat hören!«

»Torheit?«, sagte Gandalf. »Nein, Herr, ehe Ihr ein törichter Alter werdet, sterbt Ihr. Ihr versteht sogar Euren Kummer als Schleier zu gebrauchen. Denkt Ihr, ich verstünde nicht Eure Absicht, wenn Ihr eine Stunde lang den ausfragt, der am wenigsten weiß, während ich daneben sitze?«

»Wenn du sie verstehst, so sei zufrieden«, erwiderte Denethor. »Törichter Hochmut wär es, Hilfe und Rat in der Not zu verschmähen; doch erteilst du dergleichen nur zu deinen eigenen Zwecken. Der Herr von Gondor aber darf nicht zum Werkzeug für die Absichten anderer werden, und seien sie noch so ehrenwert. Und für ihn gibt es kein höheres Gut in der Welt, wie sie nun einmal ist, als das Wohl Gondors; und in Gondor, verehrter Meister, regiere ich und niemand anders, es sei denn, der König kehrte wieder.«

»Es sei denn, der König kehrte wieder?«, sagte Gandalf. »Nun, Herr Statthalter, bis dies eintritt, was wenige jetzt erwarten, ist es Eure Aufgabe, das Königreich, so gut es geht, zu erhalten. Bei dieser Aufgabe soll Euch jede Hilfe zuteil werden, um die es Euch zu bitten beliebt. So viel aber lasst Euch sagen: Ich will kein Reich regieren, weder Gondor noch irgendein anderes, ob groß oder klein. Doch alle Dinge von Wert, die in der Welt, wie sie nun einmal ist, in Gefahr sind, stehn unter meinem Schutz. Und meine Arbeit wird nicht völlig vergebens sein, sollte Gondor auch untergehn, wenn nur irgendetwas diese Nacht übersteht, das noch schön werden oder Frucht tragen und in künftigen Zeiten wieder erblühen kann. Denn auch ich bin ein Statthalter. Wusstet Ihr das nicht?« Und mit diesen Worten drehte er sich um und ging aus dem Saal.

Pippin trippelte neben ihm her, doch Gandalf sah ihn nicht an und sprach kein Wort mit ihm. Ihr Führer erwartete sie an der Tür des Saals und geleitete sie über den Brunnenhof und dann durch eine Gasse zwischen hohen Gebäuden. Nach mehreren Biegungen kamen sie zu einem Haus dicht an der Nordmauer der Zitadelle, unweit des Grats, der den Felsen mit dem Bergmassiv verband. Drinnen, über der Straße im ersten Stock, zu dem sie eine breite Steintreppe hinaufstiegen, zeigte er ihnen ein helles, luftiges Zimmer mit schönen Wandbehängen in dunklem Goldton, ohne Muster. Es war sparsam möbliert, nur mit einem kleinen Tisch, zwei Stühlen und einer Bank, doch zu beiden Seiten waren mit einem Vorhang abgeteilte Nischen mit frisch bezogenen Betten, Wasserkrügen und Waschzubern. Drei hohe, schmale Fenster blickten nach Norden hinaus, zur großen Biegung des Anduin, die noch vom Nebel verhangen war, und in Richtung der fernen Emyn Muil und der Rauros-Fälle. Pippin musste auf die Bank steigen, um über den breiten steinernen Sims hinwegsehen zu können.

»Bist du böse mit mir, Gandalf?«, fragte er, als der Führer hinausgegangen war und die Tür hinter sich zugemacht hatte. »Ich hab mein Bestes getan.«

»Hast du wirklich!«, sagte Gandalf. Er lachte plötzlich, trat neben den Hobbit, legte ihm den Arm über die Schulter und sah neben ihm zum Fenster hinaus. Ein wenig erstaunt blickte Pippin ihm ins Gesicht, das nun so dicht bei ihm war, denn das Lachen hatte froh und unbeschwert geklungen. Im Gesicht des Zauberers aber sah er nur Kummer- und Sorgenfalten, und erst als er es näher musterte, erkannte er, dass sich hinter alldem eine große Freude verbarg, ein Quell der Heiterkeit, der ein ganzes Königreich zum Lachen bringen könnte, wenn er einmal hervorbräche.

»Du hast wirklich dein Bestes getan«, sagte der Zauberer; »und hoffentlich dauert es lange, bis du wieder so zwischen zwei schrecklichen alten Männern in die Zange gerätst. Trotzdem hat der Herr von Gondor mehr aus dir herausbekommen, als dir vielleicht klar ist, Pippin. Du konntest ihm den Umstand nicht verbergen, dass es nicht Boromir war, der von Moria aus die Fahrt angeführt hat, und dass einer von hohem Ansehen unter euch war, der nach Minas Tirith zu kommen gedachte und der ein berühmtes Schwert besitzt. Die Menschen in Gondor denken viel über die Berichte aus alten Tagen nach; und seit Boromir fortging, hat Denethor lange gegrübelt, was der Spruch bedeuten mag, in dem von Isildurs Fluch die Rede ist.

Er ist nicht wie andere Menschen dieser Zeit, Pippin, und wie immer es sich mit der Abkunft von Vater und Sohn bei ihm auch verhalten mag, dank irgendeinem Zufall fließt das Blut von Westernis nahezu rein in seinen Adern; und ebenso auch bei Faramir, seinem zweiten Sohn, nicht aber bei Boromir, den er am innigsten geliebt hat. Er hat Weitsicht. Er kann, wenn er seinen Willen darauf richtet, vieles wahrnehmen, was im Geiste anderer Menschen vorgeht, selbst solcher, die weit entfernt wohnen. Ihn zu täuschen, ist schwer; es zu versuchen, gefährlich.

Denk daran! Denn du hast dich nun seinem Dienst verschworen. Ich weiß nicht, was es dir in den Kopf oder ins Herz gesetzt hat, es zu tun. Aber es war gut so. Ich habe dich nicht gehindert, denn die großmütige Tat sollte nicht durch kalten Ratschluss vereitelt werden. Du hast ihm ans Herz gerührt und (wenn ich das sagen darf) ihn auch ein wenig belustigt. Wenigstens kannst du dich nun in Minas Tirith frei bewegen – wenn du nicht im Dienst bist. Aber du musst das Verhältnis noch von einer andern Seite ansehn. Du unterstehst seinem Befehl, das wird er nicht vergessen. Sei weiterhin auf der Hut!«

Gandalf schwieg und seufzte. »Ach, sinnlos, zu grübeln, was morgen sein wird. Denn so viel ist sicher, morgen kommt es schlimmer als heute, und das geht noch viele Tage so weiter. Und daran kann ich überhaupt nichts mehr ändern. Die Partie ist eröffnet, und die Figuren machen ihre Züge. Eine Figur, die ich unbedingt sehen möchte, ist Faramir; er ist nun Denethors Erbe. Ich glaube nicht, dass er in der Stadt ist, hatte aber noch keine Zeit, mich zu erkundigen. Ich muss gehn, Pippin. Ich muss zu dieser Ratssitzung der Fürsten und hören, was es zu hören gibt. Aber der Feind ist am Zuge und im Begriff, sein Spiel in voller Stärke zu eröffnen. Und wahrscheinlich werden die Bauern ebenso viel zu tun bekommen wie irgendwer sonst, Peregrin, Paladins Sohn. Schleife dein Schwert, Soldat Gondors!«

Er ging zur Tür, und dort drehte er sich noch einmal um. »Ich bin in Eile, Pippin«, sagte er. »Tu mir einen Gefallen, wenn du aus dem Haus gehst! Noch bevor du dich schlafen legst, wenn du nicht zu müde bist! Geh und suche Schattenfell; sieh zu, ob er gut untergebracht ist! Die Leute hier sind tierfreundlich, denn sie sind nette und gescheite Menschen, aber von Pferden verstehn sie nicht viel.«

Gandalf ging hinaus, und gleichzeitig kam ein klarer, lieblicher Glockenton von einem Turm der Zitadelle. Drei silberne Schläge schwebten in der Luft und verhallten: die dritte Stunde nach Sonnenaufgang.

Gleich darauf ging auch Pippin aus dem Zimmer und die Treppe hinunter. Auf der Straße schaute er sich um. Die Sonne schien nun warm und hell, und die Türme und hohen Häuser warfen lange, scharf umrissene Schatten nach Westen. Hoch in den blauen Himmel streckte der Mindolluin seinen weißen Helm über dem Schneemantel. Auf den Straßen kamen und gingen Männer in Waffen; anscheinend war der Glockenschlag das Zeichen für die Wachablösungen gewesen.

»Neun Uhr wäre es jetzt nach auenländischer Zeit«, sagte Pippin laut zu sich selbst. »Genau die rechte Zeit für ein ordentliches Frühstück am offenen Fenster in der Frühlingssonne. Wie gut ich das jetzt vertragen könnte! Ob die Leute hier auch irgendwann frühstücken oder schon gefrühstückt haben? Wann die wohl zu Mittag essen, und wo?«

Gleich darauf sah er einen schwarzweiß gekleideten Mann die schmale Straße vom Innern der Zitadelle herunterkommen. Pippin fühlte sich verlassen und beschloss, den Mann anzusprechen; aber es war gar nicht nötig. Der Mann kam auf ihn zu und blieb stehen.

»Bist du Herr Peregrin, der Halbling?«, sagte er. »Man sagt mir, du seiest in den Dienst des Statthalters eingeschworen worden. Willkommen!« Er streckte ihm die Hand hin, und Pippin nahm sie.

»Ich heiße Beregond, Baranors Sohn. Ich bin heute Vormittag nicht im Dienst, und man schickt mich, dir die Losungsworte und noch manches mitzuteilen, was du ohne Zweifel wissen möchtest. Und meinerseits würde ich gern vieles von dir erfahren. Denn niemals noch haben wir in diesem Lande einen Halbling gesehen. Nur aus Gerüchten kennen wir euer Volk, und in allen uns bekannten Erzählungen ist von euch wenig die Rede. Außerdem bist du ein Freund von Mithrandir. Kennst du ihn gut?«

»Nun«, sagte Pippin, »von ihm gehört hab ich schon immer, so weit ich zurückdenken kann, aber das ist nicht sehr lange; und in letzter Zeit bin ich weit mit ihm gereist. Aber er ist ein dickes Buch, und ich kann nicht behaupten, mehr als ein paar Seiten darin gelesen zu haben. Aber ich kenne ihn wohl so gut, wie nur wenige andere ihn kennen. Aragorn war, glaub ich, der einzige von den Kameraden, der ihn wirklich kannte.«

»Aragorn?«, sagte Beregond. »Wer ist das?«

»Ach«, druckste Pippin, »das ist einer, der mit dabei war. Ich glaube, jetzt ist er in Rohan.«

»Ihr wart in Rohan, hab ich gehört. Über dieses Land hätte ich auch viele Fragen, denn in das Volk von Rohan setzen wir alle Hoffnung, die wir noch haben. Aber ich bin pflichtvergessen, denn ich sollte zuerst deine Fragen beantworten. Was möchtest du wissen, Herr Peregrin?«

»Ähem, nun«, sagte Pippin, »wenn ich so frei sein darf, dann hätt ich eine ziemlich brennende Frage, die mir im Moment sehr im Kopf herumgeht, nämlich, wie ist das hier mit dem Frühstück und so? Ich meine, wann sind die Essenszeiten, wenn Sie mich recht verstehn, und wo ist der Speisesaal, wenn es so was hier gibt? Und die Wirtshäuser? Ich hab danach Ausschau gehalten, als wir heraufgeritten kamen, hab aber keines gesehn. Und dabei hatte mich nur noch die Hoffnung aufrecht gehalten, hier in den Häusern gebildeter und gesitteter Menschen müsste es doch irgendwo ein Glas Bier geben.«

Beregond betrachtete ihn mit ernster Miene. »Ich verstehe, ein alter Haudegen bist du. Zwar bin ich selbst nicht weit herumgekommen, aber man sagt, dass überall, wo Mannen zu Felde ziehn, die Hoffnung auf den nächsten Imbiss und Umtrunk sie leitet. Du hast also heute noch nichts zu dir genommen?«

»Nun ja, genau gesagt, doch«, sagte Pippin, »aber nur einen Becher Wein und ein oder zwei von diesen weißen Kuchen, die Ihr Fürst freundlicherweise auftragen ließ; aber dann hat er mich eine Stunde lang mit Fragen gelöchert, und das macht hungrig.«

Beregond lachte. »Kleine Männer leisten große Taten bei Tisch, sagt man bei uns. Aber du hast ebenso gut gefrühstückt wie nur einer in der Zitadelle, und mit höherer Auszeichnung. Dies ist eine Festung und ein Wachtturm, und nun im Kriegszustand. Wir stehen vor der Sonne auf, essen im Morgengrauen einen Bissen und treten zur ersten Stunde unseren Dienst an. Aber kein Grund zu verzweifeln!« Er lachte wieder, als er Pippins enttäuschte Miene sah. »Wer schweren Dienst tut, nimmt um die Mitte des Vormittags eine Stärkung zu sich. Dann gibt es einen Imbiss zur Mittagsstunde oder später, wie es der Dienst zulässt; und zur Hauptmahlzeit und, soweit möglich, zum behaglichen Umtrunk kommen die Mannen bei Sonnenuntergang zusammen.

Komm nun! Wir laufen ein wenig herum, sehn zu, wo wir eine Stärkung auftreiben, setzen uns zum Essen und Trinken auf die Festungsmauer und genießen den schönen Morgen.«

»Moment!«, sagte Pippin und wurde rot. »Aus lauter Gefräßigkeit – oder Hunger, wie man es schonend nennen könnte – hab ich etwas vergessen. Gandalf oder Mithrandir, wie ihr ihn nennt, hat mich gebeten, zuerst nach seinem Pferd zu sehen – Schattenfell, der große Hengst von Rohan, der Augapfel des Königs, hat man mir gesagt, und trotzdem hat er ihn Mithrandir für seine Dienste geschenkt. Ich glaube, sein neuer Herr liebt dieses Tier mehr als viele Menschen, und wenn der Stadt an seinem guten Willen etwas gelegen ist, sollte sie Schattenfell mit höchster Achtung behandeln, noch freundlicher, wenn das möglich ist, als einen Hobbit.«

»Hobbit?«, fragte Beregond.

»So nennen wir uns selbst«, sagte Pippin.

»Gut, dass ich’s weiß«, sagte Beregond, »denn nun kann ich sagen, dass die Hobbits ein wohlredendes Volk sind und dass auch deine fremden Laute dem glücklichen Ausdruck keinen Abbruch tun. Aber komm nun, mach mich mit diesem edlen Pferd bekannt! Ich liebe solche Tiere, obwohl wir sie hier in der steinernen Stadt selten sehen; meine Sippe aber kam aus den Gebirgstälern und davor aus Ithilien. Doch keine Angst, wir machen dort nur einen kurzen Höflichkeitsbesuch, und von da gehn wir in die Schänke.«

Pippin fand Schattenfell gut untergebracht und versorgt. Denn im sechsten Stadtkreis, vor den Mauern der Zitadelle, gab es gepflegte Stallungen für einige wenige schnelle Pferde, dicht bei den Unterkünften der Meldereiter, der Boten, die sich stets bereit hielten, sofort aufzubrechen, wenn Denethor oder einer der Hauptleute es befahlen. Doch jetzt waren die Ställe leer, denn alle Pferde und Reiter waren unterwegs.

Schattenfell wieherte, als Pippin eintrat, und wandte ihm den Kopf zu. »Guten Morgen!«, sagte Pippin. »Gandalf kommt, sobald er kann. Er hat viel zu tun, aber er lässt dich grüßen, und ich soll nachsehen, ob du es gut hast. Ich hoffe, hier kannst du dich ausruhen nach dem langen Ritt.«

Schattenfell warf den Kopf zurück und stampfte auf, ließ aber zu, dass Beregond ihn sachte hinterm Ohr kraulte und ihm die mächtigen Flanken streichelte.

»Er sieht aus, als freue er sich auf ein Rennen, und nicht, als habe er einen langen Ritt eben hinter sich«, sagte Beregond. »Wie stark und stolz er ist! Wo sind sein Sattel und Zaumzeug? Sie müssen prächtig sein.«

»Nichts wäre prächtig genug für ihn«, sagte Pippin. »Er will nichts dergleichen. Wenn er einwilligt, einen zu tragen, dann trägt er ihn; und wenn nicht, nun, dann können weder Zügel noch Kandare, weder Gurte noch Peitschen ihn zähmen. Lebe wohl, Schattenfell! Hab Geduld! Bald kommst du ins Gefecht.«

Schattenfell hob den Kopf und wieherte, dass der Stall bebte und sie sich die Ohren zuhielten. Dann, nachdem sie sich vergewissert hatten, dass die Krippe wohlgefüllt war, nahmen sie Abschied.

»Und nun zu unserer Krippe!«, sagte Beregond und führte Pippin zurück in die Zitadelle und durch eine Tür in der Nordseite des großen Turms. Dort stiegen sie über eine lange, kühle Treppe in einen breiten, von Laternen erhellten Gang hinab. In den Seitenwänden waren Durchreichen, und eine davon stand offen.

»Dies ist das Magazin und die Schänke für mein Wachbataillon«, sagte Beregond. »Grüß dich, Targon!«, rief er in die Luke hinein. »Es ist zwar noch früh, aber hier ist ein Neuankömmling, den der Herr in Dienst genommen hat. Er ist mit knurrendem Magen weit geritten, und heute Morgen hat er harte Arbeit geleistet. Jetzt hat er Hunger. Gib uns, was du hast!«

Sie bekamen Brot, Butter, Käse und Äpfel, die letzten aus dem Wintervorrat, etwas verschrumpelt, aber süß und saftig, dazu eine Lederkanne frisch gezapftes Bier, hölzerne Becher und Teller. Sie packten alles in einen Weidenkorb und stiegen wieder hinauf in die Sonne. Beregond brachte Pippin zu einer Stelle am östlichen Ende der großen, vorspringenden Bastei, wo eine Schießscharte in der Mauer war, mit einer steinernen Bank unter der Brustwehr. Von dort hatten sie einen guten Ausblick über die morgendliche Welt.

Sie aßen und tranken, sprachen bald über Gondor und seine Sitten und Bräuche, bald über das Auenland und die fremden Länder, die Pippin gesehen hatte. Ein ums andere Mal staunte Beregond, und je länger sie redeten, desto größer wurde sein Respekt vor dem Hobbit, der seine kurzen Beine von der Bank baumeln ließ oder sich auf die Zehenspitzen stellte, um auf das Land unter ihnen zu blicken.

»Ich will dir nicht verschweigen, Herr Peregrin«, sagte er, »dass du für uns fast wie ein Kind aussiehst, wie ein Knabe von neun Sommern etwa; und doch hast du schon Gefahren bestanden und Wunderdinge erlebt, deren bei uns nur wenige Graubärte sich rühmen könnten. Zuerst dachte ich, es sei nur eine Laune unseres Fürsten, einen Edelpagen in Dienst zu nehmen, wie es bei den Königen einst Sitte gewesen sein soll. Aber ich sehe, dem ist nicht so, und bitte dich, meine Dummheit zu verzeihen.«

»Sie ist verziehen«, sagte Pippin, »und übrigens ist sie gar nicht so dumm. Nach der Sichtweise unseres Volkes bin ich noch wenig mehr als ein Junge, und erst in vier Jahren werde ich ›mündig‹, wie wir im Auenland sagen. Aber mache dir keine Gedanken meinetwegen! Komm, sag mir, was ich sehen kann!«

Die Sonne war höher gestiegen und hatte die Nebel im Tal zerstreut. Die letzten Schwaden trieben eben als dünne weiße Wölkchen über ihren Köpfen, getragen von dem stärker aufkommenden Ostwind, der nun an den Fahnen und weißen Standarten der Zitadelle rüttelte und zerrte. Weit hinten auf dem Talgrund, etwa fünf Wegstunden von ihnen, sah man nun den Großen Strom, wie er grau schimmernd, von Nordwesten kommend, in einer gewaltigen Schleife nach Süden und dann nach Westen bog, bis er in einem flimmernden Dunst verschwand, wo er dem fünfzig Wegstunden entfernten Meer zustrebte.