Verlag: Knaur eBook Kategorie: Krimi Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

Der Hund, der eine Grube gräbt E-Book

Carine Bernard  

5 (10)

Das E-Book lesen Sie auf:

E-Reader EPUB für EUR 1,- kaufen
Tablet EPUB
Smartphone EPUB
Computer EPUB
Lesen Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?
Hören Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?

Leseprobe in angepasster Form herunterladen für:

Sicherung: Wasserzeichen

E-Book-Beschreibung Der Hund, der eine Grube gräbt - Carine Bernard

Frau Dr. Maus ermittelt! Ein unterhaltsamer Regiokrimi aus Nordrhein-Westfalen. Der Auftakt zur neuen Krimi-Reihe von Carine Bernard. Tierärztin Katja Maus muss zu einem Notfall – Terrier Paul wurde vergiftet. Im Garten seiner Besitzer klafft ein großes Loch, und wenig später liegt ein toter Mann in der Grube. Hat er mit dem alten, nie geklärten Entführungsfall zu tun, über den man in der Nachbarschaft tuschelt? Schließlich bringt eine herrenlose Katze Katja auf die Spur der Identität des Toten. Zusammen mit dem Polizisten Cornelius Blum begibt sie sich auf die Suche nach dem Mörder und stößt auf ein Netz aus Täuschung und Betrug, das sie bis in die Familie eines reichen Ratinger Unternehmers führt ... »Der Hund, der eine Grube gräbt« von Carine Bernard ist ein eBook von Topkrimi – exciting eBooks. Das Zuhause für spannende, aufregende, nervenzerreißende Krimis und Thriller. Mehr eBooks findest du auf Facebook. Werde Teil unserer Community und entdecke jede Woche neue Fälle, Crime und Nervenkitzel zum Top-Preis.

Meinungen über das E-Book Der Hund, der eine Grube gräbt - Carine Bernard

E-Book-Leseprobe Der Hund, der eine Grube gräbt - Carine Bernard

Carine Bernard

Der Hund, der eine Grube gräbt

Kriminalroman

Knaur e-books

Über dieses Buch

Tierärztin Katja Maus muss zu einem Notfall – Terrier Paul wurde vergiftet. Im Garten seiner Besitzer klafft ein großes Loch, und wenig später liegt ein toter Mann in der Grube. Hat er mit dem alten, nie geklärten Entführungsfall zu tun, über den man in der Nachbarschaft tuschelt?

Eine herrenlose Katze bringt Katja auf die Spur der Identität des Toten. Zusammen mit dem Polizisten Cornelius Blum begibt sie sich auf die Suche nach dem Mörder und stößt auf ein Netz aus Täuschung und Betrug, das sie bis in die Familie eines reichen Ratinger Unternehmers führt …

Inhaltsübersicht

Kapitel 1Kapitel 2Kapitel 3Kapitel 4Kapitel 5Kapitel 6Kapitel 7Kapitel 8Kapitel 9Kapitel 10Kapitel 11Kapitel 12Kapitel 13Kapitel 14Kapitel 15Kapitel 16Kapitel 17Kapitel 18Danksagung
[home]

Kapitel 1

Das Notfalltelefon vibrierte direkt neben Katjas Ohr und riss sie aus dem Schlaf. Einen Moment lang versuchte sie, es zu ignorieren, hoffte irgendwie, dass es zu einem Traum gehörte, an den sie sich nicht mehr erinnern konnte. Doch es hörte nicht auf. Schließlich streckte sie die Hand aus und brachte das Handy zum Schweigen.

»Hier spricht Dr. Maus, was kann ich für Sie tun?«

Schluchzen drang aus dem Gerät, Katja setzte sich auf.

»Beruhigen Sie sich bitte und sagen Sie mir, was passiert ist!«

Automatisch gab sie ihrer Stimme einen sicheren Klang, den Praxistonfall hatte sie auch im Halbschlaf drauf.

»Katja, kannst du bitte sofort kommen? Paul ist … Er hat …« Der Rest ging wieder in Weinen unter.

Paul?

»Angela, bist du das? Was ist los?«

»Paul … Er liegt in seinem Korb und zuckt so komisch, und aus seinem Po rinnt Wasser!«

»Wie bitte?« In Katjas Kopf rotierte es. Durchfall wie Wasser? »Kannst du mit ihm in die Praxis kommen? Da kann ich ihm besser helfen!«

Natürlich machte sie auch Hausbesuche, aber ihre Freundin Angela wohnte in der nächsten Querstraße. In der Zeit, in der sie hier alles an Medikamenten zusammensuchte, was sie möglicherweise brauchen würde, konnte Angela schon dreimal hier sein.

Katja schwang die Beine aus dem Bett und zog das T-Shirt aus, das sie anstelle eines Nachthemds trug. Ohne Licht zu machen, griff sie nach ihrer Kleidung, während in ihrem Kopf Erinnerungsfetzen an die lange zurückliegende Toxikologie-Vorlesung herumschwirrten. Durchfall im Strahl, wie aus einem Hydranten, die Stimme des Professors hatte sie noch im Ohr. Sie fuhr sich mit den Fingern ein paarmal durch die wirren dunkelblonden Locken und schlich leise zur Treppe.

Zu spät, Lena hatte sie bereits gehört. Ihre Tochter steckte den Kopf aus der Tür zu ihrem Zimmer. »Was ist los?«, wollte sie wissen. »Ein Notfall?«

»Paul hat starken Durchfall«, antwortete Katja.

»Paul von Angela? Der süße kleine Border Terrier?«

»Genau der.«

»Fährst du hin? Kann ich mitkommen?«

»Nein, Angela kommt mit ihm her. Geh wieder schlafen, du hast doch morgen Schule!«

»Aber ich …«

»Nein, Lena, heute nicht.«

Katja drückte ihrer Tochter einen Kuss auf die Stirn, den diese empört abwehrte – mit vierzehn Jahren ließ man sich nicht mehr von der Mutter küssen –, dann lief sie die Treppe hinunter ins Erdgeschoss und zog den Arztkittel über.

Hinge nicht draußen am Eingang ihr Praxisschild, niemand wäre auf die Idee gekommen, dass die kleine Doppelhaushälfte in der unteren Etage eine Tierarztpraxis beherbergte. Die Diele fungierte mit fünf Stühlen und dem Gäste-WC als Wartebereich, das ursprüngliche Wohnzimmer war zum Behandlungsraum umgebaut, und die ehemalige Küche diente als Labor, Medikamentenlager und Operationsraum in einem. Ein dickes Seil sperrte während der Sprechstunde den Aufgang zu ihrer Wohnung ab: Wohnzimmer, Küche und Bad im ersten Stock und zwei kleine Schlafzimmer ganz oben unter dem Dach. Viel Platz hatten sie nicht, aber es reichte aus für Lena und sie. Außerdem war die Miete günstig, und dass sie ihre Praxisräume im Haus hatte, sparte zusätzlich Zeit und Geld. Dafür nahm sie die manchmal fehlende Privatsphäre gern in Kauf.

Katja schaltete das Licht ein, rückte im Vorbeigehen die Stühle im Wartezimmer gerade und öffnete die Tür zum Behandlungsraum. Draußen bremste ein Auto, eine Tür schlug, und Katja sah durch die Scheibe aus Milchglas die Silhouette zweier Menschen. Sie wartete das Läuten nicht ab, sondern ging zur Haustür und schloss auf.

 

Angela Brömer und ihr Mann standen auf der Schwelle. Er trug einen Mantel über dem Schlafanzug und den Hund auf den Armen, während sich Angela immerhin eine Jogginghose angezogen hatte.

»Kommt rein«, sagte Katja und nickte Clemens Brömer zu. Angela fiel ihr um den Hals und begann wieder zu schluchzen.

»Ich glaube, er stirbt«, brachte sie heraus. Katja reichte ihr wortlos ein Kleenex, dann wandte sie sich Clemens zu.

»Leg ihn bitte auf den Untersuchungstisch.«

Paul war schlaff wie ein Stofftier, nur die Schwanzspitze bewegte sich ein wenig, als Katja über sein struppiges Fell strich. Er war kalt, viel zu kalt, und von Zeit zu Zeit lief ein Zittern über ihn hinweg. Katja zog seine Augenlider herunter; die Bindehaut war gerötet, auch die Schleimhaut im Maul leuchtete ziegelrot. Bei der nächsten Welle verkrampfte sich der kleine Körper, und ein Schwall klarer Flüssigkeit ergoss sich hinter ihm auf den Tisch.

Katja legte einen Stapel Zellstoff unter Pauls Hinterteil. »Ich gebe ihm als Erstes eine Infusion, um den Flüssigkeitsverlust auszugleichen«, entschied sie. »Dann sehen wir weiter.«

»Was hat er? Wird er wieder gesund?« Angela sah sie flehentlich an.

»Ich denke, er hat eine Vergiftung«, sagte Katja. »Die Symptome sind ziemlich typisch. Hat er auch erbrochen?«

»Ja, vorhin, aber da kam nichts, er hat nur gewürgt«, flüsterte Angela. »Ach Paul …«

Clemens ließ sich auf einen Stuhl fallen und barg das Gesicht in den Händen.

Katja setzte einen Venenkatheter und entnahm ein wenig Blut für die Untersuchung, bevor sie eine Flasche Ringerlösung anschloss. Sie spritzte ein krampflösendes Mittel direkt in die Kanüle der Infusion und zog ein Herzmedikament auf.

»Ich behandle ihn erst einmal symptomatisch. Das heißt, ich stabilisiere seinen Kreislauf, und er bekommt etwas gegen die Krämpfe und das Erbrechen.« Ihre Stimme klang sicher, und ihre Gelassenheit übertrug sich auf Angela und Clemens.

Wenig später lag der kleine Hund ruhig auf dem Untersuchungstisch. Sein Atem ging regelmäßig, das Zittern hatte fast aufgehört. Katja säuberte den Tisch, anschließend setzte sie einen Blasenkatheter und zapfte Paul ein wenig Harn ab. In ihrem »Labor« entzündete sie einen alten Bunsenbrenner, tauchte eine Metallöse in den Harn und hielt sie in die Flamme. Ihr Verdacht bestätigte sich, die Flamme färbte sich sofort smaragdgrün.

»Es ist tatsächlich Thallium«, rief sie und drehte den Brenner wieder ab. Sie ging zurück in den Behandlungsraum. »Paul hat vermutlich Rattengift aufgenommen. Früher war das ein sehr gängiges Mittel.«

»Wie soll er denn an Rattengift kommen?« Clemens sah Angela vorwurfsvoll an. »Hat er vielleicht im Wald etwas gefressen? Du weißt doch, dass es immer wieder Idioten gibt, die Hunde vergiften!«

»Bemerkt habe ich nichts«, erwiderte Angela und riss die Augen auf. »Er stöbert doch so gern im Unterholz, und da sehe ich nicht immer, was er tut.« Sie brach wieder in Tränen aus.

»Wenn tatsächlich jemand Giftköder ausgelegt hat, wird Paul nicht der einzige Fall bleiben«, sagte Katja ernst. »Ihr solltet unbedingt zur Polizei gehen und Anzeige erstatten.«

Sie überprüfte Pauls Puls und nickte zufrieden. Dann holte sie eine Packung Aktivkohle aus dem Medikamentenschrank und begann, die Tabletten in einem Mörser zu zerstoßen. Das schwarze Pulver mischte sie mit Wasser zu einem dickflüssigen Brei, den sie in eine große Einmalspritze füllte.

»Er bekommt jetzt Aktivkohle«, erklärte Katja ihr Tun. »Das ist die wirksamste Soforthilfe bei einer Schwermetallvergiftung. Anschließend fahrt ihr am besten nach Duisburg zu Harro.«

Angela blickte sie überrascht an. »Zu deinem Ex-Mann? Wieso kannst du das nicht selber?«

»In der Klinik kann Paul besser geholfen werden. Er muss weiter Infusionen bekommen und die ganze Nacht unter Beobachtung bleiben. Und mit etwas Glück hat Harro das Antidot vorrätig, das Paul braucht. Ich rufe ihn gleich an, okay?«

 

Harro von der Bruiken war selbst am Telefon, als sie wegen Pauls Überweisung die Klinik am Zoo in Duisburg anrief. Kurz angebunden kündigte sie das Eintreffen der Patientenbesitzer Brömer an, Patient Paul, Border Terrier, vier Jahre alt, Thalliumvergiftung.

»Thallium?«, fragte Harro ungläubig. »Bist du sicher?« Sein Tonfall brachte sie unmittelbar auf die Palme.

»Natürlich bin ich sicher«, schnappte sie zurück. »Du bekommst eine E-Mail mit der Krankengeschichte.« Sie knallte den Hörer auf den Tisch, dass der Terrier zusammenfuhr, und rieb sich die Schläfen. Wie gut, dass die Brömers die Praxis schon verlassen hatten. Sie waren nach Hause gefahren, um sich etwas anzuziehen, aber sie würden gleich wiederkommen und mit Paul nach Duisburg fahren.

Es war vier Uhr morgens, als Katja müde und erschöpft die Treppe zu ihrer Wohnung hochstieg. Auf der letzten Treppenstufe trat sie in etwas Weiches, Pelziges, das mit einem entrüsteten Maunzen unter ihrem Fuß wegtauchte.

»Kiri, musst du mich so erschrecken!«

Die schwarze Katze miaute erneut und strich um Katjas Beine. Katja bückte sich, um sie zu streicheln, und Kiri schnurrte wie ein Kompressor los. Offenbar war sie gerade von einem nächtlichen Ausflug nach Hause gekommen, ihr Fell fühlte sich feucht und kühl an.

Katja folgte Kiri in die Küche und füllte ihren Futternapf auf. Die Katze machte einen Buckel und gähnte, dann drehte sie sich demonstrativ um und stolzierte ins Wohnzimmer.

»Nein, Kiri, ich gehe wieder ins Bett«, sagte Katja.

Die Katze kam mit und rollte sich am Fußende der Decke zusammen. Ihr Schnurren wiegte Katja in einen unruhigen Schlaf, aus dem sie der Wecker zweieinhalb Stunden später unbarmherzig weckte.

*

Eigentlich hatte Katja vorgehabt, direkt am Morgen in der Tierklinik in Duisburg anzurufen und sich nach dem Befinden von Paul zu erkundigen. Eigentlich. Aber dann stand noch vor Beginn der Vormittagssprechstunde ein aufgelöster Mann mit einer leise fauchenden Transportbox vor der Tür. Sein Kater war heute Morgen übersät mit Blessuren nach Hause gekommen, und die Versorgung der Wunden bei dem wenig kooperativen Raufbold dauerte länger als erwartet.

Um neun Uhr füllte sich das Wartezimmer, doch die Terminpatienten mussten alle eine längere Wartezeit in Kauf nehmen. Bianca, ihre tüchtige Helferin, beschwichtigte die Ungeduldigen und hielt die Tiere bei Laune. Aber ihre Bemühungen führten dazu, dass Katja die meiste Zeit mit Patienten und Besitzern allein im Behandlungszimmer war, wodurch alles noch länger dauerte. Immerhin waren keine weiteren Vergiftungen zu beklagen, was Pauls Fall noch rätselhafter machte.

Es war schon weit nach zwölf, als endlich der letzte Patient die Praxis verließ. Zum Glück hatte Katja heute keine Operationen angesetzt, die sie üblicherweise in der Mittagszeit durchführte. Sie zog sich einen Kaffee aus der Espressomaschine – der einzige Luxusgegenstand, den sie bei der Trennung von Harro mitgenommen hatte – und ließ sich gerade in die quietschende Hollywoodschaukel auf der Terrasse fallen, als das Telefon klingelte. Bianca war schon gegangen. Sie ließ es klingeln, bis sich der Anrufbeantworter einschaltete.

»Sie sind mit der Tierarztpraxis von Dr. Katja Maus verbunden. Leider rufen Sie außerhalb der Sprechzeiten an …«

Katja blendete die Ansage aus und hob erst den Kopf, als sie Angelas Stimme hörte.

»Hallo Katja, ich bin’s«, sagte Angela. »Kannst du mich bitte zurückrufen? Hier ist …«

»Ja, Angela, was ist passiert?« Katja war aufgesprungen und zum Telefon gerannt. »Ist etwas mit Paul?«

»Nein, Paul geht es den Umständen entsprechend gut«, erwiderte Angela. »Dein Ex hat tolle Arbeit geleistet.«

»Puh, da bin ich aber froh.«

Katja ließ sich, das Telefon in der Hand, wieder in die Hollywoodschaukel sinken. »Entschuldige, dass ich mich nicht mehr gemeldet habe, aber hier war heute der Teufel los.«

»Das ist schon okay, deshalb wollte ich dich auch nicht während der Sprechstunde stören.«

Katja atmete tief durch. »Was hat Harro gesagt?«

»Er hat deine Diagnose bestätigt«, antwortete Angela. »Paul hat wirklich eine Thalliumvergiftung.«

Katja nickte, sie hatte nichts anderes erwartet. »Ich nehme an, er ist noch in der Klinik?«

»Ja, er muss zwei oder drei Tage bleiben.« Angela seufzte. »Er fehlt mir jetzt schon schrecklich!«

»Das Wichtigste ist doch, dass es ihm schnell besser geht.« Katja gab ihrer Stimme einen beruhigenden Klang. »Ist dir noch etwas eingefallen, wie Paul an das Gift gekommen sein könnte?«

»Deshalb rufe ich an.« Katja hörte Angela durch das Telefon schnaufen. »Kannst du vielleicht kurz rüberkommen? Ich möchte dir etwas zeigen.«

 

Zehn Minuten später stand Katja vor dem Haus der Brömers und klingelte. Angela öffnete ihr die Tür. Man sah ihr die Strapazen der letzten Nacht an, und da Katja sie sonst nur hübsch zurechtgemacht und schick gekleidet kannte, erschrak sie doppelt. Spontan umarmte sie ihre Freundin.

»Paul wird bestimmt wieder gesund«, versprach sie. »Wenn man das Gift schnell eliminieren kann, bleiben auch keine Folgeschäden.«

Angela schniefte, aber sie nickte tapfer. »Ich habe auch das Gefühl, er ist bei Harro in guten Händen.«

»Das ist er bestimmt.« Katja wollte nicht über Harro sprechen und wechselte rasch das Thema. »Was wolltest du mir zeigen?«, fragte sie.

»Im Garten«, erwiderte Angela und wies ins Wohnzimmer. Die Terrassentür stand sperrangelweit offen. »Ich habe es auch erst vorhin gesehen«, sagte sie.

Katja folgte ihr auf die Terrasse und riss die Augen auf. »Was ist denn hier passiert?«

Auf dem gepflegten Rasen vor der Terrasse lagen Erdbrocken verstreut. Dazwischen klaffte eine Vertiefung im Boden wie eine hässliche Wunde.

»Ich habe keine Ahnung«, antwortete Angela. »Ich habe bis jetzt geschlafen.« Sie errötete, aber Katja nickte nur. »Und als ich vorhin aus dem Fenster geschaut habe, sah es so aus.« Sie blickte Katja unsicher an. »Meinst du, das war Paul? Kann es sein, dass das Gift in der Erde war?«

Katja schüttelte den Kopf. »Es gibt zwar Gegenden, wo die Thalliumbelastung im Boden sehr hoch ist, aber das reicht niemals für solch eine akute Vergiftung, wie Paul sie hatte.«

Katja musterte die aufgegrabene Stelle; das Loch war nicht sehr breit und auch nicht tief, aber doch deutlich größer, als sie es dem Border Terrier zutraute. Die Ränder wiesen Riefen und Furchen auf, die auch nicht so aussahen, als ob sie von Pauls kleinen Pfoten stammten.

»Ich glaube auch nicht, dass Paul hier gegraben hat.«

Sie trat auf den Rasen und sah in die Grube. Sie maß vielleicht einen Meter im Durchmesser und reichte an der tiefsten Stelle einen knappen halben Meter in die Erde.

Angela stellte sich neben sie. »Woher kommt dann das Loch?«, fragte sie. »Kann das ein Maulwurf gewesen sein?«

»Nein, bestimmt nicht«, erwiderte Katja. »Maulwürfe machen Hügel und keine Gruben. Und selbst wenn – so große Maulwürfe gibt es nicht.«

»Dann vielleicht ein Wildschwein?« Angela riss die Augen auf.

»Von der Größe her könnte das eher hinkommen«, sagte Katja. »Aber Wildschweine graben kein einzelnes Loch, die hätten deinen ganzen Garten verwüstet und den Zaun gleich dazu.«

»Was ist es dann?«

Katja hob die Schultern. »Ich habe keine Ahnung. Aber mit Pauls Vergiftung hat es bestimmt nichts zu tun.«

*

Katja wärmte die Ampulle mit dem Impfstoff in der Hand und hörte nur mit halbem Ohr dem Geplapper von Frau Jorgens zu. Die alte Frau hatte wenig Ansprache, seit ihr Mann gestorben war. Günni, ihr fetter Kater, der den Grund für Katjas Hausbesuch darstellte, eignete sich zwar gut als Zuhörer, doch als Gesprächspartner war er denkbar ungeeignet. Die meiste Zeit schlief er auf dem Sofa, ganz so wie früher Herr Jorgens.

Katja unterdrückte ein Grinsen bei diesem Gedanken und wandte sich Günni zu. Sie kannte den Kater nun schon seit zwei Jahren und hatte ihn noch nie anders als liegend gesehen. Mit geübten Griffen tastete sie den runden Körper ab, zog Günnis Lefzen nach oben und die Augenlider nach unten, leuchtete in die Ohren und ins Maul und holte zuletzt ihr Stethoskop aus dem Koffer. Mit einer Handbewegung bedeutete sie Frau Jorgens, still zu sein, damit sie den Herzschlag unter der dicken Fettschicht hören konnte. Dann tätschelte sie zufrieden Günnis feisten Po.

»Ist alles in Ordnung mit ihm?«, fragte Frau Jorgens.

»Er ist gesund«, sagte Katja. »Er sollte nur dringend abnehmen.«

»Ich weiß«, gab Frau Jorgens zu. »Aber er frisst so gern, und ich kann ihm nichts abschlagen!«

»Haben Sie mal das Diätfutter ausprobiert, das ich Ihnen empfohlen habe?«

Katja zog die Spritze auf und klopfte die Luftblasen aus der Kanüle.

»Ich habe es einmal gekauft, aber es ist so teuer!« Frau Jorgens seufzte. »Ich habe doch nur die Witwenrente von meinem Ernst, da kann ich mir das nicht leisten!«

»Dann müssen Sie ihm einfach weniger geben!« Katja hatte diese Diskussion schon oft geführt, und nicht nur mit Frau Jorgens. Gebetsmühlenartig wiederholte sie die Warnungen vor Herzproblemen, Gelenkschäden und Diabetes.

»Das weiß ich doch alles, Frau Doktor«, seufzte Frau Jorgens. »Sie haben ja recht. Aber das ist nicht so einfach mit ihm.«

»Können Sie kurz seinen Kopf festhalten?« Katja hob eine Falte an Günnis Flanke und stach die Nadel durch die Haut. Der Kater zuckte zusammen, aber bevor er reagieren konnte, hatte sie schon abgedrückt und zog die Spritze zurück. Sie massierte die Einstichstelle kurz, und Günni entspannte sich unter ihren kraulenden Fingern.

»Das war’s schon. Haben Sie Günnis Pass zur Hand? Dann trage ich die Impfung gleich ein.«

Frau Jorgens wies auf den Tisch. »Trinken Sie noch einen Kaffee mit mir?«, fragte sie.

Der Tisch war für zwei Leute gedeckt, schönes blau-weißes Porzellan und eine altmodische Kanne auf einem Stövchen. Neben einer der Tassen lag der Impfpass, daneben stand eine Flasche Killepitsch.

Katja blickte auf die Uhr. Eigentlich hatte sie gehofft, vor der Nachmittagssprechstunde noch eine halbe Stunde Zeit für Lena zu haben, aber die alte Frau sah sie so hoffnungsvoll an, dass sie zustimmend nickte.

»Gern, Frau Jorgens. Aber nur eine Tasse!«

 

»Ich habe Sie vorhin drüben bei Brömers gesehen«, sagte Frau Jorgens, während sie Katja den Kaffee einschenkte. Dann griff sie nach der Flasche Killepitsch und hielt sie fragend hoch.

Katja schüttelte den Kopf. »Nein danke, ich habe gleich noch Sprechstunde«, erklärte sie.

Frau Jorgens kippte einen reichlichen Schuss Kräuterlikör in ihre Tasse, während Katja nach dem Milchkännchen griff. Sie goss etwas Milch zu ihrem Kaffee und unterdrückte ein Seufzen, als er sich sofort milchig hell färbte. »Blümchenkaffee«, dachte sie bei sich. »Und womöglich auch noch koffeinfrei.« Aber sie sagte nichts, sondern gab noch einen Löffel Zucker zu der Mischung. Glukose wirkte schließlich ebenfalls anregend.

»Bei Brömers? Ach so, stimmt, Sie sind ja praktisch Nachbarn.«

Das Haus von Frau Jorgens lag an einem Wendehammer, an den auch das Grundstück der Brömers grenzte. Aus Frau Jorgens’ Küchenfenster konnte man direkt in Angelas rückwärtigen Garten blicken.

»Ist etwas mit Paul?«, wollte Frau Jorgens wissen.

Katja sah sie einen Moment lang an. Tierärzte unterlagen zwar nicht im gleichen Maße der Schweigepflicht wie ihre Kollegen aus der Humanmedizin, trotzdem hatte sie es sich zum Prinzip gemacht, nicht mit Dritten über ihre Patienten zu sprechen. Aber die Miene der alten Frau drückte keine Neugierde, sondern nur ehrliches Interesse an dem Hund aus, den sie bestimmt ebenfalls kannte.

»Paul hat Gift gefressen, er ist sehr krank.«

»Das ist ja schrecklich!« Frau Jorgens sah sie bestürzt an. »Hat ihn jemand vergiftet?«

Katja schüttelte den Kopf. »Wir wissen es nicht«, sagte sie.

»Aber er wird doch wieder gesund?«

»Ich hoffe schon. Momentan ist er in Duisburg in der Tierklinik.«

»Bei Ihrem Ex-Mann?«

Katja zuckte zusammen. Offenbar wusste jeder hier in Ratingen-Ost über ihre Vergangenheit Bescheid. »Ja, bei Herrn Doktor von der Bruiken.«

Frau Jorgens nickte, offenbar war ihr Katjas abweisende Reaktion nicht entgangen. »Als ich heute Morgen die frische Grube im Garten sah, dachte ich erst, Paul ist gestorben.«

Katja nahm den Themenwechsel dankbar an. »Frau Brömer ist die Grube selbst ein Rätsel. Niemand weiß, wie sie entstanden ist.«

»Kann das Paul gewesen sein?«

Katja schüttelte den Kopf. »Bestimmt nicht. Dazu ist sie zu tief.«

»Sehr eigenartig«, sagte Frau Jorgens und schenkte sich selbst und Katja noch Kaffee nach. Erneut kam der Killepitsch zum Einsatz. »Das erinnert mich an eine Geschichte, die meine Mutter immer erzählt hat.«

Katja seufzte und schielte auf die Uhr. »Eine Geschichte?«, fragte sie schicksalsergeben.

»Wissen Sie, meine Mutter war in den letzten Jahren ihres Lebens nicht mehr ganz bei Sinnen«, begann Frau Jorgens umständlich. »Deshalb habe ich auch nie geglaubt, dass an der Sache etwas dran ist. Aber jetzt …«

»Was meinen Sie?«

»Ach, ich will Sie nicht langweilen. Das war doch nur das Geschwätz einer verwirrten alten Frau.« Frau Jorgens nahm einen großen Schluck von ihrem Killepitsch-Kaffee.

Jetzt hatte sie Katja neugierig gemacht. »Was hat Ihre Mutter denn gesagt? Bitte, erzählen Sie doch!«

»Also gut. Aber wie gesagt, es hat bestimmt nichts zu bedeuten, es ist nur eine dumme Geschichte.«

Katja hätte sie am liebsten geschüttelt.

»Meine Mutter konnte nachts oft nicht schlafen und geisterte dann durchs Haus.« Frau Jorgens sah Katja beschwörend an. »Und einmal hat sie angeblich Frau Krahe dabei beobachtet, wie sie mitten in der Nacht im Garten gegraben hat.«

»Wer ist Frau Krahe?«

»Das Haus der Brömers gehörte früher der Familie Krahe. Nach dem Tod von Frau Krahe vor einigen Jahren hat ihre Tochter Patrizia es verkauft.«

»Ach so. Nachts im Garten zu arbeiten ist sicher unüblich, aber doch nicht verboten? Vielleicht konnte Frau Krahe auch nicht schlafen.«

Katja wollte aufstehen, doch Frau Jorgens legte ihr die Hand auf den Arm. »Das Komische daran war, dass am nächsten Tag nichts davon zu sehen war.«

»Ach? Dann hat Ihre Mutter bestimmt nur geträumt.«

»Ja, das dachten wir auch alle. Aber wissen Sie, kurz zuvor war doch die ARBA-Entführung!«

»ARBA? Sie meinen die Baumarkt-Kette?«

»Genau, Arnold Baustoffe. Die Arnolds waren damals schon schwerreich. Jemand entführte den fünfzehnjährigen Sohn und forderte sieben Millionen Mark Lösegeld, können Sie sich das vorstellen? Die Polizei hat den Schuldigen nie gefunden, und das Geld blieb verschwunden.«

»Und Sie meinen …« Katja war nicht sicher, ob sie verstand, was ihr die alte Frau andeuten wollte.

»Die Krahes sind damals oft in Urlaub gefahren, und es waren immer teure Reisen.« Frau Jorgens machte eine vielsagende Pause. »Frau Krahe hatte einen Pelzmantel, und ihr Mann fuhr ein großes Auto.«

»Sie wollen sagen, die Krahes hatten etwas mit dieser Entführung zu tun?«

»Herr Krahe bestimmt nicht.« Frau Jorgens schüttelte energisch den Kopf. »Der war Lehrer hier am Berufskolleg und ein sehr ehrenwerter Mann. Aber Frau Krahe, die hatte einen Neffen, der hieß Mats, und der war ein richtiger Tunichtgut. Ich weiß noch, wie sie meiner Mutter immer die Ohren vollgejammert hat, wenn er wieder was angestellt hatte. Doch das war noch viel früher, da ging es meiner Mutter noch gut.«

»Was ist aus dem Neffen geworden?«

»Ich weiß es nicht. Die Entführung war in den Siebzigerjahren. Ich habe ihn seit damals nicht mehr gesehen. Dabei war der Mats so ein hübscher Kerl, groß und schlank und mit dunklen Locken!« Frau Jorgens beugte sich vertraulich zu Katja. »Natürlich viel zu jung für mich, aber …« Sie kicherte, ihre Wangen hatten sich gerötet.

»Das ist ja wirklich eine interessante Geschichte«, sagte Katja und sah demonstrativ auf die Uhr. »Leider muss ich jetzt gehen, in zehn Minuten beginnt meine Sprechstunde.«

Frau Jorgens nickte. »Ja, ich habe Sie lange genug aufhalten. Ich habe so wenig Besuch, dass ich immer die Zeit vergesse, wenn einmal jemand hier ist.«

»Das macht doch nichts, Frau Jorgens«, antwortete Katja und meinte es auch so. »Aber jetzt muss ich wirklich los. Und denken Sie an die Diät für Günni!«

*

Katja überquerte die Straße, bog in den Kopernikusring ein und geriet ins Stolpern; beinahe wäre sie gestürzt. Im letzten Moment konnte sie sich an einem Zaunpfosten festhalten. Eine Rollleine hatte sich um ihren Knöchel gewickelt, und der Beagle, der daran hing, bellte erschrocken auf. Am anderen Ende der Leine befand sich ein vielleicht fünfzehnjähriger Junge, der irritiert den Kopf von seinem Handy hob. Katja kannte ihn flüchtig, er ging mit Lena in die gleiche Klasse, aber sie wusste seinen Namen nicht.

»Jacky, was machst du denn«, schimpfte er mit dem Hund und ließ die Leine einfahren, was dazu führte, dass sich Katjas Beine noch mehr verhedderten.

»Du kannst Jacky doch nicht so viel Leine lassen, wenn du nicht auf sie achtest«, rügte sie. Der Junge erkannte erst jetzt, was passiert war, und schaute schuldbewusst drein.

»Entschuldigung, Frau Maus, das wollte ich nicht!«

Er bückte sich und öffnete den Karabiner der Leine. Der Knoten um Katjas Füße löste sich, und die Schnur fuhr mit einem lauten Schnalzen ein. Jacky nutzte die Gelegenheit und machte sich zügig davon in Richtung Wald.

»Jacky, halt, so warte doch!«

Der Junge warf Katja noch einen entschuldigenden Blick zu und rannte dem Hund hinterher. Die Beaglehündin hielt das offenbar für ein lustiges Spiel und beschleunigte. An der nächsten Kreuzung bog der Bus um die Ecke, Katja hielt den Atem an, doch Jacky flitzte noch vor dem Bus über die Straße. Katja stieß die Luft aus. Das war knapp, um ein Haar hätte sie heute noch einen Notfall zu versorgen gehabt.

Vor ihrem Haus warteten schon die ersten Patienten. Sie sah auf die Uhr, es blieben ihr gerade mal fünf Minuten. Grüßend schlängelte sie sich zwischen Hundeleinen und Katzenkörben hindurch, schloss die Tür auf und ließ die Leute ein. Dann eilte sie die Treppe hoch, um sich umzuziehen.

»Lena, bist du da?«

Oben schlug eine Tür. »Ja, Mama, was denkst du denn!«

Katja verdrehte die Augen. »Ich muss gleich wieder runter in die Praxis, kommst du klar?«

»Jaaaaaaaaa!« Dem Tonfall nach rollte auch Lena mit den Augen.

Katja seufzte. Offenbar war heute wieder einer dieser Tage. Manchmal war Lena noch ganz Kind und suchte ihre Nähe. Im nächsten Augenblick war sie meilenweit fort und blieb am liebsten für sich. Das war okay, das gehörte wohl zur Pubertät. Das Problem war nur, dass Katja nie vorher wusste, woran sie mit Lena gerade war, und natürlich schien sie es immer genau verkehrt zu machen. Sie starrte einen Moment auf die Treppe, die nach oben zu Lenas Zimmer führte, dann atmete sie tief durch, zog sich einen frischen Arztkittel über und stürzte sich in die Sprechstunde.

[home]

Kapitel 2

Am nächsten Morgen verabschiedete Katja ihre Tochter mit einem Kuss in die Schule, den Lena heute ohne Widerspruch über sich ergehen ließ. Die Tür fiel unten ins Schloss, im gleichen Augenblick begann das Telefon zu klingeln. Nicht das Handy, auf das während der Nachtstunden die Praxisnummer umgeleitet wurde, sondern Katjas privater Anschluss.

Sie sah aufs Display, bevor sie abnahm, und war irgendwie nicht überrascht, Angelas Nummer zu sehen. Hoffentlich bedeutete das nicht, dass Paul …

»Hallo Angela? Was gibt’s?«, meldete sie sich.

»Katja, kannst du bitte schnell kommen?« Angelas Stimme war nur ein Flüstern. »Da ist etwas im Garten …«

»Im Garten? Ich dachte, Paul …«

»Nein, Paul geht es gut. Der darf morgen schon nach Hause.«

Katja sah auf die Uhr. Es war kurz nach sieben, draußen wurde es gerade erst hell. »Willst du mir nicht sagen, was los ist?«

»Da draußen liegt jemand auf dem Rasen, und …«

»Was?«

»Bitte, Katja, komm schnell her, ich habe solche Angst!« Angelas Stimme zitterte.

Katja holte tief Luft. »Okay, ich bin schon unterwegs!«

 

Keine fünf Minuten später traf Katja bei Angela ein. Die Freundin stand in der Tür und wartete schon. Sie hatte eine Jacke über den Hausanzug geworfen und starrte Katja aus großen Augen an.

»Ich traue mich nicht, nachzuschauen«, flüsterte sie.

»Lass mich mal sehen.« Katja ging durchs Wohnzimmer zur Terrassentür und schob sie auf.

»Sei bloß leise, womöglich weckst du ihn!« Angelas Tonfall war panisch.

»Ich glaube nicht …« Katja verstummte. Auf dem Rasen, genau da, wo sie gestern die geheimnisvolle Grube entdeckt hatten, lag ein Mensch. Ein Mann genauer gesagt, in abgetragenen Jeans und einer speckigen Lederjacke. Sie ging auf Zehenspitzen näher und hielt unwillkürlich den Atem an, doch die Vorsicht war unbegründet. Dieser Mann würde nie wieder aufwachen.

Die Grube war seit gestern größer geworden, und der Mann lag bäuchlings darin wie in seinem eigenen Grab. Die Haare glitzerten feucht und dunkel vom Morgentau, das Gesicht war zur Seite gewandt. Das wenige, was man davon erkennen konnte, war eine einzige blutige Masse, aus der sich schneeweiß die Nase abhob. Neben ihm lag ein Spaten im Gras, das metallene Blatt schwarzbraun verschmiert von getrocknetem Blut und frischer Erde.

Katja hielt den Atem an und zog sich Schritt für Schritt zur Terrasse zurück. Angela stand in der Tür und hielt die Fäuste an den Mund gepresst. »Ist er tot?«, hauchte sie.

»Ja.« Katja nahm die Freundin an den Schultern. »Hast du denn gar nichts gehört?«, fragte sie. »Ist dir heute Nacht nicht irgendetwas aufgefallen?«

Angela schüttelte den Kopf. »Nein, nichts, gar nichts!«

»Kennst du ihn? Hast du ihn schon einmal gesehen?«

»Bestimmt nicht! Wie kommst du darauf?« Ihre Augen füllten sich mit Tränen, und sie begann hemmungslos zu schluchzen.

»Immerhin ist er in deinem Garten erschlagen worden«, erwiderte Katja lakonisch und zog das Handy aus der Tasche. »Ich rufe jetzt die Polizei.«

 

Es dauerte nicht lange, bis vor dem Haus ein Streifenwagen hielt. Katja hatte Kaffee gekocht und Angela eine Tasse in die Hand gedrückt. Ihre Freundin befand sich in einer Art Schockstarre, sie saß im Wohnzimmer und weigerte sich, auch nur aus dem Fenster zu sehen.

Katja öffnete den Polizisten die Tür. Sie waren in Uniform, den Größeren der beiden kannte sie flüchtig. Er wohnte ein paar Häuser weiter und war schon einmal mit seinem Schäferhund bei ihr in der Praxis gewesen. Der Hund hieß Pitter, an den Namen des Mannes erinnerte sie sich nicht mehr, doch sie konnte ihn von seinem Namensschild ablesen.

»Hallo Herr Blum«, sagte sie, als er ihr grüßend zunickte.

Sein Kollege stellte sich vor. »Müller, Wache Ratingen«, bellte er und hielt ihr einen Dienstausweis unter die Nase. »Sind Sie Frau Brömer?«

»Nein, ich bin Frau Dr. Maus«, erklärte sie; gleichzeitig schüttelte Herr Blum den Kopf. »Ich bin eine Freundin von Frau Brömer. Sie hat mich angerufen, als sie den Mann im Garten sah.« Sie machte eine Handbewegung nach drinnen. »Ich habe Sie verständigt.«

Katja trat aus dem Haus, ging voran und geleitete die beiden Beamten zum Gartentor. »Da ist er«, sagte sie überflüssigerweise und deutete auf den Toten.

Müller zog die Luft durch die Zähne und beugte sich über den Zaun.

»Haben Sie etwas angefasst?«, schnauzte er Katja an. Ihre Fußspuren im feuchten Gras waren deutlich zu sehen.

»Nein, natürlich nicht«, schnappte sie zurück. »Als ich sah, dass er tot ist, habe ich sofort die 110 angerufen.«

»Schon gut, Sie haben alles richtig gemacht.« Blums Stimme klang versöhnlich. Er war eindeutig der Freundlichere von den beiden. In der Uniform wirkte er größer, als sie ihn in Erinnerung hatte.

Sie wollte ihn schon fragen, wo er seinen Hund gelassen hatte, doch sein Kollege fuhr dazwischen. »Gehen Sie bitte wieder ins Haus«, wies er sie an. »Wir können hier niemanden gebrauchen, der die Spurenlage durcheinanderbringt.«

Katja hob die Schultern, und Blum zwinkerte ihr zu. »Der Kollege ist vor dem ersten Kaffee immer ein wenig ungenießbar«, sagte er leise. »Er meint es nicht so.«

Sie lächelte schwach, dann wandte sie sich ab und ging zurück zur Haustür. Aus dem Augenwinkel sah sie, wie Müller telefonierte.

 

Katja war gerade dabei, sich eine weitere Tasse Kaffee einzugießen, als draußen noch ein Streifenwagen mit Blaulicht vorfuhr. Sie sah durchs Fenster, wie Müller winkte, und zwei uniformierte Beamte gesellten sich zu ihm, ohne das Blaulicht abzustellen. Das zuckende Licht blieb nicht lange unbemerkt, und Katja beobachtete, wie die Nachbarn der Reihe nach aus ihren Häusern kamen. Die alte Frau Jorgens hatte den besten Platz; sie stand am offenen Küchenfenster, von wo aus sie alles ganz genau beobachten konnte.

Die Polizisten hatten rund um die Leiche ein großzügiges Viereck bis zur Terrasse abgesteckt und mit Flatterband markiert. Müller hing noch immer am Telefon. Oder schon wieder, Katja wusste es nicht. Ein blau-silberner Kleinbus bog in den Wendehammer ein und kam neben dem Wagen mit dem Blaulicht zu stehen. Sie hörte Türen schlagen, ein Martinshorn jaulte kurz auf und verstummte gleich wieder.

Katja wandte sich ab und ging zu Angela hinüber, die noch immer wie betäubt in ihrem Sessel saß.

»Möchtest du noch Kaffee?«, fragte sie.

Angela schüttelte den Kopf. »Der arme Mann! Wer tut denn etwas so Schreckliches?«

Darauf wusste Katja auch keine Antwort.

Sie fuhr zusammen, als vor dem Wohnzimmerfenster eine hochgewachsene Gestalt auftauchte. Aber es war nur der Polizist, Herr Blum, der mit beiden Händen gestikulierte. Sie erhob sich und öffnete ihm die Terrassentür.

Er trat seine Stiefel an der Fußmatte ab und fragte: »Darf ich reinkommen?«

Katja schob die Schiebetür ganz auf. »Frau Brömer ist nicht vernehmungsfähig«, sagte sie. »Oder wie man das nennt.«

»Ich mache gar keine Vernehmung«, antwortete Blum und lächelte sie an. »Ich möchte nur die Personalien feststellen. Die Befragung führt später ein Kriminalkommissar durch.«

Angela in ihrer Ecke hob den Kopf und starrte den Polizisten an, als wäre er mitten in einen Albtraum geplatzt. Irgendwie stimmte das ja auch. Blum hob grüßend die Hand, und sie begann wieder zu weinen.

Rasch führte Katja Blum in die Küche, außer Sicht. »Ich denke, das meiste kann auch ich Ihnen sagen.«

»In welchem Verhältnis stehen Sie zu Frau Brömer?«, fragte er.

»Ich bin ihre Freundin. Als sie heute Morgen die Gestalt auf dem Rasen liegen sah, hat sie es mit der Angst zu tun bekommen und mich angerufen.«

»Ich verstehe.« Blum zog sich einen Stuhl heran, setzte sich an den Küchentisch und nahm einen Notizblock aus der Tasche. »Dann fangen wir mit Ihnen an, Frau Dr. Maus.«

»Meinen Namen wissen Sie ja schon«, bemerkte Katja.

»Ihr Vorname ist Katja, oder?«

»Stimmt.«

»Katja Maus«, wiederholte Blum und schrieb den Namen in seinen Block. »Ich heiße übrigens Cornelius. Cornelius Blum.«

Katja zog die Augenbrauen hoch.

»Entschuldigen Sie bitte, lassen Sie uns fortfahren.« Blum sah zerknirscht drein, aber seiner Stimme hörte man es nicht an. »Ihre Adresse bitte?«

»Kopernikusring 25.«

»Da ist doch Ihre Praxis, oder nicht?«

»Ja. Wir wohnen im Obergeschoss.«

»Wir?«

Eigentlich ging ihn das nichts an, aber Katja antwortete trotzdem. »Meine Tochter Lena und ich.« Sollte er es ruhig wissen.

»Ach so.« Er hatte eine tiefe, sonore Stimme und klang so, als ob ihn das wirklich interessieren würde. Wahrscheinlich war das einfach seine Art, die er sich als Polizist angewöhnt hatte.

»Darf ich fragen, wann Sie Geburtstag haben?«

Katja schnappte nach Luft. Das ging nun entschieden zu weit! »Warum wollen Sie das wissen?«

Blum wurde tatsächlich rot. »Sie können mir auch einfach Ihren Personalausweis geben«, sagte er. »Dann schreibe ich alles ab.«

Katja biss sich auf die Lippe. War sie wirklich so aus der Übung mit Männern, dass sie eine einfache Befragung durch einen Polizisten schon als Annäherungsversuch deutete? Sie spürte, wie ihr das Blut in die Wangen schoss. »Nein, nein, es ist schon in Ordnung. Am 23. März bin ich zweiundvierzig geworden.« Sie nestelte ihr Portemonnaie aus der Hosentasche und zog den Personalausweis heraus. »Bitte schön.«

»Jetzt brauche ich ihn nicht mehr«, sagte Blum und grinste. Aber er nahm ihn trotzdem in die Hand und betrachtete ihn. »Schönes Foto«, stellte er fest.

Katja runzelte die Stirn. Aber bevor sie etwas erwidern konnte, schob er ihn schon wieder über den Tisch. »Danke.«

Während Katja den Ausweis verstaute, machte sich Blum Notizen. Sie äugte neugierig auf seinen Block, aber sie konnte seine Schrift nicht lesen. Nur mit Mühe entzifferte sie die Zahlen ihres Geburtsdatums.

»Kommen wir zu Frau Brömer«, sagte Blum.

»Sie heißt Angela Brömer, und die Adresse hier lautet Am Pfingsberg 36. Geboren ist sie am 15. August 1969«, ratterte Katja herunter.

Blum schrieb mit.

»Ihr Mann heißt Clemens«, setzte sie hinzu. »Aber seinen Geburtstag weiß ich nicht auswendig.«

Der Polizist nickte. »Das war es auch schon.«

Katja stand auf, und Blum erhob sich ebenfalls, irgendwie widerstrebend, wie ihr schien. »Möchten Sie einen Kaffee?«, fragte sie spontan und wunderte sich über sich selbst.

Er warf einen sehnsuchtsvollen Blick zur Kaffeemaschine, doch dann schüttelte er den Kopf. »Nein, danke, ich muss wieder zu den Kollegen«, sagte er. »Aber vielleicht können wir mal zusammen einen Kaffee trinken?«

Katja schlug die Augen nieder. »Ich weiß nicht«, wehrte sie ab. »Ich habe immer so viel zu tun …«

»Ist schon in Ordnung«, stieß Blum hastig hervor. »Ich wollte mich nicht aufdrängen.«

Er wandte sich brüsk ab und war aus der Tür, bevor Katja noch etwas hinzufügen konnte. Sie lief ihm nach und blieb in der offenen Terrassentür stehen. »So habe ich das nicht gemeint«, murmelte sie, aber sie sagte es nicht laut.

Cornelius Blum stand inzwischen wieder bei seinen Kollegen. Ein gleißender Scheinwerfer erleuchtete den Tatort, und zwei Beamte in weißen Papieranzügen krochen auf allen vieren um die Leiche herum. Gelbe Plastikhütchen mit Nummern waren rund um den Schauplatz verteilt – Katja zählte fünf Stück –, und einer der Polizisten brachte ein Stativ mit einer Kamera in Stellung.

Im Wendehammer standen inzwischen zwei weitere Fahrzeuge, und ein Nachbar diskutierte mit einem der Uniformierten. Offenbar versperrten ihm die Autos die Ausfahrt aus seiner Garage.

Katja hob die Hand und winkte, ein Beamter in Zivil kam auf sie zu. »Sind Sie Frau Brömer?«, fragte er. Er war hager und hatte etwas zu langes Haar.

»Nein, ich bin Katja Maus, eine Freundin von Frau Brömer. Und wer sind Sie?«

»Friedemann, Kripo Düsseldorf«, antwortete er und zeigte seine Dienstmarke. »Kann ich Ihnen ein paar Fragen stellen?«