Der innere Feind - Laura B. Reich - E-Book

Der innere Feind E-Book

Laura B. Reich

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Beschreibung

Ellis Privatleben kommt einfach nicht zur Ruhe und daran sind diesmal ausnahmsweise weder ihre Freunde Jörg und Bettina noch ihre Familie schuld. Sie muss sich an die eigene Nase fassen und genau überlegen, was sie tatsächlich möchte. Als Ermittlerin freut sie sich, bei all den privaten Querelen zwei vermeintlich einfache Fälle bearbeiten zu dürfen. Eine Frau vermisst ihre Freundin, die von einem zum anderen Tag untergetaucht ist. Ein Mann verdächtigt seine Ehefrau, ihn zu betrügen. Unterdessen erschüttert eine Mordserie die Stadt. In der Presse findet es keine Erwähnung, doch Ellis Schulfreund, Kriminalhauptkommissar Klaus Nimrod und Gerichtsmedizinerin Dr. Miriam Junkert sind sich sicher, dass es sich um Taten eines Serientäters handelt, der schon seit mehreren Jahren unbehelligt mordet. Klaus muss ohnmächtig miterleben, wie seine beste Freundin in den Fokus des Killers gerät und sie sich dabei ahnungslos in höchste Gefahr begibt. Trotz eines Großaufgebots an Polizei verliert er Elli im entscheidenden Moment aus den Augen. Jetzt kann er nur hoffen, dass sie bewaffnet ist, und muss auf ihre Professionalität vertrauen, denn selten sah es so bedrohlich aus, wie dieses Mal. Der Serientäter hat erst Stunden zuvor bewiesen, dass er rücksichtslos jeden beseitigt, der seine Pläne durchkreuzt.

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Laura B. Reich

 

 

Der innere Feind

 

Elli Klinger ermittelt - ihr fünfter Fall

 

Thriller

 

 

 

 

 

 

 

 

Für meine liebe Mutter

 

 

 

Alle in diesem Buch geschilderten Handlungen und Personen sind frei erfunden, Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt. Das Werk einschließlich aller Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede urheberrechtsrelevante Verwertung ist ohne Zustimmung des Autors oder Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Nachahmungen, Mikroverfilmungen und die Einspeisung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

 

Auflage: 2. überarbeitete Auflage 2021 1. Auflage 2019

Texte: © Laura B. Reich - Alle Rechte vorbehalten Umschlag: © Laura B. Reich, 2019 Model: Cathy Cort, 2016, Germany Verlag: Laura B. Reich c/o Poly4Media

Unterbüchlein 1

90547 Stein [email protected] Elli: www.der-innere-feind.de Laura: www.elli-klinger-ermittelt.de

Inhalt

PrologSchuldgefühleAlltägliche AbnormalitätVoll beschäftigtDatenflutErkenntnisse und EntscheidungenErfolge und RückschlägeSpannungsfelderUnbekannte TiefenEskalationenUnstetigkeitAchterbahnLösungen oder Probleme?HauchdünnVerletzte SeelenEpilog

Prolog

Für die Jahreszeit ist es zu dieser späten Stunde überraschend mild. Ende April gab es letztes Jahr noch Schneefall. Er kann sich gut daran erinnern, weil er erst eine Woche zuvor die Reifen von Winter auf Sommer gewechselt hatte. Doch das war im vergangenen Jahr. Jetzt zeigt das Thermometer im Auto 21 °C und das um 21:23 Uhr abends. Die warme Witterung gefällt auch der Natur. Die Laubbäume haben mit Hochdruck begonnen, Blätter auszutreiben, so wie manche Jahre zuvor erst im Mai. Ihm kann es nur recht sein. Nur ungern würde er seine lang ersehnte Verabredung im Auto treffen.

Er ist viel zu zeitig, weil er es nicht glauben wollte, so rasch voranzukommen. Die Großbaustelle auf der Autobahn scheint kein Ende nehmen zu wollen. Wie häufig bei solchen Projekten. Geplant war ein Jahr. Doch nun besteht sie bereits seit zweieinhalb Jahren und stellt nach wie vor ein beträchtliches Hindernis für den Verkehr dar.

Er spürt die Erregung immer deutlicher. Schon seit gestern, als er nach langem Zögern endlich das Portal ausprobierte, das ihm ein Schulfreund empfahl. Er fühlt sich seitdem, als würde er schweben. Sein letztes Mal liegt gute zwei Jahre zurück. Damals fuhr er die Balkanroute für die Spedition. Es sprach sich schnell herum, an welchen Stellen Man(n) billig und gut bedient wurde. Entlang der Straßen bekam man unzählige Gelegenheiten die Ware vorher zu begutachten. Was sympathisch wirkte und gesund aussah, wurde gebeten, einzusteigen, wenn der Preis in Ordnung ging. Doch völlig für lau? Er kann und will es noch immer nicht ganz glauben. Aber bisher sieht alles danach aus. Das Navi hat in zielsicher hierher geführt. Sogar die Zeitangabe stimmte bis auf zwei Minuten, trotz des regen abendlichen Verkehrs durch die Baustelle.

Ihm ist allzu gut in Erinnerung geblieben, wie er früher als Lkw-Fahrer nervös wurde, wenn er zu dieser Stunde noch keine vernünftige Raststätte gefunden hatte. Die Spedition übernahm keinerlei selbst verschuldete Bußgelder, wenn er beispielsweise die Fahrtzeiten überschritt oder Ruhezeiten nicht einhielt. Ihm wäre die Verabredung heute etwas später lieber gewesen, dann wenn weniger auf der Autobahn los ist. Sie war jedoch für den restlichen Abend ausgebucht.

Langsam lässt er das Auto ausrollen. Der dichte Mischwald reicht mit dem Unterholz bis fast an die Randsteine. Nur einige kleine Flächen sind freigeschnitten und gefliest für Tische und Bänke aus grauem Stein. Die Toiletten daneben sind beleuchtet und kaum zu übersehen. Rechts entdeckt er einen Trampelpfad, der an dem Häuschen vorbei in den Wald führt. Trotz Parkverbot für Lkws stehen am Ende des Rastplatzes zwei große Brummis. Das gibt Ärger, wenn es eine Streife zufällig bemerkt. Er weiß es aus eigener Erfahrung. Der Autohof liegt nur wenige Hundert Meter entfernt direkt hinter dem Rastplatz. Entweder er ist überfüllt oder die beiden spekulieren einfach nur darauf, wegen der kilometerlangen Umleitung durch die Baustelle Zeit zu sparen. Außer ihm parken lediglich zwei weitere Pkws. Er hält Abstand und sucht sich eine freie Lücke zwischen dichten Hecken.

Wie sie wohl aussehen mag? Ob die Bilder in diesem Portal tatsächlich echt sind? Wenn ja, dann wäre sie eine richtige Augenweide. Eine Frau, die es eigentlich nicht nötig hätte, so etwas zu tun. Geld kann nicht der Grund sein. Denn sie nimmt das, was man ihr freiwillig gibt. Und bei Nichtgefallen macht sie es angeblich zum Nulltarif. Ob sie einen Freund oder einen Mann hat, der womöglich zusieht? Heimlich? Solche Vorlieben soll es geben. Er hat es gelesen, obwohl er sich nicht vorstellen kann, wie jemand etwas dabei empfindet, wenn die eigene Frau von anderen ....

Er seufzt und blickt in den Rückspiegel. Seine Finger trommeln nervös auf das Lenkrad. Nur noch ein paar Minuten bis zum verabredeten Zeitpunkt. Durch das dichte Gebüsch blitzen gelegentlich die Scheinwerfer der Autos, die nur wenige Meter hinter ihm vorbeibrausen. Es dämpft gleichzeitig den Lärm der Motoren auf ein erträgliches Maß. Ob jemand von den Fahrern weiß, was hier auf diesem Parkplatz geschieht? Oder gibt es noch viele solcher Parkplätze? Günstig an einer Ausfahrt gelegen und unweit einer Stadt oder zumindest in der Nähe eines Gewerbegebiets? Obwohl er so lange als Berufsfahrer quer durch ganz Europa gefahren war, kam es für ihn nie in Betracht, sich diese besondere Art von Entspannung im eigenen Land zu gönnen.

Für einen Moment schließt er die Augen. Ungarn, Rumänien und Serbien, lange ist es her. So lange aber auch nicht, wenn er es sich recht überlegt. Es kommt ihm jedoch wie eine halbe Ewigkeit vor. Wie ein anderes Leben. Es gab einige Landstraßen, da standen die Nutten zu manchen Zeiten so zahlreich auf den Grünstreifen wie die Hühner auf der Stange. Ein paar stritten und prügelten sich um die Freier, wie beim Schlussverkauf, wenn jede das beste Schnäppchen für sich beansprucht. Nein, er will nicht daran denken, obwohl er selbst zu ihnen gehörte, zu diesen Freiern.

Bedächtig öffnet er das Handschuhfach. Es ist ein Reflex, gegen den er nichts tun kann. Seit damals ist es regelrecht zwanghaft geworden. Aber wer will es ihm verdenken? Diese eine hübsche Nutte in Albanien spielte den Lockvogel für eine gerissene Diebesbande. Sie wollten ihn überfallen. Drei Männer, die im Auto lauerten. Die Röhm RG 3 rettete ihm dabei nicht nur sein Geld, sondern höchstwahrscheinlich sogar sein Leben. Er konnte sie damit in die Flucht schlagen. Einer der Räuber hatte ihn jedoch mit dem Messer erwischt. Nur eine Fleischwunde an den Rippen, die allerdings ziemlich stark blutete. Zu einem Arzt gehen? Unmöglich. Das kam nicht infrage. Die Behörden in diesem Staat waren unberechenbar. Er wollte nur weg von dort, den elenden Auftrag beenden und raus aus dem verfluchten Land. Die Pflaster aus dem Verbandskasten und eine Flasche Desinfektionsmittel mussten genügen. Seitdem war die Schreckschusspistole, Kaliber 6 mm von Flobert Knall sein ständiger Begleiter. Sie ist seit 1974 freigegeben und er darf sie in Deutschland zu Hause sogar ohne Waffenschein führen. Er ging damals auf Nummer sicher, besorgte sich vor über zehn Jahren den kleinen Waffenschein. Nun kann er die Waffe auch außerhalb seiner vier Wände mitführen. Er bestückt das Magazin stets abwechselnd mit grünen und roten, mit Platzpatronen und denen, die Pfefferspray verschießen. Lärm und Tränen, damit machte er gute Erfahrungen.

Nachdenklich schließt er den Deckel des Handschuhfachs und schüttelt angewidert den Kopf. Erfahrungen. Pah! Wie das klingt. Einfach grässlich. Doch er darf sich nichts vormachen. Viermal musste er bisher zur Waffe greifen. Albanien war das letzte Mal. Danach hängte er den Job als Lkw-Fahrer an den Nagel. Schluss. Aus. Ende. Für immer.

Scheinwerfer nähern sich. Im Rückspiegel erkennt er einen roten Peugeot. Silvia fährt einen solchen Wagen, hat sie ihm geschrieben. Sein Herz schlägt schneller. Er stößt ein heiseres Keuchen aus und spürt seine feuchten Hände. Rasch wischt er sie an der Jeans trocken, doch er weiß, es wird wenig bringen. Er schwitzt ständig, wenn er aufgeregt ist. Das ist schon immer so gewesen.

Der Wagen fährt hinter seinem Auto vorbei, parkt neben ihm, jedoch auf der anderen Seite des Gebüschs. So haben sie es vereinbart. Zur Sicherheit hat sie vorgeschlagen. Ihm ist es nur recht. Einen kurzen Augenblick spielt er sogar mit dem Gedanken, die Röhm einzustecken, in die Innentasche seiner Jacke. Wenn er sie jedoch auszieht und beiseitelegt, kann er es vergessen, rasch die Waffe zu ziehen. Und warum auch? Weit und breit kann er nichts Verdächtiges erkennen. Alles sieht ruhig aus. Er ist schließlich nicht auf dem Balkan. Was jedoch nichts zu bedeuten hat. Damals sah er auch niemanden, obwohl er zugeben muss, dass ihn dieses Flittchen einiges an Aufmerksamkeit gekostet hat. Sie besaß einen traumhaften Körper, wie eine griechische Göttin.

Nein. Silvia ist kein Lockvogel. Solche Menschen haben keine eigene Webseite auf einem Internetportal. Außerdem muss sie damit rechnen, dass er nur geringfügige Geldsummen dabei hat. Ein Raub würde wenig Sinn ergeben. Erneut geistert der Begriff durch seinen Kopf. Er darf nicht so misstrauisch sein und sich am Ende die gute Laune schon vorher verderben lassen. Das hat er sich bereits öfter gesagt. Fast so, als wäre es ein Mantra. Doch es half nichts. Bis heute. Die schrecklichen Erlebnisse haben ihn geprägt. Er schüttelt den Kopf, versucht, die üblen Gedanken loszuwerden, und holt tief Luft. Langsam lässt er den Atem durch seine Zähne entweichen, so als wollte er pfeifen. Silvia Salsa, klingt gut, richtig sexy. Gleich wird er wissen, ob die Fotos auf dem Portal getrogen haben. Und er wird dieser Sache mit dem Geld auf den Grund gehen. Ist es gar nur ein plumper Werbegag? Eine Mogelpackung? Was verbirgt sich hinter: ‹kleine Gefälligkeiten willkommen› oder ‹bezahl, was ich dir wert bin›. Er will es nicht so recht glauben. Was gibt es heute schon noch umsonst?

Es klopft an der Scheibe. Er erschrickt und reißt den Kopf herum. Das schwache Licht der Dämmerung genügt, dass er die blonden, langen Haare und das Gesicht einer Frau erkennt: Silvia - vermutlich. Er schickt sich an, die Tür zu öffnen, um auszusteigen, als ihn etwas in den Sitz zurückzieht. Da hat er tatsächlich vergessen, sich abzuschnallen. Wie peinlich. Besonders, weil er nicht sofort den Auslöser findet. Die Frau tritt ein paar Schritte zurück und wartet. Ein heiseres «Hallo» ist alles, was er auf die Schnelle hervorbringt. Geräuschlos drückt er die Fahrertür ins Schloss. Die Vorsicht ist jedoch vergebens, da das stetige Rauschen der Autos und Lkws jedes noch so leise Geräusch schluckt.

«Hallo mein Süßer», schnurrt die Frau mit tiefer sonorer Stimme. Sie wirft ihr langes Haar mit der Hand aufreizend über die Schulter und neigt den Kopf erwartungsvoll zur Seite.

«Du bist aber ein ganz Schnuckeliger», lächelt sie und kommt näher. Sie wirft einen kurzen Blick auf seinen Bauch: «Ich mag gestandene Männer. Und ich bin Silvia. Aber das hast du dir sicherlich schon gedacht.»

Ihr knöchellanger dünner Ledermantel in Schwarz klafft auf und zeigt bezaubernd lange und schlanke Beine. Silvia trägt schwarze Feinstrümpfe an Strapsen. Der dunkle Lederrock ist so kurz, dass die Halter ein Stück hervorspitzen. Das Dekolleté ihrer Bluse verhüllt weniger, als es verbirgt. Aufgeknöpft bis zum Nabel kann er den Spitzen-BH ebenso gut erkennen, wie das glitzernde Nabelpiercing. Alleine das schwache Licht der Dämmerung genügt, dass er feststellen kann, die Bilder haben nicht gelogen. Auch wenn ihre Schminke etwas zu dick aufgetragen ist, hätte er mit allem gerechnet, nur nicht mit solch einer attraktiven, gepflegten Frau. Nichts an ihr sieht billig aus, weder der Mantel noch ihre Bluse, der Rock oder die Dessous mit Spitze. Und obwohl sich um den Mund und an der Stirn erste Fältchen zeigen, so ist ihr Gesicht nahezu makellos. Anders als damals die jungen Frauen im Osten, denen man die fehlende Pflege und ungesunde Ernährung ansah. Manche glichen trotz ihrer angeborenen Schönheit wahren Pickelruinen mit unzähligen Aknenarben.

Er räuspert sich und versucht es mit einem verkniffenen Lächeln. «Danke, du siehst aber auch toll aus.»

Nervös knetet er die Hände und fühlt sich etwas beruhigter, als sie lächelt. Es scheint nicht aufgesetzt oder gespielt, so wie er schon so oft erlebt hat.

«Das ist nett, danke. Christian?»

Er nickt eifrig.

Sie schüttelt betrübt den Kopf. «Namen sind meine große Schwäche. Das musst du mir nachsehen. Ich brauche ewig, bis ich sie mir merken kann.»

Sie macht mit der Hand eine Geste, als ob sie die Hoffnung aufgegeben hat. Für einen Augenblick herrscht Schweigen. Er überlegt fieberhaft, was er sagen soll. Bei den namenlosen Nutten am Straßenrand war das etwas ganz anderes. Da fragte man nicht lange und zerbrach sich erst recht nicht den Kopf, ob man sich gewählt oder vulgär ausdrücken sollte. Man äußerte unmissverständlich sämtliche Wünsche mit klaren, derben Worten, klärte die Örtlichkeiten und verhandelte sofort den Preis. Aber hier? Es fühlt sich an, beinahe wie bei einem richtigen Rendezvous.

Silvia kommt näher, streckt die Hand nach ihm aus. Er wagt es kaum, sich zu bewegen, als sie sanft die Beule in seiner Hose ertastet und zufrieden nickt.

«Das gefällt mir», raunt sie leise und lächelt. «Ich glaube, der junge Mann möchte erst ein bisschen verwöhnt werden, bevor er meiner Muschi einen Besuch abstattet.»

Ihre Sprache, schießt es ihm durch den Kopf. So redet keine gewöhnliche Dirne. Zumindest hatte er es noch nie so erlebt. Er kann nur nicken. Verdammt. Er war so aufgeregt, dass er sich doch tatsächlich nicht einmal überlegt hat, was er eigentlich möchte. Nichts Außergewöhnliches, das ist ihm klar, das ist nicht so sein Ding.

Sie nimmt ihn bei der Hand und flüstert: «Komm mit, wir gehen an ein lauschigeres Plätzchen. Hier ist es mir zu öffentlich.» Sie sieht seinen ratlosen Blick, leckt sich verführerisch über die Lippen und zwinkert ihm lächelnd zu. «Hinter den Toiletten gibt es noch ein paar Tische und Bänke. Da sind wir ungestörter.»

Sie wartet nicht auf seine Antwort und zieht ihn einfach mit sich. Er geniert sich wegen der feuchten Hände, doch sie scheint es nicht zu stören. Sie läuft geradewegs auf den Trampelpfad zu. Jetzt weiß er, wohin er führt. Zu einer ebenen Wiese hinter den Toiletten, die viel ruhiger gelegen ist, als die vorne direkt an der Autobahn, so erzählt sie ihm mit Flüsterstimme.

Nur mit Mühe gelingt es ihm, Silvia nicht umzurennen, als sie plötzlich stehen bleibt und sich zu ihm umdreht.

«Ich hoffe, du hast damit kein Problem», raunt sie ihm zu. «Aber es kann sein, dass wir nicht die Einzigen sind, die heute Abend etwas Spaß haben wollen. Also sei bitte leise.» Sie legt den Finger an die Lippen.

Er nickt hastig und wirft einen raschen Blick über die Schulter. Sein Puls rast. Oh Gott. Was meint sie damit? Dass hinter den Toiletten noch andere Nutten und Freier ...? Urplötzlich schreit alles in ihm, schleunigst umzukehren. Doch ihr Griff ist stahlhart. So als ob sie ahnen würde, was in ihm vorgeht.

«Bleib einfach locker, mein Süßer», kichert sie leise und zieht ihn weiter. «Das ist wie im Swingerklub oder in der gemischten Sauna. Nur eben im Freien. Und viel harmloser. Jeder bleibt für sich, außer man möchte es anders. Also kein Grund, sich zu genieren.»

Er muss auf seine Füße achten, denn der Pfad ist uneben, dazu noch leicht abschüssig und verflixt finster. Erstaunlicherweise wird es deutlich heller als sie um das Häuschen herum laufen. Starke Scheinwerfer des nahe gelegenen Autohofs sorgen selbst auf die Entfernung noch für diffuses Licht auf der Wiese. Der Wald ist gar nicht so dicht, wie er anfangs dachte. Gute 100 Meter entfernt erkennt er einen Maschendrahtzaun, der den Autohof umgibt. Der Geruch von Dieselabgasen weht bis hier herauf. Früher bedeutete es für ihn so etwas wie Geborgenheit. Als Lkw-Fahrer fühlte er sich einsam und auf sich gestellt. Den anderen Fahrern ging es nicht viel besser. Was sie vereinte, war der gleiche Parkplatz, auf dem sie für einige Stunden nebeneinanderstanden. Oder eine gemeinsame Dusche an den Raststätten, manchmal auch ein Bier oder eine Tasse Kaffee im Imbiss. Gespräche waren schwierig. Sie kamen schließlich aus allen Herren Länder. Englisch half, aber oft mehr schlecht als recht.

Silvia dreht sich breit grinsend zu ihm um. Er kann ihren Atem riechen, als sie so nahe vor ihm steht, eindeutig Erdbeere. Er überdeckt den vertrauten Geruch der Abgase.

«Siehst du, wir sind so gut wie alleine», wispert sie und deutet über ihre Schulter.

Er traut kaum seinen Augen. Drei große Tische und sechs Bänke. Auf dem letzten Tisch treibt es ein Pärchen ziemlich lautstark. Sie liegt auf dem Rücken, während der Mann ihre Beine weit spreizt und in die Höhe hält. Er hört das Klatschen bis hierher, als der Mann sich mit heruntergelassener Hose kraftvoll in ihr versenkt.

«Hör nur, die sind bestimmt gleich fertig», flüstert Silvia und zieht ihn behutsam zu dem Tisch, der ihnen am nächsten steht.

Sie dirigiert ihn mit dem Rücken zur Tischplatte, sodass er die beiden nicht länger bei ihrem geräuschvollen Liebesspiel beobachten kann.

«Oder möchtest du gerne zusehen?», fragt sie aufreizend.

Blut schießt in seine Wangen. Nur gut, dass es so dunkel ist und sie nicht sehen kann, wie peinlich ihm ihre Frage ist. Er schüttelt hastig den Kopf und lehnt sich an den Tisch.

Ohne zu zögern, kniet sie sich vor ihn, öffnet geschickt seine Hose und streift sie ihm langsam und genüsslich bis über die Knie.

«Da freut sich jemand aber mächtig auf mich», kichert sie leise und öffnet den Mund.

Er schließt die Augen, als ihre Zunge die Eichel umspielt. Das deutlich vernehmbare Klatschen und die spitzen Schreie des anderen Pärchens lenken ihn ab. Doch als Silvia ihn immer tiefer in ihren feuchten, heißen Mund gleiten lässt und gefühlvoll zu saugen beginnt, verschwindet alles um ihn herum. Sie ist geschickt, krault die Hoden und vergisst auch nicht, den Schaft zu drücken und zu reiben. Schon nach wenigen Augenblicken ist ihm klar, Silvia weiß, was sie tut und ist einzigartig. Keine der bisherigen gekauften Vergnügungen waren nur annähernd so geschickt, wie sie. Viel zu rasch bringt sie ihn in Fahrt. Er vergräbt die Hand in ihrem Haar. Es duftet angenehm süßlich und würzig. Tiefer und immer tiefer drückt er sich in ihren Mund, doch sie hält dagegen, spürt, dass er kurz vor dem Orgasmus steht. Sie zieht an den Hoden, so sehr, dass es für einen kurzen Augenblick schmerzt, und schiebt ihn mit der Zunge aus ihrem Mund.

Er will sich beschweren, hört sie keuchen, fast so laut, wie er selbst nach Atem ringen muss.

«Aber Chrisy, du unartiger Junge», lacht sie frech und erhebt sich langsam. «Wer wird den gleich abspritzen?»

Er stützt sich mit beiden Händen auf den Tisch. Seine Beine zittern. Wortlos verfolgt er, wie sie mit den Fingerspitzen ihren Rock hebt. Sie ist darunter nackt. Und sie ist blank rasiert. An ihren Schamlippen glitzern zwei kleine Ringe. Noch mehr Piercings, denkt er. Das Einzige, das ihm momentan in den Sinn kommt.

«Willst du mich von hinten oder lieber von vorne?»

Die Frage überrascht und überfordert ihn gleichermaßen. Sie sieht, wie er hilflos mit den Schultern zuckt.

«Na gut, der Abend ist schließlich noch jung», grinst sie und macht Anstalten, sich längs der Bank mit dem Rücken auf den Tisch zu legen.

In diesem Augenblick hört er spitze hohe Schreie und ein tiefes Grunzen. Er will den Kopf drehen, doch sie erhebt sich vom Tisch und packt sein Kinn.

«Hier spielt die Musik, Chrisy. Wenn sie nachher immer noch hier sind, kannst du sie gerne einladen mitzumachen. Aber jetzt will deine Silvia zuerst ihre Belohnung haben.»

Er fühlt sich wie erstarrt. So als wäre sie einer dieser griechischen Sirenen und er ihrem Willen hilflos ausgesetzt. Lediglich ein zaghaftes Nicken, mehr bringt er nicht zustande.

Sie greift nach der Handtasche, öffnet sie und hält ihm ein Kondom entgegen.

«Willst du mich mit Gummi oder ohne haben?»

Schon wieder eine Frage, die ihn heillos überfordert. Er erinnert sich, gelesen zu haben, dass sie in ihrem Profil AO erwähnte, was so viel bedeutet, wie ‹Alles ohne›.

Auch diesmal übernimmt sie die Initiative, lächelt und reißt die Verpackung auf. Ohne zu zögern, stülpt sie ihm den blau gefärbten Gummi über und nickt zufrieden.

«Blau steht dir prima», kichert sie. Aufreizend langsam legt sie sich wieder auf den Tisch, spreizt die Beine und greift sich in die Kniekehlen. Die Einladung ist eindeutig. Ein Teil in ihm rebelliert. Dieses Pärchen, dort hinten. Sie könnten ihn sehen. Beim Sex. Es wäre das erste Mal. Er zögert seufzend. Insgeheim muss er sich eingestehen, dass es jedoch einen gewissen Reiz hat, Sex im Freien, in der Öffentlichkeit.

«Fick mich!»

Ein Befehl, eindeutig. Die beiden gehauchten Worte befreien ihn endlich von seinem Bann. Er greift nach ihren Knöcheln, zieht die Beine nach oben und dringt mühelos in sie ein. Oh ja, sie ist feucht und heiß. Er versenkt sich mit langen Stößen. Genießt die Enge und das kehlige Stöhnen seiner Gespielin. Er ist der Aktive, doch sie leitet ihn. Gibt das Tempo an und zeigt ihm, was ihr gefällt. Auch hier lässt sie ihn nicht kommen, lockt ihn mit einem besonderen Leckerbissen. Er steht kurz davor, zu platzen. Lange kann er es nicht aushalten, als ihre Beine ihn plötzlich umschlingen und fest an sich ziehen. Ihr Atem geht stoßweise. Er hat Mühe, ihre Worte zu verstehen.

«Besorg es mir durch den Lieferanteneingang, mein Süßer. Du weißt schon, dort wo die bösen Jungs verkehren. Ich will es so. Nimm mich von hinten. Ich will alles von dir. In meinem Arsch. Sofort, schmutzig und hart.»

Noch bevor er ihre Worte verinnerlichen kann, schiebt sie ihn von sich weg. Er entgleitet dieser herrlich heißen Grotte. Erstaunt verfolgt er, wie sich Silvia erhebt, hinter die Sitzbank läuft und sich mit gespreizten Beinen über die Rückenlehne der Bank beugt. Mit ihrem Kopf auf der Sitzfläche reißt sie mit beiden Händen ihr Gesäß provokativ auseinander.

«Worauf wartest du?», stöhnt sie und schließt die Augen.

Ihre weißen Po-Hälften schimmern hell wie Elfenbein, perfekt geformt. Sie beugt sich weiter nach unten und liegt nun mit den Schultern auf der Bank. Der erregende Anblick lässt noch mehr Blut in seinen steifen Penis schießen. Wann hatte er das letzte Mal so eine Monsterlatte? Er weiß es nicht. Kann sich nicht erinnern. Er zögert nur für den Bruchteil einer Sekunde, bevor er sich hinter ihr in Position bringt. Der Saft aus ihrem Vordereingang hat die gesamte Spalte überflutet. Ihre dunkle Rosette glänzt verführerisch feucht. Seine Hände packen kräftig zu, als er nahezu ansatzlos in sie gleitet. Sie stöhnt und keucht, noch viel lauter als gerade eben auf dem Tisch. Sie ist eng und doch so glatt. Mit jedem Stoß dringt er tiefer vor und erhöht das Tempo. Silvia ist auch hierbei diejenige, die ihn kontrolliert. Geschickt presst, entspannt und spannt sie ihren Schließmuskel. Für einen Augenblick glaubt er, sie will ihn melken. Diesmal hindert sie ihn nicht. Er steigert das Tempo weiter, muss keuchen und pumpt nun unablässig. Seine Knie werden weich, die Oberschenkel schmerzen. Nur noch wenige Stöße. Er grunzt und keucht, als er sich aufbäumt und ein letztes Mal tief in ihr versenkt. Die Hände packen ihr Becken und drücken es fest an sich. Auch Silvia stößt einige spitze Schreie aus, greift nach ihm und kommt ihm mit dem Gesäß entgegen.

«Ja, das war gut. Hart und tief», stöhnt sie heiser.

Er spürt, wie sehr seine Beine zittern, als er sich aus ihr zurückzieht. Rasch lehnt er sich an, aus Angst, umzufallen. Silvia erhebt sich mit leisem Ächzen, streift sittsam den Rock über ihren nackten Po nach unten. Ohne zu zögern, rollt sie das gefüllte Kondom ab, verknotet es und reicht es ihm zusammen mit einigen Feuchtreinigungstüchern. Sie lächelt.

«Schade, das wäre ein nettes Klistier geworden. Eine ordentliche Portion, beeindruckend. Stehst du eigentlich auf Klistiere, so wie ich?»

Er bemerkt ihren leicht verklärten Blick. Röte schießt ihm ins Gesicht. Erwartet sie tatsächlich eine Antwort von ihm? Noch gerade eben fragte er sich, ob es ihr überhaupt gefallen hat? Oder war alles nur gespielt? Jetzt ist er überzeugt, dass sie ihm nichts vorspielt.

«So mein Süßer. Das war doch ganz nett. Jederzeit wieder. Dein Schwanz gefällt mir. Und überleg dir die Sache mit dem Klistier. Ich bin gerne ein bisschen versaut. Aber nun muss ich weiter.»

Sie kommt auf ihn zu, haucht ihm einen Kuss auf die Wange und drückt kurz seinen Arm.

«Tschüss, Chrisy», raunt sie und läuft davon.

Er kann ihr nur wortlos hinterher starren. In seinem Kopf schlagen die Gedanken gerade Purzelbäume. Erst der unglaubliche Fick, danach die Anspielung auf das Klistier, dann der Kuss und schließlich noch ihre Bemerkung, von wegen jederzeit wieder.

Sie hat bereits die Rückseite der Toiletten erreicht, als es ihm siedendheiß durch den Kopf schießt. Geld. Sie hat nichts verlangt. Und er war so unhöflich ihr nichts anzubieten.

«Silvia, warte!», ruft er aufgeregt. «Du kannst doch nicht ohne ...»

Beinahe wäre er gestürzt, weil ihm die Hose noch zwischen den Knöcheln hängt. Im letzten Moment gelingt es ihm, sich an der Sitzbank festhalten.

Silvia bleibt stehen, dreht sich um und winkt. «Beim nächsten Mal, Chrisy. Wir treffen uns doch noch einmal, oder?»

Er nickt hastig, bis er bemerkt, dass sie ihn auf die Entfernung vermutlich nicht sehen kann.

«Ja, doch. Gerne», krächzt er unbeholfen und spürt, wie er erneut errötet.

«Na dann, Chrisy. Bis bald. Ruh dich jetzt aus. Gib mir eine Viertelstunde. Man weiß nie, wen man trifft.»

Er nickt und hebt die Hand zum Zeichen, dass er verstanden hat. Sie winkt zurück und verschwindet im Schatten des Trampelpfades. Er starrt ihr noch eine ganze Weile hinterher und lässt das Geschehen Revue passieren. Was für eine Frau. Nur schade, dass sie sich nicht in irgendeinem Hotel getroffen haben. In einem hübschen Zimmer mit einem richtigen Bett und mit mehr Zeit.

Seufzend öffnet er die Packung mit Feuchttüchern, reinigt sich gründlich, wickelt das verknotete Kondom in eines der Tücher und bückt sich nach der Hose. Seine Finger zittern, als er den Knopf schließt und den Reißverschluss nach oben zieht.

Er läuft um die Bank herum und setzt sich schwerfällig auf den kalten Stein. Das Rauschen der Autobahn ist hier hinten deutlich leiser. Vom Autohof hört er das vertraute Dröhnen der Lkw-Dieselmotoren. Er starrt auf den Tisch am anderen Ende. Jetzt ist er leer. Das Pärchen ist gegangen, ohne dass er es bemerkt hat. Ob es ein ähnliches Arrangement war, wie bei ihm? Oder nur zwei junge Liebende, denen das Auto zu eng und unbequem war? Vielleicht sogar auf Reise in die Flitterwochen? Er war schon immer ein hoffnungsloser Romantiker. Und sie fehlt ihm so sehr, diese Romantik. Kaum jemand legt heutzutage Wert darauf. Abfeiern auf wilden Partys, Druck ablassen, Drogen einwerfen und anonymen Sex haben, alles dreht sich nur noch um materielle Dinge.

Träge wendet er den Kopf und schaut zum Maschendrahtzaun. Erneut riecht er den durchdringenden Qualm von Dieselabgas, der herüberzieht. Der Autohof ist hell erleuchtet. Ein Lkw rangiert. Der Glückliche, er hat ein Nachtlager gefunden.

Erst jetzt entdeckt er das große Loch im Zaum. Das Gebüsch davor ist heruntergetrampelt. Vermutlich hat es sich auch bei den Brummifahrern herumgesprochen, was hier auf dem Rastplatz vor sich geht. Gerade solche Dinge sprechen sich rasch herum. Er weiß es von Ungarn und Rumänien. Es raschelt. Erschrocken dreht er den Kopf und sieht ein Kaninchen zu den Tischen hoppeln. Sein Puls hat sich eben erst beruhigt. Doch jetzt schlägt ihm das Herz wieder bis zum Hals. Wie dumm. So schreckhaft wegen ein paar Geräuschen und eines Kaninchens?

Wenn er ehrlich ist, hat er vielmehr damit gerechnet, einen der Brummifahrer vom Autohof zu sehen. Einer, der das Loch im Zaun kennt und der noch etwas Entspannung am Abend sucht. Der sich hier womöglich mit einer Frau trifft, so wie er selbst. Erneut spürt er Lust in sich aufsteigen, als er an das fremde Pärchen denken muss. Besonders an das Stöhnen und die weit gespreizten schlanken Schenkel der jungen Frau. Nervös dreht er die Packung mit den restlichen Feuchttüchern in der Hand. Er darf sich nicht beklagen. Ganz im Gegenteil. Silvia Salsa. Was für eine Granate und was für ein unglaublicher Fick. Sie will ihn tatsächlich wieder treffen. Alles hat er erwartet, nur so etwas nicht.

 

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Sie ist froh, die Gummistiefel angezogen zu haben. Auch die lange Schnittschutzhose, die üblicherweise für die Arbeit mit Kettensägen gedacht ist. Überall wachsen meterhoch die Brennnesseln. Das warme Wetter der letzten Wochen ist schuld. Noch lästiger sind die unzähligen Himbeer- und Brombeersträucher, die ihr Vorankommen erschweren. Sie versucht, so leise wie möglich zu sein. Es ist jedoch bereits zu dunkel, jedem Strauch und trockenem Ast rechtzeitig auszuweichen. Erneut knackt es laut unter ihrem linken Fuß. Erschrocken verharrt sie für einen Moment. Gedämpft dringen die Geräusche der nahen Autobahn an ihr Ohr. Bei Tageslicht sah alles so einfach aus. Sie hätte mit den Markierungen nicht so sparsam sein sollen. Seufzend löst sie eine weiße Schleife von einem Ast, steckt sie in die Jackentasche und pirscht sich näher. Nur noch wenige Meter, dann hat sie die dichte Hecke am Waldrand erreicht. Dahinter verbirgt sich ihr Ziel.

Es ist verdammt heiß unter ihrer Kleidung. Aber besser schwitzen, als sich verbrennen und zerkratzen zu lassen. Schweiß rinnt über ihre Stirn. Die dunklen Haare kleben an ihrer Wange und kitzeln fürchterlich. Sie wischt sich mit ihrem Jackenärmel über das Gesicht. Dabei war sie doch erst vor Kurzem beim Friseur. Und hat sie schneiden lassen. Der Schweiß brennt unangenehm in den Augen. Das Herz schlägt ihr bis zum Hals. Sie glaubt, sogar den eigenen Puls in den Ohren zu hören. Doch gleich wird es besser. Dann, wenn sie es sieht. Und sich entscheidet. Wie sie es durchziehen wird.

Tatsächlich. Ihre Quelle hat nicht zu viel versprochen. Es bedeutet immer ein Risiko, sich auf andere zu verlassen. Sie ist es nicht gewohnt. Vertraut ansonsten niemandem. Beobachtet und plant lieber alles selbst. Der Mann sitzt auf der Bank. Die Glatze hinten an seinem Kopf leuchtet. Fast wie ein Spiegel. Deutlich sieht sie die untersetzte Figur. Den Bauch, nicht gewaltig. Aber doch eindeutig mehr als Normalgewicht. Längst vergangene Erinnerungen schießen durch ihren Kopf. Grässliche Bilder, die sie für einen Moment die Augen schließen und leise aufstöhnen lassen. Ihre Finger tasten nach der Plastikschlaufe in ihrer Tasche. Es gibt ihr Sicherheit. Ein hartes Lächeln umspielt ihre Lippen. Sie spürt, wie sie ruhig wird. Ihr Herzschlag sich rasch verlangsamt. Sie muss sich konzentrieren. Es sind nur ein paar Meter. Doch sie sind entscheidend. Er darf sie nicht zu früh bemerken. Sonst bleibt ihr nur Plan ‹B›. Das wäre schade und tragisch zugleich. Sie hasst Messer. Müsste es beenden, ohne ausreichend Genugtuung zu erfahren. Zweimal ist es bisher passiert. Nach wenigen Sekunden war alles vorbei. Und wochenlange Planung verpufft. Die Kabelbinder hingegen sind ein Geschenk des Himmels. Sie muss es sehen. Die Überraschung, das fassungslose Staunen, die Verzweiflung. Die stumme Frage nach dem warum. Es ist der wichtigste Moment. Bevor die Augen für immer erstarren.

Sie schlüpft aus den Trägern des Rucksacks. Wechselt die Schuhe. Sneaker statt Gummistiefel. Damit ist sie leise und schnell zugleich. Rasch streift sie die schwere Schutzhose ab. Sie trägt darunter eine hautenge Jeans. Dieses Schwein. Gleich wird er spüren, was es heißt, zu leiden. Sie wird ihm keine Chance geben. Sich noch einmal an Frauen zu vergehen. Ausbeuter, Perverse, ewige Verlierer und Versager, die es nötig haben. Sich ihren Kick an einer Autobahn zu holen. Wie erbärmlich.

Sie lehnt den Rucksack an einen Baum. Kontrolliert routiniert die Umgebung. Ein Pfad führt an den Toiletten vorbei. Vor auf den Parkplatz. Zumindest stand es so im Plan. Sie sind alleine. Sorgfältig streift sie die Luft aus den dünnen Gummihandschuhen. Keine Spuren. Noch einmal holt sie tief Luft. Bevor sie gebückt los sprintet. Diesmal ist es gemähte Wiese. Kein Waldboden, übersäht, mit trockenen Ästen. Nahezu lautlos überwindet sie die wenigen Meter. Noch aus der Bewegung des letzten Schrittes heraus zückt sie den Kabelbinder. Streift ihn blitzschnell über den Kopf. Ohne an den Ohren hängen, zu bleiben. Legt ihn um den Hals des Mannes. Und zieht ihn fest. Hundertmal hat sie es geübt, sogar blind. Das Ratschen der Sperrzunge. Die über die feinen Rippen reibt. Es dauert nicht einmal eine Sekunde. Sie weicht einen Schritt zurück. Sieht, wie sich der Mann aufbäumt und sich an den Hals fasst. Wie lange wird er durchhalten? Eines der ehemaligen Opfer kämpfte fast sechs Minuten. Doch das ist schon viele Jahre her. Damals hat sie noch die Zeit gestoppt. Regelrechte Statistiken geführt. Den Grund weiß sie selbst nicht mehr.

Der Mann wankt, leises Röcheln dringt aus seinem Mund. Große Blasen aus Speichel zerplatzen an den Lippen. Er bewegt sich ruckartig, versucht, sich zu erheben. Sie läuft rasch einen Bogen. Schließlich will sie sein Gesicht sehen. Er hat keine Chance. Noch immer will er mit den Fingern den Kabelbinder vom Hals reißen. Doch dabei erwürgt er sich umso schneller. Nur einem ist es bisher gelungen, sich zu befreien. Der Einzige, der seine Panik beherrschte. Der einen kühlen Kopf behielt. Und sich mit einem Taschenmesser rettete. Doch für solche Fälle ist sie nun gerüstet. Das gezogene Messer in ihrer Hand ist keine Zierde. Sie wird es benutzen. Niemand bekommt eine Chance zu überleben.

Erst jetzt scheint der Mann sie zu sehen. Die Suche nach vermeintlicher Hilfe. Das Flehen in seinem Blick. Die Erkenntnis, die Hilfe nicht gewährt zu bekommen. Genugtuung pur. Besser als jeder Orgasmus. Danach die stumme Frage nach dem warum. Ja, warum er? Weil er einer von ihnen ist. Und weil es richtig ist.

Sein Kopf läuft dunkelrot an. Trotz des schummrigen Lichts sieht sie die dicken Adern an den Schläfen hervortreten. Das Röcheln wird schwächer. Die Finger erschlaffen. Sie hört das dumpfe Aufschlagen des Kopfes auf dem Tisch. Fasziniert starrt sie auf den leblosen Körper, der plötzlich mehrere Male heftig zuckt, bevor er endgültig erschlafft. Sie hört ein leises Plätschern. Der Mann entleert seine Blase. Angewidert rümpft sie die Nase und nähert sich dem Körper. Penetranter Uringeruch schlägt ihr entgegen. Sie weicht der Pfütze aus. Er ist nicht der Erste, der sich dabei entleert. Noch einmal hört sie das markante Ratschen, als sie den Kabelbinder fester zuzieht. Sie geht auf Nummer sicher. Immer.

In seiner Jackentasche findet sie den Autoschlüssel. Und die Geldbörse mit den Papieren. Genau das, was sie braucht, um ihren Plan zu Ende zu führen. Das Auto muss weg. Die Papiere auch. Das verschafft ihr wertvolle Zeit.

Schade, dass er nicht länger gekämpft hat. Sie wirft einen letzten Blick auf den leblosen Körper. Verharrt für einige Sekunden, bevor sie geduckt zu ihrem Rucksack zurück schleicht. Nur wenig später wird sie von der Dunkelheit des Trampelpfads verschluckt. Niemand hat, sie kommen oder gehen sehen. Alles verlief nach Plan.

Schuldgefühle

Träge suche ich die Taste des Radioweckers. Die Finger fühlen sich taub an und der Arm bleischwer. Ein Kopf lag auf ihm und es war nicht meiner. Johnny Cashs ‹Ring of Fire› verstummt, als ich endlich die Taste finde. Der Körper neben mir bewegt sich und murmelt leise. Ich öffne träge die Augen. Alles um mich herum ist in düsteres Grau gehüllt. Nur diffuses Licht dringt durch einige Schlitze in der Jalousie. Grässliche Kopfschmerzen plagen mich. Es pocht, wie ein ungeduldiger Räumungstrupp an der Haustür. Ich reibe die Schläfen und versuche, mich zu erinnern. Was ist gestern nur passiert? So einen ausgewachsenen Kater hatte ich schon lange nicht mehr. Ich habe zu viel getrunken, eindeutig. Und ich klebe am ganzen Körper, besonders zwischen den Schenkeln. Stimmt. Schlagartig kehren einige Erinnerungen zurück und verdrängen für eine Weile den Kopfschmerz. Ich hatte Spaß. Sogar jede Menge davon. Behutsam versuche ich, die Glieder zu strecken. Der Rücken rebelliert sofort schmerzhaft, ebenso das linke Knie und besonders mein Po fühlen sich wund und gereizt an. Kein Wunder.

Ich erschrecke, als eine Hand nach meinem Busen tastet. Jörg? Mein erster impulsiver Gedanke, aus reiner Gewohnheit. Nein. Das kann aber nicht sein. Außerdem ist es definitiv eine Frauenhand. Allmählich lichten sich die restlichen Nebel in meinem Kopf.

Gernot. Ich arbeitete gestern in der Kneipe zusammen mit Anna. Ihre ältere Schwester Klara hatte sich freigenommen. Sie musste sich um ihre Mutter kümmern, der es wieder schlechter ging. Dann die Sache mit Jörgs Sitzung, auswärts. Kann spät werden, hat er gesagt. Vielleicht kommt er nicht nach Hause und bleibt dort im Hotel. Ich war genervt, gefrustet und total gerädert, da uns den ganzen Abend über die Gäste auf Trap hielten. Einerseits schön für Gernot, dass der Laden so brummt. Aber andererseits ... Serena. Plötzlich stand sie vor mir an der Theke. Es war weit nach Mitternacht. Ein paar Cocktails später war es geschehen. Ich verließ mit ihr als Letzte die Kneipe.

Die Hand fährt sanft über meinen Bauch. Ich kenne das Ziel und weiß, was gleich passieren wird. Für einen kurzen Augenblick spiele ich mit dem Gedanken, sie an ihrem Handeln zu hindern. Aber nur ganz kurz.

«Oh, du bist noch so schön feucht», schnurrt sie mit ihrer tiefen sonoren Stimme, die so früh am Morgen noch rauer klingt, als sonst. Sie dreht sich zu mir, küsst meine Schulter und dringt immer weiter in mich ein. Oh, wie gemein. Sie findet den Punkt. Viel zu rasch. Ich bäume mich auf und bereue es sofort wieder, als der Rücken stechende Schmerzen meldet. Zwei Finger. Und der Daumen. Das Luder. Sie hat es wieder einmal geschafft. Ich kann diesem Vamp einfach nicht widerstehen. Egal, was ich tue, ich bin ihr nicht gewachsen. Sie spielt mit mir, wie auf einem Instrument. Sie entlockt mir dabei Töne und Facetten, wie kein anderer Mensch es vermag. Und ich? Ich lasse sie einfach gewähren.

Wenige Augenblicke später keuche ich, winde mich wie eine Schlange unter ihren geschickten Fingern. Sie legt ein Bein über mich und ehe ich mich versehe, sitzt sie auf meinem Bauch. Ihre langen Haare kitzeln an den Brüsten. Sie packt zu. Hält beide Brüste in ihren Händen fest umschlossen. Ihre Zunge leckt geschickt meine Nippel, die schon längst steif in die Höhe ragen.

Ihr Mund nähert sich meinen Lippen. Kein sanftes Vorspiel. Sie nimmt mich mit Gewalt. Dringt mit ihrer heißen Zunge tief in mich ein. Ich lasse es geschehen, habe ihr kaum etwas zu entgegnen. Wie schafft sie es nur, so köstlich zu schmecken? Und das nach solch einer Nacht?

Ich muss kichern, doch sie erstickt meine Gegenwehr. Erst nach einem letzten sanften Biss in meine Unterlippe gibt sie mich wieder frei. Auch sie ist feucht. Ich spüre es an meinem Bauch.

«Guten Morgen, meine kleine Ermittlerin», raunt sie leise keuchend.

«Guten Morgen, du Luder», knurre ich.

Sie kichert und kneift mich fest in beide Nippel, bis ich protestiere.

«Du bist unartig, mich am Morgen so zu begrüßen. Ich glaube, ich habe deinem Po gestern nicht die nötige Beachtung geschenkt, die er verdient hätte. Wo ist der Gürtel?»

«Untersteh dich, du Vamp. Ich bin bewaffnet.»

«Oh ja», kichert sie heiser und beugt sich nach hinten. Nur Sekunden später spüre ich erneut ihre Finger tief in mir.

«Stimmt, kleine Ermittlerin. Eindeutig die Waffen einer Frau.»

«Serena, du bist ein Scheusal», stöhne ich klagend.

«Ja, und ein Miststück, ein gieriges Luder, ein gefährlicher Vamp, eine nimmersatte Femme fatale, eine geile Teufelin, ein verruchtes Biest, eine fiese Dragonlady und ein unersättliches Aas. War es das in groben Zügen, was du mir gestern und die ganze Nacht über, an den Kopf geworfen hast? Habe ich wohl etwas vergessen?»

Ihre grünen Augen funkeln mich übermütig an.

Wir müssen beide lachen, bis uns die Tränen kommen. Sie lässt endlich von mir ab und rollt sich auf die Seite. Noch vor wenigen Minuten hat sie tief geschlafen, wie ich selbst. Ich habe keine Ahnung, wie sie es anstellt, doch jetzt ist sie bereits hellwach und demonstriert mir ihr nimmersattes Temperament mit voller Wucht. Wenn ich nicht schleunigst etwas unternehme, überrollt mich ihre Libido, so, wie gestern Abend. Ich brauche eine Auszeit. Das ist mir zu viel. Ich bin es nicht mehr gewohnt, ein wenig aus der Übung. Obwohl ich mich nicht beklagen darf. Ich kenne keinen anderen Mann neben Jörg, der ständig bereit sein kann zu jeder Tages- und Nachtzeit, wenn er denn einmal zu Hause ist. Doch Serena schlägt sie alle um Längen. Selbst Bettina, meine blonde Göttin, kann nicht mit ihr mithalten. Serena ist ein Vamp, ein Sukkubus, dem ich seit unserem ersten Treffen in meinem Büro nichts entgegenzusetzen habe. Es hat schon damals heftig gefunkt und geknistert, tief in mir. Eigentlich war es nur eine Frage der Zeit, bis ich ihrer Leidenschaft erliegen würde. Ich wollte es lange nicht wahrhaben und hatte den Kopf voll mit allen möglichen Problemen. Diese Nacht war nicht unsere erste, doch sie war die erste Geplante. Wir wollten es beide unbedingt und liebten uns in voller Absicht.

Serena rekelt sich genüsslich schnurrend und streckt ihre langen Glieder. Ich mustere sie unauffällig von der Seite. Halt, Stopp. Ich brauche eine Pause. Der einzige Gedanke, der den Nebel in meinem Brummschädel durchdringt, bevor ich die unbändige Erregung zwischen meinen Beinen aufflammen spüre. Ein unbedeutender Blick genügt. Kein Zweifel, sie ist ein Vamp. Eine andere Erklärung habe ich nicht.

«Komm, lass uns duschen», murmle ich undeutlich und massiere die Schläfen mit den Fingerspitzen. «Ich klebe am ganzen Körper.»

Serena stößt ein tiefes Knurren aus.

«Bedeutet das nun ja oder nein?» Ich warte nicht auf eine Antwort, schäle mich schwerfällig aus dem Bett und öffne die Jalousien.

Serena steht bereits an der Tür, als ich mich wieder umdrehe, streckt die Arme in die Höhe und gähnt herzhaft. Was für ein Körper, was für eine unglaubliche Figur. Die langen dunkelbraunen Haare reichen ihr mittlerweile bis über den Po. Doch nur selten trägt sie sie offen, so wie jetzt. Kein Wunder, dass ich ihr nicht widerstehen kann. Dabei stehe ich überhaupt nicht auf Frauen. Ich liebe Männer, ihren herben Geruch, die starken Arme und breiten Schultern, einen knackigen Po und eine nette Bestückung. Ich mag es, wenn sie höflich und charmant sind, einfühlsam, kuschlig und mich manchmal einfach nehmen, ohne lange zu fragen. Walter war nahe dran, Jörg hingegen ist in dieser Hinsicht perfekt.

Es gibt jedoch zwei Ausnahmen, Bettina und sie, Serena. Die smarte Anwältin in ihrem strengen Glencheck-Kostüm oder mit Blazer, weißer Bluse, figurbetontem Bleistiftrock und hohen Stiefeln. Ein leibhaftiger Vamp. Nichts trifft es so exakt, wie dieser Begriff.

Sie dreht sich zu mir und lächelt verführerisch. «Was ist jetzt? Gehen wir duschen oder vögeln wir noch ein, zwei Runden vor dem Frühstück?» Sie weicht geschickt zur Seite aus und fängt das Kissen im Flug, das ich nach ihr werfe. «Also doch das Bett, Honey?», lacht sie mit ihrer unglaublich tiefen Stimme.

Ich bin machtlos, muss kämpfen und all meine Kraft aufbieten. Wohlige Schauer durchströmen meinen Körper, der eigentlich momentan gar keine Lust auf Duschen verspürt. Das macht es nicht leichter. Ich beherrsche mich, obwohl mir fast der Kopf platzt, setze meinen strengsten Blick auf und deute mit ausgestrecktem Arm in Richtung Badezimmer.

«Na gut, dann eben später», entgegnet sie keck, wirft mir lässig das Kissen zu und tippelt mit aufreizendem Hüftschwung davon.

 

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Heute hat er den Termin beim Anwalt. Ihm wird schon seit Tagen jedes Mal ganz übel, wenn er nur daran denkt. Seit gefühlten zwei Wochen hat er nicht mehr richtig geschlafen. Elli hat ihn weichgeklopft. Aber wenn er ehrlich ist, dann hat sie ganz recht, ihm in den Hintern zu treten. Unzählige Male hat er sich bei ihr ausgeheult, ohne letztendlich die Konsequenzen zu ziehen. Damit soll jetzt Schluss sein. Sie hat ihm sogar ihre Wohnung angeboten, da sie inzwischen sowieso die meiste Zeit bei Jörg verbringt. Oh ja, sein alter Schulfreund Jörg Wegmann kann sich glücklich schätzen. Nach endlos langer Durststrecke führte ihn der Weg schließlich zurück zu seiner Jugendliebe. Überraschend für alle Beteiligten. Manchmal versetzt es ihm einen Stich. Eine Spur von Neid flammt auf. Aber er hatte seine Chancen, jahrelang, zu Hauff. Und vielleicht ist eine gute Freundschaft mehr Wert, als eine ungewisse Partnerschaft.

Letztendlich darf er sich über seine momentane Situation wahrlich nicht beklagen. Miriam ist eine Wucht. In jeder Beziehung ein echter Glückstreffer. Eigentlich hat er die letzten Jahre ein Auge auf ihre Kollegin Renate geworfen, auch wenn er es nur ungern zugibt. Mit Dr. Nüsslein, Pathologin bei der Gerichtsmedizin, arbeitete er bei einigen Fällen zusammen und ließ dabei keine Gelegenheit verstreichen, mit ihr zu flirten. Sie waren sich von Anfang an sympathisch und kamen sich kollegial näher. Er rechnete sich insgeheim Chancen aus, auch wenn sie nie darüber sprachen, höchstens scherzten und er schließlich gebunden war. Das Schicksal hatte jedoch ganz eigene Pläne.

Noch immer plagen ihn Schuldgefühle. Hätte er damals nicht so heftig mit seiner Frau gestritten, wäre er vielleicht nicht so anfällig für Miriams Avancen gewesen. Dabei sah es nach dem gemeinsamen Urlaub mit Vanessa so gut aus. Sie nutzten die Chance, sich nach langer Zeit endlich auszusprechen. Zum ersten Mal hatte er das Gefühl, sie hört ihm zu, nimmt seine Sorgen und Befürchtungen ernst. Selbst der Kompromiss, ihn am Feierabend zur Ruhe kommen zu lassen, ihm eine halbe Stunde Pause zu gönnen, klappte prima. Vanessa blühte förmlich auf. Zeigte sich gut gelaunt, wie nur selten zuvor in den zurückliegenden Monaten.

Doch jetzt? Der letzte Streit war heftig. Es wurden Dinge gesagt, von beiden, die keiner zurücknehmen kann. Sie bestand auf Rücksichtnahme und Fortführung. Er hingegen beherzigte zum ersten Mal den Ratschlag seiner besten Freundin. Pause und Trennung, zumindest für eine gewisse Zeit. Sie einigten sich auf neun Monate. Er überließ ihr die Wohnung, nahm nur die Kleider und einige Sachen mit, die ihm besonders am Herzen lagen. Sein Kollege Brunner half ihm dabei an einem Samstagvormittag während einer Pause zwischen zwei Schichten. Ellis Angebot, ihm zur Hand zu gehen, schlug er aus. Er befürchtete ernsthafte Konsequenzen für Vanessa. Elli hatte es ihm nicht nur einmal angedroht, mit ihr von Frau zu Frau zu reden. Für einige Wochen lebte er bei Elli, bis ein Leben wieder einigermaßen geregelt verlief und ihn Miriam schließlich überredete, zu ihr zu ziehen. Sie besaß ein Haus, das für sie alleine viel zu groß war und eigentlich halb leer stand.

In wenigen Stunden wird er sich mit der Anwältin treffen. Serena Döbling, eine gute Bekannte von Elli und Spezialistin in Scheidungsrecht. Ein Vorgespräch, nur zum Informationsaustausch und zum Sondieren der Möglichkeiten. Er will nichts überstürzen und Vanessa einerseits nicht bestrafen, für Fehler, die er selbst verschuldet hat. Doch andererseits kann er es nicht tolerieren, dass sie ausschließlich ihm die Schuld an der Misere gibt. Zu einem Streit gehören immer mindestens zwei Parteien.

Er kennt Serena bereits von Ellis Geburtstagsfeier. Sie hat bei ihm mächtig Eindruck hinterlassen. Selten zuvor fühlte er sich so überfordert, wie damals. Er hat es Elli nicht verraten, schämt sich noch jetzt. Diese Frau ist clever, charmant, aber auch brandgefährlich. Besonders für alles, was zwei Beine hat, egal ob Männlein oder Weiblein, so seine Vermutung. Ihr natürlicher Sex-Appeal beeindruckte ihn an diesem Abend zutiefst. Und nicht nur ihn, wie er sich erinnern kann. Ebenso wie ihre kühle, intelligente Professionalität, die so gegensätzlich zu ihrem gewinnenden und freundlichen Wesen steht. Sie wäre ein harter Brocken, wenn sie ihm im Vernehmungsraum gegenüber sitzen würde. Sie aus der Reserve zu locken, sie zu unüberlegten Fehlern zu verleiten, nahezu ausgeschlossen.

Er schüttelt schmunzelnd den Kopf und denkt an Elli. Einen Augenblick lang bildete er sich an dem Abend ein, dass Elli und Serena etwas mehr verband, als lediglich Beruf und Freundschaft. Es war nur so ein Bauchgefühl, nicht wirklich greifbar. Lag es womöglich an einigen Gesten, die sehr vertraut wirkten? Dann wohl eher am Alkohol, den er nur selten in diesem Übermaß getrunken hatte. Jetzt muss er darüber lachen. Seine beste Freundin hat etwas mit Frauen? Unmöglich. Das hätte er in all den Jahren bemerkt. An dem Abend war er einfach nur unterirdisch gelaunt. Es hätte nicht viel gefehlt und er hätte vermutlich an die Existenz von rosaroten Elefanten geglaubt. Doch nur ein paar Tage später traf er sie in einem Hotel mit einer anderen Frau, dieser Bettina Hauser und mit Jörg in einer ziemlich eindeutigen Situation. Bis jetzt hinterfragte er nicht wirklich, was sie zu dritt in der Nobelsuite eigentlich zu schaffen hatten. Elli erzählte etwas von einem Geburtstagsgeschenk und sie hätte sich geschämt, es ihm zu sagen. Wirklich bestätigt hat sie seine Vermutung jedoch nicht, wenn er es sich recht überlegt.

Frauen. Wer weiß schon, wie sie wirklich ticken? Er hat es aufgegeben, sich darüber ernsthaft den Kopf zu zerbrechen. Kurios genug die Freundschaft zu Elli. Etwas, dass all die vergangenen Jahre, seiner Frau andauernd übel aufstieß. Ein Reizthema, ein Dauerbrenner, ein häufiger Stein des Anstoßes. Unberechtigterweise, auf der ganzen Linie. Auch hier hatte er es irgendwann aufgegeben, Vanessa gebetsmühlenartig seine wahre Beziehung zu Elli zu erklären. Soll sie doch glauben, was sie will. Ihm ist es inzwischen egal. Und so etwas passiert gerade ihm, einem Kriminalhauptkommissar, der stets bedacht ist, den Indizien allein nicht zu vertrauen, sondern immerfort bemüht ist, eindeutige Beweise für ein Vergehen zu finden. Schlüssige Argumente, belastbare Fakten und überzeugende Motive, das gehört zu seiner Welt.

Seufzend schiebt er die Fallakte zur Seite, die er bereits zum vierten Mal gelesen hat, ohne eines der Wörter zu verinnerlichen. Er reibt sich die Augen und wirft einen Blick durch die Scheibe ins Büro seines Kollegen. Brunner telefoniert gerade und macht sich Notizen.

 

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Ihr Kopf schmerzt. Sie hat wieder nicht gut geschlafen und sich die ganze Nacht mit Albträumen herumgeplagt. Genervt stellt sie den Radiowecker leise, aus dem ‹Stayed awake all Night› von Bachmann-Turner Overdrive ertönt, als wolle sie der Text des Lieds verhöhnen. Sie fühlt sich wie gerädert. Schon gestern halfen nur Tabletten und eine ausgiebige Dusche. Dabei hasst sie neben dem Aufstehen am Morgen nur eines noch mehr und das ist zu viel Wasser an ihrem Körper. Nein, sie ist nicht für dieses Element geboren. Sie meidet Schwimmbäder und selbst Regenschauer, solange sie zurückdenken kann. Ein Urlaub am See oder am Meer käme für sie überhaupt nicht infrage. Sie erinnert sich an ihre Kollegin Maren. Über eine Stunde heuchelte sie Interesse, als sie Hunderte von Urlaubsbildern über sich ergehen ließ. Ein Urlaub auf Kuba mit ihrem Mann. Am Strand. Sonne, Sand und Wasser. Jede Menge Wasser. Und reichlich Bikinis. Die meisten der Trägerinnen hätten besser in einen Badeanzug gepasst. Außer Maren. Sie hat tatsächlich eine perfekte Figur für ihr Alter und angesichts der drei Kinder, die in diesem Urlaub zum ersten Mal zu Hause geblieben sind. Sicherlich einer der Gründe, dass sie ihre Kollegin nicht kränken wollte. Das erste Mal nur zu zweit, nach fast 20 Jahren. Sie kam aus dem Schwelgen gar nicht mehr heraus. Sie konnte das Glück der beiden sogar auf den Fotos sehen.

Glück? Was ist das? Seit ihrer Scheidung von Arno Tanner hat sie zumindest einige Male gewagt, überhaupt wieder an so etwas wie Glück zu denken. Zu viel ist passiert. Und zu lange hat sie gewartet, bis sie sich schließlich zu einer Trennung entschlossen hatte. Fast wäre es ihm gelungen, sie zu überreden, es sich noch einmal anders zu überlegen. Er gab sich sechs Wochen die allergrößte Mühe. Bis zu diesem einen Abend bei Freunden. Zuerst das gemeinsame Glotzen des blöden Fußballspiels. Sie hasst Fußball. Arno wusste es ganz genau. Deshalb nutzte er jede Gelegenheit, bei der sie nicht einschreiten konnte.

«Tausch doch ein paar Strickmuster aus oder Kochrezepte», hat er gelacht und den anderen Männern feixend auf die Schulter geklopft. «Du weißt, ich stehe auf Steaks mit scharfer Soße.»

Nur eine der Frauen schloss sich den Männern an, zog ein Bier aus dem Kasten und öffnete mit lautem ‹Plopp› den Bügelverschluss der Flasche. Die Übrigen setzten sich mit einem Glas Rotwein auf die Terrasse. Es war noch hell. Die Stechfliegen agierten bei der schwülwarmen Luft mit vollem Einsatz. Sie schmierten sich gegenseitig mit Insektenschutz ein, sprühten sogar etwas davon auf die Kleidung. Zwei Stiche an der Wade juckten wie die Pest. Nach dem zweiten Glas Wein wurde es besser. Der Alkohol verrichtete zuverlässig seine Arbeit. Betäubte die Sinne.

«Das sind die teuersten Flaschen, die wir im Keller haben», grinste Regine nach einer Weile und prostete jeder zu.

Die Gläser klirrten, als würde jemand ein Konzert spielen. Nein, an dem Abend tauschten sie weder Strickmuster noch Kochrezepte aus. Ihre Freundin Regine wusste über die Probleme mit Arno Bescheid. Sie ging in die Offensive. Fragte sie auf den Kopf zu, wann sie denn endlich gedenke, sich von dem Perversen zu befreien. Ihr war sofort klar, sie meinte damit Arno. Anfangs war es ihr furchtbar peinlich. Alle Augen richteten sich neugierig auf sie. Am Liebsten hätte sie Regine geohrfeigt oder noch besser, wäre einfach spurlos im Erdboden verschwunden. Der Wein machte es jedoch etwas leichter, linderte rasch das anfängliche Entsetzen und löste schließlich ihre Zunge. Sie kann sich genau an ihre letzten Worte erinnern, bevor sie bat, das Thema zu wechseln.

«Arno hat sich geändert. Er ist jetzt lieb und nett und nimmt Rücksicht auf mich, so wie früher. Menschen können sich ändern, wenn sie nur wollen. Und ich bin fest davon überzeugt, Arno will es.»

Schon damals, als sie es aussprach, wusste sie, dass alles eine einzige große Lüge war. Ein kapitaler Betrug an sich selbst. Regines grimmiger Ausdruck und einige skeptische Blicke der anderen Frauen machten es nicht gerader leichter. Sie hielten sich glücklicherweise an ihren Wunsch und ließen das Thema den restlichen Abend auf sich beruhen.

Arno war nach dem Fußballspiel sturzbetrunken. Alles andere hätte sie sowieso verwundert. Sie wäre in jedem Fall gefahren. Jedoch machte sein Rausch es nicht leichter. Nur mühevoll schaffte sie es, ihn aus dem Wagen ins Haus halb zu ziehen und halb zu schleppen. Allerdings hatte sie inzwischen einige Erfahrung gesammelt. Es geschah nicht zum ersten Mal. Sechs Wochen waren seit ihrem Streit vergangen, schoss es ihr durch den Kopf. Er wollte sich doch ändern. Alkohol war eines der Streitthemen. Eine ausgelassene Party, ein Fußballspiel, nette Kumpels, da kann man schon mal über die Stränge schlagen, ohne gleich die Ziele aus den Augen zu verlieren. Oder etwa nicht? Seufzend wuchtete sie ihn ins Bett, entkleidete ihn, bis er nackt war, und deckte ihn zu. Arno quittierte ihre Bemühung mit einem lauten Grunzen und begann sofort zu schnarchen. Sie würde eben im Gästezimmer schlafen, so wie früher. Verzweiflung lag in ihrem Blick, als sie das Licht löschte und die Tür ins Schloss zog. Er würde sich nicht ändern. Niemals. Rasch wischte sie sich eine Träne aus dem Augenwinkel und begab sich hinauf ins Gästezimmer.

Sie befand sich gerade im Tiefschlaf. Später rekapitulierte sie, dass es wohl ungefähr 4:30 Uhr in der Früh war, als sie hochschreckte. Sie konnte jedoch nichts Sehen und sich nicht bewegen. Ihr Schrei erstickte ihr eigener Slip, den ihr Arno in den Mund gestopft hatte. Als Fesseln hatte er einige ihrer Feinstrumpfhosen verwendet. Deshalb hatte sie anfangs auch nichts gespürt. Über den Kopf hatte er ihr eine Stofftasche gestülpt. Aus der Küche, mit Sand vom letzten Gemüseeinkauf, der nun in ihre Augen rieselte.

Er nahm sie so wild, wie schon lange nicht mehr. Sein Ledergürtel zeichnete ihre Schenkel und ihren Bauch, während er zwischendurch immer wieder in ihre Öffnungen eindrang. Seine Hände hatten diesmal nur ein Ziel, ihre Brüste zu quetschen, bis sie schrie und sie danach zu würgen, bis ihre Schreie erstarben und sie glaubte, jeden Augenblick zu ersticken. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis sie tatsächlich bewusstlos wurde und nichts mehr von dem spürte, was er ihr antat. Er löste lediglich die Fesseln an ihren Händen und verschwand so leise, wie er gekommen war.

Nicht enden wollende Tränen, grenzenlose Schmach, unsägliche Schmerzen, stürmten auf sie ein, als sie wieder zu sich kam. Trotz Ekel vor sich selbst, in dieser Weise besudelt worden zu sein, zog sie sich komplett an, nachdem sie sich mühevoll von den Fesseln befreit hatte. Unfassbare Angst überwältigte sie, den Schrank zu öffnen und in den Spiegel zu blicken. Sie wollte nicht sehen, was er ihr angetan hatte. Nur allzu gut konnte sie es sich vorstellen, was sie erwarten würde. Sie meldete sich telefonisch krank, packte rasch die Koffer, als er das Haus verließ, um zur Arbeit zu gehen.

Montag. Ein denkwürdiger Start in die Woche. Endlich Zeit, aufzuhören, sich zu belügen. Arno würde sich nie im Leben ändern. Schlimm genug, dass alles erst so weit eskalieren musste, bis ihr ständiger Selbstbetrug ein Ende fand. Zum größten Teil war sie selbst schuld. Sie besaß keinen Mut früher einzuschreiten, hatte es viel zu weit kommen lassen. Hatte ihm Dinge erlaubt, die ihr abartig vorkamen, die ihr inzwischen eine Heidenangst machten. Sie hätte Nein sagen müssen. Als Warnung an ihn. In jedem Fall. Selbst auf die Gefahr hin, dass es nichts geändert hätte.

Allmählich verblassen die Bilder des Albtraums in ihrem Kopf. Es mag sein, dass es auch nur an den rasenden Kopfschmerzen liegt, die jede andere Empfindung unterdrücken. Ihr ist speiübel. Aber es hilft nichts. Ohne eine Tablette wird es nicht besser, obwohl sie gestern kämpfen musste, sie unten zu behalten.

Der Weg in die Küche wird zur reinsten Qual. Stöhnend stützt sie sich auf die Arbeitsplatte und füllt mit zitternden Händen ein Glas mit Leitungswasser. Sie muss sich setzen, legt den Kopf weit in den Nacken und schluckt die Tablette. Nach mehreren Schlucken Wasser lässt die Übelkeit etwas nach. Sie wird es wohl ertragen, bis die Tablette zu wirken beginnt. Nur ihr leises Stöhnen durchbricht die Stille.

Nach den umfangreichen Sanierungsmaßnahmen im letzten Jahr dringt kaum noch Lärm durch die neuen Fenster. Etwas, das sie zu schätzen weiß. Sie hasst laute Geräusche fast so sehr wie große Mengen Wasser. Minutenlang verharrt sie auf dem Stuhl, bis sie zu frösteln beginnt. Kein Wunder. Immerhin sitzt sie nackt auf dem Küchenstuhl mit bloßen Füßen auf dem kalten Steinboden. Draußen scheint bereits die Sonne. Sie kann die vereinzelten Strahlen durch Schlitze in den Jalousien sehen. Aber sie traut sich noch nicht, sie zu öffnen. Helles Licht wirkt in ihrem Zustand wie pures Gift. Die Angst, ihr Kopf würde explodieren, ist nicht übertrieben.

Schwerfällig zieht sie sich am Tisch in die Höhe und spürt, wie ihre Knie zittern. Zumindest hat der Kopfschmerz nachgelassen. Duschen kommt nicht infrage. Sie kann sich kaum auf den Beinen halten. Baden. Noch mehr Wasser auf der Haut. Sie wird es wohl damit probieren. Schließlich muss sie die Wanne nicht randvoll laufen lassen. Wasser, igitt, so viel davon. Aber sie kann so verschwitzt nicht arbeiten und erst recht nicht unter Leute gehen.

Nach einer gefühlten Ewigkeit erreicht sie das Badezimmer. Hier hat das Fenster keine Jalousie, doch es zeigt nach Norden. Der fahle Schein, der das Milchglas durchdringt, taucht den Raum in diffuses Graublau. Sie schaltet kein Licht ein, öffnet den Wasserhahn, kontrolliert mit den Fingerspitzen die Temperatur und gibt einige Spritzer Schaumbad hinzu. Erst jetzt bemerkt sie zwei tiefe Kratzer an der Wade und am Schienbein des linken Beins. Sie kann sich nicht erinnern, woher sie die Wunden hat. Womöglich aus dem Büro? Gestern trug sie ein Kleid und keine Feinstrumpfhose. Überall liegt dort Papier herum. Wie oft hat sie sich schon an diesen verflixten Akten geschnitten. Aber sie hätte es doch merken müssen. Nachdenklich greift sie nach der Zahnbürste. Ihr Blick fällt in den Spiegel. Erstaunlich. Sie fühlt sich noch mieser, als sie aussieht. Graue Haare, schießt es ihr durch den Kopf. Nein, es ist nur Staub und etwas Klebriges. Spinnweben. Pfui. Sie hat gestern Abend Kleidung in den Keller geräumt. Einige Wintermäntel und dick gefütterte Stiefel. Der Keller ist ein riesiges Dreckloch. Manchmal hat sie den Eindruck, sie ist die Einzige, die dort jemals gekehrt und geputzt hat, trotz verbindlicher Hausordnung für alle.

Die Zahnpasta geht zur Neige. Sie muss eine Neue kaufen. Anke. Sie blinzelt verwirrt und verharrt regungslos mit der Zahnbürste in ihrem Mund. Sie hat sich noch nicht gemeldet. Ob sie es überhört hat?

Sofort verspürt sie ein ungutes Rumoren im Bauch. Nachdenklich putzt sie weiter. Es ist nicht Ankes Art, sich nicht zu melden. Dreimal hat sie es vergeblich versucht und ihr Nachrichten auf die Mailbox gesprochen. Warum hat sie nicht früher an Anke gedacht? Diese Kopfschmerzen. Sie sind sicherlich schuld. Bei Schmerzen kann sie überhaupt nicht denken. Sie fühlt sich wie gelähmt, hilflos und ohnmächtig.