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Wien um 1670: Barocke Herrlichkeit und bittere Armut prägen die Stadt. Kaiser Leopold I. leidet nicht nur unter Geldmangel für seine Feldzüge, er braucht auch dringend einen Thronfolger. Nur Leibarzt Pedro de Rojas kann der verzweifelten Kaiserin Margarita Teresa helfen. Der jedoch hat ein gefährliches Geheimnis: Er ist ein spanischer Converso, ein konvertierter Jude, der seinen Glauben im Geheimen praktiziert. Die katholische Kaiserin will die Juden aus der Stadt vertreiben, sie hält sie für die Ursache allen Übels. Wird es Don Pedro und seiner Geliebten, der Hebamme Esther, gelingen, das zu verhindern? Vladimir Vertlib verbindet Komödie und Drama zu einem großen Roman über Glaubenskämpfe und Standesdünkel, Hetze, Intrigen und Verrat, aber auch Liebe, Treue und tiefe Freundschaft.
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Seitenzahl: 559
Veröffentlichungsjahr: 2026
Vladimir Vertlib
Roman
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Typografische Gestaltung, Satz: Lanz, Wien
Lektorat: Jessica Beer
ISBNePub:
978 3 7017 4766 5
ISBN Printausgabe:
978 3 7017 1821 4
Teil eins
I. Pedro Esteban de Rojas
II. Das Judenviertel
III. Margarita Teresa, Kaiserin des Heiligen Römischen Reiches, Königin von Ungarn und Böhmen, Erzherzogin von Österreich, Markgräfin von Mähren et cetera, et cetera, …
IV. Esther
V. Padre Sebastián
VI. Der Junge
VII. Reinheit des Blutes
VIII. Joseph gibt den Löffel ab
IX. Maria Antonia Theresia Josepha
X. Annäherung
XI. Herrgott, lass mir statt meiner Finger Schaufeln wachsen
XII. Marranen sind Schweine
Teil zwei
I. »Ich war erst wirklich ich, als ich das Verlangen verspürt hatte, in dir aufzugehen …«
II. Das Leben ist ein Herzensdienst
III. Ssutschka
IV. Elfriede
V. Leopoldine
VI. Ernst Friedrich Colonna Freiherr von Fels
VII. Der Zahn
VIII. Der Kampf
IX. »Die Wege des Herrn …«
X. Am Abgrund
XI. »Dir wird es an nichts mangeln!«
XII. Die Judensau
XIII. Neue Hoffnungen?
XIV. Die Regenmacherin
XV. Hexereien
Teil drei
I. Es kommt der Tag …
II. Das Versteck
III. »Mit nackten Füßen auf der Erde fühl’ ich die ganze Härte dieser Welt«
IV. »Der elende Schwätzer hat keine Richtung auf Erden«
V. »Wann stirbt sie denn endlich?«
VI. Warum?
VII. Was die Chronik berichtet und was die Leute erzählen …
Nachwort
Wien, November 1668
Er möchte ausatmen, mit den Armen rudern, mit den Füßen strampeln, doch sein Körper gehorcht ihm nicht. Er spürt seinen Herzschlag nicht mehr, fühlt sich verloren, ausgeliefert, hilflos. Nicht einmal die Augenlider lassen sich bewegen. Seine Augen sind offen. Sie schmerzen. Das also ist das Ende, denkt er. Ausgerechnet an einem solchen Tag, einem Tag, der wichtiger ist als andere. Schema Israel, Adonaj Elochejnu, Adonaj Echad! Höre, Israel, der Ewige, unser Gott, der Ewige ist eins. ER allein weiß, was recht oder unrecht ist. Gewiss hat das, was gerade geschieht, seine Richtigkeit. Alles Vergängliche endet zur festgesetzten Stunde an dem Platz, der ihm seit ewigen Zeiten vorherbestimmt war.
Die Sonnenstrahlen bahnen sich mühsam den Weg zu ihm hinunter, zersplittern und verlöschen wie Sternschnuppen. Das eiskalte Wasser füllt seinen Mund. Für einen kurzen Augenblick glaubt er, es werde sich in Lunge und Magen ergießen, sein Inneres ausfüllen und ihn schließlich wie einen Stein hinunterziehen und am Grund des Flusses begraben. Doch dann merkt er, dass er sich nach oben bewegt. Er taucht auf, spuckt, atmet heftig, keucht, stöhnt, räuspert sich. Sein Herz schlägt wieder – er spürt es in den Schläfen, im Hals, auf den Lippen und schließlich an allen wichtigen Stellen seines sündigen Körpers, dem er mehr abverlangt, als es seinem Alter angemessen wäre. Er hat noch einmal Glück gehabt, schwimmt ans Ufer, wo sein Diener kopfschüttelnd, aber mit einem Grinsen im Gesicht auf ihn wartet, bereit, ihn mit einem großen, weinroten Handtuch abzutrocknen und frisch anzukleiden.
Manuel, sein alter Diener, den er aus Madrid mit nach Wien gebracht hatte, wäre ihm als Begleiter lieber gewesen. Doch der ist zu Hause geblieben. Der Anblick seines Herrn im eiskalten Wasser würde ihn in Panik versetzen. Seinen einheimischen Diener berührt so etwas nicht.
Es ist November. Letzte Woche war Martinitag, in den Nächten friert der Matsch, die Pfützen werden zu Eis, morgens beißt der Frost schon schmerzhaft in die Wangen der Menschen, die hinaus ins Freie müssen, und die Pferde verlassen nur unwillig ihren Stall. Sogar die Exkremente in den Sickergruben werden in den frostigen Nächten hart wie Stein, bevor sie im Laufe des Vormittags wieder auftauen und zu stinken beginnen. Der Kaiser und seine Entourage sind in die Stadt zurückgekehrt und haben in der Hofburg ihr Winterquartier bezogen. Seine Majestät komponiert feierliche Lieder für die Adventszeit und verfasst kurze italienische Gedichte – oh, preiset den Herrn! –, die den Hofstaat in Entzücken versetzen. Und er? Er geht schwimmen und erstarrt dabei vor Kälte. Ist er denn völlig wahnsinnig geworden?
Manche behaupten, er sei ein Zauberer. Andere meinen, sein Geist habe sich nach den schweren Schicksalsschlägen, die er erleiden musste, getrübt, weshalb er seltsame Dinge tue, die seiner Position, seinem Alter und seinem Stand völlig unangemessen seien. Pedro Esteban de Rojas, von den Wienern Peter Rauch genannt, Leibarzt Ihrer Majestät Margarita Teresa de Austria, Kaiserin des Heiligen Römischen Reiches, Deutsche Königin, Erzherzogin von Österreich, Königin von Ungarn und Böhmen, Markgräfin von Mähren, Gräfin von Tirol, Herzogin von Kärnten und der Steiermark et cetera, et cetera, nimmt vor den Toren der Stadt regelmäßig ein Bad! Und das zu dieser Jahreszeit! Unerhört! Ein Skandal! In Begleitung seines Dieners verlässt er die Stadt am späteren Vormittag durch das Rotenturmtor, entkleidet sich am Ufer des Donauarms bis auf die Unterwäsche, springt ins Wasser und schwimmt eine gute Viertelstunde gegen die Strömung, so dass er nicht fortgetragen wird, sondern etwa dort, wo er ins Wasser gestiegen ist, auch wieder herauskommt. Die Wäscherinnen verbreiteten die Kunde von diesem skandalösen Verhalten schon vor einem Jahr, es sprach sich in der Stadt herum und erreichte bald auch jene, die am anderen Ende der Stadt leben, dort ihr Tagwerk verrichten und äußerst selten, wenn überhaupt, in die Nähe des Rotenturmtores kommen.
Die Wiener sind empört. Es weiß doch jeder, dass Baden die Haut durchlässig macht, so dass Krankheiten, Seuchen und böse Geister in den Körper eindringen können. Für Pestilenz und Schwindsucht, für die gefährliche Krätze und die Malaria, für Satan und seine Teufel und allerlei Formen von Wollust und Hexerei sind die Pforten des Körpers nach einem Bade weit geöffnet. Dies aber scheint dem spanischen Arzt keine Sorgen zu bereiten, wobei ihm offenbar nicht nur sein eigenes Schicksal gleichgültig ist, sondern auch jenes seiner Mitmenschen, die er anstecken, oder der unreifen Kinder, die er durch sein Verhalten und die Entblößung seines Körpers verderben könnte.
Pedro lässt das Gerede der Leute allerdings kalt. Sein Diener, ein kleiner, schmerbäuchiger Mann in mittleren Jahren, der ihn ein bisschen an Sancho Pansa aus dem berühmtesten aller Romane erinnert, ist ein Wiener namens Thomas, der ihm von allem, was er zu hören bekommt, berichtet und es aus der Mundart in ein für den Arzt verständliches Deutsch übersetzt. Der Arzt lächelt, wenn er böse Geschichten über sich selbst oder sonstigen Tratsch und Klatsch vernimmt, und meint, die Leute hätten wohl keine anderen Sorgen, als sich über einen Fremden, der sie nichts angeht, das Maul zu zerreißen.
Während sich Pedro also von Thomas trockenreiben und frisch ankleiden lässt, spürt er, dass dutzende Augenpaare ihn mit Widerwillen und schamloser Neugierde anstarren. Worte wie »Hund« und »Schwein« dringen an sein Ohr. Er fragt sich, was die Leute derart aufregt. Dann flaniert er erhobenen Hauptes quer durch Wien zur Hofburg, als gehörte die Stadt mit ihren Türmen, Straßen, eleganten Steinhäusern und Palästen ihm allein. Er benehme sich in einer Weise, wie es einem Fremden keineswegs zusteht, heißt es. Aber er ist der Leibarzt der Kaiserin, und jeder, der das zweifelhafte Glück hat, seinem Blick zu begegnen, lächelt untertänigst und verneigt sich.
An diesem trüben Novembertag jedoch, an dem der Spanier, von der beißenden Kälte des Wassers überrascht, beinahe ertrunken wäre, nimmt er nicht den üblichen Rückweg über die Rotenturmstraße in die Stadt und danach Richtung Hofburg, sondern quert den Donauarm über die hölzerne Schlagbrücke, die ihn Richtung Krankenhaus der Barmherzigen Brüder, Karmeliterkloster und zum Judenviertel Im Unteren Werd führt. Das allerdings überrascht niemanden. Man weiß, dass der Medicus hin und wieder im Krankenhaus aushilft, wenn schwere Eingriffe anstehen und die ehrwürdigen Brüder nach ihm schicken, hat er doch als Wundarzt in seiner Heimat einen gewissen Ruhm erlangt, der ihm schon vorauseilte, bevor er mit der Reisegesellschaft, welche die Kaiserin aus Spanien ins ferne Österreich begleitete, vor knapp zwei Jahren in Wien eingetroffen ist.
Das schnelle Gehen hat Pedro aufgewärmt. Der Filzhut, die dicken Strümpfe und die mit Wolle gepolsterten Kniehosen tragen ebenfalls dazu bei, dass er sich nun so jung und erfrischt fühlt, als wäre er nach einer längeren Lagerung in einer Eiskammer wieder aufgetaut. Seine Haare sind weiß, kurz geschnitten, immer noch dicht, werden aber schnell trocken. Die neumodischen Allongeperücken, die von immer mehr Männern der besseren Gesellschaft, ja vom Kaiser selbst, getragen werden, lehnt er ab. Er ist doch kein ungeschorenes Schaf. Warm genug ist ihm auch ohne Perücke.
Kein Zweifel – der himmlische Herrscher, geheiligt werde Sein Name, hält seine schützende Hand über ihn, davon ist Pedro überzeugt. So wie er ihn nicht ertrinken ließ, wird er auch das Fieber und den Husten von ihm fernhalten.
Als Arzt hat Pedro hier eine eigene Theorie. Er glaubt nicht, dass eine saubere Haut für Krankheiten durchlässiger ist als eine mit Fett, Schmutz und Schweiß scheinbar geschützte Körperoberfläche. Vielmehr werde sie durch den Prozess der Reinigung straffer und stärker und könne dadurch Angriffen von außen sogar besser widerstehen. Auf sauberer Haut finde das Ungeziefer keine Nahrung, und der nur für menschliche Nasen angenehme Duft locke keine Insekten an. Das Baden im kalten Wasser härte ihn ab, behauptet er, so dass er auch dann gesund bleibe, wenn andere längst dahinsiechen. Außerdem stärke es die Seele und den Willen und vertreibe sündige Gedanken, die von den wesentlichen Dingen des Lebens ablenken.
Die anderen Ärzte lachen ihn aus, wenn er versucht, ihnen seine Überlegungen nahezubringen. An seinen Ansichten, verkünden die geschätzten Kollegen offen, erkenne man den Quacksalber, den Scharlatan, den Schwätzer niederer Herkunft, der kein Doktor, sondern bestenfalls ein Handwerker sei, ein Wundarzt, der bei seinem Vater, einem ehemaligen Söldner, Fachmann für Amputationen und Meister des Zusammenflickens von im Kampf zerfetztem Fleisch, in die Lehre gegangen war, aber niemals eine Universität von innen gesehen habe.
Pedro lässt seinen Neidern ihr Geschwätz, quittiert Beleidigungen mit einem Lächeln, anstatt seinen Degen zu ziehen oder seine Fäuste einzusetzen, wie es manch anderer an seiner Stelle getan hätte. Er hat viel zu verbergen, viel abzuarbeiten, zu büßen und noch mehr zu verlieren. Demut ist seine Stärke, doch in seinem Innersten begegnet er aller Unbill mit Stolz, Gelassenheit und erhobenen Hauptes. Die Schicksalsschläge, die er ertragen musste, haben ihn zuerst verbittert, dann aber stärker und milder gemacht. Manchmal kommt er sogar selbst in den Genuss dieser Milde, wenn er sich etwas Gnade gönnt. Dieses Jahr werde er nicht mehr im Fluss baden und sich frühestens im April wieder ins Wasser wagen, beschließt er.
An diesem Tag ist er besonders schnell unterwegs. Einige Passanten wenden erstaunt die Köpfe nach ihm. Thomas, der Pedros schmutzige Kleidung, die nasse Unterwäsche und die Handtücher trägt, kommt kaum nach, ist außer Atem und flucht leise vor sich hin. Sein Herr hätte durchaus den Maulesel nehmen können, anstatt ihn, seinen fleißigen Diener, wie einen Esel schleppen zu lassen, denkt er. Sein Herr ist ein seltsamer, fremder Narr, der sich mit seinen Extravaganzen in einer Stadt wie Wien bald den Tod holen wird, davon ist Thomas überzeugt. Aber der Lohn, den ihm der Spanier zahlt, ist höher als jener, den er bei dem Geizkragen erhielt, der ihn früher beschäftigt hat.
Bevor er nach rechts in den Pfad einbiegt, der zum Krankenhaus führt, dreht sich Pedro um und schaut zurück auf die Stadt. Von hier aus kann man Wien eine gewisse Schönheit nicht absprechen. Der Stephansdom ist überwältigend in seiner Pracht und Größe, Türme, Dächer, Mauern und Basteien glänzen im Sonnenlicht, strahlen Macht und Würde aus, das Geschrei in den Straßen hört man von hier aus nicht mehr, während man den Gestank sogar aus dieser Entfernung immer noch ein klein wenig erschnuppern kann. Im Vergleich zu seiner Heimatstadt Madrid ist Wien zwar schön, alt, groß und herrschaftlich, aber ein Drecksloch. Seit Pedro in diese Stadt gekommen ist, warnt er die zuständigen Behörden vor den Seuchen, allen voran der Pest, die gewiss alsbald die Stadt heimsuchen und die Bevölkerung dahinraffen werden, so wie es vor ein paar Jahren in London und anderenorts der Fall war. In den Hinterhöfen der Metzgereien liegen die Kadaverreste tagelang herum und verwesen. Im Brot und Gemüse, das man auf dem Markt kauft, findet man Rattenkot oder Würmer, und sogar in gutbürgerlichen Häusern werden die Nachttöpfe einfach aus den Fenstern auf die Straße geleert, ohne die Passanten vorher zu warnen. Das alles lasse Miasmen entstehen, jene äußerst giftigen Dämpfe, die auch der starke Wind, der hier fast ständig weht, nicht zu vertreiben vermag. Das alles trug Pedro bei Hofe und auch gegenüber dem Wiener Magistrat vor. Allein außer der Kaiserin hört hier niemand auf ihn. Man bleibt aber stets höflich, bedankt sich, lässt alles, was er sagt, von einem Schreiber notieren, mit einer Nummer versehen und an nötiger Stelle ablegen. Man werde seine Eingaben zum gegebenen Zeitpunkt bearbeiten, versichert man ihm.
Das Kloster und das Krankenhaus der Barmherzigen Brüder sind in den letzten Jahren erweitert worden. Vor fünfzig Jahren waren es nur zwölf Betten, die den Patienten zur Verfügung standen, heute sind es gewiss vier- bis fünfmal so viele. Doch es sind nicht die Patienten, deretwegen Pedro heute die Barmherzigen Brüder aufsucht. Vielmehr lässt er seinen Diener an der Pforte warten und begibt sich sofort zu Frater Gabriel, dem Chirurgen, mit dem er befreundet ist. Dieser erwartet ihn aber nicht in der Halle, in der die Ärzte ihre Consultationes abhalten, auch nicht in der Kirche, im Empfangsraum, ja nicht einmal in seiner Zelle, sondern in einem kalten Hinterzimmer, das sich im Unterstock befindet und offensichtlich als Vorratskammer genützt wird. Ein kleines, quadratisches Fenster direkt unter der Decke lässt kaum Licht ins Innere des Raumes. Eine Öllampe beleuchtet schwach die dem Fenster gegenüberliegende Ecke, lässt alles schemenhaft und verzerrt erscheinen. Die Wände sind schlecht verputzt und rußgeschwärzt. Pedro erkennt Fackelhalterungen ohne Fackel und eine weitere Öllampe, die jedoch nicht brennt. Geräucherte Schweinsstelzen hängen an Widerhaken, die an der Decke befestigt sind. Es riecht nach Zwiebeln, Knoblauch und Speck, nach Salzgurken, Kohl, kaltem Tierblut und kaltem menschlichen Schweiß. Im hinteren Teil des Zimmers steht ein grob gehobelter, langer Tisch, mehr eine Bank als ein Tisch, auf dem Pedro, als sich seine Augen endlich an das Zwielicht gewöhnt haben, Lebensmittel aller Art zu erkennen glaubt. Was er sofort auszumachen vermag, ist ein großer Schweinekopf mit offenem Maul und weit aufgerissenen Augen. Dieser Sauschädel befindet sich im Lichtkegel, der vom Fenster genau auf diese Stelle fällt, so dass der Eindruck entsteht, das tote Tier throne hier wie ein König im Empfangssaal seines Schlosses.
Pedro kämpft gegen die Übelkeit an, die ihn befällt, kaum dass er diesen Raum betreten hat. Nein, er hätte an einem solchen Tag nicht schwimmen gehen dürfen. Welcher Teufel hat ihn geritten? Welche Strafe hat er sich mit dem eiskalten Wasser denn selbst auferlegt? Wird irgendwann der Zeitpunkt kommen, da er sich genug bestraft hat?
Dass der Schweinekopf so platziert ist, als würde er ihn, Pedro, direkt anschauen, dass sein offenes Maul scheinbar zu einem Grinsen verzogen ist, macht die Sache noch schlimmer. Diese Sau beobachtet ihn, lacht ihn aus, und sie weiß, was sie tut, denn der Tod hat sie noch nicht heimgeholt. Warum? Vielleicht weil sie eine verwandte Seele in ihm erkennt? Nennt man denn ihn und seinesgleichen in seinem Heimatland nicht Marranen, Schweine? Zu Recht? Der Schmutz des Alltags lässt sich abwaschen, aber ererbter Schmutz bleibt immer haften, man kann ihn verdecken, überpinseln, verleugnen, aber niemals vergessen. Schmutz – die Erbsünde der Ferkel. Der einzige Trost besteht darin, denkt Pedro, dass wir allesamt nur Geschöpfe des obersten aller Weltenlenker sind. Vom niedersten Insekt bis zum Kaiser, von den schlimmsten Sündern bis zu den edelsten Propheten blüht allen in dieser Welt letztlich das gleiche Schicksal. Wohl dem, der den Herrn fürchtet und auf seinen Wegen gehet! Du wirst dich nähren von deiner Hände Arbeit, und der Herr wird dich segnen.
Frater Gabriel ist ein feister Mann in den Vierzigern mit roter Knollnase, hoher Stirn, grauen Haarbüscheln oberhalb der Ohren und strahlend blauen Augen, der seine zerrissene und von Motten zerfressene Kutte aus grober Wolle ungewaschen trägt, um zu zeigen, wie wenig ihm irdische Güter und die damit verbundene Eitelkeit bedeuten. In der kalten Jahreszeit zieht er die Kutte nächtens nicht aus, schläft, isst und betet in ihr und geht in dieser Kutte gleichermaßen seiner Tätigkeit als Chirurg nach, wischt die blutigen Messer genauso an ihr ab wie den Suppenlöffel, den er stets bei sich trägt, und manchmal, wenn im Abort kein Heu bereitliegt, hebt er das untere Ende seiner Kutte hoch, um sich damit nach dem Stuhlgang zu säubern. Frater Gabriel stinkt ein bisschen, aber es gibt keinen besseren Chirurgen in Wien, außer natürlich Pedro selbst.
»Gott segne Euch, mein lieber Freund!«, sagt der Mönch, während er den spanischen Kollegen umarmt. Dieser lässt die Umarmung widerwillig über sich ergehen, doch der Frater ist der einzige Mensch in dieser Stadt, den er mit Fug und Recht als seinen Freund bezeichnen kann, der einzige Mensch, der ihn so formlos ansprechen darf und den er selbst scherzhaft »Mein werter Pfaff« tituliert – die einzigen deutschen Wörter, die er im Umgang mit ihm immer verwendet. Die Tatsache, dass der Frater Italienisch spricht, eine Sprache, die Pedro besser beherrscht als Deutsch, macht die Konversation leicht und angenehm.
»Ich bin Eurer Bitte nachgekommen«, berichtet der Frater. »Meine Kontakte, die ich zu allen Gruppen und Ständen in dieser Stadt pflege, waren mir von großem Nutzen. Gut, dass Ihr Euch an mich gewandt hattet.«
»Ich hätte nicht gewusst, an wen ich mich sonst hätte wenden können«, meint Pedro.
»Es war nicht leicht, etwas zu erklären, ohne etwas preiszugeben, und um etwas zu bitten, ohne zu verraten, worum es wirklich geht. Ich denke aber, ich habe die nötigen Worte gefunden. Wenn es sein muss, ist meine Zunge so scharf wie mein Chirurgenmesser.«
»Wobei ich allerdings hoffe, dass deine Gesprächspartner den Einsatz deiner Zunge öfter überleben als jene, die mit deinem Messer Bekanntschaft machen«, bemerkt Pedro und lacht.
Der Frater lacht nicht, ja er lächelt nicht einmal, sondern schaut seinen Freund ernst an und schüttelt den Kopf. »Kräh das Unglück nicht herbei«, murmelt er, »sonst wird es dich früher oder später selbst heimsuchen. Sieh dich vor!«
»Ich bitte um Verzeihung.«
»Es sei dir verziehen.«
»Ist er hier?«, fragt Pedro.
»Der Jude ist hier, ich habe Wort gehalten«, erklärt der Frater, wechselt ins Deutsche und ruft: »Schmul, komm, zeig dich, du brauchst dich nicht mehr zu verstecken.«
Pedro hört ein Geräusch, ein seltsames Schleifen, das von harten Schuhsohlen oder Stiefeln herrühren könnte, dem ein Räuspern folgt, und aus der finstersten Ecke des Raumes tritt eine Gestalt ins Licht, die einen schwarzen Rock mit sauber polierten, glänzenden Messingknöpfen, schwere Stiefel, einen weißen, sehr fein geklöppelten Spitzenkragen und einen schwarzen, breitkrempigen Hut trägt. Es handelt sich um einen hageren Mann, der wohl etwas älter als der Frater, aber jünger als Pedro ist, und dessen schmales Gesicht von einem schütteren roten Vollbart eingefasst ist. Seine graugrünen Augen funkeln im Halbdunkel wie die einer Katze und mustern Pedro so eindringlich und misstrauisch, dass dieser den Eindruck bekommt, der Jude würde ihn im Geiste entkleiden, vielleicht sogar noch tiefer in ihn einzudringen trachten, um seine Gedanken zu lesen und in seine Seele hineinzuschauen.
»Wer seid Ihr?«, fragt Pedro.
»Ich bin Samuel, Sohn des Isaak ben Jehuda. Schmul, der Schmuckhändler, so nennt man mich gemeinhin, und ich bin der Bruder jener, deren Dienstleistung Ihr in Anspruch nehmen wollt, mein Herr.«
»Ihr wisst, wer ich bin?«
»Ja, mein Herr.«
»Ihr geleitet mich an den vereinbarten Ort?«
»So ist es ausgemacht, mein Herr.«
»Ich hoffe, ich kann Euch vertrauen.«
»Kann ich mich denn auf Euch verlassen, mein Herr?«, entgegnet der Jude. »Der Mensch ist zwar von Natur aus nur selten schlecht, aber umso öfter leichtfertig und gedankenlos.«
»Ich verbürge mich für ihn«, verkündet der Frater. »Es gibt wenige Menschen, denen ich mein Leben anvertrauen würde. Pedro gehört zu diesen wenigen Menschen. Manchmal ist er schwermütig, doch niemals leichtfertig.«
»Ich kenne einen Weg über Hinterhöfe, Wiesen und Gärten, auf dem wir unerkannt bleiben, obwohl ich denke, dass sich niemand etwas dabei denken würde, wenn Ihr unser Viertel offen betretet. Ihr seid schließlich nicht der einzige Christ, der uns tagsüber aufsucht, und erst recht nicht der Einzige, der die Fertigkeiten und das Wissen meiner Schwester zu schätzen weiß.«
»Ich habe meine Gründe, mich besser bedeckt zu halten. Diese erfahrt Ihr rechtzeitig.«
Schmul nickt und verneigt sich. »Zu Euren Diensten!«, sagt er. »Wenn es Euch beliebt, können wir auf der Stelle aufbrechen.«
Pedro wendet sich wieder dem Frater zu. »Sagt meinem Diener, er solle hier auf mich warten und sich nicht wundern, wenn es länger dauert«, bittet er auf Italienisch.
»Ich teile es ihm mit.«
»Gebt ihm bitte etwas zu trinken.«
»Er bekommt ein Glas Wein und eine Scheibe Brot.«
»Warum eigentlich hier?«, fragt Pedro und deutet mit dem Kopf Richtung Schweinekopf. »Einen Juden? Hierher?«
Der Frater verzieht seine schmalen Lippen zu einem Grinsen. »Eben deshalb!«, erklärt er. »Ihr wisst doch, wie ich zu Juden stehe, und in den Empfangsraum, das Krankenzimmer oder den Speisesaal hätte ich ihn nun wirklich nicht führen können.«
Im Unteren Werd bei Wien, November 1668
Das jüdische Viertel im Unteren Werd, gegenüber der Residenzstadt Wien am anderen Ufer des Donauarms gelegen, besteht im Jahre des Herrn 1668, welches gleichzeitig nach jüdischem Kalender das Jahr 5429 nach der Erschaffung der Welt ist, seit mehr als vierzig Jahren und beherbergt, nachdem sich die Gemeinde trotz Krieg, Seuchen, Kindersterblichkeit, Verfolgung, Verachtung und horrender Steuern stets vergrößert hat, inzwischen einige tausend Personen, über die sowohl die Gemeindeältesten als auch die dem Erzherzog und Kaiser unterstellte Obrigkeit penibel Buch führen. Immerhin durften die Juden jahrzehntelang in der Stadt Wien Handel treiben, außer natürlich am Sonntag und an christlichen Feiertagen. Sie müssen keine spitzen Hüte tragen und keine gelben Kreise aus Stoff an ihre Kleidung heften, die sie anderenorts als Juden kennzeichnen. Es gibt sogar Wiener, die in ihnen keinen Abschaum, sondern eine Art Mitmenschen sehen, auch wenn ihnen, wie es heißt, natürlich der Makel der Niedertracht und des Verrats seit Geburt anhaftet.
Es gibt in diesem von einer Mauer umgebenen Judenviertel eine Hauptgasse, eine Obere, eine Mittlere und eine Untere Gasse, ein sogenanntes Neu-Gassl und eine Taborgasse, einen größeren Platz, Obst- und Gemüsegärten, eine geräumige, neue Synagoge und wohl auch mehrere kleinere Beträume. Das jedenfalls vermutet Pedro, doch sein Auftrag besteht nicht darin, über die Beschaffenheit dieses Viertels in seiner Gesamtheit und im Detail nachzudenken. Was ihm allerdings gleich auffällt, ist, dass die Straßen hier sauberer sind und irgendwie luftiger wirken als innerhalb der Stadtmauern von Wien, und das, obwohl sie alles andere als breit, die meisten Häuser schmucklos und keineswegs alle aus Stein gebaut sind und in vielen Fällen sogar richtiggehend ärmlich wirken.
Sobald sie Menschen begegnen, drückt Pedro den Hut tief in die Stirn, so dass sein Gesicht für andere verborgen im Schatten bleibt, zieht die Schultern hoch und beschleunigt – in halb gebückter, schiefer Haltung – den Schritt. Am liebsten würde er sich so klein wie möglich und noch lieber völlig unsichtbar machen. Vielleicht ist er vorsichtiger und ängstlicher, als es der Situation angemessen ist, denkt er, doch letztlich geht es bei dem, was er vorhat, nicht um ihn allein. Es steht viel auf dem Spiel. Zwar hätte er sich aus allem heraushalten und dem Schicksal seinen Gang lassen können, doch dazu wäre er außerstande gewesen. Vielleicht ist das ja seine Art, Buße zu tun. In jedem Fall hat er keine andere Wahl, als heute hier zu sein. Das redet er sich zumindest ein, bleibt demzufolge misstrauisch und vorsichtig und richtet sich erst auf, als er und sein Begleiter unter einem Gewölbe hindurch und an zwei Stiegenaufgängen vorbei in einem einsamen Innenhof angekommen sind, an dessen rechtem Rand sich ein Gemüsegarten befindet, am linken Rand ein Holzverschlag, in dem – was deutlich zu hören ist – Hühner gehalten werden, und in dessen Mitte ein Brunnen und knapp zehn Fuß davon entfernt eine Latrine angelegt worden sind. Neben dem Gemüsegarten wächst ein Apfelbaum, dessen Früchte zu dieser Jahreszeit längst geerntet sind. Zwischen Brunnen und Latrine machen der Jude und der spanische Arzt Halt. Pedro richtet sich wieder auf und schaut auf seinen Begleiter hinunter, den er um einen halben Kopf überragt.
Auf der anderen Seite des Hofes befindet sich ein unansehnliches, eingeschossiges Steinhaus mit kleinen Fenstern, deren Läden geschlossen sind, einem Schindeldach und einem Schornstein, aus dem Rauch aufsteigt. Eine einfache, blau gestrichene Eingangstür aus Holz wird von jemandem, der für Pedro unsichtbar bleibt, von innen geöffnet.
»Wartet hier auf mich, mein Herr«, sagt Schmul. »Ich muss noch kurz mit jemandem Rücksprache halten.« Pedro jedoch lässt ihn nicht gehen, hält ihn am Ärmel fest und flüstert kaum hörbar, als hätten die Wände um ihn herum Ohren: »Bevor Ihr geht, lasst mich Euch schnell etwas sagen.«
Der Jude hebt erstaunt die Augenbrauen und zupft nervös an seinem Bart.
»Hineh lo jonum welo jischon schomer Israel«, sagt Pedro leise einen Spruch auf Hebräisch auf. Es schläft und schlummert nicht der Hüter Israels.
Für einen Augenblick scheint Schmul völlig die Fassung zu verlieren, rollt erstaunt die Augen, starrt Pedro an, schnappt nach Luft, macht eine so heftige Bewegung mit dem Oberkörper, dass ihm beinahe der Hut vom Kopf fällt. Doch er fängt sich schnell, findet seine Haltung wieder und weiß richtig zu reagieren: »Gott, der Hüter, lässt uns nicht schlafen noch schlummern«, murmelt er auf Deutsch. »Wo werden wir uns nächstes Jahr begegnen?«, fragt er. »Wo werden wir uns die Hände reichen und den Herrn preisen?«
»In Jerusalem«, antwortet Pedro. »We Jeruschalaim!«
»Der Herr wird dich segnen aus Zion, dass du schauest das Glück Jerusalems dein Leben lang.«
»Und schauen mögen deine Kinder ihre eigenen Kinder und die Kinder ihrer Kinder. Friede über Israel!«
Schmul ist sichtlich nervös, kaut an den Lippen, mustert Pedro eindringlich, doch sein Blick ist nun anders als zuvor. Zu Misstrauen und Verstörung kommen nun, lebhaft funkelnd und für Pedro gut erkennbar, Neugierde und sogar etwas wie Wohlwollen und Freude.
»Wartet hier«, bemerkt Schmul leise.
»Habt Ihr nicht etwas vergessen?«, fragt Pedro schmunzelnd.
»Ach ja. Ihr habt recht«, murmelt Schmul. »Hhm … Also … Wie viele Junge hat die Katze des Propheten Elias in ihrem dritten Lebensjahr geworfen?«
»Dreizehn.«
»Wartet hier, ich bin gleich zurück!« Nach diesen Worten hastet Schmul zur blauen Tür und verschwindet im Inneren des Hauses.
Bis Schmul wiederkommt, vergehen nur ein paar Minuten, die für Pedro allerdings lang genug sind, um zu erkennen, dass er in diesem Innenhof keineswegs unbeobachtet bleibt. In einem der Fenster jenes Hauses, das er zuvor mit seinem Begleiter durchquert hatte, kann er für einen Augenblick die blassen Wangen einer jungen Frau ausmachen, die sofort den Kopf wegdreht und die Fensterläden zuschlägt, als Pedros Blick dem ihren begegnet.
Dann hört er Schritte, kann aber nirgendwo die dazugehörige Person sehen. Außerdem spürt er, egal, in welche Richtung er schaut, Blicke im Nacken, ohne dass sich jemand von den zweifellos zahlreichen Menschen, die ihn beobachten, zu erkennen gibt. Keine menschlichen Stimmen dringen an sein Ohr. Im Holzverschlag gackern weiterhin leise die Hühner. Sonst durchbrechen nur ein fernes Hundebellen, das Meckern einer Ziege und das Pfeifen des Windes die Stille dieses Innenhofs. Pedro schaut hinauf zum blassblauen, wolkenlosen Himmel. Die Sonne steht im Zenit. Es ist zu warm für diese Jahreszeit, etwas, was in dieser rauen Gegend im November äußerst selten der Fall ist. Am liebsten würde Pedro den Hut absetzen und sich mit der Hand durch das verschwitzte Haar streichen, doch er entscheidet sich dagegen. An diesem Ort wäre es wohl unziemlich, die Kopfbedeckung abzulegen, denkt er. Dieser Gedanke bereitet ihm Freude. In diesem Viertel muss er sich andere Regeln für das Versteck- und Verstellungsspiel überlegen, das sein Leben seit jeher begleitet. Dies ist ein Gedanke, der ihn einerseits glücklich macht, gleichzeitig aber beinahe in Panik versetzt.
Schließlich wird Pedro ins Innere des eingeschossigen Steinhauses und dort in ein großes Zimmer mit zwei Fenstern geführt. Die Fensterläden sind geöffnet. Mattes Glas lässt Licht herein, schützt vor der Kälte, aber auch vor fremden Blicken. Fensterglas: ein Luxus! In der Mitte des Zimmers steht ein langer, braun gestrichener Tisch aus Eichenholz. In der Mitte des Tisches ist ein mit hebräischen Schriftzeichen verzierter Kerzenständer aus Messing mit einer brennenden, weißen Kerze platziert, neben dem sich ein offenes Tintenfass befindet, aus dem eine Gänsefeder ragt. Daneben liegen einige Blätter Papier und ein in Leder gebundenes Buch. Am Tisch sitzen drei Männer, zwei von ihnen sind alt, einer hat das sechzigste Lebensjahr gewiss schon überschritten, der andere steht wohl kurz davor; die beiden sind wohlgenährt, haben wallende, weiße Bärte, müde Augen und gut sichtbare Zahnlücken; der Dritte ist ein schlanker Mann in mittleren Jahren – wohl Anfang oder Mitte dreißig – mit schwarzem, gestutztem Bart. Er wirkt kraftvoll, ungeduldig und macht einen strengeren Eindruck als die beiden anderen. Alle drei haben Schläfenlocken, die ihnen bis zur Brust hinunterreichen, tragen schwarze Kaftane und schwarze Hüte und haben derart feierliche, ernste Gesichter, als seien sie die Vorsitzenden des Gerichts am Jüngsten Tag. Die drei Weisen von Zion, schießt es Pedro durch den Kopf, doch sogleich vertreibt er diesen unsinnigen Gedanken. Wahrscheinlich, mutmaßt er, handelt es sich um eine Abordnung des Gemeinderats der Judenstadt.
Der Älteste sitzt in der Mitte, der Jüngste rechts von ihm, der Dritte links. Er ist der Schweigsame. Während des gesamten Gesprächs nickt er gewichtig und flicht nur selten ein »Ja« oder »Nein« oder eine kurze Phrase ein. Keiner der drei Männer stellt sich vor, und Pedro erkundigt sich nicht nach ihren Namen.
»Wollt Ihr Euch nicht setzen«, fragt der Älteste. Pedro nickt. Ein sehr junger Mann, fast noch ein Knabe, bringt einen Stuhl mit hoher Lehne, den er dem Ältesten gegenüber auf die andere Seite des Tisches stellt. Pedro setzt sich, und der junge Mann verlässt den Raum wieder. Pedro schaut sich um. Er ist mit den drei Männern allein. Schmul ist inzwischen ebenfalls verschwunden.
»Ihr seid mutig«, sagt der Jüngere. Sein Deutsch hat einen seltsamen Klang, anders, als Pedro es sonst von Juden in Deutschland oder anderswo gehört hat. »Woher wusstet Ihr, dass Schmul unsere Erkennungszeichen kennt?«
»Ich wusste es nicht«, bekennt Pedro. »Ich habe es riskiert.« Plötzlich ist ihm kalt, obwohl hinter dem Rücken der drei Männer das Feuer in einem Kamin lodert, die Fenster geschlossen und die Wände getäfelt sind.
Der ältere Jude schmunzelt, der Jüngere runzelt die Stirn, der Schweigsame nickt.
»Manchmal ist einem das Schicksal hold«, meint Pedro. »Wenn auch selten.« Er weiß, dass er Glück hatte. Die Erkennungszeichen – jene Worte, Sätze, Phrasen, vorgezeichnete Fragen und Antworten, die er benutzt hat –, sind nur ausgewählten Menschen in den jüdischen Gemeinden Europas bekannt. Sie dienen vor allem dem Schutz jener Menschen in Not, die aus den Ländern, in denen Juden verfolgt werden, sich verstecken oder verstellen müssen, in Länder größerer Freiheit wie die Niederlande, in manche Städte und Regionen Italiens und Deutschlands, weiter nach Osten, ins Osmanische Reich oder – seit der Zeit Cromwells – auch nach England oder in die englischen Kolonien in Nordamerika oder in der Karibik flüchten. Die Erkennungszeichen ändern sich in unregelmäßigen Abständen. Niemand weiß, wer sie ändert, wann genau und warum, aber alle Eingeweihten werden darüber informiert und wissen Bescheid. Die geheimen Worte werden weder aufgezeichnet noch in Berichten, Chroniken, ja nicht einmal in volkstümlichen Märchen erwähnt. Und nicht einmal der Heiligen Inquisition wurden sie jemals unter Drohungen oder Folter verraten. Pedro kennt sie von einem anderen Konvertiten, den er vor seiner Abreise aus Madrid in einem geheimen Bethaus im Keller eines gemeinsamen Freundes getroffen hatte.
»Wer seid Ihr, und warum habt Ihr Euch offenbart?«, fragt der Ältere.
»Ich bin Pedro de Rojas, Leibarzt Ihrer Majestät der Kaiserin, ich war schon ihr Leibarzt, als sie in Madrid gelebt hat, ein kleines Kind und Infanta von Spanien gewesen ist. Ich kam hierher im Gefolge …«
»Das wissen wir alles!«, unterbricht ihn der Jüngere. »Kommt bitte auf den Punkt.«
»Mein wirklicher Name ist Baruch ben Jochanan. Jochanan, mein Vater, möge seine Seele Frieden finden, war ebenfalls Wundarzt, so wie übrigens auch dessen Vater. Nach außen hin, in der Welt der Nichtjuden, hörte er auf den Namen Jesús.«
Ein leichtes Lächeln huscht über das Gesicht des Jüngeren. »Die Vorsehung treibt manchmal seltsame Späße mit den Menschen«, bemerkt er leise.
»Haschgacha«, flicht der bislang Schweigsame einen Kommentar ein. »Es gibt einen Plan, aber kein Mensch kann sagen, auf welche Weise der Allmächtige Seinen Plan verwirklicht.«
»Als alle Juden aus Spanien vertrieben wurden, sind meine Vorfahren, die damals als angesehene Bürger in der Stadt Montalbán lebten, nach außen hin zum Christentum konvertiert. Das ist nun fast zweihundert Jahre her. Im Geheimen blieben sie ihrem Glauben aber treu.«
»Eure Mutter?«, fragt der Ältere.
»Stammt wie mein Vater aus einer Converso-Familie. Seit zweihundert Jahren haben wir nur unseresgleichen geheiratet.«
»Aber Ihr seid nicht beschnitten, nicht wahr?«, fragt der Jüngere.
»Natürlich nicht. Einen Knaben beschneiden zu lassen, ist mit einem großen Risiko verbunden, das Kind müsste sich jederzeit vor den Blicken anderer schützen.«
»Ihr esst Schweinefleisch?!«
»Wenn ich in christlicher Gesellschaft bin, habe ich keine andere Wahl. Würde ich den Schinken oder den Speck verschmähen, würde ich mich verdächtig machen. Die Inquisition ist überall präsent, kontrolliert das Verhalten der Menschen, sucht nach versteckten Juden, Muslimen, Ketzern, Abtrünnigen und Abweichlern jeglicher Art. Jeder Mensch, dem man begegnet, könnte ein Spitzel, ein Zuträger, ein Verräter sein.«
Sie verachten mich, denkt Pedro. Ich sehe es ihren Blicken an. Ich ekle sie an, und das noch mehr, als wenn ich ein echter Christ ohne jüdische Vorfahren wäre.
»Ihr fastet an Jom Kippur?«
»Wenn ich allein oder unter meinesgleichen bin.«
»Ihr sprecht die Gebete?«
»Im Geheimen. Soweit sie mir bekannt sind.«
»Und wenn man Euch auf die Schliche käme …«
»Würde man mich in Spanien auf dem Scheiterhaufen verbrennen. Es gibt nur mehr wenige, die wie ich im Geheimen unserem Glauben treu geblieben sind. Die Inquisition ist überall, überprüft, ob Menschen Schweinefleisch essen oder nicht, ob sie am Samstag arbeiten, ob sie regelmäßig in die Kirche gehen. Aber es gibt uns noch! Dreimal musste ich einem Autodafé beiwohnen. Den Geruch brennenden Menschenfleisches habe ich immer noch in der Nase, die Todesschreie im Ohr, die verkohlten Leichen vor Augen. Es gibt Menschen, die mir lieb und teuer sind und die ich schützen muss.«
Andere Juden sind den Märtyrertod gestorben, haben ihrem Glauben nicht abgeschworen oder sind ins Exil gegangen. Pedros Vorfahren haben einen anderen Weg gewählt. Die Juden, die dem Glauben der Väter treu geblieben sind, werden ihn, den Marranen, niemals als ihresgleichen ansehen. Die Ablehnung und das Misstrauen der drei Männer ist für Pedro mit Händen zu greifen. Hätte er die Augen geschlossen, würde er es spüren oder sogar riechen können. Wie ein unsichtbares Gift füllt es den ganzen Raum aus. Am liebsten würde Pedro aufspringen und vor Schmerz schreien.
»Wie alt seid Ihr?«
»Im Sommer habe ich das fünfundfünfzigste Lebensjahr vollendet.«
»Habt Ihr Familie?«
»Nur eine Tochter ist mir geblieben. Verheiratet mit einem Tuchhändler in Valladolid. Als sie mir das letzte Mal schrieb, war ihr fünftes Kind unterwegs.«
»Ihr Ehemann?«
»Ist natürlich auch ein Converso. Einer der wenigen Rechtschaffenen in einer Stadt mit besonders hinterhältigen, bösen Menschen.«
»Ihr sagt, nur diese eine Tochter sei Euch geblieben. Was ist mit dem Rest Eurer Familie?«
»Meine Frau und meine anderen Kinder sind vor zehn Jahren einem schweren Fieber zum Opfer gefallen. Ich konnte sie nicht retten. Den ganzen Winter über und noch bis weit in das Frühjahr hinein wurden damals unzählige Menschen durch Fieber und Schwindsucht dahingerafft …«
»Unser Beileid! Andere Angehörige?«
»Meine Eltern leben längst nicht mehr, genauso wenig wie meine Geschwister. Ich war der Jüngste.«
»Wieso beherrscht Ihr so ausgezeichnet die hiesige Landessprache?«
»Ich nahm in meiner Jugend als Wundarzt im Dienste des damaligen Kaisers mit den spanischen Truppen an einigen Feldzügen in deutschen Landen teil. Wir kämpften gegen Schweden und Franzosen und noch gegen einige andere. Ich habe vergessen, gegen wen wir gekämpft haben und warum, und denke nicht gern an diese Zeit zurück.«
»Ich frage mich manchmal, was die geheime Botschaft ist, die der Allmächtige uns schickt, wenn Er …«, setzt der Ältere zu einem Monolog an, doch der Jüngere unterbricht ihn, wendet sich an Pedro und fragt: »Weswegen seid Ihr hier? Ihr wolltet mit Esther, der Hebamme, sprechen. Habt Ihr eine Geliebte, die in anderen Umständen ist, oder seid Ihr im geheimen Auftrag von jemandem anderen hier?«
»Esther, so behaupten jedenfalls die kundigen Nichtjuden, ist die mit Abstand beste Hebamme in den beiden Ländern ob und unter der Enns.«
»Eine Einschätzung, der wir nicht widersprechen werden.«
»Ich habe keine Geliebte, die in anderen Umständen wäre.« Pedro macht eine kurze Pause, forscht in den Gesichtern seiner Gesprächspartner, die ihm aufmerksam zuhören. Feindschaft oder Widerwillen spürt er bei seinen letzten Worten nicht. Für einen Augenblick ist er nicht sicher gewesen, ob der Weg, den er gewählt hat, der richtige war, doch er wischt seine Zweifel beiseite und spricht weiter: »Die Kaiserin erwartet ihr zweites Kind. Wenn der Allmächtige und das Schicksal ihr gnädig sind, wird es im Jänner auf die Welt kommen. Ihr erstes Kind ist gestorben.«
»Möge Ihre Majestät viele gesunde Kinder zur Welt bringen und ein langes Leben haben«, murmelt der Ältere. »Wir schließen sie und die gesamte kaiserliche Familie in unsere Gebete ein.«
»Sie macht die Juden der Judenstadt bei Wien für ihr Unglück verantwortlich«, sagt Pedro. »Die Duldung der angeblich verfluchten und verkommenen Mörder ihres Heilands habe den Zorn des Allmächtigen auf sie und ihre Kinder gelenkt. Sie werde keinen gesunden Thronfolger zur Welt bringen können, solange nicht alle Juden ohne Ausnahme aus den österreichischen Erblanden vertrieben worden seien, meint sie.«
»Es ist nicht das erste und bestimmt nicht das letzte Mal, dass irgendjemand uns für ein persönliches Unglück verantwortlich macht«, bemerkt der Jüngere. »Wir wissen, wie die Kaiserin über uns denkt.«
»Gewiss«, gibt ihm Pedro recht. »Aber irgendjemand ist keine Kaiserin, und eine Kaiserin ist nicht irgendjemand, und nicht irgendjemand hat die Macht, die Wiener Juden aus der Stadt und dem Land zu vertreiben, sondern die Kaiserin.«
»Der Kaiser«, korrigiert ihn der Ältere. »Unser geschätzter Herrscher!«
»Der leider häufiger, als es angebracht wäre, auf seine Ehefrau hört«, sagt Pedro. »Ihr könnt mir glauben, dass ich alles, was ich Euch sage, aus sicherer Quelle weiß.«
Nun ist den drei jüdischen Weisen, wie sie Pedro insgeheim weiterhin nennt, eine gewisse Unruhe und Verstörung deutlich anzusehen. Besonders der Mittlere, der Schweigsame, mustert seine beiden Kollegen und Pedro nervös, forscht in ihren Gesichtern nach einer Reaktion, vielleicht nach einem beruhigenden oder erklärenden Zeichen oder einer Geste. Der Jüngere wirft ihm einen strengen Blick zu, der Ältere zupft an seinem Bart, wickelt danach die rechte Schläfenlocke um den Zeigefinger, zieht daran, lässt sie wieder los und senkt seinen etwas matt gewordenen Blick Richtung Tisch. »Nicht einmal Abraham hat so heiß gegessen, wie seine Frau Sara für ihn gekocht hat«, murmelt er.
»Aber auch er hat zusammen mit Sara, mit seinen Knechten und Mägden sein Heim verlassen müssen – auf der Suche nach einer neuen Heimat«, meint der Jüngere.
»Ihr habt doch sicher nicht vergessen, was im Frühjahr geschehen ist«, bemerkt Pedro.
Sie nicken und senken die Köpfe. Wie könnten sie das vergessen haben? Im April war ein aufgebrachter Mob in die Judenstadt eingedrungen. Die neue Hofburg war ausgebrannt, und man beschuldigte Juden, den Brand gelegt zu haben. Juden, die sich in Wien aufhielten, weil sie dort ihre Läden hatten, wurden verprügelt und ausgeraubt, einem von ihnen wurden die Ohren abgeschnitten. Der Stadtkommandant von Wien war an der Spitze eines Regiments im Unteren Werd erschienen, um das Viertel vor der Brandschatzung zu schützen. Obwohl der Mob aus der Judenstadt zurückgedrängt werden konnte, gab es Tote und Verwundete.
Die Ausweisung aller Juden stand im Raum. Eine vom Kaiser eingesetzte Kommission hatte dies befürwortet. Der Bürgermeister von Wien war genauso dafür, die unliebsame jüdische Konkurrenz loszuwerden, wie die Zünfte und der Stadtrat. Schließlich mussten nur hundert Juden die Stadt verlassen, doch seitdem ist nichts mehr, wie es war. Der Schock sitzt tief. Manche Juden trauen sich gar nicht mehr, ihr durch eine Mauer geschütztes Viertel zu verlassen.
»Die Hilfe Eurer Hebamme Esther könnte vielleicht die Rettung bedeuten«, erklärt Pedro.
»Wie das?«
»Wenn die Kaiserin mit Esthers Hilfe ein gesundes Kind zur Welt bringt, vorzugsweise einen Knaben und Thronfolger; wenn der Knabe gesund bleibt und das erste Lebensjahr heil übersteht; wenn die Kaiserin wohlauf ist und sieht, dass eine Jüdin ihr geholfen hat, wird sie das möglicherweise gegenüber den Juden des Landes milder stimmen …«
»Ja. Wenn!«, fällt ihm der Jüngere ins Wort. »Und möglicherweise.«
»Sie wird vor allem weiterhin auf die Dienste der Hebamme angewiesen sein und ihr Volk verschonen«, spricht Pedro unbeirrt weiter. »Mit etwas Glück wird Ihre Majestät dem Volk Israels nicht mehr die Schuld an all dem Ungemach geben, das ihr widerfahren ist.«
»Weiß sie denn über Eure Herkunft Bescheid?«, fragt der Jüngere.
»Natürlich nicht. In Spanien achtet man auf Limpieza de sangre, die sogenannte Reinheit des Blutes. Hätte man gewusst, dass ich ein Converso bin, wäre ich nicht einmal in die Nähe der Hofdamen der Infanta gekommen, geschweige denn in die Nähe der erlauchten Majestäten.«
»Möge der Allmächtige Seine schützende Hand über Euch halten«, sagt der Ältere leise. Ob er das wohl wirklich so meint, fragt sich Pedro. Seine Finger- und Zehenspitzen sind eiskalt, so kalt, dass er sie plötzlich nicht mehr spüren kann.
»Die Kaiserin könnte Esthers Hilfe in Anspruch nehmen und die Juden danach trotzdem vertreiben«, meint der Jüngere. »Für die Christen sind wir Ausgeburten des Teufels. Sie könnte Esthers Hilfe und ihren Erfolg als Teufelswerk ansehen, und unsere Gemeinde müsste den Preis dafür zahlen.«
»Das ist nicht auszuschließen«, meint Pedro, der denselben Gedanken schon selbst gehabt hatte. »Doch unser Schicksal liegt nicht allein in unserer Hand. Wir können beten und auf das Beste hoffen oder auf das Beten verzichten. Wir wissen nicht, ob es hilft. Für das Nichtstun jedoch werden wir auf jeden Fall bestraft.«
»Wie soll denn eine jüdische Hebamme in den Palast kommen?«, fragt der Ältere. »Wird sich die Kaiserin nicht zudem mit Abscheu von ihr abwenden?«
»Die Kaiserin klammert sich an jeden Strohhalm«, berichtet Pedro. »Es ist ihre zweite Schwangerschaft, doch gibt es immer noch kein lebendes Kind, das sie stolz Sohn oder Tochter nennen könnte. Ihr erstes Kind kam sehr schwach zur Welt, wurde nur wenige Monate alt und starb an den Folgen eines plötzlichen Fiebers. Vor zwei Jahren hätte sie die Vorstellung, dass eine Jüdin sie bei einem intimen Akt wie der Geburt begleitet, als ungeheuerlich, abstoßend, ja als ketzerisch betrachtet. Jetzt hat sie den Gedanken, eine Frau, die über Kenntnisse zu Schwangerschaft und Niederkunft verfügt, die sich im Abendland gemeinhin noch nicht durchgesetzt haben, könnte ihr behilflich sein, bereitwillig aufgegriffen. Die Verzweiflung macht aus Ungeheuern Engel. Und umgekehrt. Allein ihr Beichtvater darf nie etwas von alledem erfahren.«
»Das erklärt immer noch nicht …«
»Hebamme Esther wird über Hintertreppen und versteckte Gänge und Korridore in und durch die Hofburg geleitet werden. Sie wird auf eine Dienerschaft sowie auf Mitglieder des Hofstaats treffen, die so tun werden, als wäre sie nicht anwesend. Alle werden sie sehen. Alle, die es wissen müssen, wissen Bescheid. Manche, die es nicht wissen müssen, wissen ebenfalls Bescheid, tun aber so, als wüssten sie nichts. Jene, die es auf keinen Fall wissen dürfen, werden es nicht erfahren. Man wird Esther zur Hand gehen, wenn nötig, und man wird sie mit Respekt behandeln. Doch streng nach dem Protokoll wird sie für alle anderen nur Luft sein. Eine wie sie darf nicht an einem solchen Ort sein. Sobald sie das Gebäude verlässt, wird sie mit keinem Wort erwähnt, so als wäre sie nie da gewesen, so als gäbe es sie nicht … Selbstverständlich wird sie großzügig entlohnt. Dreihundert Gulden beträgt die Anzahlung. Weitere dreihundert Gulden erhält sie, wenn ein Knabe gesund zur Welt kommt, hundert Gulden, wenn es ein Mädchen ist, und weitere dreihundert bei einem Knaben und hundert bei einem Mädchen, wenn das Kind die ersten drei Jahre überlebt.«
»Wir dürfen des Nachts die Judenstadt nicht verlassen.«
»Für sicheres Geleit wird gesorgt.«
»Und der Kaiser?«
»Ist im Bilde und uns wohlgesonnen. Für einen gesunden Thronfolger würde er sogar zehn türkische Muselmanen, die Schlangen der Medusa und hundert heidnische Priesterinnen an das Kindbett seiner Frau lassen, soll er im engsten Familienkreis verkündet haben. Die daraus folgende Zeit im Fegefeuer nehme er als Strafe für seine Selbstsucht und Eitelkeit gerne auf sich.«
Die drei Männer nicken. Zwar sind sie nicht überzeugt, sie trauen dem Abtrünnigen, dem unbeschnittenen Marranen, dem Fremden aus Spanien nicht, der Schweinefleisch isst und katholischen Messen mit ihren unreinen, abscheulichen Ritualen beiwohnt, aber sie haben keine andere Wahl, als seinem Vorschlag zuzustimmen. Lehnten sie ab, zögen sie den Zorn des Kaisers auf sich. Der Konvertit gibt sich freundlich, legt sein Schicksal scheinbar in ihre Hände, hat aber die Strippen selbst in der Hand und lässt sie, die führenden Männer der Judenstadt, wie Puppen tanzen.
Pedro sieht den Männern an, was sie denken. Er kann ihre Blicke deuten und in ihren Gesichtern lesen. Dabei weiß er immer noch nicht, wer sie sind. Sind sie Vertreter der Gemeinde? Sind sie Rabbiner, die von allen respektiert werden? Oder sind sie Mitglieder angesehener Familien, Großhändler und Geldverleiher, die in der Judenstadt den Ton angeben? Aber spielt das überhaupt eine Rolle? Die wichtigste Frage ist, ob er ihnen vertrauen kann. Wem in dieser Welt kann er denn überhaupt vertrauen?, fragt sich Pedro. Die Schreie der brennenden Juden und Ketzer kommen ihm wieder in den Sinn und vermischen sich mit den Schreien der verletzten Soldaten, denen er während des Dreißigjährigen Krieges die Gliedmaßen amputieren musste. Gütiger Herr im Himmel, gib mir Kraft! Zeig mir den Weg, der mich zum Vertrauen zurückführt. Aber war er denn jemals dort?
Pedro behält seine Zweifel und Gedanken für sich und sagt mit Nachdruck: »Nun würde ich gerne Esther, die Hebamme, kennenlernen. Führt mich bitte zu ihr.«
»Alles zu seiner Zeit«, sagt der Jüngere.
»Demnächst«, sagt der Ältere.
»Bald!«, meint der Mittlere.
Wien, Hofburg, November 1668
»Padre nuestro, que estás en el cielo, santificado sea tu nombre; venga a nosotros tu reino!« Wenn die Kaiserin betet, schließt sie die Augen, doch statt die Gegenwart Gottes zu erblicken, schaut sie nur in die Dunkelheit ihrer Augenlider.
»Hágase tu voluntad en la tierra como en el cielo. Danos hoy nuestro pan de cada día. Perdona nuestras ofensas! Perdona, Padre! Perdona!« Der Padre schweigt beharrlich, während das Kind, das in ihrem Inneren wächst, heftig zu strampeln beginnt. Das gibt ihr Hoffnung! Gott schweigt, aber er sendet ihr ein Zeichen. Das gibt ihr Kraft! Dieses Kind ist ihr Schicksal. Ihr Blut ist gesegnet, ihr Schoß ist fruchtbar. Das ist ihre Bestimmung, dafür hat der Herrgott sie erschaffen und auserwählt.
»Como también …«
Sie betet in ihrer Muttersprache Spanisch und nicht auf Latein, weil sie überzeugt ist, dass sie dadurch glaubwürdiger, demütiger und wahrhaftiger wirkt im Angesicht des Herrn.
»Como también nosotros …«
Dieses Kind wird nicht den Weg des anderen gehen. Nein!
»Como también nosotros perdonamos a los que nos ofenden.« Die Kaiserin verzeiht. Sie verzeiht allen, die ihr in ihrem kurzen Leben Kummer bereitet haben. Siebzehn Jahre ist sie erst alt, und doch ist die Liste jener Menschen ellenlang, gegen die sie einen Groll hegt. Doch als gute Christin verzeiht sie – sie verzeiht sogar den bösartigen Höflingen und abscheulichen Hofdamen in diesem fremden Land, die sie insgeheim verachten und hinter ihrem Rücken gegen sie intrigieren. Sie verzeiht; sie muss dankbar sein, hat sie doch bis jetzt auch Liebe und Hilfsbereitschaft erfahren. Ist Undankbarkeit nicht eine der schlimmsten Sünden überhaupt?
»No nos dejes caer en la tentación, y líbranos del mal.« Das ist mit Abstand die schwerste Aufgabe. Aber sie ist bereit, sich dieser Prüfung zu stellen. Vor allem ihre bösen und sündigen Gedanken machen ihr zu schaffen. Wäre ihr Geist rein, wäre auch ihre Seele makellos.
»Tuyo es el reino, el poder y la gloria por siempre Señor.« Margarita Teresa öffnet die Augen und verneigt sich vor dem Kruzifix.
»Amén!«
Die Tür zu Margarita Teresas Empfangsraum ist von innen mit weinrotem Stoff verkleidet. Wann immer die Kaiserin diese Tür ansieht, muss sie an das Blut ihres verstorbenen Kindes denken. Damals sah sie das Blut und hatte in ihrem Wahn, ihrer Verstörung und ihrem Schmerz plötzlich die Tür vor Augen, die aus ihren Privatgemächern hinausführt. Seitdem durchlebt sie innerlich jedes Mal jenen entsetzlichen Tag, wenn sie diese Tür sieht. Aber sie wagt es nicht, die Stoffverkleidung entfernen oder austauschen zu lassen. Jetzt sitzt sie auf einem weinroten Kanapee und starrt auf die weinrote Tür. Das Atmen fällt ihr schwer, ihr Kropf macht ihr zu schaffen, ein Schmerz bohrt sich aus ihrem Inneren hinauf zur Kehle, aber sie weiß, was sich gehört. Ihr Gesicht zeigt keine Gefühlsregung, sie sitzt aufrecht und steif, sie wartet. Es ist still – so totenstill, wie es nur in der Wiener Residenz still sein kann. Diese gespenstische, vollkommene Lautlosigkeit unterstreicht den düsteren Prunk des muffigen, alten Schlosses, das der Kaiser, seine Familie und der Hofstaat wieder bezogen haben, nachdem im Februar dieses Jahres der gerade erst fertiggestellte neue Trakt der Hofburg bis auf die Grundmauern abgebrannt war. Der Kaiser war so betrübt wie seit dem Tod seiner Lieblingshündin Fortissima nicht mehr.
Die Kaiserin ist überzeugt, dass an diesem Brand wie an all dem anderen Unglück, das ihr und jenen, die ihr lieb und teuer sind, widerfahren ist, die verfluchten Juden schuld seien. Wie kann der Kaiser nur diese Gottesmörder in seiner Nähe dulden? Bis jetzt hat er nur hundert von ihnen ausweisen lassen und sein braves Volk daran gehindert, die Judenstadt in Brand zu setzen. Diese Juden! Krämerseelen, geldgierige Ausbeuter und Wucherer, die ehrliche Christen ins Unglück stürzen! Wie konnte der Großvater des Kaisers ihnen ein ganzes Viertel mit all den damit verbundenen Privilegien überlassen? In Kastilien und Aragon wurde diese Brut vor fast zweihundert Jahren davongejagt oder zur Konversion gezwungen, und Gott belohnte das Land daraufhin reichlich: Das maurische Granada wurde noch im selben Jahr erobert, Amerika entdeckt, ein Weltreich gegründet, der wahre katholische Glaube gegen allerlei Ketzer verteidigt, vor allem aber in die Neue Welt und nach Ostindien getragen. Das Land war gesäubert worden und wurde somit rein. Früher war Spanien ein obskurer Flecken Erde am Rande Europas; heute ist es größer und mächtiger, als es das Römische Reich oder das Mongolische Imperium jemals gewesen waren. Alles zur Ehre Gottes! Christus wird triumphieren und die Ungläubigen zerschmettern, wie einst der heilige Georg den Drachen tötete.
Das Hofzeremoniell duldet keinen Lärm. In Margarita Teresas spanischem Heimatland ist das nicht anders. Und doch hört man dort überall ein gedämpftes Murmeln, ein leichtes Summen von Morgen bis spät in den Abend, das offenbar von außen kommt und klingt, als stammte es von tausenden von Bienen, Wespen und Hummeln, die immerfort Kreise um das Madrider Königsschloss drehen. Es scheint, als seien die Wände in Spanien durchlässiger als in Österreich. Das Summen ist fast immer zu hören, wird jedoch nur sehr selten lauter. Hier hingegen gibt es einen steten Wechsel von ausgelassener Fröhlichkeit und Lärm, von Prunk, Musik und Prachtentfaltung und einer feierlichen, lähmenden, alles umfassenden Stille, die an den Tod und die Qualen des Fürimmer-Verlassenwerdens denken lässt.
In weiter Ferne hört man Schritte – ein solch klarer, regelmäßiger Takt, dass danach Soldaten paradieren könnten. Die Kaiserin weiß nur zu gut, wer sich derart forsch und schnell von Raum zu Raum bewegt: Ihr Beichtvater, Padre Sebastián, ist auf dem Weg zu ihr. Sie hat ihn mittags zu sich bestellt – nicht aus einem inneren Bedürfnis heraus, sondern der Pflicht folgend. Wenn sie nicht regelmäßig beichtet, wenn sie nicht noch demütiger und hingebungsvoller wird, noch mehr Opfer bringt, wenn sie sich nicht zu jenem Menschen reinen Herzens entwickelt, den ihre Untertanen gerne in ihr sehen würden, wird Gott ihr auch dieses Kind nehmen. Alles, was in dieser Welt passiert, hat einen Grund. Diesmal wird sie alles richtig machen. Längst hat sie sich einen Plan zurechtgelegt, doch nicht einmal ihre engste Vertraute – ihre Halbschwester María Josefa, die Tochter einer der zahlreichen Mätressen ihres Vaters – hat eine Ahnung davon.
Das Gute an den Besuchen Padre Sebastiáns ist, dass die Kaiserin alle aus dem Zimmer schicken kann, um mit dem Beichtvater allein zu sein. Dies tut sie allerdings, noch bevor er alle dafür notwendigen Zimmer des Schlosses durchquert hat und bei ihr angelangt ist. In den dadurch gewonnenen wenigen Minuten völligen Alleinseins könnte sie Grimassen schneiden, ausspucken, sich die Zähne mit dem Ärmel ihres Kleides säubern, schimpfen, den Rock hochheben und die heftig juckende Stelle an der Innenseite des rechten Oberschenkels kratzen oder sich schlichtweg auf den Boden legen, ohne die erstaunten Blicke der Dienerschaft und der Hofdamen auf sich spüren zu müssen. Selbstverständlich wird sie diese Verfehlungen sogleich dem geschätzten Padre Sebastián beichten. Ein »Ego te absolvo« ist ihr sicher.
Als Kind war Margarita Teresa immer von Menschen umgeben und dennoch einsam. Wenn sie trinken wollte, brauchte sie nur die Hand auszustrecken, und jemand reichte ihr ein Glas mit Wasser, Wein, verdünntem Wein, gesüßtem Wein, Honigwasser. Sie brauchte nicht einmal etwas zu sagen. Den Wunsch konnte man ihr – im wahrsten Sinne des Wortes – von den Augen ablesen.
Es gab eine Hofdame, deren Aufgabe ausschließlich darin bestand, den Durst der Infanta zu löschen, so wie es Dienerinnen und Diener gab, die ihr das Essen servierten, die hinter ihr auf- und abräumten, die sie aus- und ankleideten, ihr Korsett schnürten oder öffneten, ihr die Zöpfe flochten, die Nase puderten, den Schmuck anlegten, die sie schminkten, ihre Waffen luden, wenn sie zur Jagd ausritt, ihren Leibstuhl ausleerten und säuberten, die Türen öffneten und wieder schlossen, wenn sie sich im Schloss bewegte. Seit sie denken konnte, haben sie immerfort dutzende Augenpaare angestarrt, schweigsam, scheinbar teilnahmslos und doch sehr aufmerksam, bereit, jede ihrer Regungen zu deuten, auf jede Geste sofort zu reagieren, immer auf dem Sprung, ihr zu Diensten zu sein, aber auch stets bestrebt, etwaige Fehler zu entdecken, Geheimnisse zu lüften, Schwächen zu erkennen und diese Erkenntnis an jemanden zu verkaufen, der ihr schaden wollte. Und wenn jemand hinter einer Treppe, einem Möbelstück oder im Nebenzimmer verschwand, um seine Notdurft zu verrichten, gab es immer jemand anderen, der die Infantin nicht aus den Augen ließ. Das heißt nicht, dass man besonders freundlich zu ihr war. Sie musste das Richtige tun, und wenn sie sich danebenbenahm, zu schnell herumlief, zum falschen Zeitpunkt laut redete, den falschen Leuten die falschen Fragen stellte oder gar mit den falschen Leuten – mit Subalternen vor allem – ins Plaudern geriet, wurde sie von den gestrengen Hofdamen, die für ihre Erziehung verantwortlich waren, gemaßregelt – ernst, feierlich, immer höflich in der Wortwahl, ruhig, aber deutlich im Tonfall und noch deutlicher in der Aussage.
Margarita Teresas Mutter – Königin Maria Anna von Österreich – war zum Zeitpunkt der Geburt ihrer Tochter selbst erst siebzehn Jahre alt. Ihr Gemahl, König Philipp IV. von Spanien, war dreißig Jahre älter als sie und außerdem ihr leiblicher Onkel. So war Margarita Teresas Vater gleichzeitig auch ihr Großonkel. Sie selbst musste dem Beispiel ihrer Mutter folgen und im Alter von fünfzehn Jahren ebenfalls ihren Oheim ehelichen – Kaiser Leopold I., den jüngeren Bruder ihrer Mutter. Somit war sie die Ehefrau, die Nichte und die Cousine des Kaisers in einer Person, ein Umstand, der sie bis heute eher amüsiert als beunruhigt, auch wenn Pedro, ihr Leibarzt, meint, die enge Verwandtschaft zwischen ihr und dem Kaiser sei ihrer Gesundheit und der ihrer Nachkommen nicht zuträglich. Hier aber irrt der gute Pedro zweifellos. Davon ist die Kaiserin überzeugt. Zwar ist er ein brillanter Arzt: klarsichtig, vorausschauend und im Besitz eines wachen Verstandes wie kaum sonst jemand; fast wäre sie geneigt, ihn als Freund zu bezeichnen, weil er zu den wenigen Menschen gehört, denen sie vertraut und deren Worte sie nicht für Schmeichelei halten muss. Doch über seine obskuren Ansichten, was das Baden betrifft, die Ernährung oder die Gefahren naher Verwandtschaft bei Eheleuten kann sie nur lachen. Als Nächstes werde er ihr wohl erzählen, die Erde sei eine Scheibe und die Welt sei nicht in sechs Tagen erschaffen worden. Als sie ihm das sagte, lachte er und meinte, zu solch aberwitzigen Behauptungen würde er sich niemals versteigen. Kürzlich erklärte er allerdings, man solle Äpfel und Kraut essen, um gesund zu bleiben, Tomaten seien nicht giftig, sondern durchaus bekömmlich, und Kinder sollten keinen Tabak rauchen, kauen oder schnupfen, sondern damit warten, bis ihre Körper ausgewachsen und gefestigt seien. Lächerlich! Wenigstens lässt ihr Leibarzt sie regelmäßig zur Ader, etwas, das ihr spürbar guttut und ihren Schlaf fördert, zumal niemand den Schnitt so schnell, kunstvoll und mit so geringen Schmerzen zu vollführen vermag wie der geschätzte Pedro.
Die Schritte des Beichtvaters werden lauter, doch Margarita Teresa weiß, dass er noch eine Minute brauchen wird, um bei ihr einzutreffen. Die gestrengen Herren Obersthofmeister und Oberstkämmerer, die sie an ihren schwarzen Kniehosen aus Samt, den weißen Stutzen und den imposanten Bäuchen erkennt, deren Namen und Gesichter sie aber stets vergisst, wachen über die von Kaiser Leopold selbst festgelegte Kammerordnung, die genauestens regelt, wer wann, in welcher Kleidung und in welcher Angelegenheit die Hofburg betreten darf und wieder zu verlassen hat. Die Gemächer des Kaisers und der Kaiserin liegen einander gegenüber im ersten Stock. Davor und dazwischen befinden sich jene fünf Räume, Zeremonialappartements, die »geheime Kämmerlein« genannt werden, die neben ausgewählter Dienerschaft nur bestimmte Höflinge und Angehörige des Hochadels oder Personen mit einer Sondergenehmigung, beispielsweise Hofkanzler Johann Paul Hocher, der erst vor einem Jahr in den Reichsfreiherrenstand erhoben wurde, betreten dürfen. Doch nicht jeder der hochwohlgeborenen Menschen, die sich glücklich schätzen, in diese fünf Räume zu gelangen, hat die Erlaubnis, alle von ihnen aufzusuchen. Manche dürfen sich nur im ersten Raum, der wegen der Farbe seiner Tapeten gemeinhin Der grüne Salon genannt wird, auch wenn er offiziell anders heißt, aufhalten. Etwas Höhergestellte dürfen in das Pietra-dura-Zimmer und in den Elefantensalon weitergehen, der inoffiziell so genannt wird, weil dort die Figur eines Elefanten aus Elfenbein, ein Geschenk des Sultans an den Vater des Kaisers, ausgestellt ist … Die Ratsstube, den letzten Saal vor den Privatgemächern des Kaisers und der Kaiserin, dürfen neben der Dienerschaft und bestimmten Hofleuten, die den Majestäten nahestehen, nur noch Botschafter und Gesandte sowie Bischöfe betreten. Die Türsteher sind streng und mustern jeden Neuankömmling aufmerksam, bevor sie die Türen öffnen, auch wenn sie ihn schon tausende Male gesehen haben und genau wissen, wer er ist. Natürlich gibt es Geheimgänge, die von jenen genutzt werden, die eine ergänzende, vertraulich gewährte Sondergenehmigung zur Sondergenehmigung haben, und außerdem gibt es keine Regel, die nicht umgangen werden kann.
Der Beichtvater der Kaiserin darf im Palast überallhin außer in die Privatgemächer des Kaisers selbst, er hat eine Sondergenehmigung von der allerhöchsten Stelle, doch ist er viel zu stolz, um über Dienstbotengänge und Hintertreppen in die Räumlichkeiten der Kaiserin zu gelangen. Stattdessen nimmt er in Kauf, vor jedem der fünf Räume, die er zu durchqueren hat, zu warten, bis die Wächter und Lakaien sich dazu herablassen, ihm die Türen zu öffnen. Man mustert ihn verächtlich, denn er ist ein Spanier, und die Spanier sind am Wiener Hof alles andere als beliebt.
An diesem Tag nutzt die Kaiserin die knappe Minute, die ihr noch bleibt, um in den Spiegel zu schauen. Dieser hängt an der Wand direkt gegenüber der weinroten Tür und reicht bis fast hinunter zum Boden. Er ist mindestens acht Fuß hoch und vier Fuß breit, hat einen schweren hölzernen Rahmen, in den kunstvolle Schnitzereien von Girlanden, Bäumen, Ästen und Vanitas-Figuren als Allegorien der Vergänglichkeit eingearbeitet sind.
Der Blick in den Spiegel ist für die Kaiserin letztlich nicht mehr als eine hilflose Geste. Was sie sich sehnlichst wünscht, wird sie dort nicht entdecken. Im Unterschied zu ihren Mitmenschen wird der Spiegel niemals lügen, er wird sie auslachen, wenn sie von ihm
