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Was Sie gleich lesen, kann mehr verändern als nur Ihre Vorstellungskraft. Diese Geschichte birgt eine Versuchung. Eine Sehnsucht. Und eine Gefahr. Ein Findelkind wächst im Mittelalter in einem Kloster auf und entdeckt später seine Begabung für die Kunst der Initialenmalerei. Doch in den leuchtenden Großbuchstaben erscheinen nicht nur Heilige, sondern Gestalten, die dort niemals sein dürften. Ein Blitz, ein Seil aus Gold- und Silberfarbe, und plötzlich öffnet sich ein Tor durch die Zeit. Zwei Liebende springen hindurch. Nur einer kehrt zurück. Tausend Jahre später stößt ein Kunsthistoriker im Rollstuhl auf den verschollenen Folianten. Je tiefer er in die rätselhaften Darstellungen eintaucht, desto stärker verschwimmen die Grenzen zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Was verschweigt der Abt des alten Klosters? Wer ist der Mann in der Kutte, der bereit ist, für das Buch zu töten? Und warum verliert der Forscher selbst jede Gewissheit darüber, wer er ist? Ein Roman über Liebe und Verrat, über verschollene Manuskripte und die Macht von Geschichten, die Zeit und Realität durchbrechen. Wer dieses Buch liest, ist nicht mehr sicher, in der Gegenwart zu bleiben.
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Seitenzahl: 266
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Ich wil iv eben allen eine uil ware rede uor tuon…
Ich will euch allen sorgfältig einen völlig wahren Bericht vortragen…
Aus dem Ezzolied - Ezzo von Bamberg - A.D. 1063
Prolog – mit einer Warnung!
Findelkind
Felssturz
Zurück ins Kloster
Eine neue Zeit
Erwacht
Tagesablauf im Kloster
Kongresse
Die Klosterschule und viele Regeln
Neuer Freund
Neue Nachbarin
Traurig und froh zugleich
Elias‘ Geschichte
Das Skriptorium und eine Überraschung
Der Foliant
Illuminator
VR-Brille und Anas Herkunft
Ein Schaf
Ziegenhaut und Mädchenblicke
Fröhlichkeit
Schweiß und Lendenkraft
Größere Kutte
Jetzt passiert es!
Anastasias Geschichte
Flache Bilder
Der Blitz und das blaue gleißende Licht
Entdeckungen
Wissenschaftliche Erklärung?
Der Abt in der Ortenau
Videte – gib Acht!
Atemlos durch die Nacht
Aufgewacht im Infirmarium
Hilfe von einem alten Freund
Einbruch
Die Glocke und der Hunger
Nichts gestohlen oder gut versteckt
Nächtlicher Besuch
Teams-Gespräch mit Jens
Gruseliger Traum
Ein kleiner Diebstahl?
Was ist Hochmut?
Marias Gloria
Entdeckung im Einband
Zauberei? – Teufelei?
Röntgen
Aktmalerei
Reiseabenteuer, Todesfurcht und Offenbarung
Was hat der Maler gespürt?
In einem anderen Kloster …
Lateinische Nachricht
Laser und Stroboskop
Zurück in die Zukunft?
Weiße Löcher
Tobiah Flucht
Das Abenteuer unterwegs
Zeitreiseplanung
Bruder Brendan
Gestalt mit Kapuze
Zeitreiseanleitung
Großmutter
Vaterschaft und Muttersuche
Das Grab
Enttäuschung im Heuschober
Lise sucht
Das Schwesternhaus
Lise gibt nicht auf
Raubversuch
Der erste Sprung in die Ungewissheit
Sprache wiedergefunden
Protestanten
Gefährlicher Rückweg
Zurück in ihrer Zeit
Sorge und Zorn
Ohrenzeuge
Strafen
Lise im Kloster
Das Geheimnis des Abtes
Sprung ins Ungewisse
Gefährliche Landung
Verzweiflung
Branntwein
Die Suche
Ohnmacht
Ein erneuter Sprung
Anno 1634
Zwei Betten
Wanderer zwischen den Welten
Bartholomäus verschwindet
Versiegelung
Das Blei-Seil
Utz‘ Pläne
Maria hilft
Sprung ins 19. Jahrhundert
Zuflucht
Überfall auf Anastasia
Sprung in den Abgrund
Utz führt Selbstgespräche
Bartholomäus
Ein böser Plan
Bartholomäus im 22. Jahrhundert
Zwei Persönlichkeiten
„Wir sind nahe dran,“
Utz schwört Rache
Entführung
Erpressung
Innere Unruhe
Ausgetrickst
Showdown in der Küche
Sprung ins Ungewisse
Epilog
Ich habe ein seltsames Hobby. Eines, über das mancher schon den Kopf geschüttelt oder laut gelacht hat:
Ich sammle alte, gebrauchte Bücher – nicht wegen ihres Inhalts, ich lese sie nicht – sondern wegen dem, was zwischen ihren Seiten verborgen liegt.
Notizen. Zettel. Dokumente. Geheimnisse.
Was andere einfach vergessen oder bewusst versteckt haben, ist für mich ein Schatz: Geldscheine, wertvolle Briefmarken, nie verschickte Liebesbriefe, Postkarten aus anderen Jahrzehnten. Ich fand Einkaufszettel neben Schießbefehlen, getrocknete Schmetterlinge zwischen Kriegserklärungen, Passfotos neben Urkunden. Einmal sogar einen Schlüssel, zu dem ich niemals das passende Schloss fand.
Doch nichts davon hat mich vorbereitet auf das, was ich in jenem einen Buch entdeckte.
Ein unscheinbarer, abgewetzter Band. Der Einband brüchig, die Seiten vergilbt, die Tinte teilweise verblasst. Er roch nach Eisen, Staub und… etwas anderem, etwas Geheimnisvollem. Die Seiten flüsterten beim Umblättern, als wüssten sie, dass sie zu lang geschwiegen hatten.
Ich blätterte – und stieß auf eine lateinische Handschrift. Alt. Verwaschen. Doch deutlich genug, um sie entziffern zu können. Sie erzählte von Ereignissen, die – so unglaublich sie klingen mögen – tatsächlich stattgefunden haben könnten. Von Mönchen in einem abgelegenen Kloster. Von Experimenten. Von einem Riss in der Zeit.
Zunächst hielt ich alles für ein literarisches Kuriosum. Dann wurde es unheimlich. Und schließlich: gefährlich.
Ich gebe Ihnen nur die Geschichte weiter – nicht aber die vollständigen Anweisungen. Viele Teile der Aufzeichnungen fehlen, andere sind verstümmelt. Vielleicht ist das gut so. Vielleicht ist es das Einzige, was Sie schützt.
Denn was Sie gleich lesen werden, kann mehr verändern als nur Ihre Vorstellungskraft. Diese Geschichte birgt eine Versuchung. Eine Sehnsucht. Und eine Gefahr.
Wenn Sie weiterlesen, tun Sie es auf eigene Verantwortung. Prüfen Sie sich gut. Sind Sie gefestigt genug, um den Gedanken an das Unmögliche zuzulassen – ohne ihm zu erliegen? Ich warne ausdrücklich davor, eigene Experimente zu wagen. Die Folgen sind nicht absehbar.
Ob ich selbst der Versuchung erlegen bin…?
Diese Antwort schulde ich Ihnen.
Sie finden sie – am Ende des Buches.
Wer immer dieses Bündel vor der Klostertür abgelegt hatte, rechnete nicht damit, dass es in jener stürmischen Nacht wie aus Eimern regnen würde. Ein heftiges Gewitter zog über den Klosterberg und nicht selten schlug ein Blitz ein. Es war, als wollte der Himmel alles Schmutzige fortspülen, alles reinigen, alle Sünden abwaschen. Und wieder erneuert dem Tageslicht zeigen.
Nur wenige Stunden später, nach der Prim, den Gebeten vor Arbeitsbeginn, trat der erste Mönch in die reine Morgenluft. Prior Nordberth stolperte vor der Türe beinahe über ein durchweichtes Knäuel. Überrascht hob er es auf und fand darin ein nacktes bläuliches Neugeborenes, offensichtlich einen Jungen. Das kleine Wesen schien kein Lebenszeichen mehr von sich zu geben. Kopfschüttelnd und traurig wickelte er den Säugling wieder ein und machte sich auf den Weg zum Friedhof der Abtei, auf dem in einer stillen Ecke die namenlosen Kinder beerdigt wurden. Denn es kam nicht selten vor, dass Neugeborene anonym dem Kloster überlassen wurden. Meist waren es junge unverheiratete Frauen, die auf diese Weise der Schande entgehen wollten, manchmal auch Väter, deren Frau bei der Geburt gestorben war. Und viele dieser bedauernswerten Säuglinge überlebten die ersten Tage nicht.
Wie er nun den letzten Weg dieses Kindes einschlug, begann er es zu wiegen und das Lied zu singen, das auch sonst bei Beerdigungen gesungen wurde. Da begann sich in dem feuchten Bündel etwas zu regen und ein leises Wimmern drang hervor. Erschrocken öffnete Nordberth das Tuch, und er traute seinen Augen nicht. Der Säugling hatte wieder etwas Farbe bekommen und schlug nun die hellen Augen auf.
„Ja, um Himmels Willen!“ rief er aus, „nun aber schnell in die andere Richtung!“
Er bog links ab und gelangte flugs an den wärmsten und angenehmsten Ort im Kloster – die Küche. Dort hantierte und lärmte Bruder Theophil bereits mit Pfannen und Töpfen. Das wiederum war dem Kind wohl nicht geheuer. Es begann gottserbärmlich sein Stimmchen zu erheben, wobei es am ganzen Körper zitterte. Bruder Theophil kam herzu geeilt, und nach einem kurzen Blick rief er: „Jessas!“ nahm das kleine Etwas, öffnete seinen Umhang, legte es auf seinen umfangreichen Bauch und schloss den Kittel wieder. Überrascht von der Körperwärme und den Küchen- und Menschengerüchen gab das kleine Wesen erst einmal Ruhe. Fix holte der Küchenbruder etwas Milch aus einem Krug, und während sie in einem kleinen Topf auf dem Herd warm wurde, formte er aus einem Stück Leinenstoff einen Trichter, in den er die erwärmte Milch gab und dann das Kind daran saugen ließ.
Prior Nordberth begab sich indessen in die Stadt. Die Straßen und Wege dampften noch vom Regen und die ersten Sonnenstrahlen taten das Ihre dazu. Er wollte eine Amme finden. Da fast alle Frauen ihre Kinder in der Klosterkirche taufen ließen, wusste er, welche Mütter gerade niedergekommen waren oder noch stillten. Er musste nicht lange suchen.
Als nun etliche Tage später der kleine Bub lebendig und mit rosiger Hautfarbe zur Taufe in die Klosterkirche getragen wurde, war auch Nordberth zugegen und übernahm die Patenschaft. Er war es auch, der den Namen Tobiah vorschlug, denn der Ziehmutter fiel nicht mehr als „Butzel“ ein. Tobiah bedeutet Gott ist gut.
„Wolf! Wolf! Komm her! Zu mir!“
Wolf schnüffelt unbeirrt durch die Büsche unterhalb der Felsen und fiept. Weiter oben ist das Kloster. Hier unten aber liegen viele Felsblöcke, als ob ein Riese mit Würfeln gespielt hätte. Zudem ermöglichen Büsche, dornige Hecken kaum ein Durchkommen. Da ist doch was … etwas Außergewöhnliches … der Hund agiert mit allen Sinnen… riecht da etwas nach Blut? Menschenblut? Wolf erkennt den Geruch sofort und zögert, ob er dem Ruf des Herrchens folgen soll. Da, ja, da liegt etwas, vielmehr jemand…
Der Schäferhund ist durch die Sträucher gerobbt und nun bei dem Menschen, der da regungslos im Gebüsch liegt. Er riecht das Blut aus den Verletzungen, riecht das Fremdartige, stupst es mit seiner Nase an, spürt, da ist noch Leben in dem scheinbar leblosen Körper. Nun gibt er Laut. Ja, er hört erst auf, als sich sein Herrchen atemlos durch die Steine und Hecken gekämpft hat und sieht, was Wolf da entdeckt hat: „Gut gemacht, Wolf, eine feine Nase hast Du.“ Nach einem kurzen Blick auf den Verletzten holt er sein Handy heraus und wählt den Notruf. Dann prüft er, ob der junge Mann noch atmet.
7Jahre später… *
„Muhme, Muhme, ich will nicht ins Kloster.“ Tobiah klammerte sich an seiner Ziehmutter fest. Sie drückte ihn noch einmal an sich, schob ihn dann aber dem Prior zu.
Die Zeit war gekommen, dass Tobiah ins Kloster zurückkehren sollte. Seiner Ziehmutter war’s recht, da sie noch fünf weitere Mäuler zu stopfen hatte. Ihr Mann war beim Baumfällen im Klosterwald ums Leben gekommen. Da er stets das Kloster mit Brennholz versorgt hatte, fühlte Abt Bartholomäus sich verpflichtet, die Familie zu unterstützen. Weil sein Prior den kleinen Tobiah damals entdeckt und vor dem Erfrieren gerettet hatte, schaute er immer wieder nach dem Knaben. Er wollte ihm dieses „Gott ist gut“ auch praktisch zeigen. Er hielt ihn für begabt und wissbegierig, und so wollte er ihn in die Lateinschule des Klosters aufnehmen. Außerdem schien Tobiah ein Träumer zu sein, der in der rauen Welt des Städtchens nicht so leicht zurecht kam, und so war es dem Abt ein Anliegen, ihn unter seine Fittiche zu nehmen. Der Junge hatte irgendetwas Besonderes an sich.
So beobachtete er vor einigen Wochen, wie die anderen gleichaltrigen Jungen ihn mit Steinen bewarfen, als er bei ihren Raufereien nicht mitmachen wollte. Bevor der Abt einschreiten konnte, hatte Tobiah begonnen mit einem Holzstab kleine Figuren in den Sand zu malen. Als die anderen Kinder sie sahen, wurden sie neugierig und waren so angetan von seiner Zeichenkunst, dass sie alles andere vergaßen und ihm erstaunt zuschauten. Sie baten ihn sogar, dieses und jenes für sie zu zeichnen.
Nun musste Tobiah also sein liebgewonnenes Zuhause verlassen. Es gab viele Tränen, vor allem auch von seiner Milchschwester Agnes. Sie war kurz vor ihm geboren worden und da ihre Mutter genug Milch geben konnte, hatte der Prior sie damals ausgesucht, um ihn großzuziehen. Nachts schliefen die Kinder in einem Bett. Es war ein grober Holzkasten, den die Mutter mit Stroh ausgelegt hatte. Im Winter gab es Pferdedecken, die zwar rau und kratzig waren, deren Wolle jedoch warm hielt. Hier hatte er sich immer fest an seine Schwester geschmiegt und sie an ihn. Und so waren beide fast wie Zwillinge aufgewachsen. Unter Tränen schaute sich Tobiah immer wieder nach ihr um.
*erst ab dem Konzil zu Trient (1545 bis 1563) setzte man das Mindestalter zum Eintritt in ein Kloster auf 16 Jahre
Nun begann eine neue Zeit für Tobiah. Sein Kopf bekam eine Klosterfrisur. Im Schlafsaal der Klosterschüler wurde ihm ein einzelner Strohsack zugewiesen. Der war frisch mit Stroh gefüllt und wurde nur, wenn er durchgelegen war, neu gefüllt. Darauf lagen für ihn ein Schaffell, eine Tunika und ein Überwurf mit Kapuze aus grauer Wolle bereit. Seine Holzschuhe durfte er behalten.
Hier begegneten ihm zum ersten Male auch Kinder aus adeligen Familien. „Woher kommt Ihr?“ fragte er einen. Er bekam keine Antwort. Er sah, dass diese besseres Schuhwerk besaßen, gepflegtere Frisuren hatten und die Nase besonders hoch trugen. Vor allem ein gewisser Utz wollte mehr Privilegien und feinere Gewänder als die anderen. Allerdings mussten sie alle die gleiche Kleidung tragen wie Tobiah. Und dann gab es noch die externen Klosterschüler – Kinder von meist wohlhabenden Familien, die eine gute Bildung erhalten sollten und später das Kloster wieder verlassen würden. Für alle gab es nun eine feste Tageseinteilung.
Langsam dringt Licht durch seine geschlossenen Augenlider. Ein fremdes helles Licht – nicht das flackernde Glimmen von Talglichtern oder das matte Leuchten des Morgens durch eine Fensteröffnung. Woher weiß er das? Wo sind seine Erinnerungen? Nein, das Licht hier ist grell, kalt und unnatürlich gleichmäßig.
Er blinzelt. Seine Augen brennen und scheinen so zugeklebt, als hätte er sie seit einer Ewigkeit nicht mehr geöffnet. Die Welt um ihn ist verschwommen, doch er erkennt klare Linien, glatte Oberflächen und Dinge, die ihm völlig fremd erscheinen.
Ein Geräusch dringt an sein Ohr – ein gleichmäßiges Piepen, nicht das Gezwitscher von Vögeln oder das Klappern von Hufen auf Pflastersteinen. Irgendwo summt zudem etwas leise, wie ein entfernter Bienenschwarm, der nicht zur Ruhe kommt.
Sein Körper fühlt sich fremd an, schwer. Er möchte sich bewegen, doch die Kraft fehlt. Seine Finger ertasten den Stoff unter sich – weich, glatt, kein rauer Strohsack. Sein Atem geht schneller.
Der Geruch in der Luft ist seltsam. Kein Rauch, kein Moder, keine vertrauten Düfte von Erde, Leder oder Ausdünstungen von Menschen. Stattdessen riecht es nach etwas Scharfem, Fremdem, etwas, das seine Nase reizt.
Plötzlich eine Stimme. Klar und ruhig, aber mit einer seltsamen Art zu sprechen. Die Worte... Er versteht sie kaum, sie klingen anders, fremd, als würde jemand seine eigene Sprache mit einer neuen Zunge formen.
Panik steigt in ihm auf. Wo ist er? Was ist das für ein Ort? Wo sind seine, seine … er kann sich nicht entsinnen. Sein Kopf ist leer. Die letzten Erinnerungen – ein blaues Leuchten, ein Abgrund, ein Schlag, ein Schmerz... und dann Dunkelheit. Was war davor? Er weiß es nicht. Da ist Nebel, undurchdringlicher dunkler Nebel. Selbst sein Name liegt dahinter verborgen.
Er will sprechen, will fragen, doch aus seiner Kehle kommt nur ein heiseres Krächzen, fremd in seinen eigenen Ohren.
Die Welt um ihn ist nicht die, die er kennt. Aber wie war sie? Da ist nur ein großer dunkler Wirbel in seinem Kopf. Und er scheint in dieser Welt gefangen, denn er kann seine Beine nicht spüren, nicht bewegen.
Eine Frau beugt sich über ihn. Sie ist ganz in Weiß gekleidet. Ihre blonden Haare leuchten in einem hellen Licht. „Bist du ein Engel? Bin ich im Himmel?“ will er fragen, dann fällt er wieder zurück in die Dunkelheit.
Tobiah schaute verschlafen in den Innenhof des Klosters: „Ehrwürdiger Prior Nordberth, warum beginnen unsere Tage eigentlich so früh? Schon um drei Uhr morgens… das ist doch mitten in der Nacht.“
Prior Nordberth lächelte mild, während sie durch den Kreuzgang schritten:
„Ja, Tobiah. Die Uhrzeit mag Dir früh erscheinen, doch für uns ist es der erste Ruf Gottes. Um drei Uhr versammeln sich die Brüder zur Matutin – das Gebet in der tiefsten Dunkelheit, wenn die Welt noch schläft.“
Tobiah rieb sich die Augen: „Und um fünf Uhr müssen auch wir Novizen aufstehen, nicht wahr? Da singen wir schon die Laudes… Da klingt meine Stimme noch ganz schön müde.“
Prior Nordberth schmunzelte: „Müdigkeit ist uns allen zu Beginn ein treuer Begleiter. Doch die Laudes sind ein Lobgesang auf das kommende Licht, auf den neuen Tag. Mit dem ersten Licht der Prim, wenn die Sonne den Horizont küsst, beginnt auch unser Wirken.“
Tobiah blickte hinaus, wo der Tau auf den Feldern schimmerte: „Ich hörte, sogar die Bauern richten sich nach dem Glockenschlag des Klosters.“
Prior Nordberth nickte: „So ist es. Die Glocken sind mehr als bloße Signale – sie sind der Herzschlag unseres Lebens. Ob Novize, Mönch oder Bauer – wir alle bewegen uns im Takt ihres Rufes.“
„Und die nächste Glocke, zur Terz, klingt am Vormittag, richtig? Ich mag dieses sanfte Läuten – es fühlt sich an wie eine Erinnerung, dass die Zeit nicht stehen bleibt.“
Prior Nordberth: „Du kannst Dich schon gut ausdrücken, Tobiah. Zur Terz gedenken wir der Geistsendung von Pfingsten. Danach stärken wir uns mit einem bescheidenen Frühstück. Am Mittag, zur Sext, rufen die Glocken zur Mahlzeit und zur kurzen Ruhe. Dann folgt die Non – das Gebet am Nachmittag, wenn das Licht langsam beginnt, sich zu neigen.“
„Und zur Vesper, beim Sonnenuntergang, klingt das lange, tiefe Läuten… es wirkt so feierlich.“
Prior Nordberth blickte in den Himmel: „Die Vesper ist unser Dank an den Tag. Danach essen wir ein letztes Mal, bevor zur Komplet um sieben Uhr der Segen des Abends gesprochen wird. Dann kehrt die Stille zurück – und mit ihr der Frieden.“
Tobiah meinte leise: „Es ist wirklich wie ein großer Herzschlag… die Zeit gehört nicht uns, und alle halten sich daran.“
Prior Nordberth legte ihm die Hand auf die Schulter: „Du verstehst es, mein Sohn. Und wenn Du genau hinhörst, wirst Du merken: Die Glocken sprechen. Nicht mit Worten, aber mit Wahrheit.“
Er hasst Kongresse. Da er im Rollstuhl sitzt, bekommt er zwar immer einen Platz in der ersten Reihe zugewiesen. Dort muss er sich dann leider alle Vorträge anhören und kann sich nicht schnell davon stehlen. Außerdem erforscht er nur ein kleines Randgebiet, das ihm zwar viel gibt, aber andere Themen uninteressant erscheinen lässt. Als Kunsthistoriker ist er froh, dass er einen kleinen Forschungsetat, ein Büro in der Uni und einen barrierefreien Zugang hat. Dr. Elias During erforscht Initialen, illustrierte Initialen und vor allem „bewohnte“ Initialen. Das sind meist großgeschriebene Schmuckbuchstaben, die den Anfang eines Buches, einer Seite oder eines neuen Kapitels verzieren. Es gibt sie seit dem späten 7. Jahrhundert. Und in vielen großen Initialen „wohnen“ Figuren, ja, werden sogar ganze Geschichten dargestellt.
Er kommt trotz seiner Behinderung viel herum, da manche der historischen Werke von unschätzbarem Wert sind, und von den Museen oder Klöstern nicht oder nur ungern aus der Hand gegeben werden. Also muss er dorthin reisen. Oft mit dem Zug, mit dem Auto nur, wenn er schwerere Folianten transportieren muss. Das sind Bücher mit häufig aus Tierhäuten bestehenden Seiten, die immer etwas Luftfeuchtigkeit brauchen, weil sie sonst Risse bekommen. Darauf muss er achten.
Alte Schriften üben einen richtigen Sog auf ihn aus, vor allem die Initialen, die mit sehr viel künstlerischer Sorgfalt gemalt wurden. Er fotografiert sie, digitalisiert sie und da vieles schon fotografiert und veröffentlicht wurde, ist er immer wieder auf der Suche nach neuen unentdeckten Büchern und Folianten.
Die Lehrer, allesamt Klosterbrüder, waren auch dafür zuständig, den Schülern die praktischen Klosterregeln beizubringen. Bruder Gerald begann mit Nachdruck auf sie einzureden: „Und diese Regeln wiederhole ich nicht ohne Grund jeden Tag.“
Er sah die Schüler streng an und fuhr fort: „Die Zirkatoren achten darauf, dass niemand das Händewaschen auslässt oder es nur nachlässig erledigt. Besondere Aufmerksamkeit gilt der Sauberkeit in der Küche. Alles – Schüsseln, Pfannen, Küchengefäße – muss makellos gepflegt sein.“
Er hob warnend den Zeigefinger: „Aber nicht nur die Gefäße! Auch Ihr, die Ihr in der Küche arbeitet, müsst Euch an die Regeln halten. Es ist streng verboten, vor dem Kochen Schuhe zu fetten, Wäsche zu waschen oder gar Kranke zu berühren. Vor allem, wenn Ihr beim Brotbacken mithelft, müsst Ihr Hände und Arme gründlich reinigen.“
Bruder Geralds Blick wurde noch eindringlicher, er schaute bsonders Utz an, als er das nächste Thema ansprach: „Und was die Latrinen betrifft: Auch das ist kein Bereich, in dem es Freiheiten gibt. Zum Austreten gibt es feste Zeiten – morgens nach dem Aufstehen, vor dem Essen, nach der Mittagsruhe und abends. Vor allem die Küchen- und Altardiener müssen vor und nach ihrer Arbeit die Latrinen aufsuchen. Wer außerhalb dieser Zeiten muss, braucht eine Erlaubnis.“ Mit einem letzten Blick in die Runde schloss er ab: „Merkt Euch das!“
Nach dem Unterricht blieb Tobiah vor dem Lehrer stehen. „Bruder Gerald, Ihr sprecht oft von den Regeln des Hl. Benedikt…“
„Genau, Tobiah, der Heilige Benedikt von Nursia. Das liegt in Italien. Er lebte dort vor etwa 500 Jahren. Seine Klosterregeln zeigen uns, wie man ein gutes Leben führt.“
„Regeln? Heißt das, es gibt viele Dinge, die ich nicht tun darf?“
„Nicht ganz. Es geht weniger um Verbote als um eine Haltung, die das Leben leichter und sinnvoller macht. Zum Beispiel: Gott fürchten.“
Tobiah machte große Augen: „Angst vor Gott haben? Das klingt aber streng.“
„Nicht Angst, sondern Ehrfurcht. Es bedeutet, dass es etwas Größeres gibt als uns selbst.“
„Also, dass ich mich selbst nicht so wichtig nehmen soll?“ fragend schaute er Bruder Gerald an.
„Ganz genau! Wer sich selbst nicht in den Mittelpunkt stellt, kann besser zuhören, lernen und mit anderen auskommen.“
„Und wenn jemand, zum Beispiel der Abt, etwas von mir will?“
„Dann ist Gehorsam gefragt. Nicht blind, sondern mit Einsicht. Manchmal wissen andere besser, was gut für uns ist.“
„Mhm. Klingt anstrengend.“
„Darum braucht es auch Ausdauer. Gutes Verhalten ist wie eine Pflanze – man muss es pflegen, auch wenn es manchmal schwerfällt.“
„Und wenn ich einen Fehler mache?“
„Dann solltest Du ihn bereuen können. Nicht, um Dich schlecht zu fühlen, sondern um daraus zu lernen.“
„Und wenn ich eine Entscheidung treffen muss?“
„Dann sollst Du klug handeln. Überlege, bevor Du sprichst oder handelst.“
Tobiah überlegte: „Muss ich denn immer etwas sagen?“
„Nein. Schweigen können ist eine Kunst. Oft sagt Stille mehr als Worte.“
„Und wie gehe ich mit anderen um, wenn die mich ärgern?“
„Mit Würde. Jeder Mensch verdient Respekt, egal wer er ist.“ Er schaute Tobiah sanft in die Augen. „Tobiah, mir gefällt, wie Du die richtigen Fragen stellst. Sie führen genau zu den Regeln des Hl. Benedikt.“
„Und die wichtigste Regel?“
„Ehrfurcht vor dem Leben. Alles, was lebt, verdient Achtung – Menschen, Tiere, die Natur.“
„Das klingt nach einem gar nicht so leichten Weg.“
„So ist es. Und er beginnt mit kleinen Schritten – jeden Tag.“
Tobiah bedankte sich und sprang davon. Bruder Gerald seufzte, wenn nur alle so wissbegierig wären…
Tobiah fiel das Lernen leicht. Anfangs bestand es nur aus Auswendiglernen, Lateinisch lesen und schreiben. Später kamen Rechnen und handwerkliche oder landwirtschaftliche Arbeiten dazu.
Obwohl es den anderen Schülern verboten war, in der Klosterküche durfte er jederzeit bei seinem früheren Retter vorbei schauen. Bruder Theophil, dessen Bauch noch weiter zugenommen hatte, hielt immer ein Stück süßes Brot oder kaltes Fleisch für Tobiah bereit.
Ebenfalls verboten war, innerhalb der Klostermauern zu raufen oder gar sich zu prügeln. Doch fanden die Jungen immer wieder Anlässe und Gelegenheiten, dies zu tun. Tobiah konnte sich meist nicht wehren, da er kleiner war als die übrigen. Da hatte er sich angewöhnt, die kleinen Küchengaben von Bruder Theophil mit den anderen zu teilen. Doch das half nur ein wenig bei ihren Raufereien.
Allerdings gingen die Lehrer auch nicht mit gutem Beispiel voran. Wenn der gewünschte Lernerfolg nicht eintrat, Schüler unaufmerksam oder frech waren, bekamen sie den Stock zu spüren. Besonders schlecht erging es seinem Freund Wenzel. Er besaß von Natur aus eine kräftige Statur, große Hände und einen muskulösen Oberkörper. Freilich war er nicht mit viel Verstand gesegnet. Er konnte sich die lateinische Grammatik oder die einfachsten Rechenregeln nicht merken. So sauste öfter des Lehrers Stock auf ihn herab. Er saß dann völlig bestürzt auf seiner Bank und wusste nicht, wie ihm geschah. Wie sollte er denn lernen, wenn ihm der Rücken oder die Finger schmerzten?
Eines Tages, als Wenzel wieder gezüchtigt wurde, rief Tobiah dem Lehrer zu: „Nun ist’s genug! Wenzel hat heute schon zu viele Schläge bekommen! Schlage Er mich dafür!“
Das tat der Lehrer dann auch so wütend, bis er merkte, dass Tobiah an mehreren Stellen blutete. Erschrocken hielt er inne. Als Tobiah ihn nun mit seinen hellen tränenüberströmten Augen anschaute, da wandte er sich beschämt ab und verließ den Raum. Von diesem Tag an kam der Lehrer ohne Stock in die Klosterschule.
Wenzel sagte abends nach dem Komplet, dem Abschlussgebet: „Das hat noch nie jemand für mich getan. Ich möchte gerne Dein Freund sein.“
Wenzels Freundschaft bedeutete, dass Tobiah nun einen starken Beschützer an seiner Seite hatte. Die anderen Jungen ließen ihn von da an in Ruhe.
Eigentlich müsste ihm sein Leben ziemlich langweilig vorkommen. Tagsüber sitzt Elias During in der Universität, in Museen und Klöstern in mehr oder weniger gut belüfteten Räumen. Abends liest er meist bis in die Nacht in Büchern über alte Bücher. Aber da er in den alten Schriften und Initialen immer wieder neue Zeichen und Feinheiten entdeckt, die ihn faszinieren, findet er sein Leben spannend genug. Er vertieft sich ganz in die altertümlichen Darstellungen, und er versucht sich vorzustellen, wie es sich in den Klöstern im Mittelalter gelebt hat. Manchmal fällt es ihm schwer, wieder in die Gegenwart zurück zu kommen. Als er heute Morgen mit seinen hellen Augen in den Spiegel schaut, denkt er, er könnte sich mal wieder die Frisur erneuern lassen. Seine rötlich blonden Haare haben sich zu einer Mähne entwickelt. Und sein Bart müsste ebenfalls gestutzt werden.
Auf seinem Stockwerk sind zwei kleine Wohnungen frei geworden. Direkt nebenan ist eine neue Nachbarin eingezogen. Eines Tages war sie da, fast wie aus dem Nichts aufgetaucht. Sie haben sich ein paar mal auf dem Flur getroffen und kurz miteinander geplaudert. Wie alt mochte sie sein? Anfang, Mitte zwanzig? Sie studiert Literaturwissenschaft und Geschichte, hat sie erzählt und arbeitet nebenbei an einer Privatschule, wo sie wohl Deutsch und Geschichte unterrichtet. Die andere Wohnung scheint noch nicht vergeben.
Elias ist ledig. Bisher hat es keine Frau mit ihm ausgehalten, und das liegt nicht an seiner Behinderung. „Was sind meine Defizite?“ fragt er sich immer wieder. Eigentlich möchte er gar nicht heiraten, auch nicht unbedingt mit einer Frau zusammenwohnen. Er kann sich alleine versorgen. Aber er will nicht allein sein, will auch einmal Nähe spüren. Vielleicht mehr, vielleicht sogar Liebe?
„Ist in meiner Kindheit irgendetwas schief gelaufen?“ fragt er sich oft selbst. „Schade, dass ich keine Erinnerungen mehr daran habe. Was ist überhaupt liebenswert an mir? Bin ich zu sehr auf meine Forschungen fixiert?“
Seine neue Nachbarin, sie heißt Ana, spricht inzwischen gerne mit ihm. Wenn sie gebacken hat, bringt sie ihm Pastéis de Nata: Portugiesische Blätterteig-Törtchen und bleibt dann auch auf ein Glas Wein.
„Sag Ana zu mir. Ich liebe kurze Namen. Elias gefällt mir deshalb sehr gut,“ sie lacht. Er meint: „Und mir gefällt Dein Name. Anna hieß die Großmutter von Jesus. Und es ist ein Palindrom, ein Wort, das sich in beide Richtungen lesen lässt.“
Elias ist etwas verunsichert. Er mag Ana und weiß nicht, wie er das ausdrücken kann. Irgendetwas an ihr ist ihm seltsam vertraut. Als ob er sie schon einmal in einem früheren Leben gekannt hat. Aber gibt es so etwas überhaupt? Und er ist sicher 15 Jahre älter als sie. Was er sehr an ihr schätzt, wenn er alleine sein möchte, was sie sofort spürt, dann geht sie wieder. Und wenn sie genug von ihm hat, ist er sensibel genug, es genau so zu tun. Sie müssen beide nichts erklären und kommen so gut miteinander aus.
Er weiß gar nicht so genau, wo sie herkommt. Aus Portugal? Sie redet nicht darüber. Sie spricht gut Deutsch, aber mit einem bsonderen Akzent, den er noch nirgends gehört hat. Obwohl sie in Deutschland studiert hat, und sich modern kleidet und stylt, kommt sie ihm manchmal seltsam altertümlich vor, als ob sie aus einer anderen Zeit stammt.
Sie diskutieren viel über KI in der Kunstgeschichte und in der Literatur. Da ist sie ganz modern und wissenschaftlich aktuell aufgestellt. Sie kennt sich aus mit Augmented- und Virtual-Reality-Anwendungen sowie mit digitalen Rekonstruktionen alter Literatur. So haben sie jede Menge berufliche Berührungspunkte. Sie ist an seinen Forschungen ebenfalls sehr interessiert.
Als sie ihm wieder einmal von KI in der Literatur alter Sprachen erzählt hat, fragt sie ihn: „Was mich besonders interessiert, was waren das für Menschen damals? Wie haben sie gelebt, gefühlt und geliebt? Außerdem interessiert mich, wie kann ich alte Texte, Bilder und Bücher lebendig, also räumlich darstellen?“
„Aber historische Texte und Bilder sind doch immer flach, also zweidimensional,“ antwortet Elias.
„Das weiß ich auch, aber denk doch mal weiter: Wenn man einen Roman verfilmt, wird er ja auch dreidimensional. Oder Du liest eine Geschichte und sie wird in Deinem Kopf räumlich. Wenn das mit KI möglich wäre, dann würden mittelalterliche und schwere Texte vielleicht besser verständlich.“
Da er viel im Homeoffice arbeitet, sieht sie in seiner Wohnung viele Werkzeuge: Lupen und Mikroskope bis hin zu leistungsstarken Rechnern, um virtuelle Räume zu erzeugen, in denen Menschen mit einem visuellen Ausgabegerät als Brille oder Helm sich umschauen können. Das diskutieren und probieren sie immer wieder aus.
Obwohl ihm das Leben im Kloster gefiel, war Tobiah oft traurig. Zwar mochten ihn fast alle, bis auf Utz, der ihm immer wieder neidete, dass er sich gut mit Bruder Theophil aus der Küche verstand.
Utz zu mögen war nicht leicht. Er hatte zwar eine kräftige Statur, aber eine breite Narbe ging ihm über die Stirn. Wenn er sich ärgerte, schwoll diese rot an. Sein Blick aus tiefen dunklen Augenhöhlen hatte immer etwas Unbehagliches. Man hörte ihn nur lachen, wenn jemand stolperte oder ihm ein anderes Missgeschick widerfuhr.
Was Tobiah besonders mochte: Es gab regelmäßig Essen. Meist einen Getreidebrei von Hafer, Roggen, Gerste und Hirse mit Kräutern aus dem Garten des Klosters. Gesalzen wurde kaum, da Salz sehr teuer war. Wenn der Küchenbruder welches hatte, so verwendete er es meist zum Haltbarmachen von Fleisch und Fisch.
Außerdem hatte Tobiah einen sicheren Platz zum Schlafen. Er sang gerne, auch wenn er erst nach und nach die lateinischen Texte verstand. Der Klang der vielen Männerstimmen in der Klosterkirche gefiel ihm. Seine reine klare Stimme fand Wohlgefallen bei den Brüdern. Aber er vermisste seine Ziehmutter und seine Schwester Agnes. Er vermisste Nähe und Berührung. Das gab es im Kloster kaum. Zwar konnte er sich an Theophils dicken Bauch drücken, wenn sie sich in der Küche begegneten. Ja, er war auch schon in kalten Winternächten zu Wenzel unter die Decke geschlüpft, aber das war nicht dasselbe…
Was ihn wiederum froh machte, war, wenn er zeichnen konnte. Fast immer trug er einen Kreidestein oder eine Gänsefeder bei sich, mit denen er in den wenigen freien Zeiten malte. Dinge zum Malen und Bemalen zogen ihn auf eine seltsame Weise fast magisch an.
Er hatte eine Wand gefunden, an der die Steine ein wenig rau waren. Dort zeichnete er Ornamente und Symbole, die er in der Kirche gesehen hatte sowie alle Arten von Tieren. Er sammelte helle Holzstücke, die er mit verschiedenen bunten Pflanzensäften bemalte. Seine Malkünste blieben denn auch nicht lange unentdeckt. Einer der Lehrer sah Tobiah immer wieder skizzieren, zeichnen und Ornamente ausmalen.
Manchmal, nach einem langen Arbeits- und Studientag, wenn Elias und Ana noch bei einem Glas Wein zusammensitzen, dann sprechen sie über Persönliches. Wenn auch zurückhaltend, denn sie haben beide ihre Vergangenheit, die merkwürdig verworren zu sein scheint, und es fällt ihnen nicht leicht sie preiszugeben.
„Elias, warum sitzt Du im Rollstuhl? Magst Du davon erzählen?“ fragt Ana ihn vorsichtig eines Abends.
„Ja, mhm. Wenn’s sein muss. Ich weiß selbst nicht so genau, wie das passiert ist.“ Er räuspert sich und nimmt noch einen Schluck aus seinem Weinglas. „Als ich ungefähr 16 Jahre alt war, muss ich einen Unfall gehabt haben. Ich bin vielleicht beim Klettern irgendwo hinuntergestürzt oder von einem Wagen angefahren worden. Es war niemand dabei, der etwas gesehen hat. Und ich konnte mich an nichts mehr erinnern. Nicht mal mehr an meinen Namen oder meine Herkunft. Totale Amnesie. Ich hatte wohl eine alte Kutte an und ein Seil in der Hand und ich roch nach Alkohol. Ein Mann kam zufällig mit seinem Hund vorbei. Das Tier hat mich entdeckt und mir wahrscheinlich das Leben gerettet. Der Mann hat dann den Notruf gewählt.“
„Ein Seil? Mhm. Wie bist Du denn wieder auf die Beine gekommen – oh, entschuldige, ich meine, wie bist Du wieder gesund geworden. Und woher hast Du Deinen Namen? Hat man Dich nirgends vermisst? Und wie hast Du Deinen jetzigen Beruf gelernt?“
