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Alles ist schiefgegangen an diesem Tag. Und am Tag zuvor auch … Wenn der Textilvertreter Ernst Voigt es sich recht überlegt, ist das Dasein überhaupt, ganz allgemein, kein Zuckerlecken. Sein Dasein auf alle Fälle. Speichellecken, ja – das schon eher. All diese miesen Koofmich-Typen sitzen auf dem hohen Roß, schubsen einen rum, behandeln einen wie einen Fußabtreter … Na ja, alle sind nicht so. Aber viele. Und dieser Zylian – na! Wie die Axt im Walde. Zylian hat den frustrierten, unter schwerem Stress stehenden Voigt in erheblichem Maß wider den Strich gebürstet. Und da hat Voigt rot gesehen. Er hat zugeschlagen, und Zylian ist umgefallen … Voigt ist gar nicht auf die Idee gekommen, der andere könne vielleicht nur bewußtlos sein. Voigt ist kopflos geflohen. In Dänemark erfährt er aus deutschen Zeitungen, daß Zylian tatsächlich tot ist und daß nach ihm, Voigt, gefahndet wird … Gut; beides hat er erwartet. Was ihn aber trifft wie ein Schlag in die Magengrube: Sie suchen ihn wegen Raubmord.
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Seitenzahl: 222
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Hansjörg Martin
Der Kammgarn-Killer
Ihr Verlagsname
Alles ist schiefgegangen an diesem Tag. Und am Tag zuvor auch … Wenn der Textilvertreter Ernst Voigt es sich recht überlegt, ist das Dasein überhaupt, ganz allgemein, kein Zuckerlecken. Sein Dasein auf alle Fälle. Speichellecken, ja – das schon eher. All diese miesen Koofmich-Typen sitzen auf dem hohen Roß, schubsen einen rum, behandeln einen wie einen Fußabtreter … Na ja, alle sind nicht so. Aber viele. Und dieser Zylian – na! Wie die Axt im Walde.
Zylian hat den frustrierten, unter schwerem Stress stehenden Voigt in erheblichem Maß wider den Strich gebürstet. Und da hat Voigt rot gesehen. Er hat zugeschlagen, und Zylian ist umgefallen … Voigt ist gar nicht auf die Idee gekommen, der andere könne vielleicht nur bewußtlos sein. Voigt ist kopflos geflohen.
In Dänemark erfährt er aus deutschen Zeitungen, daß Zylian tatsächlich tot ist und daß nach ihm, Voigt, gefahndet wird … Gut; beides hat er erwartet. Was ihn aber trifft wie ein Schlag in die Magengrube:
Sie suchen ihn wegen Raubmord.
Hansjörg Martin (1920–1999) war ursprünglich Maler und Graphiker. Nach dem Krieg arbeitete er als Clown, war Bühnenbildner und Dramaturg, dann freier Schriftsteller. Er schrieb Kriminalromane und Kinder- und Jugendbücher.
Ernst Voigt
versagt in mehrerlei Hinsicht und schlägt einen Mann nieder.
Trudchen Voigt
barmt erst um einen Wellensittich und dann um ihren Mann.
Ina Horwitz
erlebt eine herbe Enttäuschung und reagiert entsprechend.
Otto Zylian
bringt ein Faß zum Überlaufen und geht zu Boden.
Fred Ströhlein
zeigt Reaktions-, jedoch im weiteren kein Stehvermögen.
Ulf Beissel
bessert durch einen Todesfall sein Einkommen auf.
Axel
hat einen roten Bart sowie fragwürdige, aber gute Beziehungen.
Kai Barthelsen
erfaßt blitzschnell die Lage und beeindruckt mehrere Damen.
Emil Vobach
ist identisch mit einem der Vorgenannten und fällt einem Mißverständnis zum Opfer.
Kommissar Meiselbach
macht Wadenwickel sowie einen unvermeidlichen Fehler.
Ernst Voigt fuhr seinen Wagen kurz nach neun auf das Parkdach über dem Einkaufszentrum. Der Wagen war erst zwei Tage oder 117 Kilometer alt. Voigt hatte vorher einen anderen Typ gehabt, einen, der mit nur sechs Knöpfen am Armaturenbrett ausgestattet gewesen war. Dieser hier besaß vierzehn, und Voigt kannte sie noch nicht alle.
So geschah es, daß er den falschen drückte, als es während der Auffahrt plötzlich zu regnen begann. Statt des Scheibenwischers setzte er das Frischluftgebläse in Gang und erschrak bei dem jähen Rauschen so heftig, daß er – blind vom Regen – mit dem rechten Kotflügel den Sockel streifte, der die gewendelte Auffahrt abgrenzte.
Es klingt scheußlich, wenn Stahlblech an Beton entlangschrammt. Voigt trat auf die Bremse, ohne auszukuppeln. Der Wagen stand. Der Motor soff ab.
Voigt fand den Scheibenwischerknopf, aber der Scheibenwischer lief nicht bei abgestelltem Motor. Hinter Voigt hupte jemand. Voigt drehte die Scheibe herunter und steckte den Kopf hinaus. Sein Haar war vom platternden Regen sofort klatschnaß. Der Mann im Auto hinter ihm blinkte und hupte. In der Schräge stand inzwischen ein weiterer Wagen.
Voigt nahm den Kopf zurück. Das Regenwasser lief ihm in die Augen und hinten in den Kragen. Er zwang sich zur Ruhe, zog die Handbremse, startete unter dem ständigen, nervtötenden Hupen der zwei – jetzt drei – Autos hinter ihm in der engen, steilen, gewundenen Auffahrt, kriegte endlich den Motor wieder in Gang, hatte nun, durch den laufenden Scheibenwischer, Sicht nach vorn und fuhr, naß von Regen und Schweiß, im ersten Gang die restlichen zwanzig Meter hinauf auf das Parkdach. Als er oben war, hörte der Regenschauer so plötzlich auf wie das Geschrei einer Schulklasse beim Eintreten eines strengen Lehrers.
Das Parkdeck war noch fast leer. Voigt fuhr so nahe wie möglich an die Aufzüge heran, hielt an und stieg aus. Der Wagen, der hinter ihm gehupt hatte – ein Mercedes Diesel – hielt links neben ihm.
Ein vierschrötiger Mann kletterte heraus. Er hatte ein rotes Gesicht und einen rotblonden Schnurrbart, der seltsam stachelig aussah.
«Lassen Sie sich Ihr Geld wiedergeben, Mann!» rief er Voigt zu.
Voigt verstand nicht.
«Was für Geld?» fragte er.
«Von der Fahrschule!» blökte der Stachelbärtige und wandte sich lachend ab.
Voigt kniff die Lippen zusammen, ging um sein Auto herum und besah sich den Schaden. Es war nicht so schlimm, wie es sich angehört hatte. Nur zerschrammter Lack. Die kleine Delle hinter dem Scheinwerferring würde auszubeulen sein.
Aber die Werkstattpiraten … Einen guten Hunderter mußte er mindestens rechnen. Und den mußte er selber bezahlen, schon damit Priesecke nichts von der Panne erfuhr. Und Trudchen um Himmels willen auch nicht.
Er würde die Reparaturkosten von den Spesen abknapsen müssen …
Priesecke hatte ihm die Papiere und die Schlüssel für den neuen Wagen vorgestern gegeben und dazu grinsend gesagt:
«… der ist ’n paar PS stärker als Ihr voriger, Herr Voigt. Schaffen Sie das denn noch, fünfzehn Pferde mehr, wie?»
«Aber sicher», hatte Voigt erwidert, lächelnd erwidert, mit dem Lächeln, das er fast automatisch aufsetzte, wenn er merkte, daß ihn jemand vorsätzlich kränkte oder provozierte, von dem er in irgendeiner Weise abhängig war. Es war sein Untertanen-Lächeln, wie er es selbst einmal genannt hatte, als er noch mutig und kräftig genug gewesen war, seinen Beruf, sein Leben zu analysieren und mit Ironie zu betrachten.
Voigt schloß jetzt die Hecktür des Kombiwagens auf, holte mehrere Metallstangen und zwei Rahmen mit kleinen Rädern heraus, steckte geschickt und schnell alles ineinander und zusammen und hakte dann die im Fond des Wagens aufgehängten Längsstangen in das Gerüst, die mit drei oder vier Dutzend Kleiderbügeln bestückt waren, auf denen in Plastikhüllen Anzüge oder einzelne Hosen und Sakkos hingen – die Musterkollektion für den nächsten Sommer.
Ernst Voigt schob die beiden fahrbaren Gestelle neben den Wagen und holte aus dem Gepäckraum noch zwei ziemlich schwere Ledertaschen, die er unten quer auf die Stangen stellte. Dann schloß er das Auto ab und bugsierte die Gestelle zu den Aufzügen.
Der Wind erschwerte die ohnehin schwierige Arbeit, fuhr zwischen die Sakkobeutel und Hosen, zerblies ihm die Frisur oder das, was er mit seinen restlichen dünnen Haaren zur Frisur gemacht hatte, und klatschte ihm die Krawatte vor die Augen. Voigt fluchte leise.
Scheißtagesanfang!
Ein junger Mann half ihm, die sperrigen Gestelle durch die schwere Flügeltür zu schieben und in einem der drei Fahrstühle unterzubringen.
«Danke», sagte Voigt außer Atem und kämmte sich die strubbeligen Haare.
«Auch kein ganz einfacher Job, was?» fragte der junge Mann.
«Ach, na ja», sagte Voigt. «Was ist schon einfach heutzutage. Oder verdienen Sie Ihr Geld mit Nichtstun?»
«Ja, genau damit», sagte der junge Mann fröhlich. «Seit vier Monaten. Ich bin arbeitslos.»
«Und Sie kommen zurecht?» fragte Voigt.
«Sicher. Wenn ich das schwarze Geld dazu rechne, hab ich mehr als früher, wo ich acht Stunden am Tag malochen mußte …»
Sie waren im Erdgeschoß angelangt. Der fröhliche Arbeitslose half noch, die Kollektion aus der Kabine herauszurangieren, und lief dann davon.
Voigt zog seine Gestelle den breiten Gang entlang, der – von leiser Musik berieselt – noch morgendlich frisch und fast leer war. In und vor den verschiedenen Geschäften wurden die verschiedenen Käuferfallen aufgestellt: Sonderangebote, Preisknüller, Niedrigpreise, Spartips … Männer und Mädchen in bunten oder weißen Kitteln rückten Krabbelkörbe, Blickfänge, Warenständer zurecht, und die ersten Kunden schnupperten schon am Speck.
Ernst Voigt erreichte mit dem leise ratternden Gestänge nach etwa hundert Metern das Textil-Geschäft Ina Horwitz, das unter dem Namen ‹Inas Mode-Ecke› firmierte und auch wirklich ein ziemlich großer Eckladen zwischen einem Schallplattenshop links und einer Parfümerie rechts war. Von links wurde das Textilgeschäft mit Ohrwürmern, von rechts mit Nasenreizen versorgt.
«Aber immer noch besser als zwischen einem Fischgeschäft und einer Hähnchenbraterei», pflegte Ina Horwitz zu sagen, womit sie sicher recht hatte.
Die breite, doppelflügelige Glastür zum Geschäft stand offen. Innen hantierte ein dünnes Mädchen am Regal mit Pullovern. Ein zweites putzte den großen Spiegel vor den Umkleidekabinen. Ein drittes ordnete einen Stapel Oberhemden.
Alle drei sahen auf, als Ernst Voigt von der Tür aus «Guten Morgen, meine Damen!» rief.
Eines der Mädchen murmelte gleichgültig etwas Unverständliches. Das zweite sagte gar nichts. Das dritte setzte ein mattes Lächeln auf und ging zu dem silbergrauen Leinenvorhang, der hinten rechts neben den Ständern mit Damenmänteln den Verkaufsraum abschloß. Das Mädchen lüpfte den Vorhang und rief:
«Der Herr Voigt ist da, Chefin!»
«Vielen Dank!» sagte Voigt.
Er hätte gern noch irgendwas Persönliches hinzugefügt, vielleicht: ‹Liebes Fräulein Elvira!› oder so … Aber er wußte den Namen des Mädchens nicht. Er hatte sowieso ein miserables Personen- und Namengedächtnis. Das wurde seit drei, vier Jahren auch immer miserabler – und die Verkäuferinnen ähnelten sich außerdem, fand Voigt, auch immer mehr. Oder richtiger: Sie sahen alle aus, wie der jeweilig umschwärmte Platten- oder Kinostar, hatten alle die gleiche Frisur und das gleiche Make-up und trugen die gleichen Kleider und zogen in gleicher Weise die Nasen kraus oder die Münder schief … Da sollte sich ein Mensch merken, ob das Mädchen nun Elvira hieß oder Manuela oder sonstwie.
Aber ‹Danke, liebes Fräulein!› konnte man auch nicht sagen, weil manche schon mit neunzehn Jahren Wert darauf legten, als Frau angesprochen zu werden – auch wenn sie noch nicht verheiratet waren. Und ‹Danke, liebes Kind!› wollte Voigt nicht sagen. Es machte ihn noch zehn Jahre älter, als er ohnehin war.
Mit Mitte Fünfzig hat man da so seine Probleme.
Durch den silbergrauen Vorhang trat Ina Horwitz. Sie trug ein großgeblümtes Kleid, das eine Nuance zu großgeblümt für ihre vierundvierziger Figur war, von ihren 45 Jahren ganz zu schweigen. Aber sie trug es mit der Sicherheit der erfolgreichen Unternehmerin und mit dem Charme einer Frau, die ihre Rolle kennt und beherrscht.
Sie lächelte. «Ach, sieh da, der liebe Herr Voigt!» Sie sagte ‹Vooocht› und streckte ihm eine mollige, gepflegte Patschhand entgegen. «Hosen und Jacken en gros et en detail», fuhr sie fort.
‹Ankroo›, sagte sie und ‹Andeetalch›. Sie ließ den Goldzahn vorn links blitzen und schüttelte Ernst Voigts Hand, daß ihre Brüste unter dem Großgeblümten wackelten, als würden die roten und gelben Phantasieblüten von einem geräuschlosen Erdbeben erschüttert. «Guten Tag!» sagte sie, und es klang wie ‹Daaach!›. Sie stammte aus der Drehe von Schkeuditz, einem Vorort der Messestadt Leipzig, und es war ihr in über zwanzig Jahren Aufenthalt in Norddeutschland nicht gelungen, das Haferbrei-Idiom ihrer Heimat ganz loszuwerden, obschon sie sich wirklich alle Mühe gegeben hatte und immer noch gab.
«Wo ist Ihre Ware?» fragte sie.
«Vor der Tür», sagte Voigt und wies mit dem Daumen über die Schulter nach hinten.
«Und was soll sie da? Wollen Sie mir den Eingang versperren, mein Lieber? Herein mit dem Kram. Vielleicht kaufe ich Ihnen sogar eine Hose ab, hahaha! Los, Kinder, kommt! Schiebt mal schnell die Gestelle ins Kabuff!»
Die Mädchen flitzten. Voigt wollte ebenfalls hinaus, weil es ihm peinlich war, andere seine Arbeit machen zu lassen. Er lief zu schnell, stolperte über eine Falte im Teppich, stürzte aber zum Glück nicht, sondern konnte sich torkelnd mit ausgebreiteten Armen gerade noch so halten.
Ina Horwitz lachte. «Sie sollen mir Konfektion verkaufen, Herr Voigt, und keine Kunststückchen vormachen! Ich glaub Ihnen auch so, daß Sie fit sind – obwohl Sie mir ja den letzten Beweis noch schulden, haha!»
Ach du liebe Güte, dachte Voigt mit rotem Kopf; auch das noch! Bleibt mir denn heute gar nichts erspart? Und er lächelte dabei die Dicke an, so gut er konnte. Dann schob er mit den drei Verkäuferinnen die Kollektion durch den Vorhang in das Zimmer dahinter.
«Ist Ihr Herr Schrader heute nicht da?» fragte er.
«Nein, der ist krank», sagte Ina Horwitz. «Aber den brauchen wir auch nicht, denke ich. So viel wie Schrader verstehe ich von Männerhosen allemal, haha!» Sie setzte sich in einen der etwas schäbigen Stahlrohrsessel, von denen drei um den großen, leeren Tisch standen.
Das ‹Kabuff› war hell beleuchtet, denkbar ungemütlich und hatte was vom provisorischen Charakter eines Zirkus-Wohnwagens, in dem gastierende Artisten für einen Monat untergebracht werden, oder von einer Theatergarderobe, in der nie jemand etwas anderes tut, als sich umzuziehen, zu schminken, auf seinen Auftritt zu warten oder sich abzuschminken.
Das einzige, das dem Raum einen Hauch Menschlichkeit verlieh, war die Kaffeemaschine auf dem kleinen Tisch neben einem schäbigen Spind, die blubberte und den Duft guten Kaffees verbreitete. Aber das billige, bunt zusammengewürfelte Geschirr davor dämpfte Voigts Appetit auf Kaffee, weil es nicht allzu sauber aussah.
Trotzdem sagte er natürlich: «Ja gern, Frau Horwitz!», als ihn die großgeblümte Chefin fragte, ob er eine Tasse trinken wolle. Er würde auch ‹Ja, gern› gesagt haben, wenn sie ihm kalten Kamillentee angeboten hätte oder Eierlikör – beides Getränke, die er verabscheute wie Marschlieder und Ölgemälde von oberbayerischen Gebirgsseen.
Ina Horwitz erhob sich, schenkte Kaffee ein und reichte ihm eine Tasse. Sie fragte nicht, ob er Zucker oder Sahne dazu haben wollte. Er hätte gern ein Stück Zucker gehabt, doch er traute sich nicht, darum zu bitten, um sie nicht in Verlegenheit zu bringen, falls kein Zucker da war. Er trank den schwarzen, bitteren Kaffee im Stehen. Sie setzte sich wieder und ihr Kleid rutschte dabei über die Knie. Das waren runde, formlose Wülste, die durch die teuren Strümpfe auch nicht viel schöner wurden.
«Also dann», sagte Ina Horwitz, «dann wollen wir mal, lieber Herr Voigt! Was haben Sie denn Schönes? Daß Sie mir aber nicht wieder solche Dehnbundhosen andrehen wie Ihre Marke Teneriffa voriges Mal, hören Sie! ‹Das wird ein Schlager!› haben Sie erzählt. Und die liegen bei mir wie Blei! Elf Stück habe ich geordert und gekriegt – und eine verkauft in dem halben Jahr! Kein Mensch hat sie auch nur anprobiert. Aber das ist kein Wunder bei dem Dessin und solchen beknackten Farben! Und Flügeltaschen! Die kann ich nur noch im Sommerschlußverkauf loswerden … Also mit so was verschonen Sie mich diesmal, ja!»
Voigt widersprach ihr nicht. Er entschuldigte sich und bedauerte, daß die Hose Teneriffa bei ihr nicht gegangen war – er hätte sonst nirgendwo etwas Nachteiliges darüber gehört, sagte er.
Doch das war schon zuviel. Ina Horwitz verkniff die wasserblauen Augen. «Was heißt das?» fragte sie und ihre Stimme war plötzlich scharf. «Wollen Sie damit sagen, daß anderswo besser verkauft wird? Daß es vielleicht an mir liegt, wenn ich auf einem Artikel sitzenbleibe?»
Und ehe Voigt, der beschwörend die Hände erhoben hatte, noch irgend etwas erwidern konnte, fuhr sie fort:
«Ich habe im letzten halben Jahr meinen Umsatz um rund vierzehn Prozent gesteigert, mein Bester! Vierzehn! Und das trotz der Warenhauseröffnung vorn an der Straße und trotz des verregneten Sommers, in dem so gut wie keine Freizeitkleidung … Vierzehn Prozent! Und da kommen Sie und sagen, das liegt an mir, wenn ich Ihre Ware nicht loswerde, wie? Das ist ja doch … Aber wir wollen uns nicht streiten. Zeigen Sie mal, was Sie da mithaben!»
Voigt hatte die Hände sinken lassen. Was ist nur heute los? dachte er. Voriges Mal hab ich ihr über zweihundert Anzüge und hundertfuffzig Sakkos und dreihundert Hosen verkauft, reibungslos, innerhalb von drei Stunden. Und heute motzt sie mich an, ehe ich noch das erste Stück vom Ständer habe, verdammt noch mal!
«Womit wollen wir anfangen, Frau Horwitz?» fragte er und sah sie mit dem Ausdruck an, den er seinen ‹tiefen Blick› nannte: Halbgeschlossene Lider, leicht gesenkte Mundwinkel, etwas geöffnete Lippen, die linke Augenbraue ein paar Millimeter gehoben.
Er hatte das vor dem Spiegel geübt – damals schon, als er seine Laufbahn als Textilvertreter begann –, und er hatte damit bei Direktricen oder Geschäftsinhaberinnen über Vierzig immer Erfolg gehabt. Nur einmal, vor zehn oder elf Jahren, bei einer schwarzhaarigen Witwe in einem kleinen, aber gutgeführten Laden oben im Oldenburgischen, da war er damit nicht gelandet. Die Frau war so ’ne Intelligenzbestie gewesen, die ganz genau gewußt hatte, was sie wollte, und die er – als sie seine neue Kollektion mit ironischen Bemerkungen kritisierte – mittels seines ‹tiefen Blicks› zu beeinflussen versucht hatte. Aber da hatte die resolute Dame erstaunt den – an sich hübschen, oder richtiger, aparten – Kopf in den Nacken gelegt und hatte gefragt: «Ist Ihnen nicht gut, Herr Voigt? Soll ich Ihnen eine Aspirin geben? Oder lieber einen Cognac? Sie wirken plötzlich so, als hätten Sie irgendwas … Magenschmerzen? Oder sind Sie müde?» Und dann hatte sie, als er zwinkernd seinen normalen Verkaufsausdruck wieder annahm, spöttisch gelächelt und hatte gesagt, er habe sie für einen Moment an ein schläfriges Pferd erinnert.
Hier und heute aber, in ‹Inas Mode-Ecke› bestand nach Ernst Voigts Meinung diese Gefahr nicht. Denn Ina Horwitz war gewiß keine Intelligenzbestie und würde auf seinen ‹tiefen Blick› sicher so reagieren, wie viele Dutzend anderer Frauen bis jetzt reagiert hatten.
Es funktionierte.
Ina Horwitz erwiderte blinzelnd Voigts Blick, machte leise «Oh …», ließ für vier, fünf Sekunden danach den Mund offen, schluckte, fuhr sich mit der Zungenspitze über die Lippen und sagte mit heiserer Stimme: «Beginnen wir mit … äh … mit den Hosen, den … äh … den Herrenhosen, wie?»
«Ja, wie Sie wünschen, Frau Horwitz!» Voigt hob geschickt und mit dem Schwung, den ihm das kleine Erfolgserlebnis soeben verliehen hatte, eine Reihe Hosenbügel von seinem Gestell und legte sie auf den Tisch, von dem Frau Horwitz die leeren Kaffeetassen auf ein Nebentischchen geräumt hatte, ohne aufzustehen.
«Da haben wir also ein neues Muster», begann Voigt forsch und hob die erste Hose präsentierend hoch. «Das ist das Modell Cadillac – eine modisch-sportliche Gürtelhose ohne Bundweitenprobleme mit zwei Gesäßtaschen. Wir haben da die gleiche Paßform genommen wie bei dem Typ Hansa im vorigen Jahr, den Sie gewiß gut verkauft haben …»
«Ja, das war ein recht ordentlicher Artikel», sagte Ina Horwitz, jetzt wieder sachlich und mit normaler Stimme.
«… nur, daß Cadillac mehr rustikal verarbeitet ist», fuhr Voigt fort. «Also im Styling eher der Serie Hubertus angepaßt, die ja ein echter Erfolg war – und noch ist, wenn ich das so sagen darf. Es gibt die Hose in Schilf, das ist ja der neue Trend – überhaupt alle Grüntöne von Lind über Oliv bis Moos sind im Kommen –, und natürlich in den drei Grautönen, die ja immer gehen. Sie können sie in allen Größen haben, auch halbe Größen sind lieferbar. Material 55 Prozent Polyester/Diolen, 45 Prozent Schurwolle, 540 Gramm. Kurzum: Eine Hose, von der wir uns viel versprechen!»
«Tja», sagte Frau Horwitz mit prüfend schiefgelegtem Kopf. «Tja … Sieht gut aus! Also schreiben Sie mal! 48 bis 58 je zwei – nein, stopp! 46 bis 50 je zwei. 52, 54 je dreimal, und von den großen Größen keine. Bei mir kaufen verhältnismäßig wenig Dicke! Aber von 23 bis 29 je eine … Haben Sie? Und 49 bis 51 je zwei … Klar? Die nächste!»
Voigt füllte flink den Bestellbogen aus und nahm die nächste Hose hoch. «Das ist ein neues Modell der Serie Lucky Star, also eine junge Hose, sozusagen, haha! Sie heißt Joujou, und ist ein betont jugendlich schlankes Stück, aktuell als Bundfaltenhose mit dem Drei-Zentimeter-Umschlag, der sich ja doch immer mehr durchsetzt, wie Sie wissen! Wir haben sie mit einer geknöpften Bundverlängerung versehen und mit einer doppelpaspelierten, durchgeknöpften Gesäßtasche, die …»
Voigt redete, zeigte, redete und verlor von Hose zu Hose, von Sakko zu Sakko, von Anzug zu Anzug mehr von seiner anfänglichen Unsicherheit und schlechten Laune – weil die mollige Blondine ihm zuhörte, ihm offenbar vertraute und sehr gut bestellte.
Nach fast drei Stunden hatte er seine Kollektion vorgeführt und für mehr als 19000 Mark Bestellungen aufgeschrieben. Das entsprach einem Verdienst von über 650 Mark für ihn – das war sehr gut für die erste Hälfte des Tages.
Er war richtig zufrieden. Wenn die Woche so weiterging, konnte ihm der Kratzer am Auto schnuppe sein. Priesecke würde sich seine dreckigen Bemerkungen wie «Schaffen Sie das noch …?» verkneifen müssen. Und Trudchen müßte ihre dauernde Nörgelei, daß er zu wenig verdiene, ebenfalls sein lassen. Aber sie würde dann schon irgendwas anderes finden …
Ja, sicher; er hatte ein schlechtes Jahr hinter sich – aber das war nicht allein seine Schuld. Da waren viele Dinge zusammengekommen: Ärger, Krankheit, Flaute in der gesamten Textilwirtschaft, die Dollarkrise, die viele vorsichtig gemacht hatte, der ständige Zank zu Hause … Und er hatte gemerkt, daß es einem mit 55 Jahren schwerer fällt, Fehlschläge zu schlucken und zu überwinden, als mit 35 Jahren.
Aber nun ging es wieder bergauf, klar!
So ein Vormittag, da kam wieder Wind in die Segel, jawollja! Und er würde es ihnen schon zeigen, daß er immer noch zur Spitzencrew gehörte und allemal noch mit fünfzehn Pferden mehr unter der Motorhaube glatt zurecht kam, zum Teufel noch mal!
«Na fein, lieber Voigt», sagte Ina Horwitz, «das hätten wir also! Packen Sie mal schön ein, bringen Sie Ihren Kram ins Auto, und dann lade ich Sie zum Essen ein, einverstanden?»
«Aber mitnichten einverstanden, liebe Frau Horwitz!» rief Ernst Voigt. «Ich lade Sie zum Essen ein, wenn Sie erlauben!»
«Wir werden es im Restaurant ausknobeln», entgegnete sie. «Können Sie knobeln?»
«Ja, sicher», sagte er. «Aber …»
«Kein Aber!» unterbrach sie ihn. «Wenn Sie nicht mit mir knobeln wollen, müssen Sie allein essen! Und ich wünsche fast, ich verliere und muß bezahlen – denn dann könnte ich auf die Sprichwort-Wahrheit hoffen: Pech im Spiel, Glück in der Liebe … Haha!»
Sie lachte laut – ein bißchen zu laut, aber Voigt lachte laut – ein bißchen zu laut – mit.
«Die Mädchen helfen Ihnen», sagte sie, stand auf, steckte den blondkunstgelockten Kopf durch den Vorhang und rief: «Betty! Angelika! Kommt, helft dem Herr Voigt. Lilo bleibt im Laden!»
Eine Viertelstunde später war Voigts Kollektion wieder in Reih und Glied auf den Gestellen, und er brachte sie mit Hilfe der zwei kichernden Mädchen oben aufs Parkdach und verstaute alles im Wagen. Eine weitere Viertelstunde später saß er Frau Horwitz gegenüber an einem Fenstertisch des Restaurants Zum Heidekrug, 200 Meter vom Einkaufszentrum – viele Kilometer von der nächsten Heide – entfernt.
«Also los, knobeln!» befahl die resolute Geschäftsfrau und ballte auch schon die rechte Hand zur Faust.
«Ach, machen Sie mir doch die Freude und seien Sie mein Gast!» versuchte es Voigt noch mal.
«Nein!» sagte Ina Horwitz beharrlich. «Ausgemacht ist ausgemacht. Los, spielen Sie mit!»
Es blieb ihm nichts übrig, als auch die Hand zur Faust zu ballen und auf ihr Kommando mitzuknobeln.
«Eins, zwei, drei!» sagte sie und spreizte Mittel- und Zeigefinger, während Voigt die Faust geballt ließ.
«Stein schleift Schere!» sagte sie. «Eins zu null für Sie, Herr Voigt! Weiter! Eins, zwei, drei!»
Voigt streckte seine Hand flach aus, Ina Horwitz ließ ihre geballt.
«Papier wickelt Stein ein!» verkündete sie fröhlich. «Sie haben gewonnen! Ich muß bezahlen! Schön!»
Sie tätschelte über dem Tisch seine Hand und lachte.
Der Kellner kam. Sie bestellten. Voigt würde sich, wenn er allein gegessen oder die Knobelei gewonnen hätte, anläßlich des guten Geschäfts gern ein Filetsteak mit frischen Champignons und Kräuterbutter bestellt haben, aber das kostete über zwanzig Mark, und so bestellte er sich gefüllte Paprikaschoten für siebenfünfzig, und das Wasser lief ihm im Munde zusammen, als er Frau Horwitz beim Essen zusehen mußte, die das Filetsteak gewählt hatte.
Sie trieben während der Mahlzeit jene Sorte Konversation, bei der man den Satz, den man sagt, schon vergessen hat, ehe er zu Ende gesprochen ist: Das Wetter in diesem Sommer, die Preise in diesem Jahr, die Schwierigkeiten in dieser Branche, die Aussichten in dieser Zeit … Und so weiter und so weiter. Zwischen Hauptgericht und Nachtisch fragte Ina Horwitz überraschend:
«Sind Sie verheiratet, Herr Voigt? (Vooocht …)» Und als er verdutzt nickte: «Und wie lange schon?»
«Seit bald zwanzig Jahren.»
«Kinder?»
«Nein – meine Frau ist kränklich, sie … Nun ja, sie ist nicht stabil genug für Kinder, weil … äh … Es sind die Nerven», stammelte er.
Ina Horwitz schwieg eine Weile.
Der Kellner brachte das Kompott.
Voigt wußte auch nicht, was er jetzt sagen sollte, und je krampfhafter er nach einem Thema suchte, desto leerer erschien ihm sein Kopf.
Das Kompott schmeckte ihm nicht, aber er schluckte es hinunter, weil seine Kundin ihres mit sichtlichem Appetit aß.
«Darf ich Ihnen denn wenigstens noch einen Kaffee bestellen – und vielleicht einen Cognac?» fragte er.
Sie antwortete mit der Gegenfrage: «Wohin wollen Sie jetzt?»
«Wollen? Ich muß nach Neustadt», sagte er.
«Werden Sie dort erwartet?» fragte sie.
«Ja, da ist ein Kunde, bei dem ich mich für den späten Nachmittag angesagt habe», erklärte er.
«Später Nachmittag ist fünf, halb sechs, nicht wahr?» Sie wartete seine Bestätigung nicht ab, sondern sprach gleich weiter: «Jetzt ist es eins … kurz nach eins … Sie brauchen etwa zwei Stunden bis Neustadt, höchstens zwei Stunden, denke ich. Dann trinken wir bei mir noch gemütlich einen Kaffee miteinander!»
«Ja, gern, danke!» sagte er und erschrak, als sie sagte: «Ich wohne nur fünf Minuten von hier!»
Denn er hatte gedacht, sie meine mit ‹bei mir› ihr Geschäft. Aber es war nun unmöglich, die Einladung abzulehnen.
Sie winkte dem Kellner, zahlte und stand auf. Er half ihr in den Mantel und ging an ihrer Seite aus dem Lokal, die Straße entlang, eine schmale Straße rechts ab und in ein schön renoviertes Haus aus der Gründerzeit.
Dort stand er neben ihr in dem alten, ratternden, holzgetäfelten Fahrstuhl, sah sein verlegenes Gesicht in dem narbigen Spiegel an der Fahrstuhlwand, bemühte sich um einen fröhlich-freundlich-unverbindlichen Gesichtsausdruck. Er wußte nicht, wohin mit seinen Händen, als Frau Ina Horwitz sich jetzt an ihn lehnte, und sagte irgendwas ganz Albernes: daß diese alten Häuser doch einen eigenen, unverwechselbaren Reiz hätten und wie interessant das sein müßte, zu wissen, welche Schicksale sich in dem Jahrhundert ihres Bestehens in diesen Wänden erfüllt hätten, während Ina Horwitz ihn nur ansah und den vollen Mund zwischen ihren runden Wangen ein Stückchen öffnete und schwer atmete.
Die Wohnung im dritten Stock des alten Hauses war erstaunlich schön. In dem großen, hohen Wohnraum, in den Ina Horwitz ihn führte, nachdem er ihr auf dem langen Flur aus dem Mantel geholfen und diesen an einem rotlackierten Garderobenständer im Wiener Kaffeehaus-Stil gehängt hatte, der an der Wand neben einer Reihe hübscher Hamburgensien stand – in dem großen, hohen Wohnraum also waren nur wenige Möbel. Die sahen so schlicht aus, daß sie sicher sehr teuer gewesen waren.
Ein aprikosenfarbener Teppich, knöcheltief und doppelt so groß wie der Spielplatz eines städtischen Kindergartens, reichte von der Tür bis zum dreifenstrigen Erker, in dem eine echte, fremde Pflanze blühte, die das Zimmer mit einem seltsam süßen Geruch füllte. Vor den Fenstern waren feingliedrige Jalousien herabgelassen, so daß eine Halbdämmerung herrschte, die den Raum noch exotischer machte.
«Nehmen Sie bitte Platz, lieber Herr Voigt!» sagte die Geschäftsfrau im Großgeblümten und wies auf ein geschwungenes, schönes Sofa rechts neben der Tür, das eigentlich kein Sofa war, sondern irgendwas Französisches – nur wußte Ernst Voigt nicht, ob das Stück Bergère oder Récamier hieß … Aber so ähnlich hieß es.
