Der Kampf um einen geistigen Lebensinhalt - Rudolf Eucken - E-Book

Der Kampf um einen geistigen Lebensinhalt E-Book

Rudolf Eucken

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Beschreibung

Der Kampf um einen geistigen Lebensinhalt entwirft in programmatischen Essays die These, dass die Moderne ihre Sinnmitte verloren hat und nur durch Erneuerung des geistigen Lebens zu Einheit findet. Gegen Naturalismus, Historismus und Relativismus behauptet Eucken ein autonomes Reich des Geistes, das zur aktiven Selbstbestimmung und Mitgestaltung von Kultur verpflichtet. Stilistisch verbindet das Buch polemische Zuspitzung mit systematischer Besinnung; im Hintergrund wirken Kant und Fichte, die christliche Überlieferung sowie die Krisendebatten um Wissenschaft, Technik und Industrialisierung des späten 19. Jahrhunderts. Rudolf Eucken (1846–1926), Professor in Jena und 1908 mit dem Literaturnobelpreis geehrt, verband philologische Schulung mit kulturphilosophischer Leidenschaft. Unter dem Eindruck von Darwinismus, Sozialfrage und dem Triumph der Naturwissenschaften entwarf er den "Aktivismus des Geistes": eine ethisch-religiöse Lebensanschauung jenseits von Dogmatismus und Szientismus. Lehrtätigkeit, öffentliche Debatten und die beschleunigte Moderne lieferten den Nährboden dieses Buches. Zu empfehlen für alle, die die Sinnkrise der Moderne philosophisch durchdringen wollen: Kulturphilosophie, Theologie, Pädagogik und Ideengeschichte profitieren gleichermaßen. Trotz historischer Diktion überzeugt die Klarheit der Diagnose und der praktische Impuls. Ein anspruchsvolles, anregendes Buch, das Denken in Lebensgestaltung überführt.

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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Rudolf Eucken

Der Kampf um einen geistigen Lebensinhalt

e-artnow, 2025 Kontakt: [email protected]

Inhaltsverzeichnis

Vorwort.
I. Aufsteigender Teil. Die Stufen der Bewegung.
A. Der Kampf um die Selbständigkeit des Geisteslebens.
1. Die Unhaltbarkeit der ersten Lage.
a. Das Hinauswachsen des Menschen über die Natur.
b. Der Widerspruch im unmittelbaren Dasein.
c. Die Forderung einer selbständigen Geisteswelt.
2. Der neue Lebensprozess.
a. Die Hauptthese.
b. Das Zeugnis der weltgeschichtlichen Arbeit.
c. Der Umriss der neuen Wirklichkeit.
B. Der Kampf um den Charakter des Geisteslebens.
1. Der Ursprung des Charakters.
a. Erster Entwurf.
b. Neue Aussichten und Aufgaben.
2. Die Entwickelung des Charakters.
a. Einzelne Hauptpunkte.
b. Der Umriss des Lebenssystems.
c. Konsequenzen und Entwicklungen.
α. Die Versöhnung von Einheit und Vielheit.
β. Die Befreiung vom Intellektualismus.
γ. Das Unrecht und das Recht der Geschichte.
3. Die Auseinandersetzung mit der menschlichen Lage.
a. Das Problem.
b. Die Bewegung des Daseins zum Geist.
с. Die Versöhnung von Idealismus und Realismus.
C. Der Kampf um die Weltmacht des Geisteslebens.
1. Das Problem.
a. Die Natur.
b. Das geistige Vermögen.
c. Die moralische Gesinnung.
d. Die Geschichte.
e. Die Gesellschaft.
f. Das Schicksal.
2. Das Suchen nach Lösungen.
a. Die Wegdeutung des Bösen.
b. Die Zurückdrängung des Bösen.
c. Der Verzicht auf die Geisteswelt.
d. Die Philosophie der Entsagung.
3. Der Weg der Rettung.
a. Begründung.
b. Auseinandersetzung mit dem Zweifel.
c. Entwicklung der neuen Welt.
d. Verwicklungen und Abgrenzungen.
II. Absteigender Teil. Das Gesamtbild im Verhältnis zur Zeit.
A. Das Gesamtbild des Geisteslebens.
1. Der allgemeine Anblick.
2. Die Lage des Menschen.
B. Auseinandersetzung mit der Zeit.
1. Geschichtliche Orientierung.
2. Die Verwicklung der Zeit.
3. Forderungen für Gegenwart und Zukunft.
a. Forderungen des Ganzen.
b. Forderungen der einzelnen Stufen.
c. Forderungen einzelner Hauptgebiete.
α. Die Religion.
β. Die Ethik.
γ. Die Kunst.
d. Die Philosophie.

Vorwort.

Inhaltsverzeichnis

Die folgenden Darlegungen wissen sich in vollem Gegensatz zu den geistigen Strömungen, die heute äußerlich noch vorherrschen.

Sie müssen abgelehnt werden von dem konventionellen und offiziellen Idealismus. Denn sie behandeln viel zu sehr die Probleme als im Fluß und verlangen viel zu eingreifende Umwandlungen, als daß sie demjenigen gefallen könnten, dem alles fest und fertig dünkt.

Sie müssen ferner abgelehnt werden von dem Naturalismus jeder Färbung. Denn viel zu energisch verfechten sie eine geistige Wirklichkeit jenseits des sinnlichen Daseins, und viel zu entschieden verwerfen sie alle Kompromisse zwischen den in Wahrheit unversöhnlichen Gegensätzen, als daß sie nicht die volle Gegnerschaft jener Richtung auf sich nehmen müßten.

Endlich müssen sie auch abgelehnt werden von der selbstbewußten und selbstgerechten Fachgelehrsamkeit. Wo alles Streben nach Weltanschauung und zusammenhaltender Überzeugung eine leere Utopie dünkt, wo man die Philosophie nur soweit gelten läßt als sie auf alle Prinzipienfragen verzichtet und entweder Geschichte oder Naturwissenschaft wird, da kann sich kein Verständnis finden für ein Streben nach einer inneren Wendung aus dem Großen und Ganzen.

So sind wir auf die Minorität angewiesen und müssen uns besonders in unserer eignen Wissenschaft recht vereinsamt fühlen. Aber das schreckt uns nicht im mindesten. Einmal ist diese Minorität nicht so klein wie sie sich bei der Zerstreuung der Geister ausnimmt, und dann gibt es keine bessere Position als die in einer Minorität, welche ein unabweisbares Bedürfnis und auch schon den inneren Zug der Zeit für sich hat. Daß dem heutigen Kulturleben eine alles durchdringende und zusammenhaltende Hauptüberzeugung, ein gemeinsames Ideal fehlt, das kommt immer deutlicher zur Empfindung, zugleich aber auch dieses, daß wir damit einer geistigen Substanz entbehren, ja überhaupt einen Lebensinhalt, der diesen Namen verdient, einzubüßen drohen. So haben wir um ein geistiges Leben überhaupt wie um etwas neues zu kämpfen. Ist aber ein solches Problem einmal wach geworden, so kann es nicht wieder einschlummern, so läßt es sich auch nicht als eine Nebensache behandeln. Vielmehr wird es die Gemüter immer mächtiger bewegen und immer mehr den Vordergrund des Lebens einnehmen. Die Zeit dürstet nach einem fester begründeten und zugleich größeren und freieren Leben, nach mehr Verwandlung der Wirklichkeit in innere Erfahrung der Menschheit; sie bedarf dafür einer größeren Aktivität des Geistes, sie bedarf einer kräftigen Urerzeugung und Neubewährung geistigen Lebens. Und einem solchen Problem sollte die Philosophie ihre Mitarbeit versagen, es als ein minder „exaktes" von sich schieben!

Will sie aber daran mitarbeiten, so muß sie neben den Spezialuntersuchungen, deren Wert in vollen Ehren bleibt, wieder eine Wendung ins Prinzipielle und Ganze vollziehen; so darf sie den Gegensatz des Idealismus und Naturalismus die unliebsamen Schlagwörter seien hier der Kürze halber entschuldigt - nicht verschleiern und durch einen matten Synkretismus abschwächen, sondern sie hat sich entschieden für den Idealismus zu erklären, freilich zugleich auch eine neue, wesenhaftere Art des Idealismus zu fordern; so kann sie sich endlich bei der Entfaltung der Geisteswelt nicht mit einer bloßen Schilderung und Zurechtlegung empirischer Art begnügen, sondern sie muß einen überlegenen Standort gegenüber der zerstreuten und fließenden Erfahrung erringen, von hier aus eine Umwandlung der Welt des ersten Eindruckes unternehmen und auch dem Leben neue Kräfte zuführen. Gegenüber der unerträglichen Verworrenheit der gegenwärtigen Lage muß sie auf einer schärferen Scheidung der Geister bestehen; die notwendige Vertiefung des Lebens kann sie nur erreichen durch einen Bruch mit dem nächsten Dasein, durch eine Umkehrung der vorgefundenen Lage. Ohne Wagnis läßt sich dabei nicht auskommen, numquam periclum sine periclo vincitur.

In den Dienst dieser Aufgaben stellen sich die folgenden Ausführungen. Ihrer Unvollkommenheit ist sich der Verfasser vollauf bewußt; gern hätte er besseres geboten als hier geboten ist. Aber die Gesinnungsgenossen darf er bitten, der Schwierigkeiten eingedenk zu sein, mit denen ein solches Unternehmen in dem geistigen Dunkel der Gegenwart zu kämpfen hat, und von Herzen würde er sich freuen, wenn die leitenden Ideen, über deren schließlichen Sieg kein Zweifel sein kann, von Anderen glücklicher und eindringlicher verfochten würden.

Jena, im Herbst 1895.

Rudolf Eucken.

I. Aufsteigender Teil. Die Stufen der Bewegung.

Inhaltsverzeichnis

A. Der Kampf um die Selbständigkeit des Geisteslebens.

Inhaltsverzeichnis

1. Die Unhaltbarkeit der ersten Lage.

Inhaltsverzeichnis
a. Das Hinauswachsen des Menschen über die Natur.
Inhaltsverzeichnis

Wer heute nach einem Sinn unseres Daseins und nach einem Hauptziel unseres Handelns forscht, dem trägt nicht nur eine Hochflut der Zeitmeinung, sondern ein mächtiger Strom der weltgeschichtlichen Arbeit eine klare und selbstgewisse Antwort entgegen. Der Mensch, so heißt es, gehört ganz und gar zur Natur; nicht nur von außen umfängt sie uns mit überlegener Gewalt, auch innerlich beherrscht uns ihr fester Zwang, mit sicheren Zügen weist sie den einzigen Weg zur Wahrheit und zum Glücke. Wenn den Menschen ein stolzes Unterfangen von dieser seiner Heimat losriß und ihm ein selbständiges Reich des Geistes vorspiegelte, so ist er dadurch nur ins Irre und Leere geführt; je mehr sich aber solcher Wahn im Lauf der Zeiten befestigte und unser Denken und Thun durchdrang, desto mehr ist er ein Hemmnis wahren und echten Lebens geworden, desto energischer ist er zu bekämpfen, desto radikaler auszurotten. Das aber bildet eine Hauptaufgabe der Neuzeit und der Gegenwart. Ein grosser Wendepunkt der Zeiten scheint gekommen, zugleich eine Rückkehr zu uralter Wahrheit und eine völlige Erneuerung des Lebens; es handelt sich um die Ersetzung einer erkünstelten und greisenhaften Kultur durch eine wahre und jugendfrische. Gewinnen wir es nur über uns, die hochmütige Isolierung aufzugeben und die selbstgemachte Scheidewand zwischen uns und den Dingen abzubrechen, und wir werden aus der Berührung mit unserer Mutter Erde unversiegliche Kräfte schöpfen!

Das sind zunächst bloß Meinungen und Stimmungen. Aber hinter diesen Meinungen und Stimmungen steht eine gewaltige Arbeit, ja eine weltgeschichtliche Bewegung. In der That hat die Neuzeit den Menschen in ein anderes, ungleich engeres und fruchtbareres Verhältnis zur Natur gebracht. Sie hat das aber gethan, indem sie zunächst beide schärfer scheiden lehrte. Denn nur so konnte die Natur zu ihrem Rechte gelangen. Das unmittelbare Ineinanderfließen beider, wie es den naiven Lebensstand kennzeichnet, war durch lange und zähe Gedankenarbeit des Altertums und Mittelalters wissenschaftlich formuliert und systematisiert, und es hatte sich damit um die große Welt ein enges Netz menschlicher Begriffe gesponnen. Dies Gewebe war vor allem aufzulösen, die Natur mußte in ihrer Selbständigkeit anerkannt sein, um ihre Eigentümlichkeit aussprechen zu können. Diese Eigentümlichkeit aber zeigte bald einen ungeheuren Abstand, ja Gegensatz zur menschlichen Art. Wir sahen aus der Natur alle seelischen Grössen wie böse Geister ausgetrieben durch seelenlose Massen und Bewegungen, alle Gesamtgebilde aufgelöst in kleine und kleinste Elemente, alles Geschehen aus einer vermeintlichen Innerlichkeit verlegt in die äußeren Berührungen jener Elemente, alle Werte und Zwecke als leere Hirngespinnste entfernt zu Gunsten einer in sich selbst ruhenden und bei sich selbst befriedigten Thatsächlichkeit. Indem sich diese Antriebe im Lauf der Jahrhunderte mehr und mehr in fruchtbare Arbeit umsetzen und in die Unermeßlichkeit des Stoffes einsenken, erhebt sich immer anschaulicher und immer überwältigender das Bild einer großen selbstgenugsamen Wirklichkeit jenseits unseres kleinmenschlichen Thuns und Treibens. Eine Welt unerschöpflich in dem Reichtum ihrer Bildungen und denkbar einfach in den Grundformen ihres Lebens, aus lauter Einzelpunkten bestehend, aber sie alle im Zusammensein untrennbar verwebend; rastlos bewegt im bunten Spiel der Erscheinungen, aber von strenger Unwandelbarkeit im Bestande des Grundes; ohne Spuren einer menschenähnlichen Vernunft, aber mit ihrer unverbrüchlichen Gesetzlichkeit und ihrem ehernen Kausalzusammenhange das gewaltigste System immanenter Logik; von durchsichtiger Klarheit in ihren Äußerungen, von geheimnisvollem Dunkel in ihrer Tiefe, aber unter so deutlicher Abgrenzung beider, daß das Geheimnis Geheimnis bleiben kann und die Arbeit des lichten Tages unbehelligt läßt.

Diese neue Welt erhob sich zunächst dem Menschen gegenüber als ein eigentümliches Reich, neben dem sich ein selbständiges Gebiet seelischer Innerlichkeit erhielt. Ja, die deutliche Auseinandersetzung schien dies nur noch mehr in seiner Art zu bestärken, zu vertiefen und auszuprägen. Aber bald wandte die Natur sich gegen jene Sonderstellung des Menschen und begann ihn immer mächtiger an sich zu ziehen und unter sich zu bringen. Und zwar entsprang die Unterwerfung des Menschen gerade aus der Entwicklung einer Macht und der Ausübung einer Herrschaft über die Natur; nichts hat die Natur mehr zu seinem Herrn gemacht als die intellektuelle und die technische Bewältigung der Natur. Die Abschüttelung der mittelalterlichen Vorstellungsbilder und der Fortgang zu einer objektiven und exakten Naturerkenntnis war zugleich eine Unterwerfung der Natur unter den wissenschaftlichen Begriff, ein Triumph des Intellekts über die Außenwelt. Aber wie oft, so überwand auch hier innerlich der Besiegte den Sieger. Durch den näheren Inhalt, den die Natur den Begriffen gab, bezwang sie die geistige Arbeit, und zwar um so gewisser und nachhaltiger, je unmerklicher sich diese Wirkung vollzog. So groß war die Macht der an der Natur gewonnenen Festigkeit, Anschaulichkeit und systematischen Ordnung der Begriffe, daß das dort gefundene Bild auf die Innenwelt übergriff und immer mehr auch ihre Gestaltung beherrschte. Auch die direkten Gegner konnten sich dieses Einflusses nicht erwehren. Zeigt doch selbst ein Leibniz, wie viel stärker der Zug der geistigen Strömung ist als die Tendenz der Individuen, wie jemand in der Bekämpfung des „Naturalismus" eine Lebensaufgabe erblicken und zugleich dem Gegner selbst die Wege bereiten kann.

Ward so von innen her der Boden für eine neue Lebensführung gewonnen, so wirkte auf die Breite des Lebens ausgedehnter und sichtbarer die immer raschere Entfaltung einer technischen und industriellen Kultur, dieses Sprossen der neuerschlossenen Naturerkenntnis. Bacon hatte Recht mit dem Worte, der Mensch werde zum Herrn der Natur nur dadurch, daß er ihr diene; er vergaß nur hinzuzufügen, daß er in ihrem Dienst bleibt, auch nachdem er ihr Herr geworden ist, daß er immer tiefer in ihren Bann gerät, je mehr er aus ihr zu machen weiß. Denn je mehr die Technik fortschreitet, desto mehr verlegt sich die Substanz der Arbeit in die Maschine und damit in die Naturkräfte, desto mehr wird der Mensch gebunden, desto mehr hat er nur zu warten und zu bedienen. Was seine Intelligenz und Geschicklichkeit ersann, das erlangt eine selbständige Natur, richtet sie gegen den Urheber, diktiert seinem Thun die Bahnen und beherrscht schließlich auch sein Sinnen und Empfinden. Innerhalb unseres eignen Daseins entwickelt sich ein Naturprozeß, dringt von der Arbeit in die Gesinnung, von der Gesinnung in das Wesen und wird endlich unser ganzes Leben. Die technische Arbeit mit ihrer ausschließlichen Richtung auf den Effekt, ihrer zusehends wachsenden Differenzierung, ihrer Anhäufung großer Massen, ihrer Ausbildung schroffer Gegensätze, ihrer fieberhaften Rastlosigkeit und lebenbeschleunigenden Hast, ihrer Verschärfung des Kampfes ums Dasein wird typisch für unser ganzes Leben: das erfahren nicht nur die Einzelnen in ihren gegenseitigen Verhältnissen, das erfährt auch die Menschheit als Ganzes; auch sie wird in den Wirbel hineingezogen, fortgerissen, in atemloser Aufregung gehalten, sie wird ein bloßes Stück, ein Mittel eines ohne Ruhe und Rast, ohne Sinn und Vernunft fortjagenden maschinenartigen Kulturprozesses. Was anderes ist aber ein solcher Kulturprozeß als eine Fortsetzung jenes mechanischen Naturprozesses? So hat die Natur auf unserm eignen Gebiet über uns gesiegt. Wir aber haben das gerade Gegenteil von dem erreicht, was wir wollten: wir wollten die Natur der Vernunft unterwerfen, wir sind mit aller unserer Vernunft der Natur anheimgefallen.

Es wird aber die Wendung zur Natur, die so in großem Zuge als eine unwidersprechliche und unwiderstehliche Wahrheit auftritt, zu einer ungeheuren Aufgabe gegenüber der gesellschaftlichen Lage. Die Entfernung von der Natur hat hier zu viel geschichtliche Thatsächlichkeit erlangt, um nicht harten Widerspruch und Widerstand zu leisten. So bedarf es angestrengter Arbeit zur Ausrottung alles Unechten, zur Freilegung und Verbindung des Echten; es gilt alle „Werte umzuwerten“, um sowohl die ganze Seele des Menschen als alle Verzweigung der geistigen Welt in eine rein naturhafte Verfassung zu bringen. Immer gewaltiger wird diese Arbeit, immer mächtiger steigt die Bewegung; hier vornehmlich erfolgt eine Summierung der Kräfte, hier ist der Affekt der Zeit, ihr Glaube, ihre Hoffnung.

So siegreich vordringen und die Menschen so dämonisch bezwingen, hätte aber jene Bewegung nicht gekonnt bei kräftigerem Widerstand anderer Richtungen des gemeinsamen Lebens. An Widerstand fehlte es freilich nicht: sowohl ein religiöses System mit seiner Bindung unseres Lebens an eine überweltliche Ordnung als eine immanente Kultur mit ihrer Vergeistigung des Daseins durch Kunst und Wissenschaft waren und sind Todfeinde des Naturalismus. Aber dem Widerstande selbst fehlt auf dem Boden unserer Zeit die Kraft zu überzeugen, zusammenzuhalten, fortzureißen. Sie fehlt aber namentlich deswegen, weil jene Bewegungen bei uns kein ursprüngliches Schaffen erzeugen, weil die ewigen Wahrheiten, die in ihnen stecken, kein lebendiges Verhältnis zur Zeit finden und nicht ihre Seele für sich gewinnen, indem sie ihr tiefstes Verlangen zugleich klären und befriedigen. So bleiben wir angewiesen auf überkommene Gestaltungen, welche dem Stande der weltgeschichtlichen Arbeit und den Bedürfnissen der Gegenwart nicht entsprechen, und in denen sich das Wahre und Unversiegbare mit Überlebtem, ja Unmöglichem in peinlichster Weise verquickt. Schleppen wir aber das Unmögliche weiter, um nur nicht das Notwendige zu gefährden, so droht der Tod das Leben in seine Erstarrung hineinzuziehen; es entsteht jene Halbwahrheit, jenes Halbwollen mit seiner Mattheit, Stumpfheit, Heuchelei, wie sie unverkennbar auf unserer Zeit lasten, das Große lähmen, dem Kleinen und Erbärmlichen den weitesten Spielraum geben. Thatsächlich fehlt auf der geistigen Seite ein die Arbeit beseelendes und verbindendes, die Individuen aufrüttelndes und erhöhendes Lebensideal. Das Natursystem dagegen bietet ein solches; ist es da ein Wunder, wenn ihm die Gewalt über die Gemüter gegeben ist, und es durch allen Widerstand unaufhaltsam vorwärtsschreitet? Gerade die Verworrenheit und Halbwahrheit der anderen Systeme gibt seiner Einfachheit und schlichten Thatsächlichkeit ein verstärkendes Relief, der Gegensatz steigert nur den Nachdruck seiner Wahrheit. Ohne Zweifel werden hier dem Menschen große Opfer zugemutet. Seine Sonderstellung kann er nicht aufgeben, ohne seinen Stolz tief zu beugen und vielen Lieblingswünschen zu entsagen. Aber dies Entsagen selbst kann ihn reizen als eine mannhafte That, die mehr Größe enthält als das eigensinnige Festhalten eingebildeten Besitzes. Und mit den Privilegien fallen zugleich die Schranken zwischen dem Menschen und dem All, und ungehemmt vermag ihn jetzt dessen unermessliches Leben zu durchfluten.

Das sind gewaltige Wandlungen und Erschütterungen, auch insofern einzig in ihrer Art, als nie zuvor der Naturalismus sich so in positiver Weise zu einer allumfassenden Kulturmacht gestaltet, nie sich so in alle Verzweigung des Daseins hineingegraben hat. Einer so neuen Situation gegenüber versagen alle bloß historischen Hülfen. Auch vermögen gegen jenen Strom von Ideen und Thatsachen gar nichts subjektive Antipathieen, noch auch einzelne, immer noch einer anderen Deutung fähige Gegendaten; einem Ganzen der Wirklichkeit kann nur ein ebensolches Ganzes gewachsen sein.

Aber dürfen wir überhaupt nach einem andern fragen und uns darum mühen, nachdem die Zeit und die Menschheit, wie es scheint, für das Natursystem schon entschieden hat? Ja, wenn diese Entscheidung ohne weiteres als endgültig hinzunehmen wäre! Das aber wäre sie nur, wenn jene Bewegung der Zeit zur Natur die ganze Zeit bedeutete und nicht vielmehr auch eine andere Art des Lebens und Seins sich in ihr erhielte und in aller Einschüchterung einen unablässigen Widerstand leistete; wenn ferner das Sein des Menschen überhaupt in die Zeit und Zeitlage aufginge, nicht ihr gegenüber einen tieferen Grund in einer zeitüberlegenen, an sich gültigen Geistesnatur besäße und von dort alles Thun und Lassen der Zeit zu prüfen und zu richten nicht aufhörte. Daßes in Wahrheit so steht, dafür ficht das Ganze unserer Arbeit; zu Beginn läßt es sich nur als ein Axiom ergreifen, daß es eine Berufung giebt von der Leistung der Zeit an die Seele der Zeit, und zugleich von der bloßen Zeit an eine ewige Wahrheit und zeitlose Wirklichkeit. Diese höchste Instanz rufen wir an und vor ihr erklären wir jene ausschließliche Verwandlung des menschlichen Daseins in einen bloßen Naturprozess, jene Unterordnung und Einfügung des Geistes in die Natur für eine große Irrung und ungeheure Verkehrung. Die Begründung dieser Behauptung kann nur der Aufweis eines andersartigen überlegenen Lebensprozesses erbringen, der ungebrochen im Grunde wirkt, aber auch mit Notwendigkeit zu einer geschichtlichen Verwirklichung drängt. Von hier aus würde nicht nur das absolute Unrecht, sondern auch das relative Recht des Naturalismus erhellen, auf die ganze von ihm vertretene Thatsächlichkeit würde damit ein neues Licht fallen. Diese Untersuchung aber kann ihren Standort nicht nehmen in dem Bewußtsein der Individuen, sondern nur in dem weltgeschichtlichen Leben und Schaffen der Menschheit. Nur in seinen Bewegungen und Erfahrungen werden die entscheidenden Thatsachen deutlich und faßbar, während die kleinen Kreise mit ihrer Zufälligkeit, ihrem chaotischen Durcheinander, ihrem kaleidoskopischen Wechsel der Betrachtung keinerlei sichern Halt gewähren.

Daß die Entwicklung der Menschheit bei allem, was sie der Natur schuldet und womit sie ihr dauernd verpflichtet bleibt, den Kreis der Natur durchbricht und eine neue Welt eröffnet, das sei zunächst am allgemeinsten Umriß des Lebens aufgewiesen. An drei unter sich eng zusammenhängenden Hauptpunkten ist eine Weiterbewegung des Ganzen auch im unmittelbaren Dasein augenscheinlich.

Zunächst entwickelt das Geistesleben ein neues Verhältnis von Sinnlichem und Unsinnlichem. Der Naturprozess in der präzisen Fassung der neueren Wissenschaft kennt kein Wirken von innen her, kein Fürsichsein, keine Selbstthätigkeit, keine ursprüngliche Initiative der Dinge. Vielmehr ist jedes Element gebunden und verschlungen mit seiner Umgebung, es besteht nur als Glied einer fortlaufenden Kette, alle Leistung erfolgt auf die Reizung vom andern her und in der Richtung auf das andere; nur miteinander, nur in unablässigem Austausch sind die Dinge, was sie sind. Auch das Seelenleben könnte als bloße Fortführung des Naturprozesses einen Inhalt nur aus der Berührung mit der Umgebung schöpfen; mit solcher Bindung aber würde all unser Denken und Thun einen sinnlichen Charakter annehmen und auch in seiner höchsten Entfaltung nicht ablegen können. Es möchte dann etwa Unterschiede einer gröberen und einer feineren, einer unmittelbaren und einer abgeleiteten Sinnlichkeit geben, nicht aber ein völliges Losreißen vom Sinnlichen, einen selbständigen Ausgangspunkt, einen eigentümlich geistigen Prozeß, ein Bearbeiten und Umwandeln des sinnlichen Daseins aus dem neuen Leben. Auch müßten dann die Grundformen der Sinnlichkeit, es müßten Zeit und Raum unser ganzes Sein beherrschen, sie müßten uns umfangen als selbstverständliche, nirgends als Einengung empfundene Thatsachen. Nun erstreckt sich jene sinnliche Art weit auch in das menschliche Leben hinein, viel weiter als es der erste Eindruck empfinden läßt. Aber sie bezwingt es nicht ganz, ein unsinnliches Leben bricht hervor nicht nur hie und da, sondern in großen Zusammenhängen, nicht nur als eine Ergänzung, sondern als eine Umkehrung des bisherigen Daseins.

In aller Munde ist das Wort Kultur, und den Stolz über die Kultur teilt auch der Vorkämpfer der Natur. Aber den Begriff der Kultur können wir nicht mit einiger Schärfe fassen, ohne in ihr einen wesentlich neuen Lebensprozeß anzuerkennen. Schon das Wort (colere bestellen, bebauen,) deutet auf eine selbständige Initiative und eine eigne Zielsetzung des Menschen. Mag diese Bethätigung zunächst innerhalb des sinnlichen Daseins liegen, zusammenfassen kann sie sich nicht, ohne darüber weit hinauszuführen, ohne eigne Größen und Güter zu erzeugen; aus einer bloßen Unterstützung der natürlichen Erhaltung wird die Kultur mehr und mehr zur Eröffnung einer neuen Welt, zum Schaffen eines neuen Lebens. Und dieses neue Leben versetzt uns über alle Sinnlichkeit hinaus in ein Reich der Gedanken und Ideen. So erweist es sich mit anschaulicher Wirkung durch alle Verzweigung unseres Daseins. Sein eigenes Bild verschiebt sich dem Menschen allmählich von jener Sinnfälligkeit der alten Zeiten, wo der Körper das wahre Selbst und die Seele nur den Schatten bildete, in ein gedankenmäßiges, ideelles Sein; nicht nur die Wissenschaft vollzieht eine Ausscheidung aller sinnlichen Elemente aus dem Seelenbegriffe, auch der Überzeugung und Lebensführung des Menschen wird das Ich, die Individualität, die Persönlichkeit, also etwas durchaus Unsinnliches, zur Hauptsache. Die menschliche Gemeinschaft erhebt sich, so zeigt es die Geschichte von Staat und Recht, über die räumliche Nähe und die sinnlichen Formen, ein stärkeres Band als alles physische Zusammensein werden Ideen und Interessen, und was immer an den Handlungen äußerlich ist, das sinkt aus einem Hauptbestandteil mehr und mehr zu einem bloßen Zeichen, einem an sich gleichgültigen Mittel zur Kundgebung des inneren Aktes. Auch die menschliche Arbeit verliert die sinnliche Unmittelbarkeit des Anfanges und kann eine neue Unmittelbarkeit nur von geistiger Thätigkeit hoffen; vornehmlich wird sie auf das Denken gestellt, vom Denken durchtränkt, ja mit ihrer ganzen Substanz in ein Gedankenreich versetzt. So zeigt es besonders deutlich die Wissenschaft selbst mit ihrer Zerstörung des naiven Weltbildes, ihrem Auflösen, Neubegründen, Wiederaufrichten der Wirklichkeit. Wohl muß sie schließlich zu dem Ausgangspunkte zurückkehren, aber die Welt ist inzwischen eine andere geworden, der Verlauf der Arbeit hat das Sein in ein Reich von Gedankengrößen verwandelt.

Mit dem Inhalt verändert sich aber auch die Art des Lebens. Jene Gedankengrössen gewinnen ein eigenes Leben und emanzipieren sich von unserer Macht wie unseren Interessen. Zugleich schließen sie sich untereinander zusammen und bilden immer ausgedehntere Komplexe, ja ganze Welten. Diese aber wollen sich durchsetzen und ausleben, sie thun das mit elementarer Gewalt, unbekümmert um das Wohl und Wehe der Menschen, rücksichtslos dahinschreitend über die Individuen, Völker und Zeiten. Den härtesten Fels von Interessen und Vorurteilen zersetzt schließlich die bohrende Macht des Gedankens, nichts bewegt eher auch die trägste Masse als die Leidenschaft der Prinzipien und Ideen. Je mehr wir aber sehen im Licht des Gedankens und handeln aus der Kraft des Gedankens, desto mehr wird das Sinnliche in die Peripherie des Lebens gedrängt und zur Außenseite, zum Mittel, zur Erscheinung degradiert. Den Wert der äußeren Ereignisse bestimmt jetzt nicht sowohl ihr sinnlicher Umfang, als ihr Ertrag für eine unsinnliche Welt; der Kern des Lebens verlegt sich aus dem Verhältnis zur Umgebung in die Bewegungen und Spannungen einer inneren, vom Gedanken genährten Welt. Doch dabei brauchen wir hier um so weniger zu verweilen, als darüber schon anderswo ausführlicher gehandelt wurde.

In solchen Wandlungen vollzieht sich zugleich eine Überwindung der Formen Raum und Zeit. Die alte Meinung, des Menschen Leben verlaufe ganz in Zeit und Raum, ist so falsch, daß gerade umgekehrt es nichts unterscheidend Menschliches gibt, das nicht einen hartnäckigen Kampf gegen Zeit und Raum führt. Wohl stehen wir in der Zeit und scheinen in ihrem rastlosen Strom dahin zu treiben. Aber wir thun das nicht mit unserem ganzen Wesen; thäten wir es, so würden wir eine Geschichte im menschlichen Sinne gar nicht besitzen. Denn eine solche Geschichte erwächst nicht aus einem bloßen Vorbeiziehen der Dinge, auch nicht aus einem Aufspeichern äußerer Leistungen. Zur Geschichte gehört, daß der Mensch nicht bloß die Spanne Zeit erlebt, die ihm sein Schicksal zuweist, sondern daß sein Gedanke ihn zurückträgt in frühere Zeiten; er muß Vergangenes zu gegenwärtiger Wirkung aufzuerwecken, den ganzen Lauf der Zeiten von neuem aufzurollen verstehen. Und indem wir uns dessen fähig erweisen, verhalten wir uns zur Vergangenheit nicht bloß betrachtend, wir verknüpfen sie mit dem eignen Thun; die Wiederaufnahme des Früheren soll unser Dasein ergänzen und berichtigen, es über die Gegenwart des bloßen Augenblicks mit all ihrer Zufälligkeit und Beschränktheit erheben zu einer zeitumspannenden und zeitüberlegenen Gegenwart; die Geschichte soll uns die bloße Zeit überwinden helfen. Soviel werden aber kann uns das Überkommene nur, sofern in ihm selbst eine Sonderung erfolgt zwischen Vergänglichem und Bleibendem; ewige Wahrheiten und beharrende Wirklichkeiten müssen aus dem Wechsel und Wandel heraustreten. Mit solchem Scheiden eines sterblichen und eines unsterblichen Teiles aber ist alle ächte Beschäftigung mit der Vergangenheit zugleich eine Zerstörung der bloßen Vergangenheit, alles Eingehen in die Zeit zugleich ein Kampf gegen die Zeit. nicht bloß in der Richtung auf die Vergangenheit, auch unmittelbar wirkt in uns ein überzeitliches Streben. Durch alle geistige Arbeit geht als Überzeugung und als Triebkraft die Idee einer an sich gültigen Wahrheit; eine Wahrheit für heute und morgen, für die besondere Zeitlage und auf Kündigung suchen, das heißt den Begriff der Wahrheit von innen her zerstören. So sehr uns also nach unserer natürlichen Bedingtheit die Zeit festhält, eine Ewigkeit wirkt ihr entgegen, ihr Zusammenstoß beherrscht unser Leben. Wohl geraten wir damit in ungeheure Verwicklungen, aber die Mühen und Irrungen selbst zeigen uns befreit von der Enge eines bloss physischen Daseins.

Was aber von der Zeit, das gilt auch vom Raum. Unverkennbar wird das bloße Nebeneinander ebenso von der geistigen Arbeit überwunden wie das bloße Nacheinander; die bloß räumliche Berührung weicht mehr und mehr einer inneren Zusammengehörigkeit, einer sachlichen Verknüpfung der Dinge, einer Anordnung der Teile nach der Leistung für das Ganze. Hier wäre zu zeigen, daß in der geistigen Arbeit wie die Zeit von der Ewigkeit so der Raum von einer unräumlichen Welt aus erlebt wird. Aber wir dürfen nicht zu lange bei diesen Fragen verweilen, die für das Ganze unserer Arbeit nur Vorfragen sind. Das Gesagte kann einstweilen zur Rechtfertigung der Überzeugung genügen, daß Zeit und Raum und mit ihnen die sinnliche Natur nicht das ganze menschliche Dasein in sich fassen, und daß uns über sie nicht bloß ein Ahnen und Hoffen einer jenseitigen Ordnung der Dinge erhebt, sondern alle Kräftigung der geistigen Arbeit, wie sie uns unmittelbar umfängt und bewegt.

Mit der Wendung vom Sinnlichen zum Unsinnlichen geht Hand in Hand eine Befreiung von der bloßen Punktualität des Daseins; Gesamtgrössen entstehen, und das Handeln richtet sich auf andere Wesen und auf das Ganze, das alles in schroffem Gegensatz zur Natur. Denn der Naturprozess gewährt ein volles Sein und eine ursprüngliche Kraft nur dem Einzelnen, Kleinen, Elementaren, er kennt keinen anderen Zusammenhang als die Zusammensetzung der Elemente, keine andere Gesamtwirkung als die Summierung der Einzelvorgänge. Die einzige Kraft der Bewegung bildet demgemäß der Naturtrieb der Selbstbehauptung; mag das Streben insofern die Umgebung einschließen, als jedes Einzelne tausendfach damit verkettet und für sein Wohlbefinden darauf angewiesen ist, immer bleibt die Zurückbeziehung auf das Ich; die Kette mag sich ausdehnen, sie darf nicht reißen; nie kann der Lebensprozess sich auf einen anderen Punkt versetzen und gegen das natürliche Selbst kehren. Eine innere Unterordnung unter ein Ganzes, die Anerkennung eines fremden Rechtes, Liebe und Aufopferung für andere, sie wären in diesem Zusammenhange Wunder von einer Unbegreiflichkeit, gegen welche die Wunder der Religionen verschwänden.

Nun steckt unser Dasein zunächst in jener Vereinzelung, und mit mächtigen Klammern hält die natürliche Lebensform uns fest. Aber weder irgendwelche geistige Arbeit noch die Bildung menschlicher Gemeinschaften wäre möglich ohne eine Durchbrechung jener Schranken, ohne ein Aufkommen und Thätigwerden innerer Einheiten. Selbst das elementarste Bewußtsein enthält einen Einheitspunkt, an dem die Vorgänge zusammentreffen; je mehr aber das Leben aus einem bloßen Vorgehen an uns zu eigenem Thun und Schaffen wird, je mehr die geistige Arbeit von sich aus Ziele entwirft und Wege bahnt, desto mehr Einheit erscheint im Wirken, desto selbständiger hebt sich diese Einheit heraus, desto mehr übt sie eine zusammenhaltende und umwandelnde Kraft. Die Hauptrichtung der geistigen Arbeit geht weder vom Einzelnen zum Einzelnen, noch vom Einzelnen zum Ganzen, sondern von einem unbestimmten, bloß entworfenen, chaotischen zu einem bestimmten, ausgeführten, durchgebildeten Ganzen; alles Einzelne liegt innerhalb dieser Bewegung des Ganzen und erhält daraus seine Stellung und Bedeutung. Nur in der Verbindung zum Ganzen gewinnt die geistige Arbeit einen ausgeprägten Charakter, das Einzelne für sich hat keinen Sinn und bekommt ihn auch nicht durch die massenhafteste Anhäufung. Man sollte z. B. meinen, nichts sei leichter und einfacher als sich über das Wesen des Urteils, jener Grundfunktion alles Erkennens, zu vergewissern. Aber wenn wir die größten Denker, Männer wie Descartes und Locke, Leibniz und Kant, darum befragen, so erhalten wir völlig verschiedene Antworten, und zwar finden wir eines jeden Antwort bestimmt durch seine Gesamtauffassung des Erkenntnisprozesses, ja durch das Ganze seiner philosophischen Überzeugung. Das sind gerade die größten Denker, bei denen so die Ausprägung der geistigen Individualität bis in die letzten Elemente hinabreicht. Damit wird nicht der direkten Beobachtung des einzelnen Falles ihre Bedeutung genommen, noch überhaupt ein eigentümlicher Wert des Einzelnen angetastet; nur in der Wechselwirkung von Ganzem und Einzelnem kommt unsere Arbeit vorwärts, unablässig gilt es, an dem Einzelnen zu prüfen, zu bestätigen, weiter zu führen, was vom Ganzen unternommen war. Aber die Entscheidung über die Hauptrichtung, die Herausbildung eines Charakters, die führende und treibende Kraft bleibt immer beim Ganzen.

Ebenso gewiss wird das Ganze auch zum selbständigen Motiv unseres Handelns. Wohl ist seit Jahrtausenden kleinkluger Scharfsinn eifrig beflissen, all unser Handeln auf das „wohlverstandene Interesse" der Individuen zurückzuführen; von Haus aus sei der Einzelne mit seiner Umgebung zu sehr verwachsen, um sie nicht in seine Selbsterhaltung mit einschließen zu müssen, dann aber verflechte die Kultur ihn immer enger mit der Gesellschaft, immer mehr binde sich das Glück des Einzelnen an das Wohlergehen der Anderen, immer mehr „altruistisches“, moralisches Handeln müsse herauskommen. Das ist nicht ganz aus der Lnft gegriffen; schade nur, dass es nicht beweist, was es beweisen soll. Denn man muß von der Moral kläglich denken, man muß ihr Wesen völlig verkennen, um den Nachweis, daß der Mensch nach der natürlichen Verkettung der Dinge auch die Umgebung in sein Interesse aufnimmt, für identisch zu erachten mit der Ableitung einer moralischen Welt. Denn dort handelt es sich um eine Ausbreitung des Ich, hier um eine Überwindung des Ich, dort um Leistungen, die auch den Anderen zu Gute kommen, hier um Motive, die direkt auf die Anderen und das Ganze gehen; der höchste Erfolg jenes Scharfsinns besteht also in dem Nachweis, daß durch die bloßen Mittel des sozialen Mechanismus sich etwas erreichen lässt, was von draußen her wie Moral aussieht und von einem Nichtkenner dafür gehalten werden kann. Thatsächlich hat jenes ganze Getriebe mit der Moral nichts zu thun. Denn welche Aufopferung liegt in dem Wirken für das Wohl anderer, erfolgt es lediglich im eigenen Interesse, und was gewinnt die Gesinnung dadurch, daß wir klug genug werden, in der Aufopferung direkter Vorteile zu Gunsten indirekter das bessere Geschäft zu erkennen? Es sei denn, dass ein Held und ein Märtyrer gar nichts weiter wäre als ein besonders schlauer Geschäftsmann. Ja, wenn der Mensch mit allen Fasern seines Wesens so eng der Umgebung verwachsen wäre, daß eine Sonderung und Entgegensetzung gar nicht eintreten könnte und wir nie vor die Notwendigkeit einer Entscheidung gestellt würden. Aber gab es je einen solchen Unschuldsstand, so hat uns die geschichtliche Bewegung längst daraus vertrieben; die Eröffnung der Kluft aber ist zugleich die Aufwerfung einer grossen Frage; nun muß das eine zur Haupt-, das andere zur Nebensache werden; je nach der Entscheidung aber wird sich das Leben völlig anders gestalten. Wohin dabei die Entscheidung der Individuen falle, und wie es mit der Durchschnittsleistung stehe, ist eine Frage für sich; jedenfalls lassen sich aus der geistigen Organisation und aus der weltgeschichtlichen Arbeit Mächte wie Pflicht, Liebe, Gerechtigkeit durch allen selbstgefälligen Scharfsinn nicht vertreiben. Ihr Bestehen aber ist ein unablässiger Protest gegen eine bloß naturhafte Ordnung der Dinge.

So sehen wir das menschliche Dasein an wesentlichen Punkten die bloße Natur durchbrechen und eine neue Ordnung anbahnen. Schwerlich wäre das möglich ohne einen von Grund aus neuen Lebensprozess. Und der entsteht in der That. Als bloß naturhaftes Sein wäre unser Leben ein bloßes Stück eines endlosen Gewebes physischer Wirkungen und Gegenwirkungen; das Geschehen wäre hinzunehmen in seiner nackten Thatsächlichkeit ohne allen Versuch einer Durchleuchtung und inneren Aneignung; über die sinnliche Berührung hinaus hätten die Dinge für uns kein Interesse; das ganze Dasein des Einzelnen aber wäre das wechselnde Befinden des besonderen Punktes, der sein Ich bildet. So ein Leben ganz in Empfindung und Affekt, ein völliges Gebundensein an die Umgebung, ein Aufgehen in das unmittelbare Dasein, ohne ein Gefühl seiner Schwere und Sinnlosigkeit, keine anderen Probleme als die der natürlichen Selbsterhaltung.

Diesen naturhaften Stand des Daseins finden wir aber überschritten, wie weit uns auch die geschichtliche Erinnerung zurückträgt. Die Forschung zeigt uns ein anthropomorphes und mythologisches Zeitalter, wo der Mensch alle Dinge vermenschlicht, alles nach sich mißt, alles auf sein Ergehen, als den Mittelpunkt der Welt, bezieht. Ein solches Einspinnen der Wirklichkeit in das menschliche Vorstellen und Begehren mag weit hinter uns liegen, in aller Irrung war es zugleich ein Wagnis, ein Zeugnis der Kraft, ein Überschreiten der bloßen Natur. Vergessen wir über dem Besonderen nicht das Allgemeine der Thatsache, über der falschen Deutung und über dem verkehrten Verhältnis zum All nicht das Große dessen, daß überhaupt gedeutet, überhaupt ein inneres Verhältnis zum All gesucht wurde. Denn das war nicht möglich ohne ein Zerreißen der natürlichen Verkettung, ein Abschütteln des bloßen physischen Druckes der Dinge, ein Zusammenfassen seiner selbst und ein Ringen mit der Umgebung. Selbst der krasse Egoismus dieser Stufe mit seiner Beugung der ganzen Unendlichkeit unter die Zwecke des Menschen ist ein Beweis der Kraft; wie weit ist sein Abstand von der naiven, durch das Bedürfnis begrenzten, man möchte sagen unschuldigen Selbsterhaltung!

Dann aber ist diese Stufe nicht der Abschluß, sondern nur ein Durchgang. Es kommt die Zeit, wo der Mensch sein eignes Gespinnst zerreißt und einer eigenen Natur der Dinge inne wird; zugleich aber findet er sich selbst zu gering, um das Maß der Dinge und den Mittelpunkt der Wirklichkeit zu bilden. Subjekt und Objekt, Mensch und Welt, deren Leben bis dahin so glatt in einander überfloß, trennen sich jetzt, und die Bewegung führt zunächst immer weiter auseinander bis zum schroffsten Gegensatz. Das nächste Verhältnis wird nun das einer völligen Spaltung, kalt und fremd stehen uns die Dinge gegenüber, und von ihrer Wahrheit scheint der Mensch geschieden durch eine himmelweite Kluft. Dazu greift der Zweifel bald von außen nach innen, er kehrt sich von der Welt gegen das eigene Wesen. Jenes Getriebe des Empfindens und Begehrens, jenes Reich subjektiver Zuständlichkeit, worin bis dahin unser Sein aufging, wird zur bloßen Oberfläche, hinter der erst das wahre Sein liegt. Aber wir ahnen es mehr, als daß wir es ergreifen und entwickeln könnten; mit allem Unternehmen scheinen wir gebannt an die Außenseite der Dinge, ohne daß uns doch bei einmal erwecktem Zweifel die Erkenntnis und das Glück irgend genügen könnten, die sich hier bieten. So zerfällt der Mensch nicht nur mit seiner Umgebung, sondern auch mit sich selbst, der Spalt zerreißt sein eigenes Wesen. Es kommt eine Zeit des Zweifels, der Erschütterung, der Demütigung. Und diese Krise wird nicht rasch ein für allemal erledigt, sondern sie erneuert sich bei allem großen Unternehmen; dauernd wird uns ein leichtes gradliniges Fortschreiten verwehrt, dauernd aller geistigen Arbeit ein Zug der Reflexion und Negation eingeprägt.

Aber auch hier ist die Erfahrung der Kleinheit zugleich ein Zeugnis der Größe. Denn jene Schranken der subjektiven Lebensführung werden ja nicht von außen, sondern von innen, nur durch die eigene Thätigkeit bemerklich gemacht; es ist der Mensch selbst, der das Bloßmenschliche empfindet, verwirft und bekämpft; eine größere Art, ein wesenhafteres Sein muß in ihm stecken, wenn nur ein solches Wollen und Wagen möglich sein soll. Mag dies Neue zunächst als eine Kraft der Zerstörung wirken, mag es uns nicht sowohl die Dinge sehen lassen als den Schleier, der sie verhüllt, mag es uns höhere Ziele nur vorzuhalten scheinen, um uns alle Wege zu ihnen zu versperren, eine Verzweiflung oder Resignation könnte daraus nur entstehen, wenn jener Stand den Abschluß der Bewegung bildete. Und das thut er nicht. Jenseits der Kritik und Reflexion erhebt sich ein geistiges Schaffen, und es ist alles solche Schaffen ein heroisches Unternehmen, die Kluft zu überwinden und das Unmögliche durchzusetzen, ein Versuch, den Lebensprozeß bei sich selbst so zu vertiefen, daß er auch den Kern des Seins in sich zieht, und zugleich so zu erweitern, daß er aus eigener Bewegung einen Zusammenhang mit den Dingen gewinnt, die sich ihm von draußen her so streng verschlossen. Diese innere Fortbildung, dieses bei sich selbst Vordringen des Lebens und die daraus entspringende Wirklichkeit ist ein Hauptproblem, ja das Hauptproblem unserer ganzen Untersuchung; an dieser Stelle muß die Erinnerung an einige greifbare Züge genügen.

Nur die Alltäglichkeit hat die Empfindung für das Merkwürdige der Thatsache abgestumpft, daß innerhalb unseres Daseins der Begriff einer Sache, einer sachlichen Wahrheit, eines sachlich Guten aufkommt und Macht gewinnt. Denn damit ist ein gewaltiger Widerspruch nicht nur erzeugt, sondern auch überwunden, ein Rätsel gestellt und zugleich durch die That gelöst. Die Sache tritt uns gegenüber als etwas anderes, sie entwickelt eigene Gesetze, Kräfte und Ansprüche, sie darf in ihrer Verfechtung unseren Wünschen und Meinungen nicht das Mindeste nachgeben. Aber bei solcher Entfernung wird sie uns nicht fremd; ihr Platz ist nicht außerhalb, sondern innerhalb unseres Lebenskreises; für uns will sie etwas sein und bedeuten, uns möchte sie ganz erfüllen. So entsteht eine schroffe Antithese: jenes Sachliche soll uns entgegentreten und sich doch nicht von uns ablösen, allein sich selbst leben und doch die Seele unseres Lebens werden, unser Wohl und Wehe gleichgültig nehmen und uns anziehen als das Gut der Güter, alle Affekte unterdrücken und selbst einen neuen Affekt erzeugen. Und alles dieses Unmögliche umfängt uns fortwährend mit unwidersprechlicher Wirklichkeit und beherrscht vornehmlich die Grundformen unserer geistigen Existenz!

Ohne ein Aufnehmen der Sache in den Lebensprozess giebt es keine Arbeit, Arbeit im Sinne des Menschen, Arbeit innerlich angesehen. Wir verehren die befreiende, befestigende, beruhigende Macht der Arbeit, aber worauf anders ist sie begründet als auf der Versenkung unserer Thätigkeit in den Gegenstand, auf der Hingebung an seine Probleme, der Freude an seiner Förderung? So allein wird das kleine Ich gebändigt, überwunden, vergessen. Eine Wissenschaft gegenüber den bloßen Meinungen und überhaupt eine geistige Arbeit jenseits der Lagen und Launen der Individuen giebt es nicht ohne eine Autonomie des Denkens gegenüber dem Vorstellungsmechanismus mit seiner sinnlichen Gebundenheit. Und dem Denken wiederum ist charakteristisch und wesentlich das Umspannen der Sache. Mögen wir Begriffe bilden oder Urteile fällen oder Schlüsse ziehen, immer gilt es eine Eröffnung der Sache, immer soll sie das Ergebnis bestimmen. Nur sie giebt dem Denken seine zwingende Kraft und seine Allgemeingültigkeit, nur sie begründet eine uns allen gemeinsame Gedankenwelt.

Die Sache ist es auch, an deren Hand wir die bloß subjektive Lust überwinden. Einem Wesen, das so gewaltige Erschütterungen durchzumachen und so hart um sein eigenes Sein zu ringen hat, muß jene Lust, die dem Anfange genügt, leer und läppisch, das Sicheinspinnen in ein subjektives Wohlbefinden eng und unerträglich werden. Ein Leben für so sinnlose Ziele könnte nach allen Erfahrungen nicht mehr als lebenswert gelten. Aber wenn sich das Dasein einen tieferen Inhalt erarbeitet, wenn durch den trüben und unsteten Nebel des Angenehmen und Nützlichen die Sonne des Guten durchbricht, was anderes ist es wiederum als die Sache, an die sich solche Wandlungen und Erhöhungen knüpfen?

Jene Wandlungen verändern zugleich die Art des Lebens, sie befreien von jener dunklen und starren Thatsächlichkeit, die uns zuerst umfing. Mit der Richtung auf die Sache erhält unser Thun ein Ziel jenseits der unmittelbaren Eindrücke; ein Normalstand schwebt vor und übt einen Zwang des Messens und Richtens. Und dieser Zwang kommt nicht von außen und überwältigt nicht mit physischem Drucke. Denn die Sache mit ihrer Welt ist für uns nicht vorhanden ohne unsere That und Aneignung, sie bindet uns nur durch unsere freie Zustimmung. Dieser Zwang durch Freiheit gewinnt eine besondere Anschaulichkeit in der Idee der Pflicht, die nicht nur an einzelnen kritischen Stellen hervorbricht, sondern in Wahrheit unser ganzes Leben begleitet. Augenscheinlich ist hier das Zusammenfallen der höchsten Gebundenheit mit der höchsten Freiheit, zugleich aber auch der völlige Bruch mit dem bloßen Naturstande.

Das alles ist im einzelnen und nach der Seite der Leistung bekannt und anerkannt. Aber die gewöhnliche Ansicht verbleibt bei den einzelnen Erscheinungen und vollzieht keine Zusammenfassung zum Ganzen, keine Wendung ins Innere. Erfolgen diese, so ist kein Zweifel mehr daran statthaft, daß ein neues Leben aufkommt, das nicht zwischen den Dingen hin- und hergeht, sondern ihr ganzes Sein umfaßt, ein Leben mit den Dingen, ein Wachsen durch die Dinge. Und es kann auch darüber kein Zweifel sein, daß ein solches neues Leben nun und nimmer von draußen zugeführt, nie einer äußeren Erfahrung abgerungen werden kann. Auch der überwältigendste Eindruck könnte den Dingen keine innere Gegenwart verleihen noch die Idee einer objektiven Wahrheit erzeugen. Nur als Selbstentfaltung des eigenen Wesens sind jene Bewegungen möglich; in ihren Mühen und Kämpfen ringt sich der Lebensprozeß selbst zu einer höheren Stufe auf. Zugleich verwandelt sich die Kluft zwischen uns und den Dingen in einen Gegensatz innerhalb unser selbst, den Gegensatz eines auf Empfindung und Affekt des Einzelpunktes beschränkten und eines die Wirklichkeit von innen her umfassenden, eine Welt aus sich entwickelnden Lebens. In diesem Leben bedeutet die Hingebung an die Sache die Entfaltung unseres wahren Selbst, sie wird zur Treue gegen unser eigenes Wesen. Zugleich eröffnet sich eine neue Art der Innerlichkeit, eine universale Innerlichkeit der geistigen Arbeit, gegenüber der bloß subjektiven Innerlichkeit des Individuums; nur jener Innerlichkeit kann eine Thätigkeit angehören, welche als Vollthätigkeit den Gegenstand umspannt, nicht von draußen her an den Dingen herumtastet.

Wie sich mit der so eröffneten Zweiheit des menschlichen Lebens die Theorie vom All abfindet, und ob sich mit ihr das Weltproblem verwickelt, darf uns an dieser Stelle nicht kümmern. Bequem ist jener Zwiespalt der ersten Lage sicherlich nicht, aber Wahrheit und Bequemlichkeit sind verschiedene Dinge. Es wäre eine neue Art des Anthropocentrismus, zum Prüfstein der Wahrheit den Grad der Leichtigkeit zu machen, mit dem sich die Dinge für den Standpunkt des Beobachters zurechtlegen. Wenn sie sich aber in Wahrheit nicht so leicht zusammenfinden, wenn die Wirklichkeit sich reicher und damit auch verwickelter zeigt, dürfen wir die Probleme herabmindern, um nur ja dem Schein eines Dualismus, dem Schein eines geringeren Interesses für die Einheit des Alls zu entgehen? Was sich heute mit besonderem Nachdruck Monismus nennt, kommt so rasch zum Schluß nur, weil es außer der sinnlichen Natur lediglich ein an die Individuen verstreutes und ihrer Erhaltung dienstbares Seelenleben kennt, nicht eine Gemeinschaft geistigen Lebens, nicht eine Entfaltung des Geistes in der Geschichte. Bei Absehen von so gewaltigen Stücken der Wirklichkeit ist freilich eine Einheit des Ganzen leichter erreichbar. Aber wer die Einheit nicht schon da zu sehen vermag, wo sie der heutige Monismus findet, braucht darum nicht endgültig auf sie zu verzichten.

b. Der Widerspruch im unmittelbaren Dasein.
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Das Weltproblem sollte uns an dieser Stelle nicht aufhalten. Aber unser nächster Vorwurf enthält eine Verwicklung, einen Widerspruch, den wir nicht ignorieren dürfen. Es ist der Widerspruch zwischen dem inneren Gehalt des Neuen und seiner Existenz in unserem menschlichen Kreise. Von dem neuen Leben, wie es sich der Natur gegenüberstellt, wäre zu erwarten und zu verlangen, daß es eine selbständige Existenz besitze, ohne Störung seine eigene Bahn verfolge und aus solcher Unabhängigkeit die Kraft reiner Ausprägung und voller Durchsetzung schöpfe. Statt dessen zeigt die Erfahrung das geistige Leben an Fremdes gebunden, von Fremdem durchkreuzt und entstellt, fremden, ja feindlichen Zwecken unterworfen, in eben das zurücksinkend, dessen Überwindung seine Größe ausmachen sollte. Das führt notwendig zu einem Zweifel an der Realität jener ganzen Bewegung, zu einer Erschütterung alles selbständigen Geisteslebens.

Das neue Leben wollte die Sinnlichkeit überwinden, Zeit und Raum hinter sich lassen, mit schöpferischer Gedankenarbeit die ganze Wirklichkeit durchleuchten, verjüngen, umbilden. Eine solche Bewegung beginnt in der That, aber sie gerät bald ins Stocken, sie sieht sich auf allen Seiten gehemmt, abgelenkt, zurückgeworfen. Das Sinnliche übt nicht nur von außen her seinen handgreiflichen Zwang, es umstrickt und bewältigt auch das Innere. Es fließt in das vermeintlich Geistige ein und zieht es in seine Bahn; wie oft glauben wir uns zu reiner Geistigkeit erhoben, und haben doch nur für eine gröbere Form des Sinnlichen eine feinere eingetauscht. Die Geschichte ist voller Beispiele, daß das Reingeistige früherer Epochen dem geschärfteren Blick späterer sich als ein nur verhülltes Sinnliche erwies; was zuerst die Sache selbst dünkte, ward später zu einem bloßen Bilde, einer sinnlichen Erscheinung. So z. B. bei den religiösen Grundbegriffen, so bei der Seele selbst. Wird das nicht immer so weiter gehen, wird nicht immer nur das eine Bild durch ein anderes ersetzt werden, ist die angebliche Vergeistigung nicht bloß eine wachsende Verfeinerung des Sinnlichen, werden wir je über die Bildlichkeit und Sinnlichkeit hinaus zu einem unsinnlichen Wesen gelangen?

Ähnliches erfahren die Ziele unseres Handelns. In dem hochgemuten Streben nach übersinnlichen Gütern entdeckt eine genauere Beobachtung und eine skeptischere Beurteilung leicht einen sinnlichen Grundstock, ein Verlangen nach sinnlicher Reizung, sinnlichem Genuß, und dieses Sinnliche mag um so sicherer die Bewegung beherrschen, je unvermerkter es sich unter einem fremden Deckmantel einschleicht. Wie sinnlich, wie von Lust und Genuß beherrscht sind die gewöhnlichen religiösen Vorstellungen von einem jenseitigen Leben! Wie oft sahen wir in der Geschichte aus sublimer Geistigkeit eine raffinierte Sinnlichkeit hervorbrechen!

Aber mögen die unsinnlichen Größen eine gewisse Realität behaupten, jedenfalls erscheinen sie bei uns Menschen in einem sehr späten Stadium der Entwicklung, als ein Produkt mühsamer und langwieriger Arbeit, als eine Krönung, nicht eine Grundlegung des Gebäudes. Sie beruhen auf zahllosen Voraussetzungen und Vermittlungen. Werden sie sich davon ablösen und aus eigenem Vermögen leben können, werden sie nicht ohne jene Hülfen und Stützen zusammenbrechen, mit ihnen aber auf die Unmittelbarkeit und Ursprünglichkeit verzichten müssen, ohne die es keine Kraft des Lebens und kein Gelingen des Schaffens giebt? Ohne Zweifel eröffnen jene Gedankengrößen weit deutlicher ihr Nein als ihr Ja. Das Sinnliche soll hinter uns bleiben, aber über den positiven Gehalt des Nichtsinnlichen herrscht tiefes Dunkel, und so lange das anhält, sind jene Größen für uns keine vollen Existenzen, keine leibhaften Gestalten. Vielmehr umflattern sie uns als bloße Schattenbilder, Schemen, Gespenster, nach denen wir haschen, ohne sie je zu ergreifen. Will uns trotzdem jene Halbexistenz nicht verlassen, so wird sie doch schwerlich die Sinnlichkeit mit ihrer Breite und Kompaktheit unterwerfen. Weit näher liegt die Wendung, daß sie mit allem ihren Vermögen in den Dienst des anderen gezogen wird, daß die Geistigkeit mit ihren abstrakten Größen nur ein Mittel wird, das naturhafte Leben zu verfeinern, zu raffinieren, zu verbilden. Damit würde eben das, was uns über die Natur hinausführen wollte, ein Werkzeug, uns nur noch fester an die Natur zu ketten, und zwar nicht an die echte und einfache, sondern an eine zurechtgemachte und aufgestutzte Natur.

Nicht anders ergeht es der Bewegung der Kultur zu einem Ganzen des Lebens und zu inneren Zusammenhängen der Dinge. Gewisse Gesamtgrößen bilden sich ohne Zweifel. Aber sie schweben als luftige Gebilde über den Dingen, statt sie zu durchdringen und bis zum Grunde umzuwandeln. Schließlich, so zeigt es die Beobachtung, besteht doch das Gewebe unseres Daseins aus lauter Einzelgrößen und Einzelvorgängen; nur an diesem Einzelnen findet sich ein Allgemeines als das Verbindende und Zusammenhaltende, und es erhält sich nur bei unablässiger Zurückbeziehung auf jene Elemente; es davon ablösen und ihm den Schein einer eigenen Existenz geben, kann nur die abstrahierende Reflexion, und sie kann es nicht ohne ihm allen anschaulichen Inhalt zu rauben. In aller Gemeinschaft der Völker und der Menschheit sind wirkliche und leibhafte Existenzen, Wesen von Fleisch und Blut, im Grunde nur die Individuen; gewiß entwickelt ihr Zusammensein vieles über das Vermögen der isolierten Elemente hinaus, aber bedarf es zu dessen Erklärung der mystischen Annahme eines alle einzelnen in sich schliessenden Gesamtgeistes?

Auch mit der Unterwerfung des Willens unter unegoistische Zwecke ist es ein eignes Ding. Von einer selbstlosen Liebe, einer Aufopferung für das Ganze u. s. w. hören wir freilich so unsäglich viel reden, daß wir schließlich wohl oder übel daran glauben. Aber zugleich ist es eine unbestreitbare Thatsache, daß als Menschenkenner von jeher nicht die Optimisten, sondern die Pessimisten gegolten haben, die sich nicht skeptisch genug glaubten verhalten zu können. So bleibt die Frage offen, ob das Gerede und Gethue überhaupt eine Wirklichkeit hinter sich hat, und ob es jenen Größen nicht geht wie den Gestalten des Märchens, die jeder gesehen haben will, um nicht einen bösen Schein auf sich zu laden, und die niemand gesehen hat.

Selbst die Grundform des neuen Lebens, die Überwindung der bloßen Zuständlichkeit, das Aufnehmen der Weite und Wahrheit der Dinge in das eigene Sein, kann sich der Anfechtung und Erschütterung nicht entziehen. Wohl drängt es uns über den engbegrenzten Kreis des natürlichen Daseins hinaus und treibt uns in eine unbestimmte Weite. Aber entkleiden wir uns damit wirklich unserer Subjektivität, begleitet sie uns nicht in alle Entwicklung und umklammert uns nicht eben in der Erweiterung noch fester als zu Anfang? Müssen wir untereinander nicht noch viel härter zusammentreffen, wenn jeder ein All werden und die ganze Wirklichkeit nach seiner Art gestalten möchte, wenn Welten auf Welten stoßen, die doch alle nur Sonderwelten sind? Denn wenn der Mensch des Kulturlebens zu einer Welt wächst, er thut es zunächst nur in seinen eigenen Gedanken, und in diesen Gedanken steckt er selbst, in ihrer Verfechtung bejaht er sich selbst. So scheint gerade jene Erweiterung uns immer mehr aus einander und gegen einander zu treiben. Ja wenn die sachliche Wahrheit mit einer aller Vereinzelung und allem Eigensinn der Individuen siegreich überlegenen Kraft klar und hell hervorbräche, rasch allen Nebel vorgefaßter Meinungen zerstreute und alles Unternehmen der Individuen sicher zur Gemeinschaft eines einzigen Schaffens verschmölze! Aber das Gegenteil liegt deutlich zu Tage. Die Sache muss sich nicht nur durch alle Ungewißheit der Reflexion, durch alle Abwege des Irrtums hindurchquälen, um ihren Weg zu finden, sie gerät auch in alle Zerspitterung und Verfeindung des Daseins. Ihr Bild steht allen Meinungen und Irrungen, allen Interessen und Leidenschaften der Menschen offen; nichts befördert und verhärtet mehr den Fanatismus, den Parteisinn, die pharisäische Selbstgerechtigkeit, als der Versteck hinter der Sache. Statt daß das Parteigetriebe vor der geistigen Arbeit, vor dem Edlen und Heiligen Halt macht, schießt es gerade hier am üppigsten auf und ergiebt die bittersten Entzweiungen. Je höher der Kampfpreis, desto schroffer und unduldsamer die Menschen!

So wird überall das Neue von dem festgehalten und zu dem zurückgezogen, worüber es hinausstrebte. Eine eigene Wirklichkeit begründen und darin unser Wesen aufnehmen kann es offenbar nicht; vielmehr scheint es eine bloße Zuthat und Begleiterscheinung, ein Accidenz einer wesentlich naturhaften Welt, das nur mit Unrecht wie ein eigenes Sein von seinem Grunde abgelöst wird. Und wie die Existenz des Neuen unsicher, so ist sein Wirken von höchst problematischem Wert. Es zerstört die Einfalt der reinen Natur, ohne dafür einen positiven Ersatz zu bieten; es steigert die Kämpfe und gewährt keine Aussicht auf Frieden; es erweckt Wünsche über Wünsche und verheißt keine Erfüllung. Mit dem allen macht es das Leben nur unbestimmter und unsteter, begehrlicher und friedloser als zuvor. Soweit ein eigenes Entscheiden des Menschen dabei mitwirkt, müßte demnach die Lebensweisheit empfehlen, jener Bewegung mit allen Kräften zu widerstehen, jene angeblich höheren Ziele als irreleitende Phantome möglichst aus unserm Sinnen und Begehren zu reißen.

Wäre das nur so einfach möglich! Aber in aller Unfertigkeit hat das Neue für eine blosse Illusion viel zu viel Realität. Mag der Widerstand seine Entwicklung noch so sehr hemmen, durchkreuzen, entstellen: irgendwelche Wirklichkeit muß er ihm lassen; hat es zur vollen Selbständigkeit nicht Kraft genug, so hat es ihrer zu viel, um einfach verschwinden zu können. Gewiß bleibt die Bewegung weit hinter ihrem Ziel zurück, aber sie ist begonnen und dauert fort; die Antworten genügen keineswegs, aber die Fragen sind da und wollen nicht verstummen; die Probleme haben uns gepackt und lassen uns nicht wieder los, auch sie sind Thatsachen, auch sie geben unserm Leben eine innere Haltung, die sich nicht beliebig abstreifen läßt. Im besonderen ist die verneinende, zersetzende, zerstörende Macht des Neuen, bei allem, was daran dunkel, überaus gewaltig; trotz seiner Schattenhaftigkeit hat das Neue dasjenige, was sich in seiner Sinnfälligkeit bis dahin so sicher fühlte, bis zum Grunde erschüttert; mit der Naivetät der ersten Lage, dem kindlichen Glauben an die sinnliche Wirklichkeit, wie der Befriedigung durch ihre Güter, ist es nun auf immer vorbei; nicht mehr können wir den bloßen Thatbestand gedankenlos hinnehmen, nicht an die Erhaltung des natürlichen Daseins unser ganzes Streben setzen, nicht das Weltproblem als etwas Fremdes von uns weisen. Keine Gewalt kann uns wieder in das zurückzwingen, dem wir innerlich entwachsen sind.

Dazu bleibt auch das Neue keineswegs ohne alle Befestigung und Bewährung in einem größeren Zusammenhange. Sein Werk ist die Geschichte im auszeichnend menschlichen Sinne, der weltgeschichtliche Prozeß. Mit ihm gesellt sich zur Wirklichkeit des unmittelbaren Daseins eine andere Art der Wirklichkeit, und wir erkennen im Menschen nicht bloß ein natürliches, sondern auch ein geschichtliches Wesen. Als solches trägt er in sich die Arbeit der Jahrtausende; sie hat ihn in eine bestimmte Verfassung gebracht, die sich nicht einfach abschütteln läßt. Von hier wird aller Leistung ein Niveau vorgeschrieben, zu dem sie sich erheben muß, um durchdringlich zu erfreuen und zu bewegen. Damit gewinnen jene ideellen Größen bei aller Schattenhaftigkeit wieder eine Realität für den Einzelnen wie für die Zeit. Und zwar auch gegen ihr eigenes Meinen und Entscheiden. Denn was Menschen und Zeiten prinzipiell leugnen, ja verfolgen, das mögen sie in den einzelnen Fällen willig üben, und was die Überzeugung verwirft und verketzert, das behauptet oft einen weiten Raum in der Wirklichkeit des Lebens. Ein Ganzes von Prinzipien und Überzeugungen, worin die Ideen einer sachlichen Wahrheit, eines inneren Ganzen, einer Pflicht eine ursprüngliche Begründung und einen festen Zusammenhang fänden, verwirft der Hauptzug unserer Zeit als eine Thorheit. Aber man thäte der Zeit das bitterste Unrecht, wollte man verkennen, welche Macht jene Ideen trotzdem auch auf ihrem Boden ausüben. Sie kann jene nicht leugnen ohne ein Stück ihres eigenen Wesens zu verleugnen. Augenscheinlich ist der Begriff der Wirklichkeit nicht so einfach, wie er oft genommen wird. Was einmal als bloßes Gedankending wie wesenlos und nichtig aussieht, das gewinnt in anderer Hinsicht eine unbestreitbare Realität, das durchdringt unsere Arbeit, das scheint unserm Wesen untrennbar verwachsen. So widersteht das neue Leben einer Auflösung in bloßen Schein, es ist mehr als ein trüber Nebel, den menschliche Einbildung und Eitelkeit über die Dinge gebreitet hätten, und den ein kräftiger Entschluß rasch von ihnen verscheuchen könnte. Aber zugleich bleibt auch jenes andere in Geltung, daß jenes Leben keine volle Körperlichkeit, keine volle Selbständigkeit erreicht, daß es wie heimatlos zwischen den Dingen schwebt.

Das ergiebt eine durchaus unhaltbare Lage. Wir können weder vorwärts noch rückwärts, das Alte ist unzulänglich geworden, und das Neue kann nicht geboren werden. Im besonderen geraten das unmittelbare Dasein und die historische Existenz des Menschen in den härtesten Konflikt. Dort die Natur ihr Übergewicht behauptend, hier ein Reich übernatürlicher Größen und Werte im Aufsteigen. Bei solcher Entzweiung ist unsere geistige Arbeit in ungewissester Lage; die Art, wie sie bei uns aufkommt und ihr Dasein führt, als Anhang und Begleiterscheinung eines anderen Seins, widerstreitet ihrer eigenen Natur: eine unselbständige Seele soll eine selbständige Welt schaffen und tragen!

Das ist ein Problem, das sich nicht wie Verwicklungen an der Peripherie unseres Daseins bei Seite schieben oder auf die Zukunft vertrösten läßt. So gewiß wir bei der Frage unseres eigenen Glückes nicht gleichgültige Zuschauer sind, so gewiß müssen wir eine Entscheidung treffen, so notwendig jenen Zwiespalt überwinden. Und zwar müssen wir es jetzt gleich. Die bloße Betrachtung kann die Entscheidung immer wieder verschieben, nicht aber kann es die That, da sich ihr die ganze Unendlichkeit in ein Jetzt zusammendrängt und Vergangenheit wie Zukunft vor der Gegenwart versinken.

Nun ist darüber kein Zweifel, daß das unmittelbare Dasein ganz unter jener Spaltung steht. So ist entweder auf eine Einheit des Lebens und ein Wollen des ganzen Menschen zu verzichten, damit aber auf Glück und Vernunft, oder es sind die Schranken jenes Daseins irgendwie zu durchbrechen. Ein drittes ist nicht möglich. Die Versuche, dies Dilemma zu verschleiern und das Problem mit wohlklingenden Ausreden abzustumpfen, verraten nur eine Verworrenheit der Begriffe und eine Mattheit des Empfindens.

c. Die Forderung einer selbständigen Geisteswelt.
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Das unmittelbare Dasein verlief in einen ebenso unvermeidlichen wie unerträglichen Widerspruch; so gewiß der unausrottbare Trieb nach einem Charakter des Lebens und nach geistiger Selbsterhaltung über ihn hinausdrängt, so gewiß mußte er auch über jenes Dasein hinausdrängen. Aber sehen wir, was das heißen kann. Ein zweites fertiges Dasein, eine andere neben uns befindliche Welt, diese sichere Zuflucht früherer Zeiten, ist uns Neueren viel zu fremd und ungewiß geworden, um uns einen festen Halt zu bieten. So kann es sich bei jenem Weiterstreben zunächst nur um innere Wandlungen und Vertiefungen handeln. Die Richtung aber, in der wir solche zu suchen haben, ist durch die ganze bisherige Erörterung deutlich genug bezeichnet. Die Verwicklung entsprang vornehmlich aus dem Widerspruch des Gehalts der neuen Welt und ihrer Existenzweise bei uns Menschen: jene Welt fand sich hier innerhalb eines fremdartigen Daseins, sie blieb gebunden an eben das, was sie überwinden wollte.

Zur Befreiung aus diesem Widerspruche bietet sich nur ein einziger Weg: jene Entwicklung geistigen Lebens darf nicht als ein bloßes Erzeugnis unserer Lage, nicht als eine Privatangelegenheit der Menschheit gelten, sondern als Eröffnung, Erweisung, Bethätigung einer tiefer begründeten und bei sich selbst befindlichen Wirklichkeit; sie kann nicht aus den bloßmenschlichen Kräften und Bedürfnissen, sondern nur aus der inneren Bewegung des Alls hervorgegangen sein. Was not thut, ist daher eine Emanzipation des Geistes vom Menschen, d. h. eine Befreiung von dem, was in jener Entfaltung bloßmenschlich und kleinmenschlich ist; zu dieser Befreiung aber gehört, daß sich das Geistige über den nächsten Befund hinaushebt und bei sich selbst zu einem Ganzen verbindet. Nur als selbständige und zusammengehörige Welt, nicht in der Zerstückelung und Abhängigkeit des menschlichen Befundes, kann sich das Geistige halten; nur bei solcher Ablösung kann es die ihm eigenen Kräfte und Gesetze in voller Reinheit entfalten, die bei uns die Hemmung und Trübung nicht zu überwinden vermögen. Auch kann nur mit diesem Selbständigwerden das Geistesleben als Selbstzweck unser Handeln bewegen und ihm eine Unabhängigkeit gegen alles menschliche Meinen und Schätzen geben, während sonst der Erfolg bei den Menschen die letzte Instanz bleibt und damit alles Äußerliche, Scheinhafte, Unwahre, das ihm anhaftet. Nur bei solcher Emanzipation entscheidet über das letzte Wesen des Geistes nicht mehr der Grad der Verwirklichung bei uns Menschen; zugleich aber muß dann bei uns selbst jenes neue Leben aus einer größeren Tiefe des Wesens entspringen als aus der Oberfläche des unmittelbaren Daseins.

Eine solche Befreiung des Geisteslebens von der Kleinheit des Menschen und dem Zufall seiner Lage hat schon Plato mit seiner Ideenlehre vollzogen. Mit der Siegeskraft voller Jugendfrische ist hier der Gedanke durchgebrochen, daß im Menschen eine geistige Welt aufgeht, die nicht aus dem bloßen Menschen stammt, dass ein an sich Wahres, Gutes, Schönes besteht, unabhängig davon wie wir uns zu ihm stellen und wie wir zu ihm gelangen; nicht der Mensch, sondern der Geist wird hier zum Maß der Dinge. Ohne Zweifel ist die besondere Gestalt der platonischen Lehre durch die Arbeiten, Erfahrungen und Erschütterungen der Jahrtausende hinfällig geworden, namentlich können wir jene Welt nicht mehr als eine fertig um uns ausgebreitete und durch geistige Anschauung rasch ergreifbare verstehen. Aber der Grundgedanke ist die stillschweigende Voraussetzung alles geistigen Schaffens und das offene Bekenntnis alles Idealismus geworden und wird es bleiben für alle Zeiten. Jede Abweichung von ihm ist ein Hinabgleiten zur Sophistik mit ihrem Verflüchtigen der Wahrheit, ihren kaleidoskopisch wechselnden Standpunkten und Gesichtspunkten, ihrer frechen Erhebung des bloßen und damit auch des einzelnen Menschen zum Maß der Dinge. Denn nur das Geistesleben macht aus dem Menschen mehr als ein bloßes Individuum. Die Sophistik bleibt aber auch dann Sophistik, wenn an den Platz der Individuen ihre Durchschnitte, die Massen treten, wenn das „Zeitbewußtsein“, die „öffentliche Meinung“, das „Milieu" sich zum Richter aufwirft, oder wie immer die Schlagwörter lauten, mit denen das Bloßmenschliche seine Dürftigkeit versteckt und seine Nichtigkeit aufbauscht. Zwischen der Anerkennung einer an sich gültigen Wahrheit als eines festen Richtsternes und dem ziellosen Hin- und Hertreiben auf den Wogen menschlicher Lagen und Launen, zwischen Wahrheitsforschung und Sophistik giebt es keinerlei Mittelding; der Grundgedanke des Platonismus duldet daher nicht den geringsten Nachlaß, nicht die mindeste Verklausulierung.