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Dieses Werk verfolgt die Geschichte der "Lebensanschauungen" von Plato bis zur Moderne als fortlaufende Antwort auf das Lebensproblem: Sinn, Norm und Ziel menschlicher Praxis. In dichten, wertenden Porträts werden antike Teleologien, christlich-stoische Synthesen, Scholastik und Humanismus, Rationalismus und Spinozismus, Kant und Idealismus bis zu Positivismus und Materialismus diskutiert. Der Stil verbindet typologische, vergleichend-geschichtliche Analyse mit der systematischen These, dass geistiges Leben irreduzibel und kulturtragend sei. Rudolf Eucken (1846–1926), Professor in Jena und Literaturnobelpreisträger von 1908, vereint klassische Philologie und Philosophie mit ethischem Aktivismus. Geprägt von Fichte und dem deutschen Idealismus, zugleich herausgefordert durch Naturalismus, Industrialisierung und Säkularisierung, entwirft er das "geistige Leben" als Gegenmacht zum Reduktionismus – Motiv und Maßstab dieser großen, auf Erneuerung zielenden Synthese. Empfohlen für Leserinnen und Leser der Philosophie, Geistesgeschichte und Theologie, die einen orientierenden Überblick mit eigenständiger Deutung suchen. Wer Euckens normative Setzungen reflektiert mitliest, gewinnt eine verlässliche Topographie der Traditionslinien, die Debatten über Wissenschaft, Religion, Humanismus und Freiheit erhellt. Als Seminargrundlage wie zur Vertiefung besticht das Buch durch Klarheit und geistiges Pathos.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Bei aller Veränderung im einzelnen hat unser Werk in der zweiten Auflage den Plan der ersten durchaus festgehalten. Es möchte durch eine geschichtliche Vorführung der Lebensanschauungen der großen Denker zunächst dafür wirken, daß die Helden des Gedankens nicht bloß wie leblose und gleichförmige Schatten an uns vorüberziehen, sondern daß ihre Gestalten Fleisch und Blut gewinnen und zugleich einen eigentümlichen Charakter zeigen; so allein kann die Kraft und Leidenschaft, welche ihre Schöpfungen durchströmt, auch unserer eigenen Arbeit zufließen. Insofern darf das Werk sich als ein Supplement zu allen Darstellungen der Geschichte der Philosophie geben, ohne sie irgend ersetzen zu wollen.
Zugleich aber hofft es der Philosophie selbst einen Dienst zu leisten, indem es eine Art Einleitung in ihre Hauptprobleme bietet. Die Lebensanschauung eines großen Denkers läßt sich nicht entwickeln, ohne daß diese Probleme deutlich zur Sprache kommen, sie müssen sich hier, in dem Zusammenhange mit dem Ganzen der lebendigen Persönlichkeit und ihrem starken Verlangen nach Glück, besonders durchsichtig und eindringlich darstellen.
Endlich kämpft das Werk für einen engeren Zusammenhang der Philosophie mit dem allgemeinen Leben. Die gegenwärtige Spaltung, die Gleichgültigkeit weiterer Kreise gegen die Philosophie und die Abschließung der Philosophie zu einer gelehrten Fachwissenschaft, ist ein großer Schaden für beide Teile; es gehört zur Gesundung unseres geistigen Lebens, daß man sich wieder mehr um einander kümmere. Ist aber nicht die Lebensanschauung ein Punkt, wo die philosophische Arbeit dem reinmenschlichen Interesse besonders nahe kommt? Sollte es nicht alle Gebildeten treiben, bei einer Frage, die so sehr unser eigenes Glück angeht, eine Fühlung mit den Meistern des Gedankens zu gewinnen?
Die Lebensanschauungen der großen Denker haben durch die Reihe der Auflagen hindurch manche Veränderung erfahren, unablässig war ich bemüht, an dem Buche zu feilen und es auch sachlich weiterzuführen. Durch alle Veränderung hindurch ist aber sein Grundgedanke festgehalten. Ein Überblick und eine Würdigung der geschichtlichen Bewegung des Lebensproblems läßt sich in verschiedener Weise unternehmen; so auch in der Art, daß man sich in einen geschlossenen Gedankenkreis stellt, an ihm alle Leistung mißt, von ihm aus ihre ganze Fülle in ein Für oder Wider zerlegt. Das hat den Vorteil einer schärferen Beleuchtung und einer direkteren Verwertung, es kann den Leser stärker erregen und mehr zur Parteinahme zwingen. Aber es hat auch die Gefahr einer Verengung, die Gefahr fremde Maße an die Dinge zu legen, ferner Licht und Schatten ungerecht zu verteilen. Demgegenüber behält ein gutes Recht eine Behandlung, welche vornehmlich danach strebt, die Gedankenwelten in ihrem eigenen Wollen und Wirken zu erfassen und sie möglichst ungetrübt vorzuführen, an den Leistungen möglichst das Förderliche zu sehen und zugleich die Bewegung mehr als ein gemeinsames Werk der Menschheit zu verstehen. Nur so lassen sich die verschiedenen Aufgaben, die den menschlichen Geist beschäftigen und immerfort beschäftigen müssen, gleichmäßig würdigen und miteinander verbinden, nur so läßt sich der Gesamtertrag des menschlichen Strebens ohne Parteisinn überschauen. Eine solche vornehmlich auf innere Erweiterung und Befestigung gerichtete Behandlung scheint besonders notwendig in einer Zeit, die so sehr wie die Gegenwart in Sekten und Parteien zerfällt und so sehr innerer Sammlung bedarf; an ihrem Teile mag solche Behandlung zur Stärkung des Bewußtseins gemeinsamer Geschicke und Ziele wirken. Auch die Stürme des Weltkrieges durften ein solches Streben nicht beirren.
Auch die zwölfte Auflage bringt verschiedene Veränderungen. Der Klarheit und Flüssigkeit der Darstellung ward weitere Sorge zugewandt, im besonderen habe ich manche Fremdwörter ausgemerzt. So wenig ich alle Fremdwörter missen möchte, nach meiner Überzeugung erhalten sich davon noch immer viele völlig entbehrliche in unserer Sprache zur Gefährdung der Schönheit des Ausdrucks wie der Klarheit des Denkens.
In der Sache ist die Wirkung des langen Weltkriegs und der dadurch erwachsenen Lage der Menschheit mehr zur Geltung gelangt, der schweren Erschütterung herkömmlicher Ziele und Werte sowie dem tiefen Ernst der Gegenwart und nächsten Zukunft kann sich eine Untersuchung unmöglich entziehen, welche ein Gesamtbild menschlichen Strebens nach Wahrheit und Glück geben möchte. Es bewirkte das namentlich bei der Neuzeit eine Umgestaltung der zusammenfassenden Betrachtungen, auch in die Schlußabschnitte wurde mehr eigne Energie und Forderung hineingelegt.
Beim Stoff trieb eine unverkennbare Wendung des Menschheitslebens zu einer genaueren Behandlung der staatlichen und gesellschaftlichen Fragen; von den Einzeldarstellungen wurde namentlich die Luthers erweitert und vertieft, das namentlich unter dem durch die Feier des vergangenen Jahres erweckten Eindruck, daß Luther, trotz aller Tüchtigkeit der ihm gewidmeten Forschung, im Ganzen seines Strebens und Wesens dem deutschen Volke heute noch viel zu wenig bekannt ist. Diesen Punkt zur Sprache zu bringen mußte sich ein Werk für verpflichtet halten, das bei allem Streben zum Ganzen der Menschheit an erster Stelle für Deutsche geschrieben ist und deutsche Art fördern möchte.
So hofft denn unser Werk in der neuen Gestalt sich die alten Freunde zu erhalten und zu ihnen neue zu gewinnen.
Die Frage, was unser Leben als Ganzes bedeutet, was es an Zielen enthält und an Glück verheißt, das Lebensproblem mit Einem Worte, bedarf heute keiner breiten Rechtfertigung: ein tiefer Spalt im Befunde der Gegenwart, eine schroffe Entzweiung von Arbeit und Seele, gibt ihm eine zwingende Kraft. Die letzten Jahrzehnte und Jahrhunderte haben eine unermeßliche Arbeit verrichtet und dadurch einen neuen Anblick der Welt wie eine neue Art des Lebens geschaffen. Aber der stolze Siegeslauf dieser Arbeit war nicht auch eine seelische Förderung, ihre glänzenden Erfolge waren nicht schon ein Gewinn des ganzen und inneren Menschen. Denn mit ihrem rastlosen Getriebe richtet sie uns mehr und mehr auf die Welt um uns und unterwirft uns ihren Notwendigkeiten, die Leistung für die Umgebung wird immer mehr unser ganzes Leben. An dem Leben hängt letzthin aber auch das Wesen. Wird alles Sinnen und Vermögen nach draußen gekehrt und die Sorge für das innere Befinden, den Stand der Seele, immer weiter zurückgedrängt, so verkümmert diese unvermeidlich, der Mensch wird arm und leer inmitten aller Erfolge, er sinkt zu einem bloßen Werkzeug eines seelenlosen Kulturprozesses, der ihn nach eignen Bedürfnissen verwendet und verwirft, der mit dämonischem Zuge über Leben und Tod der Individuen wie der Geschlechter dahinbraust, ohne Sinn und Vernunft in sich selbst, ohne Liebe und Sorge für den Menschen.
Eine Bewegung jedoch, deren zerstörende Wirkung der Einzelne so unmittelbar an sich selbst empfindet, muß bald einen Rückschlag erfahren; bei solchen Dingen ist schon das Bewußtwerden eines Problems der Beginn einer Gegenwirkung. Nicht lange kann der Mensch seine Seele verleugnen und ihr Befinden gleichgültig nehmen, seine Innerlichkeit erhält sich bei aller Einschüchterung, sie hört nicht auf, alles Ereignis auf sich zu beziehen und an sich zu messen. Die Bedrohung selbst treibt das Subjekt zur Besinnung auf das unverlierbare Grundrecht seines unmittelbaren und ursprünglichen Lebens; wie ein schlummernder Riese braucht es nur zum Bewußtsein seiner Kraft zu erwachen, um sich aller Unermeßlichkeit der Außenwelt überlegen zu fühlen. Wenn aber mit solcher Wandlung ein leidenschaftliches Verlangen nach selbsteignem Leben und nach innerem Wohlsein durchbricht, wenn den Menschen gar eine Angst um einen Sinn seines Daseins und die Erhaltung seiner Seele befällt, so ist für ihn die Welt mit einem Schlage verwandelt, er aber aus dem vermeintlichen Besitz in ein mühsames Zweifeln und Suchen geworfen.
Eine solche Bewegung wider die Entseelung des menschlichen Daseins ist heute vorhanden und dringt sichtlich vor; wohl geht die Mechanisierung noch fort, aber der Glaube an sie ist erschüttert, der Kampf gegen sie hat begonnen. Breite Strömungen der Gegenwart weisen bei allem Unterschiede gemeinsam nach dieser Richtung. Denn sowohl aus der Gewalt der sozialen Flut, als aus dem Wiedererwachen des religiösen Problems, als aus dem Sturm und Drang des künstlerischen Schaffens spricht ein und dasselbe Verlangen: ein starkes Sehnen nach mehr Glück, nach mehr Entfaltung selbsteignen Lebens, nach einer Umwandlung, Erhöhung, Erneuerung des Menschenwesens.
Aber die bloße Zurückziehung auf das Subjekt hebt die Verwicklung nicht auf, es genügt nicht, auf die andere Seite des Gegensatzes zu treten, es gilt ihn zu überwinden. Dies aber kann nur geschehen durch Entwicklung eines beide Seiten umfassenden Lebens, eines Lebens, das sich selbst einen Inhalt gibt, und das dem menschlichen Handeln deutliche Ziele vorhält. Hier aber stoßen wir auf ein schweres Problem, wohl das wichtigste im geistigen Stande der Gegenwart. Denn über das Ganze des Lebens waltet heute peinlichste Unsicherheit, alte Ideale gerieten ins Wanken, neue aber sind noch nicht zur Genüge herausgebildet; so fehlt unserm Leben ein beherrschender Mittelpunkt, wir werden nach verschiedenen, oft entgegengesetzten Richtungen gezogen und sind wehrlos gegen alles, was gebieterisch auf uns eindringt. Damit verdunkelt sich aller Sinn und Wert des menschlichen Lebens, der Mensch scheint nichtig gegenüber einer, wenn nicht feindlichen, so doch gleichgültigen Welt. Gegenüber dem unermeßlichen Reich der Natur ist der menschliche Daseinskreis. zu verschwindender Kleinheit zusammengeschrumpft, und auch was das Innere des Menschenlebens an eigentümlichem Gehalt erzeugt, hat Mühe gegen die Kräfte und Gesetze der großen Natur irgendwie aufzukommen; zugleich hat die Geschichte sich ins Unbegrenzte ausgedehnt und widersteht allen Versuchen einer Zusammenfassung, bei solcher Auflösung droht ihr aller Sinn zu entschwinden, der Mensch aber ganz und gar der jeweiligen Woge des Stromes zu folgen. Endlich gehört auch das hierher, daß die verschiedenen Kulturen und Religionen, die sonst geschlossene Kreise bildeten und in ihnen sich völlig sicher fühlten, jetzt einander weit näher treten und mit ihrer bunten Fülle, auch ihren Unterschieden und Gegensätzen, zum modernen Menschen wirken; er sieht sich unter einem Zustrom verschiedenartiger Gedankenmassen, und schmerzlich entbehrt er dabei eines festen Maßstabs für seine Entscheidung. Das alles legt zwingend die Frage auf, ob ein solcher Stand der Dinge wie ein Schicksal hinzunehmen ist, oder ob wir irgendwelche Wehr und Waffe gegen die drohende Auflösung besitzen, ob wir ein jähes Sinken von uns abwenden können. Sollte das möglich sein, so könnte es nur durch die Eröffnung eines überlegenen Lebens geschehen, und zur Frage der Fragen wird damit, ob ein solches Leben uns erreichbar ist.
Es liegt schon in solcher Verwandlung, des Lebens und Strebens in eine große Frage, daß keine frühere Leistung eine genügende Antwort bringen kann. Der völlig neuen Lage ist nur eigenes Vermögen gewachsen, wir haben selbst in den Kampf zu treten, alles Wiederaufnehmen einer ferneren oder auch näheren Vergangenheit ist im Grunde nur eine Flucht aus der lebendigen Gegenwart, es setzt bloße Gelehrsamkeit für geistiges Schaffen ein und bietet uns nur ein Leben aus zweiter Hand. Aber wenn die Vergangenheit uns keine fertige Antwort zuführt, so kann sie sehr wohl unser eigenes Streben unterstützen; es macht doch einen großen Unterschied, ob die Sache vom bloßen Augenblick her mit all seiner Zufälligkeit, oder ob sie unter Gegenwärtighaltung aller Leistungen und Erfahrungen ergriffen wird, welche die Menschheit in den Jahrtausenden bei dem Lebensprobleme gemacht hat.
Was sich aber der weltgeschichtlichen Arbeit an Gehalt und Wert des menschlichen Lebens erschloß, das ist uns am ehesten zugänglich in der Arbeit der großen Denker. Erst in ihnen gewinnt volle Klarheit, was als dunkles Verlangen weite Kreise beschäftigt, erst bei ihnen befreit sich der Lebensgehalt von der Verquickung mit kleinmenschlichen Zwecken, die das Durchschnittsleben beherrscht, erst in ihnen fassen die einzelnen Züge sich in ein charaktervolles Gesamtbild zusammen, das erhöhend auf sie zurückwirkt. Was an bleibendem Wahrheitsgehalt von einer besonderen Zeit her zugänglich ist, das wird erst in dem Schaffen der Großen erreicht und von dem vergänglichen Zeitgewande befreit, um damit zum Besitz aller Zeiten zu werden. Bedeuten demnach die schaffenden Geister die Brennpunkte des gesamten Lebens, an denen sich seine sonst vereinzelten Strahlen sammeln, um nach mächtiger Verstärkung durch persönliches Erlebnis großer Art leuchtend und erwärmend in das Ganze zurückzuwirken, so dürfen wir dessen gewiß sein, in ihrem Werk den Kern aller Leistung zu finden. Freilich darf dann unser Werk nicht eine bloße Sammlung ihrer gelegentlichen Äußerungen über menschliches Leben und Schicksal bilden. Denn solche Äußerungen entspringen oft flüchtiger Stimmung, auch neigen zu redseligem Bekenntnis namentlich flachere Naturen, während tieferen Seelen sich ihre Überzeugung in den Gehalt der Arbeit und das Heiligtum des Gemütes verschließt. So ist es nicht das Sinnen und Grübeln der Denker über das Leben, sondern die wirkliche Gestaltung des Lebens in ihrer Gedankenwelt, was uns beschäftigen soll. Wir fragen, welches Licht ihre Arbeit auf das menschliche Dasein wirft, welche Stellung und welche Bedeutung sie ihm zuerkennt, welche Ziele sie ihm vorhält, wir fragen mit einem Worte nach dem hier gebotenen Charakter des Menschenlebens. Bei dieser Frage werden die Denker nicht nur ihre Überzeugungen in ein Ganzes fassen und die Tiefe ihres Wesens eröffnen, sie mögen hier auch besonders durchsichtig werden, sich in schlichtester Einfalt geben und jedem verständlich werden, der einen offenen Sinn an sie bringt. Mächtig zieht es hier jeden strebenden Geist in die Bewegung hinein; sollte nicht auch von der Kraft des Großen etwas auf ihn überströmen und sein eignes Streben stärken, klären, veredeln?
Dabei läßt die Betrachtung des Neben- und Nacheinander der Denker manchen Vorteil erwarten. Die Vielheit der Gestalten verkörpert verschiedene Möglichkeiten menschlicher Lebensführung und stellt sie uns sichtlich vor Augen; die Gegensätze, zwischen denen sich unser Dasein bewegt, sind hier deutlich herausgearbeitet und vermögen sich damit gegenseitig zu klären, auch schärfer gegeneinander abzugrenzen. Auch wird dabei klar, wie sehr das Spätere am Früheren hängt, wie der Widerspruch keineswegs allen Zusammenhang aufhebt, wie der Lauf der Zeiten Altes und Neues verschlingt und inmitten aller Veränderung auch beharrende Typen bietet. Miteinander mögen die großen Denker uns die Hauptphasen der Bewegung zeigen, sie mögen uns von ferner Vergangenheit an die Schwelle der Gegenwart geleiten und in Belebung der Vergangenheit uns in eine zeitüberlegene Gegenwart heben. Nur darf uns das keinen fertigen Abschluß bedeuten, ein Endergebnis, das mühelos anzunehmen wäre. Denn einen sicheren Fortgang bietet die Geschichte nur in den Gebieten, die der Außenwelt zugewandt sind; je mehr das Innere in Frage kommt, desto mehr bildet jene einen gewaltigen Kampf, ein stetes Neueinsetzen, eine Quelle immer neuer Sorgen und Zweifel. So reihen sich auch die großen Denker nicht freundlich aneinander wie Blumen zu einem Gewinde, sondern in der Ausprägung ihrer Eigentümlichkeit stehen sie eher als Gegner wider einander, denn nichts ist groß, was nicht auch ein Vermögen der Verneinung und Abstoßung übt. So regt ihre Arbeit weit mehr auf als sie an Beruhigung bringt, sie fragt mehr als sie beantwortet, sie beginnt immer neu und verändert den Anblick des Ganzen; der Gewinn besteht daher weniger in einem fertigen Ergebnis als in der Erweiterung und Bereicherung des Lebens, der Steigerung seiner Bewegung und Spannung. Aber bei aller Unfertigkeit zeigt diese Bewegung, wie Großes im Menschen steckt und bei ihm wirkt, wie viele Möglichkeiten und Aufgaben in seinem Wesen liegen, sie zeigt zugleich, daß unser Leben nicht in die Selbstsucht der Individuen und in die Nichtigkeit des Alltagsgetriebes aufgeht, sondern durch innere Notwendigkeiten zwingend darüber hinausgetrieben wird. So kann sie durch Zweifel und Kampf, durch Leid und Schmerz hindurch das Bewußtsein einer Größe und einer hohen Aufgabe des Menschenwesens stärken und durch die Vergegenwärtigung seiner Gesamtlage und seines Geschickes zur Erhebung über die Kleinheit des bloßen Menschen wirken. Einer solchen Erhebung bedürfen wir heute aus verschiedenen Gründen besonders dringlich, wir bedürfen ihrer gegenüber der Hast des Tages, gegenüber der Enge der Parteien, gegenüber der durch den Weltkrieg bewirkten Verfeindung der Nationen. Dies alles bedroht uns mit einem inneren Sinken bei aller Trefflichkeit äußerer Leistung. Daher muß uns alles willkommen sein, was solchem Sinken zu widerstehen verspricht.
Unser Unternehmen vermag aber in dieser Richtung zu wirken nur bei einer besonderen Art der Behandlung. Es gilt, den Gegenstand nahe zu bringen und sich seelisch mit ihm zu verbinden, ihm zugleich aber seine eigentümliche Art zu wahren. Weder eine Objektivität, die alles eigene Urteil scheut, noch eine Subjektivität, die in allen Dingen nur sich selber sucht und sieht, kann eine innere Erweiterung bringen. Aber wir denken, daß jener Gegensatz die Sache nicht erschöpft, daß sich über ihn hinauskommen und ganz wohl eine unmittelbare Berührung zwischen dem Leser und den Denkern herstellen läßt, ohne daß sich die Grenzen verwischen. Zwischen Urteilslosigkeit und Aufdringlichkeit gibt es wohl noch einen Mittelweg, der die Sache fruchtbar machen kann.
Auch das bereitet Verwicklung, daß die gelehrte Forschung der Neuzeit mit ihrer Richtung aufs Feine und Kleine unserer Arbeit gegenwärtig sein muß, ohne daß sie doch auf die Spezialfragen eingehen kann. Jeder Versuch einer Zusammenfassung, wie der hier unternommene, enthält die Gefahr einer zu summarischen Behandlung; leicht rundet er ab, was voller Ecken und Kanten ist. Leise Andeutungen müssen hier oft genügen, wo eine genauere Ausführung wünschenswert wäre. Auch weshalb wir bei strittigen Fragen gerade die gewählte Stellung nehmen, das läßt sich hier unmöglich näher begründen.
So hat unsere Arbeit unter mannigfachen Gefahren und Bedenken ihren Weg zu suchen, von ihr abschrecken aber und die Freude an ihr mindern können diese Bedenken nicht. Gegenüber allen Zweifeln behauptet die Betrachtung der Lebensanschauungen der großen Denker eine eigentümliche Anziehungskraft. Aus dem Streben jener spricht zu uns mit elementarer Gewalt ein Verlangen nach Wahrheit und Glück. Aber zugleich haben die reifen Werke, zu denen dies Verlangen sich klärte, eine wunderbare Kraft der Beruhigung und der Befestigung, auch ein Widerspruch der eigenen Überzeugung braucht nicht die Freude an der Macht ursprünglichen Schaffens und der Klarheit lichtvollen Gestaltens zu trüben. Mit jenen großen Geistern führt uns das Reich der Bildung immer von neuem zusammen, tausend Fäden verweben mit ihnen unsere Arbeit. Aber die gelehrte Beschäftigung läßt uns oft das Ganze ihres Wesens fremd und verbindet sie uns nicht persönlich; die Göttergestalten des Pantheon, das wir nur von draußen betrachten, verlassen nicht ihren erhabenen Standort, um unser Streben und Sorgen zu teilen. Auch scheint kein engerer Zusammenhang sie untereinander zu verbinden. Mit der Wendung zum Kern ihres Schaffens, mit der Eröffnung der seelischen Tiefe, wo die Arbeit ihnen zur Entfaltung des eignen Wesens wird, muß das anders werden: die kalten Bilder gewinnen Leben und beginnen zu uns zu reden, das Schaffen der Großen zeigt sich von denselben Fragen bewegt, an denen unser eignes Wohl und Wehe hängt. Zugleich gewinnen die Helden bei allen Gegensätzen einen Zusammenhang und stellen sich alle als Genossen eines gemeinsamen Werkes dar: der Erringung einer geistigen Welt auf dem Boden menschlichen Lebens, des Kampfes um eine Seele und einen Sinn unseres Lebens. Mit der Herstellung einer so innigen Berührung können alle Scheidewände fallen, wir aber in jenes Pantheon treten als in unsere eigene Welt, unser geistiges Heim.
Was immer diese Darlegungen an Empfehlung der Aufgabe enthalten, das steigert sich durch die Erfahrungen und Fragen, welche der ungeheure Weltkrieg der Menschheit brachte. Er hat viel Heroismus erzeugt, aber er ließ auch in tiefe Abgründe blicken, er hat im besonderen viel Haß und Leidenschaft aufgewühlt und die Völker dadurch entzweit. Früher oder später müssen wir über solche Entzweiung hinaus, das wird keine leichte Arbeit sein; um so wertvoller wird alles, was das Streben der Menschheit als ein Ganzes betrachtet und eine der Scheidung überlegene Einheit zur Wirkung bringen möchte. Diesem hohen Ziel möchte auch unsere Arbeit dienen, indem sie deutlich ersehen läßt, wie ein und dasselbe Verlangen nach Wahrheit und Glück alle Zeiten und Völker verbindet, und wie jedes große Kulturvolk etwas geleistet hat, was den anderen unentbehrlich ist. Das bedeutet keine Verwischung der Unterschiede, wohl aber die Anerkennung einer Einheit über allen Unterschieden.
Ein Versuch, die Darstellung der griechischen Denker mit einigen Bemerkungen über die griechische Art und Entwicklung einzuleiten, muß die Gefahren deutlich vor Augen haben, die einem solchen Unternehmen der gegenwärtige Stand der Forschung bereitet. Die geschichtliche Denkweise mit ihrer Unbefangenheit, Weite und Beweglichkeit hat sich erst neuerdings dieses Gebietes voll bemächtigt und die ältere Art der Behandlung verdrängt. Gefallen ist die Orthodoxie des Klassizismus, welche im ganzen Altertum einen einzigen Typus sah und diesen stilisierten und idealisierten Typus den späteren Zeiten als etwas Unerreichbares und Unantastbares vorhielt; gefallen ist der schroffe Gegensatz zwischen »Alten« und »Neuen« und zugleich die Neigung bei jenen vorhanden zu denken, was diese bei sich selbst vermißten. Jener Klassizismus wurde zu eng, indem er das ganze griechische Leben an einen einzigen Höhepunkt band, zu starr, indem er diese Höhe weniger aus ihrem Werden verstand als in ihr eine erstaunliche Schicksalsgabe bewunderte, er drohte auch den schaffenden Geistern Unrecht zu tun, indem er ihre Leistung als einen bloßen Ausfluß einer durchgehenden Volksart behandelte und vieles als eine Wirkung dieser verstand, was in Wahrheit eine mit härtestem Kampf verbundene Gegenwirkung war. Auch die Betrachtung der Denker kann nur gewinnen, wenn demgegenüber die geschichtliche Denkweise das Werden mit seinen Bedingungen und Hemmungen, die Fülle der Bildungen mit ihren Gegensätzen und Kämpfen, die beträchtlichen Wandlungen der Jahrhunderte, das Erscheinen moderner Elemente schon im Altertum aufweist, uns das Ganze damit durchsichtiger macht und der Starrheit einer absoluten Schätzung eine mehr relative entgegenhält.
Aber die Verwicklung reicht noch weiter, auch das Griechentum als Ganzes hat Probleme gezeigt, an die man früher nicht dachte. Wir hatten uns daran gewöhnt, es als eine geschlossene und selbständige Welt zu behandeln, die erst bei ihrem Sinken fremden Einflüssen zugänglich wurde. Jetzt eröffnen sich auch für die früheren Zeiten immer mehr Zusammenhänge, namentlich mit dem Orient, die weltgeschichtliche Perspektive hat sich verschoben, die Schuld an Fremdes sich vergrößert, auch das eigene Leben zeigt weit mehr dunkle Tiefen. Aber solche Betrachtung in weiteren Zusammenhängen läßt die eigentümliche Leistung des griechischen Geistes eher größer als kleiner erscheinen, indem sie weit mehr freier Entscheidung und eigner Tat zuerkennt, was früher eine Gabe von Natur und Schicksal dünkte. Auch unsere Darstellung darf nie vergessen, daß sie keineswegs Durchschnitte schildert, sondern geistige Bewegungen vorführen soll, die der Welt der Arbeit und Bildung, nicht der Breite des Alltags angehören. Das aber heißt nicht bestreiten, daß das geistige Schaffen jenes großen Kulturvolks durch alle Mannigfaltigkeit, allen Wandel, allen Streit hindurch gemeinsame Züge trägt; diese hat sich gegenwärtig zu halten, wer die Leistungen der Einzelnen verstehen und würdigen möchte.
Nichts fällt beim Schaffen der Griechen mehr ins Auge als die Lebensenergie, der Trieb alle Kraft zu entfalten, die Lust am Wirken und Bilden. Die Tätigkeit bedarf zur Empfehlung hier keines Lohnes, sie reizt und erfreut durch sich selbst. Sich tätig zu den Dingen zu verhalten, das war stets der Kern der griechischen Weisheit. Aber die Tätigkeit ist an erster Stelle dem Gegenstande zugewandt und sucht mit ihm in Einklang zu kommen, sie ist nicht vornehmlich gegen sich selbst gekehrt und mit dem Befinden ihres Trägers beschäftigt; daher findet sich hier kein fruchtloses Sichvergrübeln, kein Verweilen bei leerer Stimmung, vielmehr drängt es stets vom seelischen Zustand ins Wirken hinein. Hält dieses uns aber mit den Dingen eng zusammen, so entsteht ein fruchtbarer Austausch, Seele und Gegenstand bilden sich durcheinander weiter. Die griechische Art beseelt die Umgebung, sie wirft überallhin einen Abglanz menschlichen Lebens. Da sie aber die Eigentümlichkeit der Dinge nicht unterdrückt, so wirken diese auf jenes Leben zur Bildung, Klärung, Veredlung zurück. Daher ist das Beseelen der Umgebung bei den Griechen vornehmer und fruchtbarer als bei anderen Völkern, das Menschliche läutert sich durch die Spieglung im All und überwindet anfängliche Roheit.
Zugleich wird die Tätigkeit zur Wehr und Waffe in den Gefahren und Nöten des Daseins. Dem Schicksal gegenüber verhält sich der Grieche nicht leidend, sondern handelnd, er sucht ihm eigene Kraft entgegenzusetzen, im Lebenskampf sein Vermögen zu stählen und eine Größe zu erringen. Aber die Griechen haben dabei nicht das Dunkle und Böse leicht genommen; wie ihr Leben keineswegs das Bild sonniger Heiterkeit bietet, so huldigt auch ihr Denken keineswegs einem flachen Optimismus. Eben wer tätiger Art ist, aber zugleich eine Tiefe der Seele hat, wird den Widerstand der Welt schwer empfinden; nur das ist die Frage, ob er sich dem Widerstande ergibt oder sich gegen ihn behauptet. Das letztere haben die Griechen getan. Aber sie hätten dem Schicksal nicht einen so hohen Platz in ihrer Gedankenwelt einräumen und das Einhalten des Maßes als tiefste Weisheit, sein Überschreiten als schwersten Frevel erklären können, wären sie sich nicht der Schranken menschlichen Vermögens deutlich bewußt gewesen. Ein solches Bewußtsein aber muß das Leben mit tiefem Ernst erfüllen, es verbietet alles vergnügliche Zufriedensein. In Wahrheit haben die Zweifel, Sorgen und Leiden des Lebens die Griechen unablässig beschäftigt und oft zu bitteren Klagen getrieben. Aber ergeben haben sie sich ihnen nicht, mit Aufbietung immer neuer Kraft haben sie ihnen überlegen zu werden gesucht. Um den Widerständen gewachsen zu sein, hat der griechische Geist immer mehr am Weltbilde wie am Menschen zu verändern gehabt, er hat sich immer mehr in einer Innenwelt befestigen müssen, um sich tätig verhalten zu können. Aber das Griechentum hat den Weg dahin gefunden, solange es sich selbst erhielt, es hat aus einem solchen tätigen Benehmen immer neuen Mut geschöpft und auch bei wachsender Verdunklung der sichtbaren Welt einen Sinn des Ganzen behauptet. So blieb in allen Kämpfen und Wirren der endgültige Sieg dem Ja, aber er tat es durch vielfache Verneinung hindurch und blieb daher allem Übermut fern.
Wie der griechische Mensch in der Tätigkeit seinen Halt sucht, so atmen auch seine Werke Leben und Tätigkeit. Als Lebewesen, als beseelte Individuen erscheinen hier die menschlichen Gemeinschaften, vornehmlich der heimatliche Staat; auch den Werken der griechischen Kunst ist nichts eigentümlicher als das Erfülltsein von seelischer Bewegung. Bis in die kleinsten Elemente erstreckt sich solche Beseelung, auch sonst Starres und Totes zeigt hier einen Pulsschlag inneren Lebens.
Schon jene freundliche Stellung der Tätigkeit zu den Dingen läßt erwarten, daß sie sich dem Reichtum der Wirklichkeit anschmiegt und zugleich sich selbst aufs reichste verzweigt. In Wahrheit sehen wir die Kulturarbeit mit wunderbarer Weite alle Gebiete ergreifen, die Erfahrungen eines jeden würdigen, aller Eigentümlichkeit ihr Recht gewähren. Bewegungen, die sonst leicht sich verfeinden, erhalten hier gleiche Liebe und Kraft; alle Hauptrichtungen der späteren Kulturentwicklung bis in die Gegenwart hinein sind hier im Keime vorhanden. Wer das bestreitet und den Griechen etwa in der Religion oder im Recht, in der strengen Wissenschaft oder im technischen Erfinden, auch in dem des Krieges, eine Größe abspricht, der wendet fremde Maßstäbe an, oder er hält sich an einen einzigen, allein als klassisch gefeierten Abschnitt. Namentlich verweilte die Betrachtung der Neueren oft zu ausschließlich bei dem, was das Größte sein mag, aber keineswegs das Einzige ist: bei der Kraft der Synthese, dem künstlerischen Bilden zum Ganzen. Aber auch eine Größe nüchterner Beobachtung, scharfsinniger Analyse, scheidender Reflexion gehört zum Bilde griechischen Wesens.
Bei solcher Weite wird die Arbeit des Ganzen nicht durch die besondere Natur eines einzelnen Gebietes bedrückt und beschränkt, sondern sie ist frei und biegsam genug, um von allen Seiten her aufzunehmen und sich selbst in frischem Fluß zu halten. Diese Elastizität macht eine reiche Geschichte möglich, eingreifende Wendungen können erfolgen ohne einen schroffen Bruch mit der eigenen Art und ohne eine Aufhebung alles Zusammenhanges. Nichts schied den Griechen in seiner eigenen Überzeugung so sehr von den Barbaren als die Weite und Freiheit seines Lebens gegenüber der Starrheit und Befangenheit jener.
Zur Freiheit gesellt sich die Klarheit. Was immer den Menschen berührt und bewegt, was ihm von außen zufällt, und was von innen her aufsteigt, es soll vollauf durchsichtig werden. Erst wenn es alle Dunkelheit des Anfanges überwunden hat und hell vor unserem Auge steht, gilt es als unserem Leben einverleibt und von unserer Tätigkeit angeeignet.
Es spaltet sich aber dieses Streben in zwei Bewegungen, die einander ergänzen und bekämpfen, suchen und fliehen: eine wissenschaftliche und eine künstlerische, eine logische und eine plastische.
Einmal ein eifriger Drang zu begreifen und zu verstehen, durch mutvolles Denken alles Dunkel aufzulösen. Hier gilt es, das vorgefundene Nebeneinander zu überwinden, die Vorgänge zu verketten, die verschiedenen Lebensäußerungen auf einen gemeinsamen Grund zurückzuführen, aus allem Wechsel und Wandel beharrende Größen herauszusehen. Ein solches Streben wirkt schon lange vor Ausbildung der Wissenschaft, schon die ältesten literarischen Schöpfungen enthalten, wenn auch verschleiert, den Gedanken einer umfassenden Ordnung der Dinge, eine Abweisung vager und blinder Willkür. Jenes Streben kann aber nicht weiterkommen und sich zur Wissenschaft steigern, ohne daß sich das Weltbild vom Sichtbaren ins Unsichtbare verschiebt; ja das Denken wird schließlich stark genug, um lediglich sich selbst zu vertrauen und seiner Forderung eines echten Seins die ganze sinnliche Welt aufzuopfern, sie zur Erscheinung, ja zum bloßen Scheine herabzusetzen. So werden die Griechen die Schöpfer der Metaphysik, weit über die Schulwissenschaft hinaus ist ein metaphysischer Zug ihrer Arbeit eingepflanzt, Weltgedanken durchdringen ihr Leben und Schaffen und geben ihm eine wunderbare Größe. Auch im eigenen Seelenleben drängt es sie zwingend zu klarer Bewußtheit, alles Streben hat Grund und Rechenschaft abzulegen, ein kräftiges Denken soll alles Handeln begleiten und leiten. Ja, die Einsicht wird zur Seele des Lebens, an rechter Erkenntnis scheint alles Gute zu hängen, das Böse aber dünkt ein intellektuelles Verfehlen, ein Irregehen im Urteil.
Aber der Ausschließlichkeit des Denkens und einem einseitigen Rationalismus widersteht sicher ein Zug zur sinnlichen Anschauung und künstlerischen Gestaltung. Der Grieche will nicht bloß begreifen, er will auch schauen, er will das Bild im Eindruck erfassen und in sinnlicher Gegenwart halten; zum strengen Denken gesellt sich die leichtbeschwingte Phantasie, auch sie auf der Höhe des griechischen Schaffens nicht blinde Willkür, vielmehr unverwandt auf Maß, Ordnung, Harmonie gerichtet. Hier drängt alles zur vollausgeprägten Gestalt und zu festem Stile, alle Bildung wird nach draußen hin abgegrenzt und in sich selbst gegliedert, alle Verhältnisse werden abgewogen und festgelegt, alles Einzelne empfängt seine Grenze, indem es eine Grenze setzt. Die Ausbreitung dieses Wirkens über die Welt verwandelt das ungefüge Chaos des Anfangs in einen herrlichen Kosmos, sie duldet nichts Ungeformtes und Fratzenhaftes. Im besonderen will hier das Auge angeregt und befriedigt sein, erst sein Schauen führt die Schönheit zu ihrer eigenen Vollendung. Eine solche Denkart duldet keine Kluft zwischen Innerem und Äußerem, ihr genügt nicht ein traumhaftes Ahnen oder symbolisches Andeuten, auch ist die Darstellung ihr nicht eine nachträgliche Zutat, sondern ein Erringen des eigenen Wesens. Dies Verlangen nach Anschauung führt die Arbeit immer wieder zur sichtbaren Welt zurück und hält sie bei dieser fest, die Vielheit der Dinge, die dem Denken vor der begehrten Einheit zu verschwinden droht, behauptet hier ein unangreifbares Recht, als Zwillingsschwester gesellt sich zur strengen Wahrheit freundlich die Schönheit. Die Verbindung beider, die plastische Gestaltung geistiger Kräfte, bildet die Höhe der griechischen Arbeit. Diese behütet das Streben nach Wahrheit sicher davor, sich von den Dingen abzulösen und ins Grenzenlose zu verlieren, dem künstlerischen Bilden aber gibt sie einen geistigen Gehalt und verschmäht bloßen Reiz und Genuß. Solche Wechselwirkung verleiht dem Ganzen eine innere Bewegung, ein unerschöpfliches Leben, eine unversiegliche Frische. So stellt es uns namentlich Plato vor Augen.
Schon diese wenigen Züge erweisen eine durchaus eigentümliche Art, sie bekundet sich auch in der Arbeit der Denker und der Gestaltung von Lebensbildern. Es erscheinen aber ausgeführte Lebensanschauungen philosophischer Prägung, wie sie uns hier beschäftigen sollen, erst spät, und als sie erscheinen, ist ein tüchtiges Stück geistiger Arbeit und innerer Befreiung schon getan. Das Werden und Wachsen jener eigentümlichen Art näher zu verfolgen, verhindert leider das Dunkel, das auf den früheren Zeiten und noch auf den inneren Bewegungen des achten und siebenten Jahrhunderts liegt, aber im sechsten ist jene deutlich entfaltet, und das fünfte bringt ihren vollen Sieg. Alle Hauptgebiete hat nun der Geist der Befreiung und Veredlung ergriffen.
So zunächst die Religion. Wohl bleiben die alten Götter in Ehren, aber ihr überkommenes Bild erfährt eine scharfe Kritik. Anstoß und Zorn erregt, was daran geläuterten sittlichen Begriffen widerspricht; es fehlt nicht an offenem Kampf, aber auch in leiserer Art, vielleicht kaum bemerkt, vollzieht sich eine Verschiebung ins Geistige und ins Ethische. Zugleich wird mehr Einheit gesucht; so wenig die Vielheit der Göttergestalten verschwindet, sie ist kein bloßes Nebeneinander mehr, durch alle Mannigfaltigkeit schimmert Eine Gottheit hindurch. Zugleich erscheinen Keime neuer Entwicklungen, Entwicklungen nach verschiedener, ja widerstreitender Richtung. Von der Forschung her ein pantheistischer Zug, die Überzeugung von einem allumfassenden Leben, einer unpersönlichen Gottheit, der auch die Seele des Menschen entstammt, und zu der sie nach vollbrachtem Lebenslauf zurückkehren wird. Aus einer tieferen Empfindung der Ungerechtigkeit irdischer Dinge hingegen und aus der Sorge um das eigene Heil ein Aufstreben über das nächste Dasein, eine Befreiung der Seele vom Körper, der Glaube an ein persönliches Weiterleben und die Hoffnung eines besseren Jenseits. So in den Kreisen der Orphiker und der Pythagoreer, wohl in Zusammenhang mit älterer Volksvorstellung.
Zugleich hatte auch das ethische Leben mehr Selbständigkeit und Innerlichkeit gewonnen, im besonderen war der Gedanke des sittlichen Maßes mächtig geworden. Förderlich wirkt hierher und überhaupt zur Vertiefung des Seelenlebens die Poesie, weit über die Spruchweisheit der Dichter hinaus. Die Wendung zur Lyrik ruft neue Gefühle hervor und steigert die innere Bewegung; die Liebe, der Eros, strebt zum Ausdruck in der bildenden Kunst wie in der Dichtung. Je innerlicher und gedankenreicher aber das Leben wird, desto schwerer werden die Probleme, desto stärker werden die Widersprüche des menschlichen Daseins empfunden. Das Drama nimmt diese Probleme mutig auf und zieht in seiner Weise die Summe des menschlichen Schicksals. Bevor die Philosophie dem Leben einen Halt gewährte, waren die Dichter die Lehrer der Weisheit, ein Mittelglied zwischen der alten Überlieferung und der Gedankenwelt späterer Zeiten.
Auch die Wandlungen im Staatsleben verändern die menschliche Lage. Die Wendung zur Demokratie treibt die Individuen zur Aufbietung und Nutzung aller Kräfte, die gegenseitigen Berührungen wachsen, der Lebensprozeß beschleunigt sich. Die überlieferte Ordnung wird jetzt nicht mehr als selbstverständlich hingenommen, die Gegensätze werden gesammelt und dabei umgebildet, das Prüfen des Bestehenden erweckt allgemeine Probleme, man beginnt die Einrichtungen anderer Staaten zu vergleichen und mit eigenem Denken neue Wege zu bahnen. Zugleich erweitert sich das Leben auch äußerlich durch den Aufschwung von Handel und Verkehr, namentlich aber durch die Gründung von Kolonien, die kraft der Berührung mit fremden Kulturen auch geistig in Aufstieg kommen. Es ist kein Zufall, daß die Philosophie in den Kolonien entsprang.
Mit der Art des Lebens verändert sich auch der Anblick der Welt. Die Philosophie, die bei den Griechen nicht vom Menschen und seinem Glück, sondern vom All beginnt, will die Welt aus ihren eigenen Zusammenhängen, auf natürliche Art verstehen, sie dringt auf einen beharrenden Grund oder auf feste Maßverhältnisse; sie muß mit dem ersten Eindruck brechen und das Anschauungsbild zerstören, aber ihre Arbeit baut mit sicherem Zuge für das Wesentliche die Welt wieder auf, in Entwürfen, deren geniale Einfalt immer von neuem zur Bewunderung zwingt, mit Gedanken, deren Größe die Gemüter noch immer entzückt. Weniger ein direkter Angriff als die Ausbildung einer wissenschaftlichen Überzeugung überwindet hier sicher die mythologische Denkart. Aber in die rationale Arbeit wirken beseelend religiöse Gedanken älteren Ursprungs hinein und geben ihnen größere Wucht. Die Hauptprobleme und Hauptgegensätze der Weltbetrachtung werden deutlich herausgearbeitet und zu dauernden Typen festgelegt; dabei erscheint ein rascher Fluß der Bewegung, jede Behauptung erweckt bald ihren Gegensatz, in sicherem Zuge erhöht sich der Stand des Ganzen.
Dem Streben nach einem eigenen Zusammenhange der Dinge dient weiter die Astronomie, in der freilich orientalische Einflüsse unverkennbar sind. Indem sie in den Bewegungen der Gestirne Beständigkeit und Gesetzlichkeit erkennen läßt, im Weltbau feste Ordnungen aufdeckt und das Ganze zu einem Kosmos verbindet, verbietet sie auch dem Göttlichen alle Willkür und bindet es an ein überlegenes Gesetz. Deutlicher als alle Wunder es könnten, verkündet die eigene Ordnung der Dinge eine Weltvernunft. – Daß aber eine solche Vernunft nicht nur im Großen waltet, sondern mit Zahl und Maß auch in das Kleine hineinreicht, das zeigt in überraschender Weise die Entdeckung der Schwingungszahlen der Töne. – Einen starken Einfluß auf die Weltanschauung übt auch die Medizin. Nicht nur auf ihrem eigenen Gebiet treibt die Beobachtung des Menschen sie zu einer genaueren Ermittlung der ursächlichen Zusammenhänge, ihre Arbeit schärft überhaupt das kausale Denken, sie enthüllt die enge Verbindung des Menschen mit der Natur, sie erkennt in ihm ein Abbild des Alls, den Mikrokosmos, der an allen Hauptsäften und -kräften der großen Welt Anteil hat.
Endlich wird auch das eigene Leben und Tun der Menschheit in das Licht einer unbefangenen Betrachtung gestellt. Die Geschichtsschreibung hat ihre Selbständigkeit kaum gefunden, als sie auch einen kritischen Geist entfaltet, an den Überlieferungen sondert und sichtet, in der Beurteilung unserer Schicksale das Übernatürliche mindert und zurückdrängt. Wohl bewahren dabei die Autoren selbst eine fromme Scheu vor den unsichtbaren Mächten, aber der Zug der Arbeit geht dahin, die Erlebnisse aus der Verkettung von Ursache und Wirkung zu verstehen und das Schicksal an die eigene Tat zu knüpfen.
Die gleichzeitige Entwicklung aller dieser Bewegungen bietet ein wundervolles Schauspiel, wie es die Geschichte an keiner anderen Stelle gewährt. Mit unvergleichlicher Kraft und Frische erfolgt ein sicherer Aufstieg von traumhafter Befangenheit und kindlicher Gebundenheit zu einem wachen, freien, männlichen Lebensstande; immer selbständiger wird das Innere, immer mehr weicht die Enge bloßmenschlicher Art einem Leben mit dem All. In solchen Wandlungen regt und hebt sich das Kraftgefühl, ausgeprägte Individuen erscheinen und verfechten ihre Besonderheit, eine geistige Unruhe ergreift die Welt. Allgemeine Probleme brechen hervor und bewegen das Denken, überall ein Drang nach Klärung, Begründung, geistiger Durchdringung, ein rasches Wachstum intellektueller Arbeit und allgemeiner Bildung.
Aber aller Aufstieg des Neuen und alles Versinken des Alten ergibt zunächst keinen schroffen Bruch und keine völlige Umwälzung. Im Erstarken des eigenen Vermögens hat sich der Mensch noch nicht von den Dingen losgerissen und ihnen keck entgegengestellt, er hat die gemeinsamen Ordnungen noch nicht abgeschüttelt. Noch war die Zeit nicht gekommen, wo das Subjekt lediglich seiner eigenen Kraft vertraut und sich kühn allem Nicht-Ich entgegenwirft.
Aber diese Zeit mußte kommen, und sie kam. Die Verstärkung des Subjekts, die jede geistige Bewegung großen Stils vollzieht, wird schließlich in erregbaren und beweglichen Geistern das Gefühl einer unbedingten Überlegenheit und vollen Selbstherrlichkeit erzeugen; mit solcher Wendung wird die geistige Befreiung zur Aufklärung, und diese muß sich, solange ein Gegengewicht fehlt, immer radikaler gestalten. Das Denken wird zu freischwebender Reflexion, die nichts anerkennt, was nicht in ihre Maße aufgeht; es wirkt damit zur Auflösung und Verflüchtigung, es wird vornehmlich ein Feind alles geschichtlichen Befundes. Denn was immer von alter Übung und Sitte es vor seinen Richtstuhl zieht, das ist schon durch die Ladung gerichtet und verdammt. Entspricht diesem Zerstören kein Aufbau, so muß das Leben immer mehr ins Leere geraten und in eine Krise treiben.
Solche Wendung zu einer radikalen Aufklärung bringen den Griechen die Sophisten. Ihre gerechte Würdigung ist schon deshalb schwer, weil ihr Bild uns vornehmlich durch ihren schroffsten Gegner überliefert ist, und dessen Folgerung sich leicht als ihre eigne Behauptung gibt. Vor allem waren die Sophisten nicht Theoretiker, reine Philosophen, sondern Lehrer, Lehrer aller Geschicklichkeit für das praktische Leben, für das Handeln wie das Reden. Sie wollten ihre Schüler dazu bilden, in der Gesellschaft etwas zu leisten, sie wollten sie namentlich durch Entwicklung rhetorischer und dialektischer Gewandtheit anderen Menschen überlegen machen. Das entsprach einem starken Bedürfnis der Zeit und hat zur Erweckung und Bildung der Geister gewirkt. Aber mit dem Schätzbaren verschlang sich eng Angreifbares, ja Verkehrtes. Denn alles Wirken bekennt hier die Überzeugung, daß keine sachliche Wahrheit besteht und uns keinerlei überlegene Ordnungen binden, daß vielmehr alles an der Meinung und Neigung des Menschen hängt. So ward der Mensch zum »Maß aller Dinge«. Dieses Wort läßt sich verschieden deuten und wohl auch als ein Ausdruck tiefer Weisheit verstehen. Aber in jenen Zusammenhängen, wo Zufälliges und Wesentliches im Menschen noch nicht geschieden war, und sich noch kein Begriff der Menschheit vom Nebeneinander der Individuen abgehoben hatte, besagte es einen Verzicht auf alle allgemeingültige Norm, eine Preisgebung der Wahrheit an das jeweilige Belieben und die schwankende Neigung der Einzelnen. Je nach dem Standort, dem Gesichtspunkt, wie es heute heißt, läßt sich alles hierher oder dorthin wenden, so oder anders schätzen, läßt sich was als Recht erscheint, auch als Unrecht darstellen und umgekehrt, läßt sich jeder beliebigen Sache zum Siege verhelfen. So verwandelt sich das Leben mehr und mehr in Nutzen, Genuß, ja Spiel des bloßen und leeren Subjekts, das Individuum kennt keine Schranke und Scheu, der Kraftmensch versteht alle Ordnungen als bloße Satzungen für die Schwachen und hält ihnen die Macht und den Vorteil des Stärkeren als das wahre Naturrecht entgegen. So weicht das Gute dem Nützlichen, die Überzeugung verliert allen festen Halt, das Handeln alles überlegene Ziel, das veredeln und Ehrfurcht erwecken könnte. Gewiß hat auch ein solcher Relativismus ein Recht, jede Gedankenwelt hat sich mit ihm auseinanderzusetzen. Aus eigner Art aber wirkt er allem Großen und Wahren entgegen. So wird seine Entwicklung zu einer Selbstzerstörung, sein bewegliches und witziges Treiben führt immer weiter abwärts und endet schließlich in Frivolität. Nichts aber erträgt die Menschheit auf die Dauer weniger als solche spielende Behandlung der Hauptfragen ihres Glückes und ihrer geistigen Existenz.
Aber die Sophisten sind leichter zu tadeln als zu besiegen. Die Befreiung des Subjekts ist nicht wieder zurückzunehmen, sie hat aller bloßen Autorität ihre Überzeugungskraft geraubt. Zu überwinden ist diese Lage nur durch eine innere Weiterbildung des Lebens, nur dadurch, daß der Mensch in sich selbst neue Zusammenhänge und Ordnungen entdeckt, daß in seiner eigenen Seele eine Welt aufsteigt, die ihn von der Willkür befreit und bei sich selbst befestigt. Daß die griechische Philosophie dies vollbracht hat, das ist ihr größtes Verdienst, und das bedeutet zugleich ihre Höhe.
Sokrates bringt diese Bewegung in Fluß. Die Art seines Wirkens ist äußerlich den Sophisten so verwandt, daß das Urteil vieler Zeitgenossen ihn mit jenen zusammenwarf. Auch er wirkt als Lehrer und will die Jugend für das Leben bilden, auch er reflektiert und räsonniert, auch er will alles vor der Vernunft begründet haben, auch ihm wird der Mensch zur Hauptsache; so scheint er ein Aufklärer wie die anderen. Aber er erreicht einen festen Punkt, von dem aus sich ihm alles Denken und Leben verwandelt. Er entdeckt und verficht mit ganzer Seele den tiefen Unterschied zwischen den bunten und wechselnden Meinungen der Menschen und dem wissenschaftlichen Denken. In dessen Begriffen erscheint etwas Festes, Wandelloses, Allgemeingültiges, das zwingend wirkt und alle Willkür fernhält. Das ganze Leben wird damit zu einer Aufgabe und einer Forderung. Denn nun gilt es durch Klärung der Begriffe allen Befund unseres Daseins auf seinen Gehalt zu prüfen, alles Leben und Tun vom Schein in Wahrheit zu heben. Sokrates erreicht dabei kein System, seine Arbeit bleibt ein Suchen, ein unermüdliches Suchen. Wohl bildet er zur Ermittlung und Festlegung der Begriffe eigentümliche Methoden, aber sie anzuwenden vermag er nicht für sich allein, sondern nur im Verkehr mit anderen Menschen, in Rede und Gegenrede; so wird sein Wirken und Leben ein ständiger Dialog. Er kann aber den Menschen nahe bleiben, weil sein Denken sich vornehmlich mit dem praktischen und sittlichen Leben befaßt. Die Begründung dieses Lebens auf die vernünftige Einsicht gibt dem Guten mehr Selbständigkeit und erzeugt einen neuen Begriff der Tugend. Die Hauptsache ist jetzt nicht die Leistung nach außen und der Erfolg im menschlichen Zusammensein, sondern die Übereinstimmung mit sich selbst, die Gesundheit und Harmonie der Seele. Das Innenleben erhält mit der Selbständigkeit auch einen Wert bei sich selbst; so ganz ist es in sich selbst vertieft und mit sich selbst befaßt, daß alles äußere Ergehen darüber verblaßt. Dabei bleibt die Ausführung recht unfertig, und verschiedenartige Strömungen finden keine Ausgleichung. Aber die Wendung zur Selbständigkeit der Seele und die Verstärkung des Innenlebens behält volle Kraft, die oft nüchternen Lehren verwischen nicht den Eindruck einer tiefangelegten Persönlichkeit, die etwas Unmittelbares, ja Rätselhaftes besitzt; alles Unfertige und Unausgeglichene verschwindet vor der Treue und dem Ernst dieser Lebensarbeit, namentlich vor dem heroischen Tode, der diese Arbeit besiegelt hat. Ein fester Grundstein war damit gelegt, eine neue Bahn eröffnet, auf der nun rasch – in Plato – die griechische Lebensanschauung ihre philosophische Höhe erreichte.
Platos Lebensanschauung zu zeichnen bildet wohl die schwerste Aufgabe unserer ganzen Untersuchung. Vornehmlich deshalb, weil die weltüberlegene Persönlichkeit, die seine Werke vor Augen stellen, verschiedenartige Antriebe, ja schroffe Gegensätze enthält. Plato ist an erster Stelle der königliche Denker, der mit siegreicher Kraft durch allen Schein hindurch und über alles Bild hinaus zu einem unwandelbaren Wesen der Dinge vordringt, damit der Welt eine Tiefe gibt und das Gesamtbild der Wirklichkeit umgestaltet. Dieser Denker ist aber zugleich ein Künstler von Gottes Gnaden, den es fortwährend zum Gestalten und Schauen drängt, dessen hochgestimmte Phantasie alles Gedankenwerk mit glanzvollen Bildern umrankt, ja durchflicht, dem alle Fülle der sichtbaren Welt zu einem leuchtenden Spiegel seiner Gedanken wird. In alles Dichten und Denken aber legt Plato eine kraftvolle moralische Persönlichkeit, die alles prüft und läutert; als echt und wertvoll gilt ihm nur, was das Ganze der Seele fördert, indem es befestigt, reinigt, veredelt. »Alles Gold über der Erde und unter der Erde wiegt die Tugend nicht auf«. Über allen Einzelbewegungen endlich steht das Ganze einer selbstwüchsigen, schöpferischen Persönlichkeit, die überall Leben hervorruft, wo sie mit ihrer Arbeit einsetzt, die wunderbar zu malen versteht und ihre Schöpfungen leibhaft vor Augen stellt. Tiefe und fruchtbare Gedanken werden wie aus einem unerschöpflichen Füllhorn ausgestreut.
Aber was für die Persönlichkeit eine Größe, das macht das Verständnis ihres Werkes schwer. Jeder einzelne der verschiedenen Züge ist viel zu selbständig, um sich den anderen unterzuordnen, gegenseitige Hemmungen und Durchkreuzungen liegen nahe und lassen auch die Deutung des Ganzen schwanken.
Diese Mannigfaltigkeit der Bewegungen macht das Dunkel besonders schmerzlich, das über der Reihenfolge der platonischen Schriften und über der inneren Geschichte des Mannes liegt. Wohl heben sich gewisse Hauptphasen deutlich heraus; an welcher Stelle sich aber die einzelnen Abschnitte und Übergänge finden, und was zu den verschiedenen Zeiten der Hauptzug der Bewegung war, das ist trotz unsäglicher Arbeit der gelehrten Forschung noch immer so wenig zu voller Klarheit gebracht, daß gewagte Vermutungen dabei nicht zu entbehren sind; solche aber muß unsere Darstellung meiden. So soll sie sich vornehmlich an die Werke halten, welche Plato als den Schöpfer der Ideenlehre zeigen. Denn in ihr erreicht er seine größte Selbständigkeit, und mit ihr hat er am stärksten auf die Menschheit gewirkt.
Platos Streben bekundet durchgängig eine tiefe Unzufriedenheit und einen schroffen Gegensatz zu seiner gesellschaftlichen Umgebung. Es ist zunächst die athenische Demokratie, die seinen Zorn erweckt, das Verhalten der »Vielen«, die ohne Ernst und ohne Einsicht nach schwankender Lust und Laune über die wichtigsten Dinge beschließen und durch lärmende Massenwirkungen die Seelen der Jugend verleiten. Aber dem Denker wird die Not seiner Zeit und seines Kreises ein Problem aller Orte und Zeiten. Jegliches menschliche Tun, das sich auf sich selber stellt und eine Verbindung mit überlegenen Ordnungen ablehnt, gilt ihm als nichtig und irrig; es kennt kein wahrhaftiges Sein, vom flüchtigen Schein beherrscht bietet es von Tugend und Glück nicht mehr als einen Schein, einen eitlen und selbstgefälligen Schein. So befreit sich der Denker vom bloßen Menschen und flüchtet zum All, vom Alltagsgetriebe mit seinen niedrigen Gelüsten heißt er aufschauen zu den ewigen, aller Unbill fremden Ordnungen, die der Anblick des Himmelgewölbes einleuchtend vor Augen stellt; der Anschluß an sie wird unser Leben weiter und wahrer, reiner und beständiger machen. So ein Streben über den Menschen hinaus, eine Wendung zum All als dem Standort wahrhaftigen Lebens.
Aber dies neue Leben begegnet sofort einem scheinbar unüberwindlichen Hemmnis. Die sinnliche Welt war schon durch Gedankenarbeit in ihrer Handfestigkeit erschüttert, namentlich war ihr unablässiges Anderswerden, war der regellose Fluß der Dinge viel zu deutlich erkannt, um dem Leben und Streben einen sicheren Halt zu gewähren. Bildet das Reich der Sinne die einzige Welt, so kann die Wendung zum All dem Denken kein Sein erschließen, dem Leben keine Festigkeit geben. Aber ist jenes Reich das Ganze der Wirklichkeit? Sokrates' Lehre vom Denken und von den Begriffen hatte neue Wege gewiesen. In den Begriffen war gegenüber den schwankenden Meinungen der Einzelnen etwas Beharrendes und Allgemeingültiges erkannt, für Sokrates freilich nur innerhalb unseres eigenen Gedankenkreises. Plato aber, seiner Gesamtart nach mehr aufs Weite und Kosmische gerichtet, tut hier einen beträchtlichen Schritt vorwärts. Der Begriff, so meint er, könnte nicht wahr sein, reichte er nicht über den Menschen hinaus, und übermittelte er nicht eine Wirklichkeit der Dinge. Das entspricht der griechischen Denkart, die den Menschen von der Welt nicht ablöst und ihr entgegensetzt, sondern ihn ihr eng verbunden hält, welche die Tätigkeit dem Gegenstand anschmiegt und im Befunde des Seelenlebens eine Mitteilung der Dinge sieht. Das kleine Leben folgt hier dem großen, denn nicht entfacht und nährt sich, so meint Plato, das Feuer des Alls aus dem Feuer bei uns, sondern es hat von jenem das meine und das deine und das aller Lebewesen was immer es hat. Hängen wir aber so an den Dingen, und schöpft die Seele allen Gehalt aus dem All, so ist im Befunde der kleinen Welt die große mit Sicherheit zu ergreifen. Nun ist für Plato ausgemacht, daß gegenüber der schwankenden Meinung ein Wissen mit festen Begriffen besteht; so gibt es sicherlich auch im All eine unwandelbare Wirklichkeit übersinnlicher Art, ein Reich von Gedankengrößen jenseit der fließenden Sinnenwelt.
Auf diesem Wege kommt Plato zum Kern seiner philosophischen Überzeugung, zu seiner Ideenlehre. Das Wort Idee, ursprünglich Aussehen, Bild, Gestalt bedeutend, erhält und behauptet von hier aus einen technischen Sinn, es bezeichnet nun das Gegenstück des Begriffes in der Welt der Dinge, ein wesenhaftes, wandelloses, nur dem Gedanken zugängliches Sein. Die Ideenlehre befestigt und objektiviert unsere Begriffe, eine kühne logische Phantasie trägt diese über den menschlichen Kreis hinaus in das All und verkörpert sie zu selbständigen Größen uns gegenüber. Die Gedankenwelt aber, die damit entsteht, gilt Plato als der Grundbestand aller Wirklichkeit, als Trägerin der Welt, die uns sichtbar umfängt.
Das ist eine Umwälzung und Umwertung gewaltiger Art. Wohl hatte auch vorher schon die Arbeit hervorragender Denker die nächste Welt zu einer niederen, ja zu einem bloßen Scheine herabgesetzt, aber diese Wendung war noch nicht mit dem Ganzen dieser Welt ausgeglichen und konnte daher auf weitere Kreise keinen Einfluß gewinnen. Plato dagegen hat eine gründliche Auseinandersetzung vollzogen und zugleich alle Begriffe von der Wirklichkeit wesentlich umgestaltet. Zum Ersten, Gewissesten, unmittelbar Gegenwärtigen wird jetzt eine Welt, die sich nur dem Denken erschließt. Nicht nach der Stärke des sinnlichen Eindrucks, sondern nach der geistigen Durchsichtigkeit bemißt sich jetzt die Nähe und Erkennbarkeit der Dinge; da das sinnliche Dasein mit seiner Räumlichkeit sich reinen Begriffen verschließt, so bleibt es bei aller Handgreiflichkeit in trübem Dämmerschein, während die Ideen sich sonnenhell durchleuchten lassen. Bei solcher Wandlung bildet die Seele unser echtes Wesen, der Körper wird ein bloßer Anhang, ja ein fremdes und niederes Sein. Auch das Streben wird damit ganz und gar unsinnlichen Gütern zugewandt.
Dieser Gedankenwelt gibt die volle Herrschaft des Erkennens eine eigentümliche Färbung. Nur das Erkennen, das Auge des Geistes, führt vom Schein der Sinne zum Reich des Wesens. Dies Reich wesenhaften Seins gilt Plato aber zugleich als das Gute, als das an sich selbst Wertvolle, als das, woraus alles stammt, was bei uns als gut geschätzt wird. Daß so das Wesenhafte mit dem Guten zusammenfällt, daß die Dinge um so höher stehen und um so besser sind, je mehr sie an echtem Sein teilhaben, dies Zusammenfallen von Wesenhaftem und Wertvollem erzeugt einen festen Glauben an eine Vernunft im Grunde der Wirklichkeit; ein solcher Glaube gibt dem Menschen eine sichere Überlegenheit gegen alles Dunkle und Böse im nächsten Befunde der Welt, er gibt zugleich dem Streben den stärksten Antrieb, sich zu der Höhe aufzuschwingen, wo die Widersprüche sich lösen und das Leben zu reiner Freude wird. Solche Zusammenhänge kennen kein radikales Böse; so gewiß das Niedere herabzieht und entstellt, das Gute zerstören kann es nicht. So rechtfertigt sich bei allem schweren Ernst eine zuversichtliche und freudige Lebensstimmung, eine Stimmung freilich, die durch geistige Arbeit erkämpft ist, nicht von Natur zufällt.
Die Forderung des Aufstiegs erhält bei Plato dadurch einen besonderen Charakter, daß neben der höheren Welt eine niedere dauernd verbleibt, in der die Ideen nur getrübt zur Wirkung gelangen, in der sich daher der Mensch nicht heimisch machen darf. Mit solcher Scheidung zweier Welten hat Plato eine gewaltige Bewegung hervorgerufen und das Lebensproblem auf eine Bahn geführt, die, immer wieder bestritten, doch nicht aufgegeben ward; an dieser Stelle vornehmlich treibt er die Geister zu schroffer Scheidung, da es hier keine Möglichkeit einer Verständigung gibt.
Das ist der tiefste Kern der platonischen Überzeugung, aber zugleich sei gegenwärtig, daß seine künstlerische Art jenes Streben zum unwandelbaren Sein wesentlich ergänzt und weiterbildet. Das unsinnliche Wesen der Dinge erscheint zugleich als die von aller Materie befreite Gestalt, als die Form, welche von innen heraus, nicht von draußen auferlegt, die Elemente zusammenhält, gegenüber allem Werden und Vergehen der Einzelwesen mit ewiger Jugend beharrt und immer von neuem das sinnliche Dasein belebend und veredelnd ergreift. Das Walten einer solchen Form findet der Denker in allen Reichen und Stufen der Wirklichkeit, in der großen wie in der kleinen Welt, in der Natur wie in der Seele; mit der Herausbildung, die hier erfolgt, wird das Weltphänomen der Gestaltung zuerst vom Denken angeeignet und zugleich die formenstrenge und erhabene Kunst philosophisch begründet, welche die Höhe des Griechentums zeigt. So gesellt sich zur Wesenhaftigkeit die Schönheit; diese aber wird ein Band, das unsinnliche und sinnliche Welt zusammenhält, die dem Streben nach Wahrheit auseinander zu fallen drohen. Denn ihr gilt das Niedere nicht als ein schlechthin Nichtiges, sondern nur als ein Unvollkommenes, als ein Abbild, das wohl hinter dem Urbild zurückbleibt, das aber doch zu ihm hinweist.
Mag an der Ideenlehre Platos manches angreifbar sein, sie enthält eine Grundwahrheit, die sich nicht wieder aufgeben läßt. Das ist die Überzeugung, daß ein Reich der Wahrheit jenseit des Beliebens der Menschen besteht, daß die Wahrheiten nicht wegen unserer Zustimmung, sondern durch sich selber gelten, daß ihr Reich alles menschliche Meinen und Mögen weit überragt. Ohne solche Überzeugung gibt es keine Selbständigkeit der Wissenschaft und des gesamten Geisteslebens; nur jene überlegene Wahrheit macht Gesetze und Normen möglich, die das menschliche Dasein erhöhen, indem sie es binden und richten. Wer immer daran festhält, der steht in Verbindung mit Plato.
Die platonische Lebensführung, wie sie aus der Ideenlehre hervorgeht, ist in ihren Grundzügen einfach. Alles geistige Leben ruht auf wissenschaftlicher Einsicht, es sinkt und verfällt, sobald es sich davon losreißt. In seiner näheren Durchbildung aber strebt es zu künstlerischer Gestaltung, zu plastischem Ebenmaß und durchgebildeter Harmonie. So verbinden und durchdringen sich hier zu gegenseitiger Förderung die beiden Hauptrichtungen des griechischen Lebens: das Verlangen nach klarem Erkennen und das nach anschaulichem Gestalten. Plato bildet damit die Höhe der geistigen Arbeit seines Volkes, ein enger Zusammenhang mit diesem ist unverkennbar, von allen Denkern ist Plato am meisten Grieche. Aber zugleich findet sein tiefes und kräftiges Wesen die Darbietung der Umgebung durchaus unzulänglich, es zwingt ihn, mit dieser zu brechen und in unermüdlichem Kampf höhere Güter aufzudecken, höhere Ziele vorzuhalten.
Ein Bruch mit dem Durchschnittsleben liegt vor allem in der Berufung der Wissenschaft zur ausschließlichen Führung des Lebens; wissenschaftliche Einsicht hat alle Betätigung zu tragen, nichts gilt als echt, was sich nicht auf Gedankenarbeit gründet. Nur die Einsicht erzeugt echte Tüchtigkeit. Denn nur sie befreit von dem Schein und der Äußerlichkeit der landläufigen Tugend, nur sie verankert die Tugend im eigenen Wesen des Menschen und macht sie zugleich zur freien Tat des Menschen. Denn was gewöhnlich Tugend heißt, in Wahrheit sich aber von körperlichen Fertigkeiten kaum unterscheidet, ist mehr ein Erzeugnis der gesellschaftlichen Umgebung, ein Werk von Sitte und Übung, als eigene Tat und Entscheidung.
Auch das Schöne muß sich in das Element des Gedankens tauchen, um sich von der gemeinen, niedere Lust begehrenden Art zu befreien. Denn erst jenes vertreibt aus ihm, was dem bloßen Reiz und Genuß angehört; erst in Abstreifung alles Körperhaften, in Erhebung zu reiner Geistigkeit kann es sich selbst vollenden. Dann ist es nach Winckelmanns Ausdruck »wie ein aus der Materie durchs Feuer gezogener Geist«.
Mit der Aneignung des Schönen gewinnt aber die Denkarbeit selbst Antriebe fruchtbarster Art. Sie vermag damit bei aller Abweisung roher Sinnlichkeit eine Festigkeit und Gegenständlichkeit zu bewahren, das Erkennen erscheint eben auf seiner Höhe hier als ein Erblicken eines beharrenden Vorwurfs, es entsteht der Begriff einer geistigen Anschauung, der einen eigentümlich griechischen Sinn der Anschauung aufnimmt und weiterbildet. Anschauen bedeutet hier nicht ein tatloses Aufnehmen eines fremden Gegenstandes, sondern eine Verbindung von Tätigkeit und Vorwurf zu lebendiger Wechselwirkung und gegenseitiger Durchdringung, so daß unablässig Leben vom einen zum anderen überströmt. Das setzt aber eine Verwandtschaft des Wesens voraus, unser Auge muß sonnenartig sein, um im Licht der Sonne Dinge zu sehen, unsere Vernunft den ewigen Beständen verwandt, um im Licht der Ideen Ewiges zu fassen.
In solchem Zusammenhange nähert sich die Anschauung der Liebe, dem Eros. Das Erkenntnisverlangen enthält ein Suchen des Wesensverwandten, nur zusammen mit einem solchen, nur in gegenseitiger Belebung kann das nach Wahrheit dürstende Wesen sein Ziel erreichen und Unvergänglichkeit finden. So wird die Forschung zum geistigen Schaffen; Geist und Wahrheit kommen nicht fertig an uns, sie entstehen erst durch Berührung unseres Strebens mit der Vernunft des Alls. Mit dem Begriff des geistigen Schaffens aber, wie er hier der Wissenschaft aufgeht, wird der Forschung selbst ein künstlerisches Element eingepflanzt und ein enges Bündnis von Wahrheit und Schönheit besiegelt.
Wie aber das Schöne, so wird auch das Gute der Forschung innig verbunden und verschlungen, zugleich aber über die gewöhnliche Fassung hinausgehoben. Für Plato ist die Philosophie keine bloße Theorie im späteren Sinne, sondern ein Aufrütteln des ganzen Wesens, ein Erheben des ganzen Menschen vom Schein zur Wahrheit, ein Erwachen aus dem Schlummer des Alltagslebens, ein Abwerfen aller Sinnlichkeit. Das Streben zur Wahrheit wird unmittelbar eine sittliche Tat; denn es ist der Trieb der Wahrhaftigkeit, der mit allem Scheine brechen und echtes Wesen suchen heißt. Auch insofern gehören Wahres und Gutes zusammen, als das höchste Gut unwandelbar sein muß, etwas Unwandelbares aber nur die Forschung eröffnet.
Enger noch verbinden sich Gutes und Schönes unter gegenseitiger Fortbildung. Die Fassung des Schönen zeigt Plato als einen Sohn seines Volkes und seiner Zeit, er gibt eine philosophische Begründung des Klassischschönen, das damals auf seiner Höhe stand. Das Schöne ist hier vornehmlich plastischer Art, es verlangt eine scharfe Scheidung alles Mannigfachen, eine deutliche Entfaltung jedes Teiles, eine kräftige Zusammenfassung zum Ganzen eines Werkes. Wo immer ein Ganzes erstrebt wird, da sollen die Teile das anfängliche Chaos verlassen, jeder eine besondere Aufgabe erhalten und seine Grenzen gegen die übrigen gewissenhaft wahren; dann aber soll sich die Mannigfaltigkeit ordnen, abstufen und zu einem Kunstwerk verbinden, dessen Ebenmaß und Harmonie eine reine und edle Freude erzeugt. Jene Ordnung wird nicht von außen auferlegt, sondern von innen her bereitet, die Bildung zum Schönen entspringt aus dem eigenen Leben und Streben, bei aller Ruhe ist das Kunstwerk zugleich ein beseelter Organismus. So das Gedankenbild des Klassischschönen, eines Schönen von festen, ja strengen Verhältnissen und klaren Abmessungen, von umgrenzter und durchsichtiger Gestalt, dabei aber voll inneren Lebens.
Ein derartiges Schöne erkennt der Blick des Forschers durch allen trüben Schein hindurch sowohl in der weiten Welt als im menschlichen Bereiche; Grenze und Ordnung, Ebenmaß und Harmonie leuchten ihm überall entgegen. So aus dem Himmelsgewölbe mit dem unwandelbaren Beharren der Gestirne in aller rastlosen Bewegung, so auch aus dem inneren Gefüge der Natur, das Plato streng nach mathematischen Verhältnissen ordnet.
Was aber draußen in sicherer Wirkung steht, das wird beim Menschen zur Forderung und Tat; die wichtigste aller Harmonien ist die Harmonie des Lebens, zu der vornehmlich die hellenische Art berufen dünkt. Auch unser Wesen mit seiner Vielheit von Trieben ist von Natur in Grenzen und Ordnung gewiesen. Aber zur vollen Belebung der Mannigfaltigkeit und zur Herstellung des Ebenmaßes bedarf es eigener Tat, die auf rechter Einsicht ruht. Mit Hilfe solcher Einsicht gilt es das Durcheinander der Triebe zu überwinden, alle in uns angelegte Kraft auszubilden, ihre Mannigfaltigkeit scharf gegeneinander abzugrenzen, schließlich alle Leistungen in ein Lebensgefüge zusammenzufassen. Alles Grenzenlose und Unbestimmte ist hier verpönt, alle Bewegung hat ein festes Ziel, auch die Kräfte lassen sich nicht ins Endlose steigern. Wenn jeder an seiner Stelle das Seine tut, dann fährt das Ganze am besten, dann wird das Leben schön und freudvoll in sich selbst. Solcher Überzeugung entspricht ein eigentümliches Bildungsideal. Der Mensch wolle nicht sich zu allem bilden und alles mögliche leisten, sondern er ergreife Ein Ziel und widme ihm seine ganze Kraft. Weit besser ist es eines gut, als vieles unzulänglich zu tun, Nichtwissen ist besser als Vielwisserei. So ein aristokratisches Ideal in bewußtem Gegensatz zu dem demokratischen einer Erziehung aller für alles, einer möglichst vielseitigen und allen gemeinsamen Bildung.
