Der Wahrheitsgehalt der Religion - Rudolf Eucken - E-Book

Der Wahrheitsgehalt der Religion E-Book

Rudolf Eucken

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Beschreibung

Kann Religion in einer Welt der Wissenschaft noch Wahrheit beanspruchen? Der Nobelpreisträger Rudolf Eucken stellt sich einer der drängendsten Fragen seiner Zeit – und unserer: Besitzt Religion einen eigenständigen Wahrheitsgehalt, oder ist sie bloßes Relikt vergangener Epochen, das vor dem kritischen Blick der Moderne zerfällt? In dieser philosophischen Untersuchung führt Eucken einen Kampf an zwei Fronten. Gegen den dogmatischen Glauben, der sich blindlings an überkommene Lehren klammert. Und gegen den wissenschaftlichen Materialismus, der das menschliche Leben auf bloße Mechanismen reduziert. Eucken weist einen dritten Weg: Religion als lebendige geistige Kraft, die nicht in äußeren Formen erstarrt, sondern im inneren Erleben des Menschen ihre Wahrheit findet. Mit philosophischer Schärfe und existenziellem Ernst zeigt Eucken, dass echte Religiosität weder Weltflucht noch Aberglauben bedeutet, sondern die Auseinandersetzung mit den tiefsten Fragen menschlicher Existenz. Nur wer sich dem geistigen Leben öffnet, kann jene höhere Wirklichkeit erfassen, die über das bloß Materielle hinausweist. Eine Verteidigung der Religion – nicht durch blinden Glauben, sondern durch philosophische Durchdringung. Ein Plädoyer für geistige Tiefe in einer zunehmend oberflächlichen Welt.

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Seitenzahl: 660

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Der Wahrheitsgehalt der Religion

 

RUDOLF EUCKEN

 

 

 

 

 

 

 

Der Wahrheitsgehalt der Religion, R. Eucken

Jazzybee Verlag Jürgen Beck

86450 Altenmünster, Loschberg 9

Deutschland

 

ISBN: 9783988683144

 

Quelle: https://archive.org/details/bub_gb_hXRAAAAAIAAJ/page/n17/mode/2up

 

Der Text folgt der zweiten umgearbeiteten Auflage,

Leipzig Verlag von Veit & Comp. 1905

 

www.jazzybee-verlag.de

[email protected]

 

 

INHALT:

Vorwort zur ersten Auflage.1

Vorwort zur zweiten Auflage.2

I. Einleitender Teil3

1. Die Wandlungen der Gedankenwelt.16

2. Die Veränderung der Lebensrichtung.24

II. Die Grundlegung der universalen Religion.44

Einleitende Erwägungen. 44

1. Die Zweiheit im menschlichen Leben.52

2. Der Widersprach im menschlichen Leben.56

3. Die Erweisung und Bewährung der Religion.143

Zusammenfassung.165

III. Der Widerspruch gegen die Religion.167

1. Der Widerstand der Natur.170

2. Der Widerstand der Kultur.173

3. Der Widerstand im eignen Gebiet des Geisteslebens.179

4. Die Undurchsichtigkeit der menschlichen Lage.190

IV. Die charakteristische Religion.213

Einleitung.213

1. Die Tatsache der Religionen.215

2. Der Widerspruch gegen die Religionen.219

3. Die Unmöglichkeit einer einfachen Verneinung.226

V. Das Christentum und die Gegenwart312

Einleitende Erwägungen über  geschichtliche und absolute Religion.312

1. Der unverlierbare Kern.315

2. Die Behauptung dieses Kernes gegenüber den Wandlungen der Zeit.319

Vorwort zur ersten Auflage.

Zur Einführung des Werkes mögen nur einige wenige Worte dienen. Es will keineswegs ein System der Religionsphilosophie sein; für ein solches Unternehmen ist die Lage der Gegenwart viel zu verworren und die Stellung der Religion in ihr viel zu unsicher. Was heute nottut, ist vielmehr, solcher Unsicherheit entgegenzuwirken; wie das nicht geschehen kann ohne eine Verständigung über das Wesen und den Wert der Religion, so treibt es zwingend auch zu einer Beleuchtung des Ganzen des Menschenlebens. In der geistigen Anarchie unserer Zeit lässt sich an keinen festen und zugestandenen Punkt anknüpfen, alle Erörterung tieferer Art hat auf die Grundlagen zurückzugehen und von hier aus neu aufzubauen. So mussten auch wir uns aus einer allgemeinen Erwägung des menschlichen Daseins erst Schritt für Schritt zu der Stelle hinarbeiten, wo das Problem der Religion hervorbricht, um sich dann freilich bald als den Mittelpunkt alles Strebens nach Seele und Sinn unseres Daseins zu erweisen.

Bei solcher Fassung der Frage bildet für uns weitaus die Hauptsache der Entwurf des Gesamtbildes, die großen zusammenhaltenden Umrisse, eine charakteristische Beleuchtung unserer ganzen Wirklichkeit. Wir suchten dafür, unabhängig von aller und jeder Partei, einen eignen Weg; dabei hat sich gewiss viel bloß Subjektives und Individuelles eingemischt, für das keine Schonung erbeten wird. Aber mit dem Bewusstsein großer Mangelhaftigkeit der näheren Ausführung verbinden wir die feste Überzeugung, dass der hier eingeschlagene Weg ein notwendiger ist, und dass er dem inneren Bedürfnis vieler entspricht, die mit einem starken Verlangen nach Religion ein deutliches Bewusstsein der Unzulänglichkeit der gegenwärtigen Formen der Religion verbinden.

Wir selbst fühlen uns durchaus als Suchende und wenden uns daher auch an Suchende; wir hoffen auf die Sympathie und auf die Mitarbeit mancher von denen, die in diesen Dingen nicht schon abgeschlossen haben und aus der Starrheit eines vermeintlichen Besitzes alles Streben nach einer fertigen Schablone messen, deren Leben vielmehr noch in frischem Fluss ist und neuen Eindrücken offen steht; wir richten uns an die, welche mit uns die gegenwärtige Verflachung und Verflüchtigung des Geisteslebens als einen nicht länger erträglichen Notstand empfinden und die nicht davor zurückscheuen, auch in schroffem Widerspruch zur breiten Zeitoberfläche eine Erneuerung des Lebens zu suchen.

Jena, im Mai 1901.

Rudolf Eucken

Vorwort zur zweiten Auflage.

Für die Aufnahme des Buches möchte ich meinen aufrichtigen Dank aussprechen, Dank den zahlreichen Forschern verschiedenster Richtung, die sich darüber literarisch äußerten und dabei wertvolle Winke gaben, Dank den weiteren Kreisen, welche dem Buche lebhafte Teilnahme schenkten, Dank den vielen Mitstrebenden, welche ihre Eindrücke und Urteile mir direkt mitzuteilen die Freundlichkeit hatten. Besonders erfreulich war mir, dass durchgängig der positive Zug des Werkes trotz aller ihm innewohnenden Kritik anerkannt wurde, und dass manche ernste Seelen sich dadurch in dem Kampfe um einen Sinn des Lebens gekräftigt fanden. Auch dessen möchte ich dankbar gedenken, dass solche Teilnahme sich nicht auf Deutschland beschränkte, sondern mir auch aus dem Auslande, namentlich den englischredenden und den skandinavischen Ländern, in reichem Maße zuteilwurde.

Diese Gesinnung des Dankes habe ich durch möglichste Verbesserung der neuen Auflage zu betätigen gesucht. Die Darstellung ist durchweg einfacher und anschaulicher geworden, Wiederholungen sind sorgsamer vermieden, das Element der Reflexion ist eingeschränkt zugunsten einer kräftigeren und reichhaltigeren Entwicklung des Gedankengehalts. Noch mehr war ich bemüht, den einen Hauptpunkt der Wahrheit, worauf gegenüber der herrschenden Verwirrung alles ankommt, mit voller Deutlichkeit hervorzuheben.

Die Echtheit des hier entwickelten Interesses für die Religion wurde nicht bezweifelt und wird nicht bezweifelt werden. Aber das Buch will in keiner Weise ein Werk apologetischer Art sein. Es ist vielmehr ein Stück und Glied einer weiteren philosophischen Arbeit, die einer Vertiefung des gesamten Lebens und einer Erneuerung der immer leerer und greisenhafter werdenden Kultur dienen möchte. Nur wer diese umfassendere Aufgabe mit mir anerkennt, wird den rechten Standort für die Beurteilung des Buches finden.

So möge es denn in der neuen Gestalt zu den alten Freunden neue erwerben und nicht bloß Freunde, sondern auch Mitarbeiter, Mitarbeiter eifriger und tätiger Art.

Jena, Ende August 1905.

Rudolf Eucken

I. Einleitender Teil

Die weltgeschichtliche Krise der Religion

a. Das Problem der Religion.

Wer den Wahrheitsgehalt der Religion ergründen möchte, der braucht weder ihre verschwindenden zeitlichen Anfänge aufzuspüren, noch ihr langsames Aufsteigen zu verfolgen, er darf sich sofort auf ihre Höhe versetzen. Denn erst hier erlangt das Wahrheitsproblem volle Klarheit und zugleich eine zwingende Kraft. So kümmert uns nicht das Zauberwesen, das die Anfangsstufe der Religion begleitet und beherrscht, so braucht uns auch nicht die Religion als ein bloßes Stück einer Volkskultur und als Naturmythologie zu beschäftigen. Sondern unser Problem beginnt erst da, wo sie eine eigene Welt erzeugt, diese allem übrigen Leben entgegenhält und es von ihr aus umgestalten will, umgestalten dadurch, dass sie dem Menschen inmitten seines eigenen Kreises eine unsichtbare Ordnung, ein ewiges Sein, ein übernatürliches Leben vorhält und dafür seine Seele verlangt. Eine derartige vermeintliche Offenbarung erscheint aber nicht nur an einer, sondern an mehreren Stellen der Geschichte, und verschieden ist auch der Inhalt der „geschichtlichen", der „positiven" Religionen. Aber durch alle Mannigfaltigkeit geht dasselbe Problem, und ein schroffes Nein wie ein freudiges Ja ist allen Religionen gemeinsam.

Nirgends kann die Religion den Menschen für eine neue Welt gewinnen, ohne ihn von der alten loszureißen, ohne ihm zu verleiden und zu vergällen, was ihn bis dahin einnahm und entzückte. Keine wahrhaftige und wirksame Wendung zur Überwelt ohne einen Bruch mit der nächsten Welt, ohne ein starkes Empfinden ihres Elends und ihrer Nichtigkeit. Es muss in dieser Welt nicht nur dieses oder jenes, sondern sie muss als Ganzes missfallen, es muss in ihr nicht nur viel Schmerz und Leid walten, sondern es muss auch alles in ihr erreichbare Glück unzulänglich werden, der Mensch muss nicht nur von außen bedroht und bedrängt werden, sondern auch über sein Inneres in Angst und Sorge geraten. Nur eine völlige Erschütterung des nächsten Lebens kann ein wahrhaftiges und überwältigendes Verlangen nach Religion erzeugen, und nur bei solchem Verlangen kann in der Seele des Menschen Religion geboren werden.

Je härter und schroffer aber das Nein, desto kräftiger und freudiger wird das Ja, das sie ihm entgegenhält. Als Mitteilung Gottes, der höchsten Macht und Vollkommenheit, will die Religion den Schmerz nicht nur irgend lindern, das Glück nicht nur irgend steigern, sondern verheißt sie eine gänzliche Befreiung vom Übel, eine Versetzung in volle Seligkeit. Die von ihr verkündigte neue Welt bedeutet die denkbar höchste Welt, den Gipfel aller Vollkommenheit. An der Ewigkeit und Unendlichkeit dieser Welt soll das vergängliche und winzige Wesen Anteil gewinnen, ja zur Göttlichkeit selbst soll der Mensch aufsteigen, indem die Religion schließlich göttliches und menschliches Leben in Eins verbinden will.

Mit Eröffnung so unermesslicher Aussichten, mit Hineinpflanzung eines übermenschlichen Zieles in die Enge und Not des menschlichen Daseins versetzt die Religion unser Leben in stürmische Aufregung und Bewegung. Unser Dasein erhebt sich zu unvergleichlicher Größe und Würde, indem ganze Welten in ihm zusammentreffen und unsere Entscheidung verlangen. Unser Lebenskreis zerlegt sich in ein Für oder Wider; die übliche Schätzung der Güter wird nicht nur verändert, sondern umgekehrt, indem als gut nunmehr nur gilt, was das Herz dem Göttlichen zuführt, während mit allem bestrickenden Glanz zum Übel herabsinkt, was bei der nächsten Welt festhält. „Wer nicht hasset seinen Vater, Mutter, Weib, Kinder, Bruder, Schwester, auch dazu sein eigenes Leben, der kann nicht mein Jünger sein."

Aber bei solcher Abweisung der Welt war die Religion zugleich die stärkste Macht innerhalb der Welt. Nichts hat die Menschen so innig verbunden, aber auch nichts sie so schroff entzweit wie die Religion; nichts hat die Individuen so in sich selbst vertieft, nichts die eigentümliche Art der Völker so zwingend hervorgetrieben wie die Überzeugungen von göttlichen Dingen. Was immer das Leben an Heroischem aufweist, das wurzelt letzthin in der Religion; nichts konnte den Menschen bis zum Grunde seiner Seele erregen, nichts seine volle Hingebung gewinnen, was nicht an seine Religion anknüpft oder bei sich selbst ihm zu einer Art Religion wird. Ja es scheint aller Glaube der Menschheit und des Menschen an sich selbst unabtrennbar von einem Glauben an das Innewohnen eines Göttlichen in meinem Wesen, an die lebendige Gegenwart ewiger und übernatürlicher Kräfte in seinem Wirken. Wen daher das religiöse Problem einmal in der Tiefe seiner Seele gepackt hat, den lässt es nicht wieder los; er mag es zurückdrängen, abschütteln, in die weiteste Ferne verbannen, er kann nicht umhin, in die Verneinung den stärksten Affekt zu legen, jene Frage als die Hauptfrage seines Lebens zu behandeln; der Unglaube selbst wird zur innersten Überzeugung, zu einem nur anders gewandten Glauben. So bildet in Wahrheit die stärkste Macht innerhalb der Welt die Überzeugung von einer Überwelt.

Aber zugleich war die Religion ein Zeichen, dem stets schroff und hart widersprochen wurde. Und zwar nicht nur von außen her, sondern auch aus dem tiefsten Ernst ringender Seelen. Immer von neuem erhob sich die Frage, ob denn eine Erschließung des Göttlichen für den Menschen, eine Erhebung des Menschen zu göttlichem Leben irgend möglich sei, ob sich nicht alle Behauptung dessen schließlich als einen Wahn erweise. Muss nicht alles, was zum Menschen wirken will, menschliche Art annehmen, in seine Begriffe eingehen, sich seinen Zwecken empfehlen? Und wird es damit nicht herabgezogen in alle Enge und Trübe des irdischen Kreises, gebannt in die besonderen Schranken unseres Wesens? Oft genug musste das als göttlich Gepriesene kleinen menschlichen Absichten dienen, die Starken der Welt rissen es an sich und erniedrigten es zum Mittel ihrer Zwecke. Die Religion verhieß dem Menschen ein neues Leben und ein reines Herz; hat sie nicht oft nur tiefer in das Getriebe der Welt verstrickt und menschliche Leidenschaft, Hass wie Neid, Eitelkeit wie Heuchelei, widerwärtig gesteigert? Auch die Welt draußen entspricht nicht den Begriffen der Religion. Wie könnte sie sich so gleichgültig gegen das Aufstreben geistigen Lebens verhalten, wie der Unvernunft und der Ungerechtigkeit so breiten Raum gewähren, stünde sie unter sicherer Obhut einer allmächtigen Vernunft und einer unendlichen Liebe?

So greift der Zweifel um sich wie ein verzehrendes Feuer, er leckt nicht nur von außen an der Religion, er findet den Weg auch in ihr Allerheiligstes und erzeugt eine quälende Unsicherheit; gerade tief von der Sehnsucht nach göttlicher Wahrheit ergriffene Gemüter empfanden den Widerspruch des Augenscheins besonders schmerzlich und fanden in den üblichen Beschwichtigungen keinen Trost; ja selbst von den leitenden Geistern der Religion wurden manche aus freudigem Schaffen immer wieder zurückgeschleudert in den Abgrund des Zweifels. Ein Starrwerden des Zweifels verändert aber mit einem Schlage den Gesamtanblick: der freudige Aufschwung ist gehemmt, die aufstrebende Kraft gelähmt; was eben noch selbstverständlich dünkte, erscheint jetzt als unmöglich; die Überwelt, dem Gläubigen der sichere und selbstverständliche Standort des Lebens, weicht zurück in eine unzugängliche Ferne, ja sie droht sich in eine leere Illusion aufzulösen. Die Religion erscheint dann als ein grandioser Irrtum des Menschengeistes, der Abbilder des eignen Seins in das All hineinwirft, Träumen von einem schöneren Leben eine Wirklichkeit verleiht und an sie sein Leben hängt. Wer dann aber den Traum als Traum durchschaute, der müsste einen unerbittlichen Kampf gegen solche Verfälschung des Lebens aufnehmen, der könnte die Religion nicht ruhig dulden, der müsste sie mit Einsetzung aller Kraft als eine verderbliche Irrung bekämpfen. Hier entfällt alle Möglichkeit einer Vermittlung: ist die Religion nicht höchste und fruchtbarste Wahrheit, so ist sie schwerste und verderblichste Irrung, ist sie nicht das Werk Gottes, so ist sie ein dämonisches Erzeugnis von Lüge und Finsternis. Wie nun bei diesem kritischen Punkt, an dem die Richtung des ganzen Lebens hängt, zu einer sicheren Entscheidung gelangen, wie dem unerträglichen Schwanken zwischen Bejahung und Verneinung entrinnen?

Die geschichtlichen Religionen haben diese Frage in ihrer Weise beantwortet, sie haben sie beantwortet nicht durch philosophische Lehren, sondern durch den Tatbestand ihrer Leistung; sie haben nicht weitläufig darüber reflektiert und diskutiert, wie göttliche Herrlichkeit in die Welt des Menschen eingehen könne, sondern sie haben die Möglichkeit des Unmöglichen durch den Aufweis seiner Wirklichkeit zu erhärten unternommen. In den begründenden Persönlichkeiten sowohl als in den religiösen Gemeinschaften schien das Wunder zur anschaulichen Gegenwart gelangt, die Idee zu Fleisch und Blut geworden; im Besitz so handgreiflicher^ Wirklichkeit fühlten die Religionen sich aller Unsicherheit enthoben und wider allen Zweifel gepanzert Leider war aber die Sache nicht so einfach, wie sie den Gläubigen schien; vielmehr erregte eben das, was den Zweifel niederschlagen sollte, neuen und größeren Zweifel.

Es ist eine Tatsache geschichtlicher Art, die Glauben und Leben befestigen soll. Eine solche Tatsache muss sich aus dem übrigen Leben herausheben und eine unterscheidende Eigentümlichkeit entfalten; je individueller sie sich ausprägt, desto kräftiger wird sie wirken. Aber als Ausdruck göttlicher Wahrheit muss dieselbe Tatsache für alle Zeiten und Menschen gelten, muss sie den ganzen Umkreis des Lebens beherrschen und durchdringen. Liegt darin nicht ein unerträglicher Widerspruch? Drängt die ausschließliche Festlegung einer besonderen Art nicht das Leben in eine viel zu enge Bahn, wird sie nicht alle Weiterentwicklung abschneiden, muss sie nicht zu einer drückenden Last werden, welche die Menschheit immer stärker zur Abschüttlung reizt?

Schon der flüchtigste Blick auf die Geschichte der Religionen stellt diese Verwicklung deutlich vor Augen. Jede geschichtliche Religion entlehnt ihrer Umgebung eigentümliche Überzeugungen von der Welt, eigentümliche Schätzungen vom Leben. Die Umgebung stellt die Frage, deren Beantwortung die Religion unternimmt. So hat alle indische Religion zur Voraussetzung ein starkes Gefühl der durchgängigen Flüchtigkeit und Nichtigkeit des Daseins; kann die von ihr gebotene Lösung den befriedigen, der jene Voraussetzung ablehnt? Und sollte es beim Christentum anders stehen? Kann es zu allen Menschen, Völkern, Zeiten sprechen, wenn es irgendwelchen eigentümlichen Charakter behauptet, nicht in vage Allgemeinheiten verfließt?

Den Mittelpunkt der geschichtlichen Religionen bilden die begründenden Persönlichkeiten. Nichts gibt der Gegenwart einer Überwelt im menschlichen Kreis mehr Überzeugungskraft als die unerschütterliche Festigkeit, mit der solche Persönlichkeiten im Göttlichen wurzeln, ihr gänzliches Erfülltsein von diesem einen Verhältnis, die schlichte Einfalt und die anschauliche Nähe, die das große Geheimnis bei ihnen erlangt hat. Die Gemüter gewinnen und die Gedanken beherrschen hätten sie nun und nimmer gekonnt ohne eine königliche Phantasie, welche der unsichtbaren Welt sichtbare Gestalten abzuringen und alle Mannigfaltigkeit in ein lebensvolles Reich zusammenzuschauen verstand. Nichts scheint dem Vermögen des Durchschnittes überlegener, und nichts unterwarf zwingender die Geister als solches sichere Aufbauen und eindringliche Vorhalten einer neuen Welt.

Aber dies alles ist eben in dem, worin es groß ist, zugleich individuell und unterschiedlich; so trägt auch das religiöse Leben, das von dort ausströmt, einen durchaus individuellen Charakter; grundverschieden hat Jesus, hat Buddha, hat Muhamed zur Menschheit gewirkt. Wird nun die besondere Art des einen allen Völkern und allen Zeiten zusagen, schließt sie nicht manches aus, was die Menschheit nicht aufgeben kann, nicht aufgeben darf?

Auch die Gestaltung der Religion zu einer Weltmacht auf dem Boden der Geschichte unterliegt der Besonderheit vergänglicher Lagen. Jene Entfaltung verlangt ein durchgebildetes Gedankenreich, die Mittel dafür kann aber nur die umgebende Kultur bieten; auch wo diese dabei nur zu dienen scheint, da wirkt sie in Wahrheit stark auf die Religion zurück. Jene Kultur aber war das Erzeugnis besonderer Völker und Zeiten, früher oder später wird ihr das Ganze der Menschheit entwachsen; hat sich nun die Religion mit ihr untrennbar verflochten, so ergibt der Bruch mit der alten Kultur auch notwendig eine Entzweiung mit der überkommenen Religion.

So erwachen Zweifel über Zweifel. Das Ewige scheint der Macht der Zeit zu verfallen, sobald es den Boden der Zeit betritt; besteht es aber streng auf einer Unwandelbarkeit, so wird es zur Hemmung aller Bewegung und zur Verneinung aller Geschichte. Aber die Geschichte ist da und ihr Strom bringt unablässig Neues hervor, ein unzerstörbarer Lebensdrang der Menschheit verwirft jeden aufgezwungenen Stillstand. Bei solcher Wendung kann es leicht scheinen, als sei in dem vermeintlich Ewigen nicht sowohl Göttliches und Ewiges eröffnet, als nur eine besondere Art des Menschlichen und Zeitlichen festgelegt und sanktioniert. Warum aber sollten wir Späteren uns solcher Besonderheit beugen, warum auf die Selbständigkeit eignen Lebens verzichten?

So wirkt das geschichtliche Element, das die Religion stützen sollte, zu neuer Belastung; die Zweifel gegen eine Überwelt und ihre Gegenwart scheinen dadurch nur noch verstärkt Gleich den Eingang zur Religion versperrt daher die Ungewissheit über das Ganze; je mehr wir über seine Wahrheit grübeln und uns zergrübeln, desto weiter scheint sie vor uns zurückzuweichen. „Gott ist das Leichteste und Schwerste, so zu erkennen; das Erste und Leichteste in dem Lichtweg, das Schwerste und Letzte in dem Weg des Schattens" (Leibniz).

 

 

b. Die Eigentümlichkeit des Christentums.

 

Das allgemeine Problem der Religion steigert sich weiter mit der Wendung zum Christentum. Dem Christentum wird eine überragende Größe unter den Religionen nicht bloß der Gläubige, sondern auch der Forscher bereitwillig zuerkennen. Zunächst gehört es in die höhere der beiden Gruppen, in welche die geschichtlichen Religionen zerfallen. Sie sind nämlich entweder Gesetzesreligionen oder Erlösungsreligionen. Jenen ist der Kern der Religion die Verkündigung und Verfechtung einer sittlichen Ordnung, welche aus überlegener Höhe die Welt beherrscht Aus heiligem Willen ergeht an den Menschen ein strenges Gesetz für das ganze Leben, für Werke, Worte, Gedanken: ein herrlicher Lohn winkt seiner Erfüllung, eine schwere Strafe seiner Übertretung, wenn nicht in dieser, so in jener Welt. So wird das Leben in seiner ganzen Ausdehnung an eine übersinnliche Welt gekettet und zu stündlicher Arbeit, zu unablässiger Entscheidung für oder wider Gott angehalten. Ein solcher Aufruf wäre unmöglich ohne die Überzeugung, dass der Mensch aus eigener Kraft die Wahl zu treffen vermag, dass zur Ergreifung des Guten sein Wille genügt. Diese Überzeugung aber erklären die Erlösungsreligionen für falsch und flach; das Vermögen des Menschen, das dort selbstverständlich dünkte, i wird ihnen zum schwersten der Probleme, zur wichtigsten Frage und Sorge. Bei wesentlicher Steigerung der Aufgabe gilt ihnen der Mensch in dem vorgefundenen Stande als durchaus unfähig zum Guten, als dem Bösen oder dem Schein verfallen; so verlangen sie eine völlige Umwälzung und Erneuerung, ein Versinken der alten, ein Aufsteigen einer neuen Art, ein großes Wunder der Rettung. Wie das geschehen soll, mag zunächst durchaus rätselhaft scheinen; der Mensch sieht sich hier inmitten schwerster Verwicklungen. Aber der Verwicklung entspricht eine Vertiefung, das Leben wird mehr als Ganzes erfasst und unvergleichlich stärker erregt, erschüttert, verwandelt; schon das bloße Aufwerfen der Frage lässt die Gesetzesreligionen, bei allen Vorzügen ihrer größeren Einfachheit, Durchsichtigkeit, Rationalität, zu einer niederen Stufe herabsinken, die von der weltgeschichtlichen Bewegung innerlich gerichtet und überwunden ist.

Bei den Erlösungsreligionen aber scheidet sich ein indischer und ein christlicher Typus. Wie beide das Böse verschieden verstehen, so suchen sie auch die Heilung in verschiedener Richtung. Den indischen Religionen gilt das Dasein der Welt überhaupt als ein Übel, mit ihrer ganzen natürlichen Beschaffenheit in Raum und Zeit erscheint sie als ein Reich leeren Scheines. Denn alles in ihr ist flüchtig und nichtig, nichts in ihr besteht für die Dauer, Glück und Liebe sind bloße Augenblicke; wie Holzstücke im unermesslichen Ozean, so treiben die Menschen aneinander vorbei, um sich nie wiederzufinden. Fruchtloser Aufregung und schmerzlicher Täuschung ist daher verfallen, wer so flüchtigem Schein eine Wirklichkeit beimisst und an ihn sein Herz hängt. So gilt es eine Befreiung von diesem unseligen Wahn; sie wird erfolgen, wenn der Schein als Schein durchschaut und die Seele bis zum Grunde solcher Einsicht gewonnen wird. Denn damit verliert jener seine Macht über uns, es versinkt das ganze Reich der Täuschung mit seinen nichtigen Gütern, es erlischt aller von ihm erregte Affekt, und das Leben wird eine stille, heilige Ruhe, der Stand eines traumlosen Schlafes, sei es durch das Eingehen in ein ewiges Sein hinter dem Schein, sei es durch die Auflösung in ein völliges Nichts, wie im strengen Buddhismus. Hier wie da eröffnet sich kein neues Leben mit neuen Gütern, hier wie da liegt die Erlösung bei der rechten Einsicht und hat jeder Einzelne für sich die Entscheidung zu treffen; die Führer können nur den Weg zeigen, die Kraft ihn zu gehen ist jedes eigene Sache. Weltentsagende Weisheit, ruhige Sammlung des Wesens, voller Gleichmut gegen alle Schicksale, das bildet hier die Höhe des Lebens. „Wenn ich weiß, dass mein eigner Leib nicht mein ist, und dass doch die ganze Erde mein ist, und wiederum, dass sie beides, mein und dein ist, dann kann Kein Leid geschehen."

Welch anderen Geist atmet das Christentum! Auch das Christentum findet die Welt voll Elend und Leid, seine Anfänge wie seine Höhepunkte sind nicht so leicht darüber hinweggeglitten wie das bequeme Durchschnittschristentum unserer Tage. Aber alle Erfahrung des Leides lässt es nicht die Welt, schlechthin verwerfen, vielmehr erscheint ihr Grundbestand als ein vollkommenes Werk göttlicher Weisheit und Güte. Nicht die Natur der Dinge, sondern moralische Schuld, der Abfall von Gott, gilt hier als die Wurzel des Bösen; er erst brachte Schmerz und Tod in die Welt. Solche Verkehrung geht so tief und lähmt so sehr die Kraft der Wesen, dass die Welt aus einem Vermögen das Gute nicht wieder aufnehmen kann. So muss Gott selbst zu Hülfe kommen, er tut es, indem er dem Fall eine Rettung entgegensetzt, er tut es durch die Eröffnung eines Reiches der Liebe und Gnade, das dem Menschen ein neues Wesen verleiht und ihn das Gesetz in die innerste Gesinnung aufnehmen lässt. Mit solcher Wendung wird der Mensch über alles Leid und alle Schuld sicher hinausgehoben zur göttlichen Seligkeit und Vollkommenheit; je tiefer vorher die Empfindung des Elends war, eine desto stärkere Freudigkeit quillt aus solcher Errettung. So erwächst aus der Erschütterung und Vernichtung selbst ein neuer, reinerer Lebensdrang; die Einigung mit Gott gibt dem Menschen einen durchaus festen Stand; es versinkt sein Lebenskreis nicht nach indischer Art in den Abgrund des Nichts, sondern er gewinnt eine große Aufgabe, indem es nunmehr in weltgeschichtlicher Arbeit ein Reich Gottes auf Erden aufzubauen und dafür jede einzelne Seele zu gewinnen gilt So entsteht hier aus Wirkung und Gegenwirkung ein weltumspannendes Drama, voll schwerer Verwicklungen und dunkler Rätsel, aber von unergründlicher Tiefe und unermesslicher Hoffnung.

Indem so das christliche Leben eine Weltverneinung und eine Welterneuerung miteinander verflicht, indem es durch tiefsten Schmerz zu höchster Vollendung aufsteigt, zugleich aber für die menschliche Lage auch inmitten der Rettung das Bewusstsein von Schuld und Leid festhält, entwickelt es eine den anderen Religionen unbekannte Weite der Empfindung und gewinnt es eine unversiegliche innere Bewegung. Nichts liegt dem Christentum ferner als ein Abschwächen und Ausreden des Schmerzes; wozu bedürfte es denn einer Erlösung, lastete nicht auf dem Menschen das Leid mit unerträglicher Schwere? Aber alles Leid kann hier den Menschen nicht erdrücken und zur Verzweiflung treiben, da ihn ewige Liebe in eine neue Welt hebt, der alle feindliche Macht nichts anhaben kann. Da aber diese Welt immer von neuem dem Reich des Dunkels abzuringen ist, und auch in die Seligkeit hinein der Schmerz immerfort nachklingt, so bleibt dies Leben durchaus bewahrt vor träger Ruhe und schwelgendem Genießen, im Sieg selbst erlischt nicht der Kampf. Der Mensch ergreift hier in einer Sphäre des Glaubens und Hoffens als einen sicheren Besitz, was dem übrigen Leben erst als fernes Ziel vorschwebt So wird sein Dasein zugleich Besitz und Aufgabe, Ruhe und Streben, Freude und Schmerz, Gewissheit und Zweifel, und es ergibt sich damit jenes fortquellende innere Leben, wodurch das Christentum die anderen Religionen so weit überragt.

Auch insofern ist das christliche Leben besonders reich, als es zwei Stufen in sich schließt: den eignen Glauben Jesu und den Glauben der Gemeinde an Jesus Christus. Dort die Verkündigung des Reiches Gottes auf Erden, dieses Reiches der Liebe und des Friedens, die Eröffnung einer neuen Welt in der reinen Innerlichkeit des Gemütes, ein freudiges Vertrauen auf das in Gott gegründete Menschenwesen, ein Einladen aller zur Teilnahme an dem groben Werke und Feste. Jugendfrisches Empfinden, hilfsbereites Tun, weltdurchdringende Liebe werden hier die Träger einer eigentümlich christlichen Moral. Der Glaube an Christus dagegen, wie ihn die Kirche fixierte, enthält ein dunkleres Bild des Lebens und eine geringere Schätzung menschlichen Vermögens. Das Böse ist hier bis zur Lust an der Zerstörung, zur teuflischen Auflehnung gesteigert; so muss auch die Gegenwirkung wachsen, ihren Kern aber bildet das sühnende und erlösende Leiden, das Eintreten des Gottmenschen für die zur Rettung selbst unfähige Menschheit. Damit wird das Leid in die Gottheit selbst aufgenommen, der Mensch ganz und gar auf ein Wunder unverdienter Gnade angewiesen, das göttliche Leben noch tiefer der Menschheit und der Geschichte eingesenkt, die Religion noch mehr über alles andere Leben erhoben. Diese neue Stufe bringt schwere Verwicklungen, die Gefahr einer Verdüsterung des Lebens, eines Verfallens in tatenlose Devotion und in eine mythologische Gedankenwelt. Aber durch alle Verwicklungen und Gefahren hindurch erscheinen geheimnisvolle Tiefen; auch wird nunmehr nicht nur aus dem Verhältnis zu Gott ein neues Leben entwickelt, sondern dies Leben auch in den Zusammenstoß mit der feindlichen Welt begleitet und dadurch zu noch tieferer Erschließung, zu noch sieghafterer Bewährung getrieben. Im Zusammentreffen beider Stufen hat wiederum das Christentum die Gegensätze des Lebens in einem weiteren Umfange in sich aufgenommen und seine Erfahrungen kräftiger verarbeitet als irgendeine andere Religion; in den Widersprüchen selbst erscheint ein größerer Reichtum des Lebens, eine gewaltigere Aufrüttelung des Menschen.

 

Dass aber alle Gegensätze nicht zu völliger Zerwerfung führten, sich vielmehr das Streben aus allem Spalt und Streit immer wieder zu irgendwelcher Gemeinschaft zurückfand, das verdankt das Christentum vornehmlich der überragenden Persönlichkeit Jesu. Wohl hat die Überlieferung seinem Bilde manchen Zug hinzugefügt, der erst der Verehrung und Deutung der nächsten Geschlechter angehört, aber durch allen verhüllenden Nebel hindurch ist für ein unbefangenes Auge eine durchaus charakteristische Art und Gesinnung, eine unvergleichliche Einheit persönlichen Wesens deutlich genug erkennbar. Mit wunderbarer Kraft und Innigkeit ist hier das Religiöse ins Reinmenschliche gewandt, mit schlichter Einfalt verbindet sich eine überwältigende Hoheit, mit weichem Gefühl männliche Tatkraft, mit tiefer Empfindung des Leides eine jugendliche Freudigkeit der Gesinnung. Die dem Christentum eigentümliche Geisteswelt ist hier zu voller persönlicher Verkörperung und zugleich zu überwältigender Anschaulichkeit gelangt; durch Leben und Tod ist hier ein Taterweis für die von ihm verfochtene Wahrheit erbracht, zu dem es aus aller Verwicklung der Weltarbeit und aus allem Streit der Parteien immer wieder zurückkehren konnte, um sich auf seine wahre Aufgabe zu besinnen, frischen Lebensmut zu schöpfen und reine Anfänge zu gewinnen. So ist dem Christentum die begründende Persönlichkeit unvergleichlich mehr geworden als allen anderen Religionen, so hat es darin einen unverlierbaren Besitz, der auch solche Gemüter bei ihm festhält, die der kirchlichen Gestaltung schroff widersprechen. Endlich sei auch der Vorzüge gedacht, welche die Geschichte des Christentums und seine Entfaltung zu einer Weltmacht aufweist Jüdischem Boden entsprungen, fand das Christentum seine Durchbildung vornehmlich bei den Griechen und bald auch den Römern; konnte es ohne eine solche Verpflanzung leicht eine jüdische Sekte bleiben, so ward ihm durch sie rasch die Enge einer nationalen Art abgestreift und eine Wirkung ins Weite eröffnet. Zweierlei namentlich war ihm bei der Berührung mit jenen Völkern günstig. Einmal begegnete die aufstrebende Religion einer universalen und ausgereiften Kultur, ihr Wirken zur ethischen Erneuerung der Menschheit fand die wertvollste Ergänzung in dem Erkenntnisdrang und dem Schönheitssinn der Griechen, in der Willenskraft und dem Organisationsvermögen der Römer. Zugleich aber fand sie in der damaligen Menschheit trotz alles reichen Kulturbesitzes eine entgegenkommende Stimmung. Denn die Herrlichkeit des alten Lebens hatte sich erschöpft, und den Anbruch des Abends verkündeten immer größere Schatten; namentlich seit Beginn des dritten Jahrhunderts erlag alles Leben und Streben einem tiefen Gefühl der Ermattung, was bei minder entsagenden Naturen umschlug in ein stürmisches Verlangen nach übernatürlicher Hülfe und Rettung. Indem das Christentum diesem Verlangen entgegenkam, konnte seine Verneinung der nächsten, sein Aufbau einer neuen Welt die Gemüter zu vollster Hingebung gewinnen. So gestaltete es sich zu einer weitumfassenden Organisation, zur Kirche, die dem im Glauben gegenwärtigen Gottesreich auch eine sichtbare Gegenwart verlieh; es entstand ein weltumspannendes, gänzlich von der Religion beherrschtes Lebens- und Kultursystem, das die geistige Leitung der Menschheit zuversichtlich an sich nahm. In Wahrheit wurde die christliche Kirche der Halt des versinkenden Altertums und die Erzieherin neu aufsteigender Völker; durch alle Wandlungen der Zeiten, inmitten harter Anfechtungen von draußen und arger Schäden im eignen Innern, hat sie sich als die gewaltigste Erscheinung des weltgeschichtlichen Lebens bis zur Gegenwart behauptet.

 

So erscheint das Christentum mit dem Ganzen seines Wirkens und Seins als die Religion der Religionen. Aber zugleich enthält es weit mehr Probleme, gerät es in weit mehr Verwicklungen, hat es eine irrationalere Art als alle übrigen Religionen. Das lassen alle Hauptpunkte deutlich ersehen.

Das Christentum entwickelt aus dem Verhältnis von Persönlichkeit zu Persönlichkeit eine neue Welt und erklärt diese für den Kern aller Wirklichkeit. Aber wird diese Welt bei aller seelischen Tiefe nicht zu eng für den Reichtum des Daseins, kann sie auch nur alle Seiten des ethischen Lebens umspannen? Ja liegt nicht die Gefahr nahe, dass das hier eröffnete Reich der Liebe, Milde, Friedfertigkeit, bei Ablösung von der übrigen Welt, eine Sache bloßsubjektiver, weicher und tatenloser Stimmung werde, dass es die harten Widerstände der Weltmächte weniger angreife als fliehe, dass die hier geforderte Demut gegen Gott zur Empfehlung eines Knechtsinns gegen Menschen, eines willfährigen Ertragens aller Unvernunft in politisch-sozialen Verhältnissen gewandt werde. — Das Christentum hebt die Menschen durch die Wesensgemeinschaft mit Gott besonders hoch, höher als irgendeine «andere Religion. Aber ergibt die Vergöttlichung des Menschen nicht eine Vermenschlichung des Göttlichen, hat nicht der Anthropomorphismus im Christentum weiter um sich gegriffen als in den anderen großen Religionen? — Keine Religion ist so eng wie das Christentum mit der Geschichte verflochten, keine hat daher auch so schwer an dem Problem zu tragen, wie geschichtliche Vorgänge mit ihrer Besonderheit ewige Wahrheiten enthalten und begründen können. — Keine Religion umfasst so verschiedene Seiten und Stufen und hat daher um ihre eigene Einheit so hart zu kämpfen, keine ist so sehr der Gefahr ausgesetzt, dass sich diese Seiten und Stufen gegeneinander isolieren und zugleich aus der Wahrheit herausfallen. Bald wurde der Bruch mit der nächsten Welt nicht entschieden genug vollzogen und nicht kräftig genug festgehalten; dann drang die Wandlung des Wesens nicht bis zur vollen Tiefe und die Religion sank zu einer bloßen Umsäumung des natürlichen Lebens und Treibens; bald aber entstand eine starre Weltverneinung, welche die Arbeit zur Veredlung unserer Umgebung stocken ließ und in ihren äußersten Konsequenzen das Gemüt mit eisiger Leere bedrohte. Auch die beiden Stufen eines allgemeineren und eines positiveren Christentums kamen leicht in feindliche Spannung, auch hier blieb die Einheit des Ganzen ein Ideal, hinter dem die wirkliche Gestaltung oft recht weit zurückblieb.

Am meisten Sorge und Streit erzeugte aber die religiöse Fassung der Persönlichkeit Jesu. Dem kirchlichen Christentum genügte es nicht, mit Jesus zu glauben, es verlangte auch einen Glauben an Jesus Christus als den Mittler und Erlöser. In den Lehren und Überzeugungen davon verficht es mit ganzer Energie den Glauben, dass in dem Erlöser Gott nicht nur mit einzelneu Erweisungen und Kräften, sondern mit der ganzen Fülle seines Wesens gegenwärtig sei, dass in seiner Person sich Göttliches und Menschliches zu untrennbarer Einheit verbinden. Darin steckt etwas, worauf das Christentum nun und nimmer verzichten kann. Einer Eröffnung göttlichen Wesens innerhalb menschlichen Lebens muss es irgendwie sicher sein, wenn es absolute Wahrheit besitzen und bleibende Geltung behaupten soll. Aber wie ist jene Einigung denkbar zu machen, und ist nicht die kirchliche Lehre von der Gottheit Christi als der zweiten Person der Dreieinigkeit schon deshalb verfehlt, weil sie eine Grundwahrheit der Religion mit philosophischen Spekulationen verquickt, welche die wenigsten Christen auch nur verstehen können, und weil sie zugleich die Vorstellungsweise eines besonderen Zeitalters festlegt, die späteren Geschlechtern mythologisch zu werden droht oder vielmehr schon geworden ist?

Auch in der Geschichte des Christentums entsprachen den dargelegten Vorteilen große Gefahren und Verwickelungen. Der antike Lebenskreis, den das Christentum seiner Gedankenwelt einverleiben wollte, war ihm viel fremder und feindlicher, als seiner älteren Art zum Bewusstsein kam, die ihn durch das Medium einer religiösen Stimmung sah und keinen Sinn für das Charakteristische historischer Epochen hatte. Denn die alte Kultur wird getragen von einem freudigen Glauben an eine Vernunft der Welt, und es ist die Herausbildung dieser Vernunft, wofür sie alle Kraft des Menschen aufruft. Verstrickt ferner nicht das Griechentum mit seiner Gleichsetzung von Geist und Denken das Christentum in einen Intellektualismus, der seiner innersten Art widerspricht, und stimmt seine Formenfreude, sein Drängen nach künstlerischer Darstellung und plastischer Gestaltung voll zu jener reinen Gesinnung, deren Herrschaft das Christentum verkündet? Auch die römische Art mit ihrer inneren Härte, ihrem Begehren weltlicher Macht, ihrem Bestehen auf fester Organisation, ihrer juridischen Behandlung aller Verhältnisse passt wenig zu dem Gottesreich der Liebe und des Friedens. Die Seele des Christentums kam durch das alles in Gefahr zurückgedrängt und entkräftet zu werden; die kirchliche Gestalt ist dieser Gefahr weithin erlegen, sie würde ihr noch mehr erlegen sein, wenn nicht immer wieder einzelne Persönlichkeiten ursprüngliche Quellen des Lebens eröffnet hätten. Immer aber blieb bei so viel Entstellung das Christentum sich selbst ein hohes Ideal.

Auch die Müdigkeit der Kulturwelt, in die seine erste Ausbildung fällt, war nicht ohne schwere Nachteile. Das Christentum wollte seiner Hauptabsicht nach solcher Ermüdung als „frohe Botschaft" entgegenwirken, in Wahrheit hat es der Menschheit einen neuen Lebenstrieb höherer Art eingepflanzt.

Aber durch den massenhaften Zustrom bloß äußerlich gewonnener Elemente geriet es zunächst selbst unter einen starken Einfluss jener matten Zeitstimmung und verfiel damit einer viel zu passiven Gesinnung und Gestaltung. Ganz durchdrungen vom Gefühl der Verderbtheit und Schwäche des Menschen, ersehnte man vor allem Rettung und Ruhe; man wollte von eigner Verantwortung möglichst entlastet, durch eine feste Autorität möglichst sicher gestützt sein, man bestand dem quälenden Zweifel gegenüber auf handfesten Daten und brachte dem Mirakulösen, dem Magischen, dem Unverständlichen den bereitesten Sinn entgegen. Solcher Denkweise schien das Geistige keine volle Wirklichkeit zu haben ohne eine sinnliche Verkörperung, so rann ihr beides zu vermeintlicher Untrennbarkeit zusammen. Das Göttliche schien hier umso höher geehrt, je niedriger vom Menschen und seinem Vermögen gedacht wurde. Über alles Weltleben hinaus drängte es hier zu einer sicheren Ruhe in Gott, und von dieser Ruhe fand sich kein Weg zurück zur nächsten Wirklichkeit, zur kräftigen Ergreifung und freudigen Erhöhung der Welt. Was immer sich aus einer solchen Lage geistig und religiös machen ließ, das hat der Riesengeist des Augustin erreicht. Aber zugleich hat er den Typus jener Zeit dauernd festgelegt und damit jener Entzweiung von Göttlichem und Menschlichem, jener Bindung des Geistigen an das Sinnliche, des unsichtbaren Gottesreiches an die sichtbare Kirche eine Wirkung für Jahrtausende verliehen. Aus seiner Arbeit vornehmlich erwuchs jenes kirchlich-religiöse Lebenssystem, das mit seiner energischen Konzentration alles Strebens in der Sintflut jener Epoche der Menschheit eine schützende Arche bot, das aber mit seiner geistigen Geschlossenheit und Gebundenheit, seiner schließlichen Starrheit und Unfreiheit lebensmutigeren und selbstständigeren Zeiten unerträglich werden musste.

So konnte jene erste Gestaltung des Christentums für die Dauer nicht unangefochten bleiben. Die erste große Gegenbewegung erfolgte auf dem eigenen Boden der Religion: in der Reformation. Ein Teil der römischen und griechischen Einflüsse wird ausgeschieden, der innerste Kern und der eigentümliche Charakter des Christentums wieder kräftiger erfasst, mit einer Wendung von der Kirche zur Persönlichkeit mehr ursprüngliches Leben, mehr Kraft der Gesinnung, mehr Empfindung der großen Gegensätze gewonnen. Aber bei aller Größe bleibt das Ganze in einem unfertigen Stande, auch in schwankender Stellung zwischen alter und neuer Denkart, noch ohne Auseinandersetzung mit der neuen Kultur; so kann es nicht verhindern, dass in der Neuzeit eine Bewegung aufkommt, welche nicht nur die kirchliche Form des Christentums, sondern das Christentum selbst, ja darüber hinaus alle und jede Religion angreift und in einen Kampf auf Leben und Tod verwickelt.

c. Die Bewegung der Neuzeit wider das Christentum.

In einen Konflikt mit Christentum und Religion gerät die Neuzeit nicht nur hie und da, sondern mit dem Ganzen ihres Strebens, und es ist nicht Unglaube und Eigensinn der Individuen, sondern es ist die Substanz der Arbeit, die zu einem unerbittlichen Zusammenstoß führt. Mag dabei nicht alle Verantwortung der Individuen fehlen, diese Verantwortung ist nicht derart, dass der Mensch sie dem Menschen zurechnen und vorrücken dürfte. So gilt es die Bewegung von der Zufälligkeit der Individuen und Parteien abzulösen und ihre innere Notwendigkeit zu verfolgen. Es sei dabei zunächst die Wandlung der Gedankenwelt, dann die des Lebens betrachtet.

1. Die Wandlungen der Gedankenwelt.

α. Naturwissenschaft und Religion.

Am greifbarsten ist der Zusammenstoß der modernen Denkweise mit der Religion bei der Natur. Die überkommene Religion ist eng verwachsen mit dem naiven Naturbilde, das die Erde zum ruhenden Mittelpunkt des um sie kreisenden Weltalls macht, sie versteht den Weltbau als ein Werk einer weltüberlegenen Vernunft, welche die Natur zusammenhält, lenkt und zum Werkzeug ihrer Zwecke bereitet; sie gibt dem Menschen eine einzigartige Stellung, indem auf sein Wohl und Wehe alles Ergehen bezogen und an sein Tun das Schicksal des Alls geknüpft wird, wie in Fall und Elend, so in Erhebung und Seligkeit.

In drei Hauptstufen hat die moderne Wissenschaft jenes Naturbild angegriffen und zerstört. Sie hat zunächst seit Koperniks eine unermessliche Erweiterung vollzogen, sie hat Welten über Welten gezeigt und die Erde zu verschwindender Kleinheit herabgesetzt, sie hat zugleich den Gegensatz von Himmel und Erde aufgehoben, welcher der religiösen Vorstellung und Empfindung so viel bedeutete. Kann nun noch, was auf diesem Trabanten eines Fixsterns unter unzähligen anderen vorgeht, über das Schicksal des Alls entscheiden? Und was wird aus dem „Aufgefahren gen Himmel", wenn es keinen Himmel im alten Sinne, kein Oben und Unten im unermesslichen Weltraum mehr gibt?

Dann kommt die innere Wandlung der Natur seit Galilei und Descartes. Alle seelischen Kräfte, alle Strebungen und Zwecke werden aus der Natur entfernt, sie löst sich auf in ein Nebeneinander kleinster Elemente, die nur durch Druck und Stoß aufeinander wirken und deren Räderwerk damit ganz und gar durchsichtig wird; dabei ist alles Geschehen gleichförmiger Art, es folgt einfachen und unwandelbaren Gesetzen, nichts Einzelnes kann diesen Rahmen durchbrechen, keine seelische Kraft das Geschehen aus seiner Bahn lenken.

Eine Denkweise, die so der Natur eine völlige Selbständigkeit und innere Geschlossenheit verleiht, stößt mit der religiösen Naturbetrachtung am härtesten zusammen bei dem Problem des Wunders; denn ebenso unentbehrlich wie dort scheint es hier unerträglich. Das Wunder ist „des Glaubens liebstes Kind", die Zurückführung alles und jedes Geschehens auf natürliche Kausalität scheint die Religion bis zum Grunde zu zerstören. Dabei hat keine Religion das Wunder, auch als sinnliches Wunder, so tief in ihr Wesen aufgenommen als das kirchliche Christentum; „ist Christus nicht auferstanden, so ist euer Glaube eitel.". Die moderne Naturwissenschaft dagegen vertreibt das Wunder unbarmherzig aus ihrem Bereich, ihr bedeutet es mit Spinoza nicht etwas Übernatürliches, sondern etwas Widernatürliches, jede einzelne Durchbrechung erscheint als eine Erschütterung ihres Grundgefüges und als eine Leugnung ihrer Selbständigkeit.

Und das Wunder ist nur der Punkt des akuten Zusammenstoßes der Gegensätze, in Wahrheit erstreckt sich die Kampflinie viel weiter. Denn die Verwandlung in ein seelenloses Getriebe macht die Natur durchaus gleichgültig wie gegen alle geistigen, so auch gegen alle religiösen und moralischen Zwecke; nach ehernen Gesetzen verfolgt sie ihre Bahn, durchaus unbekümmert um das, was dem Menschen gut oder böse heißt

„Denn unfühlend

Ist die Natur,

Es leuchtet die Sonne

Über Bös' und Gute,

Und dem Verbrechen

Glänzen, wie dem Besten,

Der Mond und die Sterne."

So vereinsamt der menschliche Kreis im All, als dessen beherrschenden Mittelpunkt er sich vordem fühlte.

Endlich kommt die Entwicklungslehre des 19. Jahrhunderts und setzt mit Vollendung des begonnenen Werkes den Trumpf auf das Ganze. Die wissenschaftliche Begreifung der Natur fand bis dahin einen unüberwindlichen Widerstand an dem Reich der organischen Bildung; immer noch konnte sich die religiöse Deutung dahin wie in eine uneinnehmbare Festung zurückziehen. Nun kam Lamarck und kam Darwin; wieviel bei der näheren Gestaltung der Theorien strittig bleiben mag, entschieden ist der Sieg der Entwicklungslehre im allgemeinen Sinne, d. h. einer Überzeugung, welche die Formen nicht als von Anfang an fertig nebeneinanderstellt, sondern sie einander kausal verkettet und die höheren aus den niederen durch natürliche Bewegung hervorgehen lässt Und entschieden ist damit auch, dass der Mensch mit zur Natur gehört, und dass die Naturbegriffe auch in sein Leben reichen. Es entwickelt sich von da aus eine biologische Deutung auch der menschlichen und geistigen Größen, welche der überkommenen ethisch-religiösen schnurstracks widerspricht. Diese bemaß den Wert aller Handlungen und Erlebnisse nach dem Verhältnis zu Gott und dem weltüberlegenen Reiche Gottes, die biologische Betrachtung schätzt nur nach dem Nutzen für die Erhaltung im Kampf ums Dasein; dort wurden ewige Güter gegenüber aller Zeit erstrebt, hier muss sich nach dem Wechsel der Lagen die Schätzung unablässig verwandeln: was heute nützt, kann morgen schaden und umgekehrt; dort sollte sich eine reine Innerlichkeit bilden und der Gewinn der ganzen Welt wog eine Schädigung der Seele nicht auf; hier wird alles Sinnen und Streben nach außen gekehrt und „Seele" zu einem leeren Wort herabgesetzt. — In dem allen ist der unversöhnliche Gegensatz zur Religion sonnenklar, unmöglich kann beides zusammen bestehen. Aber die Naturwissenschaft ist da und hat sich mit zwingender Konsequenz Punkt für Punkt weiterentwickelt; sie bringt nicht nur eine unübersehbare Fülle von Ergebnissen, sie hat eine neue Denkweise aufgebracht, ein präziseres Sehen, ein schärferes Scheiden, ein strengeres Bestehen auf kausalen Zusammenhängen und reiner Tatsächlichkeit; sie wendet sich mit dem allen gegen die Denkweise der Religion und erklärt sie als wissenschaftlich unhaltbar. Kann die Religion einem so mächtigen Strom widerstehen?

ß. Geschichte und Religion.

Zu den Gegnern der Religion gesellt sich neben der Natur die Geschichte: die Bekämpfung des überkommenen religiösen Geschichtsbildes durch eine wissenschaftliche Geschichtsbegreifung bewirkt eine Erschütterung, die wohl noch tiefer ins Innere dringt. Nach jenem Bilde hatte die menschliche Geschichte und überhaupt unsere Welt nur eine geringe zeitliche Ausdehnung; was aber in ihr geschah, das empfing sein Ziel und auch seine treibende Kraft von der weltüberlegenen Gottheit: sie hatte den Plan des Ganzen vorgezeichnet, sie lenkte die Geschicke auch im Einzelnen, sie sandte Propheten und Helden „wenn die Zeit erfüllet war". Die Hauptaufgabe der Geschichte war die Erziehung der Menschheit und jedes Einzelnen für ein übergeschichtliches, ewiges Leben, ihren Kern bildete der Kampf von Gutem und Bösem, der sich in ein einziges großes Drama von der Weltschöpfung bis zum Weltgericht straff zusammenfasste; alles übrige blieb bloße Umgebung und hatte eine Bedeutung nur durch die Beziehung auf jene Seele des Ganzen. Aus solcher Überzeugung wurden alle Ereignisse und Erlebnisse gedeutet; so sehr hatte man sich an diese Deutung gewöhnt, dass man überall jene Lenkung unmittelbar zu gewahren glaubte, überall „den Finger Gottes" erblickte.

Wie sehr hat sich das alles verändert, und zwar weniger durch schroffe Katastrophen, als durch eine allmähliche Losbröckelung und Umbildung. Wie die räumliche so ist auch die zeitliche Ausdehnung der Welt ins Unermessliche gewachsen, auch bei der Erde rechnet die Wissenschaft nur nach Millionen von Jahren; klein gegenüber solchen Maßen ist die menschliche Geschichte immerhin den überkommenen Grenzen weit entwachsen; innerhalb ihrer wiederum schrumpft die Epoche der Kultur eng zusammen gegenüber der ungemessenen Weite der „prähistorischen" Zeiten. Da durch ein schließliches Versagen unentbehrlicher Daseinsbedingungen auch der Dauer des organischen und mit ihr des geistigen Lebens ein festes Ziel gesetzt scheint, so dünkt der modernen Denkart das ganze Dasein der Menschheit eine bloße Episode des Weltprozesses, gegenüber dessen unbegrenzter Dauer es wie ein flüchtiges Meteor aufleuchtet und verschwindet.

Tiefer noch waren die Wandlungen innerer Art: wie die Natur so entwickelte auch die Geschichte eine Selbständigkeit; wie dort alles Übernatürliche, so musste hier alles Übergeschichtliche fallen. Eigene Triebkräfte wurden innerhalb des menschlichen Kreises erkannt, eigene Ziele hier aufgewiesen, die Erscheinungen direkt miteinander verkettet und schließlich zu einem einzigen großen Gewebe verbunden. Aus seinen Zusammenhängen wird jeder einzelne Vorgang verstanden, auch das Größte gilt jetzt nicht mehr als ein isoliertes Wunder, sondern als ein Höhepunkt innerhalb der Bewegung, es wächst hervor aus seinen Bedingungen und Umgebungen. Wer so die Geschichte aus der Geschichte selbst, also „immanent" verstehen möchte, dem wird alles Eingreifen übernatürlicher Mächte zu einer unerträglichen Störung, dem wird die Geschichte zur unversöhnlichen Gegnerin der überkommenen Religion.

Sie wird es noch mehr mit der Erkenntnis einer von Stufe zu Stufe aufsteigenden, in sicherem Zuge fortschreitenden Bewegung, mit der Verwandlung der Geschichte in einen fortlaufenden Entwicklungsprozess. Denn damit gewinnt sie eine Aufgabe als Ganzes und einen Sinn bei sich selbst; die Aussicht auf eine bessere, einer endlosen Steigerung fähige Zukunft verleiht dem unmittelbaren Dasein eine Spannung und Aufgabe im eignen Bereich und erhebt über alle Schäden der Gegenwart; die religiöse Hoffnung einer vollendeten Seligkeit im Jenseits verblasst vor solchem Glauben an die Zukunft im Diesseits.

Wo es innerhalb der Zeit so viel zu tun und zu ändern gibt, ja wo erst ihre Arbeit die Wirklichkeit in ein Reich der Vernunft verwandelt, da kann sie nicht mehr als nichtig und flüchtig gelten, da kann nicht alle Sehnsucht und Hoffnung an der Ewigkeit hängen. Zugleich entfallt das bisherige Gefühl der Schwäche des Menschen. Scheint er doch in den neuen Zusammenhängen vor allem auf seine eigene Kraft gestellt, zu voller Mündigkeit erhoben, sein Schicksal nicht sowohl von überlegener Macht empfangend, als es sich mit männlicher Tat selbst bereitend. Und so ist es auch nicht ein übernatürliches Reich Gottes, sondern das Wohlergehen des Menschen und der Menschheit im Diesseits, dem die Hauptsorge zugewandt wird.

Der Konflikt, in den hier durchgängig geschichtliche und religiöse Überzeugung treten, wird besonders schroff beim Problem der Wahrheit. Die Religion versteht die Wahrheit als schlechthin ewig und wandellos; mag die göttliche Offenbarung sich innerhalb der Zeit eröffnen, sie wird damit kein Erzeugnis der Zeit, sie folgt nicht dem Lauf der Zeit, sie weist alle Veränderung von sich als eine Entwürdigung. Die geschichtliche Entwicklung dagegen mit ihrer unablässigen Verschiebung der Lagen und ihrem rastlosen Fortschritt macht die Wahrheit zum Kinde der Zeit (veritas temporis filia); dem jeweiligen Stande der Dinge, den Bedürfnissen der lebendigen Gegenwart haben wie die Einrichtungen so auch die Überzeugungen zu entsprechen. Damit werden alle geistigen Größen flüssig, alle Wahrheit relativ, aller Erhebung eines Gedanken- und Glaubensgehaltes zu absoluter Gültigkeit wird von hier aus energisch widerstanden. Kann aber die Religion auf eine absolute und zeitlose Wahrheit nun und nimmer verzichten, so wird alle Entscheidung für die Geschichte zu einer Entscheidung gegen die Religion.

Auch die nähere Gestaltung der geschichtlichen Forschung wird höchst gefährlich für eine Religion, welche, wie das Christentum, vornehmlich auf geschichtlichen Tatsachen ruht. Die naive Denkweise, die das überlieferte Bild früherer Zeiten sorglos hinnahm, auch die mannigfachen Berichte rasch in ein gleichartiges Ganzes zusammen sah, hält nicht Stand vor einer wacheren Lebensführung und einem geschärften kritischen Bewusstsein. Wir können uns nicht verhehlen, dass was bisher als lautere Wahrheit, als reiner Abdruck der Wirklichkeit hingenommen war, unendlich viel Subjektivität der Auffassenden und Weiterberichtenden in sich trägt, dass wir oft weniger die Dinge sehen als den Schleier, den menschliche Meinung und Phantasie um sie wob; wie langsam und vorsichtig gilt es jetzt zu den Tatsachen als einem kaum erreichbaren Ideal vorzudringen, die früher leicht und sicher zuzufallen schienen. Die daraus erwachsende historische Kritik ließ sich auch der religiösen Überlieferung nicht fernhalten, kaum irgendwo anders hat sie so glänzend ihr Vermögen gezeigt und zugleich so gründlich mit überkommenen Vorstellungen aufgeräumt, so völlig das überkommene Bild umgestaltet Was früher ein Ganzes dünkte, das enthüllt jetzt große Unterschiede und starke Widersprüche, nicht nur in Nebensachen und Einzeldaten, sondern in fundamentalen und prinzipiellen Fragen, wie z. B. das Neue Testament weitabweichende Bilder von Jesus und grundverschiedene Fassungen des Christentums enthält; sodann findet sich manches, was dem Glauben späterer Zeiten zu einer Hauptsache wurde, in den klassischen Urkunden gar nicht oder doch nur in den leisesten Anfängen; einen weiten Abstand zwischen der kirchlichen Dogmenlehre und ihrer historischen Grundlage, der Bibel, muss jede unbefangene Betrachtung zugestehen. Dazu die Frage der Echtheit der Quellen mit ihren bald aufgeregten, bald minutiösen Diskussionen. Ob dabei das Ergebnis der Kritik mehr negativ oder positiv ausfalle, ist lange nicht so wichtig als dies, dass die Glaubwürdigkeit der Überlieferung überhaupt von der wissenschaftlichen Prüfung abhängt, dass das Göttliche uns nicht mehr unmittelbar zuströmt, sondern durch mühsame Gedankenarbeit des Menschen vermittelt werden muss. Denn ihr Reflektieren und Kritisieren zerstört unwiederbringlich den Heiligenschein, der jene Überlieferung früher umfing; das grelle Tageslicht der Wissenschaft verscheucht unbarmherzig jenes traumhafte Halbdunkel, in dem der religiösen Phantasie sich Himmel und Erde unmittelbar zu berühren schienen. So wendet sich auch hier der Gewinn der Geschichte der Religion zum Verlust.

Als auf Geschichte begründete Religion verliert diese auch insofern, als das präzisere Sehen, die genauere Erfassung der Eigentümlichkeit jeder Zeit, dies notwendige Ergebnis einer kritischen Denkart, die eine Zeit notwendig schärfer gegen die anderen abgrenzt und damit eine unmittelbare Aneignung der Vergangenheit, ein leichtes Überströmen ihrer Wirkungen zwingend verbietet. Früheren Geschlechtern war die heilige Ges schichte eine unmittelbare Gegenwart, ja sie sahen in ihrem Lichte die eigene Zeit und Umgebung. Das konnten sie nur, weil ihnen Eignes und Fremdes, Früheres und Späteres ungeschieden zusammenrann. Indem die historische Kritik das unmöglich machte, hat sie zugleich jene überragende Stellung der heiligen Geschichte zerstört.

Aber der Zweifel und die Erschütterung reicht noch weiter. Der modernen Denkweise wird nicht nur der nähere Inhalt der Überlieferung zum Problem, sie kann überhaupt nicht prinzipielle Überzeugungen auf geschichtliche Tatsachen gründen. Denn was dem Menschen zu seiner geistigen Selbsterhaltung nottut, das muss sich unmittelbar erleben lassen und sich bei uns selbst bewähren, das lässt sich nicht von draußen her zuführen. Indem die Aufklärung das zuerst gegenüber aller bloßen Tradition zur Geltung brachte, hat sie gewiss Vernunft und Geschichte, eignes Leben und Überlieferung zu schroff auseinandergerissen und das Vermögen des Augenblicks überschätzt. Aber die mit jener Wendung gewonnene Selbständigkeit des Lebens können wir auch bei einer freundlicheren Stellung zur Geschichte nicht wieder aufgeben; auch für uns kann die Geschichte nie den ersten, sondern nur den zweiten Platz einnehmen, für unser Leben kann von ihr nur so viel gelten, als sich in unmittelbare Gegenwart umsetzen lässt. Insofern gilt auch für uns das Wort Lessing s „Zufällige — d. h. aber empirisch-tatsächliche — Geschichtswahrheiten können der Beweis von notwendigen Vernunftwahrheiten nie werden". Und wenn sich damit das Leben der Bindung an die Geschichte entwindet, so wird es zu einem unerträglichen Druck, das Heil des Menschen an die willige Anerkennung historischer Vorgänge zu binden. „Dass ein Geschichtsglaube Pflicht sei und zur Seligkeit gehöre, ist Aberglaube" (Kant). „Man sage nicht was schadet's, wenn auch auf dieses Historische gehalten wird. Es schadet, wenn Nebensachen in gleichen Rang mit der Hauptsache gestellt, oder wohl gar für die Hauptsache ausgegeben, und diese dadurch unterdrückt und die Gewissen geängstigt werden" (Fichte).

So hat die geschichtliche Betrachtung auf der ganzen Linie eine andere Denkweise aufgebracht, als die Religion sie enthält. Und keine Religion wird von der Erschütterung stärker betroffen als das Christentum, das sowohl mit einer geschichtlichen Gesamtansicht als mit besonderen geschichtlichen Vorgängen enger verbunden ist als irgendwelche andere Religion.

γ. Geistesleben und Religion.

Aber so schwer die Religion von der Natur und von der Geschichte her erschüttert wird, der wichtigste Punkt ist noch immer nicht berührt, er liegt in der inneren Beschaffenheit des Lebens, das aller Betätigung und Gedankenarbeit zugrunde liegt. Zwischen dem, was die Religionen und unter ihnen ganz besonders das Christentum lehren, und dem was die moderne Kultur durch das Ganze ihrer Entwicklung behauptet, hat sich hier eine tiefe Kluft aufgetan, und es droht sich damit in nichtigen Schein zu verwandeln, was bis dahin als Kern aller Wahrheit gegolten hatte.

Der älteren Denkweise war das menschliche Seelenleben aufs engste verbunden mit der Weltumgebung, verwandte Kräfte walteten drinnen und draußen, im Einzelnen wie im Ganzen, im Menschen schienen die Dinge ihr echtes Wesen zu finden. Von hier aus konnte es keinerlei Bedenken erregen, auch die allesbeherrschende Macht menschenartig vorzustellen und den Verkehr mit ihr als ein Verhältnis von Seele zu Seele nach Art des Verhältnisses vom Menschen zum Menschen zu verstehen. Alle Größen der Religion gestalteten sich so vom unmittelbaren Seelenleben des Menschen her; nur von ihm aus gewinnen Begriffe wie Liebe, Gnade, Vertrauen einen Sinn; keine Religion aber stellt die seelische Innerlichkeit höher als das Christentum mit seiner Verkündigung einer unendlichen Liebe und einer unmittelbaren Gegenwart des Reiches Gottes.

Nun aber hat die Arbeit der Neuzeit die Stellung und mit ihr die Schätzung des Seelenlebens eingreifend verändert, wie auch uns schon ersichtlich wurde. Aus der Natur, und damit, wie es scheint, aus der Welt, wird die Seele verwiesen; so gestaltet sie sich zu einem Sonderreich, zu einem Leben und Weben im eigenen Kreis. Mehr und mehr kommt die Schranke eines solchen Sonderlebens zum Bewusstsein; als bloßes Fürsichsein, als ein Beziehen alles Geschehens auf einen Punkt außer ihm, als subjektive Zuständlichkeit wird die Seele zu klein für die geistige Arbeit, die immer entschiedener einen Weltcharakter entwickelt; so löst diese sich ab von jener unmittelbaren Daseinsform, wendet sich gegen sie und setzt sie aus der Hauptsache zu einer bloßen Begleiterscheinung herab. So emanzipieren sich die einzelnen Lebensgebiete, wie Kunst und Wissenschaft, Staatsleben und wirtschaftliche Arbeit, so emanzipiert sich schließlich das Ganze der Kultur; überall entstehen selbständige Komplexe, die mit eignen Aufgaben Gesetze und Triebkräfte erzeugen, die ihren Zweck in sich selbst tragen und alle Beziehung auf ein seelisches Fürsichsein, alle Bemessung nach der Leistung für das Wohl des Subjekts als eine Entstellung abweisen. Mit der Größe der Kultur scheint untrennbar verknüpft ihr unpersönlicher Charakter, ihr sicheres Aufsichgestelltsein und Aussichbewegtwerden, ihre Überlegenheit gegen alle menschlichen Absichten und Zwecke. Ja als wahre Größe des Menschen erscheint nun, dass er alles bloße Fürsichsein ablegen und sich ganz und gar in ein willfähriges Werkzeug jenes Kulturprozesses verwandeln kann. Niemand hat solcher die ganze moderne Kultur durchdringenden Grundanschauung einen großartigeren prinzipiellen Ausdruck gegeben als Hegel, mit besonderer Kraft wirkt sie von ihm aus durch das 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart.

Es kann aber ein durch sachliche Notwendigkeiten beherrschtes Wirken und Schaffen nicht das Leben an sich ziehen, ohne eine völlige Verwandlung seiner Ideale. Die subjektive Gesinnung und damit, so scheint es, alles ethische Verhalten des Menschen tritt ganz und gar zurück vor der Aufbietung geistiger Kraft, vor der Mitarbeit an jenem Kulturprozesse. So wird die alte seelische Innerlichkeit mit all ihren Größen und Gütern aus dem Zentrum des Lebens in die Peripherie gewiesen; nicht nur aus der Natur, auch aus dem Innenleben wird die Seele verbannt.

Wir wüssten nicht, welcher Angriff die Religion schwerer erschüttern könnte als dieser. Denn sinkt die Seele derart zu einer Nebensache herab, so kann sie unmöglich die Maße für das Bild der Wirklichkeit liefern, so erscheint die gesamte Gedankenwelt der Religion als ein bloßer Anthropomorphismus, als eine unerträgliche Verfälschung der Wirklichkeit Diesen Gedankengang verfolgend, hat der Positivismus die Religion zu einer bloßen Entwicklungsstufe herabgesetzt, auf welcher der Mensch in kindlichem Wahn menschliche Größen in die Welt hineinsieht und mit ihnen zu verkehren glaubt. Für Religion im alten Sinne ist hier überhaupt nicht der mindeste Platz. Wird noch irgendwelcher Gottesbegriff festgehalten, so kann er nichts anderes bedeuten als eine weltbegründende Substanz oder eine weltdurchdringende Kraft; zu einer solchen aber lässt sich kein persönliches Verhältnis gewinnen, Begriffe wie Liebe und Gnade, Glaube und Vertrauen verlieren hier jeglichen Sinn. Nicht dieses oder jenes an der Religion, sondern die Religion selbst wird damit zur Mythologie, zu einer durch die geistige Entwicklung endgültig überwundenen Lebensstufe. Und mit ihr fällt auch die Moral; denn wie können Größen wie Gesinnung und Überzeugung einen Wert behaupten, wenn alles selbständige Innenleben wegfällt? Solche Verdrängung der Religion und Moral durch einen unpersönlichen Kulturprozess muss aber wiederum am meisten das Christentum treffen, da es eine Selbständigkeit des Innenlebens zuversichtlicher behauptet und stärker entwickelt hatte als irgendwelche andere Religion; je höher es das Ziel steckte, desto tiefer muss jetzt der Fall werden.

So ist nicht nur aus dem Naturbilde, nicht nur aus der geschichtlich-gesellschaftlichen Arbeit, sondern aus dem Grundgewebe des Lebens die Religion, ja alle Möglichkeit einer Religion vertrieben. Alle diese Gegenwirkung unterstützt und steigert sich gegenseitig; in der Arbeit an den einzelnen Punkten liegt oft alle prinzipielle Verneinung fern, und es wird aus ehrlicher Überzeugung oft versichert, dass diese besondere Wandlung, z. B. im Bilde der Natur oder der Geschichte, den Gesamtbestand der Religion durchaus unangetastet lasse. Ja, aber wenn es an anderen Punkten und an allen anderen Punkten auch so geht, wenn alle einzelnen Bausteine zerbröckeln, was wird dann aus dem Gefüge des (ranzen? Das eben ist das Große und Überwältigende der Wandlung, dass die Menschen zunächst gar nicht auf eine Zerstörung ausgingen, dass sie vielmehr eifrigst beflissen waren, Altes und Neues zu verbinden und ineinanderzuschieben, dass dann aber die Wahrheiten jene Verbrämung abschüttelten und, unbekümmert um menschliche Ansicht und Absicht, ihre Wege zu Ende gingen. Und diese Wege führen zur Zerstörung der Religion.

2. Die Veränderung der Lebensrichtung.

Es bedarf nur einiger weniger Worte um zu zeigen, dass der Wandlung der Gedankenwelt eine Veränderung der Lebensrichtung entspricht. Mit der neuen Naturwissenschaft geht Hand in Hand die Entwicklung der modernen Technik; mit ihrem Aufkommen und Vordringen hört der Mensch auf, der Natur gegenüber wehrlos zu sein, wird er vielmehr zu ihrem Herrn und Gebieter. Guten Mutes kann er nunmehr den Kampf gegen alle Begrenzung und Hemmung aufnehmen, kann er durch Aneignung der Naturkräfte sein Leben ins Endlose erweitern, es in ungeahnter Weise beschleunigen, es unvergleichlich reicher und genussvoller gestalten. In fortschreitender Eröffnung neuer Aussichten und Aufgaben gewinnt er ein stolzes Bewusstsein menschlichen Vermögens, menschlicher Überlegenheit. Dieselbe Gesinnung freudiger Kraft und mutigen Vertrauens entwickelt sich gegenüber dem geschichtlich-gesellschaftlichen Leben. Nicht mehr erscheinen nun Not und Unvernunft als vom Schicksal auferlegte Notwendigkeiten, die man in ihren Folgen lindern, nicht aber in ihrer Wurzel vernichten kann. Vielmehr fühlt sich der moderne Mensch in Nutzung aller Mittel der Kultur und in strafferem Zusammenschluss der Kräfte stark genug, sein Dasein durchweg zu einem Reich der Vernunft zu gestalten, das Wirkliche vernünftig, das Vernünftige wirklich zu machen. Mögen sich dem noch so viele Widerstände entgegenstellen, einem neuen Lebensgefühl wirken sie mehr als Antrieb zur Arbeit denn als Abschreckung. Jedenfalls erwartet der Mensch den Erfolg nicht von übernatürlicher Hülfe, sondern er erringt und erzwingt ihn durch Aufbietung eigener Kraft. Dazu kommt endlich jenes neue Kulturideal mit seiner Erhebung über alle menschliche Zuständlichkeit und seiner Eröffnung eines unermesslich reichen, von selbständigen Inhalten erfüllten und von inneren Notwendigkeiten getriebenen Geisteslebens gegenständlicher Art unendlich viel mehr Klarheit, Weite und Wahrheit scheint damit in unser Leben zu kommen, und wiederum eine Wahrheit, die nicht aus übernatürlicher Mitteilung, sondern nur aus eigener Arbeit hervorgeht

Fürwahr Arbeit und Spannung gewährt die nächste Welt in Hülle und Fülle, sie vermag damit den Menschen so zu beschäftigen, ihn auch innerlich so ganz und gar festzuhalten, dass nicht das mindeste Verlangen nach einer anderen Art des Seins aufkommt. Je mehr sich aber solche Richtung zur Welt der ganzen Seele des Menschen bemächtigt, desto mehr verliert die Religion an Boden, desto deutlicher wird der Gegensatz zu den Zeiten, in denen das Christentum seine weltgeschichtliche Gestalt gewann, desto mehr erscheint die Gesamtgeschichte der Neuzeit als eine fortschreitende Verlegung des Lebens aus einer Welt des Glaubens und der Phantasie in die Welt des unmittelbaren Daseins.

Das Christentum der ersten Anfänge konnte seine Arbeit an der Menschheit nicht aufnehmen, ohne der im Besitz befindlichen Welt eine neue, in Glauben und Hoffnung gegründete entgegenzuhalten und diese für die wahre Heimat des Menschen zu erklären; als es aber zum Siege gelangte, hat es seinen Zug zum Jenseits der ganzen damaligen Welt, einer ermüdeten, ausgelebten, von keinen eigenen Hoffnungen bewegten Welt auferlegt; das sehnlich erhoffte neue Leben schien nicht aus dieser Welt, sondern nur aus einer neuen Ordnung der Dinge kommen zu können. Die Stimmung der damaligen Welt stellt uns Augustin mit der Glut seiner Gesinnung und der Kraft seines Wortes besonders deutlich vor Augen. Die neue Welt ist ihm nicht eine ferne, sondern die allernächste Welt, sie allererst gewährt in den Wirren und Nöten des Daseins die Möglichkeit einer geistigen Selbsterhaltung, sie allein rechtfertigt den Mut zum Leben. Sie aber drängt mit elementarer Kraft die sinnliche Welt in die Peripherie des Daseins und entzieht ihr die Arbeit und Liebe des Menschen. Alle Verzweigung des Kulturlebens hat nur das eine Ziel, den Menschen zu jener höheren Welt zu erheben, alle Mannigfaltigkeit weist über sich selbst hinaus zu der weltbeherrschenden Einheit, alle Arbeit soll möglichst bald an den Punkt führen, wo ihre Mühe und Sorge umschlägt in die Anschauung ewiger Wahrheit und die Anbetung unendlicher Liebe. Ein innerster Kern des Seelenlebens wird hier von aller Verwicklung der Weltarbeit abgehoben und sicher im göttlichen Leben verankert Und aus solcher Weltüberlegenheit drängt es in keiner Weise zur Welt zurück, man fühlt sich jener am sichersten in schroffer Aufrechterhaltung des Gegensatzes, in voller Abstoßung aller Arbeit und Sorge der Welt; „du hast uns geschaffen zu dir hin, und unser Herz ist unruhig, bis es ruhet in dir."

Diese Religion durchaus transzendenter Art erfährt im mittelalterlichen Kirchensystem durch die Angliederung einer weltlichen Kultur zwar eine gewisse Milderung, aber die Welt des Glaubens bleibt dem Menschen die Hauptwelt und die innerlich nächste Welt, wie sie denn auf der Höhe der Scholastik durchgängig als Vaterland (patria) bezeichnet wird. Darin liegt zugleich, dass die Religion den Kern des Lebens und die Kirche die Trägerin aller idealen Interessen der Menschheit bildet. Aber dann erhebt sich bei jugendlichen Völkern und frischem Lebensmut eine neue Woge weltgeschichtlicher Art Jenes Leben in Glauben und Hoffnung, jenes innere Weben des weltfremden Gefühls verliert allmählich an Anziehungskraft, es wird als zu passiv, zu weich und traumhaft empfunden; stärker und stärker wird das Verlangen nach mehr Befassung mit der Welt um uns, nach Übung menschlicher Kraft im Kampf mit der Härte der Dinge, nach einem wacheren und wahreren Leben. Mensch und Welt scheiden sich schärfer, Subjekt und Objekt suchen volle Klarheit gegeneinander. Ein neuer Morgen scheint aufzugehen, ein unermessliches Tagewerk vor der Menschheit zu liegen. So strebt denn Sinn und Gedanke immer mehr in die Welt hinein, statt sich von ihr abzulösen, der Grundtrieb des Lebens ist durchaus verändert, und diese Veränderung kann der Religion nicht günstig sein.

Aber diese große Wandlung hat sich sehr allmählich und in drei Hauptstufen vollzogen. Ein neues Leben erscheint zunächst in der Renaissance, die Geister regen sich freier, es fällt die Enge der Vorstellungen, die dem Menschen bisher das Bild seiner selbst wie der Welt um ihn getrübt hatten, er entdeckt nicht nur ferne Länder, er entdeckt vor allem sich selbst, gewinnt ein stolzes Bewusstsein seiner Kraft und nimmt freudig Besitz von dem unermesslichen Reichtum der Welt. Zweierlei ist es vornehmlich, was ihn bei ihr anzieht und festhält, die Lebensfülle, die überall aufquillt, und die Schönheit, die aus allen ihren Gestalten hervorleuchtet. Aus solchen Überzeugungen und Erfahrungen erwächst das Ideal einer harmonischen Bildung des ganzen Menschen, im modernen Kulturstaat findet das Streben zur Ausschmückung des Diesseits einen festen Halt, ein weltlicher Lebenskreis treibt immer mehr Aufgaben hervor und gewinnt immer neue Kräfte. Aber bei aller Selbständigkeit gerät die neue Art noch nicht in einen Kampf mit der alten, auf der Höhe der Renaissance scheinen die beiden Welten einander eher zu suchen als zu fliehen. Gerade deshalb gilt die nächste Welt als herrlich und unerschöpflich, weil sie einen Ausdruck und Abglanz göttlichen Lebens bildet; die Religion aber empfängt die wertvollste Förderung durch eine selbständig gewordene Kunst, welche den hehren Gestalten des Glaubens eine anschauliche Nähe und entzückende Anmut verleiht. So gehen hier Religion und künstlerische Weltkultur Hand in Hand; was in diesem Verhältnis an Widersprüchen steckt, kommt noch nicht zur Empfindung.

Bald aber geht die Bewegung über solches Nebeneinander hinaus und besteht auf einer strengeren Einheit des Lebens. Das geschah auf der Höhe des Schaffens, schon seit Spinoza, in der Weise, dass sich Welt und Gott zu einer einzigen, untrennbaren Wirklichkeit verbinden; indem das Göttliche die ganze Welt durchdringt und ihr eine Tiefe gibt, entwächst sie der unmittelbaren Erscheinung und verwandelt sich in ein lückenloses Reich der Vernunft. Die Gottheit aber, so auf das Ganze der Welt bezogen, muss alles Enge und Bloßmenschliche ablegen, sie wird, aller Begrenzung durch Begriffe entwachsend, zur allumfassenden Ewigkeit und Unendlichkeit. Nun kann die Religion nicht mehr ein besonderes Gebiet sein, das aus jenseitiger Höhe das Dasein beherrscht, vielmehr wird sie ihre Aufgabe umso besser zu erfüllen scheinen, je mehr sie alle eigene Gestalt ablegt und alle Arbeit mit unsichtbarem Wirken durchdringt. Den Kern des Daseins bilden hier die Gebiete, welche den Menschen mit dem großen All verbinden und zu einem Weltleben erhöhen, das sind aber Wissenschaft und Kunst im Sinne einer Idealkultur. Mit weltumspannendem Denken und freiwaltender Phantasie schaffen sie gegenüber dem alltäglichen Dasein eine neue, geistige Wirklichkeit, sie veredeln damit alle menschlichen Verhältnisse, sie verleihen dem Menschen inmitten dieses Lebens eine Unendlichkeit und Ewigkeit. Je mehr sich so unsere Wirklichkeit in ein Reich der Vernunft verwandelt, je mehr sich aus dem Chaos des anfänglichen Weltbildes ein herrlicher Kosmos erhebt, desto mehr entfällt das Bedürfnis nach einer besonderen Religion. Nur denen mag sie ein Wegweiser zu einem höheren Leben sein, denen die Teilnahme an geistigem Schaffen versagt ist „Wer Wissenschaft und Kunst besitzt, der hat auch Religion. Wer diese beiden nicht besitzt, der habe Religion!"