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Wie schon in seinen Kabarettprogrammen "Ruhe sanft!", "Schöner Sterben" und "Nur über Deine Leiche" beschäftigt sich Stephan Franke auch in diesem Buch auf satirische Weise mit dem Thema Tod. Günther und Helga Schmidter versuchen ihr niederrheinisches Bestattungsinstitut durch unkonventionelle Geschäftsideen wieder auf die Erfolgsspur zu führen. Beflügelt durch ihre ungebremste Experimentierfreude bieten sie ihren Kunden finale Dienstleistungen an, die regelmäßig im Chaos enden. So offerieren sie z.B. für den trend- und modebewussten Leichnam eine letzte Typberatung ... weiterlesen "oder entwickeln ganz im Geist unserer Spaßgesellschaft sogenannte Erlebnisbestattungen mit echtem Eventcharakter. Unfreiwillig kommen die Schmidters auf ihren neuen Wege im Bestattungsgewerbe auch in Kontakt mit der Mafia und einer männermordenden Domina, und plötzlich gibt es mehr Tote, als ein rechtschaffener niederrheinischer Bestatter verkraften kann. Dem Liebhaber des schwarzen Humors und der skurrilen Pointe bietet Der Kenner stirbt im Frühling ein abgründig-lustvolles Lesevergnügen.
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Seitenzahl: 234
Veröffentlichungsjahr: 2011
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1955 in Gummersbach geboren, starke frühkindliche Prägung durch den Dauerregen in seiner oberbergischen Heimat, lebt seit 1982 in Krefeld, schreibt seit 1990 Kurzgeschichten, die sich mit dem absurden Humor des Alltags beschäftigen. Mit seinen makaberen Kabarettprogrammen tritt er im gesamten deutschsprachigen Raum auf – neben Gastspielen auf Kleinkunstbühnen auch viele Auftritte bei Bestattern, Friedhofsgärtnern und Hospizvereinen.
·1997 erstes Kabarettprogramm: Bunter Abend
·1999 zweites Programm: Ruhe sanft!, Nominierung für den Münchener Kabarettpreis ‚Paulaner-Solo’, den Wiener Kabarettpreis und den Grazer Kleinkunstpreis
·2001 Buch Schöner Sterben – finale Satiren, Kabarettnummern und neue Kurzgeschichten
·2002 drittes Kabarettprogramm: Schöner Sterben – Kabarett zum Totlachen
·2006 viertes Programm: Nur über Deine Leiche – Lebensberatung für Scheintote
Aktuelle Kabarettinfos:http://www.stephan-franke.de Letzte Sinnanfragen und Buchbestellungen:[email protected]
Der Kenner stirbt im Frühling ist auch als gedrucktes Taschenbuch (ISBN 978-3-940190-24-6) und als Hörbuch erschienen – das Hörbuch ist ausschließlich über den Autor zu bestellen. Außerdem erhältlich über den Buchhandel oder den Autor: Schöner Sterben – finale Satiren
Imprint
Der Kenner stirbt im Frühling – Eine fantastische Bestattersatire Stephan Franke published by: epubli GmbH, Berlin, www.epubli.de Copyright: © 2011 Stephan Franke
Missgelaunt wie an jedem Morgen ging Günther Schmidter vor dem Frühstück zum Briefkasten, um die Tageszeitung zu holen. Während sich andere Zeitungsabonnenten mithilfe der Zeitung ihr Frühstück versüßen, war diese für Günther Schmidter jedoch stets ein Quell des Missbehagens. Natürlich konnte auch er sich wie jeder durchschnittliche Zeitungsleser an Katastrophenberichten jedweder Art erfreuen, besonders wenn sie sich an seinem niederrheinischen Heimatort oder in der näheren Umgebung zugetragen hatten. Natürlich schmeckte der Frühstückskaffee nach dem Genuss einer solchen Meldung über eine Brandstiftung, ein handgreiflich ausgetragenes Ehedrama oder einen spektakulären Verkehrsunfall und der damit einhergehenden persönlichen Entrüstung noch etwas besser. Jedoch hatte Günther Schmidter wie alle Angehörigen der Generation 50-plus die Angewohnheit, stets zuerst die Traueranzeigen zu lesen. Und während bei anderen Zeitungslesern Traueranzeigen die gleiche beruhigende Wirkung haben wie Berichte über Katastrophen, die einem selbst Gott sei Dank nicht zugestoßen sind, lösten Traueranzeigen bei Günther Schmidter seit gut zwei Jahren stets Unbehagen aus. Jeder normale Mensch jenseits der 50 freut sich zu lesen, dass es mal wieder jemand anderen plötzlich und unerwartet erwischt hat, während man selbst noch putzmunter und mit gutem Appetit ins reichlich belegte Frühstücksbrötchen beißt. Dieser Lustgewinn stellte sich jedoch bei Günther Schmidter nicht mehr ein. Günther Schmidter war nämlich Bestatter. Nun sollte man eigentlich denken, dass gerade bei einem Bestatter eine Todesanzeige einen noch weit intensiveren Zustand der Verzückung als bei einem Normalsterblichen auslöst, denn Todesanzeigen sind für ihn doch immer auch Umsatzanzeigen. Bei Günther Schmidter lag der Fall jedoch anders. Vor ca. zwei Jahren hatte sich nämlich in unmittelbarer Nachbarschaft zu seinem Bestattungsinstitut, das den etwas angestaubten Namen Trauerhilfe Abendfrieden trug, ein Sargdiscounter angesiedelt. Dieser firmierte unter dem etwas reißerischen Firmennamen McGrave, betrieb ein ruinöses Preisdumping und trieb die Trauerhilfe Abendfrieden langsam aber sicher in den Insolvenztod. Anfangs hatte sich Günther Schmidter über den neuen Konkurrenten lustig gemacht. „In spätestens drei Monaten sind die wieder weg“, hatte er seiner Frau Helga prophezeit. Auch Siggi Senkelbach, Günther Schmidters einziger fest angestellter Mitarbeiter, sah die neue Konkurrenz sehr gelassen. „Wird schon“, war sein knapper Kommentar zu dieser Angelegenheit. Anzumerken ist hier, dass Siggi Senkelbach eigentlich immer größte Gelassenheit verbreitete und jedem Schicksalsschlag mit „wird schon“ seine Schärfe zu nehmen versuchte. Insofern war Siggi Senkelbach die ideale Bestatterpersönlichkeit, bei der Mehrzahl der Kunden der Trauerhilfe Abendfrieden kam diese Wird-Schon-Mentalität gut an. Ein weiteres Charaktermerkmal von Siggi Senkelbach bestand darin, schwierige Situationen möglichst wenig komplex zu beurteilen. Ob es sich um zwischenmenschlichen Zwist zwischen Günther Schmidter und seiner Frau Helga, berufliche Pannen oder die Angst von Hinterbliebenen vor Erbauseinandersetzungen mit der raffgierigen Verwandtschaft handelte – Siggi Senkelbach fasste seine Einschätzung der Lage stets in dem entkrampfenden Satz zusammen: „Entweder et läuft oder et läuft eben nisch“. Da Günther Schmidter ein eher grüblerischer Charakter zu eigen war, brachte ihn diese Sichtweise nicht selten zur Raserei.
Zunächst sah es so aus, dass Günther Schmidter und Siggi Senkelbach mit ihrer Einschätzung zur neuen Konkurrenz recht behalten sollten. Der Sargdiscount kam anfangs nicht richtig in Schwung. Viele Passanten, die der englischen Sprache nicht ganz mächtig waren, hielten McGrave für ein Schnellrestaurant mit einer etwas eigenwilligen Schaufensterdekoration (sollten die ausgestellten Särge und Urnen vor den gesundheitlichen Risiken von Fast Food warnen?) oder assoziierten mit McGrave ein Fitnessstudio für sehr betagte Mitbürger. Doch aller Anfangsschwierigkeiten zum Trotz florierte der Sargdiscount schon bald ganz ungemein. Pietät hin oder her, an dem Preisknaller McGrave-all-inclusive- Abschiedsspecial konnte kaum ein Hinterbliebener vorbei kommen. Angeboten wurde hier als Komplettpaket ein Sperrholzsarg in Mahagonioptik plus Leihdecke und -kissen, dazu eine visagistische Verjüngung des Verstorbenen um garantiert mindestens 20 Jahre, ein multireligiös ausgebildeter Trauerredner sowie wahlweise fünf verschiedene Musikstücke zur stimmungsvollen Untermalung der Trauerfeier, das alles für schlappe 399 Euro - einfach unschlagbar! Auf viele trauernde Angehörige wirkte diese enorme Preisersparnis wie Balsam auf die wunde Trauerseele. Mit dem guten Bewusstsein, ein tolles Schnäppchen gemacht zu haben, ging die Trauerarbeit eben etwas leichter von der Hand und der Tod erschien in einem milderen Licht. So musste Günther Schmidter bei seinem täglichen Studium der Traueranzeigen feststellen, dass zwar weiterhin erfreulich häufig gestorben wurde, jedoch die finalen Dienstleistungen mehr und mehr von McGrave übernommen wurden. Immer weniger schmerzgeplagte Hinterbliebene betraten sein Institut, um sich von ihm tröstende Unterstützung zu holen und einen Vertrag zu unterschreiben. Und wenn sich trotzdem mal ein Kunde in seinen Geschäftsräumen blicken ließ, so wünschte er meist eine wenig lukrative Urnenbestattung oder entschied sich für den Han-Shin17/9, einen Billigsarg aus China. Am liebsten hätte Günther Schmidter dann solch einem Kunden unter die Nase gerieben, dass Han-Shin auf Deutsch fröhliche Reise hieß. Da er aber nicht wusste, was mit dem Kürzel 17/9 gemeint war (vielleicht eine Straßenbahnlinie zum Pekinger Hauptfriedhof?) ließ er es bleiben und verkaufte zähneknirschend diesen fernöstlichen Schund. Er konnte sich schon gar nicht mehr erinnern, wann er zum letzten Mal das Sargmodell Heimkehr, einen wirklich repräsentativen Eichemassivsarg mit üppigen Bronzebeschlägen und hochwertiger Innenausstattung aus hautfreundlichen und antiallergischer Naturmaterialien, verkauft hatte. „Damit können Sie sich überall sehen lassen“, war Günther Schmidters Standardspruch, wenn er einen Kunden von den Vorzügen dieses Luxusmodells überzeugen wollte. Doch seit McGrave die Trauernden schamlos mit Supersonderangeboten drangsalierte, sich ihre mentale Ausnahmesituation zunutze machte, um sie skrupellosem Rabattterror auszusetzen, machte sich auch bei Günther Schmidters schwindender Kundschaft die Geiz-ist-geil-Mentaliät breit und der Heimkehr gammelte friedlich im Sarglager vor sich hin.
Zurückgekehrt vom Briefkasten setzte sich Günther Schmidter an den Frühstückstisch. Wie immer hatte ihm seine Frau Helga schon eine Tasse Kaffee eingeschenkt, die er wie immer zunächst unbeachtet stehen ließ, um sich erst der Lektüre der Traueranzeigen zu widmen. „Nun leg doch erstmal die Zeitung weg und lass uns in Ruhe frühstücken“, nörgelte Helga wie an jedem Morgen. Und wie an jedem Morgen schüttelte Günther Schmidter nur kurz den Kopf und erwiderte mürrisch: „Erst die Anzeigen.“ Dann las er laut vor, wer alles gestorben war, wobei er die Verblichenen in zwei Kategorien einteilte: diejenigen, die zum Kundenkreis der Trauerhilfe Abendfrieden zählten und den Rest. Leider war die Leichenpopulation, die dem Rest zugerechnet werden musste, heute wie an jedem Morgen um das Mehrfache größer als die Schmidtersche Klientel. Günther Schmidters Laune erhielt einen zusätzlichen Dämpfer, als er las, dass Bäckermeister Piesenkötter, zu dessen treuen Stammkunden die Schmidters zählten, offenbar von der Konkurrenz zu Grabe getragen wurde. „Na dem werd ich was erzählen. Da kaufen wir jahrzehntelang seine zähen Brötchen und klebrigen Plunderteilchen und wenn er sich mal mit einem Gegengeschäft erkenntlich zeigen könnte, lässt er sich kackfrech von der Konkurrenz verscharren. Aber nicht mit mir! Ab heute wird bei dem nichts mehr gekauft – und das werd ich ihm bei nächster Gelegenheit auch mal mit ein paar ganz klaren Worten stecken!“ „Bei dem Piesenkötter können wir eh nichts mehr kaufen, weil er ja anscheinend tot ist“, erwiderte Helga Schmidter genervt. Wie immer in solchen Situationen geriet Günther Schmidter derart in Rage, dass ihm seine Frau nur mit Mühe klar machen konnte, dass es zur Eigenart des Versterbens gehört, dass der Verstorbene Standpauken, Drohungen und Beschimpfungen gegenüber kein offenes Ohr mehr hat, auch rationalen Argumenten nicht mehr zugänglich ist und verbalen Attacken in der Regel mit stoischer Gelassenheit begegnet. Wütend über den mangelnden unternehmerischen Kampfgeist seiner Frau blätterte der Bestatter die Zeitung weiter durch. Auf der Seite mit den Geschäftsanzeigen erregte ein Inserat einer Unternehmensberatung seine Aufmerksamkeit. Angeboten wurde hier ein Seminar für kleinere Firmen aus Dienstleistung und Handel. Die teilnehmenden Kleinunternehmer sollten dort lernen, wie ihre vor sich hindümpelnden Unternehmen durch unkonventionelle Maßnahmen wieder zu voller Blüte gedeihen konnten und ihre Besitzer reich und glücklich machten.
Obwohl sich Helga Schmidter und Siggi Senkelbach wenig von der Teilnahme an dem Seminar für Kleinunternehmen versprachen, bestand Günther Schmidter darauf, dass sie alle drei dort mitmachten, um so der Trauerhilfe Abendfrieden einen entscheidenden Innovationsschub zu verpassen. Außer den Schmidters und Siggi Senkelbach waren in dieser Veranstaltung keine weiteren Vertreter des Bestattungsgewerbes. Anscheinend war die Trauerhilfe Abendfrieden das einzige Bestattungsinstitut in der näheren Umgebung, das seinen Besitzer nicht reich und glücklich machte. Die übrigen Seminarteilnehmer waren meist Friseure, Kneipiers, Boutiquenbesitzer und Einzelhändler aus der Geschenkartikelbranche. Der Seminarleiter, Herr Lampe, ein dynamisch auftretender junger Mann, hielt zu Beginn einen außerordentlich schwungvollen Vortrag über positives Denken. Sehr plastisch berichtete er davon, wie er in seinem Leben jede Niederlage als Chance begriffen habe und daraus immer wieder gestärkt hervorgegangen sei. Seine raumgreifende Gestik, seine euphorische Intonation und sein nie enden wollendes Dauerlächeln erinnerten Günther Schmidter an eine Bestattung vor ca. vier Jahren, genauer gesagt an die damalige Trauerrede. Auf Wunsch der Angehörigen wurde diese von einem evangelikalen Prediger, der gerade seine Ausbildung in den USA absolviert hatte, gehalten. Die Predigt dieses Geistlichen glich einer öffentlichen Verkaufsveranstaltung in einer Fußgängerzone, wo in marktschreierischer Weise ein für jeden Haushalt absolut unverzichtbares praktisches Haushaltsgerät angepriesen wurde, dessen Kauf die garantierte Erlangung ewiger Glückseligkeit versprach. Zusammengefasst lautete die Botschaft des Predigers, dass der Verstorbene seinen Tod doch auf jeden Fall als die Chance seines Lebens betrachten solle. Ob das der Leichnam genauso sah, blieb unklar. Sollte etwa der Tod seines Bestattungsinstituts für Günther Schmidter zu der Chance seines Lebens werden? Günther Schmidter war verwirrt. Der neben ihm sitzende Siggi Senkelbach schien Herrn Lampe dagegen offenbar gut zu verstehen, jedenfalls deutete sein zustimmender Gesichtsausdruck darauf hin. Wahrscheinlich erahnte Siggi Senkelbach eine tiefe Seelenverwandtschaft mit Herrn Lampe – hatten beide doch im Grunde die gleiche Botschaft für die geplagte Menschheit: Wird schon. Nur, dass Herr Lampe diesen knappen Hinweis zu einem gut einstündigen Vortrag ausgewalzt hatte. Angesichts dieses Ausbunds an guter Laune, Selbstvertrauen und Optimismus wurde Günther Schmidter richtig neidisch. Herr Lampe musste schon verdammt viele Niederlagen in Chancen verwandelt haben, so wie er hier auftrat. Vielleicht beflügelten ihn aber auch nur die saftigen Kursgebühren, die er vor Beginn seines Vortrags in bar eingesammelt hatte. Schmerzlich wurde Günther Schmidter bewusst, dass im Bestattungsgewerbe Vorkasse leider verpönt ist.
Nachdem der Vortrag beendet war, verteilte Herr Lampe Papier und Zeichenstifte und bat alle Kursteilnehmer, ihre geschäftlichen Träume ganz spontan und fantasievoll zu malen. „Entwickeln Sie Visionen, werden Sie zum Visionär“, war Herrn Lampes wenig konkreter Rat, als er sah, dass die meisten Teilnehmer zwar verträumt mit visionärem Blick zur Zimmerdecke schauten, dabei aber noch kreativ unentschlossen auf ihrem Buntstift kauten. Von Berufswegen zur Kreativität verdammt, fingen schon bald die Vertreter der Bastelbedarfsbranche als Erste an, entschlossen den Zeichenstift zu schwingen. Ihre zu Papier gebrachten Visionen erinnerten irgendwie an getöpferte Namenschilder für Eingangstüren. Neben viel putzigem ornamentalem Beiwerk brachten sie den Traum der Bastelbedarfseinzelhändler zum Ausdruck: heile Welt und genug Geld. Das Geldmotiv tauchte auch in den künstlerischen Machwerken fast aller anderen Kursteilnehmer auf, erfuhr jedoch bei den Friseuren und Boutiquenbesitzern eine leichte Steigerung ins Utopische: große Welt und sehr viel Geld. Die Kneipiers wiederum variierten das vorherrschende Leitmotiv mehr in Richtung Bodenständigkeit: genug Bier und keine Schulden. Herr Lampe ging durch die Reihen der frischgebackenen Visionäre, schaute sich die ästhetisch eher dürftigen aber mit viel persönlicher Hoffnung durchtränkten Kunstwerke an und nickte zufrieden. Offenbar hatte sein Einstiegsvortrag seine Wirkung nicht verfehlt, es gab keine Kreativitätsverweigerer und niemand stellte den Sinn dieser Malaktion in Frage. Die Geschäfte der Seminarteilnehmer schienen derart schlecht zu laufen, dass jeder bereit war, nach dem letzten rettenden Strohhalm respektive Zeichenstift zu greifen. Als Herr Lampe jedoch Günther Schmidters gemaltem Traum ansichtig wurde, zuckte er leicht zusammen und für einen winzigen Moment unterbrach er sein Dauerlächeln. Hatte dieser Teilnehmer denn überhaupt nichts von seinem Eröffnungsvortrag in sich aufgenommen? Günther Schmidters Zeichnung schien geradezu eine freche Negierung der Lampeschen Optimismusbotschaft! Das Zeichenpapier war randvoll mit schwarzen Kreuzen gefüllt. Günther Schmidter bemerkte Herrn Lampes kurze PositivDenk-Blockade, lächelte etwas verlegen und erläuterte: „Naja das ist halt so ein Wunschdenken von mir. Mit der Hälfte wäre ich eigentlich auch schon zufrieden.“Offenbar braucht dieser Mann eher psychiatrische als unternehmerische Unterstützung, ging es Herrn Lampe durch den Kopf. Momentan war ihm nicht präsent, dass es sich bei Günther Schmidter um ein Mitglied der Bestatterzunft handelte. Irrigerweise ging er davon aus, dass Günther Schmidter Gastwirt sei. „Sie haben offenbar ein ambivalentes Verhältnis zu ihren Gästen. Ich finde das ganz toll, dass Sie das hier so offen ausdrücken können“, mutmaßte Herr Lampe vorsichtig. Die Bezeichnung Gäste bzw. Gast gefiel Günther Schmidter. Hatte was viel Verbindlicheres als der Tote oder der Leichnam oder der Verstorbene. Er nahm sich vor, seinen Sprachgebrauch dahin gehend zu optimieren. Herr Lampe schien einen guten Job zu machen! Nur mit dem Ausdruck ambivalent konnte Günther Schmidter nichts anfangen, wollte sich das aber nicht anmerken lassen. „Richtig, ich sag immer zu meinem Mitarbeiter“, Günther Schmidter deutete auf Siggi Senkelbach, „Hauptsache wir haben zu unseren Gästen ein ambivalentes Verhältnis.“ Siggi Senkelbach fühlte sich angesprochen, hatte jedoch nicht ansatzweise eine Ahnung, worüber sich sein Chef und Herr Lampe unterhielten. Deshalb gab er mit seinem bewährten unverbindlichen Lächeln seinen Standardspruch, „entweder et läuft oder et läuft nisch“ zum besten. Herr Lampe war ratlos. Ratlosigkeit war jedoch in seinem professionellen Verhaltensrepertoire nicht vorgesehen. Diesen Geisteszustand gestand er sich nur in Auseinandersetzungen mit seiner Lebensgefährtin Gabi zu, wenn diese ihn in ein Gespräch über ihre Visionen in Richtung Familiengründung verwickelte. Ratlosigkeit als Chance schoss es Herrn Lampe durch den Kopf. Mit diesem Gedanken konnte er aber spontan auch nicht viel anfangen – jedenfalls musste er sich diese Metapher für das nächste visionäre Gespräch mit Gabi merken, könnte Gabi evtl. von ihrem Familiengründungsgetue abbringen. Jetzt sagte Herr Lampe erstmal das, was jeder gut ausgebildete Berater sagt, wenn er überfordert ist: „Ich lass das jetzt einfach mal so im Raum stehen.“ Günther Schmidter und Siggi Senkelbach schauten sich im Seminarraum um, konnten aber nicht auf Anhieb erkennen, was der Seminarleiter wo stehen lassen wollte. Und so ließen auch sie erstmal alles dort stehen, wo es stand.
Herr Lampe stellte sich nun im Seminarraum auf ein kleines Podest vor die Teilnehmer und erklärte die nächste Aufgabenstellung: „Ich möchte Sie nun bitten, ein Rollenspiel vorzubereiten. Überlegen Sie sich bitte, wie Sie einen neuen Kunden oder Gast, der ihr Geschäft zum ersten Mal betritt, mit unkonventionellen Argumenten oder ungewöhnlichen Dienstleistungsangeboten überzeugen können.“ An den zweifelnden Blicken der Teilnehmer erkannte Herr Lampe, dass er die ihm anvertrauten Kleingewerbetreibenden nun offenbar an ihre kreative Grenze geführt hatte. Das war gut so, Grenzerfahrungen stärkten nach Herrn Lampes Meinung die visionären Potenziale. Außerdem gab ihm diese Situation wieder einmal die Möglichkeit unterstützend einzugreifen und seine kreativen Ressourcen unter Beweis zu stellen – die Teilnehmer sollten hier schließlich mit dem guten Gefühl sitzen, dass ihr Coach jeden Euro der stattlichen Kursgebühren wert war. „Ich will Ihnen helfen und möchte Ihnen ein Beispiel geben“, Herr Lampe wandte sich an Frau Pehlworm, die Inhaberin eines Geschäfts für Bastelbedarf. „Sie z. B. könnten einen Kunden durch eine ungewöhnliche neue Geschenkverpackung überzeugen. Fällt Ihnen da was ein?“ „Die meisten meiner Kunden kaufen bei mir kein Geschenk, sondern nur für sich selbst“, erwiderte Frau Pehlworm verunsichert. Der Seminarleiter wurde leicht ungehalten. Diese übergewichtige Basteltante sollte ihm jetzt bloß nicht seinen Auftritt vermasseln. „Nun seien Sie doch mal nicht so blockiert. Kommen Sie jetzt mal zu mir hoch und überzeugen Sie mich als Kunden durch eine originelle Verpackungsidee.“ Widerwillig und begleitet von einem leichten Schweißausbruch betrat Frau Pehlworm das Podest. Herr Lampe legte sofort rollenspielend los: „Guten Tag, ich suche ein Geschenk für eine Bekannte, etwas Originelles.“ „Ja da könnte ich Ihnen z. B. ein Set Malen nach Zahlen empfehlen. Vielleicht das Einsteigerset Rembrandt oder das Set Picasso für Fortgeschrittene. Zum Picasso gibt’s noch einen Schwanz“, Frau Pehlworm verhaspelte sich, ihre Schweißflecken wuchsen, „ich meine natürlich einen Pinsel mit Schwanz, also einen Pinsel mit Haaren vom Marderschwanz dazu. Gratis.“ „Nein, nein so geht das nicht“, unterbrach Herr Lampe. „Sie müssen den Kunden erstmal durch eine innovative Dienstleistung verblüffen, danach können Sie ihm dann alles verkaufen. Also bitte zuerst die neuartige Verpackung!“ Angeregt durch die holprige Rollenspielvorführung dachte auch Günther Schmidter über eine neue Verpackungsidee nach. Gar nicht so einfach, Särge und Urnen gab es schon in allen möglichen Variationen, da noch etwas Neues zu finden war schwierig. Vielleicht ein stabiles Geschenkpapier? Evtl. je nach Jahreszeit mit unterschiedlichen Dekors: Sommerblumen, Osterhasen, Christbaumkugeln oder auch stimmungsvolle Winterlandschaften. So verpackt müsste sich der Leichnam doch ganz ansprechend aufbahren lassen – oder wie Helga Schmidter immer sagte: „Das Auge trauert mit.“ Wenn der Verstorbene vorher noch mit ein wenig Make-up aufgefrischt würde, käme auch eine Klarsichtfolie in Frage. Die Enden könnte man wie bei einem Blumenstrauß sehr ansprechend mit einer bunten Schleife zusammenbinden. Könnte als Posten Leichenpräsentverpackung im Katalog der Trauerhilfe Abendfrieden aufgeführt werden. Am liebsten würde er Herrn Lampe sofort seine bahnbrechende Verpackungsidee vorstellen, doch nun galt es zunächst, Frau Pehlworms Kreativschub zu lauschen. Auf dem Podest startete eine sichtlich verunsicherte Bastelbedarfsexpertin ihren zweiten Rollenspielversuch: „Ach ja, ein Geschenk für Ihre Bekannte, da haben wir so einiges.“ Der Seminarleiter schaute sie scharf an. „Da kann ich Ihnen gleich mal was zeigen und natürlich kann ich Ihnen das dann auch schön verpacken.“ „Ja, eine originelle Verpackung wäre natürlich toll“, Herr Lampe versuchte Frau Pehlworm zu unterstützen. Mittlerweile war sie jedoch derart blockiert, dass sie ihren Coach nur noch mit großen Augen anstarrte und an Hals und Dekolleté tiefrote Flecken produzierte, die auf Geschenkpapier ein aufregendes Muster abgegeben hätten, so aber nur peinlich wirkten. „Ja wir haben da so einige Verpackungen“, startete Frau Pehlworm einen neuen Anlauf, ihre Bluse wies im Achselbereich handtellergroße Schweißflecken auf, die sich dramatisch ausweiteten. „Was würden Sie mir denn da besonders empfehlen?“ Herr Lampe wurde wieder strenger. „Eine handgetöpferte Geschenktüte.“ In ihrer Verzweiflung fiel Frau Pehlworm nichts Besseres ein. Herr Lampe schaute sie ungläubig an, war letzten Endes aber froh, dass die Basteltante überhaupt irgendeine Idee zustande gebracht hatte und spulte ohne zu zögern wieder seine Positiv-Denken-Masche ab: „Ja Frau Pehlworm, ich denke das war doch schon mal ein super Anfang für ein gewinnbringendes Verkaufsgespräch. Ich muss sagen, Sie hatten das ganz toll drauf, mich als Kunden voll zu begeistern. Am liebsten hätte ich Ihnen Ihren Laden ratzeputz leer gekauft. Ich bitte um einen Applaus für Frau Pehlworm.“ Günther Schmidter konnte den Enthusiasmus des Seminarleiters nicht ganz nachvollziehen. Eine handgetöpferte Geschenktüte schien ihm als Verpackungsmaterial reichlich unpraktisch. Seine Vorbehalte gegenüber keramischen Verpackungen hatten einen ernsten Hintergrund: mindestens einmal pro Monat zerdepperte der reichlich ungeschickte Siggi Senkelbach eine Urne. Einmal sogar samt der ascheförmigen Überreste von Notar Rehbein. Trotz seiner Zweifel beteiligte er sich am allgemeinen Applaus für die erschöpfte Rollenspielerin. Deren nun komplett schweißdurchtränkte Bluse ging in einen transparenten Zustand über und konnte ihre üppigen Brüste deshalb nur noch unvollständig verbergen. Dieser Teil der Vorstellung gefiel Siggi Senkelbach. „Isch würd sagen, da täte ein handjetöpferter BH jetzt jute Dienste“, raunte er lachend in Günther Schmidters Richtung. „So, jetzt haben Sie alle mit eigenen Augen gesehen, wie einfach es ist, einen Kunden durch ein unkonventionelles Verkaufsargument oder ein ungewöhnliches Dienstleistungsangebot in seinen Bann zu ziehen“, Herr Lampe lief erneut zu Hochform auf. Siggi Senkelbach war immer noch von der transparenten Bluse gefangen und bezog deshalb Lampes Ausführungen auf Frau Pehlworms Blusennummer. Obwohl er eigentlich keinen Bezug zu kunsthandwerklichem Schaffen hatte, beschloss er, in den nächsten Tagen mal im Pehlwormschen Bastelgeschäft vorbeizuschauen und sich dort intensiv beraten zu lassen. Unsanft wurde Siggi Senkelbach aus seinen Träumen gerissen, der Seminarleiter klatschte aufmunternd in die Hände und motivierte zur Weiterarbeit: „Ich bin mir sicher, so wie Frau Pehlworm können Sie das alle. Entwickeln Sie jetzt also Ideen, in einer halben Stunde machen wir dann weiter mit den Rollenspielen.“ Günther Schmidter zog sich mit seiner Frau und Siggi Senkelbach an einen kleinen Ecktisch zurück, um zu beratschlagen, wie man das drohende Rollenspiel halbwegs passabel über die Bühne bringen könnte. Es ist eben schon verdammt schwer, sich originelle Verkaufsargumente oder innovative Dienstleistungen auszudenken, wenn man im Bestattungsgewerbe tätig ist. Die Idee mit dem Geschenkpapier fand Günther Schmidter zwar immer noch gut, aber irgendwie noch nicht ausgereift genug. Nach quälend langen Minuten des Nachdenkens entwickelte sich bei Helga Schmidter aus der Erinnerung an eine Typberatung ganz allmählich eine brauchbare Idee: wie viele Bestattergattinnen hatte sie stets das Bedürfnis, dem eher tristen Image, das ihrem Berufsstand anhaftete, einen Gegenpol durch besonders farbenfrohe Kleidung entgegen zu setzen. Um sich konfektionsmäßig noch vorteilhafter zu präsentieren, hatte sie unlängst eine Typberaterin aufgesucht. Nach eingehender Prüfung klassifizierte diese sie als Herbst- bis Wintertyp. Helga Schmidter war entsetzt. Da gab sie eine schöne Stange Geld aus, nur um sich von dieser dummen Kuh solche trüben Jahreszeiten andrehen zu lassen! Doch die Bestatterin war resolute Geschäftsfrau genug, um hier noch nachzuverhandeln und ein besseres Ergebnis rauszuschinden. Nach einigen sehr klaren Worten von Frau Schmidter räumte die Typberaterin ein, dass man bei ihr durchaus noch einen Frühlingstyp durchgehen lassen könnte. In Erinnerung an diese ebenso professionelle wie im Ergebnis erfreuliche Typberatung schlug Helga Schmidter nun vor: „Ich denke, eine Typberatung wäre was Originelles.“ Günther Schmidter und Siggi Senkelbach schauten sie verständnislos an. „Also ich stelle mir das so vor“, fuhr sie fort, „wir bieten für den Verstorbenen eine letzte jahreszeitliche Typberatung an und können dann dazu ein individuelles Sargmodell samt passender Decke, Kissen und Leichenhemd verkaufen.“ Günther Schmidter und Siggi Senkelbach schienen dieser Idee gegenüber immer noch etwas ratlos. Das hatte weniger mit dem Umstand zu tun, dass sie Bestatter waren, als vielmehr mit dem, dass sie Männer waren. Für einen Mann ist eine Typberatung etwas vollkommen Sinnloses – er weiß von sich selbst ohnehin, dass er ein sympathischer Typ ist und welchen Typ Frau er attraktiv findet, braucht ihm auch niemand zu sagen. Ein Mann findet eine Frau entweder sexuell anziehend oder nicht, mit diesem Jahreszeitentypgetue kann er nichts anfangen. Sollte man denn, nur weil man ein begeisterter Skifahrer ist, ein knackiges Sommertypmäuschen links liegen lassen? Oder durfte ein eingefleischter Mallorca-Fan ein winterliches Skihaserl, das sich in den Ballermann verirrt hatte, keines anzüglichen Blickes würdigen? Helga Schmidter redete weiter auf die Beiden ein, um sie von den Vorteilen ihrer innovativen Geschäftsidee zu begeistern. Allmählich konnte sich Günther Schmidter doch für den Vorschlag seiner Frau begeistern. Mochte dieser Jahreszeitentypenhokuspokus nach seiner Meinung auch der reine Humbug sein, überzeugten ihn aber letzten Endes doch die finanziellen Perspektiven, die sich hier auftaten. Es verstand sich von selbst, dass sich ein Frühlings-, Sommer- oder Herbstsarg als Sondermodell im hochpreisigen Premiumsegment vermarkten ließen – ganz zu schweigen von einem Wintertypmodell, das schon allein wegen einer extra dicken Polsterung einen saftigen Preisaufschlag rechtfertigte. Seine Berufserfahrung sagte Günther Schmidter, dass sich die meisten seiner Gäste wegen ihrer bleichen Erscheinung zweifelsfrei dem Wintertyp zuordnen ließen. Günther Schmidter träumte von rasant steigenden Umsatzzahlen.
Abrupt wurden seine Umsatzfantasien beendet, als Herr Lampe das Podest betrat, in die Hände klatschte und mit der ihm eigenen Dynamik nach einem Freiwilligen für die nächste Rollenspielvorführung suchte. „Ich bin überzeugt, dass Sie alle ganz tolle Ideen entwickelt haben. Wer möchte denn jetzt als Erster mal seine Vision in einem Rollenspiel demonstrieren?“ In den Reihen der Seminarteilnehmer trat augenblicklich eine große Stille ein. Die meisten schauten angespannt auf ihre Schuhe oder an die Zimmerdecke. Unbefangene Zuschauer hätten das Ganze für eine Meditationsübung halten können. Alle mieden den Blickkontakt mit Herrn Lampe. Solche Momente betretenen Schweigens waren Günther Schmidter von Berufswegen wohl vertraut, intuitiv pflegte er dann ein unverbindlich dezentes, pietätsvolles Lächeln aufzusetzen. Auch jetzt löste die Situation dieses Lächeln bei ihm reflexhaft aus. Das war ein Fehler. Mit geschultem Blick wurde Herr Lampe dieser leichten Unvorsichtigkeit sofort gewahr, interpretierte die aufgelockerte Mimik des Bestatters dreist als Zustimmung und bat ihn auf das Podest. Günther Schmidter blieb zunächst demonstrativ sitzen, aber Siggi Senkelbach dieser Idiot begann spontan zu klatschen, worauf sich sofort alle Kleinunternehmer erleichtert dem Applaus anschlossen. Ihm blieb nichts übrig, als zur Bühne zu gehen und Herrn Lampe als Rollenspieldepp zur Verfügung zu stehen. Pikanterweise ging Herr Lampe immer noch von der irrigen Annahme aus, dass Günther Schmidter dem Berufsstand der Gastwirte angehörte. „Gut Herr Schmidter, dann lassen Sie uns direkt mal loslegen. Also ich komme jetzt als Gast bei Ihnen rein und Sie überzeugen mich mit einer ganz neuen Dienstleistung oder einem verblüffenden Verkaufsargument.“ Bevor Herr Lampe sein Rollenspiel starten konnte, unterbrach ihn Günther Schmidter: „Moment, eigentlich kommen unsere Gäste nicht selbst zu uns, sondern wir holen sie ab.“ Einen solch innovativen Service hätte Herr Lampe dem vermeintlichen Kneipier Schmidter nicht zugetraut. „Alle Achtung, da sind sie mit ihrem Betrieb ja schon auf dem richtigen Weg. Aber nehmen wir für unsere kleine Simulation einfach mal an, ich wäre ein Gast, der selbst zu Ihnen kommt.“ Günther Schmidter fand dieses Rollenspielarrangement zwar reichlich unrealistisch, da er sein Bühnendebüt aber so schnell wie möglich hinter sich bringen wollte, beschloss er, den Regieanweisungen des Seminarleiters einfach ohne Wenn und Aber zu folgen. „Guten Tag, ich habe einen Riesendurst auf ein Bier, was können Sie mir denn Gutes anbieten“, startete Herr Lampe.Entweder das ist so ne blöde Masche, um mich aus der Reserve zu locken oder der Kerl hat ne Schraube locker, schoss es Günther Schmidter durch den Kopf, egal, auf keinen Fall provozieren lassen, wollen doch mal sehen, wer hier der Verkaufsprofi ist! „Getränke gibt’s nur für die Hinterbliebenen, Ihnen könnte ich aber eine Typberatung anbieten.“ Herrn Lampe beschlich das dumme Gefühl, dass ihn dieser Schmidter erneut ratlos machen wollte. Wieso weigerte sich dieser durchgeknallte Gastwirt, seinen Gästen alkoholische Getränke zu verkaufen, faselte stattdessen von Hinterbliebenen? Sollte Schmidters Kneipe am Ende daran kranken, dass bei ihm nur Alkoholiker im Endstadium verkehrten, zu schwach um selbst auf eigenen Füßen zu ihm zu kommen und mit derart perforierten Magenwänden, dass jeder Tropfen Alkohol den sofortigen Exitus bedeuten würde? Herr Lampe verbot sich augenblicklich, weiter über Schmidters heruntergekommene Säuferspelunke nachzudenken, immerhin bot die Idee mit der Typberatung einen interessanten Ansatz. Andererseits konnte er sich eigentlich nicht vorstellen, dass diesem Geschäftsmodell, schwerst Alkoholkranken kurz vor ihrem Ableben noch eine Typberatung zu verkaufen, ein nennenswerter Erfolg beschieden sein könnte. „Aha, eine Typberatung können Sie mir anbieten, sehr interessant. Und was …, also was könnte ich mit dieser Typberatung dann sozusagen anfangen?“ „Wir könnten dann für Sie das passende Sargmodell plus Wäsche und Leichenhemd aussuchen.“
