Der Koloss aus dem Orbit - Jacqueline Montemurri - E-Book + Hörbuch

Der Koloss aus dem Orbit E-Book und Hörbuch

Jacqueline Montemurri

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Beschreibung

Seit Jahren umkreist ein unbekannter Koloss die Erde, bis schließlich ein Team zusammengestellt wird, das die Technologie dieses vermeintlichen Raumschiffs bergen soll. Doch niemand reißt sich um diese Aufgabe, so findet sich eine Crew, die nicht wirklich etwas Besseres zu tun hat. Zu ihr gehören die drogensüchtige Journalistin Dysti und der ausgemusterte Cyborg Xell. Als der Trupp dem Geheimnis des Kolosses auf die Spur kommt, können sich Dysti und Xell nur durch eine Flucht in die Zukunft retten. In eine Zukunft, die einem Paradies gleicht. Aber die Idylle trügt.

Das E-Book Der Koloss aus dem Orbit wird angeboten von Plan9 und wurde mit folgenden Begriffen kategorisiert:
Zeitreise,Raumschiff,Raumschiff-Crew,Cyborg,Cyberpunk,Dystopie,Antiheld,Mystery,Time Travel,Zeitreisen Science Fiction

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Zeit:10 Std. 17 min

Sprecher:Stephanie Preis

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Für die zwei Exodusse Olaf und René, ohne die diese Story nie das Licht der Bücherwelt erblickt hätte.
Jacqueline Montemurri
Der Koloss aus dem Orbit
Science-Fiction

Inhaltsverzeichnis

Koloss aus dem Orbit

Koloss im Orbit

1.

2.

3.

Koloss aus dem Orbit

4.

5.

6.

Koloss in der Wüste

7.

8.

9.

10.

Koloss aus vergangenen Zeiten

11.

12.

13.

14.

Koloss in den Wolken

15.

16.

17.

Koloss im Meer

18.

Impressum

Cover

Table of contents

Koloss im Orbit

1.

Das Leben ist beschissen.
Als vor fast zehn Jahren dieses Ding auftauchte, war es mit meiner Karriere steil bergauf gegangen. Ich berichtete aus allen Teilen der Welt über den Koloss, wie sie es nannten. Das Ding war einfach aus dem Nichts aus Richtung Sonne aufgetaucht. Zunächst nahm man an, dass ein Teil des halbjährlichen Mülltransportes zur Sonne aus der Bahn geraten und durch ein Swing-by-Manöver auf einen Rückkehrkurs zur Erde katapultiert worden war. Doch die Bahnanalysen ließen den beunruhigenden Schluss zu, dass dieser Koloss bewusst einen Orbit um unseren Planeten eingenommen hatte.
Ich – Dysti Adams – hatte damals eben erst meine bahnbrechende Operation hinter mich gebracht. Eine glänzende Idee. Dadurch war ich geradezu prädestiniert dafür gewesen, die Berichterstattung über den Koloss aus allen Teilen der Welt zu übernehmen. Manch einer behauptete, dass ich mit meiner kühlen, überlegenen Art und Weise der Reportage maßgeblich dazu beigetragen hatte, eine weltweite Massenpanik zu verhindern. Denn natürlich ging man zunächst von der Invasion einer außerirdischen Rasse aus. Aber der Überfluss an Informationen, der von nun an durch mein Gehirn raste und den ich in Sekundenschnelle verarbeiten konnte, versetzte mich in die Lage, den Menschen einen Eindruck von Normalität zu vermitteln. Und so, wie es bei großen Katastrophen in der Welt schon immer der Fall gewesen war, nahm die Menschheit den Koloss im Laufe der Zeit als etwas Natürliches wahr. Das Interesse an ihm flaute ab, ebenso wie das vor Jahrzehnten nach dem Tschernobyl-GAU, dem Fukushima-Desaster, dem Untergang Kaliforniens durch das Superbeben in der San-Andreas-Verwerfung und den regelmäßigen Pandemien durch neue Viren der Fall gewesen war. All dies wurde nach gewisser Zeit von den Menschen einfach als gegeben hingenommen.
Nur hatte das alles nichts mit mir zu tun gehabt. Diesmal allerdings schon. Denn ich habe mich damit selbst ins Aus geschossen und überflüssig gemacht. Die Sender nahmen meine Reportagen aus dem Programm. Niemand zeigte noch größeres Interesse an dem Koloss im Orbit. Natürlich fühlte ich mich gekränkt und gab an den falschen Stellen die falschen verbitterten Kommentare ab. Damit war es mit meiner Karriere schneller vorbei, als ich es mir je vorgestellt hatte. Aus war es mit meiner kühlen, überlegenen Art und Weise der Reportage, verfluchte Wichser.
Das Leben ist eben beschissen.
Das Meer rauschte und wogte sanft an den weißen Sandstrand. Der Blick auf die azurblauen Wellen und den endlosen Horizont erfüllte mich mit Zufriedenheit. Mein makelloser Körper schwang leicht mit der Hängematte zwischen den Palmen hin und her. Meine sonnengebräunte Haut glänzte im Abendlicht über meinen dezent sportlichen Muskeln. Das lange rote Haar floss wie ein exotischer Wasserfall an der Seite herab. Bald würde die Sonne hinter dem Horizont versinken und das Firmament in die Farbenpracht meines Haares tauchen, wie immer. Ich seufzte erfüllt.
Der Himmel über dem Meer begann unversehens zu flimmern. Ein Strudel sog das Meerwasser nach oben. Es war ein gewaltiger blauer Tornado. Der Boden vibrierte. Entsetzt kippte ich aus der Hängematte und landete unsanft im Sand. Auf allen vieren stierte ich fassungslos dem Weltuntergang entgegen.
»Nein!«, schrie ich mit verzerrter Stimme. Mein Arm streckte sich aus, konnte den herannahenden Wirbel nicht stoppen und wurde hineingesaugt wie ein Gummiband. Mein Körper folgte, flog durch die Luft. Dann begann sich die Welt um mich zu drehen, zu wirbeln. Es wurde schwarz.
Mein Hals war trocken. Ich hustete und riss mir die Elektroden von den Schläfen und der Stirn. Wenn der Chip nicht deaktiviert gewesen wäre, hätte ich dieses Scheißkabelgewirr nicht gebraucht. Meine Augen versagten noch den Dienst, doch mein Hörsinn reagierte schon.
»Dysti Adams?«
Ich nahm dunkles Grau wahr und dann allmählich helle Flecken.
»Verdammte Scheiße!«
Ich riss mir die Kontakte von den Handgelenken. Der Sehsinn setzte ein und der Kopfschmerz. Mein hochfahrender Sehnerv registrierte zwei Männer in dunkelblauen, metallisch glänzenden Anzügen. Sie wirkten in dem grauen schmutzigen Raum, den ich meine Wohnung nannte, deplatziert. Eine Leuchtreklame draußen am Fenster tauchte in regelmäßigen Intervallen die fleckigen Wände abwechselnd in violettes und grünes Licht. Auf dem Boden lag Kleidung verstreut. Das Frühstücksgeschirr der vergangenen Tage zierte den Tisch, dazwischen Monitore, eine antiquarische Tastatur, Kabel, Papierstapel. Letztere hätte ich mittlerweile zu Geld machen können, da Papier jeglicher Art als Rarität galt, aber ich brachte es nicht übers Herz, mich von den alten Zeitungen und Büchern zu trennen.
»Sie sind doch die Journalistin Dysti Adams?«
»Scheiße noch mal.« Ich griff nach dem Glas Wasser, das ich neben der Tastatur zurechtgestellt hatte, und schüttete es in meinen Hals. Vom Cybertravelling bekam ich stets Durst.
Journalistin? Ja, das war ich wohl mal. Doch wer waren diese Idioten? »Sind Sie völlig bescheuert? Wie können Sie einfach die Verbindung kappen? Wollen Sie, dass ich einen Schaden davontrage? Und wieso brechen Sie in meine Wohnung ein?«, blaffte ich sie an.
»Wohnung?« Der Sprecher blickte sich angewidert um, und in mir kroch ein Schatten von Unbehagen auf. »Es tut mir leid, dass wir Sie so unsanft aus Ihren Ferien holen mussten.« Sein Grinsen sagte mir, wie er es wirklich meinte, und meine aufkeimende Wut blendete das Unbehagen wieder aus. »Aber wir müssen mit Ihnen sprechen.«
Ich hatte mich von allen Kabeln und Kontakten befreit und stand auf. Über einem Stuhl hing eine braune Strickjacke, die wie auch ich ihre schönsten Jahre schon hinter sich hatte. Ich streifte sie über meine Arme, die durchaus nicht so sportlich trainiert waren wie die meines Avatars.
»Hören Sie, wir haben einen Job für Sie.«
»Für mich?« Der Kopfschmerz wurde schlimmer. Ich wühlte zwischen ein paar Kabeln, den alten Zeitschriften und vergilbten Büchern und fand einige runde Pillen. Beiläufig warf ich diese in meinen Mund und spülte mit einem Schluck Wasser nach.
»Wer ist der Auftraggeber?«
Der eine der beiden Männer, der bis jetzt das Gespräch geführt hatte, trat näher an mich heran und berührte seine linke Brust mit der Handfläche, als wolle er die Nationalhymne schmettern. Als er die Hand entfernte, blickte ich auf einen flachen Bildschirm, der auf sein Jackett aufgedampft war.
Angeber!
»Conny Industries«, erklärte er. Auf dem Display erschien das Logo des Konzerns. Seine Stimme verkündete: »Morgen früh um acht.« Er überreichte mir eine Karte. Dann verschwanden beide zur Tür hinaus.
Überrascht blickte ich auf das glänzende Ding in meiner Hand, von dem aus mich das Gesicht des Idioten weiterhin angrinste. »Morgen früh um acht«, wiederholte das Hologramm. Ich warf die Karte angewidert zwischen das schmutzige Geschirr. Doch dann atmete ich stoßweise aus. Ein Job wäre jetzt genau das Richtige. Ich konnte nicht ständig nur auf Cyberreise gehen. Irgendwann verblödete man. Zudem nahm das Geld ab und die Kopfschmerzen stetig zu. Manche Pillen waren schon wirkungslos geworden. Deshalb war ich jetzt schon bei Daph gelandet, einem synthetischen Opioid ähnlich dem Heroin, das früher einmal in war. Es ließ nicht nur die Schmerzen in Windeseile verpuffen, sondern durchströmte mich mit einem angenehmen Glücksgefühl, durch das ich mein beschissenes Leben ein wenig vergessen konnte. Und es machte laut Beipackzettel physisch nicht abhängig. Aber natürlich war das nicht der Grund, dass ich diese Pillen schluckte. Sie waren das wirksamste Medikament gegen meinen ständigen Kopfschmerz.
Ob die Schmerzen von dem häufigen Cybertravelling oder von dem Chip stammten, wussten die Ärzte nicht. Doch sie waren der Überzeugung, dass es nicht vom Chip kommen könne, da er deaktiviert worden war, seit Daily News TV mich gefeuert hatte. Ich verfluchte mein damaliges Ego, weil es sich dieses Ding ins Hirn hatte einpflanzen lassen, um seine Karriere voranzutreiben. Damit war ich in jeder Situation online mit dem Studio verbunden gewesen, konnte sogar live Informationen im Internet recherchieren. Nur das Ding wieder loszuwerden, erwies sich dann als zu riskant, da es Synapsen mit meinem Gehirn gebildet hatte. Sie deaktivierten es schließlich irgendwie. Doch es hatte sich wie ein Krebsgeschwür fest in meinem Kopf eingenistet.
Das einzige Problem an einem neuen Job waren die Menschen. Mittlerweile hatte ich mich an meine Abgeschiedenheit gewöhnt. Mein Sozialleben spielte sich ausschließlich in irgendwelchen Chatrooms ab. Richtig rausgehen, unter Leute gehen, war mir inzwischen ein Graus.
Ich sah in den fleckigen Spiegel neben der Tür. Die Frau, die zurückblickte, war einmal schön gewesen. Doch jetzt, Ende dreißig, sprang die ehemals sportliche Figur an einigen Stellen aus der Form, Augenringe und strähnige lange rote Haare. Das Einzige, was ich mit meinem Avatar gemein hatte, waren Haarfarbe und -länge. Bis morgen hatte ich noch viel Arbeit vor mir, um einigermaßen seriös auszusehen.
Unschlüssig stand ich vor der Tür aus Mahagoniholzimitat. Selbst für den Konzern war echtes Holz unerschwinglich. Ich strich die Jacke meines erbärmlich altmodischen Hosenanzugs glatt. In der Eile hatte ich nur diese cremefarbene Kombination finden können, die noch einigermaßen passte. Auf Vorstellungsgespräche dieser Art war ich nicht mehr eingestellt.
Ich atmete tief durch, um meine innere Unruhe zu bekämpfen. Ein Job. Nach Jahren wieder eine Chance. Ich trat ein. Ein großer runder Tisch stand in dem Raum. Ich hatte eine Gruppe dieser herausgeputzten Lackaffen erwartet. Doch da saßen nur drei Männer am Tisch, die das genaue Gegenteil meiner gestrigen Besucher waren. In der Mitte rang ein junger Mann nervös mit den Händen. Er war dünn und blass, mit strähnigen dunklen Haaren. Seine Augen zuckten, als er flüchtig zu mir aufsah. Der Kerl rechts hatte graues Haar und die Falten in seinem Gesicht verrieten sein fortgeschrittenes Alter. Er blickte mich offen an und nickte mir freundlich zu. Ganz links saß ein weiterer Typ, der schätzungsweise etwas älter als ich war. Kurzer militärischer Haarschnitt. Er hatte die muskulösen Arme vor der Brust verschränkt und sich entspannt zurückgelehnt. Seine Augen musterten mich abschätzig. Ansonsten konnte ich keine Regung in seinem Gesicht erkennen. Er war mir auf Anhieb unsympathisch und ich versuchte, ihn zu ignorieren.
Ich setzte mich auf die rechte Seite des Tisches, ließ allerdings zwei Stühle zwischen mir und dem Grauhaarigen frei. Der Jungspund in der Mitte begann, an den Nägeln zu kauen. Das Schweigen wurde unbehaglich. Ich wollte schon den Mund aufmachen, um irgendetwas zu sagen, als die Tür aufschwang. Ein junger Mann im Anzug, gepflegt und mit wichtigtuerischer Miene, trat ein. Er grüßte betont freundlich, stellte sich als Mike Miller vor und setzte sich links von mir an die unbesetzte Seite des Tisches. Mit einer raschen Handbewegung fuhr er sich durch das strohblonde Haar.
Ich musste bei dem Namen ein Grinsen unterdrücken, da ich ihn genauso wie seine Haarfarbe nicht für echt hielt. Was genau lief hier ab?
»Schön. Wie ich sehe, sind alle erschienen. Nun, dann kann es ja losgehen.«
Der Blonde legte ein Tablet vor sich hin und einen kleinen silbernen Würfel mitten auf den Tisch. Seine Finger wischten auf dem Display des Pads herum. Das hatte zur Folge, dass aus dem Würfel einige dünne Lichtstrahlen schossen. Sie formten sich über dem Tisch zu einem dreidimensionalen Modell des Kolosses. Ich glaubte, dass mir ein leises genervtes Stöhnen entwich, denn alle blickten mich plötzlich an. Dann wurde ihre Aufmerksamkeit wieder von dem quaderförmigen, irgendwie unspektakulären Metallkasten in Beschlag genommen. Die Außenhaut war mit vielen kleinen Details übersät und wirkte auf den ersten Blick wie die aufgedampfte Schaltung einer Platine. Keine Spur von Aerodynamik. Doch das war im Vakuum des Alls auch nicht nötig, hatte ich mich einst belehren lassen. An einer der schmalen Seiten erkannte ich verschiedene Öffnungen. Damals wurde vermutet, dass es Austrittsdüsen eines Antriebssystems wären, aber nähere Details darüber konnten zu jener Zeit nicht erforscht werden.
»Sie alle kennen ja dieses Ding.«
Der Jungspund nickte und sein rechtes Auge zuckte. Ich stützte wie ein gelangweiltes Schulkind den Kopf auf die Hand. Das hätte ich mir auch schon gestern denken können. Diese ganze geheimnisvolle Aktion musste ja mit dem Koloss zusammenhängen. Welche Befähigung hätte ich sonst vorzuweisen gehabt? Der Kopfschmerz breitete sich abermals aus und meine linke Hand suchte in der Jackentasche nach Linderung, fand etwas und warf es in den Mund.
»Wasser?« Der blonde Anzugträger lächelte freundlich, schüttete Flüssigkeit in ein Glas und schob es mir über den Tisch. Kurz streifte mein Blick das Gesicht des Muskelmanns gegenüber und es schien mir, als ob seine Mundwinkel leicht nach oben zuckten. Unbehagen durchfuhr mich, irgendwie war es mir plötzlich peinlich. Ich versuchte, es mir nicht anmerken zu lassen, nahm das Glas wie selbstverständlich in die Hand und spülte die Pillen hinunter.
»Nun gut«, fuhr Miller fort. »Als das Ding vor neun Jahren hier aufgetaucht war, hatte es die Weltöffentlichkeit in seinen Bann geschlagen. Eine Invasion von außerirdischen Lebensformen wurde befürchtet. Doch wie wir alle wissen, passierte …« Er blickte theatralisch in die Runde. »… nichts.« Dabei untermalte er das Wort mit einer Geste seiner Hände, die mich irgendwie an einen Wanderprediger erinnerte.
»Fünf Jahre lang versuchten Politiker – mit wem auch immer – Kontakt aufzunehmen. Vergebens. Null Reaktion. Man hatte den Koloss zwar kontinuierlich nach dem neuesten Stand der Technik untersucht, durchleuchtet und mit allen zur Verfügung stehenden Methoden analysiert, doch er gab sein Geheimnis nicht preis. Etwas Radioaktives musste im Inneren sein und erdähnliche Atmosphäre schien er auch zu beinhalten. Allerdings regte sich der Widerstand einiger Organisationen, die das Geld lieber in irdische Projekte fließen sehen wollten, als in die für sie sinnlose Untersuchung eines Metallklotzes, von dem augenscheinlich weder eine Gefahr ausging noch irgendein Gewinn damit zu erzielen war. So wurden die Forschungen nach und nach eingestellt. Zwar schmiedeten verschiedene Organisationen immer wieder Pläne, dort einzudringen, aber letztendlich wollte keiner die Verantwortung und vor allem nicht die Kosten für ein derartiges Unternehmen tragen. Nun ja, und seit einigen Jahren interessiert sich niemand mehr für den Koloss. Er kreist einfach um die Erde, als wäre er ein kleiner Mond und als wäre es ganz natürlich, dass er da ist.«
Er machte erneut eine Pause und beobachtete uns vier Gestalten der Reihe nach. Ich grübelte, was er denn nun eigentlich wollte, das alles war nichts Neues für mich. Schließlich war ich einmal die Hauptberichterstatterin für dieses Ding gewesen, als die Menschheit sich noch dafür interessierte.
»Um es kurz zu machen: Conny Industries hat die Verwertungsrechte an dem Koloss erworben. Wir planen, dort einzudringen und die Technologie, oder was auch immer wir finden, sicherzustellen und für die Konzernzwecke zu verwerten.«
Ich runzelte die Stirn. »Und welche Rolle spielen wir in dem Plan?«
»Nun, Sie sind das Team, das dort eindringt.« Miller grinste.
Ich lachte laut auf. Das Daph hatte meine Hemmungen erfolgreich unterdrückt. »Wir? … und welche Armee?«
»Nur Sie vier.«
Ich blickte ungläubig die drei Wracks an, die mit mir am Tisch saßen. Der Junge nagte an seinen Fingernägeln. Der alte Mann lächelte vor sich hin und das Muskelpaket saß weiterhin ungerührt mit verschränkten Armen da.
»Sie alle haben spezielle Fähigkeiten, die wir nutzen werden.«
Ich hob überrascht die Augenbrauen. Welche hochtrabenden Qualifikationen mochten das sein? Niemand antwortete darauf. Es war so still in dem Raum, dass ich meinte, eine Uhr ticken zu hören, die es gar nicht gab. Vielleicht waren das die Nebenwirkungen des Daphs. Keine Ahnung. Schließlich regte sich der Jungspund.
»Aber was ist, wenn da eine Armee blutrünstiger Aliens auf uns lauert?« Das Gesicht des Jungen sah zunehmend blasser aus. Mit den eingefallenen Augen wirkte er selbst schon wie ein Alien auf mich.
»Das ist, unserer Meinung nach, nicht zu befürchten. Seit neun Jahren ist da nichts herausgekommen. Wieso also jetzt? Wenn da tatsächlich fremde Wesen drin waren, sind sie wahrscheinlich längst tot.« Der strohblonde Anzugträger blickte in die Runde. »Und falls da trotzdem etwas lauert, ist dafür Xell Verhoeven zuständig. Er hat Kampferfahrung und – durch gewisse Implantate – besondere Fähigkeiten.«
Ich stierte den Muskelmann entgeistert an. »Ein Cyborg?«, entwich es mir.
Der Blick des Mannes am hinteren Tischende änderte sich schlagartig. Seine Augen wurden zu Schlitzen, die mich fixierten, ohne zu blinzeln. Offensichtlich hatte er nicht die Fähigkeit, mit Blicken zu töten, sonst wäre ich jetzt vermutlich nicht mehr am Leben gewesen. Doch er schien zu menschlichen Regungen fähig. Sollte mich das jetzt beruhigen oder eher beunruhigen?
Miller lächelte amüsiert. »Nun, Xell kann mit seinem linken Auge Dinge heranzoomen und im Infrarotbereich sehen. Auch sein linker Arm ist stärker und schneller in der Reaktion als bei einem gewöhnlichen Menschen. Es gibt wahrscheinlich noch ein paar weitere kleinere Modifikationen. Über alles bin ich da jetzt auch nicht informiert. – Wollen Sie etwas dazu sagen, Xell?«
Der Angesprochene reagierte nicht auf die Frage, sondern fixierte mich weiterhin mit seinem Blick. Es begann, mich nervös und wütend zu machen. Was bildete sich der Typ ein?
»Offensichtlich ist er der Sprache nicht mächtig«, stichelte ich. »Hat er auch einen Röntgenblick? Oder was glotzt er mich so an?«
Der Anzugträger stand auf und breitete die Arme aus wie ein Priester. »Freunde. Gewöhnen Sie sich aneinander. Sie sollen im Team arbeiten.«
Ich stand ebenfalls auf und stützte die Hände auf den Tisch. »Was ist, wenn wir gar nicht mitmachen wollen – bei diesem Plan?«
Mike Millers freundlicher Gesichtsausdruck wechselte so schlagartig, dass mir der Gedanke kam, ich hätte einen Schalter betätigt. Im Inneren erschrak ich, versuchte aber, es krampfhaft zu verbergen. Nichts an ihm wirkte noch menschlich. Sein Blick war kalt und niederschmetternd.
»Sie haben überhaupt keine Wahl. Jeder von Ihnen ist ein Wrack, ein Nichts. Diese Aufgabe ist Ihre einzige Eintrittskarte zurück in die Gesellschaft. Wenn einer von Ihnen meint, er könne das ablehnen – bitte, soll er gehen. Aber wohin? In was für ein beschissenes Leben?«
Ich ließ mich in Zeitlupe auf meinen Stuhl zurücksinken. Der Typ hatte mir nun wirklich einen Schlag versetzt. Musste er es so direkt aussprechen?
»Nehmen wir gleich mal hier unsere kleine Journalistin. Dysti Adams. Keine Aufträge. Kein Sender will sie haben. Unkooperativ, drogensüchtig …« An dieser Stelle wollte ich protestieren, doch Millers Blick ließ mich in meinem Stuhl zu einem Häufchen Elend schrumpfen, ohne dass ich etwas dagegen tun konnte. »Ihre einzige Möglichkeit, wieder einen vernünftigen Job zu bekommen, ist, sich hier zu profilieren.«
Ich starrte auf die Tischplatte und rang mit mir. Ich wollte den Blicken der anderen ausweichen. Aber hier gab es nichts, hinter dem ich mich hätte verstecken können. Also warf ich trotzig den Kopf zurück. Mein Blick begegnete wieder dem des Muskelpaketes von gegenüber – Xell Verhoeven, ein Cyborg. Doch diesmal las ich fast schon Mitleid in ihm und das machte mich noch wütender.
»Unser guter Xell«, fuhr Miller fort, »hat auch keine Wahl. Im Kampfeinsatz schwer verwundet, hat ihm Conny Industries neue Körperteile geschenkt. Aber wie dankt er es? Er hat tatsächlich mit Terroristen verhandelt, obwohl er sie eliminieren sollte. Conny Industries lässt sich allerdings nicht von solchen Leuten erpressen. Und schon gar nicht, wenn es um mehrere Millionen geht. Nach dieser Aktion wurde er wie eine veraltete Waffe ausgemustert. Was er im Grunde ja auch ist.«
Wow, das musste gesessen haben. Ich schickte ein dezentes, aber schadenfrohes Grinsen über den Tisch. Xell zeigte keinerlei Reaktion.
Miller schien diesen Teil der Besprechung richtig zu genießen. Er konnte seine Macht und Überlegenheit ausspielen. Ich begann, ihn zu hassen. Er trat gerade nach vier Menschen, die sowieso schon am Boden lagen, und lächelte dabei.
Viel besser war ich in dem Moment allerdings selbst nicht. Ich konnte mir die Schadenfreude gegenüber diesem Xell nicht verkneifen. Schon das Wort Cyborg ließ mir einen kalten Schauer über den Rücken gleiten. Den Grund hätte ich nicht in Worte fassen können. Es war eigentlich nur eine vorurteilsbegründete innere Abneigung. Das Wort suggerierte mir, dass dies kein richtiger Mensch war, sondern irgendwas zwischen Mensch und Maschine, irgendetwas Unnatürliches.
»Der Dritte im Bund ist unser ehemaliger Spacepilot Ben Sanders.«
Ich sah, wie der alte Mann weiterhin freundlich Mike Miller anblickte. Bei dem Namen geisterten mir jedoch sofort einige Meldungen über einen verheerenden Unfall im Kopf herum.
»Ben hat die geringste Wahl«, grinste Miller. »Er ist schon weit über sechzig Jahre und, wenn er den Rest seines beschissenen kleinen Lebens nicht auch noch hinter Gittern verbringen will, hat er nur diese eine Chance. Er wird Ihr Pilot sein und Sie – hoffentlich – sicher zum Koloss bringen. Vor einigen Jahren hat er mit seinem Shuttle im Suff das Spacehotel Earthview gerammt. Fast fünfzig Menschen aus dem Hotel und dem Shuttle fanden damals den Tod. Er würde eigentlich das Gefängnis nie wieder verlassen. Doch Conny Industries hat Begnadigung für ihn erwirkt, wenn er sich für dieses Unternehmen freiwillig zur Verfügung stellt.«
Wie beruhigend, dachte ich, und der fliegt uns hoch?
»Der Vierte Ihres Teams wäre dann Chuck Risk. Unser Computerspezialist. Nur leider setzte er einige Hundert Millionen des Konzerns in den Sand. Seitdem lebt er mehr schlecht als recht von kleinen Hackerjobs. Conny Industries will ihm eine zweite Chance geben. Wenn er den Job hier gut macht, kann er zurückkommen und seine Schulden abarbeiten. Er wird sich in das System des Kolosses einhacken und Informationen über seine Technologie sicherstellen.«
Mittlerweile fand ich Millers Grinsen unerträglich, und ich musste mich sehr zusammenreißen, um nicht aufzuspringen und ihm eine runterzuhauen. Er war ein Arschloch. Daran bestand kein Zweifel.
»So, ich denke, die Vorstellungsrunde ist beendet. Ich werde mich jetzt empfehlen. Beschnuppern Sie sich ein bisschen. Man wird Ihnen Ausrüstung, entsprechende Kleidung und Schlafgelegenheiten zuweisen. In wenigen Tagen geht die Reise los.«
Miller erhob sich und packte sein Tablet und den Würfel ein. An der Tür drehte er sich noch einmal um.
»Ich lasse Ihnen ein paar Köstlichkeiten bringen, zur Feier des Tages und Ihrer neuen Leben.«
»Oh, wie nett«, murmelte ich missmutig.
Der Anzugträger wandte mir das Gesicht zu. »Ich vergaß: Wenn einer von Ihnen abspringt, fällt die Mission für alle aus, und jedweder Deal ist geplatzt. Also, Sie sind ein Team. Wie ich schon erwähnte.« Die Tür fiel ins Schloss.
Frustriert schlug ich mit der Faust auf den Tisch. »Wenn ich abspringe, bin ich also schuld, dass der Herr Pilot für den Rest seines Lebens weiter hinter Gitter muss? Na, super. Und was ist mit Ihnen?« Ich blickte diesen Cyborg-Xell herausfordernd an. »Verweigern die Ihnen dann die Ersatzteile?«
Der Muskelmann stand auf. Er hatte eine imposante Größe. Ich bereute kurz meinen Kommentar.
»Mm. Daran habe ich noch gar nicht gedacht. Ich bleibe also besser dabei.« Zum ersten Mal sah ich ein richtiges Lächeln über sein Gesicht huschen.
»Oh, es gibt also doch ein Sprachmodul«, knurrte ich.
Sein Blick saugte sich drohend in meinen Augen fest. »Ich frage mich«, begann er mit ruhiger Stimme, »ob der Deal bestehen bleibt, auch wenn nicht alle zurückkommen?«
»Soll das eine Drohung sein?« Ich verdrehte die Augen. Das Daph tat gute Arbeit, aber irgendwo in meinem Hinterkopf flüsterte mir eine Stimme zu, dass ich besser mal den Mund halten sollte. Mahnte mich mein ganz kleiner vernunftorientierter Selbsterhaltungstrieb?
Als hätte er meine Gedanken lesen können, mischte sich Ben in das Gespräch ein. »Möglicherweise könnte die Frau Journalistin eine kurze Pause einlegen? Es bringt gar nichts, wenn wir uns hier streiten. Entweder entschließen wir uns, das gemeinsam durchzuziehen oder nicht. Auf mich muss keiner Rücksicht nehmen.«
»Ich mache das auf jeden Fall.« Chucks Stimme hatte etwas Verlorenes. »Ich brauche mein Leben zurück. Mann, ich bin noch jung. Ich will so nicht weitermachen.«
Was sollte das denn schon wieder heißen? War ich vielleicht alt? Ich sah mir die drei traurigen Gestalten an, und mir wurde bewusst, dass ich eine genauso tragische Figur war. Was hatte ich also zu verlieren? Wie der Typ schon sagte, war unser aller Leben sowieso verkorkst. Ich vegetierte nur ziellos dahin.
»Okay, Leute. An mir soll’s nicht liegen. Schauen wir uns diesen Koloss eben mal aus der Nähe an«, lenkte ich ein.

2.

Wenig später hatte man uns vier in ein Appartement mit eigenen Zimmern und einem gemeinsamen Wohn- und Essbereich geleitet. Bevor ich mich jedoch genauer umsehen konnte, kam das von Miller in Aussicht gestellte Essen. Kein Luxusbüfett, doch auf einem Niveau, von dem ich in letzter Zeit nicht einmal mehr geträumt hatte. So wie die anderen das Zeug verschlangen, erging es ihnen offensichtlich ähnlich. Selbst der Cyborg langte kräftig zu und ich wunderte mich über meine eigenen bizarren Vorstellungen. Ich hatte angenommen, dass er kein normales Essen benötigen würde, sondern eine Art Maschinenöl oder etwas Vergleichbares. Bei diesem Bild musste ich unwillkürlich lachen.
»Was ist los, Miss Junkie? Verträgt sich der Wein nicht mit den Pillen?«
Xells Stimme riss mich aus meinen Gedanken und ich bemerkte, dass ich ihn angestarrt hatte. Ich versuchte, den peinlichen Moment zu überspielen, und zuckte mit den Schultern. »Ich würde an Ihrer Stelle den Mund nicht so voll nehmen, Cyborg. Sonst brennt Ihnen vielleicht noch ein Schaltkreis durch.«
Xell prostete mir zu. »Möglich. Also bleiben Sie besser auf Abstand.«
Nach dem Essen bezogen wir unsere versprochenen Schlafgelegenheiten. Mein Zimmer war nicht mit meiner derzeitigen Wohnsituation zu vergleichen. Ich erhielt einen sauberen kleinen Raum mit Südseemotiv auf dem gewaltigen, das Fenster simulierenden Flatscreen. Der einzige Haken war, dass ich mir ein Bad mit Xell teilen musste.
Als ich am späten Abend noch einmal hineinwollte, lauschte ich an der Tür, um zu überprüfen, ob er gerade drinnen war. Doch ich hörte nichts. Also drückte ich die Tür langsam auf. Es war Licht in dem Raum und ich hielt in meiner Bewegung inne. Mein Blick fiel durch den Spalt der Tür auf den Spiegel. Xell stand davor und ließ ein kleines Gerät über seinen linken Arm gleiten.
Meine Aufmerksamkeit galt allerdings seinem entblößten Oberkörper. Der war ein echter Hingucker, das konnte ich nicht leugnen. Nichts deutete darauf hin, dass er ein Cyborg war, eine Maschine oder etwas Ähnliches. Ich hatte mir vorgestellt, dass irgendwelche Kabel oder Geräte an ihm sichtbar sein müssten. Er sah jedoch aus wie ein gewöhnlicher Mensch. Okay, nicht wirklich gewöhnlich, das musste ich zugeben, denn seine Muskeln waren durchaus beeindruckend. Um das linke Schulterblatt zog sich eine dünne Narbe. Wahrscheinlich war sie der Hinweis auf seine Modifikationen.
Irgendwie empfand ich plötzlich Mitleid mit ihm. Was bedeutete es schon, ein Cyborg zu sein? Fast jeder dritte Mensch war heutzutage einer, je nachdem, wie man das Wort definierte. Selbst ein simpler Herzschrittmacher machte einen im Grunde dazu. Denn der Begriff hatte keine andere Bedeutung, als einen Menschen zu benennen, der durch irgendeine Art von Maschine modifiziert worden war. Künstliche Gliedmaßen waren nichts Besonderes mehr. Ich fand nur die Vorstellung abstoßend, dass nicht die Erhaltung der Mobilität und Lebensqualität im Vordergrund stand, sondern die technische Aufrüstung, um einen Supermenschen, oder schlimmer noch, einen Supersoldaten wie Xell zu erschaffen. Das schreckte mich ab.
Als ich ihn so ansah, tat er mir wirklich leid, denn im Grunde war er nur ein Krüppel, der mit künstlichen Körperteilen geflickt worden war. Bedauernswert … aber er war auch in höchstem Maße anziehend. Mein Blick glitt über seine Arme, den Rücken … und im Spiegel über sein Gesicht, zu der Narbe auf der linken Wange bis zu seinen Augen, die mich jetzt anstarrten.
Erschrocken zog ich hastig die Tür zu und lehnte mich peinlich berührt gegen die Wand. »Scheiße.« Ich kicherte leise wie ein Teenager.
Die Tür ging auf und Xell schob den Kopf zu mir herein. »Habe nur meine Systeme gecheckt. Ist Vorschrift bei Robotern vor dem Kampfeinsatz.« Er blickte mich eine Weile düster an, dann verschwand er.
Das Adrenalin schoss mir durch den Körper und das Blut in den Kopf. Ich war sicher rot geworden und wünschte mir, es möge sich ein Loch im Boden auftun, in dem ich verschwinden könnte. Doch da das nicht geschah, würde ich ihm in Kürze wieder begegnen müssen. So ein Mist. Verzweifelt kramte ich nach einem Stückchen Würde, das ich mir überstülpen konnte.
Am nächsten Morgen achtete ich peinlich genau darauf, dass die beiden Türen zum Bad gut verschlossen waren, bevor ich es wagte, unter die Dusche zu schlüpfen. Wobei dieses einfache Verriegelungssystem sicher kein ernsthaftes Hindernis für ihn darstellte. Aber er ließ mich unbehelligt.
Ich warf mir eine Ladung Daph ein und fühlte mich gleich in gehobener Stimmung. Die Wände des Appartements färbten sich vor meinen Augen in pastellfarbenen Tönen und meine Füße schienen kaum den Boden zu berühren. Beim Frühstück und den weiteren Vorbereitungen würdigte Xell mich keines Blickes und ich war mir nicht sicher, ob ich darüber glücklich sein sollte. Denn ich konnte mich nicht erwehren, ihn des Öfteren von der Seite zu mustern. Möglichst unauffällig, wie ich hoffte.
Schließlich bekamen wir unsere Ausrüstung: Schwarze Kampfanzüge, verschiedenen Kram, mit dem ich nicht viel anfangen konnte, und Xell erhielt eine Waffe.
Er blickte finster drein, untersuchte das Zeug und war sichtlich verärgert. Als er uns vier unter uns wähnte, verkündete er: »Ich will euch nicht beunruhigen, aber der ganze Kram ist Schrott. Die Anzüge sind sinnlos. Sie haben nicht einmal eine beschusshemmende Verstärkung. Gegen was soll das schützen?«
Ehrlich gesagt war mir das gerade völlig egal. Was hatte ich mit Kampfanzügen am Hut? »Vielleicht absorbieren sie Alienschleim.« Ich kicherte albern.
»Ich finde das schon irgendwie beunruhigend.« Chuck zuckte nervös mit den Augen. »Wenn wir beschossen werden, geht das einfach durch den Anzug hindurch?«
»So ist es.«
»Ich schätze, wir haben kein Reklamationsrecht«, meinte Ben lakonisch.
»Wahrscheinlich nicht.« Xell steuerte abrupt auf mich zu und zischte mir ins Ohr: »Hör mal, wenn du irgendeinen von uns oder die ganze verfluchte Mission in Gefahr bringst, weil du meinst, dich mit irgendwelchem Scheiß zukiffen zu müssen, kannst du Gift drauf nehmen, dass ich die Schrottwaffe an dir teste. Ist mir scheißegal, ob du eine Frau bist.« Er blickte mich nicht an, ließ aber irgendwas an der Waffe geräuschvoll einrasten.
Mir stellten sich die Nackenhaare auf und meine Atemfrequenz stieg an. Ich wusste selbst nicht, warum ich heute diese Pillen geschluckt hatte, denn der Kopfschmerz war nicht aufgetreten. Mein Hochgefühl war nun mit einem Mal wie weggeblasen. Fast so, als hätte mich jemand unter eine kalte Dusche gestellt. Ich versuchte ein spöttisches Lächeln und hoffte, dass es nicht meine Verlegenheit widerspiegelte.
In den nächsten Tagen bekamen wir verschiedenste Einweisungen. Meist wurde jeder von uns einzeln abgeholt und in irgendwelchem technischen Kram unterrichtet. Vor allem Ben war oft abwesend, da er Flugsimulationsstunden für die Steuerung des Shuttles absolvierte. Während der letzten Jahre, die er in Haft verbracht hatte, war der technische Fortschritt schließlich nicht stehen geblieben. Des Weiteren wurden wir alle medizinisch durchgecheckt, um die Mission ins All zu bestehen.
Ich ließ das Prozedere fast kommentarlos über mich ergehen. Sie pappten mir zahlreiche Elektroden an die Stirn und auf den Kopf, um die Aktivitäten in meinem Gehirn zu messen. Erfreut stellte ich fest, dass die Kopfschmerzen beinahe völlig verschwunden waren. Die Ärzte hatten aber keinerlei Erklärung dafür. Der Chip in meinem Hirn war zwar mit dem Gewebe verwachsen und konnte nicht entfernt werden, ohne meine Denkfähigkeit zu beschädigen, doch er war tot. Darüber waren sie sich einig und ich darüber froh.
Miller hatte mir allerdings eine Packung Daph in die Hand gedrückt. »Hier, für Sie, Frau Adams. Damit Sie nicht schlappmachen.« Er grinste mich bedeutungsvoll an.
Ich war innerlich über seine Dreistigkeit empört. Was hatte das zu bedeuten? Hatte er mich überwacht? Woher wusste er von meiner Vorliebe? Fragen mochte ich ihn nicht, da ich das ungute Gefühl hatte, die Antwort nicht wirklich wissen zu wollen.
Hin und wieder schluckte ich tatsächlich einige der Pillen, obwohl ich keinerlei Beschwerden bezüglich der Kopfschmerzen mehr hatte; ich nahm sie einfach gegen das Unbehagen und die Nervosität. Denn die gesamte Situation gefiel mir immer weniger.
Ich fühlte mich erpresst und hatte außer meiner schnippischen Art nichts entgegenzusetzen, und die traf dann, wie meistens, den Falschen. Ben zum Beispiel, der sich an einem Abend allein mit mir im Appartement aufhielt. Er saß auf der Couch und stierte in das Display eines Tablets. Auf dem Tisch stand ein Glas mit bernsteinfarbenem Inhalt.
»Ein Glas Whiskey, um das Ziel zu treffen?« Dabei lächelte ich ihn sarkastisch an.
Er blickte auf, schaute mich eine Weile forschend an, nahm das Glas und trank es in einem Zug leer. »Etwas dagegen?«, fragte er herausfordernd.
»Ich würde gern lebend dort oben ankommen und nicht gegen diesen Koloss prallen«, erwiderte ich wahrheitsgemäß.
»Dann sollten Sie Ihr loses Mundwerk zügeln. Ich könnte mir vorstellen, dass Sie sonst noch gegen etwas oder jemand anderen prallen werden.«
Ich verdrehte die Augen. »Oh, vielen Dank für die Warnung. Wenn Sie Xell meinen, dann müssen Sie sich nicht sorgen. Er hat sicherlich irgendwo einen Ausschalter für den Notfall.«
»Sinnvoller wäre es, wenn Sie einen Schalter hätten«, konterte Ben und blickte wieder auf sein Tablet.
Ich knirschte mit den Zähnen. »Sie müssen sich nicht angegriffen fühlen, Herr Pilot. Doch ich kenne Ihre Akte. Ist es dann nicht ganz natürlich, dass ich mir Sorgen mache?«
»Ich kann Sie beruhigen. Es wird nichts schiefgehen«, antwortete er ruhig, ohne aufzublicken.
»Das hoffe ich. Aber Sie haben fünfzig Menschenleben auf dem Gewissen, weil Sie betrunken das Spacehotel mit einem Shuttle gerammt haben.«
»Ich kenne meine Akte ebenso. Sie müssen mich nicht daran erinnern.«
»Doch, ich denke schon.« Ich griff nach seinem Glas und hielt es ihm bedeutungsvoll unter die Nase. Was hatte mich geritten, dass ausgerechnet ich den Moralapostel spielte? Es war Angst, das musste ich zugeben. So langsam machte mich diese Mission nervös.
»Nur Apfelsaft«, erklärte er, ohne mich anzusehen.
Ich lachte laut auf. »Genau. Nur Apfelsaft und ich nehme nur Vitamintabletten.« Ich roch an dem leeren Glas und zuckte zusammen. Ein säuerlich fruchtiger Geruch stieg mir in die Nase: Apfelsaft. Ich stutzte und verharrte in meiner Stellung wie eine Statue. Es war zu peinlich. Schon wieder war ich in ein Fettnäpfchen getreten.
»Ich …«, begann ich unschlüssig zu stottern. Dann atmete ich geräuschvoll aus. Schließlich unterließ ich es, irgendeine sinnlose Entschuldigung herauszuwürgen. Es würde nichts besser machen. Stattdessen holte ich mir ebenfalls ein Glas und goss eine bernsteinfarbene Flüssigkeit ein. Diesmal war es tatsächlich Whiskey.
Als Xell und Chuck von ihren Lehrgängen – oder was zum Henker sie so machten – zurückkamen, begannen die Wände des Appartements bereits bedenklich um mich herum zu kreisen. Der Alkohol zeigte Wirkung. Chuck verkroch sich sofort in seinem Zimmer und auch Ben verschwand. Xell dagegen stand mit verschränkten Armen vor mir und blickte auf mich herab. Sein Gesicht wirkte düster.
»Was ist los, Junkie? Geht dir der Arsch auf Grundeis wegen morgen?«
»Hör auf, mich so zu nennen«, blaffte ich zurück. »Sonst ziehe ich deinen Stecker raus.« Ich war mir nicht sicher, ob die Worte meinen Mund wirklich so verlassen hatten, denn meine Zunge fühlte sich wie ein zäher Klumpen Teig an.
Xell lachte entspannt und setzte sich neben mich auf die Couch.
»Dysti hört sich nicht besser an als Junkie. Dysti Adams …«, sinnierte er, »… klingt wie ein Pornostar.«
Ich hob die Hand, um ihm eine Ohrfeige zu verpassen, aber er war schneller und hielt mein Handgelenk fest. »Nicht so voreilig mit dem Steckerziehen«, sagte er und grinste belustigt.
»Natürlich ist Dysti nicht mein korrekter Name«, murmelte ich und riss meine Hand aus seinem Griff.
»Nein? Passt doch prima«, antwortete er. »Wie lautet denn dein richtiger Name?«
»Was geht’s dich an?«, fauchte ich. »Du kannst mir ebenso wenig weismachen, dass du tatsächlich Xell Verhoeven heißt.«
»Stimmt. Den Namen hat man mir nach den Operationen gegeben, um mich immer daran zu erinnern, dass …«
»Scheiße! Wirklich?« Ich prustete schlagartig los, als hätte ich mich verschluckt, nur spuckte ich nichts Festes aus, sondern lautes Lachen. »RoboCop? Nicht wahr, oder?« Ich machte große Augen und kicherte kindisch.
Er zuckte mit den Schultern und betrachtete die Flasche auf dem Tisch und mein Glas. Dann nahm er Letzteres in die Hand und nippte daran. »Nicht übel.« Abrupt wandte er mir das Gesicht zu. »Den Stecker also?«
Ich nickte und grinste albern. Wow, irgendwie sah er verdammt sexy aus, wenn er so böse guckte.
»Ich denke, ich sollte jetzt deinen Stecker ziehen. Wir haben morgen einen anstrengenden Tag. Vielleicht ist es unser letzter Tag. Du solltest schlafen.«
»Was?«, lallte ich. »Unser letzter Tag? Danke für die aufmunternden Worte.«
Ich wollte aufstehen, doch der Raum schwankte so stark, dass ich zurückkippte und auf Xells Schoß landete. Er packte mich und erhob sich mit mir in seinen Armen.
»Lass mich los, du Cyborg! Du Roboter!« Ich verspürte jetzt Panik. Sein Griff war so fest, dass ich mich nicht wehren konnte. Zudem drehte sich alles um mich herum und der Gedanke, dass wir morgen sterben könnten, fraß sich plötzlich in mein Gehirn wie eine Raupe in einen Salatkopf.
Xell trug mich in mein Zimmer und ließ mich unsanft auf das Bett fallen. Dann gingen mir die Lampen aus, als hätte tatsächlich jemand meinen Stecker gezogen.
Ich erwachte von einem Lichtschein, der sich schmerzhaft durch meine geschlossenen Lider bohrte. Zudem wummerte der Kopfschmerz wieder in meinem Gehirn wie ein Hammer auf einem Amboss. Stöhnend schlug ich die Augen auf. Das Licht kam aus der geöffneten Badezimmertür und in dem Durchgang stand Xell, nur mit einem Handtuch um die Hüften bekleidet. Ich zuckte zusammen und zog die Bettdecke bis zur Nase hoch. Dabei spürte ich, dass ich darunter nur einen Slip anhatte.
Schockiert blickte ich den Cyborg an. »Du hast doch nicht …?«
Er grinste. »Du meinst, ob wir …?« Sein Gesicht verzog sich zu einem anzüglichen Lächeln. »Du überschätzt deinen Charme, Junkie.«
»Was?« Ich war verwirrt.
»Keine Panik, Frau Journalistin. Ich habe Ihre missliche Lage nicht ausgenutzt. Sie sind nicht mein Typ.«
Ich war einerseits erleichtert und andererseits gekränkt. Mir wurde zudem bewusst, dass ich mich gestern danebenbenommen hatte. Damit konnte ich allerdings umgehen. Schließlich hatte ich mit so etwas Erfahrung. Schlimmer war die Vorstellung, dass dieser Roboter mich … Vielleicht log er aber auch. Bei dem Gedanken wurde mir noch übler, als mir dank meines Katers schon war.
»Ja, das will ich glauben, dass ich nicht dein Typ bin. Zu wenig Metall vermutlich«, warf ich ihm entgegen.
Xell schnaubte missmutig, schüttelte kaum merklich den Kopf und verschwand.
Ich fühlte mich schlecht. Mein Schädel drohte zu zerspringen, meine Entgleisungen wurden allmählich unangenehm peinlich und die überlegene, arrogante Art dieses Monsters machte mich wütend. Aber Zeit, um in Mitleid zu versinken oder auf eine Cyberreise zu gehen, wie es sonst meine Art war, um Probleme zu verdrängen, blieb mir nicht. Ich vermied es, in den Spiegel zu schauen, weil ich mich vor mir selbst schämte. Doch dann sagte ich mir, dass Xell vielleicht recht hatte und alles heute enden könnte. Ich wollte meine letzten Stunden nicht in Selbstmitleid verbringen und so zog ich mich an und setzte eine, wie ich hoffte, selbstbewusste Miene auf.
Miller erschien wenig später und drängte zum Aufbruch. Er stand wieder da in seinem schillernden Anzug, wie ein Priester, der die Gemeinde segnen wollte. Nicht, dass ich viele Erfahrungen mit Priestern gehabt hätte, außer durch meine Reportagen über den Koloss. Natürlich haben irgendwelche Spinner auch gleich eine Religion dazu gegründet. Und wie einer dieser verrückten Prediger kam mir Miller vor.
»Also, Team«, begann er seine Abschiedsrede. »Ich habe viel riskiert, damit Sie sich hier beweisen können. Ich erwarte, dass Sie diese Chance nutzen. Denken Sie daran, dass Sie ein Team sind und nur gemeinsam gewinnen können. Ich hoffe, ich sehe Sie in wenigen Tagen wohlbehalten wieder und Sie haben dann ein besonderes Geschenk für mich.«
Ich hoffe, dich trifft unterdessen der Schlag und ich sehe dich nicht wieder, dachte ich grimmig.

3.

Der Flug mit dem Shuttle in den Orbit des Kolosses dauerte keine fünf Stunden. Ben erwies sich als erfahrener Pilot, was mich nach diesem grausigen Vorfall, der ihn ins Gefängnis gebracht hatte, verwunderte. Wir hockten alle angeschnallt in unseren Sitzen und besonders ich kämpfte mit der Übelkeit, die die ungewohnte Schwerelosigkeit nach der Beschleunigungsphase verursachte. Möglicherweise tat zudem der Kater, den ich verspürte, sein Übriges. Ein paar Pillen Daph wären jetzt schön gewesen, aber ich hatte sie im Appartement liegen gelassen.
Ich wagte nur selten einen Blick aus den Fenstern. So faszinierend war die Aussicht nicht. Die Erdoberfläche wurde größtenteils von einer grauen Dunstglocke verschleiert. Nur über den Ozeanen gab es einige blau leuchtende Stellen, die die Herkunft des Namens Blauer Planet erahnen ließen. Auf der Nachtseite des Globus waren die Landmassen durch die Dauerillumination der grenzenlosen Städte unter der Wolkenschicht eindeutig zu identifizieren. Ich war froh, dass das Ding unterhalb des dichten Space-Debris-Gürtels kreiste, der die Erde zwischen sechshundert und tausendfünfhundert Kilometern umschloss. So ein Shuttle konnte in diesem Bereich Gefahr laufen, von einem größeren Brocken Weltraummüll getroffen zu werden, und dann hieße es »Adiós, muchachos«.
Das bedeutete jedoch nicht, dass ich keine anderen Flugobjekte sehen konnte. Es waren zahlreiche glänzende Punkte zu erblicken. Die meisten waren wahrscheinlich die Starlink-Satelliten, die das Internet weltweit und lückenlos verbreiteten, eine Zeit lang sogar bis in mein Gehirn. Ich strengte mich an, das Spacehotel Earthview zu sehen, doch hatte ich keine Ahnung, wo es sich momentan befand. Es konnte genauso gut auf der anderen Seite des Globus herumschweben.
Auf dem letzten Stück des Weges war die Aussicht komplett von dem Koloss ausgefüllt. Wie die Computersimulation schon gezeigt hatte, war er ein gewaltiger stählerner Kasten. Er wirkte zwar metallisch, glänzte aber schwarz. Die Oberfläche war mit unüberschaubar vielen Details übersät, deren Funktionen sich mir nicht erschlossen. Und obwohl ich jahrelang über dieses Ding berichtet, Interviews mit Wissenschaftlern aus aller Welt durchgeführt hatte, mit esoterischen Spinnern, Politikern, besorgten Bürgern und auch Leuten, die das alles für einen Fake hielten, gesprochen hatte, wurde mir bewusst, dass ich im Grunde nichts über den Koloss wusste.
In den letzten Jahren hatte die Firma den Koloss genauestens studiert, wie uns Mike Miller mitgeteilt hatte. Dabei kristallisierte sich eine Stelle heraus, die nach einhelliger Expertenmeinung die Einstiegsluke darstellen musste. Und diese Stelle peilten wir nun an.
Das Andockmanöver führte Ben computergestützt durch. Das Shuttle setzte sanft auf der Oberfläche des Dings auf. Es zischte. Nun waren wir mit dem Koloss hermetisch verbunden. Wir benötigten, laut Millers Aussage, keine Sauerstoffgeräte. Messungen hätten ergeben, dass die innere Atmosphäre fast zu hundert Prozent der Zusammensetzung der Erdatmosphäre entsprach. In mir kam in diesem Moment die Frage auf, wer diese Messungen durchgeführt haben sollte und mit was, wenn angeblich bis jetzt niemand hier oben gewesen war. Vielleicht unbemannte Sonden, redete ich mir schließlich ein, um mich zu beruhigen.
Ich atmete tief durch. »Danke …« Ich lächelte verlegen, denn ich war wirklich froh, dass wir heil hier heraufgekommen waren. »… für die sichere Landung.«
»Gern geschehen. Was hast du denn erwartet, Frau Journalistin? Dass ich das Ding ramme?« Ben sah sich zu mir um. Sein Ausdruck war freundlich wie immer. Ich verstand ihn nicht. Ich hatte ihn gestern derart beleidigt und er schluckte es einfach herunter.
»Nun … so etwas in der Art ging mir durch den Kopf, ja«, sagte ich offen und lächelte zurück. Zumindest hoffte ich, dass ich es tat.
»Da hatten wir wohl echtes Glück … Okay, mein Part dieses Trips ist erledigt. Nun, Chuck, dann öffne mal die Blechbüchse.« Ben nahm alles offensichtlich gelassen hin. In mir dagegen brodelte es.
Der Junge machte sich mit dem Tablet und einigem Zubehör an die Arbeit. Xell assistierte ihm wortlos, reichte ihm Werkzeug oder schraubte selbst an irgendetwas herum. Es war still. Selbst ich unterließ meine bissigen Kommentare. Ich lauschte dem Summen des Akkuschraubers.
Schließlich glitt tatsächlich eine Luke auf. Es zischte kurz. Ich war überrascht, dass es so einfach gewesen war, diesen Koloss zu öffnen und ein kalter Schauer strich mir über den Rücken. Wurden wir erwartet?
Xell hingegen schien daran keinen Gedanken zu verschwenden. Ohne zu zögern, schwebte er hinein. Wir anderen warteten gespannt. Nach einiger Zeit tauchte er wieder an der Öffnung auf.
»Nichts Verdächtiges auszumachen. Keine Lebenszeichen. Ihr könnt reinkommen. Seid allerdings nicht überrascht, wenn ihr gleich auf den Boden fallt.«
Interessanterweise kroch der sonst so ängstliche Chuck als Erster hinter Xell ins Innere des unbekannten Flugobjektes. Ben und ich folgten. Wie angekündigt wurden wir vom Boden des Kolosses angezogen. Nach dem Schließen der Luke baute sich die künstliche Schwerkraft in bekannter irdischer Stärke auf. Es war angenehm und ich atmete erleichtert auf. Die Übelkeit dauerte noch geraume Zeit an. Aber ich hatte meine Sprache wiedergefunden. Vielleicht auch, weil wir lebend angekommen waren, ohne gegen den Koloss zu prallen, und weil uns momentan noch keine schleimigen Aliens überfallen hatten.
»Was nun, Cyborg?« Ich grinste.
Er drehte sich schneller um, als ich erwartet hatte. Die Prothese schoss vor, krallte sich um meinen Hals und drückte mich unsanft gegen die Wand. Der Aufprall meines Körpers erzeugte ein dumpfes Geräusch. Ben und Chuck beobachteten die Szene, wagten aber nicht, einzugreifen. Meine Finger umschlossen Xells Handgelenk. Doch zu mehr war ich nicht in der Lage.
»Du hast ein reichlich großes Maul für einen Junkie! Und wie ich sehe, geht es dir wieder gut.«
Ich spürte das Stahlskelett der Hand unter seiner Haut. Die Servos summten leise, als er weiter zudrückte. Mir blieb die Luft weg.
Wieso rastete er jetzt so aus? War da nicht gestern Abend etwas zwischen uns gewesen? Ein kleiner Funke?
Ich blickte ihm trotzig in die Augen. Sie waren blau. Wenn ich es nicht gewusst hätte, wäre mir kaum ein Unterschied der beiden Augen aufgefallen. Das Linke sollte künstlich sein, erinnerte ich mich. Eine Narbe zog sich senkrecht davon über seine Wange.
Verzweiflung bemächtigte sich meiner und ich versuchte, ihn mit der linken Hand von mir wegzudrücken.
»Was ist los, Junkie? Suchst du den Schalter?«
»Lass mich los, du …«, fauchte ich röchelnd.
»… du was?«
Er verzog den Mund zu einem Lächeln.
Ich rang nach Luft. Im Augenwinkel sah ich Chuck nervös mit den Augen zucken und Ben hatte die Arme vor der Brust verschränkt. Von ihnen war also keine Hilfe zu erwarten. Ich zwang die anrollende Panik zurück.
Der Druck in meinem Kopf wuchs. Obwohl ich an die Terroristen dachte, die er gegen seinen Befehl nicht eliminiert hatte, und ich mir sicher war, dass er mir nur Angst machen wollte, kam mein Knie zu einem anderen Entschluss und fuhr hoch.
Abrupt ließ die Hand los. Der Cyborg krümmte sich und ging in die Knie.
Ich sog japsend die Luft ein und hustete sie aus, als meine Lungen den Betrieb wiederaufnahmen.
»Da scheint ja wirklich noch etwas echt zu sein. Oder hab ich den Ausschalter erwischt?«, stichelte ich und lachte.
Allerdings nicht lange. Er hatte sich verblüffend schnell von dem Schmerz erholt, und als er jetzt aufblickte, war purer Hass in seinem Blick. Xell wollte sich wieder auf mich stürzen. Diesmal ging Ben dazwischen und legte ihm die Hand auf die Schulter.
»Hey, könnt ihr mit eurem Liebesspiel jetzt mal aufhören?«, sagte er bedächtig ruhig. »Genau aus diesen Zwistigkeiten entwickeln sich Katastrophen. Davon könnte ich euch ein Lied singen, aber dafür ist keine Zeit. Wir haben hier Wichtigeres zu erledigen.«
»Ja«, meldete sich auch Chuck mit zitternder Stimme. »Wir könnten hier jeden Moment von schleimigen Aliens angegriffen werden, und ihr streitet euch wie ein altes Ehepaar.«
Xell entspannte sich. Ich beobachtete, dass er tief durchatmete und dann wieder sein Pokerface aufsetzte. Ich hielt mir weiterhin den Hals. Diese Roboterhand hatte unnatürliche Kraft. Der Mann, dem sie gehörte, schob Ben beiseite und kam ganz dicht an mich heran.
»Nenn mich nicht noch einmal Cyborg!«, zischte er in mein Ohr.
»Und ich bin kein Junkie«, knurrte ich zurück.
»Gut.« Er drehte sich um, nahm das Gewehr vom Rücken und prüfte die Kontrollanzeigen. »Dann lasst uns mal nachsehen, ob jemand zu Hause ist.«
Während meine sich wie Gummi anfühlenden Beine mechanisch den Männern folgten, untersuchten meine Augen systematisch die metallenen Wände des nur dürftig beleuchteten Gangs. Ringsum registrierte ich Rohrleitungen und Kabel. Es waren keine Türen oder Verzweigungen auszumachen. Das spärliche Licht tauchte das Innere des Kolosses in gespenstisches Blau. Xell ging voran, dann folgte Chuck. Ich hielt respektvollen Abstand zu dem Cyborg. Die Nachhut bildete Ben.
Ich hoffte, dass keiner von ihnen bemerkte, dass meine Hände immer noch zitterten. Die Tatsache, dass Xell die einzige Waffe besaß, machte es nicht besser. Und ich wagte zu bezweifeln, dass er sie einsetzen würde, um ausgerechnet mich zu verteidigen.
»Hey, Leute. Wartet mal.« Ben war zurückgeblieben und betrachtete interessiert etwas an der Wand.
Xell drehte sich um. »Was ist los?«
»Wenn das hier ein Alienraumschiff ist, bin ich der Kommandant.« Ben zeigte auf ein kleines gelbes Schild. Darauf stand in bekannter irdischer Schrift Radioaktiv. Darüber war das entsprechende Symbol und darunter einige Zahlencodes abgedruckt. Mir lief es kalt den Rücken herunter. Auch Xell und Chuck standen ratlos davor.
»Wieso hast du das nicht mit deinen Supersinnen entdeckt?« Ich blickte Xell fragend an.
Er runzelte die Stirn und ich hatte das Gefühl, so etwas wie Verlegenheit in seinem Gesicht zu erkennen. »Touché!«, murmelte er.
Das nahm mir den Wind aus den Segeln und eine unerklärliche Angst kroch durch meine Eingeweide, die nichts mit Xell zu tun hatte.
Der Cyborg kontrollierte abermals seine Waffe. »Ich habe das ungute Gefühl, dass wir hier verladen werden.«
»Da muss ich dir ausnahmsweise einmal zustimmen«, entgegnete ich und blickte mich unsicher um.
Unsere Schritte hallten durch den Gang. Weiterhin waren weder Türen noch Abzweigungen zu erkennen. Wir wanderten stundenlang ins Nichts. Die Beleuchtung war so dürftig, dass ich nur wenige Meter vorauszuschauen vermochte. Vor uns herrschte einfach nur Dunkelheit. Ich hielt mich nun enger an Xell, denn die unbekannte Gefahr, die hier lauern könnte, machte mir mehr Angst als der Cyborg. Schließlich hatte er mich nie von sich aus angegriffen, sondern nur auf meine verbalen Attacken reagiert. So ein Arsch war er also gar nicht. Im Grunde war ich der Arsch.
»Ich brauche eine Pause«, sagte ich irgendwann und stoppte meinen Lauf.
Die anderen blieben ebenfalls stehen. Xell drehte sich zu mir um, musterte mich kurz und dann nickte er.
Ich setzte mich auf den Boden, zog die Wasserflasche aus einer Tasche meines Alienschleim absorbierenden Superduper-Kampfanzugs und nahm einige Schlucke.
»Was glaubst du, was das mit den Schildern bedeutet?«, fragte Chuck und blickte dabei Xell an.
»Keine Ahnung.« Auch der Cyborg hatte sich hingehockt und trank aus seiner Flasche. »Entweder haben die Aliens unsere Schrift geklaut oder dieses Ding ist ein menschengemachtes Produkt. Aber warum dann diese Aktion? Wieso die Heimlichkeit?«
»Das ist eine wirklich interessante Frage«, murmelte Chuck.
»Womöglich sind wir so was wie Versuchskaninchen«, entgegnete Ben. »Überlegt doch mal! Wer sind wir?«
»Ein Haufen entbehrlicher Arschlöcher«, antwortete ich mechanisch.
Xell warf mir erneut den kalten Blick zu. »Vielleicht hätte ich mich ein wenig gewählter ausgedrückt … aber ja. Damit hast du durchaus recht. Wir sind niemand. Eventuell so eine Art Kanonenfutter.« Sein Gesichtsausdruck wurde plötzlich freundlich.
»Oder Alienfutter.« Chuck lachte. Es klang beinahe hysterisch. »Vielleicht züchten sie hier irgendwas Illegales.«
»Finden wir es heraus.« Xell erhob sich, nahm die Waffe in Anschlag und schritt forsch weiter voran.
Wir anderen drei folgten ihm wie Gänseküken der Mutter.
Nach Stunden gelangten wir endlich an das Ende dieses sinnlos wirkenden Metallkastens. Die Wand vor uns schien eine Tür zu sein.
Xell tastete sie mit der linken Hand ab. »Chuck, hast du eine Idee?«
Der Junge begann, die Tür zu untersuchen.
Ich weiß nicht, was mich ritt, aber ich schob ihn zur Seite. »Vielleicht sollten wir einfach mal klopfen.« Ich schlug mehrmals mit der Faust dagegen.
Xell lachte herzlich amüsiert. »Ich glaube, du hast heute wirklich ein paar Pillen zu viel genommen, Dysti.«
Ein Zischen ließ ihn herumfahren. Ich trat ebenfalls überrascht einen Schritt zurück. Xell nahm automatisch das Gewehr an die Wange. Ben und Chuck drängten sich hinter ihm in den Schutz der Waffe. Die Tür öffnete sich. Licht quoll heraus. Es blendete mich einen Moment.
Im Gegenlicht erkannte ich eine Gestalt, aber es war kein schleimtriefender Alien. Es war ein Mann, hager und nicht bedrohlich wirkend. Sein Anzug schien um Nummern zu groß. Wirres langes Haar und ein zerzauster Bart umrahmten ein schmales Gesicht. Seine großen dunklen Augen blickten freundlich. Er lächelte uns an, blieb aber abwartend auf Abstand.
Xell senkte langsam die Waffe und trat ein. Er ging im Raum umher und durchsuchte ihn. Ich nahm an, dass er irgendwelche Systeme hatte, mit denen er Waffen oder Überwachungsgeräte oder sonst etwas aufspüren konnte. Schließlich legte er sein Gewehr auf ein Pult und baute sich vor dem Fremden auf.