Der Kolumbianer - Hans Jürgen Domnick - E-Book

Der Kolumbianer E-Book

Hans Jürgen Domnick

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Beschreibung

Eduardo Ortega da Silva, 'Der Kolumbianer', ein erfolgreicher Geschäftsmann aus Bogotá und dort auch mit staatlichen Aufgaben befasst, wird durch einen persönlichen Schicksalsschlag aus seinem gewohnten Leben geworfen. Die Ereignisse zwingen ihn zu Entscheidungen, die ihn mit Teilen der kolumbianischen politischen Klasse in Konflikt bringen. Von diesen gejagt, flieht er nach Deutschland und Österreich, beantragt und erhält Asyl und baut eine neue Existenz auf. Nach erfolgreichen Jahren ergeben sich für ihn aus wirtschaftlichen Ursachen neue Schwierigkeiten. Ortega wird zur Zielperson eines deutschen Landeskriminalamtes und im Rahmen einer großangelegten Aktion dazu gebracht, sich in Verhandlungen mit kolumbianischen Drogendealern und der kalabrischen N'Drangheta einzulassen. Obwohl er erst durch die Machenschaften des LKA zum Täter - zum Opfer - wird, verurteilt ein Landgericht ihn zu neun Jahren Gefängnis. Seine Vergangenheit holt ihn sogar während der Haft ein und Ortega und seine Familie können nur durch ganz besondere Maßnahmen geschützt werden, die ihr Leben völlig verändern und sie vor schwerwiegende neue Herausforderungen stellen. Florian Sommer, ein Freund seit der Zeit, als alles begann, berichtet als zeitweilig direkt Beteiligter bis in die Gegenwart hinein über dieses außergewöhnliche, an überraschenden und spektakulären Ereignissen und Wendungen reiche Leben, für das zu großen Teilen ein Sprichwort aus Kolumbien seine Gültigkeit hat, auch für Eduardo Ortega da Silva, der es gelegentlich selbst erwähnte: "Nadie es perfecto, pero quien quiere ser nadie" (Niemand ist perfekt, aber wer möchte schon niemand sein)

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Seitenzahl: 405

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Für ‚R.‘ –

‚NADIE ES PERFECTO, PERO QUIEN QUIERE SER NADIE‘

Erythroxylum Coca

Autor - Hans Jürgen Domnick, geboren 1938 in Königsberg/Ostpreußen, heute wohnhaft im norddeutschen Stade, war über fünfzig Jahre als internationaler Stahlhändler, Weltreisender und teilnehmender Beobachter tätig. Ständige Begleiter waren Erlebnisse, Erfahrungen jeglicher Art und auch Begegnungen mit außergewöhnlichen Menschen, manche davon unvergesslich und eine, so packend und beeindruckend, dass sie, als eine ganz besondere unter vielen, seiner Meinung nach aufgeschrieben werden musste und so zum Fundament des vorliegenden Romans wurde. Hans Jürgen Domnick hat bereits Vieles aus seinem Leben in seiner Autobiografie ‚One For The Road‘ geschildert und, angeregt durch tatsächliche Ereignisse, in der überaus spannenden Geschichte ‚Hamburgensie‘ berichtet und sagt von sich selbst ‚Ich musste immer weiter und nicht alles war Gold, was dabei an weiten Wegen glänzte‘.

Inhalt

Register

Kapitel 1 - Der Brief

Kapitel 2 - Eduardo

Kapitel 3 - Zürich

Kapitel 4 - Die Stunden vorher

Kapitel 5 - Der Anschlag

Kapitel 6 - Die Tage danach

Kapitel 7 - Vorbereitungen

Kapitel 8 - Die andere Seite 1

Kapitel 9 - Pläne

Kapitel 10 - Im Untergrund

Kapitel 11 - Nachrichten

Kapitel 12 - Die andere Seite 2

Kapitel 13 - Caracas

Kapitel 14 - Die Flucht

Kapitel 15 - Wien

Kapitel 16 - Eklat in Bogotá

Kapitel 17 - Shanghai

Kapitel 18 - Wiedersehen

Kapitel 19 - Neue Partner

Kapitel 20 - Neapel

Kapitel 21 - Die Vereinbarung

Kapitel 22 - LKA Hessen

Kapitel 23 - MS ‚Tres Estrellas‘

Kapitel 24 - Zugriff

Kapitel 25 - Vor dem Prozess

Kapitel 26 - Das Urteil

Kapitel 27 - Der Brief

Kapitel 28 - Verschwunden

Kapitel 29 - Unglaublich

Kapitel 30 - All die Jahre

Kapitel 31 - Das Programm

Kapitel 32 - Ab jetzt

Kapitel 33 - Gegenwart

Epilog

Register Personen und Firmen

Florian Sommer – Erzähler

Stefan Auf der Maur – Generaldirektor

Eduardo Ortega da Silva – Der Kolumbianer

Carla Ortega Obando – Eduardos Frau

Adrian und Manuel – Eduardos Söhne

Eloy Ortega Lorca – Eduardos Vater

Antonia Martín – Eduardos Tante

Theresa – Haushälterin

Emilia – Freundin von Carla

Raúl Lopez Mendoza, Bertrand Neuville, Jorge Campo, Tom Bartín,

Roberto Infante Barriga – Eduardos Freunde und Vertraute

Antonio Ramos – Eduardos Neffe

Christiano Costas – Eduardos Büroleiter

Armando Ochoa Caro – Partner/Vorstand TV-Sender

Juanito – Regisseur TV-Sender

Carlos Acevedo Calvo – Stellvertretender Verteidigungsminister

Benito Dominguez Toro – Ehemaliger Finanzminister

Paulo Obra Hurtado – Direktor im Finanzministerium

Ramón Vásquez Rivera – Hoher Beamter im Innenministerium

Pablo Escobar – Drogenbaron Medellín Kartell

Manuel Torres Rios – Finanzchef Medellín Kartell

Juan García Reyes – Brigadegeneral (BG) – Nationale Polizei Bogotá

Pedro Herrera de Márquez – Coronel (CL) - Leiter Spezialeinheit I

Santos Cuervo Salgar – Capitán (CPT) - Leiter Spezialeinheit II

Angel Mendoza Acosta – Senator DAS

Rafael Olaya – ‚El Inteligente‘ – Drogenbaron Bogotá

Carlos Martí – Drogenhändler Bogotá

David Cross – Kontakt USA

Peter Tanner - Kontakt England

Herbert Krummer – Kriminaldirektor LKA Hessen, Wiesbaden

Anna Rothert – Oberkommissarin LKA – Airport Frankfurt

Paul Herzig - Hauptkommissar LKA Hessen

Emma Soncina – Oberkommissarin LKA Hessen

Carlo de Rossi – Oberkommissar LKA Hessen

Luca Waldner – Oberkommissar LKA Hessen

Henry Berger – Kommissar - LKA Kontakt Bogotá

Antonio Ponte – Kommissar - LKA Kontakt Bogotá

Justus Blohm – Kommissar Polizei/Zoll Bremen

Peter Krabbe – Kommissar Polizei Hamburg

Henry Pohl – Commissario – Kontakt Italien

Andrea Colombo – Commissario – Kontakt Italien

John Mahler – Oberkommissar Schutzprogramm

Lydia Hansen – Kommissarin Schutzprogramm

Siegfried Witek – Major – Verbindungsmann Österreich

Dario Urdana – Kommissar – Gast beim LKA

Juan Restrepo – Kommissar – Gast beim LKA

Milan Santino – Drogenhändler / Mafioso

Salvatore Terranova – Drogenhändler/Mafioso

Karlheinz Hamburger – Richter am Landgericht Frankfurt

Julia Frey, Dr. – Anwältin

Johannes Freund – Direktor IWM S.A.

Maria Gabrielli – Leitende Mitarbeiterin IWM S.A.

Riccardo Alfieri – Direktor/Mitarbeiter Ital-Commercio S.a.r.l.

Enrico Marazzi – Mitarbeiter Ital-Commercio S.a.r.l.

Lucas Engel – Inhaber F.J.E. Trading, Wien

Jaime Moreno – Kaufmann/Vertriebsleiter

Sofía Moreno – Jaimes Frau

León Moreno – Jaimes Sohn

Claudio Moreno – Jaimes Sohn

Kapitel 1 - Der Brief

Ich traute meinen Augen nicht! Nein – das konnte unmöglich wahr sein, aber dennoch, es war so – vor meinen Augen, auf meinem Schreibtisch lag ein Brief, den mir soeben unser Bürobote gebracht hatte. Es war ein Brief von meinem fast vergessenen Freund Eduardo Ortega da Silva, ein völlig überraschendes ‚Hier bin ich‘ nach einer Zeit jahrelangen Schweigens, in der ich von ihm keine Nachricht, nicht ein Lebenszeichen erhalten hatte, Eduardo war irgendwann einfach verschwunden und ich hatte aufgehört, über ihn und die Gründe für seine plötzliche Abwesenheit nachzugrübeln und darüber, was ihm geschehen war. Das war mir alles andere als leicht gefallen nach dem, was geschehen war. Doch als meine anfänglichen Nachforschungen ohne Ergebnis geblieben waren und mir auch keine Erklärungen mehr einfielen, geschah im Laufe der Zeit, was wohl geschehen musste, ich dachte immer seltener an ihn und irgendwann verschwanden meine Gedanken an Eduardo ganz.

Doch nun war es der Brief, der sofort nach dem Lesen meine Erinnerungen zurück rief, der Erlebtes aus der Vergangenheit wieder auferstehen ließ, ein Brief, der dann zum Anfang einer Geschichte wurde, die sich zusammen mit allem, was sich vorher ereignet hatte und dem, was dann folgte, was ich herausfinden konnte, letztlich über mehr als zwei Jahrzehnte hinweg abspielte, von der Zeit, als ich Eduardo kennenlernte und wir Freunde wurden, bis hin zu Ereignissen in der unmittelbaren Gegenwart. Und es ist ohne Zweifel eine ganz außergewöhnliche Geschichte, die sich mir nach und nach im Laufe umfangreicher Suche eröffnete und sie erscheint mir, wie es sich zusammenfügt, geradezu unglaublich, vielleicht auch, weil ich mich selbst eingeschlossen finde, am Anfang, als alles begann und immer wieder im Laufe der vergehenden Zeit.

Ich möchte daher versuchen, eine Geschichte zu erzählen, so, wie ich sie in Teilen erlebt und miterlebt habe und wie ich sie rekonstruieren kann aus Informationen, die mir aus vielen Quellen und zum Ende hin auch aus persönlichen Gesprächen zugänglich waren. Eduardo ist sicher damit einverstanden.

Mein Name ist Florian Sommer. Zu der Zeit, als mich der Brief erreichte, war ich für ein bedeutendes und auf allen Kontinenten tätiges Unternehmen für internationalen Handel in der Cannon Street im Bankenviertel Londons tätig.

Meine Ausbildung hatte ich in Deutschland erhalten und abgeschlossen und konnte dort auch die ersten praktischen Erfahrungen in verschiedenen Bereichen des weltweiten Handels machen. In der großen Stadt lernte ich auch meine spätere Frau kennen, wir heirateten bald, vielleicht ja zu schnell, denn schon wenige Jahre später ließen wir uns scheiden, gemeinsame Kinder gab es nicht und seitdem lebte ich für mich alleine, jedenfalls ohne eine feste Bindung. Einige Jahre später ergab sich die Möglichkeit, als Vertreter der Firma in Asien zu arbeiten und ich nahm das Angebot dankend an, zumal ich schon immer den Wunsch hatte, andere Länder, andere Menschen und Kulturen kennenzulernen. Diesen Wunsch, ja, diesen Traum hatte ich wohl schon, als ich mich während der Schulzeit auf dem Gymnasium einer kleinen Stadt in Schleswig-Holstein dafür entschied, die neusprachliche Richtung einzuschlagen und, neben dem üblichen Latein und Englisch, auch das Spanische und Französische zu studieren. Vielleicht setzte mein ‚Fernweh‘ auch bereits viel früher ein, als es bei uns zu Hause das erste neue Radio gab. Es war ein Gerät der Marke ‚Nordmende‘, mit sechs Lautsprechern und dem ‚magischen Auge‘, dazu die Skala mit den vielen fremden Sendern und Ortsnamen – Bari, Wien, Belgrad, Hilversum, Monte Ceneri und mehr – und ich lauschte auf Mittel-, Lang- und Kurzwelle den teilweise unbekannten Sprachen. Ich denke jedenfalls, dass meine Neigung und später meine erworbenen Sprachkenntnisse neben dem ansonsten recht ‚übersichtlichen‘ Reifezeugnis ausschlaggebend dafür waren, einen Ausbildungsplatz bei einer renommierten Hamburger Handelsfirma zu erhalten, da war man ansonsten nämlich ziemlich wählerisch bei der Auswahl der ‚Lehrlinge‘.

Nach zwei mehrjährigen Verträgen in Asien über insgesamt sechs Jahre kehrte ich nach Deutschland zurück, wechselte jedoch bald danach meinen Arbeitgeber und nahm neue Aufgaben in einem Unternehmen in Zürich in der Schweiz an, wo ich zunächst weiterhin in Zusammenarbeit mit und als Verantwortlicher für dessen Niederlassung in Singapur für das Asiengeschäft zuständig war, im Laufe der Zeit jedoch auch mit Südamerika zu tun hatte. Ich blieb dieser Firma über viele Jahre verbunden, auch als sie mit einer bedeutenden Gruppe und einem ähnlich ausgerichteten, jedoch erheblich größeren Portfolio mit Sitz in London fusionierte und ich für eine leitende Position in die Londoner Zentrale berufen wurde.

Doch zurück zu dem Brief, den ich plötzlich und unerwartet nach dieser so langen Zeit von Eduardo erhielt, ein Brief, der Erklärungen versuchte für Ereignisse, mit denen dieser sich in den vergangenen Jahren konfrontiert sah. Vieles blieb mir dennoch im Dunkeln und ließ mich zunächst einmal erstaunt, mit vielen Fragen und auch einer gewissen Ratlosigkeit zurück. Doch letztlich brauchte ich nicht lange, bis ich mir im Klaren darüber war, dass und in welcher Weise ich auf diesen Brief reagieren, wie ich ihn beantworten wollte – nein –beantworten musste. Aufgegeben war das Schreiben in Deutschland, der Umschlag vermerkte neben dem Namen als Adresse lediglich ein Postfach und einen Ort, anscheinend eine kleinere Stadt in Hessen, sowie, worüber ich natürlich verwundert war, den Namen einer Justizvollzugsanstalt, also eines Gefängnisses. Getrieben von einer Mischung aus Neugier, Spannung und, aufgrund des Inhaltes auch einer gewissen Besorgnis, brachte ich meine Antwort an Eduardo auf den Weg, und es folgten über zwei Wochen gespannten Wartens auf eine Nachricht. Dann jedoch kam mein Brief zurück mit der Bemerkung ‚Zurück an Absender‘. Daraus ergaben sich natürlich neue Fragen und ich fand mich erneut in einem Zustand zwischen Sorge und dem Wunsch, den alten Freund wiederzusehen und mehr von ihm zu erfahren. Es musste doch herauszufinden sein, was es mit dieser ganzen Geschichte auf sich hatte, aber alle weiteren Versuche, ein Anruf bei dieser JVA, deren Telefonnummer ich herausgefunden hatte, und Kontakte zu übergeordneten Stellen brachten mir keine weitere Erkenntnis, denn überall erhielt ich lediglich in etwa gleichlautende Aussagen, nämlich dass man keine Auskünfte irgendwelcher Art geben könne. Meine Neugierde jedoch ließ mir keine Ruhe. Ich begann, in meinen Erinnerungen zu kramen, weitere Nachforschungen anzustellen, mögliche Quellen zu untersuchen und war bis zu einem gewissen Grad auch tatsächlich erfolgreich in meinen Bemühungen. Das bezog sich jedoch in erster Linie auf Ereignisse, die sich vor Jahren und in Eduardos Heimat Kolumbien ereignet hatten und ließ mich mit erheblich mehr und immer wieder neuen Fragen zurück. Was jedoch seit unserem letzten, lange zurückliegenden Zusammensein geschehen war und Einzelheiten über Eduardos bewegendes Schicksal erschlossen sich erst nach einer langen Zeit und ganz am Ende meiner intensiven Suche und das ist eine wahrhaft fantastische Geschichte. Und hier sind sie also, seine Geschichte und er selbst -

Eduardo Ortega da Silva – ‚Der Kolumbianer‘.

Kapitel 2 - Eduardo

Es war im Februar 1984, als mir durch einen unserer Gesellschafter ein Herr aus Kolumbien vorgestellt wurde, Eduardo Ortega da Silva, gebildet, angenehm, fließend, neben dem Spanischen, englisch und deutsch sprechend, mit sehr engen Verbindungen zum dortigen Handel und der Industrie und ebenso zu staatlichen Behörden. Ortega stammte aus einer angesehenen und anscheinend vermögenden kolumbianischen Familie, teils sogar mit politischen Ambitionen und war leitendes Mitglied in verschiedenen Ausschüssen und Kammern der Regierung, insbesondere auf den Gebieten von Wirtschaft und Finanzen. Er hatte in Europa studiert, war für einige Jahre kolumbianischer Konsul in Zürich in der Schweiz und Träger des deutschen Bundesverdienstkreuzes als Förderer der deutsch-kolumbianischen Wirtschaftsbeziehungen. Er hatte in Bogotá eine eigene Firma gegründet mit Vertretungen verschiedener europäischer Firmen, zum Beispiel Messerschmitt-Bölkow-Blohm GmbH in Deutschland und Banken, unter anderem der deutschen Berliner und Frankfurter Bank (BHF). Darüber hinaus besaß Ortega Forstbetriebe und relativ große Waldbestände mit Edelhölzern. Unter Vermittlung der Zürcher Kantonalbank, eine unserer bevorzugten Banken, hatte sich die Verbindung zu unserem Unternehmen ergeben. Wir diskutierten bei diesem ersten Treffen generelle Fragen und Möglichkeiten für Geschäfte in Kolumbien, ein für uns ziemlich neuer Markt, und es gab anscheinend auch recht konkrete Ansätze zum Beispiel für den Import von Papier – in Kolumbien wurden damals Kataloge und Bücher für viele europäische Länder gedruckt und hergestellt – und insbesondere von Sicherheitspapieren für die kolumbianische Münzanstalt. Es folgten weitere Gespräche in den folgenden Tagen und, da eines unserer wichtigen Gebiete das Geschäft mit Papier war, einschließlich dem für Banknotenpapiere, wurde eine Kooperation vereinbart und gleichzeitig ein baldiger Besuch in Kolumbien vorgesehen, um den für uns bisher eher weniger bedeutenden Markt und entsprechende Kunden kennenzulernen. Diesen Besuch sollte ich durchführen, da ich die spanische Sprache beherrschte und Markt und Material in meinen Aufgabenbereich fielen.

Neben den Verhandlungen in unserem Büro gab es einige gemeinsame Abendessen und weniger formelle Treffen und zwischen uns, Eduardo und mir, entwickelte sich fast spontan eine gegenseitige Sympathie, wir fanden viele gemeinsame Interessen und auch Gesprächsthemen. Eduardo reiste zurück nach Kolumbien, für meinen Besuch wurde der nächste Monat vereinbart und so flog ich Anfang März gespannt und voller Erwartungen nach Bogotá.

Der geschäftliche Teil meiner Reise, die dank Eduardo ein voller Erfolg wurde, ist an dieser Stelle von geringerer Bedeutung. Ich musste zwar feststellen, dass für eine Reihe von Produktgruppen Importe aus Europa kaum eine Chance gegen Japan hatten, die Japaner dominierten viele Bereiche. Aber zum Beispiel war unser Besuch in der Druckerei der Banco de la República überaus beeindruckend. Dort waren Maschinen von König & Bauer, dem österreichischen, weltweit bedeutendsten Hersteller von Gelddruckmaschinen, installiert und in Operation, geliefert durch die Firma F.J.E. Trading GmbH in Wien und, wie man erwähnte, besonders betreut durch deren Eigentümer, Herrn Lucas Engel, den zuständigen Generalvertreter für Südamerika. Die Firma König & Bauer war mir ein Begriff, nicht jedoch F.J.E. Trading GmbH als deren Vertretung und nach meiner Rückkehr aus Kolumbien, als Eduardo erneut nach Europa kam, nahm ich bald Kontakt auf und wir lernten Lucas Engel kennen.

In Bogotá verliefen unsere Gespräche mit der staatlichen Münze positiv und wir konnten noch während meines Besuches tatsächlich konkrete Verhandlungen über die Lieferung von Sicherheitspapieren beginnen, was ganz sicher an Eduardo selbst und seinen Verbindungen lag. Außerdem ließen sich erste Gespräche über den Export von Kohle vielversprechend an.

Es waren eindeutig geschäftliche Interessen, die Eduardo und mich zusammenführten, die entsprechend und über einen langen Zeitraum hinweg auch immer wieder ihren Platz bei unseren Treffen, Gesprächen und gemeinsamen Verhandlungen einnahmen. Aber dennoch, für die Geschichte Eduardos, um die es geht, waren diese und weitere geschäftliche Aspekte von geringerer Bedeutung und daher darf es nicht verwundern, dass andere und in dieser Beziehung wichtigere Ereignisse im Vordergrund stehen, die eher das private Umfeld Eduardos betreffen, ebenso wie unser Verhältnis zueinander, soweit ich, oft mit langen Unterbrechungen, immer wieder von Neuem eingebunden war und viele davon sind, ja, überaus einzigartig und mir daher unvergesslich.

Schon mit Eduardo durch Bogotá zu gehen, sei es auch nur über die kurze Entfernung zwischen meinem Hotel und dem Büro, sei es auf dem Weg zu einem Restaurant oder einer Bar, es war erstaunlich und mein Eindruck war, dass Eduardo überall bekannt war und gegrüßt wurde. Immer wieder geschah es, dass vorübergehende Menschen Eduardo einen Gruß zuriefen, oft auch gefolgt von kurzen Gesprächen, für die wir dann verweilten und denen ich als erstaunter Teilnehmer folgen durfte.

Zwischen geschäftlichen Terminen in Bogotá und Besuchen in Cartagena, Medellín und Cali gab es immer Zeit für Unterhaltungen und Eduardo wurde nicht müde, mir so Vieles zu erzählen und zu erklären, im Gegenteil, es machte ihm Freude, zumal er in mir wohl einen interessierten Zuhörer fand. So hatte er für mich zum Beispiel anlässlich eines unserer Besuche bei der ‚Banco de la Republica‘ einen geführten Besuch im ‚Museo del Oro‘ arrangiert, dem berühmten Goldmuseum, das von der Bank schon 1939 eingerichtet wurde und seither betrieben wird. Dort werden, neben anderen historischen Kostbarkeiten, insbesondere aus Gold gearbeitete präkolumbianische Fundstücke ausgestellt und die Sammlung von weit über 30.000 Objekten ist wohl die größte ihrer Art weltweit. Die Räume sind fast alle mit schwarzem Stoff tapeziert und die Mengen von speziell beleuchteten Stücken aus purem glänzenden Gold – ein ganz besonderes ist das ‚Goldfloß von Eldorado‘ – gaben mir den Eindruck, geradezu in Gold zu ‚schwimmen‘, es war mehr als beeindruckend.

Auf dem Weg zu einer von Eduardo bevorzugten kleinen Bar ‚El Gallo‘ machten wir ab und zu einen Abstecher in den ‚Parque de los Periodistas - Gabriel García Márquez‘, gewidmet den Journalisten allgemein und insbesondere Kolumbiens berühmtestem Dichter Márquez, über den Eduardo nicht ohne Stolz erzählte, ebenso wie über ‚El Libertador‘ Simón Bolívar, den Freiheitskämpfer und Nationalhelden Kolumbiens und anderer südamerikanischer Staaten wie Venezuela, Panama und Ecuador, eines seiner Monumente steht dort im Park. Und Eduardo machte es Freude, den ganzen langen Namen Bolívars aufzusagen, nämlich ‚Simón José Antonio de la Santísima Trinidad Bolívar y Ponte-Andrade y Palacios y Blanco‘.

Kaum zu glauben war, dass Bogotá vor hundert Jahren nur ein paar Straßen und wenige Tausend Einwohner zählte, die sich allerdings dafür rühmten – auch Eduardo war, denke ich, nicht ganz frei davon – das beste Spanisch der Welt zu sprechen und das Städtchen damals ‚Athen Südamerikas‘ nannten.

Auf unseren gelegentlichen Reisen nach Cartagena, Medellín oder anderen Städten lernte ich ein wenig von Land und Leuten außerhalb Bogotás kennen und immer hatten wir ausreichend Gelegenheit für interessante Unterhaltungen, ich konnte diese Zeit in Kolumbien und mit Eduardo in der Tat genießen und mein Besuch dehnte sich auf über vierzehn Tage aus. Ich lernte dabei auch, dass Eduardo selbst und, wie er sagte, vielleicht alle Kolumbianer, von Natur aus ziemlich stolze Menschen waren.

„Ich“, meinte er einmal, „bin durchaus stolz auf mein Land, obwohl so vieles besser sein könnte, ich bin stolz auf meinen Vater und das, was er tut, ich bin auch stolz auf das, was ich selbst bisher erreichen konnte. Übrigens muss ich auch gestehen, dass mein Stolz es mir oft nicht leicht macht, Dritten gegenüber zuzugeben, wenn ich Probleme habe, eher versuche ich, alles selber zu schaffen, wobei ich weiß, dass das nicht immer so gut ist.“ Dass Eduardo sich mir so öffnete, fand ich bemerkenswert.

In diesen Tagen lernte ich auch Eduardos Familie kennen, seine Ehefrau Carla, die beiden Söhne Adrian und Manuel, noch Kinder im Alter von zehn und sechs Jahren und auch Eduardos Vater, der ein über Kolumbien hinaus weithin bekannter und geschätzter Journalist und ‚anchorman‘ bei dem größten privaten Fernsehsender in Bogotá mit einem regelmäßigen eigenen Programm war. Carla war in München aufgewachsen, das einzige Kind aus der Ehe ihrer deutschen Mutter und ihres spanischen Vaters, der an der dortigen Ludwig-Maximilians-Universität lehrte und war mit ihren Eltern erst zurück nach Madrid gezogen, nachdem sie ihr Abitur gemacht hatte. Das erklärte, wie Eduardo mir auf meine Frage bestätigte, auch, dass in der Familie neben Spanisch und Englisch ebenfalls die deutsche Sprache gepflegt wurde und auch die Kinder Adrian und Manuel wurden darin unterrichtet. Eduardo und Carla hatten sich in der Schweiz kennengelernt, als beide an der Universität Zürich studierten, Carla einige Semester Jura und Eduardo Wirtschaftswissenschaften. Nach nur zwei Jahren heirateten sie in Madrid und zogen bald darauf nach Bogotá in Eduardos Heimat.

Bei meinen Treffen mit der Familie Ortega gab es immer reichlich interessante Themen und Aspekte, die Zeit verging mir dabei ein jedes Mal wie im Fluge und sie waren mir Freude und Bereicherung. Die Gespräche und Diskussionen mit Eduardos Vater, Eloy Ortega Lorca, gehörten für mich zu den interessantesten Eindrücken und Einsichten überhaupt, zumal dieser sich als überaus kritischer Beobachter und Kommentator der politischen Szene erwies, ebenso wie von deren vielfältigen Verbindungen zur kolumbianischen Kokainmafia. Die Auswirkungen des illegalen Handels und Konsums mit Drogen und insbesondere mit Kokain aus Kolumbien sorgte seit langem für ständige Berichte und Reportagen in den USA, aber ebenso auch in Deutschland und ganz Europa, daher auch mein besonderes Interesse an dem, was Eloy hierzu zu sagen hatte. Seine Ausführungen bezogen sich in erster Linie natürlich auf die Situation in Kolumbien und waren in der Tat in vieler Hinsicht erstaunlich und ziemlich besorgniserregend, auch wenn, wie man mir versicherte, normale Handelsaktivitäten mit Kolumbien davon kaum betroffen waren.

Mir selbst aber waren bereits während meines Aufenthaltes beim Lesen der lokalen Presse fast tägliche Berichte über dieses Thema aufgefallen und hier durchaus auch kritische und mehr oder weniger deutliche Hinweise auf Verbindungen zu Teilen der politischen Elite.

Eloy Ortega Lorca war dabei, wie ich erfuhr, eine detaillierte Dokumentation in drei Teilen vorzubereiten, die er demnächst im Fernsehen präsentieren wollte, wie sie in dieser Form und so offen und kritisch vorher wohl noch nie gesendet wurde. Im Prinzip war die generelle Situation in Kolumbien zu großen Teilen unübersichtlich und nicht ungefährlich. Es gab in Bogotá ‚auf der Straße‘ tagtäglich Überfälle und Räubereien, es gab die ständigen Konflikte mit der Guerilla-Organisation M-19 und der gegen die Regierung gerichteten FARC (Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia), sowie den verschiedenen Drogen-Kartellen, die mächtigsten waren das Medellín-Kartell und das Cali-Kartell, die unbegrenzte Mittel aus ihrem weltweiten Kokainhandel zur Verfügung hatten und damit Einfluss nehmen konnten auf praktisch alle Bereiche, einschließlich dem der Politik. Und insbesondere auf dieses Thema hatte sich Eloy in seinen geplanten Berichten konzentriert.

Ich kannte den spanischen Vornamen ‚Eloy‘ von einigen Partnern aus Barcelona und als ich dies an einem unserer gemeinsamen Abende beiläufig erwähnte, erzählte Eloy mir, dass die Familie Ortega vor Generationen tatsächlich aus Katalonien eingewandert war und der Name Eloy – der ‚Erwählte‘, wie er lächelnd erklärte – fast immer dem ältesten Sohn einer Familie gegeben wurde.

„Auch Eduardo hier führt diesen Namen ‚Eloy‘, aber lediglich als Zweitnamen und er erwähnt oder benutzt ihn selten, ist doch so, Eduardo, oder? Unter unseren Vorfahren gab es Beamte im staatlichen Dienst, aber auch fast regelmäßig Priester, die sich früher auch missionarisch betätigten, in der neueren Zeit hat es einer sogar zum Bischof von Cali gebracht, nun, das ist aber doch schon einige Zeit her,“

Und etwas nachdenklich fügte Eloy hinzu: „ Unsere Bindung an das ferne, auch zeitlich weit zurückliegende Barcelona meiner Vorfahren ist jedoch niemals ganz abgebrochen, ich habe sogar noch eine Schwester dort, Antonia Martín – unsere ‚Tía Antonia‘, leider sehen wir uns viel zu selten.“

Als sich unser Gespräch wieder der aktuellen Situation zuwandte, ging es um die bevorstehende Präsentation im Fernsehen und anscheinend war das bereits häufiger zwischen Eloy und Eduardo – Vater und Sohn – diskutiert worden und auch, inwiefern die ganze Sache für Eloy gefährlich werden könnte. Drohungen hatte es auch bei ähnlichen Themen bereits in der Vergangenheit gegeben und dies anscheinend von mehreren Seiten, also sowohl von der Drogenszene als auch, mehr oder weniger verdeckt, von politischen Kreisen.

Eduardo meinte: „Florian, ich habe mit meinem Vater hierüber schon häufig gesprochen, doch so richtig überzeugen kann ich ihn nicht. Und im Übrigen kann ich ja seine Gedanken durchaus nachvollziehen, aber in Sorge bin ich trotzdem.“

Eloy antwortete: „ Also, mit Drohungen kann – ja - muss ich leben. Aber das darf mich keinesfalls davon abhalten, Situationen und Sachverhalte, auch schwierige oder gerade solche, zu untersuchen und publik zu machen. Das ist meine Aufgabe, dazu bin ich da, so wie ich es sehe. Wenn wir also unser Motto ‚Colombia es todo‘ – Kolumbien ist uns alles - ernst nehmen, dann gibt es dazu keine Alternative und wie sonst sollten ‚normale‘ Menschen bestimmte Sachverhalte jemals erfahren. Dass selbst die Guerilla-Organisationen wie FARC oder M-19 mit der Drogenmafia kooperieren und so einen Teil ihrer finanziellen Mittel erwirtschaften, das ist so und lässt sich auch kaum ändern. Dass bei uns jedoch Drogenbarone ihre schier unbegrenzten Mittel einsetzen, um bestimmte Kreise in der Politik, ja, auch in hohen Positionen, zu beeinflussen und diese in die von ihnen gewünschte Richtung zu steuern, das geht einfach nicht. Was meinen Sie, Florian?“

„Nun“, sagte ich, „ich habe durch meinen Besuch und unsere Gespräche Vieles über ein für mich bisher recht unbekanntes Land erfahren dürfen, aber das ist nicht genug, um etwas klar beurteilen zu können. Wenn ich an die Schweiz oder auch an Deutschland denke, dann wäre es leicht, zu sagen ‚klar, darüber muss offen berichtet werden‘, aber hier scheint mir die Situation doch anders zu sein, ja, vielleicht auch gefährlicher, wie ich Ihren Überlegungen entnehmen kann. Ich kann also wenig dazu beitragen.“

„Eduardo, es ist, wie es ist, doch vielleicht kann ich etwas dazu beitragen, dass sich einige Dinge ändern, und das will ich unbedingt versuchen, auch wenn ich gewarnt oder gar bedroht werde, du weißt es doch.“

„Ja, natürlich, es ist in der Tat eine teilweise kritische Lage. In den Abteilungen der Ministerien, mit denen ich zu tun habe, erscheint mir alles seinen geregelten Gang zu gehen und sauber zu sein, obwohl, man weiß ja nie. Doch wenn dir, Vater, etwas Unrechtes geschehen sollte, ich weiß nicht, was ich mit den dafür Verantwortlichen anstellen würde. Ganz sicher würde ich sie so oder so zur Verantwortung ziehen wollen oder gar für Vergeltung sorgen.“

„Lass es gut sein, Eduardo, wir wollen auch nicht spekulieren. Noch bin ich bei den Vorbereitungen und wenn es soweit ist, werden wir sehen.“

Unsere Gespräche an diesem Abend und bei weiteren Gelegenheiten waren für mich, wie gesagt, sehr interessant und aufschlussreich. Meine leichten Zweifel darüber, ob es in geschäftlicher Hinsicht, das erwähnte ich auch gegenüber Eduardo, Probleme bei der Abwicklung von gebuchten Aufträgen geben könnte, wurden von diesem zerstreut, dafür könne er sorgen, es quasi garantieren. Und als ich dann nach diesen Wochen Bogotá verließ, trat ich meine Rückreise mit einem guten Gefühl an und zufrieden darüber, ein wenig mehr über einen neuen Markt, ein neues Land, zu wissen und in Eduardos Familie besonders interessante und liebenswerte Menschen kennengelernt zu haben.

Im Laufe des Jahres und mit der Auslieferung der ersten Aufträge besuchte ich Kolumbien noch zweimal und wieder war es eine wunderbare Zeit im privaten Bereich mit Eduardo und seiner Familie. Eduardo kam dann im Oktober selbst noch einmal nach Zürich. Zwischendurch blieben wir in regelmäßigem Kontakt über Briefe und Telefonate und so entwickelte sich unsere Verbindung hin zu einer vertrauten Freundschaft.

Übrigens erfuhr ich auch, dass sich die Sendung von Eloys Fernsehproduktion verschoben hatte und aus bestimmten Gründen nun erst für den Februar 1985 fest eingeplant werden konnte.

Auch wenn es scheinen mag, dass die Zeit für das Entstehen und Wachsen einer intensiven Beziehung, besonders über die weite Entfernung hin, zwischen Eduardo und mir relativ kurz bemessen war, es geschah trotzdem – genau so war es.

Kapitel 3 – Zürich

Manchmal geschehen erstaunliche Dinge im Leben, völlig unerwartete Ereignisse treten ein, die ganz plötzlich total veränderte Situationen schaffen, Situationen wie diese, die zumindest ich, Florian Sommer, nicht einmal in meinen kühnsten Gedanken erwarten konnte, geschweige denn, dass ich mir solche überhaupt vorgestellt hatte, vorstellen konnte, dafür gab es nach Lage der Dinge auch nicht den geringsten Anlass.

Um die geschäftliche Seite kurz zu erwähnen, die ersten Kontrakte waren ausgeliefert und ordnungsgemäß bezahlt worden und Verhandlungen über Folgegeschäfte befanden sich im Anfangsstadium, jedoch mit sehr positiven Aussichten. Bei der Abwicklung der Aufträge hatten wir bisher keinerlei finanzielle Schwierigkeiten oder Probleme gehabt oder gar Reklamationen und Schäden regeln müssen. Die kommenden Ereignisse waren dann, für uns alle in der Firma ersichtlich, dermaßen überraschend, die Veränderungen so unvorhersehbar, dass es auch für mich persönlich, der ich doch die Verbindung mit Eduardo immer eindeutig positiv dargestellt hatte, seitens der Gesellschafter in der Firma keinerlei Vorwürfe geben konnte oder gar negative Konsequenzen entstanden. Was also geschah, was beendete ganz plötzlich unsere gerade erst begonnenen Geschäfte mit Kolumbien, was unterbrach die regelmäßigen Kontakte zu Eduardo und zu seinem Büro in Bogotá? Was führte zwangsläufig auch die Verbindung zwischen Eduardo und mir erst einmal scheinbar ins Nichts und das praktisch von einem Augenblick auf den anderen?

Es war recht kalt an 14. Februar 1985, in der Nacht hatten wir Temperaturen von nahezu zehn Grad minus, jetzt am Vormittag war es erträglich bei leichtem Schneefall aus geringer Bewölkung, ein schöner Tag hatte begonnen. Ich saß an meinem Schreibtisch im Büro in der Nähe des Bürkliplatzes, wo die Limmat, Zürichs schöner kleiner Fluss, in den See mündete, mit dem wunderbaren Blick auf den Zürichsee, es war schon ein Arbeitsplatz, wie ich ihn mir angenehmer und schöner kaum vorstellen konnte. Ein Boot der Zürichsee Schiffahrtgesellschaft legte gerade am Bürkliplatz an und entließ seine Fahrgäste aus Thalwil, Rüschlikon oder Rapperswil, andere Schiffe waren in Nähe und Ferne auf dem See zu auszumachen.

In Erwartung unserer morgendlichen Runde hatte ich einige Post durchgesehen, Briefe unterschrieben und zwei Gespräche mit Singapur geführt und machte mich dann auf den Weg in den vierten Stock. Die heutige Sitzung war recht kurz, es gab neben einigen kurzen mehr allgemeinen Informationen keinerlei Probleme, was ich über ein anhängiges Geschäft mit den Philippinen zu berichten hatte, war schnell erledigt, deswegen hatte ich am Morgen mit unserem Büro in Singapur telefoniert. Als alle bereits aufbrechen wollten, ergriff ein Kollege der Finanzabteilung das Wort.

„Ich habe noch eine kurze Information, die ich heute Morgen bei einem Telefonat mit der Bank erhielt, ohne zu wissen, ob das für uns von Bedeutung sein könnte, eventuell ja für Sie, Florian. Mein Partner in der Bank hat das wiederum bei einem Sender aus den USA gehört, bei uns wurde darüber bisher nichts berichtet. In Bogotá gab es anscheinend in der letzten Nacht einen schweren Anschlag auf einen Fernsehsender in Bogotá mit Toten und Verletzten, genauere Angaben waren bis jetzt nicht verfügbar. Vielleicht rufst du, Florian, unseren dortigen Agenten Ortega dazu einmal an.“

Ich war über diese Information in der Tat besorgt, nicht zuletzt, weil ich sofort an Eduardos Vater denken musste.

„Doch, das kann wichtig sein, Stefan, Sie wissen ja, und ich werde so schnell wie möglich in Bogotá anrufen.“

Zurück in meinem Büro meldete ich trotz der für Bogotá frühen Stunde ein Gespräch an, aber eine Verbindung kam nicht zustande, ebenso wenig wie bei weiteren Versuchen im Laufe des Tages. Ja, ich war beunruhigt, mehr als das.

Am folgenden Tag jedoch erschütterten mich, erschütterten uns in der Firma zwei Ereignisse. Ich fand am Morgen ein offizielles Schreiben von Eduardo an die Firma vor, das dieser vorab per FAX und im Original per Brief nach Zürich geschickt hatte, mit folgendem Wortlaut:

‚Sehr geehrte Herren,

Auf Grund außerordentlicher Ereignisse, die unbedingt als ‚höhere Gewalt‘ einzustufen sind und mir keine Alternative lassen, muss ich die Zusammenarbeit mit Ihrem Unternehmen einstellen und per sofort und mit dem Datum dieses Briefes unsere entsprechenden Vereinbarungen bis auf weiteres kündigen. Ich bin mir bewusst, dass Sie diese Entscheidung nur schwer werden verstehen und nachvollziehen können, doch es gibt keine andere Möglichkeit, keinen anderen Ausweg für mich.

Ich bitte sehr um Ihr Verständnis, vielleicht ergibt sich irgendwann in der Zukunft die Gelegenheit zu einer Erklärung und der Wiederaufnahme unserer Beziehung.

Mit vorzüglicher Hochachtung

Ihr Eduardo Ortega da Silva

Bogotá, 15. Februar 1985‘

Am Abend des gleichen Tages erreichte mich zu Hause ein Anruf von Eduardo und ich erfuhr Folgendes von ihm, unter außerordentlichem Druck, in Eile, mit großer Anspannung und anscheinend auch unterdrückten Tränen gesprochen:

„Florian, mein guter Freund, ich habe nicht viel Zeit, bitte hören Sie mir zu und unterbrechen Sie mich nicht mit Fragen, denn mehr als das, was Sie jetzt hören werden, kann ich an dieser Stelle nicht sagen. Ich bin sicher, dass dieses Gespräch nicht abgehört wird, daher sind Sie nicht in irgendeiner Gefahr. Vor zwei Tagen ist mein Vater im Studio vor laufenden Kameras bei der Präsentation der ersten Folge seiner Dokumentation – Sie erinnern sich – ermordet worden, kaltblütig von einem vermummten Kommando, das sich den Weg ins Studio freischoss, es gibt Verletzte und außer Vater eine ganze Anzahl weiterer Toter, die Mörder entkamen unerkannt in rasender Fahrt mit einem Wagen ohne erkennbare Kennzeichen. Es ist unbeschreiblich, wir sind alle am Boden zerstört, das sowieso, aber ich bin auch sicher zu wissen, wer dahinter steckt. Eins ist klar, das kann und werde ich nicht akzeptieren und, auch wenn es sich vielleicht dramatisch anhört, ich werde den Mord an meinem Vater nicht auf sich beruhen lassen, ich werde Vergeltung für diese mörderische Untat einfordern oder selbst herbeiführen. Ich habe Pläne und werde diese durchziehen, das wird alle meine Zeit und Energie erfordern, vielleicht brauche ich auch einmal Ihre Hilfe. Ich hoffe, wir werden irgendwann in der Zukunft Gelegenheit haben, uns in Ruhe und Frieden wiederzusehen, ich hoffe es, aber ich weiß es nicht. Sie mögen die Firma nach Ihrem Dafürhalten von unserem Telefonat unterrichten. Und bitte, kommen Sie jetzt nicht nach Kolumbien und versuchen, mich dort zu finden oder zu treffen, das ist ausgeschlossen und kann für Sie sogar gefährlich sein, nein, es ist definitiv gefährlich. Leben Sie wohl, mein Freund.“

Eduardo und sein Anruf ließen mich beunruhigt und einigermaßen ratlos zurück, auch ein Cognac half da wenig, ein zweiter und dritter hatten ebenfalls keine erleichternde Wirkung. An Schlaf war sowieso nicht zu denken und so verbrachte ich eine ruhelose Nacht. Am nächsten Morgen unterrichtete ich unseren Vorstand, Stefan Auf der Maur und meine Kollegen in der Firma in geeigneter Form und es wurde in der Tat beschlossen, einstweilen abzuwarten in der Hoffnung, in Kürze bald wieder von Eduardo zu hören. Im Übrigen gab es dann auch kurze Berichte über dieses grausame Ereignis in unseren Tageszeitungen sowie auf heimischen und internationalen Fernsehsendern und viele Spekulationen über mögliche Hintergründe. Die Täter wurden von offizieller Seite in erster Linie unter den kolumbianischen Drogenbaronen vermutet, aber es gab auch vorsichtige Hinweise auf Verbindungen zu politischen Kreisen, einige Kommentare stellten sogar eine Kombination beider Seiten zur Diskussion.

Die Berichte über den brutalen Anschlag hielten eine Weile an, gerieten aber bald wieder in den Hintergrund, zumal es auch keinerlei Meldungen über Erfolge der Polizei und sonstiger Behörden in Bogotá gab, tatsächlich wurden die Täter oder Drahtzieher für eine lange Zeit nicht gefunden. Auf Eduardo und seine Familie direkt gab es keine konkreten oder angedeutete Hinweise, obwohl dies nahegelegen hätte und unmittelbar nach der Tat auch keine Interviews, sondern, abgesehen von den Berichten über die Geschehnisse im TV-Sender, nur wenige Zeilen und Kommentare wie ‚Eloy Ortega Lorca hinterlässt einen Sohn, Eduardo Eloy Ortega da Silva, …….‘

Von Eduardo hörten wir, weder die Firma noch ich selbst, nichts. Wochenlang, ja, über Monate, gab es keine Nachricht. Ich versuchte mit aller Vorsicht, mehrere der Kunden zu erreichen und dort vielleicht Informationen zu erhalten, vergeblich und ebenso wenig konnte mir Christiano Costas, Eduardos Büroleiter, mehr berichten, der selbst nicht wusste, wie und ob das Geschäft überhaupt weiterlaufen konnte, so kurz nach dem, was geschehen war. Ein einziges Mal rief ich von einem neutralen Telefon Eduardos privaten Anschluss an, auch das erfolglos – ‚kein Anschluss unter dieser Nummer‘. Und so blieb alles über lange Zeit ohne weitere Klärung in einem gespannten Schwebezustand. Erst Monate, nein, Jahre später, sollte mich ein Lebenszeichen von Eduardo erreichen, überraschend und völlig unerwartet, und erst dann erhielt ich endlich einige Antworten auf viele meiner Fragen, wenn auch nicht – immer noch nicht – zu allen meinen Gedanken. Dass ich ihn tatsächlich erst später, sehr viel später wiedersehen sollte, das lag zu diesem Zeitpunkt völlig außerhalb meiner Vorstellungen.

Kapitel 4 – Die Stunden vorher

Am 12. Februar 1985, einem Dienstag, saßen alle bei einem Abendessen zusammen, Eduardo und Carla, seine Frau, Eloy, sein Vater, sowie Raúl Lopez Mendoza und Bertrand Neuville, zwei enge Freunde der Familie und klar, ihre Gespräche drehten sich in erster Linie um Eloys Dokumentation, für die am nächsten Tag die beste Sendezeit festgelegt war. Endlich sollte das Ergebnis monatelanger Recherchen, vieler verdeckter Gespräche mit Informanten aus allen möglichen Bereichen, zusammengeführt mit Tatsachen, die sowieso mehr oder weniger öffentlich bekannt und auch im täglichen Alltag der Menschen ein Thema waren, ein unerfreuliches Thema, öffentlich gemacht werden. Eloy hatte seit längerer Zeit in seinen Sendungen immer wieder als Vorankündigung einzelne Punkte zur Sprache gebracht, aber eine derartig komplette Zusammenfassung der aktuellen Situation im Lande und einiger nicht ungefährlicher Entwicklungen, die Eloy erarbeitet hatte, vervollständigt mit vielen Ereignissen auch aus der unmittelbaren Vergangenheit, hatte es bisher noch nie gegeben, auf keinen Fall in einer landesweit zugänglichen Fernsehpräsentation. Das musste vielen Menschen die Augen öffnen und bei einigen betroffenen Leuten wahrscheinlich wie eine Bombe einschlagen und dass das Ganze eine hohe Brisanz hatte, war ihnen allen klar, insbesondere natürlich Eloy selbst.

Zweifel daran, dass diese wichtige Dokumentation gesendet werden müsste, gab es nicht mehr, weder hier in der Familie und im Kreis der Freunde, noch im Vorstand des Senders, der voll hinter Eloy stand und sich stark genug fühlte, drohende Anfeindungen oder gar Repressalien zu überstehen. Dennoch, so ganz ohne Sorge über mögliche Konsequenzen waren weder Eduardos Familie noch deren Freunde.

Raúl und Bertrand waren seit vielen Jahren sehr enge Freunde der Familie Ortega. Eduardo hatte Raúl schon während seines Studiums in Zürich kennengelernt und sie waren einige Jahre später zusammen in einem Diskussionskreis junger Studenten in Bogotá. Seit dieser Zeit gehörten Raúl und Bertrand fast schon zur Familie und waren so gegenseitig in viele, wenn nicht alle Gegebenheiten und Ereignisse ihrer Familien involviert. Raúl war verheiratet, hatte zwei Töchter und lebte ganz in der Nähe der Ortegas. Bertrand Neuvilles Mutter hatte als Angestellte des ‚Ministerio de Cultura‘, dessen Aufgabe nicht nur die Förderung der kolumbianischen Kultur und deren ethnischer Besonderheiten, sondern auch der kulturelle Austausch mit Europa war, als junge Frau während einer Reise nach Frankreich bei einer Veranstaltung ihren Mann, Bertrands Vater, kennengelernt. Sie hatten fast augenblicklich ein gemeinsames Leben beschlossen, heirateten bald darauf in Bogotá und entschieden sich für Kolumbien als ihre neue gemeinsame Heimat. Bertrand, der zwei Jahre später geboren wurde, war ein Einzelkind und sie fanden nach einer etwas schwierigen Lebensphase heraus, dass er schwul war, doch niemals gab es deswegen im Hause Neuville Probleme. Jetzt lebte er mit einem Mann im Bezirk Chapinero zusammen, der bekannt war für Bars und Clubs ebenso jedoch auch als Wohngegend wohlhabender Leute. Sie hatten dort eine kleine Galerie für Gemälde und Handwerk, es ging ihnen gut. Eduardo und Raúl hatten ihn vor Jahren bei einem Besuch der Galerie getroffen und kennengelernt und sie wurden unzertrennliche Freunde.

„Ich bin ja nun kein Politiker und meine Zeit als Abgeordneter im Parlament ist lange vorbei“, meinte Eloy an einer Stelle, „aber ich fühle immer noch eine große Verantwortung für unseren Staat, unser Land und die Menschen und bin überzeugt, mit meinen Mitteln etwas bewegen zu können. Die Situation hier ist seit langem schwierig und beklagenswert und wer weiß, wie lange es dauert, bis einmal bessere oder friedlichere Zeiten kommen werden. Das wird aber auch nur dann geschehen können, wenn jeder daran mitarbeitet und sich um Änderungen bemüht, wenn wir es immer wieder versuchen, und mit wir meine ich alle die aufrechten Menschen, und das sind viele, mehr als man vielleicht denkt.“

„Das“, ergänzte Eduardo, „hoffen wir doch alle und zwar trotz aller begründeten Schwierigkeiten und gerade trotz der vielen engen Verwicklungen, Verbindungen und sogar illegaler Aspekte, die du ja erwähnen und offenlegen wirst. In den Kreisen, zu denen ich Zugang habe, seien es die Ministerien oder Banken oder auch die Handelskammern gibt es viele Leute, die ähnlich denken und hoffen, wie wir, da gibt es große Unterstützung für die Gedanken und Ideen, die du schon immer vertreten hast und jetzt erneut und umfangreich öffentlich machen wirst. Übrigens gibt es nicht zuletzt auch viel Sympathie für deine Projekte zur Unterstützung und Eingliederung von Kindern und Erwachsenen, die durch die leider andauernden Aktivitäten der Guerilla-Gruppen, seien es die FARC oder wer auch immer, praktisch ohne Hilfe auf der Straße leben. Ich habe vor einigen Tagen eine der errichteten Siedlungen und die dazugehörige Schule deiner Stiftung „Por Los Niños“ besucht, draußen in San Cristóbal, da läuft alles wirklich gut. Wie viel mehr könnte man für diese Menschen tun mit den Mitteln, die einfach in großen und tiefen Taschen verschwinden und vielleicht in Panama oder wer weiß wo auf geheimen Konten wieder auftauchen, wenn man da rankäme…..“

„Ich habe neulich gehört“, warf Raúl ein, „wieder so eins von den Gerüchten, doch bestimmt mit realem Hintergrund, dass in einem ausgeklügelten System sogar offizielle staatliche Konten von korrupten Beamten dazu benutzt werden, Bestechungsgelder zu waschen und unwiederbringlich verschwinden zu lassen, klar doch, wohin. Und der Mann, der mir das erzählt hat, weiß, worüber er redet, das ist nur ein Aspekt unter vielen ähnlichen.“

„Na ja, Vater“, sagte Eduardo, „meine Güte, wie oft haben wir über dies alles gesprochen. Wir werden dich immer nach besten Kräften unterstützen, wir und viele mehr und für morgen drücken wir dir natürlich kräftig die Daumen für eine erfolgreiche Sendung und werden diese, wie immer, von zu Hause aus verfolgen. Okay, ich denke, wir sagen uns mal ‚Gute Nacht‘ und treffen uns dann nach der Sendung hier bei uns wieder, ja? Komm, lass dich umarmen und bis morgen.“

Alle verabschiedeten sich, Eduardos Vater ging hinauf in seine Wohnung, die er im gleichen Haus bewohnte und Raúl und Bertrand fuhren ebenfalls zu ihren Flats in La Candelaria, einem der älteren Viertel von Bogotá.

Der folgende Mittwoch war ein schöner Tag mit klarer frischer Luft und einmal ohne Morgennebel in Bogotás Höhenlage. Eduardo und Carla beschlossen, mit ihren beiden Söhnen Adrian und Manuel einen Ausflug an den Kratersee, der Lagune von Guatavita zu machen, ungefähr achtzig Kilometer oder anderthalb Autostunden nordöstlich von Bogotá gelegen. Guatavita, an die dreitausend Meter hoch gelegen, ist der Ursprung der Legende des ‚El Dorado‘, wonach der Herrscher des Muisca-Volkes bei seiner Einführung mit einem Floss in die Mitte des Sees fuhr, um dort der Göttern Gegenstände aus Gold zu opfern. Von dort stammt auch das im Goldmuseum ausgestellte ‚Goldfloß von Eldorado‘, das neben vielen anderen Arbeiten schon um das Jahr 1560 aus dem See geborgen wurde. Aus dem Grund wurde auch das legendäre ‚El Dorado‘ mit seinem unermesslichen Gold in Guatavita vermutet doch der legendäre Schatz wurde trotz vieler Expeditionen und Bemühungen niemals gefunden.

Die Kinder waren ‚happy‘ und Eduardo und Carla genossen den schönen Tag ganz besonders, nachdem die letzten Wochen recht hektisch gewesen waren. Eduardo war mehrere Tage in Tumaco gewesen, um nach seinen Plantagen zu sehen, Carla mit einigen Veranstaltungen beschäftigt, und so waren diese Tage mit dem Abend am gestrigen Dienstag und dem heutigen Ausflug eine sehr willkommene Abwechslung. In Guatavita angekommen, unternahmen sie eine Wanderung am See, wegen der Kinder eher kurz gehalten und aßen danach in einem der kleinen Lokale zu Mittag, ehe sie sich wieder auf den Weg zurück nach Bogotá machten. Wegen des recht starken Verkehrs kamen sie erst am späten Nachmittag zu Hause an, gerade, als Eduardos Vater Eloy sich auf den Weg ins Studio machte, kurzer Händedruck, eine feste Umarmung und ein herzliches ‚Viel Glück und bis später.‘

Eduardo nahm sich noch einige Papiere vor und Carla traf Vorbereitungen für ein kleines Abendessen – ihr Hausmädchen Theresa hatte einen freien Tag. Später, nach dem Essen, waren noch einmal Adrian und Manuel dran, bevor sie zu Bett gebracht wurden und dann wurde es langsam Zeit, sich vorzubereiten, gemeinsam Eloys Sendung anzuschauen, Eduardo öffnete eine Flasche Pinot Noir des Weinguts Marqués de Puntalarga in Nobsa/Boyaca, von wo er sich die meisten seiner Weine schicken ließ, nachdem er es vor Jahren besucht und die Produkte schätzen gelernt hatte und dann setzten sich Carla und er gespannt und erwartungsvoll vor den Fernseher.

Kapitel 5 – Der Anschlag

13. Februar 1985 - 21.00 Uhr – Ansage wie zu jeder von Eloys regelmäßigen Sendungen – an diesem Abend jedoch mit dem Hinweis auf eine besonders wichtige Dokumentation in drei Teilen, zu verfolgen an diesem und den beiden folgenden Wochentagen. Die Kamera schwenkte auf Eloy, er war im Bild und begann, ruhig und gelassen wie immer:

„Verehrte Zuschauer, liebe Mitmenschen – ich möchte heute anfangen, über ein Thema zu berichten, das – leider – in unserem Land zum täglichen Leben gehört und im Grunde genommen auf die eine oder andere Weise jeden von uns berührt. Es handelt sich dabei im Prinzip nicht um etwas ganz Neues, im Gegenteil, es geht um eine Sache, an die – Gott sei es geklagt – wir uns fast schon gewöhnt haben und die wir hinnehmen, als ob es immer so war und auch in Zukunft so sein wird. Das jedoch, meine lieben Zuschauer, das darf nicht sein, das muss unbedingt verändert werden! Worüber spreche ich, an was denke ich hier?

Ich denke an ein perfides System von Korruption und Einflussnahme durch den Einsatz von finanziellen Mitteln in scheinbar unbegrenzter Höhe, das nicht nur unerkannt und im Geheimen existiert, sondern teilweise öffentlich zutage tritt, ja, fast kann man sagen, zelebriert wird. Ich spreche hier auch vom ‚Gift unseres Landes‘, dem Kokain. Beteiligt an diesem System sind viele, sehr viele Menschen, Gruppierungen und Organisationen, angefangen bei den kleinen Bauern, die vielfach aus Not Koka anbauen, die Blätter ernten und verkaufen, das mag noch verständlich sein, die Probleme vervielfachen sich aber durch die mafiösen Strukturen der Drogenkartelle und ihrer Organisationen, teilweise sogar mit Beteiligung von Guerillagruppen wie der FARC, der M-19 oder einer der zahlreichen Paramilitärs und laufen dann durch unzählige Ebenen und Kanäle innerhalb unseres Staates und von hier hinaus in die Welt. Vielleicht werden Sie jetzt denken ‚Na und, das wissen wir doch alles‘. Nun - das, was ich eben kurz erwähnte, ist schon bedauerlich genug, bedauerlich für viele Menschen überall in der Welt, aber viel schlimmer für uns als Kolumbianer und für unseren Staat ist es, dass Kolumbien gestern, heute und wohl auch morgen immer und immer wieder als Ursprungsland harter Drogen genannt und verstanden wird und dass – jetzt kommt der springende Punkt – in unserem Lande selbst Teile der Politik und staatlicher Organisationen eingebunden und korrumpiert sind, die dann unsichtbare Wege für die Drogenkartelle und deren verbrecherische Aktivitäten bereiten, indem sie gegen Bezahlung, sprich Bestechung, Regelungen erlassen, Entscheidungen fällen und sogar Gesetze beeinflussen.

Ich konnte für meine Dokumentation Informationen erhalten, verlässliche Informationen, die entsprechende Verbindungen eindeutig beweisen und ich werde Namen nennen, denn wir müssen, und das erscheint unerlässlich, wir müssen wenigstens versuchen, dieses verbrecherische Treiben zu beenden, in ersten Schritten es zumindest zu begrenzen.

Ich werde Ihnen zunächst einen Film einspielen, der einen Teil der Hintergründe verdeutlicht, und dann……“

An dieser Stelle der Sendung unterbrach Eloy seine Ansage und man konnte über den Sender undefinierbare Geräusche vernehmen, eine Mischung aus Rufen oder Schreien und dumpfen Schlägen oder sogar Gewehrschüssen, abgefeuerten ganzen Salven. Eloy schaute kurz zur Seite und fragte anscheinend den Regisseur in dessen separatem Studio, das Mikrofon war nicht abgestellt, „Hola, Juanito, was ist …..?“

In diesem Augenblick gab es so etwas wie eine Explosion – immer noch vor laufenden Kameras und Mikrofonen – eine Tür im Hintergrund wurde aus den Angeln gerissen und splitterte durch den Raum und dann standen da plötzlich drei Männer, schwarz gekleidet und maskiert und feuerten ohne zu zögern einige Salven auf Eloy ab und anscheinend auch auf die Kameraleute und Beleuchter, denn Bild und Ton verschwanden und der Bildschirm flimmerte mit schwarzweißen Punkten wie bei einer normalen Störung.

Eduardo saß sekundenlang da wie versteinert, Carla schrie auf, hörte gar nicht auf zu schreien, Worte fehlten vor Schrecken und Entsetzen, was sollten sie sich auch sagen. Adrian, der ältere Sohn, stand in der Tür ‚Mama, was ist denn, was habt ihr, warum ….‘ und Carla fasste ihn wie in Trance, brachte ihn in sein Zimmer und kam wieder zurück. Es war ein Albtraum, trotzdem war es Eduardo, der handelte, während er Carlas Hand ergriff.

Er schaltete den Fernseher auf einen anderen Kanal in Bogotá, nichts, aber auf dem US-amerikanischen Sender ‚CNN‘ kam sofort unter ‚Breaking News‘ die Nachricht ‚Attentat auf Fernsehsender in Bogotá, bekannter Moderator anscheinend vor laufender Kamera erschossen, weitere Informationen folgen‘.

„Carla, ich muss zum Sender, es geht nicht anders, ich muss erfahren, was geschehen ist, bitte, Du wirst es hier schaffen, ruf sofort Emilia an, sie soll kommen und dann Raúl, der auch, ihr wartet dann, bis ihr von mir hört. Tut mir Leid, aber ich muss wissen, was los ist.“

Eduardo, selbst fast blind vor Entsetzen, lief zu seinem Wagen und fuhr, soweit es ging, mit rasender und überhöhter Geschwindigkeit zum Sender – die meiste Zeit jedoch war es ein fast unerträgliches Geduldsspiel bei dem dichten Verkehr, wie an fast jedem Abend auf den Straßen der Innenstadt. Seine Gedanken überschlugen sich, waren nicht zu kontrollieren, er war definitiv panisch ‚kalt – heiß - Vater, nein, das kann nicht wahr sein, das ist nicht passiert, er ist tot, er lebt‘ - immer wieder im Kreis, immer das Gleiche. Schweißüberströmt erreichte er das Gebäude des Fernsehsenders, die ersten Polizeiwagen standen bereits dort mit blinkendem Blaulicht, mehrere Notarztwagen waren vor Ort, Feuerwehren rückten an. Der Eingang wurde von mehreren Polizisten bewacht, gesperrt, doch es gelang Eduardo, in das Gebäude zu stürmen und letztlich in die Nähe des Studios zu kommen.