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Eine Zeitmaschine die gibt es in Wirklichkeit nicht, aber es gibt sie in unseren Gedanken. Ich lade den Leser ein, sich mit mir auf eine Zeitenreise zu begeben, die über mehr als fünfzig Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts führt, in Deutschland, in Europa und weltweit. Kriegszeiten, Beruf, fremde Länder, Abenteuer, aussergewöhnliche Ereignisse, gefährliche Situationen, ja, sogar Geistergeschichten sind mir begegnet auf den Wegen, die mir das Leben und mein überaus interessanter Beruf, den es in dieser Form heute kaum noch gibt, bereiteten. Fünf Jahrzehnte mit schwierigen Zeiten und wunderbaren Erfahrungen sind der Erinnerung, ja, des Miterlebens wert und das alles in einem Leben in Bewegung. Den Erlebnissen der Kindheit in Kriegszeiten mit der Flucht aus Ostpreussen und der Jugendzeit, beschrieben aus der Sicht des Kindes "Jünna" folgte eine Fülle von Erfahrungen bei Reisen über fast alle Kontinente, die mein geliebter Beruf mir bot und für die ich versucht habe, mir immer offene Augen und Gedanken zu bewahren. Originale Tagebücher, Briefe, alte Lieder und Gereimtes ergänzen meine Geschichten und unterstreichen das Erlebte in authentischer Weise. Ich möchte etwas davon teilen, auch in der Hoffnung, dem Leser ein paar spannende Stunden zu schenken mit interessanten Einblicken in und über eine zwar vergangene, jedoch ganz besondere Zeit, eine Zeit also, für die sich eine Erinnerung, ein Nachdenken lohnt.
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Seitenzahl: 534
Veröffentlichungsjahr: 2020
MEINER FRAU, MEINEN KINDERN, MEINEN ENKELN
Vorwort
Lank, Kreis Heiligenbeil/Ostpreussen
Die Flucht
Tante Hildchens Bericht
Oma Domnicks Tagebuch
Mannhagen, Post Nusse über Mölln
Mölln und Ratzeburg, 19 plus 1 Geschichten
Coutinho, Caro & Co (CCC)
Indonesien
Zehn Briefe aus Jakarta
Geistergeschichten
Zurück nach Hamburg
Wieder in Deutschland
Großhansdorf
Ein neuer Anfang
CCC – schwierige Jahre – schwere Zeiten
Wechsel zu Stemcor
A Personal Affair
Wien
Kontinente – Länder – Menschen
Nachwort
Eine kleine Fotogalerie
Quellen
War es etwas Besonderes, sich unterscheidend von dem, was anderen Menschen auf ihrem Lebensweg begegnete?
Schwer zu beantworten, ich meine „ja“ und „nein“ zugleich, denn vielen Menschen ist sicher manches Ähnliche geschehen, und auch diese könnten ihre Erlebnisse für sich aufschreiben. Und in der Tat, seit Hunderten oder gar Tausenden von Jahren berichten Menschen von ihrem Erlebten, mündlich oder aufgeschrieben, aber da es immer wieder aufregend ist, auch für den Erzählenden, den Schreibenden, den sich Erinnernden selbst, auf eine lange Zeit zurück zu blicken, will auch ich dieses tun, berichten von einem Leben in Bewegung und euch mitnehmen auf eine Reise durch viele Jahre eines Lebens, meines Lebens, und dieses ganz ohne einen besonderen Anspruch, einfach nur so, wir werden sehen – ihr, die lest und ich, der schreibt.
„One for the road“ – Wie oft habe ich diesen Spruch gebraucht, wie oft wurde er von Anderen mir gegenüber benutzt! In aller Kürze beschreiben diese vier Wörter, beschreibt dieser kurze Satz ja einen Abschluss – ein Ende, gleichzeitig jedoch auch einen Anfang, wenn er nämlich „the road – die Straße – nennt, auf der wir weiter unterwegs sein werden, immer weiter – ich musste wohl immer weiter. Abgesehen von sich immer wieder ergebenden Gesprächen innerhalb meiner Familie - in einem Kreis von guten Freunden und ehemaligen Kollegen sitzen wir des Öfteren zusammen, Dieter, Bernd, Holger, Udo, Jürgen, Detlef, Hanno, Peter, und reden dann natürlich über die „guten, alten Zeiten“, meistens in Bezug auf unseren Beruf, erzählen uns die eigenen „grandmother stories“ und sind eigentlich der Meinung, dass das Leben es gut mit uns gemeint hat, indem uns die Möglichkeit gegeben wurde, so Vieles kennenzulernen. Die Frage, ob denn die „alten“ Zeiten immer „gut“ gewesen sind, stellt sich auch. Die Antworten darauf sind meistens recht subjektiv, aber für uns und betrachtet aus der Gegenwart, waren sie in der Tat gut, wieder beruflich gemeint. So vieles ist heute anders als vor Jahren, aber es ist auch interessant, Zeiten und Veränderungen miterlebt zu haben, Altes mit Neuem zu vergleichen und dann abzuwägen, wie es zu bewerten ist.
Ihr werdet bemerken, dass so vieles in meinem Bericht mit meinem Beruf zusammenhängt oder davon beeinflusst wurde, ja, dass erst meine Arbeit mir viele Möglichkeiten auftat und Erlebnisse bescherte. Insofern gebe ich auch zu, dass ich das, was ich tat, geliebt habe und – fast immer – überaus gerne machte, wobei ich aber manches Mal schon darüber nachdenke, ob und inwieweit die große Konzentration auf den
Beruf und auch meine dadurch bedingte häufige Abwesenheit sowohl mein privates Leben als auch viele andere Ereignisse beeinflusste.
Ich empfand es immer als ein Privileg, viele Länder und Menschen kennenzulernen, das gehörte zwar zu meiner Arbeit, aber ich weiß, dass mir mein Beruf und die damit verbundenen Erlebnisse, die immer wieder neue Begegnungen und Eindrücke mit sich brachten, Freude machte und mich faszinierte.
In welchem Bereich auch immer, Entwicklung lässt sich nicht aufhalten, alles scheint immer in Bewegung und ändert sich, und das alte griechische Sprichwort und eine philosophische Binsenwahrheit bestätigt sich „Panta Rhei – alles fließt“ und „Du steigst nie zweimal in denselben Fluss“. Das ist so, und in der Tat haben sich in den letzten Jahrzehnten überaus große, ja, gigantische Veränderungen ergeben.
Dennoch, seht es mir und meinen Freunden nach, wenn wir an alten Erlebnissen hängen und immer wieder darüber reden können, und wenn ihr diese meine Erinnerungen lest, werdet ihr das vielleicht auch ein wenig verstehen.
Das privat Erlebte und damit zusammenhängende Ereignisse nehmen den gebührenden Platz ein, aber die gehören nicht in alle Gespräche und sind außerhalb meiner Familie nur ganz wenigen bekannt und auch das nur in Teilen. Meine Erinnerungen daran, also an die ganz persönliche Seite, werde ich mehr oder weniger bis zum Jahr 1988 begrenzen, alles danach ist ja fast schon Gegenwart und auch bekannt oder auch einmal einen separaten Bericht wert, und so werde ich darüber hinaus nur einige Stichworte im Nachwort anführen, sowie auch eine kleine Fotoauswahl.
Im Frühjahr waren die Zigeuner durch das Dorf gezogen, so wie in jedem Jahr, und hatten einige Tage auf dem Knochenberg gerastet. Als sie weiterzogen mit ihren Wagen und Pferden und ihrem ganzen Kram, saß Jünna bei den Kindern vorne auf der Deichsel des ersten Gespanns. Es war lustig und etwas aufregend, denn Jünna wusste nicht, wohin die Reise ging, aber er hatte keine Angst. Der große Mann mit den langen Haaren, der jetzt den Wagen lenkte, hatte, als sie am Morgen aufbrachen, gesagt „komm doch mit“ und so war Jünna aufgestiegen und jetzt unterwegs, schon an Unruhs Gutshof Baumgart vorbei in Richtung Zinten.
Am Nachmittag machten sie halt, ohne viel abzuladen, da sie am nächsten Morgen zeitig weiter wollten. Es gab etwas zu essen, Brot, Wurst, Saftwasser, und Jünna spielte „kriegen“ und „verstecken“ mit den Kindern bis es dunkel wurde und schlief dann mit ihnen ein, gerade dachte er noch „was Mutti wohl macht und Elfriede“, aber mehr nicht. Früh am nächsten Morgen ging es weiter und Jünna durfte zusammen mit einem der Jungens eine Weile auf dem Pferd vorne am ersten Gespann reiten, das machte richtig Spaß und überhaupt war alles lustig.
Irgendwann aber am Nachmittag, sie hatten Baumgart schon längst hinter sich gelassen, gab es hinter ihnen plötzlich ein großes Durcheinander, Jünna hörte erst ein Auto hupen, es kam näher, hielt an, und dann waren da plötzlich Mutti, Opa und der Polizist. Jünna verstand gar nicht, worum es bei den lauten Gesprächen ging, die Zigeuner sollten mitkommen, weil sie Jünna geklaut hätten oder so, jedenfalls zog Mutti ihn ins Auto und sie fuhren zurück nach Lank.
Jünna schaute durch das Rückfenster immer wieder hinaus nach den Zigeunern, sah den mit den langen Haaren und auch den anderen Jungen, bevor die Wagen und Pferde und Menschen alle hinter einem Hügel verschwanden. Mutti weinte etwas, aber lachte auch. „Komisch“, dachte Jünna, und erzählte ihr, wie schön es mit den Zigeunern gewesen war und geklaut hätten sie ihn überhaupt nicht, er wollte doch einfach nur etwas mit ihnen fahren, vielleicht bis Ebenrode, wo Oma und Opa Henseleit wohnten. Ja, so war das, und als sie nach Hause kamen, nahm sich Elfriede Jünna erst einmal richtig vor, goss ihm in der Küche warmes Wasser in die kleine Zinkwanne und seifte ihn ein und schrubbte ihn ab, bis die Haut ganz rot und warm wurde. Und immer redete sie vor sich hin „ach Jott’che, ach Jott’che, nu bist du wieder da, Jinnache, wo de Zigeuner dir schon entfiehrt hatten“ und Jünna verstand das alles gar nicht. Mutti guckte dann kurz herein, musste aber gleich wieder in den Laden, weil der Pompetzki nicht da war. Opa Domnick kam aus dem Schankraum heraus und strich Jünna sachte über das nasse Haar, ohne etwas zu sagen. Dann gab es eine dicke Stulle mit Butter und Marmelade und alles war gut.
Es war wohl Mitte Juni und es war heiß um die Mittagszeit in Lank, bei Bladiau, Kreis Heiligenbeil.
Jünna saß auf einem seiner Lieblingsplätze und das war der „Steinerhaufen“ mitten im Dorf an der großen Kreuzung, und als ein Pferdefuhrwerk den Sommerweg aus Richtung Bladiau vorbeifuhr, das Jünna nicht kannte, dachte er einen Augenblick an die Zigeuner und seine kurze Reise mit denen, dem Langhaarigen und den anderen. Das war schon so lange her. Jünna saß dort auf seinem Platz in der Sonne, barfuß und in der kurzen Hose mit den Lederträgern, die er zum letzten Geburtstag bekommen hatte. Weit und breit war um diese Zeit niemand zu sehen.
Er stand auf, ging auf die Straße und stellte sich mitten auf die Kreuzung. Die Pflastersteine unter seinen nackten Füßen waren glatt und warm und Jünna drehte sich ein paar Mal um sich selbst. Er streckte seine Arme aus und schloss für eine Drehung die Augen und bei der nächsten öffnete er sie wieder, aber nur ein wenig, und blinzelte unter den halbgeschlossenen Lidern hindurch nach allen Seiten, während er sich ganz langsam drehte und ab und zu anhielt, um etwas länger in eine Richtung zu sehen, rundherum.
Geradeaus ging es ins untere Dorf hinab, die Straße mit Steinen gepflastert, links der Bürgersteig und rechts der sandige Sommerweg, zwischen Jünnas Haus und Holsteins etwas bergab in Richtung Knochenberg, wo Tante Thereschen wohnte, vorbei an Korells Hof, Oltersdorf, dem Friseur und Hasenpusch, dem Briefträger - Jünna schauderte etwas, als er an den Friseur dachte - bis hin zu Onkel Walters und Tante Huldas Hof und der Schmiede. Vorne rechts lag ja Holsteins Gasthof, aber da ging Jünna fast nie hin.
Gegenüber auf der linken Seite dann Jünnas Haus, das war ziemlich groß. Nach hinten zum Großen Garten hinaus waren die Wohnräume, und vorne an der Straße zuerst der Kolonialwarenladen mit den zwei Schaufenstern, links daneben die Gastwirtschaft, in der meistens Opa der Wirt war, und noch weiter links, schon zur Straße nach Zinten hin, der Saal, in dem manchmal Musik war und getanzt wurde oder auch Zauberer auftraten. Davor dann die Tankstelle, wo es immer so gut nach Benzin und Öl roch.
Jünna drehte sich weiter nach links und sah die Straße nach Zinten und zu Unruhs entlang, dorthin, wo er mit den Zigeunern gefahren war und auch sonst manchmal aus dem Dorf hinauswanderte.
Hinter dem Saal von Jünnas Haus waren Ställe und eine Scheune, die dazu gehörten, und noch etwas weiter weg ein paar „Insthäuser“, in denen die Knechte und Gehilfen von den Bauernhöfen wohnten, und gegenüber, auf der anderen Straßenseite, wohnten Onkel Albert und Tante Trudchen auf ihrem großen Anwesen und wieder etwas weiter linksherum sah Jünna dann auf das kleine Haus, in dem Oma und Opa Domnick wohnten, das Altenteil, wie es genannt wurde, mit einem Garten und Rosenbüschen und einem weissen Staketenzaun zur Strasse hin, da war es schön, und noch etwas weiter auf die Bäckerei, wo Jünna manchmal „Kleba“ kaufen konnte. „Kleba“, das waren so kleine Brot- oder Kuchenfladen. Gegenüber war dann der Steinerhaufen und die Straße dazwischen führte in den oberen Teil des Dorfes, vorbei an Schuster Krause, der später im Jahr auch immer zum Viehschlachten fuhr, unter den riesigen alten Kastanienbäumen entlang, zur Schule und zum großen See.
Als Jünna sich dann noch weiter drehte, an seinem „Steinerhaufen“ vorbei, sah er auf den Weg nach Bladiau hin. Da war zuerst die Brücke über den kleinen Bach, die Linden links und rechts an der Straße zum Dorf hinaus, und etwas weiter hinten wohnten Onkel August und Tante Selma, jedenfalls waren das Freunde. Das war der Blick im Kreis, ein paar Mal schnell und dann einmal ganz langsam, aber immer noch war alles menschenleer. Andere Kinder waren nicht zu sehen, es gab sowieso nur wenige, die Jünna kannte, und sein Bruder Rüdi war noch viel zu klein zum Spielen, der war sicher im Haus oder vielleicht im Garten bei Elfriede. Also sah Jünna sich noch einmal ganz langsam um und hatte seine ganze Welt überblickt.
Es war später im Jahr, vielleicht August. Es war immer noch heiß in Ostpreußen, in Lank, bei Bladiau, Kreis Heiligenbeil. Jünna hatte heute wenig zu tun. Wenn doch wenigstens Peter und Dieter aus Königsberg da sein würden, seine beiden Vettern. Eine Weile hatte Jünna heute auf Rüdi aufgepasst, der im Garten auf dem Rasen in seinem Laufgitter rumkrabbelte. Als dann Elfriede rauskam und anfing, Kartoffeln zu schälen „Na, Jinnache, wie jeht denn“, lief er fort, hin zu einem seiner Verstecke im Großen Garten. Er wollte nämlich am nächsten Morgen zu Unruhs gehen und hatte schon seine Vorberei-tungen für diesen Ausflug getroffen. In der Mitte des Großen Gartens war Rasen, dort, wo Rüdi und Elfriede jetzt waren. Um diesen Rasen führte ein Kiesweg vom Haus her fast im Kreis herum, den Opa manchmal harkte. Zur Straße und zu Korells hin gab es Hecken und Bäume, auch Apfel- und Kirschbäume, und hinten in der Ecke ein paar niedrige dichte Büsche und da hatte Jünna eins seiner Verstecke. Alles war noch da, ein kleiner Karton, an den er ein Stück Band gebunden hatte, Holzwolle, ein Lappen, ein kleines Küchenmesser. Gut, das andere würde er morgen früh im Laden besorgen, gut. Jünna hatte Durst und wollte jetzt ins Haus, vielleicht war Opa ja da und hatte eine Brause.
Der Große Garten reichte links zum Haus hin über in einen Vorgarten, an den Wohn- und Schlafzimmern vorbei bis zur Rückseite des Ladens. Rechts ging es auf den Hof, aber ins Haus gelangte Jünna über eine kleine Treppe davor. Dort lief er den Flur entlang, schön kühl, der am Ende zum Laden und zum Saal führte, aber erst waren da das Elternschlafzimmer, in dem Jünna aber fast immer mit Mutti schlief, dann kam das Gute Zimmer, das kaum benutzt wurde und das immer so schön nach Äpfeln duftete. Von dort ging es ins richtige Wohnzimmer und weiter in die geräumige Küche. Jünna ging durch die Küche in den Raum, der Türen links zum Laden und rechts zur Schenke und zum Saal hatte. Hier in diesem Zimmer stand das große schwarze Klavier, Flügel, sagte Mutti manchmal, und dann war da auch das Telefon. Jünna nahm den Hörer ab und lauschte ein Weilchen dem lang gezogenen Ton. Dann hatte er wieder Durst oder es fiel ihm wieder ein, ging am Klavier vorbei – kling – ping – ping - ja, er konnte schon etwas spielen, in den Gastraum. Erst war keiner da, kein Gast und auch der Opa nicht. Jünna schaute sich schnell um, duckte sich hinter die Theke, hinunter zu den leeren Bierflaschen, und saugte die letzten Tropfen Bier aus den Flaschen. Bitter, aber schmeckte schön!
„Na, Jünna, schmeckt’s“, Opa kam herein. Opa schimpfte nie, war niemals ärgerlich und immer ganz lieb, ein „Maulwurfopa“, wie sich viele Jahre später einmal herausstellen sollte. „Ich hab Durst, gibst du mir bitte eine Brause“ Jünna kriegte eine ganze Flasche , trank erst etwas, und ging dann aus dem Schankraum durch eine Schiebetür direkt in den Laden. Hier war es immer ganz toll, obwohl Jünna ja jede Ecke kannte. Vorne zwischen den beiden Schaufenstern war der Eingang mit der Glocke über der Tür, dann der riesige Ladenraum, auf zwei Seiten umschlossen vom Tontisch, der Verkaufstheke, und dahinter Regale bis zur Decke und Schubladen über Schubladen, und überall, fast überall war was Gutes oder Leckeres drin. An der anderen Ladenseite standen Säcke mit Mehl und Zucker, mit Kartoffeln und Zwiebeln und so, der Zuckersack übrigens genau an der Ecke der Schiebetür zum Lokal. Dann gab es noch eine Treppe hinab zum Keller und einen Aufgang zum Boden und dort gab es auch immer viele Sachen zum Ausprobieren, wenn keiner aufpasste. Manchmal hingen da geräucherte Schinken in weißen Beuteln, manchmal ganze Hasen und Kaninchen, da lagen Käse und Würste und wieder Säcke mit Mehl und Haferflocken und Kisten und Kartons voller Wundersachen, je nachdem, auf dem zugigen Boden oder aber im Keller, der durch einen Trick immer kühl war, auch im heißesten Sommer. Mutti und der Pompetzki bedienten einige Leute und redeten mit ihnen.
Jünna hörte etwas, verstand es aber nicht und dachte auch gar nicht darüber nach.
„Ja, der kommt im Oktober, endlich einmal, die Kinder kennen ihn ja gar nicht“, sagte Mutti. Und auch „Ja, wer weiß, manchmal kann einem richtig angst werden, wenn man daran denkt, aber vielleicht wird es ja alles gut, Walter sagt es jedenfalls immer.“
„Ja“, antwortete einer „gerade bei der letzten Versammlung in eurem Saal meinte der ja, durchhalten ist alles, und dass der Umschwung kurz bevorsteht.“ „Na, oder es geht wieder zurück nach Osten zum „Russki“, dann komm ich auch noch ran, trotz meinem lahmen Bein“, das war der Pompetzki. Dann sahen sie Jünna „Na du?“, „Na?“ Und dann war Jünna schon wieder draußen, aber er hatte gesehen, dass das, was er brauchte für morgen, noch da war.
Er war am nächsten Tag schon früh wach. Liesbeth war wieder da, das war gut, die mochte er, die konnte so schön singen und war ganz lieb und so. Sie war eine Zeit lang weg gewesen. Jetzt hatte sie ihm schon seine Stulle und Milch hingestellt und fragte wie fast immer „Na, Jinna, wie jeht denn? Komm man her, lass dir mal dricken. Heh, hast mer nich mehr lieb?“ Aber ihm war heute nicht nach drücken zumute, ungeduldig aß er sein Brot. Dann schnell in den Laden, wo Mutti schon bediente. Aber ungesehen nahm Jünna aus einem Regal unten, was er wohl für den Tag brauchte – es war ein Paket Hefe, dann in den Garten zum Versteck. Da war der Karton, mit Holzwolle gefüllt und vorne mit dem Band zum Ziehen. Jünna legte die Hefe in den Karton, bedeckte sie sorgfältig mit Holzwolle und dann ging es los, hinaus aus dem Großen Garten, über den Hof und dann ungesehen nach rechts herum auf dem Sommerweg in Richtung Zinten. Er wollte heute weit laufen, bis hin zu Unruhs, und die Hefe? Die Hefe brauchte er unterwegs zum Essen, wenn er hungrig wurde. Eins von Liesbeths Liedern fiel ihm ein:
„Hinaus in die Ferne, mit Butterbrot und Speck, Das esse ich so gerne, das nimmt mir keiner weg. Und wer das tut, dem hau ich auf den Hut, dem hau ich auf die Nase, bis dass sie blut.“
Ja, das konnte Jünna schon singen, dieses und viele andere Lieder, die er von Liesbeth und auch von Elfriede gelernt hatte, wie zum Beispiel:
„Wenn die Soldaten durch die Stadt marschieren, öffnen die Mädchen die Fenster und die Türen. Hei warum, hei darum – ja bloß weg’n dem kleinen bisschen Tschingderassabum.“
Oder:
„Die blauen Dragoner sie reiten, mit klingendem Spiel durch das Tor!
Fanfaren sie begleiten, weit zu den Hügeln empor – weit zu den Hügeln empor.“
Oder auch:
„Schwarzbraun ist die Haselnuss,
schwarzbraun bin auch ich, ja bin auch ich.
Schwarzbraun muss mein Madel sein, gerade so wie ich!
Holderie, juwiejuwiedi hassassa ………….“
Und:
„Lippe-Detmold, eine wunderschöne Stadt, darinnen ein Soldat.
Ja, der muss marschieren in den Krieg, wo die Kanonen steh’n.“
Vielleicht sang Jünna ja sogar vor sich hin. Jedenfalls war er schon eine Weile unterwegs, als ihm ein Leiterwagen, beladen mit Heu, entgegen kam. Oben saß irgendjemand von Onkel Alberts Instleuten und rief hinunter „Tach, Jinnache, wo jehst denn hin“, – also damit konnte Jünna sich nicht aufhalten, ging auf die andere Straßenseite mit seinem Karton hinter sich, guckte nur kurz auf und lief dann weiter. Später kam er am Torfmoor vorbei, da waren Leute beim Torfstechen. Überall sah er sie, die schwarzbraunen Stücke aufgeschichtet in langen Reihen zum Trocknen, und immer kamen noch mehr hinzu. Einige Arbeiter sangen etwas in einer Sprache und mit Worten, die Jünna nicht verstand, Lieder, die er nicht kannte, aber die Musik klang schön. Jünna wusste, dass der Torf zum Brennen und Heizen gebraucht wurde, der wurde in der Scheune für den Winter aufgestapelt, aber Torf wurde auch zu Hause für den Keller unter dem Laden angeliefert. Im Winter wurden nämlich im See große Stücke Eis ausgesägt und in den Keller geschafft und dort mit Torf und Sägespänen bedeckt und das Eis hielt dann den ganzen Sommer über vor, sodass es im Keller immer kalt war und in der Kühle viele Sachen, die im Laden verkauft wurden, frischgehalten und gelagert wurden, und nun sah Jünna auch, woher der Torf kam für den Keller zum Kühlen und für den Ofen zum Heizen.
Auf der linken Straßenseite standen hohe Birkenbäume am Straßengraben und nach einiger Zeit machte Jünna halt und setzte sich unter einem Baum in den Schatten. Er holte sein Paket heran, machte das Papier an der einen Seite auf, schnitt mit dem Messer ein Stück Hefe ab und steckte es sich in den Mund. Er mochte den Geschmack von Hefe, wenn sie sich beim Kauen langsam auflöste, etwas säuerlich und bitter, und hatte sich schon manches Mal kleinere Stücke besorgt. Das schmeckte richtig gut.
Eine Weile saß er noch da, sah einem Habicht zu, der hoch am Himmel im Kreis flog, sah nach, ob es im Gestrüpp am Graben schon Kletten gab, nein, dafür war es jetzt noch zu früh, die waren ja ganz klein und hatten noch keine Stacheln. Dann legte er die Hefe wieder in den Karton, nahm das Band in die Hand und zog weiter. Er war bestimmt schon lange unterwegs und er hatte auch Durst, Mann, hätte er bloß eine Brause mitgenommen, da sah er hinter einer Biegung von weitem das weiße Holztor, das dort an der Straße stand und durch das der Weg nach Baumgart zu Unruhs führte. Als er näher kam, sah Jünna, dass das Tor offen stand und so bog er nach links ein auf den Weg, der zwischen Wiesen auf einen Wald zuging, und hinter den ersten Bäumen konnte er dann schon die Gebäude erkennen, das weiße Haus, die Scheunen und Ställe. Unruhs hatten dort ein Gut, so hatte es Jünna gehört, das war wohl der große Hof hier. Als er näher kam, sah er einige Leute, die mit etwas beschäftigt waren und hin und her liefen und ihn gar nicht bemerkten und so stand er schließlich vor der Treppe und der großen Glastür, die ins Haus führte, und während er noch überlegte, wie er sich bemerkbar machen konnte:
„Heh, Jünna, was machst du denn hier? Bist du ganz alleine gekommen? Na, du bist mir vielleicht einer!
Wissen die zu Hause, dass du hier bist? Komm’ erst mal rein.“
Es war Ilse Unruh, die wohl gerade aus dem Pferdestall kam, weiße Bluse, schwarze Reithosen und Stiefel an.
„Ich hab’ Durst“, sagte Jünna, und bekam sofort ein Glas mit kaltem Saftwasser. Dann hörte er, wie Ilse Unruh telefonierte. „Miachen? Ja, stell dir vor, ganz alleine. Gut, holst du ihn dann ab oder sollen wir….“
„Deine Mutti war ganz schön wütend, du Lorbass du. Die haben dich nicht gefunden zu Hause und sich schon richtig Sorgen gemacht. Musst du denn auch immer ausreißen? Na, nun ist aber alles in Ordnung. Willst du mal die Pferde sehen?“
Ilse Unruh liebte ihre Pferde und sie hatte viele davon auf den Weiden und in den Ställen. Einige hatten gerade Fohlen bekommen. Sie nahm Jünna bei der Hand und sie gingen zu den Ställen und er durfte eines der Fohlen streicheln – ganz weich.
Später kam dann Mutti, um Jünna abzuholen, Mutti oder Mia oder Miachen, wie die anderen sie nannten, erst schimpfte sie etwas, war dann aber erleichtert und drückte ihn. Er kriegte noch ein Stück Streuselkuchen, das er aß, während sich die beiden Frauen unterhielten. Wieder hörte er etwas, was er kaum verstand und schon gar nicht begriff. „Der Krieg dauert nun schon so lange. Du hörst ja im Radio immer, dass es vorwärts geht. Die Autobahn nach Königsberg soll ja schnell fertig gestellt werden für die Transporte, aber ich habe auch gehört, dass es gar nicht so gut aussieht.“
„Hildchen überlegt schon, mit den Jungens hier nach Lank zu kommen, jedenfalls, wenn es brenzlicher wird. Ja, und Ewald kommt bald, Gottseidank, wir werden ja hören, was der berichtet.“
Jünna dachte noch „Ewald?“, und dann ging es gegen Abend zurück nach Hause, nach Lank, seine Hefe hatte er vergessen. Er war zu Fuß wohl lange unterwegs gewesen aber mit dem Auto zurück dauerte es nur kurze Zeit. Opa war da und Oma auch, Liesbeth, Elfriede und Rüdi auf Liesbeths Arm, aber der merkte nichts von der Aufregung, während alle anderen um Jünna herumliefen und redeten, aber das legte sich dann, Opa ging ins Lokal, Oma zu sich nach Hause, Mutti noch kurz in den Laden, die Mädchen in die Küche, Der lange Tag war zu Ende.
Es gab für Jünna in dieser Zeit nicht viele Spielkameraden oder richtige Freunde, manchmal spielte er mit Heinz und Wolfgang und Herbert, aber oft dachte er an Peter und Dieter, die kommen wollten, vielleicht für immer, hatte Mutti nicht bei Unruhs so etwas erwähnt, aber Langeweile hatte er überhaupt nicht in den langen hellen Tagen des Sommers oder als es dann Herbst und Winter wurde.
Fast immer war etwas los, immer waren alle um ihn herum Mutti, Oma, Opa, die Mädchen und die Freunde und Kunden und Leute im Laden und in der Gastwirtschaft. Er war nie alleine, es sei denn, er wollte es sein, und Tage und Wochen vergingen, angefüllt mit den täglichen Dingen seines Kinderlebens und den der Erwachsenen, Tage, die aber für Jünna sachte ineinander übergingen und für ihn fast eins waren. So war es immer, fast jeden Tag war es so.
Mutti, die nicht so viel Zeit hatte, denn sie organisierte Laden, Gastwirtschaft, Tankstelle und Saalbetrieb, war aber dennoch immer da, zwischendurch am Tag und zum Essen sowieso und des Nachts, wenn Jünna im großen Bett neben Mutti schlief. Mutti sagte zwar manchmal „das ist Papas Bett“, aber Papa oder für die anderen Ewald und für Oma und Opa Ewaldchen war nicht Teil des täglichen Lebens. Jünna hatte ihn schon einmal gesehen, konnte sich aber kaum erinnern und jetzt lag ja erst einmal er in Papas Bett.
Der kleine Rüdi schnaufte nachts in seinem Kinderbett am Fußende, aber das störte nicht. Rüdiger – aber alle sagten Rüdi – war sein kleiner Bruder, der war zwar immer da, aber Jünna konnte ja nicht viel mit ihm zusammen machen oder spielen, nur manchmal passte er auf ihn auf und sie rollten Bälle oder er schleppte mit ihm über den Rasen und so.
Da war Opa, der bei allem und jedem half und schon am Morgen über die Straße kam und dann hauptsächlich die Gastwirtschaft besorgte und die Tankstelle und auch aufpasste, wenn große Lastwagen kamen und Waren anlieferten für den Laden oder Bier für das Lokal und den Saal. Oma war meistens drüben in ihrem Haus und Jünna ging fast jeden Tag zu ihr, manchmal mehrere Male. Oma wollte ihm ein Spiel beibringen „Mensch ärgere dich nicht“, das war schwer, aber es machte auch Spaß, und Oma hatte auch immer was Leckeres zum Naschen. Und manches Mal sang sie Jünna ein schönes, aber trauriges altes Lied vor:
„Zogen einst fünf wilde Schwäne,
Schwäne, leuchtend weiß und schön.
Zogen einst fünf wilde Schwäne,
Schwäne leuchtend weiß und schön.
Sing, sing, was geschah,
keiner ward mehr gesehen, ja,
Sing, sind was geschah,
keiner ward mehr gesehn.“
Ach, wie traurig. Jünne fragte, aber Oma wusste auch nicht, wo die Schwäne dann geblieben waren.
Der Pompetzki, der im Laden half, manchmal auch im Lokal, der war ganz nett, aber viel zu tun hatte Jünna nicht mit ihm. Dann die Mädchen, Liesbeth und Elfriede, die Haus und Haushalt besorgten und die „Jinnache“ von hinten und vorne verwöhnten, besonders Liesbeth, und die ihm auch fast alle die Lieder beibrachten und mit ihm sangen.
Es gab Bekannte, nein, eigentlich Verwandte im Dorf, die Jünna besonders gut kannte und dazu gehörte auch Tante Hulda Domnick, die besorgte ihren Hof, da Onkel Walter auch „im Feld“ war und nicht nach Hause kam. Da ging Jünna auch oft hin und lief auf dem Hof herum und in den Ställen und Tante Hulda kam auch häufig in Jünnas Haus. Irgendwie waren die Familien ja verwandt.
August Bobeth und Tante Selma, die waren schon alt, aber ganz lieb zu Jünna. August hatte auf der rechten Seite nur einen halben Arm, der Stumpf war immer mit einem schwarzen Tuch umwickelt und nicht zu sehen. Opa hatte mal erzählt, dass August beim Arbeiten in eine große Säge gekommen war und den Arm verloren hatte. Aber August Bobeth war stark und mutig und er war sehr oft im Lokal und wurde dann laut und lustig, wenn er viel trank. Mutti meinte, dass seine Tante Selma ihn dann zu Hause mit der Nudelrolle erwartete, um ihn zu verprügeln „Aujust – Aujust, hast schon wieder so viel jetrunken“, aber ob das stimmte, Jünna glaubte das nicht, die waren beide doch so nett.
Der Oltersdorf, das war der Friseur, der kam immer ins Haus, um Jünna die Haare zu schneiden und das konnte dieser überhaupt nicht vertragen, nein, den Oltersdorf mochte er nicht. Wenn es wieder soweit war, lief Jünna meistens erstmal weg und versteckte sich im Garten oder auf dem Boden und einmal sogar bei Oma unter dem Bett, da fanden sie ihn nicht, jedenfalls sehr lange nicht, und als sie ihn dann entdeckten, war Jünna unterm Bett eingeschlafen. Aber ums Haareschneiden kam er nicht herum, irgendwie mochte er das gar nicht und manchmal „brillte er wie am Spieß“, wie Elfriede sagte.
Gottseidank musste man die Haare nur selten schneiden.
Schuster Krause, das war auch so einer. Der hatte ein Motorrad und musste viel herumfahren, wenn Schlachtzeit war, dann besah er sich nämlich das Fleisch und stempelte es ab, und dann durfte Jünna oft mitfahren, vorne auf dem Tank, mit Volldampf durch die Pfützen, dass es spritzte.
Wen gab es denn noch? Onkel Albert und Tante Trudchen, wohnten zwar gegenüber, aber so oft war Jünna da nicht, ab und zu trafen sie sich auf der Straße oder im Laden, aber zur Erntezeit fuhr Jünna manchmal mit auf die Felder, wo Getreide und Heu aufgeladen wurden.
Da gab es Leute, die das Korn mit der Sense abmähen mussten, dann wurden Garben gebunden und diese zum Trocknen in Hocken aufgestellt und nach einiger Zeit wurden die Garben dann auf den Hof zum Dreschen und das Stroh danach als Viehfutter oder Streu zum Lagern in die Scheunen gebracht und dann konnte Jünna auf den hoch beladenen Wagen mitfahren und sich die Welt von oben ansehen.
Ja, und Unruhs, bei denen Jünna nur an Ilse Unruh dachte, obwohl da sicher noch mehr in der Familie waren, Ilse, die war häufig bei Mutti, sie und Tante Hulda, die dann oft lange aufblieben und redeten und Wein tranken oder – einmal hatte Jünna das gesehen und auch probiert – Wein der so prickelte wie Brause, die nannten das Sekt.
Wenn Jünna an Tante Thereschen dachte, die am Knochenberg wohnte, dann besonders an eine ganz leckere Sache, die es dort immer zusammen mit Tee gab, wenn die Kinder, Jünna und manchmal Peter und Dieter und später auch Rüdi, sie besuchen kamen, und das waren ihre Waffeln, die sie frisch backte und dick mit Butter und Marmelade bestrich, und die Jungens aßen, bis sie nicht mehr konnten.
Ja, Peter und Dieter, eigentlich hieß er Dietrich, das waren die Söhne von Tante Hildchen und Onkel Jochen Grabe. Tante Hildchen war die Schwester von Ewald und Papa. Den Onkel Jochen sah Jünna überhaupt nur einmal bei einem kurzen Besuch in seiner Uniform. Onkel Jochen war jetzt, wie Papa, ebenfalls im Krieg, an der Front und er war auch ein guter Springreiter, wie es Jünna erklärt wurde, wenn die Fotos gezeigt wurden, auf denen Onkel Jochen mit seinem Pferd über einen Zaun oder andere Hindernisse sprang.
Tante Hildchen und die Jungens wohnten jedenfalls im Kanonenweg in Königsberg, einer großen Stadt. In Königsberg war Jünna zwar geboren, aber er kannte die Stadt nicht und war nur einmal kurz dort und konnte sich gar nicht richtig an den Besuch erinnern.
Nun, Jünna hatte noch einen anderen Opa und eine andere Oma, Oma und Opa Henseleit, Mutti’s Eltern. Die wohnten in Ebenrode, weiter weg von Lank. Opa hatte dort viele Lastwagen, mit denen er alles transportierte und ab und zu kam er auch über Lank gefahren, aber sehr selten.
Jünna war, bis auf seine eigenen kleinen Ausflüge noch nie richtig aus Lank herausgekommen. Doch, einmal nach Königsberg zu Tante Hildchen, aber das hatte er fast vergessen, und dann in einem Sommer ans Meer, an das Frische Haff und auch an die Ostsee nach Balga. Also, das war schön aber auch wieder nicht so schön gewesen. Sie fuhren mit dem Auto dorthin. Schon bei der Anfahrt von weitem sah es so aus, als ob das Meer fast im Himmel war, weil man von oben, von der Steilküste, wie sie es nannten, hinabsah auf das Wasser. Zum Strand ging es viele Treppen hinunter und dann konnte Jünna prima im Sand spielen und auch ins flache Wasser gehen, aber als Mutti dann etwas weiter hineinging, kriegte Jünna es so mit der Angst, und er schrie und schrie, dass alle sich fragten, was los sei, und er hörte erst wieder auf, als Mutti zurückkam. Ja, vor Wasser hatte Jünna wohl mächtig Furcht.
Eines Tages, als Opa Henseleit mit einem seiner Lastwagen vorbeikam – „der größte Faun, den es gibt“, sagte er stolz – meinte er „Na, Kronensohn“, – so nannte er Jünna immer – „willst du ein paar Tage mitkommen zu mir und Oma nach Ebenrode?“, und Jünna wollte natürlich und Mutti sagte ja, ein paar Sachen wurden gepackt und dann ging es los. Vorne im Führerhaus, hoch über der Straße, saß Jünna mit Opa und Pascal, dem Fahrer. Das war noch etwas anderes, als mit Krause’s Motorrad, und es ging über Zinten, Insterburg und andere Städte bis nach Ebenrode, oder Stallupönen, wie die Leute es manchmal nannten, die hatten früher mal den Namen gewechselt, und gegen Abend kamen sie dort an.
Jünna sah die Oma Henseleit zum ersten Mal richtig, jedenfalls konnte er sich nicht erinnern, sie vorher schon einmal gesehen zu haben. Als Pascal ihn aus dem Führerhaus hinaushob ging es gleich in Oma’s Arme „Na, Jinnache, wie scheen, dass du mitjekommen bist, lass dir erst mal dricken und denn komm man rein“, Oma sprach etwas komisch, so wie zu Hause die Mädchen. Und dann gab es zu essen, Bratkartoffeln und dicke Milch, Opa’s Lieblingsgericht, hatte Jünna noch nie gegessen, jedenfalls nicht die dicke, saure Milch, und so haute er mehr in die Bratkartoffeln rein, von denen noch eine weitere große Portion in der Pfanne auf dem Herd stand, in dem ein offenes Feuer brannte wie bei den Zigeunern draußen.
Opa meinte, Jünna sollte früh ins Bett gehen, „denn morgen geht es auf eine weite Tour und da bist du besser ausgeschlafen“. Und Jünna war auch richtig müde von seiner ersten großen Reise und schlief sofort ein, begraben unter riesigen Federbetten.
Mann, so früh war er ja noch nie aufgestanden, es war noch dunkel, also Oma ihn weckte „Jinnache, steh man auf, soll bald losjehn.“ Opa war schon fertig, und beide sahen zu, wie Jünna frühstückte. „Hau rein, Koslowski“, sagte Opa, warum der ihn wohl Koslowski nannte, aber er fragte nicht weiter danach, denn jeder hatte wohl einen Spitznamen und Jünnas kleiner Bruder Rüdiger wurde von Opa Henseleit zum Beispiel „Bürgermeister“ genannt.
Und dann ging es los, aber bevor sie abfuhren, nahm Opa ihn mit auf den Hof, da standen sechs von den großen Lastern und die Fahrer, Pascal, den Jünna schon kannte und der wieder mit ihnen fuhr, und andere mit Namen, die Jünna noch nie gehört hatte, und Opa sagte ihnen allen, was sie den Tag über zu tun hätten, und dann fuhren sie ab, Oma winkte und hatte noch ein Paket mit dicken Stullen mitgegeben für unterwegs. Opa sagte, wir fahren nach Gumbinnen und holen Holz, das dann am Abend hier am Bahnhof abgeladen wird. Jünna erinnerte sich später nicht an alles, was an diesem Tag geschah, aber an das Gefühl, wieder hoch oben über der Straße zu sitzen, an die endlosen Wälder, durch die sie fuhren, Opa sagte „das ist die Rominther Heide, da gibt es auch Elche, hast du schon mal einen gesehen?“, und an einen Storch, der ihnen vor das Auto flog und vorne an die Scheibe schlug, aber wohl unverletzt weiterflog, da hatten sich doch alle drei ziemlich erschreckt. Opa sagte noch „na, der muss wohl dringend ein Baby abliefern und hat nicht aufgepasst, wo er flog“, und alle lachten.
Später, während das Holz geladen wurde, nahm Opa Jünna mit in ein Büro, da waren viele Leute in Uniform, so wie Papa und Onkel Jochen eine anhatten auf manchen Fotos, und Opa sagte zu denen „das hier ist mein Enkel, mein Kronensohn“ und Jünna war ganz verlegen, aber er kriegte Sahnebonbons geschenkt und alle waren freundlich zu ihm. Opa fragte noch „wie sieht es aus mit den Holztransporten in den nächsten Wochen?“, und einer, den Opa manchmal auch Chef nannte, sagte „das geht zumindest noch drei Wochen weiter, Franz“ – so hieß Opa Henseleit auch - „du kannst ruhig noch zwei weitere Wagen abstellen, dann schaffen wir es schneller, die brauchen an der Ostfront immer mehr.“
Jünna wusste nicht was oder wo die Ostfront war, aber Opa machte dann mit dem Chef die Zeit ab und sagte zu Jünna später „na, dann habe ich ja ordentlich zu tun, das gibt Geld“. Danach wurde dann eine Flasche Schnaps auf den Tisch gestellt und Gläser und alle tranken davon und eine neue Flasche wurde angebrochen und es wurde laut und die Leute lachten alle und sprachen durcheinander, das gehörte wohl dazu.
Dann ging es wieder zurück nach Ebenrode. Jünna schlief unterwegs ein und wachte erst auf, als sie auf dem Hof standen, abgeladen werden sollte am nächsten Morgen.
So vergingen die Tage, es wurde gearbeitet, wie immer, fast jeden Tag eine neue Fahrt mit dem Laster, und Jünna mit dabei, und das machte richtig Spaß und wo sie auch hinkamen, Opa kannte wohl jeden und jeder kannte ihn und Jünna wurde immer vorgestellt „dies ist mein Enkel, der Kronensohn“ und so. Einmal fuhren sie auch in eine Stadt mit dem Namen Trakehnen und später erinnerte sich Jünna nur noch daran, dass es dort so viele Pferde gab und Opa mit ihm und einigen anderen Leuten an die Ställe und zu den Auslaufwiesen ging und sie sich alles ansahen. Jünna staunte, so viele Pferde hatte er noch nicht gesehen, auch nicht bei Unruhs. Und Opa erklärte, dass das ein ganz berühmtes Gestüt war und dass die Pferde von dort in viele Länder verkauft wurden und dass auch Onkel Jochen bei seinen Turnieren auf einem Trakehner ritt und auch bei Unruhs diese Pferde gehalten wurden. Jünna dachte kurz daran, dass er vielleicht auch so ein Pferd haben wollte, Platz genug gab es zu Hause in Lank sicher dafür, aber dann vergaß er es wieder.
Als sie am Abend wieder nach Ebenrode zurückkamen, stellten sie das Auto auf dem Hof ab, aber Opa sagte „Jetzt gehen wir noch zu Schneidereits Gasthof, ich muss da jemanden treffen, komm mit.“ Das war nicht weit, nur etwas hinunter zur Stadt hin, dann über die Bahngeleise und rechts zum Bahnhof, und dahinter war die Kneipe. Als sie ankamen, war es knüppelvoll und ein Rauch und ein Geruch nach Bier und Menschen, viel mehr als zu Hause. Einige Leute erwarteten Opa schon und, nachdem Jünna seine Brause bekommen hatte, wurde geredet und getrunken und geredet. Jünna hörte wohl, als Opa einmal sagte „ich glaube nicht, dass das noch lange dauert, der Russe ist doch schon so nahe. Ich mach meine Sachen, aber bin auch vorbereitet, falls es nötig ist.“
Da war etwas bei dem, worüber sie sprachen und was Jünna auch zu Hause manchmal hörte, was er nicht verstand, irgendwie hörte es sich bedrohlich an, so, als wenn sich bald etwas ereignen würde, was es noch nie vorher gegeben hatte, aber das waren immer nur kurze Momente, die schnell wieder durch andere, ganz normale Gespräche weggewischt wurden. Als sie vorher am Bahnhof vorbeigegangen waren, hatte Jünna ziemlich viele Leute gesehen, die alle gleich angezogen waren und die hatten sogar Schießgewehre, Soldaten, wie sie genannt wurden, die warteten dort wohl auf einen Zug, und auf einigen Waggons standen große Autos und auch Kanonen und Panzer, da war ja wirklich was los, und Jünna dachte später, ob das wohl etwas mit den Gesprächen der Erwachsenen zu tun hatte, er wusste es nicht.
In Schneidereits Gasthof ging es wirklich hoch her aber es wurde Jünna doch langsam langweilig. Als sie endlich aufbrachen, da hatte Opa erst Schwierigkeiten, aufzustehen und alle lachten „Na, Franz, pass man auf, dass du gut nach Hause kommst, aber is ja nich so weit“, und Jünna musste dann den Opa doch tatsächlich an der Hand führen und immer wieder weiterziehen, weil Opa stehen blieb und vor sich hin redete, das war ganz schön schwer, bis sie endlich auf dem Hof ankamen. Opa setzte sich auf einen Hauklotz am Holzhaufen und Jünna versuchte, ihn ins Haus zu ziehen „komm, Opa, komm rein“ ging aber nicht, und dann kam irgendwann Oma heraus, sah sich das an und sagte „lass man, Jinnache, der ist besoffen, das passiert oft“, und dann schafften sie es gemeinsam, den Opa ins Haus zu kriegen. Der ging sicher gleich schlafen, aber Jünna saß noch mit Oma in der Küche und kriegte dicke Milch mit Bratkartoffeln, bis auch er müde wurde.
Es war so schön und spannend bei Opa und Oma Henseleit, immer gab es viel zu sehen und fast täglich fuhren sie mit dem Lastwagen. Jünna war dabei, wenn Holz auf- und abgeladen wurde, fuhr mit zu den Kiesgruben, von wo Sand geholt und zu den Baustellen gefahren wurde. Er konnte sich mit Pascal unterhalten, der etwas lustig deutsch sprach, denn er kam nicht von hier, sondern aus einem Land, das Frankreich hieß, aber der war so nett zu ihm und manchmal sprach er von einer Stadt Paris, er kam dort aus der Nähe und sagte, dass er vielleicht bald wieder nach dort gehen könnte, wer weiß.
Dann musste Jünna eines Tages aber wieder seine Sachen packen und wurde zurück nach Lank gebracht. Oma sagte noch „na, Jungchen, komm man bald mal wieder“, aber keiner ahnte, dass sie sich, abgesehen von ganz kurzen Unterbrechungen so richtig erst Jahre später in einem ganz anderen Land wiedersehen würden.
Als sie nach Lank zurück kamen und vor dem Haus an der Tankstelle hielten, kamen Mutti und Opa und die Mädchen heraus und alle drückten ihn und fragten, wie es gewesen war und freuten sich, dass er wieder da war, auch Rüdi, der bei Liesbeth auf dem Arm saß. Opa ging mit hinein und setzte sich mit Mutti und Opa, dem anderen Opa, denn Jünna hatte ja zwei, ins Lokal, um noch etwas zu „plachandern“, während Jünna sich erst mal im Haus umsah, wo er nun so lange weg gewesen war, aber alles war noch da. Opa Henseleit verabschiedete sich dann und auch Pascal und sie fuhren zurück. Das war kurz bevor der Sommer zu Ende ging.
Dann kam der Herbst, es wurde kälter. Barfuß laufen gab es nicht mehr, warme Kleider mussten her und Jünna sollte eines Morgens ersteinmal wieder sein „Leibchen“ anziehen, so ein Ding wie ein kurzes Hemd, aber unten mit Strippen dran und Klammern und Knullerchen, an denen die langen Strümpfe angeknöpft wurden. Jünna wusste schon, was das bedeutete und er sträubte sich mit Händen und Füßen – es half aber nichts, wie immer, trotz Weinen und Geschrei, Mutti sprach ein Machtwort, Liesbeth half mit, und fünf Minuten später stand Jünna da und wagte kaum, sich zu bewegen. Sie hatten ihm wieder die langen wollenen Strümpfe angezogen und oben am Leibchen befestigt. Und die kratzten, es war so schlimm, Jünna wagte nicht, sich zu bewegen. Erst stand er nur da und noch liefen die Tränen, dann ging er einige Schritte, steifbeinig und ohne die Knie zu bewegen, heulte wieder auf „ich will nicht“ und blieb stehen, und dabei lachten die anderen auch noch.
Nun, zum Schluss und nach einem weiteren vergeblichen Versuch, die Strümpfe wieder auszuziehen, was ihm beinahe ein paar Schläge mit dem Kochlöffel eingebracht hätte, blieb ihm ja nichts anderes übrig, als davon zu staksen, „Mann, das stach und piekste“ er musste sich ständig kratzen, und das sollte jetzt den ganzen Winter über so gehen. Es half aber alles nichts, er ging nach draußen, immer noch schniefend und sauer.
Später traf er Wolfgang und Herbert aus dem Dorf, die hatten übrigens auch lange Strümpfe an, anscheinend hatten sich alle Eltern abgesprochen, ihre Kinder jetzt damit zu quälen. Sie gingen zusammen zum ersten Mal zum Kastaniensammeln, und Jünna vergaß dann doch tatsächlich bald die kratzigen Strümpfe.
Im Herbst gab es wieder allerlei Neues zu tun. Sie gingen häufiger Kastanien sammeln unter den großen Bäumen vor Krauses und hatten bald ganze Säcke davon im Stall stehen, aber dann gab es auch noch viel was Besseres, nämlich alle die Früchte in den Gärten, Äpfel und Birnen, die Kirschen waren schon vorbei, dann standen im Großen Garten Haselnussbüsche und Walnussbäume und da war jede Menge dran und so konnte man sammeln und sammeln und sich gemütlich hinsetzen und futtern.
Draußen vor dem Dorf links und rechts der Straßen, waren jetzt auch die Mehlbeeren reif und essbar, später auch Schlehen, und dann gab es endlich auch die Kletten, und Jünna sammelte so viele, dass er ganze Bälle davon machen konnte und er und die anderen bewarfen sich damit, bis die Hemden und Pullover davon über und über voll waren.
Es war immer noch schönes Wetter, eigentlich spielte sich Jünnas Leben von Frühjahr bis zum Herbst meistens draußen ab. Den ganzen Sommer über barfuß – herrlich, durch den puderfeinen Sand der Sommerwege zu schlurfen, dass es staubte, ganz grau waren Füße und Beine, einmal stieß Jünna dabei gegen einen im Staub verborgenen Stein, so, dass es ordentlich blutete, er erinnerte sich manchmal daran, wie das rote Blut unter dem Zehennagel hindurch durch den grauweißen Staub kam – und jetzt im Herbst mit den kratzigen Strümpfen, an die er sich längst gewöhnt hatte, aber auch wieder draußen auf der Straße und in den Gärten und auf den Feldern und Höfen, wenn Stroh und noch einmal Heu eingefahren wurden, da konnten die Kinder toll drin spielen und rumtoben.
Es war schön, jeder Tag war, wie er war und nur selten und fast unbemerkt drang Bedrohliches auch bis zu Jünna vor.
Manchmal, wenn draußen nichts los war, oder wenn das Wetter wirklich einmal schlechter war, gab es für Jünna auch drinnen genug zu sehen und zu tun, im Laden, im Saal, in Boden und Keller. Und dann setzte sich Jünna auch ab und zu ans Klavier und klimperte darauf los, das fand er richtig gut, und Mutti und die Mädchen wohl auch, denn die sagten ab und zu „ na, der wird noch mal ein Pianist“, und Mutti meinte, sie wollte später einen Klavierlehrer besorgen. Die Lieder, welche Lieder konnte Jünna denn schon ganz gut spielen? Jedenfalls nicht die Soldatenlieder von Liesbeth und Elfriede.
Aber als erstes wohl:
„Hänschen klein, ging allein,
in die weite Welt hinein,
Stock und Hut, steh’n ihm gut,
er ist wohlgemut.
Aber Mutti weinet sehr………“
Was noch? Vielleicht:
„Rosemarie, Rosemarie,
sie-hieben Jahre mein Herz nach dir schrie…..“
Ach ja, und dann noch:
„War ein Jud’ ins Wasser gefallen,
Hab’ ihn hören plumpsen.
Doch wär’ ich nicht dazu gesprungen
Wär der Jud‘ versunken.“
Keine Ahnung, woher Jünna dieses Lied hatte, keine Ahnung, wer da zu tief ins Wasser geplumpst, ohne sich vorzusehen, und dann fast versunken war. Erst viele Jahre später kam es Jünna in den Sinn, welche versteckte und sogar böse Bedeutung sich hinter diesem Lied verbarg, das ihm zeitlebens irgendwie im Gedächtnis geblieben war. Sicher hatten die Mädchen dies gesungen, wie die anderen Lieder und die Soldatenlieder auch, nur damals dachte Jünna nicht darüber nach.
Ja, und sowas Einfaches konnte Jünna schon ein wenig auf dem Klavier spielen.
Irgendwann, Anfang Oktober, geschah etwas ganz Besonderes, etwas Neues, der Tag kam, an dem Ewald, der Papa, kommen sollte. Schon lange vorher waren alle aufgeregt aber freuten sich, Mutti besonders und Oma und Opa und alle waren gespannt, auch der Jünna. Dann war es soweit, eines Nachmittags hielt ein Auto vor der Tür und Papa war da. Er und Mutti umarmten sich lange und Mutti weinte, Oma und Opa auch „Ewaldchen, wie schön, dass Du endlich da bist“, und Rüdi zappelte vor Aufregung auf Liesbeths Arm. Jünna sah etwas vorsichtig hinter den Erwachsenen hervor, hatte er den Papa, seinen Papa, schon einmal gesehen?
Erinnern konnte er sich nicht richtig, also kam da ein Fremder und in Uniform, so wie die Soldaten in Ebenrode, aber trotzdem schien alles doch gleich vertraut zu sein, und da wurde er auch schon hervorgezogen und Papa hob ihn hoch, so hoch, warf ihn noch etwas weiter in die Höhe und fing ihn wieder auf und dann drückte er ihn an sich, fest und lange „Jünna, du bist ja vielleicht groß geworden, komm her“. Und dann kam Rüdi dran und wurde gedrückt und bekam Küsschen und wurde herumgewirbelt, dass er juchzte „du bist ja auch so gewachsen und ein richtig Süßer“.
Alle gingen hinein, die Erwachsenen tranken Sekt, Jünna und Rüdi Brause, aber Jünna durfte einen kleinen Schluck aus Papas Glas trinken, na, das war ja fast so wie die Brause. Papa packte dann Geschenke aus, erst mal für Mutti Parfüm und noch was, das Jünna nicht sehen konnte, Oma und Opa kriegten Rotwein, Jünna und Rüdi Spielsachen aus Holz und Bleisoldaten. Danach wurde in der Guten Stube gegessen und viel erzählt. Und dann war Papa einfach da. Es kam Besuch, Tante Hulda, Albert und Trudchen, Ilse Unruh und alle waren froh, dass sie sich sahen und dann wurde viel geredet über den „Krieg“ und die „Lage“. Jünna hörte manchmal die Worte, die Fragen, die Antworten, auch die leiseren, nachdenklichen, verstand aber wenig von dem Ganzen. Es ging da etwas vor sich, das er nicht begreifen konnte. Da war viel die Rede von Krieg und Soldaten, von der Ostfront in Russland und vom Führer und immer stellten sie sich die Frage, wie das alles enden würde, aber anscheinend gab es noch keinen Gedanken an richtig große Veränderungen und Schwierigkeiten „Es wird schon alles gut werden, hier ist auf jeden Fall noch alles sicher“. Aber war da nicht doch etwas Besorgnis herauszuhören, selbst für Jünna? Irgendwie, irgendwie…..
Papa war anscheinend in einem Land Frankreich gewesen, jetzt in Ungarn und sollte wohl demnächst nach Russland an die Ostfront „versetzt“ werden, „Pascal von Opa Henseleit kommt ja aus Frankreich“, erinnerte sich Jünna.
Mutti und Opa erzählten auch, wie sie mit Laden und Lokal zurechtkämen, dass der Pompetzki manchmal für Tage wegblieb, aber es ginge schon gut. „Ach, wenn das alles doch vorbei wäre und du wieder für immer zurück. Hoffentlich bald.“
Die Tage vergingen, mit Ausflügen, mit Besuch, mit Feiern. Papa spielte dann auch auf dem Klavier oder Flügel mit seinem, wie er sagte „weichen Anschlag“. Manchmal war es richtig laut im Zimmer hinter dem Laden, Musik und Lachen und laute Unterhaltung, die tanzten auch alle, Jünna sah das manchmal, wenn er in das Zimmer kam oder auch hinter dem Vorhang zum Saal stand und sah, was die machten. Da schütteten sie doch einmal Sekt in Muttis Schuh und alle tranken daraus, na, ob das nun schmeckte?
Jünna hatte sich so schnell an seinen Papa gewöhnt und daran, dass er da war, und das, obwohl er nun mit Rüdi in einem anderen, kleinen Zimmer schlafen musste.
Einmal in einer Nacht wachte Jünna auf. Er horchte, alles war still, kein Geräusch, außer, dass sich Rüdi in seinem Bett herumrollte. Ganz plötzlich hatte er furchtbare Angst, wo waren die denn? Waren Mutti und Papa einfach weggegangen und hatten ihn und Rüdi zurückgelassen? Er zitterte richtig, aber er musste nachsehen, stieg aus dem Bett, ging durch das Gute Zimmer, das andere, durch die Küche, in das Klavierzimmer. Jünna dachte auch an die Maus, die ihm einmal im Schlaf über den Kopf gelaufen war, die er aber mit seiner kleinen Faust gepackt hatte – Mutti – „halt sie bloß fest“ und im Flur einfach wegwarf, das kam ihm nur so in den Sinn. Alles war dunkel, keiner war da. Jünna fühlte sich so alleine und musste fast weinen vor Angst. Aber im Klavierzimmer stand auch das Telefon auf der Fensterbank und da konnte er ja mal anrufen. Wo und wen und wie? Daran dachte er nicht, setzte sich auf den Schreibtisch am Fenster, nahm den Hörer ab und drehte die Scheibe, um zu wählen. Da, ein Ton, da meldete sich doch jemand „Hulda Domnick“, tatsächlich war da doch Tante Hulda dran und als Jünna gerade noch schluchzte nach Mutti und Papa, da sah er, wie die beiden draußen am Fenster vorbeigingen und dann hereinkamen. Wie groß die Angst gewesen war, so erleichtert war Jünna jetzt, als Papa ihn auf den Arm nahm und tröstete „Wir waren doch nur bei Korells nebenan“. Alle waren also noch da und zusammen.
Aber der Tag kam, an dem Papa wirklich wieder wegmusste, alle waren traurig oder sogar besorgt, schon Tage vorher. Jünna hörte einmal zu, als Mutti und Papa sich unterhielten, und merkte irgendwie, dass sie etwas Wichtiges besprachen.
„Weißt du, wenn wirklich etwas passieren sollte, wenn ich womöglich nicht rechtzeitig wieder hier bin oder ihr weg müsst und wir vorher nicht mehr sprechen können, hier sind die Namen und Adressen. Ich melde mich dann dort und ihr auch und so können wir in Verbindung bleiben, das habe ich auch mit Hildchen abgesprochen und die sagt Jochen Bescheid. Und du gibst die dann auch noch nach Ebenrode weiter. Aber es wird sicher nicht soweit kommen, hoffentlich.“
Und dann war Papa wieder fort und auf die Fragen „warum, wohin, für wie lange“ gab es keine richtige Antwort.
Eines Abends, kurz nachdem Papa weg war, saßen Mutti und Oma und Opa zusammen und Jünna war dabei, saß auf dem Boden und spielte, während die anderen sich unterhielten. Und er hörte zu.
„Seht mal“, sagte Mutti, „ich bin jetzt 29 Jahre alt, vor sechs Jahren haben wir geheiratet. Davor, ihr wisst ja, wie es war, keine leichte Zeit. Zu Hause in Ebenrode habe ich gearbeitet wie ein Pferd, bis ich mit 16 Jahren nicht mehr konnte und einfach weglief. Gott sei Dank kam ich dann ja bei Pelikans im Café in Insterburg unter. Die waren wie richtige Eltern zu mir und alles ging ganz gut, sogar sehr gut, denn eine Zeit später habe ich das Café ja praktisch schon alleine geführt.
Dann kam Ewaldchen in mein Leben und fand mich dort und dann kam auch noch die Aussöhnung mit meinem Vater, der sogar stolz war auf seine Tochter und alles schien so wunderbar zu werden. Wir heirateten, ein Jahr später kam dann Jünna zur Welt.“
Mutti sah zu ihm herüber und Jünna horchte besonders auf, als er seinen Namen hörte. Mutti lachte. „Ihr erinnert ja, dass draußen vor der Klinik in Königsberg eine Riesenparade war mit Musik und Gesängen und der Adolf reden sollte, da kam Ewald ja nun fast zu spät, weil alles abgesperrt war. Als Jünna dann da war, sagte der Professor – der Junge kommt mit Musik – ja, das tat er, obwohl…“, und wieder lachte sie, „Jünna sah aus wie ein verschrumpfter Bratapfel, ich dachte erst, was Ewald wohl sagen wird, aber der freute sich und es war ja alles gut überstanden und wir hatten unseren ersten Sohn.
Aber konnten wir es gemeinsam genießen? Nein, denn im nächsten Jahr musste Ewald dann einrücken und ich war allein. Übrigens, als Rüdi dann drei Jahre später zur Welt kam, und Ewald ein paar Tage nach der Geburt nach Königsberg kommen konnte, sagten die Schwestern ihm – „na, suchen Sie sich mal einen aus“ – und Ewald tippte aus der ganzen Zahl der Babys auf einen, und alle lachten, denn es war tatsächlich Rüdi, das hübscheste Baby. Die paar Tage gingen dann so schnell vorbei und schon war ich wieder alleine, jedenfalls ohne Ewald. Was haben wir denn schon voneinander gehabt, seit wir verheiratet sind. Nun mache ich alleine das Geschäft, wie gut, dass ihr da seid und immer helft, mehr als das. Ohne Gustav ginge es gar nicht. Aber was soll man machen? Hoffentlich endet das alles bald.“
Der Winter war da. Und Winter in Ostpreußen heißt viele Wochen und Monate mit großer Kälte und viel, viel Schnee. Für Jünna aber war das überhaupt kein Problem, eher ein Vergnügen. Jünna kriegte sein Teufelsmützchen aus Angorawolle an, wurde warm eingepackt, und raus ging es jeden Tag mit dem Schlitten, auch bei Wind und Wetter und minus 30 Grad Kälte. Die Kreuzung vor Jünnas Haus lag ja etwas erhöht, und schon dort konnte er mit dem Schlitten den kleinen Berg hinunterfahren. Die Transporte im Dorf fanden auch auf Schlitten statt, auf Pferdeschlitten, und öfter kam Tante Hulda mit ihren beiden Brauen vor dem Reiseschlitten und dann versammelten sich Erwachsene und Kinder vor Jünnas Haus, die Schlitten wurden aneinander gebunden und an dem großen Pferdeschlitten befestigt, und dann ging es ab über die Felder, eine lange Kette von Schlitten hintereinander, dass der Schnee nur so staubte, ein Riesenvergnügen. Nach der Rückkehr gab es im Lokal für die Erwachsenen Grog und die Kinder kriegten Kakao zum Aufwärmen.
Dann kam der Tag gegen Anfang Dezember, der für Jünna beinahe schlimm geendet hätte. Die Kinder hatten sich alle zum Rodeln verabredet, auf den Wiesen beim See, da gab es eine schöne Abfahrt zum See hin. Jünna ging vorher noch zum Bäcker und holte sich eine Tüte mit „Kleba“, die kleinen, runden, braunen Fladen, aber etwas süß, die er so gerne mochte, packte den Proviant auf den Schlitten und zog los. Am Rodelberg waren alle schon da und alleine oder mit zusammengebundenen Schlitten ging es dann immer wieder den Hügel hinunter und wieder herauf und wieder hinunter und Schneebälle flogen hin und her, das war ein Spaß.
Und dann wollten alle sehen, wer mit seinem Schlitten am weitesten fahren konnte. Jünna nahm richtig Anlauf und Schwung und legte sich mit dem Bauch auf den Schlitten und fuhr und fuhr, den Berg hinunter und auf den See zu und auf das Eis und weiter und weiter – und dann war das Eis plötzlich zu Ende, da hatte man wohl schon Eis herausgesägt, und Jünna landete im eiskalten Wasser, so kalt, ihm blieb die Luft weg. Schwimmen konnte er nicht, der Schlitten versank, und Jünna wusste selbst nicht, wie er sich über Wasser hielt, aber er paddelte und strampelte und schlug mit Armen und Beinen und kam schließlich auf der anderen Seite des Wassers an eine dünne Eisschicht. Er versuchte sich hoch zu ziehen, aber erstmal brach das Eis immer wieder ab, bis er endlich, schon erschöpft vor Angst und Anstrengung, endlich eine Stelle mit festerem Eis erreichte und sich mit aller Kraft tatsächlich aus dem Wasser und auf das Eis hinaufziehen konnte. Da lag er dann und es war so kalt, und auf der anderen Seite schrieen die Kinder und wussten nicht, wie sie helfen sollten oder konnten. Jünna aber raffte sich auf und lief, begleitet von den anderen, durch das Dorf nach Hause. Welch ein Schreck, welch eine Aufregung dort „Was ist denn geschehen, wie konnte das denn passieren, meine Güte, du hättest doch ertrinken können.“
Als erstes raus aus den nassen, kalten Sachen und heiß abgewaschen und dann waren der Schreck und die Angst schon fast vergessen. Opa wollte unbedingt untersuchen, wo das passiert war und ob es dort tief war und Jünna, mit neuen warmen Sachen an, und die anderen Kinder gingen wieder mit. Am See nahm Opa dann eine lange Stange und ging von der anderen Seite an das Loch im Eis heran und stocherte mit der Stange im Wasser herum, warum eigentlich, alle sahen ihm gespannt zu, und dann, ein Schrei wie aus einer Kehle, auch Opa war eingebrochen und lag im Wasser. Es war da aber wirklich nicht so tief dort und mit Hilfe der Holzstange kam er wieder aus dem Wasser, tropfnass, aber heil, und nun musste auch er schnell nach Hause, begleitet von der Horde Kinder.
Was für ein Tag, gleich zwei in der Familie Domnick, die ins Wasser gefallen waren, mitten im Winter, und zumindest Jünna hatte wohl richtig Glück gehabt, obwohl Mutti und Oma und Opa und alle anderen vielleicht mehr Angst ausgestanden hatten, als er selbst.
Er war ja schon immer vorsichtig bei Wasser gewesen, aber dieses Erlebnis saß später wohl sehr tief und Jünnas Respekt vor tiefem Wasser hielt irgendwie sein Leben lang an, woran er später so manches Mal denken musste.
