Der  Philosoph, der nicht mehr denken wollte - Laurent Gounelle - E-Book

Der Philosoph, der nicht mehr denken wollte E-Book

Laurent Gounelle

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Beschreibung

Ein berührendes Buch über das Verzeihen

Sandro, ein junger Philosoph, fährt nach Südamerika, um den Tod seiner Frau zu rächen, die im Amazonas umgekommen ist. Er führt bei dem Stamm, den er für schuldig hält, alle negativen Aspekte unserer westlichen Zivilisation ein: Einsamkeit, Neid, Kommunikationslosigkeit, Materialismus und Individualismus. Die junge Schamanin Elianta bringt Sandro jedoch dazu, sein Tun und dadurch die Werte, auf denen sich die westliche Zivilisation gründet, zu hinterfragen. Er sieht ein, dass er falsch gehandelt hat und hilft dem Stamm – und damit auch sich selbst –, das Glück wiederzufinden. In seinem neuen Roman bringt Laurent Gounelle uns dazu, unser Gesellschaftsmodell und unsere Vorstellung vom Sinn des Lebens aus einer anderen Perspektive zu betrachten.

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Buch

Sandro, ein junger Philosoph, fährt nach Südamerika, um den Tod seiner Frau zu rächen, die im Amazonasgebiet umgekommen ist. Er übt Vergeltung an dem Stamm, den er für schuldig hält, indem er alle negativen Aspekte unserer westlichen Zivilisation einführt: Einsamkeit, Neid, Kommunikationslosigkeit, Materialismus und Individualismus. Die junge Schamanin Élianta bringt Sandro jedoch dazu, sein Tun, und dadurch die Werte, auf denen sich die westliche Zivilisation gründet, zu hinterfragen. Er sieht ein, dass er falsch gehandelt hat und hilft dem Stamm – und damit auch sich selbst –, das Glück wiederzufinden.

Mit seinem neuen Buch liefert Laurent Gounelle eine kritische Perspektive auf unser nach Macht, Effizienz und Gewinn gierendes Gesellschaftsmodell und fordert uns auf, unsere Vorstellung vom Sinn des Lebens neu auszuloten.

Autor

Laurent Gounelle, 1968 geboren, studierte Soziologie und Philosophie an der Universität von Santa Cruz, Kalifornien. Seit vielen Jahren beschäftigt er sich mit Neurowissenschaften, Schamanentum und östlichen Weisheitslehren. Heute unterrichtet er Persönliche Entwicklung an der Universität von Clermont-Ferrand.

Bei Goldmann ist von Laurent Gounelle außerdem erschienen:

Der Mann, der glücklich sein wollte (21893)

Gott reist immer incognito (21944)

Laurent Gounelle

Der Philosoph, der nicht mehr denken wollte

Unterwegs ins Innere der Seele

Aus dem Französischen von Jochen Winter

Die Originalausgabe erschien 2012 unter dem Titel »Le philosophe qui n’était pas sage« bei Éditions Kero, en coédition avec les Éditions Plon, Paris.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

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2. Auflage

Deutsche Erstausgabe April 2014

© 2014 der deutschsprachigen Ausgabe

Wilhelm Goldmann Verlag, München

In der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München

© 2012 Éditions Kero, en coédition avec les Éditions Plon

Lektorat: Nadine Lipp

Umschlaggestaltung : UNO Werbeagentur, München

Umschlagmotiv: FinePic ®, München

NL · Herstellung: cb

Satz: Satzwerk Huber, Germering

ISBN: 978-3-641-12053-5V002

Für meine Mutter

Lebe jeden Tag so, als wäre es der letzte;

weder unruhig noch schläfrig

und ohne etwas vorzutäuschen.

Marc Aurel

1

Die Tür öffnete sich, und am Ende des Flurs zeichnete sich ein schwacher Lichtschein ab. Sandro setzte seinen Weg fort. Er hatte lange nachgedacht, aber all seine Überlegungen mündeten in die gleiche Litanei: Versuch, wieder ein normales Leben zu leben, komm zur Vernunft, schau nach vorn. Doch das war unmöglich. Im heftigen Aufruhr der Gefühle findet die Vernunft keinen Platz. Es genügt nicht, mit den Fingern zu schnalzen, um ein neues Kapitel aufzuschlagen.

Er wusste nicht, wohin ihn das alles führen würde, nur dass er diese Reise unternehmen musste. Das hatte er neulich abends beschlossen, nach einem Anfall von Wahnsinn, als er das Wohnzimmerfenster seines Apartments in Manhattan weit aufriss und wutentbrannt die Hälfte seiner Bücher ins Leere schleuderte. Er ertrug einfach nicht mehr, von ihnen verhöhnt zu werden.

Ja, er musste dorthin fahren, wenngleich es gewiss völlig verrückt war. Er hatte keinen Plan, keine Ahnung, wie er die Sache in Angriff nehmen sollte. Vielleicht würde er dabei sein Leben lassen, aber es konnte nicht mehr so weitergehen wie bisher. Sonst würde er in der Irrenanstalt oder im Leichenschauhaus enden – vielleicht sogar in beiden.

Das Büro des Rektors der New Yorker Universität lag hinter der dritten Tür rechts. Das seiner Assistentin diente als Vorzimmer. Die junge Frau erhob sich mit verlegenem Lächeln, klopfte behutsam an die Tür ihres Chefs, trat ein und murmelte ein paar Worte. Dann bat sie Sandro ins Büro und schloss hinter ihm leise die Tür.

»Ich hab nicht viel Zeit«, sagte der Rektor lächelnd zu seinem Besucher«, »aber nimm doch bitte kurz Platz. Ich tippe nur noch etwas zu Ende und bin dann für dich da.«

Das weiträumige Büro war in Licht gebadet. Die schweren Metallmöbel schienen sich in den beigen Teppichboden zu bohren, wie Panzer, die vom Treibsand verschluckt wurden.

Sandro blieb stehen, die Miene ernst.

»Ich brauche sechs Monate Urlaub ohne Bezahlung«, sagte er.

Die Finger des Rektors erstarrten über der Tastatur. Sein Lächeln verflog. Er hielt ein paar Sekunden inne, lehnte sich dann im Sessel zurück und atmete tief ein.

»Um was zu tun?«

»Persönliche Angelegenheiten.«

Der Rektor wandte den Blick ab. Sandro sah auf dem Schreibtisch den scheußlichen kleinen Silberrahmen mit dem Foto seines Vorgesetzten und dessen Frau, beide breit lächelnd. Er fühlte einen Schmerz in sich hochsteigen, den er zu unterdrücken versuchte. Es war nicht der Moment, um zusammenzubrechen.

»Sandro, ich weiß, dass du eine … harte Prüfung hinter dir hast. Ich weiß, wie schwer das für dich war, und …«

»Erspare mir dein Mitgefühl, bitte. Sag mir einfach, dass du einverstanden bist.«

»Sandro … Ich war immer auf deiner Seite, um dich zu unterstützen, und glaub mir …«

»Ja oder nein?«

Sein Chef ließ den Blick durch das Büro schweifen.

»Ich hab beide Augen zugedrückt, als du in den vergangenen Monaten immer wieder gefehlt hast … Ich hab dir Rückendeckung gegeben, als du letzten Juni mit einem Tag Verspätung bei den mündlichen Prüfungen aufgekreuzt bist und deinetwegen das ganze Programm abgeändert werden musste … Ich hab dich verteidigt, als du impulsiv und völlig unangemessen auf die harmlose Bemerkung eines Kollegen reagiert hast … Ich war für dich da, als du mitten in der Vorlesung vor dreihundert Studenten in Tränen ausgebrochen bist …«

»Sechs Monate ohne Bezahlung, das ist alles.«

Sein Gegenüber stieß einen tiefen Seufzer aus.

»Sandro, was du erlitten hast, ist gewiss schrecklich. Es ist normal, eine Phase der … Bestürzung und der Trauer durchzumachen, aber irgendwann muss man sich wieder fangen …

»Genau.«

»Um weiterzuleben, musst du aufhören, ständig an die Vergangenheit zu denken. Nur wenn du in die Zukunft schaust, kannst du eines Tages wieder glücklich werden.«

»Ich weiß nicht mehr, was einen glücklich macht. Aber ich könnte eine Enzyklopädie des Unglücks schreiben.«

»Du wirst damit nicht fertig, wenn du die ganze Zeit nachgrübelst … Wer dich nicht kennt, könnte glauben, dass du dich im Leid förmlich suhlst.«

»Sie kennen mich in der Tat nicht.«

»Was weiß ich … Geh mal raus, triff Leute, unternimm irgendwas, beschäftige dich mit Projekten …«

»Richtig, ich hab ein Projekt, und dafür brauche ich sechs Monate.«

Sichtlich verstimmt blickte der Rektor um sich.

»Ich bin hier nicht allein. Es gibt einen Verwaltungsrat, dem ich Rechenschaft ablegen muss …«

Sandro schwieg, ohne eine Regung zu zeigen.

Sein Chef betrachtete ihn lange und setzte dann plötzlich eine sorgenvolle Miene auf.

»Sag mir bloß nicht, dass du … dorthin reisen willst …«

Keine Antwort.

»Du bist verrückt, total verrückt.«

»Es muss sein. Das ist der einzige Ausweg.«

»Reiß dich zusammen, verdammt noch mal! Keine Ahnung, lies wieder Platon, Seneca, Arendt … Ich werd dir nicht all die Philosophen herunterbeten, die du besser kennst als ich, aber widme dich der Lektüre …«

»Lass mich in Ruhe damit!«

»Was bringt’s dir denn, da runterzufahren? Es ist krankhaft, das alles noch mal zu durchleben, es ist …«

»Meine Seele wird so lange keinen Frieden finden, bis ich nicht das getan habe, was ich tun muss.«

»Du wirst nur eines erreichen, nämlich das gleiche Schicksal erleiden wie deine Frau!«

Die Worte waren gefallen und verschmutzten die Atmosphäre mit einem schweren Hauch von Verlegenheit. Mit feuchten Augen fixierte Sandro seinen Chef, verstärkte absichtlich dessen Unbehagen, bis dieser undeutliche Entschuldigungen stammelte.

»Gib mir diesen Urlaub ohne Bezahlung, und du wirst von der Sache nichts mehr hören.«

Der Rektor atmete tief ein und blieb einen langen Moment still. Der junge Professor hielt die Luft an.

»Ich kann nicht, Sandro. Unmöglich. Tut mir leid.«

Sandro sah ein, dass nichts zu machen war, dass er niemals erhalten würde, was er dringend benötigte. Er kämpfte allein gegen einen übermächtigen Egoismus, gegen Leute, unfähig, die Intensität des Schmerzes zu verstehen, der ihn heimsuchte, peinigte, kurze Zeit verließ, nur um dann noch heftiger zuzuschlagen wie eine grausame Katze, die mit ihrer Beute spielt. Sie konnten höchstens ein paar süßliche Ratschläge erteilen, die er einfach zu befolgen habe.

»Ich fahre trotzdem.«

Er drehte sich auf dem Absatz um.

»Mach das ja nicht! Dir ist klar, was dies bedeuten würde. Es gibt zu viele Professoren, die verzweifelt auf ihre Ernennung warten …«

»Dann wird einer der Glückliche sein«, erwiderte Sandro und ging zur Tür.

»Du bist verrückt.«

»Das hast du mir schon gesagt.«

»Du weißt nicht, was dich da unten erwartet.«

»Ich weiß, was ich hier durchmache.«

»Sandro, komm zur Vernunft! Du wirst keine halbe Stunde überleben. Du hast die stillen Gänge der Bibliotheken und klimatisierten Seminarräume nie verlassen …«

»Reisen bildet«, erwiderte der andere und öffnete die Tür.

»Wenn du dich schon auf Sprichwörter verlässt, dann denk mal über dieses nach … ein brasilianisches.«

Sandro blieb stehen, ohne sich umzudrehen. Der Rektor machte eine Pause, als wollte er ihn umso entschiedener zurückhalten. Dann fuhr er fort, jedes Wort genau betonend.

»Aus dem Regenwald des Amazonas kehrt niemand zurück.«

2

Der Urwald lag vollkommen still. Die Geister schwiegen, lauschten den letzten Atemzügen des alten Schamanen. In der tiefen Kathedrale der Wildnis hatte das Licht zu schwinden begonnen. Hoch oben, in den Wipfeln der zahllosen Bäume, ließ das durchscheinende Blattwerk an wenigen Stellen ein paar schwache Strahlen eindringen, die sich im Reich der Schatten einen Weg zu bahnen versuchten.

Élianta kniete neben ihrem Meister. Ausgestreckt auf einem Teppich aus Flechten und Moos, das so weich war wie die Haut eines Neugeborenen, hatte er seine Hand in die ihre gelegt. Sie verharrte reglos, betrachtete ihn und bewunderte den alten Mann mehr denn je, der sich gelassen auf seine letzte Reise vorbereitete.

Sie atmete die feuchte Luft ein, erfüllt von den aromatischen Düften des Waldes und der Stille des Augenblicks. Sie war nicht traurig; der Tod ist nur ein Übergang, das wusste sie. Und sie hatte gelernt, all das, was der Himmel ihr schenkte, vorbehaltlos zu akzeptieren: die Prüfungen ebenso wie die Freuden. Doch allzu gern wäre sie noch lange bei dem alten Weisen geblieben, um weiterhin seine so wertvollen Lehren zu empfangen.

Das Licht rings um sie wurde immer milder, immer schwächer …

Noch nicht bereit, die Nachfolge ihres Meisters anzutreten, fragte sie sich, warum die Geister ihn von ihr fortnahmen … Worin bestand die Botschaft?

Sie ließ den Blick über die schläfrigen Pflanzen schweifen.

Alles hatte in ihrer Kindheit begonnen. Damals sah sie Dinge im Traum voraus, was die Aufmerksamkeit der anderen Stammesmitglieder auf sie lenkte. Man betrachtete sie als ein etwas sonderbares Wesen; das schien ihr amüsant und zugleich unangenehm. Als sie in die Pubertät kam, schlug der Schamane ihr vor, ihn auf seiner visionären Suche zu begleiten. Während sie ein kompliziertes Ritual aus Gesängen und Tänzen mit den immer gleichen betörenden Bewegungen bis ins kleinste Detail vollzog, verließ sie ihr Bewusstsein, um in die Tiefen der Seele einzutauchen, wo der Körper nicht mehr zählt, wo man sein Ich übersteigt, um sich mit einer anderen, höheren Dimension zu verbinden, in der die Zeit, unbedeutend geworden, sich ins Unendliche dehnt … Élianta beobachtete sich dabei, wie sie mitten unter den Pflanzen schwebte, deren jede eine besondere, äußerst melodische Musik zum Klingen brachte. Durch diese Musik kommunizierten die Pflanzen mit ihr. Sie stellte ihnen Fragen und erhielt spontan Antworten, was sie keineswegs erstaunte. Später, im Wachzustand, deutete sie ihre Vision als ein Zeichen: Sie würde selbst Schamanin sein.

Der alte Weise nahm sich ihrer Initiation an, erleichtert darüber, endlich eine Nachfolgerin zu haben, die zu gegebener Zeit die Fackel weitertragen würde. Élianta fühlte sich dazu bestimmt, überzeugt, ihren Weg gefunden zu haben, und beglückt durch die Vorstellung, eine nützliche Aufgabe zu erfüllen, mit der sie zum Gleichgewicht ihrer Gemeinschaft beitragen konnte. Das Gleichgewicht … Darin lag, dem Meister zufolge, der Schlüssel. Das Gleichgewicht bewahren, es nötigenfalls wiederherstellen.

Das Murmeln des Alten riss sie aus ihren Gedanken.

»Vergiss nicht, dass du auf deine Heilungen niemals stolz sein darfst, sonst bleibt das Übel, von dem du den Leidenden befreit hast, in dir.«

Élianta stimmte zu, um den Meister zu beruhigen. Doch eine ganz andere Sorge beschäftigte sie. Um auf solche Taten stolz zu sein, musste sie zunächst die Gabe besitzen, derlei zu vollbringen. Ihre Initiation war noch nicht abgeschlossen … Würde sie die Meisterschaft in dieser so schwierigen Kunst allein erlangen können? Ein Schamane ist nicht nur ein Heiler, er muss sich auch um die Lösung zahlreicher Probleme der Gemeinschaft bemühen, die mit der Witterung zu tun haben, der knappen Nahrung oder mit zwischenmenschlichen Konflikten … Zwar konnte sie weiterhin nach und nach aus ihren Erfahrungen lernen, aber wie sollten ihre tastenden Versuche sie nicht in Verruf bringen? Man beurteilte die Schamanen aufgrund ihrer Ergebnisse, nicht nach ihrem Titel. Umso mehr in ihrem Fall, da sie ursprünglich nicht vom Clan ausersehen worden war. Ihre Berufung kam aus einer persönlichen Intuition, einer inneren Offenbarung …

»Erinnere dich auch an deinen Schwur, niemals etwas Schlechtes über jemanden zu sagen, keine Kritik zu üben, keine negativen Bemerkungen zu verbreiten.«

Élianta nickte.

Ihre Gedanken kehrten immer wieder zu der gleichen Frage zurück: Welche Botschaft übermittelten ihr die Geister durch den Verlust des Lehrmeisters? Handelte es sich um eine Prüfung, um ihren Willen auf die Probe zu stellen, ihre Fähigkeit, sich anzustrengen und aus eigener Kraft Lektionen zu sammeln? Oder war dies im Gegenteil ein Zeichen, dass sie den eingeschlagenen Weg nicht mehr fortsetzen sollte, dass dieser Auftrag nicht für sie bestimmt war? Hatte sie sich etwa Illusionen hingegeben? Was sie als Intuition bezeichnete, war vielleicht nur der Ausdruck eines sehnlichen Wunsches … Sie beschloss, ihr Schicksal unter allen Umständen zu akzeptieren; aber was hielt es eigentlich für sie bereit?

In der Ferne war ein Knacken zu hören, gefolgt vom Rauschen der Blätter und einigen Affenschreien. Ein Ast hatte sich vom Baum gelöst.

Der alte Weise betrachtete eindringlich seine Schülerin, die Augen voller Mitgefühl und Wohlwollen. Sie ahnte, dass er ihre Fragen verstanden hatte. Warum sollte sie an sich zweifeln, wenn doch er, der Meister, ihr vertraute? Er konnte sich nicht irren …

Sie entspannte sich, atmete tief ein und lächelte ihm zu. Im Laufe der vielen Jahre hatte sich den Gesichtszügen des Alten die Güte eingeschrieben, und wunderbare Falten zeugten von der Schönheit der Seele. Seine funkelnden Augen strahlten ein intensives Licht aus – das der unendlichen Liebe, zu der nur jene fähig sind, die keine Angst mehr kennen.

Schweigsam drückte sie mit dem Blick ihre tiefe Dankbarkeit für all das aus, was er ihr gegeben hatte. Dann begann sie zu beten, hielt seine Hand, war ganz und gar bei ihm.

Die Dämmerung hüllte die Erde in ihr geheimnisvolles Halbdunkel, verhieß eine heilsame Frische. Die von den riesigen Bäumen herabhängenden Lianen ähnelten jetzt großen pflanzlichen Orgelpfeifen. Die Gewächse schwängerten die Luft weiterhin mit ihren betörenden Düften. Die Augen des alten Mannes belebten sich, glänzten vor Freude, über seine Lippen huschte ein Lächeln.

Mit klatschenden Flügeln erhob sich ein Falke, kreiste einige Augenblicke über ihnen, stieg dann höher, durchquerte das Dach des Waldes und verschwand im Himmel.

3

»Miststück!«

Die fleischige Hand von Roberto Krakus schlug auf das linke Handgelenk – zu spät. Seine Haut schwoll bereits zu einem gewaltigen Höcker an, auf dem der zerquetschte Moskito ruhte.

Sandro, zusammengekauert in einer Ecke des Einbaums, wandte den Blick ab und richtete ihn auf das braune, undurchsichtige Flusswasser. Nach bald vier Stunden Fahrt wurde der rasenmäherartige Lärm des kleinen Außenbordmotors ohrenbetäubend. Die Sonne brannte unerbittlich herab. Nur die ständige Brise auf seinem Gesicht ließ ihn die erdrückende Hitze ein wenig vergessen.

Die fünf Männer waren auf zwei Boote verteilt. Krakus war – zweifellos aus Rücksicht auf seinen Klienten – in das von Sandro gestiegen. Einer seiner Kumpanen namens Alfonso hielt das Ruder und kaute dauernd auf einem Kokablatt herum. Die beiden anderen folgten im zweiten Boot, bis zum Rand beladen mit Material: Benzinkanister, Seile, Wasserbehälter und wasserdicht verpackte Vorratstaschen, darunter eine voller Medikamente, hauptsächlich Antibiotika; das sagte genug über die Gefahren des Urwalds aus. Die Männer trugen Militäranzüge unterschiedlicher Herkunft. Zu Beginn der Expedition hatten ihre männlichen Allüren Sandro ein gewisses Gefühl von Sicherheit vermittelt, das ihn vor dieser feindlichen Umgebung zu schützen schien. Nun aber nervten sie ihn zusehends.

Marco, der Steuermann des zweiten Bootes, ein kleiner, tief gebräunter Mann, beschleunigte das Tempo und scherte nach links aus, ein siegessicheres Lächeln auf den Lippen. Alfonso, der nicht überholt werden wollte, brachte seinen Motor auf Hochtouren und ließ ihn laut aufheulen. Die Situation wurde immer unerträglicher.

»Genau«, rief Krakus, »verschwendet nur das Benzin, so werden wir auf der Rückfahrt gegen die Strömung paddeln!«

Die anderen hörten nicht auf, hämisch zu grinsen.

»Gody hat ausgerechnet, dass wir genug Sprit dabeihaben«, erwiderte Alfonso.

Der besagte Gody war der Sonderbarste unter den vieren. Krakus hatte ihn stolz vorgestellt, indem er seinem Namen den Titel »Doktor« beifügte, woraufhin die beiden anderen sofort in schallendes Gelächter ausbrachen. Er war völlig kahl, ausgestattet mit einer quadratischen Bifokalbrille, die den verschwommenen Blick, der nichts und niemanden zu fixieren schien, umrahmte. Selbst inmitten der Gruppe wirkte er wie ein Einzelgänger. Obwohl sein Körper an der Reise teilnahm, waren seine Gedanken in weiter Ferne. Dann und wann gingen aus seinen Überlegungen ein paar Worte hervor, die er mit hoher Stimme artikulierte, unzusammenhängende Bruchstücke unvollständiger Sätze, als hätte sich sein Gehirn einiger überzähliger Ideensplitter entledigt.

»Ist das sein wahrer Name, Gody?«, fragte Sandro ebenso taktvoll wie ungläubig.

Der Anführer der Expedition lächelte.

»Wir nennen ihn so, weil er sich für Gott hält.«

Die Boote kamen gut voran, wurden nur manchmal abgebremst durch das treibende Skelett eines toten Baumes, den es zu umfahren galt. Sobald sie sich Kaimanen näherten, verschwanden diese misstrauisch im schlammigen Wasser.

»Mittagspause!«, schrie Krakus, offensichtlich bemüht, über seine Männer wieder Macht zu gewinnen.

Das Heulen der Motoren endete in kurzen Ächzern, während die Steuerleute die Einbäume nebeneinander ans Ufer manövrierten, das von wild wuchernder Vegetation bedeckt war. Die Brise verschwand, und die feuchte, stickige Hitze ergriff von Sandro Besitz. Ein Schwarm Moskitos tauchte auf, als hätte man sich mit ihnen verabredet. Sandro stellte den Kragen seiner Safarijacke hoch. Nach dem Aufwachen hatte er sich reichlich mit Insektenschutzmittel eingerieben, um dann in lange, sorgfältig ausgewählte Kleidungsstücke zu schlüpfen, die seinen Körper optimal vor äußeren Angriffen abschirmen sollten. Jeder Zentimeter der unbedeckten Haut war Insekten, Spinnen und Parasiten jeder Art ausgeliefert.

Krakus schraubte einen der Wasserbehälter auf und verteilte die Sandwichs. Marco, aufrecht stehend im hinteren Teil des Bootes, öffnete seinen Hosenschlitz und begann zu pinkeln, wobei er auf den Kopf eines Kaimans zielte, der schläfrig in der Strömung trieb. Alfonso gluckste. Blitzartig schleuderte das Reptil mit ungeahnter Kraft und Schnelligkeit die Hälfte seines Körpers aus dem Wasser. Es schloss sein Maul direkt vor dem Geschlechtsteil des Brasilianers, der gerade noch zurückweichen und sich im heftig schwankenden Einbaum zusammenkauern konnte. Seine Kumpane lachten schallend los. Sandro blickte in eine andere Richtung, verzehrte ohne Appetit dieses Sandwich, das noch schlechter als jene im Drugstore auf der 13th Avenue war. Die 13th Avenue … New York … Wie fern ihm die Metropole nun schien …

»Aaaaaaah!«

Sandro drehte sich um.

»Haaatschiii!!!«

Alfonso, stolz darauf, in der ganzen Gegend gehört worden zu sein, wischte sich die Nase am Ärmel ab.

»Erkältet in den Tropen!«, sagte Marco. »Meine Fresse, das ist echt der Gipfel!«

»Kannst du ihm nicht helfen?«, fragte Krakus an Gody gewandt, der allein im zweiten Boot geblieben war.

Der Medikus verharrte einen Augenblick unbewegt und antwortete dann, ohne die Augen zu heben, mit monotoner Stimme:

»Eine nicht behandelte Erkältung dauert eine Woche, eine behandelte Erkältung sieben Tage.«

Sandro nahm seinen Hut ab, wischte den Schweiß von der Stirn und fächelte sich Luft zu. Er hatte den Eindruck, der einzige Leidende zu sein … Die anderen trieben entspannt Scherze miteinander, die genauso schwer zu ertragen waren wie die ganze Atmosphäre. Er musste durchhalten und an etwas anderes denken. Aber wie sollte er einfach gar nichts mehr empfinden?

Vor ihm huschte ein kleiner tiefschwarzer Affe über das Ufer, offenbar neugierig geworden auf diese ungewohnten Besucher.

»Alles okay?«, fragte Krakus.

Sandro zwang sich zu nicken, ohne den Blick vom Tier abzuwenden.

»Sie scheinen fasziniert«, fuhr der andere fort.

Sandro spürte eine Welle der Gefühle in sich hochsteigen. Sie scheinen fasziniert. Die ersten Worte derjenigen, die später seine Frau wurde … Paris, drei Jahre zuvor … Das Musée Rodin … Ein Morgen kurz nach Öffnung der Pforten, niemand in den Räumen … Räume, durchflutet von weißem Licht, das durch die hohen Fenster des herrschaftlichen Stadthauses fiel … Kein Mensch weit und breit … Nur Auguste Rodin, der Künstler und sein Werk … Überall seine weißen Skulpturen, nackt. Marmorkörper, Frauenkörper, ineinander verschlungene Körper. Schultern, wahrer als in der Natur, ausdrucksvolle Hände, verführerische Brüste, leicht angespannte Muskeln im Stein … Die Hautfalten von einem ergreifenden Realismus … Eine sublime, unerhörte Schönheit. Meisterwerke in verschwenderischer Fülle in allen Richtungen, in jedem Raum. Ein unermessliches Genie, leidenschaftlich zum Ausdruck gebracht … Und dort, hinter einer Säule … Ein reines Gefühl … Angehaltener Atem … Die absolute Schönheit … Diese Skulptur, da vorn … Dieser weibliche Körper, hemmungslos und geheimnisvoll, lebensecht, zugleich aber transzendent … Eine durchscheinende Weiße, die Schenkel so glatt, so zart, göttlich geöffnet …

»Sie scheinen fasziniert.«

Eine weibliche Stimme mit fröhlichem Unterton.

Sandro drehte den Kopf in ihre Richtung und entdeckte eine junge Frau, leibhaftig, bekleidet, die ihm in die Augen schaute. In diesen Augen sah er eine Seele aufleuchten, schöner als die feinste Schulter, die grazilste Hand, der zarteste Schenkel …

»Dem dürfen Sie nicht zu nah kommen, sonst pisst er auf Sie«, sagte Krakus mit seiner tiefen Stimme. »Ist ein Kwata, ein Klammeraffe. Übrigens, können wir uns duzen?«

Sandro antwortete nicht. Er schloss die Augen und kehrte in seine Innenwelt zurück, eine sanfte und subtile Welt, wo die Gefühle sich ausbreiteten wie Harfenklänge oder Farbnuancen eines Gemäldes. Er tauchte erneut ein in diese wunderbare Vergangenheit, die nun für immer entschwunden war, und ließ sich in eine süße Melancholie gleiten …

»Wir brechen das Lager ab!«, rief Krakus plötzlich in den Raum.

Die Boote schwankten heftig, als die Männer das Material verstauten und ihre Plätze wieder einnahmen. Sandro warf sein Sandwich über Bord. Drei Sekunden später erschienen aus dem Nirgendwo Fische in dunklem Aufruhr und stürzten sich darauf, wobei ihre schwulstigen Lippen lautstark an Luft, Wasser und Brot saugten. Nach wenigen Augenblicken war von der Nahrung nichts mehr zu sehen. Das schlammige Wasser kam zur Ruhe; nur ein paar Kräuselungen entfernten sich in Kreisen.

Die Motoren heulten auf, und die Einbäume fuhren erneut über den Fluss. Ein starker Wind wehte den Gesichtern entgegen; Sandro atmete tief durch.

Am Abend wurden die Boote am Ufer festgemacht und miteinander verzurrt. Die Männer stiegen aus, ohne sich weiter als ein paar Meter zu entfernen, nachdem Marco die Umgebung genau inspiziert hatte. Sie aßen ein wenig an Bord und ließen sich dann, als die Nacht eine überraschende Kühle herbeitrug, in ihre Schlafsäcke gleiten.

Endlich trat eine erholsame Ruhe ein. Sandro atmete erneut tief durch und entspannte sich. Die Luft war erfüllt von den Düften des nahen Urwalds.

Er blieb einen langen Moment wach, den Rücken gegen den Boden des Einbaums gedrückt, gewiegt von der leichten Wellenbewegung, die Augen geöffnet auf die Milliarden Sterne, mit denen der Himmel Amazoniens übersät ist.

Seit ihrem Aufbruch im Morgengrauen waren sie nur einem Boot begegnet. Das musste wohl gegen neun Uhr gewesen sein. Von da an nichts mehr. Ein ganzer Tag auf dem Wasser, ohne auf irgendeinen Menschen zu treffen. Nach und nach hatte der Fluss Sandro immer tiefer ins Innere des Urwalds gezogen. Weit entfernt von seinem Land, von Dörfern, von der Zivilisation … Er hatte den Eindruck, inmitten des Nirgendwo verloren zu sein, in einem vergessenen Gebiet der Erde, auf keiner Karte verzeichnet, einem schwarzen, von Pflanzen umsäumten Loch, das die Leichtsinnigen verschlang, nachdem sie den Frevel begangen hatten, sich dorthin zu wagen.

Er dachte an Tiffany. Wie hatte sie den Mut aufgebracht, bis zu einem solchen Ort vorzudringen? Und wie hatte das Magazin, für das sie arbeitete, es zulassen können, dass eine seiner Journalistinnen ein derartiges Risiko auf sich nahm?

Die Fahrt dauerte drei Tage. Drei lange Tage, die in jeder Stunde, jeder Minute Sandro das Gefühl vermittelten, in einem Dschungel zu versinken, größer als ein Ozean.

Am Morgen des vierten Tages informierte Krakus seinen Auftraggeber, dass sie gleich anlegen und die Expedition zu Fuß fortsetzen würden, durch den Urwald. Sandro zwang sich, die leichte Angst, die in ihm aufstieg, nicht weiter zu beachten.

Nach einer guten Viertelstunde in verlangsamtem Tempo, während der die Besatzung aufmerksam das Ufer nach der idealen Anlegestelle absuchte, glitten die Einbäume auf eine schmale, von Bambus eingefasste Sandbank. Die Männer stiegen aus, leerten die Boote, zogen sie an Land, versteckten sie unter Blattwerk und befestigten sie an einer dicken Wurzel. Alfonso verstaute sämtliche Benzinkanister in den Rucksäcken.

»Man wird uns nicht die Boote klauen«, erklärte Krakus, »aber Sprit ist ’n knappes Gut.«

Marco schwenkte eine Machete mit glänzender Klinge, die so lang war wie sein Bein, und fing an, die Vegetation abzuschlagen, um ihnen einen Weg zu bahnen. Krakus kritzelte ein Zeichen auf seine Karte.

Schwer beladen folgte der Trupp Marco in seiner bedächtigen Vorwärtsbewegung. Die heiße und feuchte Luft war gesättigt vom intensiven Aroma gekappter Bambusstöcke.

Sandro graute davor, sich mit dem Kopf in einem Spinnennetz zu verfangen. Er hatte gelesen, dass es davon riesige Exemplare gab, in Kopfhöhe zwischen Gewächsen gespannt. Also achtete er darauf, direkt hinter Krakus zu gehen, der ihn überragte.

»Ich rate Ihnen ab, in dieser Position zu bleiben.«

»Warum?«

»Wenn mehrere hintereinander marschier’n, wird immer der Dritte von ’ner Schlange gebissen …«

Sandro schluckte. Er ließ Alfonso passieren, der ein Gewehr umgeschnallt hatte, und nahm die vierte Stelle ein. Gody schloss die Reihe ab.

Im dichten Bambuswald, Gefängnis aus grünen Gitterstäben, kamen sie nur sehr langsam voran. Sandro ließ den Blick über den Boden schweifen, stets auf der Hut vor Reptilien. Er hatte gut daran getan, diese Militärstiefel aus dickem Leder zu kaufen … das Modell mit dem höchsten Schaft. Wäre da nicht diese Hitze, hätte er gern kniehohe Stiefel oder gar einen Taucheranzug gewählt.

Vor ihm griff Alfonso regelmäßig in seine Tasche, um Kokablätter hervorzuholen, die er unaufhörlich kaute, fast den ganzen Tag lang.

Irgendwann tauchten die Bäume auf, hünenhafte Wächter, unbewegt und würdevoll. Ihr dichtes Blattwerk verdeckte den Himmel, verdunkelte die Atmosphäre. Unter ihrem unheimlichen Gewölbe wich der Bambus einer überaus üppigen, wild wuchernden Vegetation. Ein Gewirr von Pflanzen jeder Art, unbekannte Spezies mit Blättern, größer als die einer Bananenstaude, andere schmal und lang wie riesige Schwertlilien. Pflanzen, die nach oben kletterten, Pflanzen, die herabfielen oder sich zu verrenken schienen, um noch den kleinsten freien Platz in Besitz zu nehmen.

Sandro hatte das Gefühl, in einer Anstalt wahnsinniger Pflanzen gefangen zu sein, wo das Grün in all seinen Schattierungen unerbittlich herrschte – vom durchscheinenden Blassgrün über die ganze Palette greller, ausgefallener Grüntöne bis zu Tiefgrün, dunkel wie der Tod.

Sein Blick reichte nicht weiter als zehn Meter, von allen Seiten eingeschlossen durch diese Pflanzen, die ihn zu umklammern schienen wie ein riesiger Krake mit tausend Tentakeln.

Er wischte die feuchte Stirn am Ärmel ab und zwang sich, tief durchzuatmen. Ja nicht in Klaustrophobie geraten. Ruhig bleiben, dachte er.

Eine seltsame bleierne Stille hüllte sie ein. Eine Stille, die regelmäßig zerrissen wurde vom schneidenden Geräusch der Machete. Die Menge der Pflanzen hielt den Atem an, während das Fallbeil der Guillotine auf die Verurteilten herabschoss.

»Stellen Sie Ihren Kragen hoch, und bedecken Sie den Kopf«, sagte Krakus zu Sandro.

»Warum?«

»Wenn Sie unter den Ästen durchgeh’n, haben Sie doch wohl keine Lust, dass Ihnen ’ne Termitenkolonie in den Nacken fällt.«

Sandro schauderte und kam der Aufforderung nach.

Ringsum verbarg der Urwald die Wesen, die ihn bewohnten. Selbst wenn man die Blätter, Äste, Lianen und Gräser mit den Augen absuchte, sah man keines der unzähligen Tiere und Insekten, die in seinem Dämmerlicht lebten. Dennoch waren sie auf unsichtbare Weise anwesend. Sandro spürte ihre Gegenwart.

Der Marsch durch den Dschungel erwies sich als äußerst anstrengend. Das schleppende Tempo in stickiger Hitze erhöhte das Gewicht der Rucksäcke, sodass man eher einzusinken als voranzuschreiten glaubte. Die heimliche, von den Tieren ausgehende Gefahr rief eine ständige Anspannung hervor, eine Unruhe, die jedes innere Loslassen verhinderte.

Die Mittagspause war kurz, ein kleiner Imbiss, der im Stehen verzehrt wurde; dann machten sich die Männer erneut auf den Weg, wobei ihnen die Rucksäcke noch schwerer vorkamen als vorher.

Für Sandro war es, als dringe er vor in einen Raum, der sich widersetzte, um unberührt zu bleiben, sich dann hinter ihnen wieder schloss, um jene zu verschlingen, die sein Gesetz übertreten hatten. Bisweilen fiel ihm das von seinem Rektor zitierte brasilianische Sprichwort ein, das ihm keine Ruhe ließ und seine Beklemmung noch verstärkte: »Aus dem Regenwald des Amazonas kehrt niemand zurück.«

Schließlich verkündete Krakus, dass man jetzt haltmachen und das Lager aufschlagen werde. Sandro war erleichtert und zugleich überrascht. Die Sonne stand weiterhin hoch am Himmel. Es war nicht einmal fünfzehn Uhr. Krakus, der pro Tag bezahlt wurde, vertrat seine Interessen ausgesprochen gut. In diesem Rhythmus würde er für mehrere Monate Arbeit haben …

Der Anführer der Expedition ortete eine Art Felsplatte unter großen Bäumen, wo das Lager aufgeschlagen werden konnte. Dort setzten sie ihre Rucksäcke ab. Sandro blieb mit Gody zurück, während sich die anderen in entgegengesetzten Richtungen zerstreuten.

Er wollte seine Sachen auspacken, aber Gody gab ihm mit einer Handbewegung zu verstehen, sich noch zu gedulden. Sie warteten lange, der eine ebenso wenig zum Reden aufgelegt wie der andere.

Unter den Bäumen bildete das Halbdunkel einen scharfen Kontrast zu der sengenden Sonne, die sie in den Tagen zuvor auf dem Fluss hatten ertragen müssen. Doch die Hitze war hier nicht weniger drückend. Manchmal hörte man das Knacken von Zweigen aus den drei Richtungen, in denen die Männer verschwunden waren. Es verging eine gute Viertelstunde.

»Ameisenhaufen!«, schrie plötzlich Marcos Stimme, deutlich gedämpft durch die Vegetation.

Nachdem alle sich versammelt hatten, wurden die Rucksäcke erneut auf schmerzende Rücken geladen, und die Gruppe setzte sich langsam in Bewegung, um eine passende Stelle für die Nacht zu suchen. Sandro schlug sorgfältig wieder den Kragen seiner Jacke hoch. Krakus, einen Kompass in der Hand, gab Anweisungen.

Eine halbe Stunde später deutete er auf einen Platz, der ihm geeignet erschien – aufgrund von Kriterien, die offenbar nur er kannte. Das Gepäck wurde abgesetzt, und abermals entfernten sich drei Männer voneinander. Die nächste Wartezeit begann …

»Toter Baum!«, brüllte Alfonso.

Sandro schauderte bei dem Gedanken, dass ein solches Ungetüm während ihres Schlafs hätte auf sie stürzen können.

Der Trupp versammelte sich und brach ein weiteres Mal auf.

Der junge Dozent hatte sich den Urwald ganz anders vorgestellt. In seinen Träumen waren die Bäume zwar riesig, aber die Bereiche darunter weniger überwuchert. Er hatte gedacht, sie müheloser durchqueren zu können, wie die westlichen Wälder, bei denen man leicht vergisst, dass sie instand gehalten, von Gestrüpp und anderen Hindernissen befreit werden. Nie wäre ihm in den Sinn gekommen, dass er gegen die Pflanzen ankämpfen musste, um sich einen Weg zu bahnen. Er hatte geglaubt, dort ein betörendes Licht vorzufinden; doch das Halbdunkel, ähnlich dem in einem Verlies, verstärkte auf schreckliche Weise das Gefühl des Eingeschlossenseins.

Endlich entdeckte Krakus einen neuen Lagerplatz. Die Männer inspizierten auch diesmal die Gegend. Das Warten setzte sich fort. Auf seinem Rucksack sitzend, den Blick in die Vegetation getaucht, hatte Sandro das seltsame Gefühl, von einem unsichtbaren Feind beobachtet zu werden. Die zahllosen Blätter waren zugleich Schutzwände, die eine andere Wirklichkeit als diese scheinbare Stille verbergen mochten. Er schloss die Augen und versuchte, sich zu entspannen. Kühlen Kopf bewahren, sagte er sich. Ja nicht irgendwelchen Einbildungen nachgeben.

»Wespennest!«

Erneut mussten alle zusammenkommen, um sich dann in Marsch zu setzen. Sandro zwang sich, seinen widerlichen Rucksack hochzuheben und aufzusetzen, ein Sträfling, der Steine schleppte.

Der vierte Versuch schließlich war erfolgreich, und die Männer machten sich daran, im Umkreis des Camps das Unterholz zu roden.

»Um den Angriffen von Insekten oder Schlangen vorzubeugen«, erklärte Krakus seinem Auftraggeber.

Sie befestigten nämlich die Hängematten zwischen Baumstämmen und gut einen Meter darüber ein waagerecht gespanntes Seil, das mit einer großen Plane bedeckt wurde, um den Schlafplatz ringsum abzuschirmen. Dann zogen sie an den vier Enden mit langen Schnüren und verknoteten diese um Metallpflöcke im Boden.

»So fallen weniger Biester auf uns drauf. Außerdem sind wir dadurch vor Regen geschützt.«

Gody schritt mit einer Dose Rasierschaum in der Hand um das Lager. Auf jedes Seil, das die Hängematten mit den Bäumen verband, sprühte er ein wenig, um die Knoten in weißen Schaum zu tauchen.

»Das hat Gody rausgefunden«, sagte Krakus stolz zu Sandro, »damit die Ameisen sich nicht über uns hermachen, wenn wir schlafen. Diese Miststücke können einen auffressen, bevor man überhaupt ’nen Fuß auf ’n Boden kriegt.«

Marco und Alfonso brachten Äste und Zweige herbei und schichteten sie aufeinander.

Einige Minuten später brach ohne Vorankündigung die Nacht herein, und die Temperatur fiel merklich. Das Halbdunkel war einer kühlen und tiefen Finsternis gewichen. Die riesigen, unsichtbar gewordenen Pflanzen blieben auf intensive Weise gegenwärtig und lebendig. Sandro glaubte zu spüren, wie sie weiterwuchsen und in der Schwärze ihre maßlose Eroberung des Gebiets fortsetzten. Der Urwald verwandelte sich endgültig in einen unheimlichen, furchterregenden Ort.

Man entzündete das Feuer. Geruch von feuchtem Holz, das in der Nacht aufflammte. Rauch, begleitet von Knistern und Prasseln. Die Erschöpfung ergriff von Sandro Besitz. Er zwang sich, eine der Überlebensrationen zu verzehren, ein teigiges Zeug mit undefinierbarem Geschmack, aber derart konzentriert, dass die Bissen im Rachen stecken blieben. Es bedurfte großer Schlucke Wasser, um ihn davon zu befreien und nicht zu ersticken.

»Morgen werden wir versuchen, ein richtiges Essen zu machen. Heut Abend ist’s schon zu spät«, sagte Krakus, als wollte er sich entschuldigen.

Marco und Alfonso fingen an, schmutzige Witze zu erzählen, die ihr Chef bald auch zum Besten gab. Gody saß einige Schritte entfernt und schaute vor sich hin. Sandro wiederum suchte Zuflucht in seiner Innenwelt. Er dachte an New York, an die Rückkehr auf der Fähre von Staten Island ins nächtliche Manhattan, nach einem am Strand verbrachten Tag. All die funkelnden Lichter, die so beruhigend wirkten. Straßen und Avenues wohlgeordnet, wie mit dem Lineal gezogen. Die Abendessen bei Wallsé, wo der Lachsstrudel besser schmeckte als irgendwo in Österreich. Ein kleines Glas North Fork-Wein, genossen im Back Forty, die Ellbogen auf die Bar aus gealtertem Holz gestützt … Dann die Brunchs am Sonntagmorgen bei Moody’s mit frisch gepresstem Orangensaft, der Duft der Muffins, die heiß aus dem Backofen kamen, die Pancakes mit Ahornsirup, serviert mit einer dampfenden Tasse Darjeeling, während der Pianist mechanisch eine Melodie von Erroll Garner herunterspielte und dabei an etwas anderes dachte. Wie fern schien ihm jetzt New York … Und der Gedankenaustausch mit seinen Kollegen an der Philosophischen Fakultät, so stimulierend in intellektueller Hinsicht, so aufregend auf der spirituellen Ebene …

Unwiderstehlich führten ihn seine Gedanken zu Tiffany. Die leidenschaftlichen Gespräche mit ihr, die gemeinsam verbrachten Augenblicke der Liebe, der Zärtlichkeit. Tiffany …

Seine Melancholie ging über in Traurigkeit, und Sandro spürte, wie ihm Tränen in die Augen traten. Er unterdrückte sie, zugleich aber stieg ein anderes, stärkeres, bedrängenderes Gefühl in ihm auf. Ein inzwischen vertrautes Gefühl, das ihn seit einem Jahr regelmäßig heimsuchte und die Kontrolle über sein Leben gewonnen hatte – nämlich Wut vermischt mit Hass und Rachedurst. Ein übermächtiger, anspruchsvoller Drang, der sein Innerstes erschütterte, ihm zu handeln befahl und dabei ungeahnte Kräfte verlieh.

Diese Reise ist eine Tortur, sagte er sich, aber er würde nicht auf halbem Weg stehen bleiben, auch wenn er am Ende mit offenem Mund in einer Schlangengrube krepieren müsste. Niemals würde er aufgeben. Nie und nimmer.

»Ein bisschen Tabasco?«, fragte Krakus. »Sandro? Sandro?«

Sandro schüttelte den Kopf.

Der andere stand auf und setzte sich vor ihn.

Nein, das ist nicht der Moment. Weder lustige Geschichten noch Kneipengespräche. Auf gar keinen Fall. Man soll mich in Ruhe lassen, dachte Sandro.

»Also, raus mit der Sprache«, sagte Krakus mit einem breiten Lächeln. »Warum wollen Sie zu diesem Stamm? Ich hab keinen blassen Schimmer, was Sie vorhaben.«

Sandro gab keine Antwort. Er kaute weiter auf dem scheußlichen Zeug in seinem Mund herum. Marco und Alfonso feixten noch immer in ihrer Ecke.

Krakus unternahm einen neuen Vorstoß.

»Lassen Sie mich mal raten … Sie sind Journalist und wollen ’ne Reportage machen über das glücklichste Volk auf Erden.«

Sandro blieb schweigsam.

»Sie sind Forscher und untersuchen, warum diese Leute da nie Krebs bekommen.«

Sandro sagte nichts. Verflixt, der ist vielleicht aufdringlich …

»Oder warum die keine Malaria kriegen, obwohl der Urwald davon verseucht ist.«

»Nein.«

»Sie arbeiten für ein Pharmaunternehmen und wollen was über Heilpflanzen rausfinden.«

»Nein.«

»Über Impfstoffe?«

Sandro seufzte. Vor seinen Augen explodierte die Glut, und ein Funkenregen sprühte auf.

»Nein.«

»Wozu also? Warum wollen Sie diese Leute treffen?«

Völlig unerwartet, infolge seiner Verzweiflung und vielleicht auch aufgrund eines unbewussten Willens zu provozieren, erwiderte Sandro mit eiskalter Stimme:

»Um sie alle zu vernichten.«

Sein Gegenüber erstarrte und hörte endlich auf zu reden. Marco verstummte ebenfalls, und Alfonso öffnete ein wenig den Mund, worauf das Kokablatt herausfiel. Sie wandten sich ihm zu. Gody schaute in seine Richtung und runzelte die Stirn. Die Flammen warfen ihren verzerrenden Schein auf die Gesichter. Ein ebenso verlegenes wie bedrückendes Schweigen trat ein. Krakus tauschte Blicke mit seinen Kumpanen. Er wirkte verstört.

Sandro wurde sich plötzlich der Ungeheuerlichkeit seiner Aussage bewusst – und wie sehr er die anderen damit erschreckt hatte. Warum war er gerade jetzt auf diesen Punkt zu sprechen gekommen? Was für eine Dummheit, er hätte vorläufig besser geschwiegen. Doch die Worte waren ihm herausgerutscht, Ausdruck seiner Gereiztheit.

Auf einmal schämte er sich zutiefst – seiner Bemerkung, seiner selbst. Diese Männer waren zwar rüpelhaft, ungeschliffen, vulgär, aber nichtsdestotrotz im Grunde Beschützer. Man sagt nicht solche Dinge zu Leuten, deren Beruf es ist, anderen zu helfen … Nun würden sie die Expedition abbrechen und umkehren. Er brauchte nur ein paar Worte zu äußern, um alles zu verderben, alles zunichtezumachen …

Krakus musterte ihn besorgt. Er sprach langsam, jedes Wort genau abwägend.

»Sie sind … äh … aus der Familie … der jungen Frau … die letztes Jahr im Dschungel umgekommen ist?«

Sandro nickte. Sämtliche Blicke ruhten forschend auf ihm. Er spürte, wie die Anspannung ringsum stieg, in einer Atmosphäre, die wenige Minuten vorher noch unbeschwert gewesen war. Aus der nächtlichen Ferne drang ein Knacken.

»Sie müssen wissen …«, fuhr Krakus fort, sichtlich beklommen, »dass wir es war’n, die losgefahr’n sind … um vor Ort ihren Leichnam zu bergen …«

Die Männer ließen Sandro nicht aus den Augen, warteten ungeduldig auf seine Reaktion.

»Das weiß ich«, sagte er. »Deshalb habe ich Sie ausgewählt.«