Der Photoapparat - Jean-Philippe Toussaint - E-Book

Der Photoapparat E-Book

Jean-Philippe Toussaint

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Beschreibung

Die Helden Jean-Philippe Toussaints sind aus besonderem Holz geschnitzt, auch der namenlose Ich-Erzähler seines dritten Romans Der Photoapparat. Der nämlich faßt eines Tages in seinem "ansonsten ruhigen Leben" den Entschluß, den Führerschein zu machen - wie wir später erfahren, bereits zum zweiten Mal -, und begibt sich deshalb zu einer Fahrschule in seinem Pariser Quartier. Doch schon im Vorfeld geraten seine ebenso zögerlichen wie bestimmten Bemühungen um die Zusammenstellung der erforderlichen Unterlagen und vor allem: die Beschaffung von Paßfotos ins Stocken und verlieren sich schließlich in einem Strudel von Ereignissen. Auf der Suche nach einem Gasflaschendepot, nach Linderung von Fußbeschwerden, nach Süßigkeiten für Pascale, nach dem Klassenzimmer von Klein-Pierre, wird der Leser in eines jener abscheulichen Neubauviertel der Seine-Metropole entführt, nach Mailand und London, um mitten in stockfinsterer Nacht an einer gottverlassenen Straßenkreuzung in der Nähe von Orléans zu enden - "am Leben!", zum Glück.

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Inhalt

Titelseite

Impressum

1

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5

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7

Jean-Philippe Toussaint

Der Photoapparat

Roman

Aus dem Französischenvon Joachim Unseld

Titel der Originalausgabe: »L’appareil-photo«

© Les Éditions de Minuit, 1988

1.Auflage 2005

© der deutschen Ausgabe

Frankfurter Verlagsanstalt GmbH,

Frankfurt am Main 2005

Alle Rechte vorbehalten

Herstellung: Thomas Pradel, Frankfurt am Main

eISBN: 978-3-627-02128-3

1 2 3 4 5 – 09 08 07 06 05

Es war etwa zur gleichen Zeit in meinem Leben, einem ansonsten ruhigen Leben, als in meinem unmittelbaren Umfeld zwei Ereignisse zusammentrafen, die, jedes für sich, kaum von Belang waren und die, gemeinsam betrachtet, leider nichts miteinander zu tun hatten. Ich hatte gerade beschlossen, den Führerschein zu machen, und mich kaum an diesen Gedanken gewöhnt, als mir mit der Post eine Nachricht zuging: Ein Freund, den ich aus den Augen verloren hatte, teilte mir in einem maschinengeschriebenen Brief, auf einer ziemlich alten Maschine, seine Heirat mit. Wenn ich etwas nicht ausstehen kann, dann sind es die aus den Augen verlorenen Freunde.

Eines Morgens also fand ich mich im Büro einer Fahrschule ein. Es war ein größerer Raum, ziemlich düster, in dessen hinterem Teil, einer Projektionswand gegenüber, mehrere Stuhlreihen aufgestellt waren. An den Wänden hingen alle möglichen Verkehrsschilder und hier und da einige fahlblaue Plakate, verblichen und vom Alter gezeichnet. Die junge Frau, die mich empfing, gab mir eine Liste der Dokumente, die ich für die Anmeldung benötigte, informierte mich über die Kosten, über die Anzahl der Stunden, die ich zu nehmen hätte, etwa zehn für den theoretischen, zwanzig für den praktischen Teil, vorausgesetzt, alles liefe gut. Dann öffnete sie eine Schublade und hielt mir ein Formular hin, das ich, ohne einen Blick darauf geworfen zu haben, zurückwies, es eile nicht, erklärte ich ihr, lieber würde ich es später ausfüllen, wenn möglich, zum Beispiel, wenn ich mit den Unterlagen wiederkäme, das erschiene mir viel einfacher.

Den weiteren Tag verbrachte ich bei mir zu Hause, las Zeitung, erledigte einige Post. Später am Nachmittag ergab es sich, daß ich zufällig nochmals an der Fahrschule vorbeikam. Ich ergriff die Gelegenheit, öffnete die Tür, und als die junge Frau mich eintreten sah, dachte sie, ich sei zurückgekommen, um nun tatsächlich die Anmeldung vorzunehmen. Ich mußte sie enttäuschen, ließ sie aber wissen, daß es mit der Sache voranging, ich hatte schon die Photokopie meines Ausweises und beabsichtigte, in den kommenden Stunden herauszufinden, wie man ein polizeiliches Führungszeugnis bekommt. Ratlos sah sie mich einen Augenblick an und schärfte mir dann nochmals ein, nicht die Photos zu vergessen (ja, ja, sagte ich, vier Photos).

Noch am selben Abend, es war mir gelungen, das Führungszeugnis zu besorgen (sogar eine Kopie hatte ich mir machen lassen), erschien ich wieder in der Fahrschule. Ich blieb einen Moment an der Tür stehen, den Blick auf die Türglocke gerichtet, ein Glockenspiel aus Kupfer, das ein kleiner Hammer bearbeitete. Lächelnd erklärte mir die junge Frau, daß sie es gewöhnlich abschalte, wenn sie da wäre, und sie erhob sich, umkreiste ihren Schreibtisch, durchquerte in einem hellen und sehr leichten Kleid den Raum und zeigte mir den dazugehörigen Schalter. Ich muß schon sagen, ein ziemlich ausgeklügeltes System, und wir machten uns eine Weile den Spaß, das Läutwerk ab- und anzustellen, die Tür zu öffnen und zu schließen, mal von innen, mal von außen, wo es bereits zu dämmern begann. Wir waren beide gerade draußen, als drinnen das Telefon läutete. Rasch trat sie wieder hinein, und ich wartete, während sie den Anruf beantwortete, ihr gegenüberstehend, schob dabei mit meinen Fingerspitzen Gegenstände über ihren Schreibtisch, öffnete irgendeine Akte. Sie hatte kaum aufgelegt, als sie mich fragte, wie weit ich inzwischen mit der Zusammenstellung meiner Unterlagen sei, und dann sichteten wir gemeinsam die Dokumente, die ich schon zusammengetragen hatte. Außer den frankierten Kuverts fehlten für die Anmeldung offenbar nur noch die Photos. In diesem Zusammenhang vertraute ich ihr, bevor ich mich verabschiedete, übrigens an, daß ich gerade vorher bei mir zu Hause einige Photos gefunden hätte aus der Zeit, als ich klein war. Ich möchte sie Ihnen zeigen, sagte ich, zog einen Umschlag aus meiner Jackentasche und, um ihren Schreibtisch herumgehend, legte ihr eins nach dem anderen vor, beugte mich dabei über ihre Schulter und begleitete meine Erläuterungen mit dem Finger. Also hier, sagte ich, stehe ich neben meinem Vater, und da, in den Armen meiner Mutter, ist meine Schwester, und hier, das sind wir alle beide, meine Schwester und ich, im Schwimmbad; hinter dem Rettungsring, das ist meine Schwester, ja, ganz klein. Hier, da sind wir wieder, meine Schwester und ich, im Schwimmbad. So, sagte ich und steckte die Photos wieder in den Umschlag zurück, Sie sind, denke ich, sicher einer Meinung mit mir, daß das für uns nicht von großem Nutzen ist (für die Anmeldung, sagte ich).

Als ich am nächsten Morgen gleich nach Öffnung wieder in meine Fahrschule kam (ich hatte die Photos immer noch nicht, es war zwecklos, mich darauf anzusprechen), war die junge Frau gerade dabei, auf einer kleinen Wärmeplatte Tee zuzubereiten. Sie trug einen dicken weißen Wollpullover über ihrem Kleid und wirkte völlig verschlafen. Ich setzte mich der Projektionswand gegenüber auf einen der Stühle, schlug meine Zeitung auf und begann zu lesen, um sie nicht zu stören. Während ich mir die Neuigkeiten des Tages zu Gemüte führte, tauschten wir einige Gemeinplätze aus, und als der Tee fertig war, fragte sie mich gähnend, ob ich eine Tasse wolle. Ohne meine Lektüre zu unterbrechen, lehnte ich dankend ab. Gegen ein Täßchen Kaffee allerdings hätte ich nichts einzuwenden, sagte ich und faltete mein Blatt wieder zusammen. Kann auch Nescafé sein, sagte ich. Während die junge Frau Nescafé besorgen ging (holen Sie doch auch gleich ein paar Croissants, sagte ich, wenn Sie schon dabei sind), blieb ich allein in der Fahrschule zurück, und damit ich nicht gestört wurde, hob ich den Riegel an der Glastür und verschloß sie. Ich hatte mich gerade wieder in meine Zeitung vertieft, als ich hinter mir sachte Schläge gegen das Glas hörte. Gequält hob ich den Kopf, drehte mich um und erblickte, nein, nicht etwa die junge Frau, sondern einen jungen Mann, häßlich wie sonst was, mit einer Art grünem Regenmantel und weißen Sokken in Slippern. Sorgfältig faltete ich meine Zeitung und stand schließlich auf, um die Tür zu öffnen. Der sollte was erleben, der Knabe. Was wollen Sie, sagte ich. Ich bin gerade achtzehn geworden, sagte er (als ob mich das beeindrucken würde). Es ist geschlossen, sagte ich. Aber ich war gestern schon mal hier, fuhr er fort. Ich wollte nur die Anmeldung abgeben. Jetzt sind Sie mal nicht so bockig, also bitte, sagte ich, sanft die Augenlider senkend. Ich machte wieder die Tür zu. Während er davonschlich, blieb ich für einige Augenblicke hinter der Glastür stehen, die Hände in den Taschen meines Mantels vergraben, und schaute mir versonnen die Aussicht an. Vögel pickten auf dem Gehweg. Etwas weiter weg war der junge Mann inzwischen bei seinem Mofa angekommen und damit beschäftigt, mit einem ausgefransten Gummiriemen seine Unterlagen auf den Gepäckträger zu schnallen. Er drehte sich um, warf nochmals einen Blick in meine Richtung, stieg dann auf sein Mofa und entschwand auf der Straße, wobei er bei der Verfolgung eines Autobusses heftig in die Pedale trat, es war hoffnungslos, echt. Beim Frühstück, das wir wenig später vor der Projektionswand sitzend einnahmen, wir hatten einen Stuhl vor uns hingestellt und die Tüte mit den Croissants der Länge nach aufgerissen, plauderten die junge Frau und ich über dies und jenes, versuchten, unsere Bekanntschaft zu vertiefen. Mit überkreuzten Beinen saß sie neben mir, die Ärmel ihres dicken Pullovers hochgekrempelt, und massierte sich geistesabwesend einen Arm, den Kopf gesenkt, immer noch verschlafen. Wir sprachen über alles und nichts, in aller Ruhe, tranken gelegentlich einen großen Schluck. Während sie dann aufzuräumen begann, sammelte ich die auf dem Stuhl verstreuten Krümel in meiner hohlen Hand, und als sie mich fragte, was ich heute zu tun gedenke, sagte ich ihr, ich würde vermutlich versuchen, mich um die Photos zu kümmern. Sie hatte wieder hinter ihrem Schreibtisch Platz genommen, und während sie mit dem Ordnen einiger Papiere beschäftigt war, sagte sie gähnend, bei dem Tempo würde ich es nie schaffen, alle Unterlagen zusammenzutragen. Ich war mir da nicht so sicher. Meiner Meinung nach täuschte sie sich über meine Methode, sie verkannte, daß mein scheinbar recht unerfindliches Spiel der Annäherung die Wirkung hatte, die Realität, an der ich mich stieß, gewissermaßen zu zermürben, wie man beispielsweise auch eine Olive mürbe machen kann, bevor man sie erfolgreich auf seine Gabel spießt, und daß meine Neigung, nie etwas zu überstürzen, mir durchaus nicht zu meinem Nachteil gereichte, sondern mir in Wirklichkeit eine günstige Ausgangslage verschaffte, von der aus ich, wenn die Dinge mir reif erschienen, zupacken konnte.

Der verbleibende Vormittag verlief friedlich. Gegen elf holten wir den Sohn der jungen Frau von der Schule ab. Klein-Pierre, aus erster Ehe, erklärte sie mir, während wir in ihrem großen Volvo zur Schule fuhren, hatte die Scheidung sehr mitgenommen (ja, ja, sagte ich, kann ich mir vorstellen), aber jetzt lief in der Schule alles sehr gut, er hatte in allen Fächern eine Eins, in Rechnen, in Sport. Wir fuhren schnell, und neben ihr im Volvo sitzend, beobachtete ich sie aus den Augenwinkeln, fasziniert von dem Kontrast zwischen der gewaltigen Geschwindigkeit, die sie vorlegte, und ihrem so liebenswert verschlafenen Anblick, ihren kleinen Augen, die hinter ihrer Fahrerbrille immer kurz davor schienen, sich zu schließen. Und im Zeichnen, fügte sie gähnend hinzu, im Zeichnen. Und im Zeichnen auch, sagte ich. Aber ja, versicherte sie fast ärgerlich, als könnte ich an den außerordentlichen Fähigkeiten von Klein-Pierre zweifeln. Er würde, wenn er einmal groß ist, fließend mehrere Sprachen sprechen, sagte sie, zumindest aber Englisch und Japanisch. Sie bestand auf Japanisch, eine Sprache mit Zukunft, Japanisch, in dreißig Jahren wird die ganze Welt Japanisch sprechen. Schau an. Im Geschäftsleben, präzisierte sie gähnend (sie war wirklich reizend), im Geschäftsleben. Klein-Pierre würde einmal im Geschäftsleben stehen, er war auf einem sprachlichen Zweig, würde Betriebswirt werden oder Diplomat. Bis es soweit war, trug er jedenfalls einen roten Anorak und eine Strickmütze, und gerührt betrachteten wir ihn durch das Gitter des Schulhofs. Neben uns auf dem Trottoir stand eine kleine Gruppe Mütter, die sich offenbar schon längere Zeit kannten und sich duzenderweise unterhielten. Wir durchschritten das Gittertor, ich blieb in der Nähe des Eingangs zurück und ließ die junge Frau allein den Schulhof betreten. Ich fühlte mich nicht sehr wohl auf diesem Pausenhof, wo ich niemanden kannte, und während die junge Frau sich drüben mit der Lehrerin von Klein-Pierre unterhielt, schlenderte ich mit einem nichtssagenden Gesicht am Zaun entlang. Schließlich ging ich doch zu ihnen hinüber, die Lehrerin neigte, während sie weitersprach, den Kopf in meine Richtung, und ich erwiderte nickend ihren stummen Gruß, die Arme vor der Brust verschränkt. Sie berichtete von den schulischen Fortschritten von Klein-Pierre, der gute Erfolge in einigen Fächern habe, sagte sie, aber nicht gerade sehr brav im Unterricht sei, das müsse sie uns bedauerlicherweise mitteilen, und sehr bald wandte sie sich an mich, wohl im Glauben, daß ihre Auslassungen beim Vater besser aufgehoben seien, und ich hörte ihr mit besorgter Miene und bedächtig den Kopf wiegend zu (ja, ja, ich verstehe, sagte ich, ich verstehe) und gestand auch ein, daß ein solch ungestümer kleiner Frechdachs dem Frieden ihrer Klasse abträglich sein könne.