Der Preis der Herrlichkeit - Henriette von Schirach - E-Book

Der Preis der Herrlichkeit E-Book

Henriette von Schirach

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Beschreibung

Das Leben der oberen Zehntausend im "Dritten Reich" Begonnen hatte alles in der Münchner Schellingstraße: Dort lernte die achtjährige Henriette im Fotoatelier ihres Vaters Adolf Hitler kennen. Ein "Drittes Reich" gab es damals in Deutschland noch ebenso wenig wie einen "Führer". Und so unglaublich es heute klingt: Hitler wurde ihr väterlicher Freund und blieb es bis zum April 1943, als sie ein Tabu brach und ihn auf die brutalen Judendeportationen ansprach, die sie in Holland beobachet hatte. Henriette von Schirachs Erinnerungen an Jugend, NS-Zeit und unmittelbare Nachkriegszeit fehlt die historische Distanz. Sie sieht sich selbst als eine der durch die nationalsozialistische Ideologie in die Irre Geleiteten, versucht aber auch nicht, sich nachträglich zur Regimegegnerin hochzustilisieren. Dennoch oder gerade deshalb ist dies ein besonderes Zeitdokument, dessen Einordnung in den historischen Kontext die Einführung des Historikers Dr. Steffen Bruendel ermöglicht.

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Seitenzahl: 469

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Für Colin Ross

 

 

 

 

Bildnachweis

Alle Fotos und Abbildungen: Privatarchiv Klaus von Schirach

Hinweis: Aus Gründen der Authentizität wurde bei den Texten Henriette von Schirachs die alte Rechtschreibung beibehalten.

 

 

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www.herbig-verlag.de

© 2016 F. A. Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten

Erweiterte Neuauflage

Umschlaggestaltung: Wolfgang Heinzel

Umschlagfoto: ullstein bild/Heinrich Hoffmann

eBook-Produktion: VerlagsService Dietmar Schmitz GmbH, Heimstetten

ISBN 978-3-7766-8242-7

Inhalt

Im Bann der falschen HerrlichkeitHistorisch-kritische EinordnungVon Dr. Steffen Bruendel

Zur zweiten Auflage

Statt eines Vorworts

Tod im April

»Der Ofen ist aus«

Schlößl in Bayern

Bruder Feind

Die tätowierte Nummer

Recht ist nicht Gerechtigkeit

Der Schatz der Nibelungen

Ein Jail ist ein Gefängnis

Waschfrau für die Amis

Der einzige Ankläger

Schau heimwärts

Wien, Wien, nur du allein …

Am Fluß ohne Wiederkehr

»…, dann war alles umsonst«

Aus dem Nachlass

Hitler in München – am Vorabend des Ersten Weltkriegs

Hitler besucht Nietzsches Schwester

Ein Abend in der Reichskanzlei

Hitlers letzter Besuch in Wien

Die verschollenen Wagner-Partituren

Als Richard Strauss zum letzten Mal den »Rosenkavalier« dirigierte

Alltag auf dem Berghof – eine Friseuse berichtet

Ein Wort zu meiner Mutter

Von Klaus von Schirach

Personenregister

Im Bann der falschen HerrlichkeitHistorisch-kritische Einordnung

Von Dr. Steffen Bruendel

Henriette von Schirachs Erinnerungen erschienen erstmals 1956. Bis 2003 folgten sieben Auflagen. Es handelte sich also um einen beachtlichen Verkaufserfolg. Als Tochter von Hitlers »Leibfotografen« Heinrich Hoffmann und Ehefrau des Reichsjugendführers Baldur von Schirach gehörte sie zum engsten Zirkel der Macht und kannte Hitler seit ihrer Kindheit persönlich. »Wir waren jung und hatten noch nichts Böses erlebt, wir sahen in Hitler nur das, was uns gefiel«, schrieb sie in ihren Memoiren.[1]

Das Thema »Hitler und die Deutschen«[2] ist untrennbar mit der Frage verbunden, die sich jeder Generation von Neuem stellt: »Wie war Hitler möglich?«[3] Ungebrochen sind das wissenschaftliche und das öffentliche Interesse am »Führer«.[4] Bei der Vermittlung historischen Wissens setzen gerade die Medien gerne auf »die suggestive Kraft der Zeitzeugenschilderung«. Zeitzeugen unterscheiden sich vom Tat- oder Augenzeugen dadurch, dass sie keine Geschehnisse beglaubigen, sondern durch ihre Erzählungen eine eigene Geschehenswelt begründen. Sie vermitteln eine subjektive Sicht auf die Vergangenheit, erheben aber nicht selten einen Anspruch auf Objektivität.[5]

In den 1950er- und 60er-Jahren zeigte sich dies an den verharmlosenden Kriegserinnerungen ehemaliger Offiziere.[6] Das gilt auch für die oft unkritischen Memoiren von Mitarbeitern[7] und Ehefrauen[8] einstiger Funktionsträger, die das kommunikative Gedächtnis prägten. Es umfasst biografische Erfahrungen und damit Ereignisse in relativer Nähe zur Gegenwart, wohingegen sich das kulturelle Gedächtnis auf weiter in der Vergangenheit liegende Geschehnisse bezieht. Wie sie erinnert werden, hängt von den Rahmenbedingungen der Gegenwart ab. Erinnerungen an den Nationalsozialismus sind sowohl für Täter als auch für Opfer hochgradig gefühlsbeladen. Die Weitergabe oder Nicht-Weitergabe früherer Erfahrungen prägt die nachfolgenden Generationen und geht teils mit Abwehr, teils mit Faszination einher.[9] Sie erfolgt durch innerfamiliäre Gespräche oder bezieht – etwa bei Memoiren – die Öffentlichkeit mit ein.

Sowohl die hohe Literatur als auch die Trivialliteratur sind Medien gemeinsamen Erinnerns. Als Teil der sozialen Kommunikation beeinflussen beide die Entstehung kollektiv geteilter Erinnerungen.[10] In der Literaturwissenschaft wird der nicht-fiktionalen Form des Erzählens häufig ein geringer Wert beigemessen, wobei eine Diskrepanz besteht zwischen dem Publikumsinteresse auf der einen und dem wissenschaftlichen Desinteresse auf der anderen Seite. Dies wurde in den 1990er-Jahren kritisiert, gelte es doch, die »Literatur der Lebenszeugnisse« zu erforschen. Hierzu zählten auch Henriette von Schirachs Erinnerungen, zumal der Autorin attestiert wurde, gut schreiben zu können.[11]

Seit dem Generationswechsel zu den Enkeln der Kriegsgeneration geht es nicht mehr um die Bewältigung der NS-Vergangenheit, sondern um ihre Bewahrung als öffentliches Thema. In den 1990er-Jahren hat sich eine primär selbstkritische, dem apologetisch ausgerichteten kommunikativen Gedächtnis der 1950er-Jahre entgegengesetzte Erinnerungskultur etabliert. Das Ableben der letzten Zeitgenossen verfestigt diesen Trend.[12] Zuletzt sind die Frauen im Nationalsozialismus von der Forschung verstärkt beachtet worden. Zwar bekleideten sie keine hohen Führungspositionen, hatten aber als Verehrerinnen und Wählerinnen Hitlers eine größere Bedeutung als bisher angenommen. Häufig waren sie die »gläubigsten« seiner Anhänger, wie Hitler selbst 1934 bemerkte, und dementsprechend als mitwissende Ehefrauen oder nachgeordnete Funktionsträgerinnen belastet.[13]

Henriette »Henny« von Schirach kam am 3. Februar 1913 als erstes Kind des Fotografen Heinrich Hoffmann und dessen erster Ehefrau in München zur Welt. Ihr unmittelbares Umfeld war vom Nationalsozialismus geprägt. Als Achtjährige lernte sie Hitler im Hause ihrer Eltern kennen. Er war für sie ein väterlicher Lehrer und sollte ihr Weltbild formen. Seit Hoffmann 1923 das exklusive Recht erhalten hatte, den Politiker zu fotografieren, erlebte sie Hitlers Aufstieg hautnah mit und genoss den wachsenden Wohlstand ihrer Eltern. Auch Eva Braun kannte sie gut, hatte diese doch bei ihrem Vater eine Ausbildung zur Fotolaborantin absolviert und Hitler 1929 in dessen Atelier kennengelernt. 1932 heiratete Henriette den sechs Jahre älteren Baldur von Schirach, einen überzeugten Nationalsozialisten, und trat bald darauf in die NSDAP ein. Aus der Ehe sollten vier Kinder hervorgehen.[14]

Dass Hitler als Trauzeuge fungiert hatte, intensivierte die persönliche Beziehung der Schirachs zum Diktator und stärkte die Position des Reichsjugendführers. Allerdings gelang es Baldur von Schirach bis 1939 nicht, das gesamte Erziehungswesen zu übernehmen. Nach kurzem freiwilligem Kriegsdienst wurde er 1940 zum Gauleiter, Reichsstatthalter und Oberbürgermeister von Wien ernannt. Die neue Aufgabe wird heute als Abschiebung gedeutet, wenngleich sie dem Geltungsdrang des kulturinteressierten Adligen entgegenkam.[15] Unterstützt von seiner Frau betrieb Schirach eine eigenständige Kulturpolitik, wodurch er mit Joseph Goebbels aneinandergeriet. Der Aufgabe, die noch etwa 60 000 Wiener Juden zu deportieren, widmete sich der überzeugte Antisemit jedoch entschlossen und rühmte sich 1942, dadurch einen »aktiven Beitrag zur europäischen Kultur« geleistet zu haben. Von der Vernichtung der Juden wollte er allerdings erst 1944, seine Frau sogar erst nach dem Krieg, erfahren haben.[16]

Die zentrale Begebenheit in Henriette von Schirachs Autobiografie bezieht sich auf die Deportation holländischer Jüdinnen, deren Zeuge sie im Frühjahr 1943 geworden war und die sie Hitler gegenüber zu einem Protest veranlasst hatte. Mag sich das Ereignis im Detail auch anders abgespielt haben, ist es doch im Grundsatz belegt[17] und eines der wenigen Beispiele für einen offenen Widerspruch gegenüber dem Diktator. So mutig dies war, so sehr überrascht doch die darin zum Ausdruck kommende Naivität, da die Wiener Juden – wie Goebbels sarkastisch vermerkte – »gleichsam vor ihrer Haustür«[18] deportiert worden waren. Hitlers Wut über Henriettes Intervention beruhte auch auf angestautem Ärger über ihren Mann. Hinzu kam die Krisensituation nach dem Fall Stalingrads, in der selbst engste Vertraute Hitlers am Endsieg zu zweifeln begannen. Zwar kam es nicht zu einem Bruch, aber die Schirachs hatten das Gefühl, in Ungnade gefallen zu sein.[19]

1946 wurde Baldur von Schirach wegen seiner Beteiligung an den Judendeportationen vom Internationalen Militärgerichtshof zu 20 Jahren Haft verurteilt. Seine Frau wurde zunächst inhaftiert, aber 1947 als Minderbelastete eingestuft und zu einer Sühnestrafe von 2000 Mark verurteilt. In der Folgezeit übte sie verschiedene Berufe aus, lebte teilweise unter anderem Namen und ließ sich 1950 scheiden.[20] Henriette von Schirach gehörte zu den Ersten, die den Marktwert persönlicher Berichte aus Hitlers engstem Umfeld erkannten. Sie nutzte die Welle der Erinnerungsliteratur als Einkommensquelle sowie als Chance, ihre Sicht in die Debatte um den Nationalsozialismus einzubringen. Die Ehefrauen hoher NS-Funktionäre besaßen – ob als öffentliche Identifikationsfigur wie die Schauspielerin Emmy Göring, als Gattin mit Repräsentationsfunktion wie Henriette von Schirach oder als verborgene Geliebte wie Eva Braun – eine Aura, welche nach 1945 fortwirkte und die Nachkriegsdiskurse beeinflusste.[21]

Die erinnerungspolitische Debatte der Nachkriegszeit war gekennzeichnet durch eine allgemeine Selbstviktimisierung und den Fortbestand überlieferter Selbst- und Feindbilder. Gerade weil sich die Führerdiktatur bezüglich illegaler und gewaltsamer Maßnahmen auf Überzeugungen und Vorurteile stützen konnte, die große Teile der Gesellschaft teilten, fiel es vielen schwer, sich nach 1945 vom Regime und seiner Ideologie loszusagen. Noch 1949 hielten 50 Prozent der Deutschen den Nationalsozialismus für eine gute Idee, die nur schlecht ausgeführt worden sei. Hinzu kam, dass viele Funktionsträger ihre Karrieren im neuen Staat fortsetzten. Insofern konzentrierte sich das kommunikative Gedächtnis in den ersten zwei Dekaden nach Kriegsende auf die deutschen Opfer: die Soldaten, die Toten des Bombenkriegs, die Flüchtlinge und Vertriebenen.[22] Auch in Henriette von Schirachs Memoiren erscheinen »die Toten von Dresden und die Toten von Dachau«[23] als zwei Seiten eines tragischen Schicksals.

Das vorherrschende Selbstmitleid und die Ansicht, von den Verbrechen »nichts gewusst« zu haben, sind 1967 auf die Formel von der »Unfähigkeit zu trauern« (Alexander und Margarete Mitscherlich) gebracht worden, nach der auf die Identifikation mit dem »Führer« nach dessen Tod eine Art nachträgliche Realitätsverweigerung folgte. Nicht alle Details der Judenvernichtung waren bekannt, aber doch genug, um zu wissen, was man nicht wissen wollte. Der propagandistisch angefachte Antisemitismus, die Popularität des Regimes sowie persönliche Vorteile durch »Arisierungen« machten die Bevölkerung zu Mitwissern und Komplizen des Genozids an den europäischen Juden.[24] Zwar kritisierte Henriette von Schirach, dass nach Kriegsende jeder »nur das Unrecht« sah, »das ihm nun selbst widerfuhr«,[25] aber auch ihre Erinnerungen entsprechen im Großen und Ganzen der Selbstviktimisierungsmentalität der 1950er-Jahre.

Seit den 1990er-Jahren sind die Erfahrungen von Einzelpersonen verstärkt in das Blickfeld der Historiografie geraten. Während literarische Selbstzeugnisse weiblicher NS-Opfer analysiert wurden, galten vergleichbare Werke aus dem Kreis der Täterinnen häufig pauschal als Rechtfertigungsliteratur, sodass ihre geschichtspolitische Ausrichtung unbeachtet blieb. Deshalb wurde aus der Perspektive der Geschlechtergeschichte unlängst gefordert, »das Phänomen der Geschichtspolitik betreibenden Gattinnen und Witwen als Apologetinnen des Nationalsozialismus ernster« zu nehmen als bisher.[26]

Zwar finden sich in Henriette von Schirachs Memoiren Elemente von Einsicht und Selbstkritik, aber auch exkulpierende und larmoyante Aussagen.[27] Sie geht nicht chronologisch vor, sondern wechselt »zwischen den Zeitebenen der ersten Nachkriegsjahre (der Gegenwart ihrer Erzählung), den Jahren des Dritten Reiches (ihrer Vergangenheit) und der Zeit der Niederschrift (1956)«.[28] Es unterbleibt eine abschließende Wertung. Der Titel zeigt, dass die Autorin die »Herrlichkeit« des Dritten Reiches nicht hinterfragt und mit dem »Preis«, den sie zu zahlen hatte, hadert. Dass eine Reflexion ihrer eigenen Rolle im System unterbleibt, illustriert ihre »biografische Ideologie«. Henriette von Schirachs Memoiren sind ein Beispiel dafür, wie die »innere Zensur« es vermag, Unangenehmes abzuwehren, um die lebensgeschichtliche Kontinuität aufrechtzuerhalten.[29]

In ihren späteren Publikationen berichtete sie bevorzugt von der inoffiziellen Seite des Dritten Reiches. Im Vorwort zu den 1974 erschienenen »Aufzeichnungen« ihres Vaters über Hitler blendete sie die Gewaltherrschaft und den Krieg aus.[30] 1980 erschienen rund 80 »Anekdoten um Hitler«.[31] Sarkastisch bezeichnete Der Spiegel dieses – seit 1982 indizierte[32] – Werk als »Schatzkästlein für den braunen Hausfreund«. Während Henriette von Schirach ihre Autobiografie 1956 »zeitgemäß-chic in Sack und Asche« verfasst habe, entlarve sie sich 1980 als Verharmloserin des Regimes.[33] 1983 folgte der Band »Frauen um Hitler«, in dem sie die Biografien Hitler nahestehender Frauen nachzeichnete.[34] Die Konzentration auf das Privatleben ist geschichtspolitisch problematisch, weil sie »massive apologetische Effekte hat«.[35] Folgender Satz Henriette von Schirachs veranschaulicht exemplarisch die Schwierigkeit belasteter Zeitzeugen, dem Bann der falschen Herrlichkeit zu entkommen: »Alles ging ganz gut, bis wir ›Kriegsverbrecher‹ wurden.«[36]

Dr. Steffen Bruendel, Jahrgang 1970, ist Historiker und Direktor des Forschungszentrums Historische Geisteswissenschaften der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Zuvor war er Lehrbeauftragter an verschiedenen Universitäten sowie als Wissenschafts- und Kulturmanager für Stiftungen und Unternehmen tätig. Er forscht und publiziert insbesondere zur deutschen und europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts.

Anmerkungen

[1] Schirach, Henriette v.: Der Preis der Herrlichkeit. Erlebte Zeitgeschichte. München 2016, S. 196.

[2] Hitler und die Deutschen. Volksgemeinschaft und Verbrechen [Ausst.-Katalog Deutsches Historisches Museum Berlin]. Dresden 2010.

[3] Thamer, Hans-Ulrich: Die Inszenierung von Macht. Hitlers Herrschaft und ihre Präsentation im Museum, in: Hitler, S. 17–22, hier 18 (Zitat).

[4] Herbert, Ulrich: Der alte neue Diktator, in: Die Zeit, 10.12.2015, S. 57. Vgl. auch ders.: Führerbilderwechsel. Hitler und die Deutschen nach 1945, in: Hitler, S. 142–147; Hartmann, Christian u. a. (Hg.): Hitler, Mein Kampf: Eine kritische Edition. München u. a. 2016; Longerich, Peter: Hitler. Biographie. München 2015.

[5] Sabrow, Martin: Der Zeitzeuge als Wanderer zwischen zwei Welten, in: ders./Frei, Norbert (Hg.): Die Geburt des Zeitzeugen nach 1945. Göttingen 2012, S. 13–32, hier 13ff. (Zitat 13).

[6] Vgl. u. a. Manstein, Erich v.: Verlorene Siege. Bonn 1955; Kesselring, Albert: Soldat bis zum letzten Tag. Bonn 1953; Lasch, Otto: So fiel Königsberg. München 1958.

[7] Vgl. u. a. Kempka, Erich: Die letzten Tage mit Adolf Hitler. Rosenheim 41994; Linge, Heinz: Bis zum Untergang. Als Chef des Persönlichen Dienstes bei Hitler. München 1983; Schroeder, Christa: Er war mein Chef. Aus dem Nachlaß der Sekretärin von Adolf Hitler. München 1985; Junge, Traudl: Bis zur letzten Stunde. Hitlers Sekretärin erzählt ihr Leben. München u. a. 2003.

[8] Vgl. Schirach, Preis; Göring, Emmy: An der Seite meines Mannes. Göttingen 1967; Jodl, Luise: Jenseits des Endes. Leben und Sterben des Generaloberst Alfred Jodl. Wien 1976; Heydrich, Lina: Leben mit einem Kriegsverbrecher. Pfaffenhofen 1976.

[9] Kirsch, Jan-Holger: Nationaler Mythos oder historische Trauer? Der Streit um ein zentrales »Holocaust-Mahnmal« für die Berliner Republik. Köln u. a. 2003, S. 3–8.

[10] Erll, Astrid: Gedächtnisromane. Literatur über den Ersten Weltkrieg als Medium englischer und deutscher Erinnerungskulturen in den 1920er Jahren. Trier 2003, S. 9, 56–64.

[11] Seiler, Bernd W.: Keine Kunst? Um so besser! Über die Erinnerungsliteratur zum Dritten Reich, in: Drews, Jörg (Hg.): Vergangene Gegenwart – Gegenwärtige Vergangenheit. Bielefeld 1994, S. 203–223, hier 203f., 208, 216f., 221f. (Zitat 221). Vgl. auch Assmann, Aleida: Wem gehört die Geschichte? Fakten und Fiktionen in der neueren deutschen Erinnerungsliteratur, in: Internationales Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur 36/1 (2011), S. 213-225.

[12] Assmann, Aleida/Frevert, Ute: Geschichtsvergessenheit – Geschichtsversessenheit. Vom Umgang mit deutschen Vergangenheiten nach 1945. Stuttgart 1999, S. 146; Bauerkämper, Arnd: Das umstrittene Gedächtnis. Die Erinnerung an Nationalsozialismus, Faschismus und Krieg in Europa seit 1945. Paderborn u. a. 2012, S. 320f.

[13] Görtemaker, Heike: Eva Braun. Leben mit Hitler. München 2011; Leutheusser, Ulrike: Hitler und die Deutschen. Verführung und Unterwerfung, in: dies. (Hg.): Hitler und die Frauen. Stuttgart u. a. 2001, S. 7–19, hier 11, 15f.; Schad, Martha: »Das Auge war vor allen Dingen ungeheuer anziehend«. Freundinnen und Verehrerinnen, in: ebd., S. 21–127 (Zitat 21); dies.: »Die Frauen gehören heim in die Küche und Kammer«. Frauenleben unterm Hakenkreuz, in: ebd., S. 129–174, insb. 139, 144, 172f.; dies.: »Die Nazis haben mir meine Jugend weggenommen«. Opfer und Täterinnen, in: ebd., S. 175–236, hier 234f.; Sigmund, Anna Maria: Die Frauen der Nazis. München 72001, S. 19–25.

[14] Sigmund, Frauen, S. 234f., 279–296; Schirach, Baldur v.: Ich glaubte an Hitler. Hamburg 1967, S. 118ff., 128.

[15] Wortmann, Michael: Baldur von Schirach. Hitlers Jugendführer. Köln 1982, S. 91, 174ff., 180–192; Buddrus, Michael: Totale Erziehung für den totalen Krieg: Hitlerjugend und nationalsozialistische Jugendpolitik. München 2003, S. 18–26. Vgl. auch Lang, Jochen v.: Der Hitler-Junge: Baldur von Schirach, der Mann, der Deutschlands Jugend erzog. Hamburg 1988; Fest, Joachim C.: Das Gesicht des Dritten Reiches. Profile einer totalitären Herrschaft. München 1963, S. 300–318.

[16] Schirach, Hitler, S. 296f., 300 (Zitat); Schirach, Preis, S. 97f., 105. Vgl. auch Wortmann, Schirach, S. 193f.; Sigmund, Frauen, S. 300ff.

[17] Schirach, Preis, S. 17f., 21f., 229–233; Schirach, Hitler, S. 289–293; Speer, Albert: Spandauer Tagebücher. Berlin. 41975, S. 463; Junge, Stunde, S. 100f.

[18] Goebbels, Tagebücher, Eintrag vom 24.6.1943, zit. n. Sigmund, Frauen, S. 307.

[19] Schirach, Preis, S. 23, 232; Schirach, Hitler, S. 293ff.; Speer, Albert: Erinnerungen. Frankfurt/M. u. a. 91971, S. 271–274, 289. Vgl. auch Wortmann, Schirach, S. 214–220, 226; Sigmund, Frauen, S. 308; Zelle, Karl-Günter: Hitlers zweifelnde Elite. Goebbels – Göring – Himmler – Speer. Paderborn 2010.

[20] Sigmund, Frauen, S. 313ff.

[21] Gehmacher, Johanna: Im Umfeld der Macht: populäre Perspektiven auf Frauen der NS-Elite, in: Frietsch, Elke/Herkommer, Christina (Hg.): Nationalsozialismus und Geschlecht: Zur Politisierung und Ästhetisierung von Körper, »Rasse« und Sexualität im »Dritten Reich« und nach 1945. Bielefeld 2009, S. 49–69, hier 55, 58, 67, 72.

[22] Bauerkämper, Gedächtnis, S. 295–300; Thamer, Inszenierung, S. 22; Frei, Führerbilderwechsel, S. 142f., 144; ders. (Hg.): Hitlers Eliten nach 1945. München 62014; Klee, Ernst: Das Kulturlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. Frankfurt/M. 2007.

[23] Schirach, Preis, S. 66.

[24] Bajohr, Frank/Pohl, Dieter: Der Holocaust als offenes Geheimnis: Die Deutschen, die NS-Führung und die Alliierten. München 2006; dies.: Massenmord und schlechtes Gewissen: Die deutsche Bevölkerung, die NS-Führung und der Holocaust. Frankfurt/M. 2008; Longerich, Peter: »Davon haben wir nichts gewusst!« Die Deutschen und die Judenverfolgung 1933–1945. München 2006; Aly, Götz: Hitlers Volksstaat. Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus. Frankfurt/M 2005.

[25] Schirach, Preis, S. 163.

[26] Gehmacher, Umfeld, S. 66 (Zitat ebd.).

[27] Schirach, Preis, S. 23f., 26ff., 30, 38ff., 62, 65f., 76ff., 94, 102, 130, 163f., 188, 217, 273f.

[28] Seiler, Kunst, S. 217.

[29] Jeggle, Utz: Kontinuität in der Lebensgeschichte von Nazis, in: Schweizerisches Archiv für Volkskunde 84 (1988), S. 201–211, hier 208f. (Zitate 208).

[30] Schirach, Henriette v.: Vorwort, in: Hoffmann, Heinrich: Hitler wie ich ihn sah. Aufzeichnungen seines Leibfotografen. Dresden 2011, S. 7–17. Vgl. auch Fest, Joachim/Hoffmann, Heinrich: Hitler. Gesichter eines Diktators. Bilddokumentation. München 32005; Das Hitler-Bild: Die Erinnerungen des Fotografen Heinrich Hoffmann. Salzburg 2008.

[31] Schirach, Henriette v. (Hg.): Anekdoten um Hitler – Geschichten aus einem halben Jahrhundert. Berg 1980.

[32] Bundesanzeiger Nr. 54, 19.3.1982, und Nr. 41, 28.2.2007.

[33] Trunkene Sehnsucht, in: Der Spiegel, 16.6.1980, S. 180f. Vgl. auch Sigmund, Frauen, S. 316ff.

[34] Frauen um Hitler. Nach Materialien von Henriette von Schirach. München 21985.

[35] Gehmacher, Umfeld, S. 66.

[36] Schirach, Preis, S. 93.

Zur zweiten Auflage

Dieses Buch wurde 1956 geschrieben. Es enthält Impressionen und Erlebnisse einer Frau, die das Dritte Reich im innersten Kreis erlebte.

Ich habe keinen Anlaß gesehen, in der zweiten Auflage Änderungen vorzunehmen. Meine Erinnerungen sollen nicht als rührselige Rückschau auf eine glorreiche Vergangenheit verstanden werden, sondern als ein Anreiz zur Bewußtwerdung der Frau.

Ich lernte Hitler kennen, als ich acht Jahre alt war, und blieb mit ihm befreundet, bis zu der trennenden Auseinandersetzung in der Berghofhalle. Ich hatte ihm sein Unrecht, er mir meine Herausforderung vorgeworfen. Ich hatte mich für jüdische Frauen in Holland eingesetzt.

Männer machen Geschichte, Frauen bezahlen dafür. Sie vertrauen auf die Klugheit der Männer, auf ihren Schutz, sie unterdrücken ihr selbständiges Denken. Geht aber das Spiel verloren, büßen die Frauen härter. Sie haben Kinder, sie lieben das Leben mehr.

In Lazaretten, Gefängnissen, in Lagern und hinter den Kulissen des Nürnberger Prozesses habe ich das Heldentum der Frauen kennengelernt.

Wenn wir eine glückliche Zukunft haben sollen, wird sie die Frau nicht unter, sondern neben dem Mann mitgestalten müssen.

Henriette von Schirach

München, im Oktober 1981

Statt eines Vorworts

Karfreitag 1943. Frühmorgens. Baldur und ich hatten uns eben aus dem Berghof fortgestohlen und fuhren den Serpentinenweg nach Berchtesgaden hinunter. In der bedrückenden Stille, die uns umfing, verfolgte mich die Szene vom Vorabend. Ich sah Hitler, den Freund meiner Kindheit, vor mir, wie ich ihn verlassen zu haben glaubte: schreiend, tobend, in rasender Wut über das, was ich ihm zu sagen gewagt hatte.

32 Jahre später. Ein Novembertag. Ohne recht zu wissen, weshalb, schalte ich das österreichische Fernsehen ein – und gerate mitten in ein Interview mit Albert Speer. Er schildert das Leben im Berghof, erklärt, es sei unmöglich gewesen, Hitlers Judentheorien zu widersprechen. Aber sein österreichischer Gesprächspartner will es genau wissen, er sagt: »Henriette von Schirach schreibt in ihren Memoiren …« Während ich noch überrascht meine Gedanken sammle, höre ich Speer schon antworten: »… ich war an diesem Tag am Obersalzberg. Ich war dabei, aber bei dieser Szene nicht dabei. Es war danach eine düstere Stimmung. Man wußte, daß sich etwas ereignet hatte …« Erst jetzt erfuhr ich, daß ich Hitler in Düsternis zurückließ. Wenn er nichts sagte, wenn er sein Gesicht in den Händen vergrub, hatte man ihn getroffen – und ich wollte ihn damals treffen: Es hatte damit begonnen, daß ich im April des Jahres 1943 Freunde im besetzten Holland besuchte. Da ich auf eigene Faust da war und zuerst auch nicht an den allnächtlichen Fliegeralarm glauben wollte, quartierte ich mich im Amstel Hotel am Fluß ein. Dann ging ich durch die Straßen bummeln, sah Rembrandts Haus, kaufte, weil es in der wie toten Stadt nichts anderes zu geben schien, große Ausschneidebogen und lange, bemalte Tonpfeifen, besuchte eine kleine Insel, wo Männlein und Weiblein das Haar in der gleichen komischen Art in die Stirn frisiert trugen und wo die Kinder in breiten Schubladen schliefen, die man tagsüber in die Schränke zurückschob. Ich ahnte nicht, daß hinter einer Tapetentür in Amsterdam eine kleine Anne Frank saß, die stumme Anklagen ins Tagebuch schrieb.

In der Nacht erwachte ich durch lautes Schreien und Rufen. Ich stürzte ans Fenster und versuchte im Finstern zu erkennen, was los war. Unter mir, auf der Straße, standen, offenbar hastig zusammengetrieben, ein paar hundert Frauen mit Bündeln, bewacht von Männern in Uniform, man hörte Weinen und dann eine helle Kommandostimme: »Arier zurückbleiben!« Daraufhin setzte sich der Zug langsam in Bewegung und verschwand über die Brücke hinweg in der Dunkelheit.

Am nächsten Morgen wollte mir niemand über den geheimnisvollen Aufmarsch Auskunft geben, nicht der Portier, nicht der Nachtkellner. Aber mein Freund Miedl, der mich abholen kam, wußte Bescheid: »Das ist ein Abtransport von Jüdinnen. Die Frauen kommen in ein Frauenlager, die Männer in ein Männerlager.«

»Und die Kinder?«

Er zuckte mit den Schultern.

»Tun das die Deutschen?«

»Wer sonst!?«

»Weiß Hitler das?«

»Du kannst es ihm ja erzählen, wenn er es nicht weiß!« …

Als ich Miedl von meinen wenig erfolgreichen Einkäufen berichtete, lachte er nur: »Man muß die Quellen kennen! Komm!«

Wir fuhren zu einer Schule. Die Turnhalle war von unten bis oben mit den seltsamsten Dingen vollgepackt, Gemälde, antike Möbel, orientalische Teppiche, Gobelins, kostbar eingebundene Bibeln, alte Münzen, Schmuck. Alles war mit Preisschildern versehen, alles war spottbillig.

»Das ist das Eigentum von … das gehörte denen, die gestern nacht weggetrieben wurden?« fragte ich Miedl verstört.

»Sicher …«

Am selben Abend folgte ich Miedls Rat und übersiedelte in sein Wasserschloß. In diesem Haus traf sich alles, was in Deutschland Schwierigkeiten zu befürchten hatte. Ingenieure der Messerschmittwerke, die ihrer jüdischen Frauen wegen von Göring hierher versetzt wurden, Schauspieler, die sich in Holland von einer Wehrmachtstournee abgesetzt hatten, Journalisten, Hochstapler, Männer und Frauen mit falschen Pässen und falschen Namen.

Miedl gab uns zu Ehren im langen Saal eine Reistafel. Ich glaubte mich in eine fremde Welt versetzt. Weiß beturbante Inder servierten zum Reis köstliche Zutaten auf erlesenem chinesischem Porzellan. Dazu gab es Kaviar, Hummer, Genever, Champagner … Bei unseren Empfängen in der Hofburg zu Wien trugen die Diener zwar Livreen aus der Zeit des Kaisers Franz Joseph, aber auf den Silberplatten, die sie hereinbrachten, lagen flache Brotscheiben mit Sardellenpaste und einer Kapernblüte als Garnitur. Dies hier war Luxus, wie wir ihn längst vergessen hatten. Doch Will Dohm gab sich damit noch nicht zufrieden. Er setzte durch, daß die Wandschränke um uns aufgesperrt und die dort verwahrten edlen blauen Glaskelche hervorgeholt wurden: »Vielleicht sind wir morgen schon tot. Deshalb wollen wir heute aus den schönsten Gläsern der Welt trinken!« … Wir redeten jetzt ganz offen über unsere Lage, und ich erzählte von dem Entschluß, den ich an jenem Morgen nach Miedls Eröffnung gefaßt hatte: Ich würde zu Hitler fahren und mit ihm sprechen, ich würde ihm schildern, was ich gesehen hatte. »Er kann dies nicht wollen!«

Gleich nach meiner Rückkehr nach Wien rief ich im Berghof an. Baldur und ich konnten immer fragen, ob unser Besuch Hitler angenehm wäre. Man sprach entweder mit einem seiner Adjutanten, oder er kam selbst an den Apparat, und immer sagte er: »Ja, selbstverständlich, kommt, sobald ihr könnt.«

So war es auch diesmal. Ich hatte Baldur gesagt, was ich vorhatte, aber ich hatte kein Konzept. Meine Gedanken waren durcheinander. Ich war Mitwisserin von Verbrechen geworden, doch ich war eine Frau ohne jedes Amt, meine einzige Legitimation war meine Freundschaft zu Hitler.

Als ich Hitler kennenlernte, war er zweiunddreißig und ich acht. Ihm verdankte ich mein erstes Paar Ski, meinen ersten Homer. Er spielte mir auf unserem Klavier aus dem »Ring des Nibelungen«. Als meine Mutter begraben wurde, hielt er meine Hand, und ich mußte ihm versprechen, nicht zu weinen. Er war mein Trauzeuge, und später trug er meine Kinder als winzige Babys auf dem Arm … Ich konnte immer offen mit ihm reden: ich war für ihn eine Freundin aus den Jahren, die er die »seligen Zeiten« nannte. Wenn ich mich für die moderne Kunst einsetzte oder ihn warnte, österreichische Klöster zu schließen, schimpfte er mich scherzhaft »Kassandra«. Ich gab zurück: »Aber Kassandra hatte recht, Troja ging unter«, worauf er erwiderte: »Troja ging unter, aber darauf wurde die griechische Welt errichtet …«

Und doch, ich wußte, diesmal war es nicht gleich. Alles, was mit Juden zusammenhing, war bei Hitler als Gesprächsthema verboten. Aber wie konnte ich darauf Rücksicht nehmen. Mein Entschluß war gefaßt, und so fuhren Baldur und ich nach Berchtesgaden.

Als wir im Berghof eintrafen, kamen wir gerade zu einem kleinen Spaziergang zurecht, den Hitler mit seiner Begleitung unternahm; es war ein milder, föhniger Vorfrühlingsabend. Später wurde auf der Terrasse eine Aufnahme gemacht, und dann zog sich Hitler mit seinen Offizieren zu einer Lagebesprechung zurück.

Gegen Mitternacht ließ er, wie üblich, das Abendessen auftragen. Hitler aß damals fast nichts, nur etwas rohes Gemüse mit Haferflocken. Nach dem Essen wechselten wir gemeinsam vom schmalen, holzgetäfelten Speisezimmer in die große Halle hinüber, wo wir grobe Scheite und Wurzelstöcke ins offene Kaminfeuer warfen. Hitler wachte eifersüchtig darüber, daß keiner ihn vorzeitig verließ. Er konnte nachts nicht mehr schlafen und wollte nicht allein sein. Ordonnanzen brachten einen langen Bogen aus dem Fernschreiber, Frontberichte, die in besonders großen Lettern getippt waren, damit Hitler sie ohne Brille lesen konnte. Aus der Art, wie er jedesmal sein Taschentuch gegen die Augen preßte, wußten wir, daß die Nachrichten besonders schrecklich waren: Meldungen der gefallenen Offiziere und Mannschaften, über bombardierte Städte und versenkte Schiffe.

Hitler saß zwischen Eva und mir; solange sie anwesend war, konnte ich nicht sprechen. Doch nach einiger Zeit erhob sie sich, nickte uns allen zu, ließ sich von Hitler die Hand küssen und verließ den Raum. Nun kam Blondi, Hitlers Schäferhündin, zu uns her. Hitler kraulte ihren Kopf und wandte sich dann freundlich zu mir: »Sie kommen aus Holland?«

»Ja, deshalb bin ich hier, ich wollte Sie sprechen, ich habe schreckliche Dinge gesehen, ich kann nicht glauben, daß Sie es wollen …!« Er sah mich erstaunt an: »Es ist Krieg«, sagte er.

»Aber es waren Frauen, ich sah, wie ein Trupp von Frauen, ich sah, wie arme, hilflose Frauen weggeführt wurden, abtransportiert in ein Lager. Ich glaube nicht, daß sie zurückkommen werden, man hat ihnen ihr Eigentum weggenommen, ihre Familien gibt es nicht mehr …«

»Sie sind sentimental, Frau von Schirach!« Hitler stand auf und stellte sich mir zur Seite. »Was gehen Sie die Jüdinnen in Holland an!« Da ich aufgesprungen war, ergriff er meine Handgelenke und umspannte sie mit beiden Händen – wie früher, wenn er wollte, daß ich mich auf ihn konzentrierte. Dann ließ er mich los und bildete mit seinen Händen zwei Schalen, die er, während er laut und eindringlich auf mich einsprach, wie eine Waage auf und ab bewegte: »Verstehen Sie, jeden Tag fallen zehntausend meiner kostbarsten Männer, Männer, die es nie wieder gibt, die Besten. Die Balance stimmt dann nicht mehr, das Gleichgewicht in Europa stimmt nicht mehr. Denn die andern fallen nicht. Sie leben, die in den Lagern, die Minderwertigen leben, und wie schaut es dann in Europa in hundert Jahren aus? In tausend? Ich bin nur meinem Volk verpflichtet, niemandem sonst. Sollen sie mich vor der Welt zum Bluthund machen, wenn der Bolschewismus siegt. Was schert mich das, ich lege keinen Wert auf Nachruhm! Sie müssen hassen lernen. Ich mußte es auch …«

Hitler hatte mir schon früher einmal gesagt, ich solle hassen lernen, und ich hatte ihm erwidert, Hassen sei so anstrengend – und unproduktiv. Aber jetzt war alles ernst. Mir fielen Iphigeniens Worte ein, und ich sagte: »Nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich da!« Dabei sah ich ihm fest in die Augen, er hatte mir einmal gesagt, wenn man einen Menschen bezwingen will, muß man ihm in die Pupille schauen.

Es waren siebzehn Männer, die um den Kamin saßen und die wie ich nichts von den Schandtaten wußten, die in Hitlers Namen geschahen? Wenn sie jetzt alle aufspringen, wenn alle sagen würden: Wir sind Soldaten, wir sind bereit, im Kampf zu töten, aber mit solch gemeinem Geschäft wollen wir nichts zu tun haben! Hitler war eingekreist, was hätte er tun können? Nach Bormann rufen? Aber die Männer sahen krampfhaft ins Feuer oder zu Boden. Unter den starren Blicken Hitlers nahm ich mein Schildpattkästchen an mich. Er kannte dieses Kästchen, es war ein Geschenk Mussolinis, und er hatte bei unseren Gesprächen oft mit ihm gespielt, indem er mechanisch den Verschluß auf und zu machte. »Ich gehöre nicht mehr an Ihren Tisch!« sagte ich leise, daß nur er mich verstehen konnte. Dann drehte ich mich um und ging zum Ausgang der Halle. Als ich die drei Stufen zum Vorraum erreicht hatte, begann ich zu rennen.

Einer von Hitlers Begleitern war mir nachgeeilt. »Warum haben Sie das getan? Der Führer ist zornig. Fahren Sie sofort ab, heute noch, gleich, er darf Sie nicht mehr sehen!«

Ich bat ihn, Baldur aus der Kantine zu holen, wo er mit den Fahrern saß. Wir packten hastig unsere Sachen zusammen, holten den Wagen aus der Garage und fuhren so leise wie möglich los. Während wir in der Morgendämmerung den Serpentinenweg herunterrollten, war mir, als ob sich das ganze Berchtesgadener Tal in ein altmodisches Bühnenbild zu »Parsifal« verwandelte. Der junge Hitler war auch ein Parsifal gewesen. Unwissend war er von zu Hause weggelaufen, auch seine Mutter war, wie Parsifals Mutter, vor Herzeleid gestorben, als er sie verließ. Aber Wagners Parsifal war schließlich »durch Mitleid wissend« geworden. Hitler versagte sich diese Gnade …

Am Straßenrand standen alle zweihundert Meter Wachen, große SS-Männer mit Helmen und schwarzen Capes, die Hände auf das Gewehr gestützt. Sie standen ernst und still, und das verstärkte den Eindruck des Unabänderlichen, des Schrecklichen.

Über Salzburg zog der Morgen herauf, und nun erschütterten schwere Detonationen die Landschaft. Auch wir im Wagen spürten, wie der Boden unter uns bebte. Wir hielten bei einer Wache an und fragten, was die Sprengungen bedeuteten. Einer der Männer beugte sich zum Wagenfenster und sagte: »Es werden Schächte in den Berg getrieben.«

Wir wußten alle, was dies bedeutete.

Der österreichische Interviewer Professor Kurt Grotter hat Albert Speer auf meine Memoiren angesprochen. Es ist die Geschichte einer Frau, die stellvertretend für viele andere dieser Generation dastehen mag. Wir waren, getreu der idealen Erziehung von damals, naiv und »unverbildet« aufgewachsen. Wir hatten unser Glück, wie es von uns erwartet wurde, in die Hände der Männer gelegt, in die Hände unserer Männer, die die Welt beherrschten.

Mit Ausnahme des Bruches mit Hitler, der hier vorgezogen wurde, gibt der nachfolgende Text den Wortlaut des Originalmanuskripts von 1956 wieder.

Henriette von Schirach

München 1976

Tod im April

Es ist ein Septembertag, so wie ihn Lovis Corinth gemalt hat: Türkis der See, und der Himmel von einer zarten Bläue. Corinths Haus steht nachbarlich zu uns. Nun bewohnt es die Familie des Atomphysikers Heisenberg mit ihren vielen Kindern. Aber auch sie sind fort.

Kein Vogellied, kein Klappern von Rudern, wenn der Junge die Boote an Land zieht.

Ein Schwarm von Zitronenfaltern ließ sich heute morgen hier nieder. Bei mir sind sie sicher, Richards Schmetterlingsnetz ist weggepackt, mit Taucherbrille und Schnorchel. Die Jungen sind in ihre Schule zurückgefahren.

Ich nehme Abschied von allem hier. Es war unser letzter Sommer in diesem Haus. Ich werde den großen Busch wilder Rosen nicht mehr blühen sehen, und meine Freundin, die Hirschkuh, wird ohne Erfolg mit ihren Hufen gegen die Tür schlagen, wenn die Januarkälte sie ins Tal treibt, ich werde ihr die Orangenschalen nicht mehr geben können.

Das Haus in Urfeld am Walchensee

Eine ganze Zeit, süß und bitter, wird hinter mir versinken, wenn ich die Türe zum letztenmal schließe. Und wenn ich die Straße entlangfahre, irgendwann, wird mein Herz einen Augenblick schneller schlagen. Weiter nichts. Andere Menschen werden auf der Lärchenholzbank sitzen und in Sommernächten darauf warten, daß der Mond in seiner Pracht den Jochberg heraufkomme.

Vielleicht werden auch sie in der Silvesternacht ein Feuerwerk in die Winterstille jagen. Mit roten Raketen und Feuerrädern, wie wir, und sie werden auf der Terrasse stehen und mit vollen Gläsern das neue Jahr begrüßen, das übers Karwendel heraufdämmert. Sie werden sich küssen, lachend und glücklich, wie wir. Dann werden sie aus der Kälte in den festlichen Raum zurückkehren und um den Ahorntisch sitzen, wie wir in jener Neujahrsnacht, die noch einmal alle vereinte, die der Krieg auf so abenteuerliche Art auseinanderreißen sollte. Es war Phantasie am Werk, um dies zustande zu bringen.

Hier saßen Harry Liedtke und seine Frau Christa Tordy, die gleichzeitig Schauspielerin und Ärztin war. Beide wurden von den Russen in Saarow mit Sektflaschen erschlagen. Willi Scholz, in den ersten Tagen des Rußlandkrieges gefallen, Hans Steinhoff, der Filmregisseur, abgestürzt zwischen Prag und Berlin, als er unterwegs war, mit Hans Albers »Shiva und die Galgenblume« zu drehen. Mamsie saß hier, Baldurs amerikanische Mutter, Emma Middleton Lynah Tillou, geboren in New York, verbrannt im Juli 1944, als ein Flugzeug auf ihr Wiesbadener Haus stürzte und sie noch einmal die Treppen hinaufgerannt war, um Ching, ihren Pekinesen, zu retten. Daneben Pieps, der lustige dicke Professor der Münchner Universität, nach Lagerhaft gestorben, und General Haushofer, der Geologe, der sich an einem Busch erhängte, und Colin Ross und seine Frau, die sich an dem gleichen Tisch erschossen, an dem ich dies jetzt schreibe, und deren Blut noch immer blaß wie ein gewundener Flußlauf auf dem hellen fichtenen Boden zu sehen ist.

Überlebende nur wir, die Gastgeber. Baldur von Schirach, Reichsjugendführer, Erster Bürgermeister von Wien, Reichsverteidigungskommissar von Wien bis 1945, Gefangener der Alliierten, zu zwanzig Jahren Gefängnis verurteilt, mit sechs Gefangenen in einem riesigen roten Ziegelbau lebend, im »Allied Prison« Spandau, wie der Poststempel sagt.

Und ich. Übriggeblieben, um mir in diesen Wochen meine Geschichte von der Seele zu schreiben.

Denn dort in unserem Hause entstand einiges von dem, was zu dem tödlichen Ende führte. Dort wurden Uniformen entworfen und Pläne für Aufmärsche gemacht. Dort wurden Bücher und Gedichte geschrieben, Lieder komponiert und Reden ausgearbeitet. Abzeichen und Fahnen wurden ausgedacht. Hier begann der Triumph der Eitelkeit, und hier wurde dafür bezahlt.

Japanische Prinzen und amerikanische Boy-Scout-Führer saßen auf der gleichen Bank, auf der im April 1945 Colin lächelnd und ausgeblutet lag.

Ich habe ein kleines Bild aus der frühen Zeit. Alle Wände sind mit Plänen für Jugendherbergen besteckt, Modelle für HJ-Heime und Führerschulen, reizend anzusehen, mit kleinen Fähnchen und winzigen grünen Sportplätzen standen auf Tischen und Fensterbrettern, und inmitten der zukünftigen Herrlichkeit steht Baldur, um mit einem Blei noch eine kleine Verbesserung in den Plan zu zeichnen, neben ihm steht Dustmann, der Architekt, und beide wissen, daß in wenigen Monaten aus den Modellen fertige Häuser gebaut sein werden. An Baldurs Geburtstagen blieb das Haus umlagert von BDM-Mädchen, die mit Wimpeln und Blockflötenmusik ihre Geschenke brachten: Möweneier und lebende Gänse, einen lebensgroßen Nußknacker aus Sonneberg und handgestrickte Handschuhe aus Sachsen, auf einem war das Wort »Heil«, auf dem anderen das Wort »Hitler« eingestickt.

So war es. Von allem zuviel. Ohne Maß.

Auf der Bank, die um den weißgrünen Tiroler Ofen führt, saß Italiens faschistischer Jugendführer Renato Ricci und warnte in seinem holprigen, mit Englisch gemischten Deutsch: »Die alten Männer«, und damit meinte er Hitler und Mussolini, »wollen Krieg, und wir werden dafür bezahlen, wir, die Jugend.« Wachgehalten durch Espresso, versuchte er es zu erklären, aber niemand zog die Lehren daraus.

Hier lachte uns Helen, Baldurs hübsche Kusine aus Philadelphia, aus: »Ich glaube, ihr seid völlig übergeschnappt, ihr grüßt mit dem Namen eines Mannes, der eine Fledermaus im Kopf hat und alle Großen aus dem Land jagt, weil sie einer anderen Rasse angehören! Ihr zwingt die Menschen, in hohen Stiefeln in Nürnberg bei euren Parteitagen aufzumarschieren, und ladet die Welt ein, damit sie Angst bekommen soll.« Wir hörten nicht darauf, wir waren töricht und fanden genau das richtig, was wir taten. Hier in diesem Zimmer hörte ich mir einen Mann an, der bat, man möge seinen halbjüdischen Sohn studieren lassen. Ich gab die Bitte weiter, sie wurde auch erfüllt, aber ich habe mir nicht den Kopf darüber zerbrochen, daß Tausende von Vätern nicht zu uns kommen konnten. Das ist die Schuld. Als ich es mit Schrecken begriff, war es zu spät, Entscheidendes dagegen zu tun.

Hier schilderte mir Dr. Colin Ross seine letzte Unterhaltung mit Ribbentrop. Er, Colin, sollte Roosevelts »Wiederwahl verhindern«; außerdem sollte er einen außenpolitischen Lagebericht geben. Colin war unbestechlich und scharfsichtig. Seit er 1907 zum ersten Male mit Eugen Diesel in den Staaten war, ist er dreiunddreißigmal in diesem Kontinent gewesen. Kein Weltmeer, in dem er nicht geschwommen, keine große Stadt der Welt, die er nicht kannte oder in der seine Kinder nicht zur Schule geschickt wurden. Er kannte Tschiangkaischek ebenso wie Thomas Alva Edison, in dessen Haus in Orange er wohnte, wenn er drüben war. Nun sagte er Ribbentrop genau, was er dachte: »Wenn wir den Krieg verlieren – und wir werden ihn verlieren –, wird man uns wie wilde Tiere in Käfigen ausstellen.«

Der deutsche Außenminister war damals ohnmächtig auf das Klessheimer Parkett gestürzt – blitzartig sah er sein unabwendbares Schicksal vor sich –, und das Mittagessen mußte um eine Stunde verschoben werden, aber sonst verschob sich nichts. Colin kam als Geschlagener zurück.

»Kennst du die Geschichte Kassandras?« fragte er mich. »Dieses komische Mädchen, das alles voraussah und dem niemand glaubte? Ich bin so eine moderne Kassandra. Sie halten mich für einen Verrückten oder einen Verräter, weil ich weiß, was kommt, weil unsere Regierung selbst nicht mehr den Mut hat, BBC zu hören.«

Ja, wir waren schlecht informiert. Wenn ich mit der Reichsstatthalterei in Wien telefonierte, wurde das Gespräch oft genug mit dem bekannten Klick unterbrochen.

So torkelten wir hinein in unser Schicksal, blind, arglos, weil unwissend. Das hielt viele von uns am Leben. Die Rossens starben, weil sie zuviel wußten.

Colin Ross (1885–1945), Journalist und berühmter Reiseschriftsteller

Sie hatten im März 1945 beschlossen, zu sterben. Gern wäre ich mitgestorben, aber ich konnte doch nicht alle, die ich liebte, zurücklassen. Meine Kinder waren noch klein, Angelika zwölf, Klaus zehn, Robert sieben und Richard erst drei Jahre alt. Baldur hatte ich seit Monaten nicht gesehen (und ich sah ihn erst wieder als einen anderen Menschen, in amerikanischer Gefangenschaft). Rossens bewohnten damals unser kleines Haus am Walchensee und ich das große, eine Stunde Wegs entfernt, unten im Dorf.

Sie luden mich zu ihrem Abschiedsessen ein.

Ich kam den Hang herunter und sah Frau Ross auf der Terrasse stehen. Sie wußte nicht, daß ich sie beobachtete. Kein anderer Mensch war zu sehen, ein Frühlingsabend des Jahres 1945 ließ keine Zeit zur Naturbewunderung. Da stand sie und sah die Berge an. Sie wartete auf den Mond, der langsam heraufkam. Sie hatte ihm ihr lustiges glänzendes Indianergesicht zugewendet. Ihr massiger Körper steckte in einem prächtigen Kimono, der über und über mit goldenen Drachen bestickt war. (»Wenn wir den Krieg verlieren, werde ich nie wieder ein Korsett tragen.«) An den Füßen hatte sie die indischen Pantoffel, mit denen sie später begraben wurde. Sie verneigte sich vor dem Mond. Das war ihre eigene Art von Religiosität. Sie wünschte sich dabei etwas.

Und ich wußte, was sie sich wünschte. Ein Wunder solle geschehen, irgend etwas, so daß sie nicht sterben müßte, denn sie hatte gar keine Lust dazu. Doch sie liebte Colin mit einer eifersüchtigen Liebe und wollte ihn nicht allein lassen. Auch nicht im Himmel, auch nicht in der Hölle, auch nicht in dem schmalen feuchten Grab, das sie sich beide am Nachmittag gegraben hatten.

Die Stelle war schon lange ausgesucht. Colin hatte geradezu Spaß daran, hier zu liegen. »Nur keinen Grabstein oder ähnliches Zeug, nichts als Hirschgetrappel über mir.«

Einmal hatte Colin schon weiter unten gegraben, näher am Haus, aber das war ihm nicht sicher genug. Schließlich fanden wir einen hübschen Platz und saßen oft dort. Wenn Föhn ist, kann man von dort weit nach Österreich hinein sehen.

Colin schnitt den Blechdeckel der englischen Tabaksdose auf. Nun war die Zeit für den Navy-cut gekommen. Er ließ mich an dem honigsüßen Virginiatabak schnuppern.

»Armes Tier«, sagte er, »ich fürchte, sie werden einiges mit den ›top ranking Nazi women‹ anstellen.«

Er sagte es mit dem Bedauern, das Abreisende für die Zurückbleibenden fühlen; bald würde er mit uns armen Kreaturen nichts mehr gemein haben.

Und nun war es soweit.

Der Mond, oder wer immer damit gemeint war, kümmerte sich nicht um irdische Wünsche.

Wir saßen zum letztenmal in der Stube. Es war kalt, denn das Holz war knapp. Eigentlich fehlte es nicht an Holz, sondern an Männern, es zu sägen.

Wir wickelten uns in die wollenen Burnusse, sie waren weich und weiß, Colin hatte sie aus Algier mitgebracht; er war der letzte gewesen, der mit Laval gesprochen hatte. Mit einem verzweifelten, enttäuschten, weinenden Pierre Laval. Auch der Rotwein und die Ölsardinen waren aus Algier, nun standen sie hier auf dem Tisch.

Rossens große Bauernstube glich einem Antiquitätenladen. Alle Arten von Elefanten waren aufgestellt. Meterhohe aus Majolika, buntbemalte und schwarze aus Ebenholz. Regenmäntel, wie sie der Häuptling eines Negerstammes trug, und Quannons auf Lotosblüten stehend. Eine Sammlung hoher spitzer Hüte hing an der Wand, Teppiche aus der ganzen Welt lagen übereinander, und jeder Stuhl war mit Tigerfellen oder Pantherpfoten behangen. Die Tischglocke hing an einem Elefantenschwanz, und inmitten stand ein mannshoher Korb, indianisch, bunt geflochten, von oben bis unten vollgestopft mit Manuskripten.

»Eigentlich bin ich zu neugierig zum Sterben«, sagte Colin, »ich wüßte zu gern, was in zehn Jahren passiert, gern wüßte ich, wie sich China entwickelt, was aus Indien wird und wie Amerika mit seinem Sieg fertig wird. Vielleicht steckt ein Sinn hinter allem, den ich nicht mehr erkennen kann. Wir sterben, weil wir Fehler gemacht haben, viele Fehler; einer davon ist, daß wir dachten, es gebe nur eine Wahrheit, unsere nationalsozialistische ›Wahrheit‹! Unsinn! Es gibt so viele Wahrheiten wie es Menschen gibt auf der Welt! Jeder Mensch ist eine Wahrheit!«

Ralphs Bild stand zwischen den vielen Fotos auf dem Schreibtisch. Colin hatte sich ehrgeizig bemüht, den siebzehnjährigen Sohn einrücken zu lassen. Nach einem Gefecht in Rußland hatte der Junge im Don gebadet, ein Blitz aus heiterm Himmel erschlug ihn. Erst im nächsten Frühjahr fand man ihn, in einen Eisblock eingefroren, und konnte ihn identifizieren. Colin drehte am Radio. Es kam die Meldung, daß die Amerikaner in München erwartet würden. »Dann werden sie uns also von zwei Seiten erreichen«, sagte er, »gleichzeitig von Tölz über die Jachenau und von Kochel über den Kesselberg. Bisher konnten wir raten: Wer kommt zuerst? Die Russen aus Österreich, die Franzosen vom Rhein, die Amerikaner von der Donau?«

»Weisungsgemäß« waren Panzersperren in unserem Dorf errichtet worden. Ein junger Leutnant schlug vor, das Walchenseewerk zu sprengen, um die imaginäre »Alpenfestung« zu retten. Es hatte unserer ganzen Überredungskunst bedurft, ihn davon abzubringen. Der Kreisleiter von Tölz hatte seine ganze Familie und das eben geborene Kind getötet und sich selbst erhängt, wie Bormann das in seinem letzten Rundschreiben gefordert hatte.

Verwirrung überall …

So schieden wir, Tod und Verhängnis vor Augen. Er brachte mich zu der Kurve, an der vor hundertfünfzig Jahren die Kutsche des Herrn von Goethe gehalten hatte, als er sich auf die italienische Reise begab. Nun sah ich zum letztenmal in Colins kluges Gesicht, das immer ein bißchen chinesisch und arrogant aussah. Er versuchte zu lächeln: »Du verstehst doch, daß wir sterben wollen«, sagte er, »Internierungslager ist kein guter Schluß für ein Reiseleben. Für uns ist der Tod ein neues Abenteuer.« Wie hätte ich ihn zurückhalten können!

Ich lief auf dem krummen alten Fahrweg hinunter zu dem Hause, das noch für wenige Tage mein Haus war. Wenn München brannte, sahen wir den roten Feuerschein. Der nördliche Himmel war beleuchtet und erhellte gespenstisch unsere Gesichter, sooft wir dem furchtbaren Schauspiel zusahen. Aber diese Nacht war dunkel. Nirgends ein Licht.

Wenig später nahmen Rossens das Gift, und da Colin ein so vorsichtiger und gründlicher Mann war, hatte er auch die Pistole bereit und erschoß seine Frau und sich selbst. Kleine Geschenke und Briefe für jeden, dem er Dank schuldete, lagen auf dem Tisch. Zwischen den blühenden Kakteen standen noch die Papiermodelle, mit denen Heisenberg Colin die vierte Dimension erklärt hatte, »wobei mich« – so beschrieb es Colin – »immer ein geheimnisvoller Schauer ergriff«. Auch das Reisezelt, in das man sie wickeln sollte, lag bereit. Einige Soldaten der nahe stationierten Genesendenkompanie begruben sie im Wald, ein Verwundeter sprach ein Gebet. Niemand meldete ihren Tod, denn es gab in diesen Tagen keine Zeitungen, und Tod war keine Sensation. Viel später versuchte ich Blumen auf dem Grab anzusiedeln, aber es mißlang; ein Bronzebussard, den ich daraufstellte und in dessen Flügel ich die Namen meiner Freunde ritzte, etwas mühsam, mit einer Stricknadel, wurde gestohlen, grade als ob Colin es so wollte – nichts als ein schöner Fleck im Wald, um zu schlafen.

Und nun ist es eben das Grab, das mir beim Weggehen Kopfzerbrechen macht. Weiß ich denn, ob der nächste die beiden hier liegenlassen wird, so nah am Haus?

»Der Ofen ist aus«

Im April 1945 verlassen wir unser Haus, den »Aspenstein«, das wie die gelandete Arche Noah oben auf dem Hügel steht, und fahren von Bayern nach Tirol. Alle in einem winzigen Lieferwagen, drei Frauen, fünf Kinder und ein kommendes, das Annemarie, die Frau meines Bruders, in irgendeinem friedlichen Dorf zur Welt bringen will und für das dicke Pakete mit Windeln mitgeführt werden. Annemarie stammt aus Graz, sie war Lehrerin, Führerin von »Glaube und Schönheit«, der Eliteorganisation, Titelbildschönheit, und hatte ein Filmangebot abgelehnt, um meinen Bruder zu heiraten. Die Dritte im Bunde war Ma, die eigentlich Maria hieß, Baldurs Sekretärin und Frau eines Adjutanten, klein und graziös, so daß Bobby sie auf einen Stuhl stellen mußte, wenn er sie küssen wollte, aber aggressiv wie eine Tigerkatze, wenn man beispielsweise an das Safe mit den Akten wollte.

»Der Aspenstein«

Es war nicht so sehr die phantastische Vorstellung der »Alpenfestung«, die uns nach Tirol lockte, sondern das allgemeine Erdbeben war so deutlich zu spüren, daß wir irgendwo zusammen sein wollten, sei es auch nur, um gemeinsam umzukommen.

Für diesen Fall hatten wir eine rote, runde lederne Reiseapotheke mit. Seit Wochen besaß ich, in hellblauer Watte verpackt, einige Ampullen eines sicher wirkenden Giftes. Doch in Wahrheit dachte niemand an den Tod.

Im Gegenteil, ein frühes, fast vergessenes Glück schien wiederzukehren, denn wir wohnten jetzt im gleichen Berggasthof, in den gleichen einfachen hellen Zimmern, in denen wir zwölf Jahre zuvor gelebt hatten, als K. A. Schenzinger den Roman »Der Hitlerjunge Quex« schrieb, und als Hans Steinhoff Baldur das Drehbuch vorlas. Hier schrieb Baldur das Lied »Unsere Fahne flattert uns voran«, auf dem komischen schwarzen Klavier spielte er die Melodie, die nun zu einem Todesmarsch geworden war.

Hier las ich zum erstenmal Stefan Zweig und vergaß ihn nie mehr. Ein Sommergast hatte die Bücher – zu unserer Zeit unerreichbar – liegengelassen. Sogar die Bilder über den Betten waren noch da, die üppige Schönheit mit den dicken kleinen Engeln, die ihr frech das Schleiergewand zu entwinden suchen – der modrige Apfelgeruch in den verschlossenen Zimmern – das abendliche Zirpkonzert, veranstaltet von den Tausenden von Urenkeln jener Grillen, die vor zwölf Jahren uns schon erfreut hatten, damals, als wir – selbstsichere junge Narren – vor dem Haus im Mondlicht gesessen hatten, nicht vom Wein berauscht, sondern von unseren Plänen, unseren Zielen, vom Rauschgift nationaler Eitelkeit.

Nun wußte ich, womit wir den Zorn der Welt heraufgerufen hatten, das Schicksal führte mich mit erstaunlicher Genauigkeit an die Quellen des Unheils – aber es ist boshaft, es zeigt dir deine Fehler und Torheiten, und dann läßt es dich einfach stehen.

Berggasthof Hinterdux bei Kufstein

In Hinterdux: Annemarie Hoffmann (li.) und Henriette mit Heidi (li.) und Richard

Ich stand in der großen Küche, und aus einer Ecke kam Marei, die gleiche Marei, der ich, wenn ich zum Skilaufen ging, ein Bündel gegeben hatte, ein Wollbündel, in dem meine kleine Tochter steckte. Es kam Much, der Bergführer, der noch ein bißchen dürrer und zäher geworden war, »eine Seele von einem Menschen«, wie man in Tirol sagt, und der im nächsten Winter bei einer Rettung aus Bergnot erfrieren sollte, und sie taten, als wären wir lang erwartete Freunde, obwohl wir doch alle wußten, daß unser Aufenthalt hier einem Fluch gleichkam.

Von Baldur hatte ich nichts mehr gehört, Panek hatte mir ein Briefchen gebracht, es begann: »Während ich schreibe, donnern die Kanonen vor Wien«, und es endete mit dem lateinischen Satz: »Fortuna fortes adjuvat.«

Ich klammerte mich daran wie an einen Zauberspruch. Franzl kommt auf Schleichwegen, wir treffen ihn im Wald, und er berichtet vom letzten Telefongespräch, das Baldur mit dem Führerhauptquartier führte. Baldur schilderte die hoffnungslose Situation der Stadt Wien, bat, Hitler möge Wien, der 90 000 Verwundeten wegen, zur »offenen Stadt« erklären lassen. Doch die Antwort, die aus dem Feldtelefon kommt, ist nicht zu fassen: »Da die Lage der Stadt hoffnungslos erscheint, soll Hitlers Sammlung antiker Waffen, die dort lagerte, sofort auf LKW verladen und zum Obersalzberg gebracht werden.«

Das war Hitlers letzte Botschaft an Wien. Baldur warf das Telefon gegen die Wand.

Oberst Handrick (Fünfkampfsieger der Olympiade von 1936 und Jagdfliegerkommandant Wiens) hört das Gespräch mit an, und die beiden Männer brauchen sich nicht zu bestätigen, daß der Oberste Kriegsherr sie ganz einfach im Stich gelassen hat, daß ihm germanische Schwerter wichtiger sind als seine lahm- und blindgeschossenen Soldaten.

Im Frühjahr 1945 war Heldentum zu einem ungefragten Artikel geworden.

Am 1. Mai verkündet der Sender Hamburg Hitlers Tod. Wir sitzen um den kleinen Radioapparat, und niemand sagt ein Wort. Nur Marei weint. Auch Evas Name kommt zum erstenmal über den Sender, als die gespenstische Hochzeit bekannt wird.

Nun muß ich zurückdenken in das Jahr 1931, als Eva, eine niedliche kleine Lehrerstochter aus München, im Fotoladen meines Vaters Rollfilme verkaufte, mit ihrem Dekolleté die Kunden verwirrte und immer ein ausgezeichnetes Pin-up-Girl abgab, wenn sie für Reklamezwecke fotografiert wurde.

Eva Braun (Mitte), damals Lehrling im Atelier Heinrich Hoffmann, mit Henriette und ihrem Bruder Heinrich

Damals besuchten wir unsern ersten Kostümball, wenn man das »Fest der Juryfreien« so nennen kann. Eva ging als »Veilchenbukett«, ihr Kostüm war mit Sträußen bedeckt, und auf ihrem matten blonden Haar saß ein Bündel von hellen und dunklen Veilchen. Sie tanzte gern. Ich war ein Matrose in weißen Seidenhosen und einer ausgeliehenen Mütze mit der Aufschrift »Hindenburg«.

So standen wir beide vor dem hohen goldgerahmten Spiegel, in dem sich in den vielen Jahren die Kunden vor der Aufnahme noch begutachteten. Eva, eben dabei, sich zwei Taschentücher in ihr Dekolleté zu stopfen, um ihre Figur zu verbessern, mit einem Seitenblick auf mich: »Du als Matrose hast das ja nicht nötig.«

Und hier war es, wo sie Herrn Hitler kennenlernte. Herr Hitler, über den die Zeitungen so interessante Dinge berichteten und der oft und gern Karten für Opernvorstellungen verschenkte, der einen schwarzen Mercedes, einen Schäferhund und einen Chauffeur hatte und, wenn er wollte, so reizende Komplimente machen konnte: »Darf ich Sie in die Oper einladen, Fräulein Eva? Sehen Sie, ich bin immer von Männern umgeben, da weiß ich das Glück zu schätzen, mit einer Frau zusammen zu sein.« Na, wer wird da schon widerstehen?

Aber natürlich kann es sich nur um ein bißchen Vogelgezwitscher zwischen Beifallslärm handeln, aber Eva hat Geduld; eine richtige und echte Wahrsagerin hat ihr gesagt, daß sie »einmal weltberühmt« werden wird, lohnt sich’s da nicht, zu warten? Zunächst spielt sich ihr Leben hinter den Kulissen ab, und niemand kann die hübschen Kleider sehen, die sie besitzt, als Hitler an der Macht ist und Eva eine Wohnung auf dem Berghof hat und ein kleines Haus in der Wasserburger Str. 12 in München-Bogenhausen bewohnt. Wird sie zufällig einmal mit Hitler fotografiert, kommt gleich ein Stempel aufs Bild, »Veröffentlichung verboten«, und erscheinen Militärs, Diplomaten oder ausländische Besucher auf dem Obersalzberg, findet das Essen ohne Eva statt.

Nur so ist es zu verstehen, daß die Öffentlichkeit über das Vorhandensein einer späteren Eva Hitler so erstaunt war. Auf keinem Fest der Partei ist sie zu entdecken; als man Emmy Göring in Gefangenschaft nach Eva fragt, sagt sie: »Ich kenne sie nicht« – man hält es für eine Lüge, aber es ist die Wahrheit. Hitler und Göring hatten nichts unternommen, die beiden Frauen miteinander bekanntzumachen.

Zuletzt hatte ich Eva 1943 gesehen, es war längst nicht mehr die Eva, mit der ich an vielen Nachmittagen zum Schwimmen geradelt war. Sie ließ sich Kognak bringen, ihr schwarzer Scotchterrier fuhr dem uniformierten Diener an die hohen Stiefel.

Sie schüttete den Kognak geübt in sich hinein. »Das nimmt die Angst«, sagte sie, »man denkt dann nicht so sehr über alles nach. Auch wenn man sich tötet, sollte man vorher etwas trinken, alles erscheint dann in einem lustigen Nebel.«

Sie hatte vor Jahren schon eine Generalprobe zu ihrem Selbstmord unternommen, eine Narbe zwischen Hals und Schulter erinnerte Hitler daran, daß sie sehr konsequent sein konnte, wenn es darum ging, ihren Willen durchzusetzen. Sie hatte damals den Revolver auf sich gerichtet, als er sie verlassen wollte.

Als der Krieg zu Ende geht, beweist die kleine Person mehr Haltung, als man von einem General erwarten würde. Sie fährt nach Berlin und weiß, daß sie es nicht mehr verlassen wird, sie weiß, daß nun das Stichwort für ihren Auftritt auf der Bühne der Welt gefallen ist. Im letzten Akt einer langen Tragödie läßt der göttliche Stückeschreiber eine Frau auftreten, um das schauerliche Dunkel mit einem kleinen Licht zu erhellen.

Nun also ist Hitler tot, auch Goebbels ist tot, auch Magda und die Schar der kleinen hübschen Mädchen, die, in ihren langen weißen Nachthemden, in Goebbels’ Haus Schwanenwerder immer noch einmal lachend und rufend die Treppe heruntergerannt kamen, wenn sie Gäste hörten – auch sie sind tot.

Und wir leben, doch wissen wir nicht, ob wir darüber froh sein sollen.

Unsere Welt ist untergegangen, »der Ofen ist aus« war das salopp-schaurige Stichwort. Doch wir leben, und es ist der 4. Mai 1945. Das Städtchen Kufstein wird von amerikanischen Truppen eingenommen.

Wir stehen auf einem Bergvorsprung mehrere hundert Meter über der Stadt, wir sehen die Panzer mit den wippenden Antennen und dem weißen Stern von Kiefersfelden her einrücken. Es sieht ganz ungefährlich aus, sie durchbrechen Gartenzäune und walzen Hecken platt, es wird auch gefeuert, aber es klingt wie aus Spielzeugkanonen abgeschossen, und es ist auch nicht weit her damit, denn auf dem Marktplatz stehen schon Leute mit Blumensträußen, die Sieger zu begrüßen, aber die Amis haben wenig Interesse an Blumensträußen.

Und nun muß ich mich auch von meiner Pistole trennen, dem Colt mit dem Zeichen des kleinen springenden Pferdchens auf dem blanken Holz. Ich trage ihn immer bei mir, nun wird er an einer langen Schnur in die Odelgrube hinabgelassen; es ist das so üblich, geht alles gut, kann man ihn doch noch eines Tages herausfischen. Es ging aber gar nicht gut, denn zwei flüchtige Landser, die sich später bei einer Haussuchung in eben dieselbe Grube hinabließen und so hängend warteten, bis wir sie wieder herauszogen, rissen die Schnüre durch, und so versanken noch sieben andere Pistolen, die gleichermaßen abgesichert waren, in metertiefem Schlamm, und da liegen sie heute noch.

An jenem 4. Mai wurden große gelbe Plakate angeschlagen, sie begannen mit: »Ich, Dwight D. Eisenhower« und enthielten so viele Anordnungen, daß sie sich kein Mensch merken konnte.

Am 9. Mai, morgens 0.01 Uhr, ist Waffenruhe. Wie schön das klingt: Es schweigen die Waffen. Die ersten Amerikaner, die in den Berggasthof kommen, tragen ihre Gewehre locker, wie Vogelflinten. Sie haben junge freundliche Gesichter, sie fragen etwas in Englisch, bekommen Rotwein vorgesetzt, trinken, rauchen, schenken den Kindern Kaugummi und legen sich in die Sonne. Die Amerikaner heißen nun einfach Amis – was wohl von Army kommt, und die Deutschen sind mit wenigen Ausnahmen nun Nazis, was von Nationalsozialisten kommt, das für die Amis zu kompliziert auszusprechen ist.

Doch am 11. Mai wird der freundliche Eindruck der Besatzung zunichte gemacht, ein Jeep rast vor die Tür – (»Lady Betty in the Field« – ist mit weißen Buchstaben auf seine Seiten gemalt) –, heraus springen sechs Mann mit bereitgehaltenen Pistolen, treiben uns sofort in die Ecke. Die Frauen in ein Zimmer, die Männer in ein anderes, alle Kinder werden bewacht.