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"Und als Nächstes hole ich dich!" Die vierundzwanzigjährige Diana Schulte ist verzweifelt. Jede Nacht träumt sie, dass jemand sie holen will. Mithilfe von Freundinnen nimmt sie den Kampf gegen den Schattendieb-Dämon aus ihren Träumen auf, der in ihrer Umgebung schon beginnt, die Schatten zu stehlen. In Dianas direktem Umfeld sterben auf einmal Menschen und ihre Leichen verschwinden. Es dauert auch nicht lange, bis die Polizei davon Wind bekommt und so entschließt sich Diana, mit dem Schattendieb zu paktieren. Was anfangs wie ein guter Handel aussieht, verkehrt sich schnell ins Gegenteil. Der Schattendieb verlangt zu viel von Diana. Und am Ende ist es fraglich, ob sie den Kampf gewinnt, oder ob sie auch ihren eigenen Schatten verliert ...
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Seitenzahl: 310
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Kapitel Eins
Kapitel Zwei
Kapitel Drei
Kapitel Vier
Kapitel Fünf
Kapitel Sechs
Kapitel Sieben
Kapitel Acht
Kapitel Neun
Kapitel Zehn
Kapitel Elf
Kapitel Zwölf
Kapitel Dreizehn
Danke
Ich bin alt, schon uralt.
Mein Ursprung liegt so weit zurück, dass ich mich kaum erinnern kann.
Ich hole sie alle, seien sie nun reich oder bettelarm.
Manche haben Angst vor mir, doch die anderen lachen.
Ich suche sie aus, es ist wie ein Spiel.
Heute ist es eine blonde Frau, morgen ein dunkelhaariger Mann.
Sie wissen niemals, wann ich sie aufsuche.
Ahh, ich erinnere mich an ihre Blicke, die großen Augen, die zitternden Mundwinkel.
Doch niemand kann mir entgehen.
Oh, ich lasse ihnen Zeit, sich vorzubereiten.
Ich schicke allen eine Botschaft.
Aber verstehen sie alle?
Nein, sie denken es ist ein Traum und leben weiter wie bisher.
Dabei ist doch alles ganz einfach.
Ob es Tag ist oder Nacht.
Ich finde sie alle.
Niemand kann mir entgehen.
Denn ich bin der Schattendieb.
Und als Nächstes hole ich DICH!
Ich saß kerzengerade im Bett.
Der Schweiß lief in Strömen über meinen Körper.
Schwer atmend setzte ich mich auf die Bettkante und versuchte, meiner Sinne Herr zu werden.
Es war schon wieder passiert.
Das war jetzt schon das dritte Mal diese Woche, dass ich diesen Albtraum hatte.
Immer hörte ich diese Stimme, die Stimme eines Mannes.
Sie klang nicht unangenehm zuerst, sie war dunkel und wohlklingend – nichts, was Angst machen könnte - aber das, was ich hörte, das machte mir Angst.
Ich begann zu zittern.
An Schlaf war diese Nacht nicht mehr zu denken.
Schnell begann ich, überall das Licht anzumachen, so fühlte ich mich einigermaßen sicher. Dann nahm ich eine Dusche.
Es war mir egal, ob man das in dem Mietshaus hören konnte, in dem ich wohnte. Ich hatte immer Rücksicht auf andere genommen, heute konnten sie mal Rücksicht auf mich nehmen.
Danach fühlte ich mich besser.
Ich machte mir Wasser heiß und bereitete mir einen Tee zu. Mit ihm setzte ich mich ins Wohnzimmer und trank in kleinen Schlücken.
Und so saß ich da, bis es Zeit war, mich für die Arbeit fertigzumachen.
„Diana, wie siehst du denn aus?“, fragte mich meine Kollegin Sara, als ich zur Praxis kam.
Wir arbeiteten schon seit vier Jahren zusammen in der Arztpraxis von Dr. Heiner Peters, einem Allgemeinarzt in unser dörflichen Gegend.
Während dieser Zeit hatten wir uns angefreundet, zumal wir beide im gleichen Alter waren, nämlich vierundzwanzig Jahre.
„Sag nur, du hast schon wieder nicht geschlafen“, forschte Sara weiter. „Meinst du nicht, du solltest mal den Doc fragen, ob er dir ein Mittel gibt?“
Ich winkte ab. „Du weißt doch, dass ich so etwas nicht nehme.
Es wird schon gehen. Wenn ich nur wüsste, was dieser Traum zu bedeuten hat, dann wäre mir schon wohler.“
„Wieder das gleiche?“, forschte Sara.
Nickend machte ich mich an die Arbeit. Die ersten Patienten würden gleich kommen und ich musste die Blutentnahmen noch vorbereiten.
Sara holte verschiedene Karteikarten hervor. „Vielleicht kann ich dir helfen. Ich habe eine Freundin, die sich in weißer Magie auskennt...“
„Weiße Magie?“ Erstaunt starrte ich sie an. „Du glaubst doch wohl selber nicht, dass es so etwas gibt!“
„Warum nicht?“, fragte Sara. „Mir hat es jedenfalls geholfen.“
Mit dieser rätselhaften Bemerkung ließ sie mich allein im Labor und ich konnte hören, dass unser Doktor Peters gekommen war.
Wir machten uns an die Arbeit.
Es war sehr ruhig für einen Freitag, aber für ein persönliches Gespräch reichte die Zeit nicht aus.
Ich muss gestehen, es interessierte mich brennend, was Sara gemeint hatte. Vielleicht hatte sie recht und ich musste einfach Hilfe annehmen. Aber Hilfe von einem Menschen, der weiße Magie praktizierte?
Zunächst einmal wusste ich, dass das die „gute“ Magie war, im Gegenteil zu der schwarzen, der „schlechten“ Magie.
Ich wusste es deshalb so genau, weil ich rote Haare hatte und in meinem Heimatdorf schon mal als Hexe verschrien wurde, deswegen war ich auch sehr schnell dort weggezogen.
Meinen eigenen Gedanken nachhängend hatte ich kaum bemerkt, dass ein neuer Patient vor mir stand. Hatte der etwa mit mir gesprochen? Er sah so aus, als warte er auf eine Antwort.
„Entschuldigen Sie bitte“, beeilte ich mich zu sagen, „Was meinten Sie?“
Er lächelte.
Ich registrierte, dass er schwarze Haare hatte, die etwas länger waren als üblich. Außerdem hatte er scharfe Gesichtszüge, die ihn energisch aussehen ließen.
„Ich möchte gern zur Sprechstunde“, meinte er und seine Stimme klang dunkel und angenehm. „Was muss ich tun?“
Diesmal lächelte ich. „Sich anmelden“, gab ich zurück.
„Gern“ nickte er. „Mein Name ist Kai Buht. Ich habe Probleme mit dem Magen...“
Ich nahm diesen Herrn Buht mit zur Anmeldung, erledigte die anliegenden Formalitäten und setzte ihn ins Wartezimmer.
Sara hatte mich aus den Augenwinkel beobachtet und raunte mir zu: „Fesch, fesch - wäre der nichts für dich?“
Ärgerlich starrte ich sie an.
„Na, komm schon!“, meinte sie lachend. „Irgendwann musst du Daniel vergessen!“
Daniel!
Es gab mir immer noch einen Stich ins Herz, wenn ich an ihn denken musste.
Daniel war mein Freund gewesen. Wir kannten uns schon aus dem Sandkasten heraus und als wir beide in diese Stadt gezogen waren, trafen wir uns regelmäßig. Irgendwann waren wir ein Paar und machten schon Pläne für die Hochzeit. Doch dazu konnte es nicht kommen. Daniel gestand mir eine Woche vorher, dass er auf Männer stand und mich nur als Ausrede für die Gesellschaft gebraucht hatte. Er hatte sogar die Frechheit besessen, mir vorzuschlagen, es könne alles so weiter gehen wie bisher, das hätte doch alles prima funktioniert.
Ich schmiss die Hochzeit und Daniel aus der Wohnung.
Seitdem war ich eben Single - und Sara war der Meinung, ich hätte jetzt nur Angst, so etwas könne mir wieder passieren.
Sie versuchte, mich ständig mit irgendwem zu verkuppeln.
Irgendwo hatte sie natürlich recht. Ich wollte einfach keinen Mann wieder so nah an mich heranlassen, dass er mir so weh tat wie Daniel seinerzeit. Aber so langsam ging mir diese Kuppelei ziemlich auf den Keks. Doch wenn ich so nachdachte...
Kai Buht war ein sehr attraktiver Mann - er hatte diesen kleinen Touch von Gefährlichkeit an sich, die schon anmachen konnte.
Alles an ihm war dunkel. Seine Haare, seine Augen, seine Stimme - sogar seine Kleidung.
Ich sagte mir, dass er das komplette Gegenteil von Daniel war und dass ich ihn deswegen wohl als angenehm empfand.
Genau, das war es - und da ich das jetzt wusste, konnte ich damit umgehen.
Herr Buht ging zum Doktor, bekam ein Rezept und war auch schon wieder verschwunden.
Hatte er mir zum Abschied etwa zugeblinzelt?
Ach was...
Gegen zwölf Uhr verliefen sich die Patienten und wir räumten auf und machten Schluss. Der Nachmittag war frei und wir verabschiedeten uns und wünschten noch schönes Wochenende.
„Hast du es dir überlegt?“, fragte mich Sara, als wir zu ihrem Auto gingen.
„Du meinst wegen der weißen Magie?“, forschte ich nach. „Ich weiß nicht...“
Sara zuckte die Schultern. „Maria ist eigentlich ein ganz normaler Mensch. Ich rufe sie mal an und frage sie wegen deinem Traum. Aber es wäre natürlich besser, du würdest selbst mit ihr reden. Hast du Angst vor ihr?“
Trocken schluckte ich. „Ist sie eine Art Hexe - oder was?“
„Keine Ahnung“, meinte meine Freundin. „Ich habe sie auf einem Edelsteinseminar kennengelernt. Sie hat eine Menge Ahnung und folgt ihrem eigenen Weg. Außerdem hat sie immer ein offenes Ohr für die Menschen mit Problemen.“
„Mach mal einen Termin aus!“, meinte ich dann mutig. „Meinst du sie weiß was zu meinen Albträumen?“
Sara nickte aufmunternd. „Wir versuchen es.“
Wir machten aus, dass Sara mit dieser Maria telefonieren wollte, und mir dann Bescheid geben würde, wann wir zusammen zu ihr gehen konnten.
Während Sara in ihr Auto stieg, wollte ich noch etwas einkaufen gehen. Das war nur um die Ecke, das schaffte ich so.
Im Laden war es nicht voll, so dass ich schnell wieder bei meinem Auto war. Ich wollte gerade losfahren, als ich merkte, dass etwas mit meinen Reifen nicht in Ordnung sein musste. Es fühlte sich so rappelig an, als ob ich einen Platten hätte.
Resigniert stieg ich aus.
Richtig, hinten links war platt.
Auch das noch!
Während ich da stand und nachdachte, was als Nächstes zu tun war, hupte es plötzlich neben mir und ein dunkler BMW hielt an.
Langsam ging die Scheibe runter und ich erkannte - Kai Buht!
„Haben Sie Probleme?“, fragte er und sah mich erwartungsvoll an.
„Ja“, nickte ich. „Ich habe einen Platten.“
„Warten Sie!“
Die Scheibe ging wieder hoch und Herr Buht parkte seinen Wagen auf der anderen Straßenseite.
Dann stieg er aus und kam auf mich zu.
Er ging in die Hocke neben meinem Platten und rüttelte am Reifen hin und her, während er ihn kritisch beäugte.
„Tja“, machte er. „Wir brauchen einen Wagenheber, ein Radkreuz und den Ersatzreifen. Machen Sie mal den Kofferraum auf!“
„Ich weiß gar nicht, ob ich das alles habe“, stotterte ich.
Kai Buht starrte in meinen Kofferraum. „Nun ja, einen Ersatzreifen haben Sie schon mal - aber der ist auch platt.“
„Waaas?“, rief ich entsetzt. Dann warf ich auch einen Blick drauf.
Richtig, völlig platt.
„Was mache ich denn jetzt?“, hauchte ich entnervt.
Aber auch dafür hatte Kai Buht eine Idee. „Wenn Sie wollen, rufe ich meinen Freund an, der ist Kfz-Mechaniker. Der könnte Ihr Auto abholen und den Schaden in Ordnung bringen.“
Ich nickte. „Das ist wirklich sehr nett...“
Er lächelte leicht. „Ach was! Dauert nur einen Moment.“
In seiner Jackentasche hatte er ein Mobiltelefon, das er nun hervorholte und bediente. Ich konnte hören, dass sein Freund wohl im Augenblick zu tun hatte, sich aber später gern um das Auto kümmern würde.
Kai Buht legte auf und meinte: „Wir bringen ihm jetzt Ihren Schlüssel vorbei, dann kann er mehr sagen.“
„Danke...“
Wir gingen zu seinem Auto. Er trug meine Einkäufe, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt. Mir kam das auch ganz richtig vor.
„Ich bin Ihnen wirklich dankbar, dass Sie mir helfen“, meinte ich, als wir losfuhren. „Ich glaube, ich habe mich noch gar nicht vorgestellt. Mein Name ist Diana Schulte.“
„Diana“, sagte er sanft und ich könnte schwören, dass er heimlich grinste. „Die Göttin des Waldes?“
Ich wurde rot. “Hmm ja...“, machte ich.
„Das sollte Ihnen nicht peinlich sein“, fand er. „Ich finde, der Name passt zu Ihnen. Sie haben etwas Energisches an sich. So als würden Sie für die Ziele einstehen, die Sie verfolgen.
Außerdem war die Göttin Diana sehr tierlieb.“ Er sagte das so, als hätte er sie persönlich gekannt.
Mir fiel nichts ein, was ich darauf erwidern hätte können.
„Sie können mich Kai nennen“, schlug er dann vor. „Wir sind da.“
Wir hielten an einer kleinen Werkstatt, wo ein junger Mann an einem Golf arbeitete. Er hörte aber gleich auf als er uns sah und kam an Kais Fenster.
„Das ist Diana Schulte“, stellte mich Kai vor. „Ihr Auto steht in der Goethestraße. Diana, gibst du Wolfgang den Schlüssel?“
Ich nestelte den Autoschlüssel von meinem Bund ab und reichte ihn quer durch das Auto.
„Ich habe einen Platten und der Ersatzreifen ist auch kaputt.
Können Sie mal nachsehen?“
Dieser Wolfgang nickte. „Kein Problem! Ich habe einiges hier, das krieg ich schon hin. Was fahren Sie für einen Wagen?“
„Einen roten Fiat“, erklärte ich und gab ihm noch das Nummernschild und meine Telefonnummer.
Wir machten aus, dass er mich anrufen wollte, wenn er fertig sei.
Kai stieg noch aus und ging mit ihm ins Büro, weil er noch etwas Persönliches besprechen wollte.
Als er wiederkam, lächelte er mich an. „Und? Wo darf ich dich jetzt hinbringen?“
Etwas zögernd nannte ich ihm meine Adresse.
„Das ist wirklich nett von dir“, meinte ich nach einer Weile. „Ich hätte jetzt nicht gewusst, wie ich nach Hause kommen sollte.“
„Das ist doch selbstverständlich“, gab Kai zurück. „Dein Glück, dass ich nochmal an der Praxis vorbeigekommen bin.“
Wir waren angekommen. Kai parkte den BMW am Straßenrand.
“Hier wohnst du also?“
Ich nickte. „Möchtest du noch einen Moment mit hochkommen?“
Kai musterte mich mit unergründlichen Augen. „Nein“, meinte er langsam. „Das wäre dir nicht recht. Du bist ja jetzt schon beunruhigt.“
Erstaunt riss ich die Augen auf. „Woher...?“
Jetzt lachte Kai. „Habe ich dir nicht gesagt, dass man in deinen Augen lesen kann wie in einem Buch? Muss ich wohl vergessen haben.“ Er kramte aus seiner Jackentasche einen Visitenkarte und schrieb etwas darauf. „Hier, das ist meine Handynummer.
Wenn du möchtest, kann ich dich zu Wolfgang bringen, wenn er dein Auto fertig hat.“
Ich starrte ihn sprachlos an.
Dann streckte er langsam seine Hand vor und strich mit seinem Zeigefinger ganz sacht über meine Wange.
„Du musst jetzt aussteigen“, flüsterte er. Mit Bedauern zog er die Hand wie in Zeitlupe zurück.
Und ich stieg aus.
Er winkte mir noch zu, dann fuhr er mit quietschenden Reifen davon.
Offensichtlich muss ich dort noch eine ganze Weile gestanden haben, denn auf einmal stand mein Nachbar aus dem unteren Stockwerk vor mir und fragte: „Na, Fräulein Schulte? Haben Sie einen neuen Freund?“
Herr Pingel war ein fünfzigjähriger Mann mit Glatze, der aber so von sich eingenommen war, dass er meinte, alle Frauen würden auf ihn fliegen. Er war mir immer sehr unangenehm.
„Nein, Herr Pingel“, gab ich zurück. „Nur ein guter Bekannter.“
Ich beeilte mich, nach oben zu kommen. Mit Herrn Pingel wollte ich nicht mehr als nötig zu tun haben.
In meiner Wohnung ließ ich mich erst einmal aufs Sofa plumpsen und atmete tief ein.
Das war ja wohl ein Tag gewesen!
Ich war völlig fertig und es war noch nicht mal Abend.
Aufseufzend machte ich mich daran, die Einkäufe zu verstauen.
Dann gab ich meinem Meerschweinchen Nicky sein Fresschen und ließ es laufen.
Ehrlich gesagt fürchtete ich mich schon vor der Nacht. Ich versuchte, mich mit allem Möglichen abzulenken, dabei war ich bis zum Umfallen müde.
Als ich mich auf die Couch legte, muss ich wohl eingeschlafen sein, ohne zu träumen. Ich wachte auf, als das Telefon klingelte.
Es war Sara. „Hör mal“, meinte sie, „ich habe mit Maria gesprochen. Sie hat gesagt, wir sollen sie heute Abend mal besuchen. Was meinst du?“
„Ich weiß nicht recht“, gab ich an. „Eigentlich ist mir das Ganze ein bisschen unheimlich. Was hat diese Maria denn für dich getan?“
Sara lachte. „Das glaubst du doch nicht. Du kennst doch Filippo.“
Filippo war Saras Freund, mit dem sie zusammen lebte. Doch dieser Italiener war einem neuen Flirt nie abgeneigt und deswegen hatte Sara ab und zu Krach mit ihm. Doch in der letzten Zeit war das wohl nicht vorgekommen, wie ich gerade insgeheim bemerkte.
„Sie hat mir ein gutes Mittel genannt, dass Filippo nur Augen für mich hat“, erklärte sie dann und machte eine Atempause. „Es hat gut geholfen.“
Für einen Moment lang hielt ich die Luft an. „Du hast recht. Das glaube ich dir nicht.“
„Denk, was du willst“, riet mir Sara. „Nichtsdestotrotz hat es gewirkt. Soll ich nun Maria zusagen oder nicht? Du weißt, ich denke, sie kann dir helfen.“
„Was muss ich denn wohl bezahlen?“, wollte ich wissen.
„Bezahlen?“ Sara lachte laut. „Maria ist meine Freundin. Da musst du nichts bezahlen. Ganz im Gegenteil. So wie ich sie kenne, bereitet sie gerade irgendwelche Knabbereien vor, die sie uns anbieten kann. Sie hat nämlich gern Besuch.“
„Na gut“, meinte ich versöhnlich und beschloss, mir selbst ein Bild von dieser Maria zu machen. „Aber du musst mich abholen.
Mein Auto ist kaputt.“
Dann erklärte ich schnell, dass ich einen Platten gehabt hatte und mein Auto nun in der Werkstatt wäre.
Kai verschwieg ich in dieser Version der Geschichte.
Ich weiß selbst nicht, warum ich es tat.
Vielleicht hatte ich einfach keine Lust auf Saras Kuppelei.
Sara versprach, mich gegen sieben abzuholen. Ich sollte bis dahin mal versuchen zu schlafen. Das hätte ich auch wirklich gern getan, aber ich hatte zu viel Angst. Also spielte ich mit Nicky und machte ein wenig sauber.
Gegen sieben schellte es und weil es nur Sara sein konnte, lief ich runter. Ich wohnte im obersten Stockwerk und hatte eine Menge Treppen. Aber so blieb man wenigstens im Training.
Sara wartete im Auto.
Wir fuhren in ein kleines Dörfchen im Vorort.
Vor einem kleinen Haus hielten wir an. Es sah gemütlich aus, nicht irgendwie unheimlich oder so. Ich bemerkte, dass im Vorgarten Blumen der Saison standen. Hier kümmerte sich wohl ein Blumenliebhaber um den Garten.
Auf unser Klingeln öffnete eine kleine etwa dreißigjährige Frau mit halblangen, lockig-blonden Haaren. Sie trug eine legere Hose und einen hellgrünen Sweater.
Und sie nahm Sara in den Arm und drückte sie leicht. „Hey Sara!“, lachte sie und es klang wirklich nett. Ihre Augen strahlten Wärme aus. „Wie geht's?“
„Prima“ Sara drückte sie ebenfalls. Dann deutete sie auf mich.
„Das ist Diana.“
Diese Maria blickte mich an. Ihre Augen waren grün - ähnlich so wie meine. Würde die mich jetzt auch umarmen?
Nein, sie tat es nicht. Sie reichte mir die Hand. „Hallo Diana, ich bin Maria - Kommt doch rein!“
Ich sagte ebenfalls artig hallo und ließ mich in das Wohnzimmer führen. Es war klein und heimelig. Im Kaminofen brannte ein lustiges Feuer. Hier sah nichts aus wie in einem Hexenhaus.
Nun ja, in einer Ecke auf einem Sideboard standen Figuren von Frauen herum. Ich konnte eine ägyptische Göttin erkennen.
Maria versorgte uns mit Mineralwasser und setzte sich zu uns.
„Sara hat mir erklärt, du hast ein Problem?“, begann sie. „Kann ich dir irgendwie helfen?“
Ich zuckte etwas hilflos die Schultern. „Vielleicht. Ich habe immer wieder denselben Traum. Das macht mich ganz wahnsinnig. Ich habe schon Angst, schlafen zu gehen...“
Aufmerksam hörte Maria mir zu. „Erzähl mal. Was träumst du denn?“
Aufgeregt räusperte ich mich. „An sich ist es nichts Schlimmes.
Ich höre die Stimme eines Mannes. Er erzählt von sich, wie alt er ist und das er alle Menschen besucht. Und es wird immer gefährlicher, habe ich den Eindruck. Er sagt, es sei ein Spiel und dass die Menschen manchmal Angst vor ihm haben, aber dass er sie alle kriegt. Dann sagt er, dass er der Schattendieb sei und das die nächste, die er holt, ich sein werde. Zum Schluss schreit er fast. Ich wache dann immer schweißgebadet auf und habe eine Heidenangst.“ Nervös nahm ich einen Schluck und knetete meine Hände.
„Hmmm“, machte Maria. „Der Schattendieb?“
Ich nickte.
„Was verbindest du mit dem Wort?“ forschte Maria.
Einen Moment dachte ich nach. Ich wusste nicht, was sie meinte.
Sie wartete noch auf meine Antwort. Als sie nicht kam, erklärte sie: „Was sagt dir der Schattendieb? Wie ist das Gefühl, wenn du das Wort hörst?“
„Ich habe Angst!“, brach es aus mir heraus. „Es macht mir sogar Angst, darüber zu reden.“
Sara strich mir über die Schultern.
„Was macht dir denn so Angst daran?“ wollte Maria wissen.
„Ich will nicht sterben!“, schrie ich völlig außer mir.
Dann war Stille.
Ich war mir selbst nicht sicher, was hier eigentlich vorging, aber mit einem Mal erkannte ich, dass es tatsächlich das war, was mir Angst machte. Mein Traum schien mich vor dem Tod warnen zu wollen.
„Früher dachten die Menschen tatsächlich, dass ihr Schatten ihre Seele enthielte“, klärte uns Maria auf. „Wenn ihr Schatten weg wäre, würden sie sterben. Wusstest du das?“
Benommen schüttelte ich den Kopf.
Sie schaute mir tief in die Augen. „Ich erzähle dir jetzt mal was.
Niemand kann dir deine Seele wegnehmen. Niemand! Hast du verstanden? Keiner! Kein Mensch, kein Zauberer und auch kein Schattendieb-Dämon! Klar? - Es sei denn, du willst es...“
Langsam blickte ich auf. „Was heißt das denn?“
Maria atmete tief ein. „Wenn du dir einredest, der Schattendieb wird dir deinen Schatten stehlen und dann würdest du sterben, wird genau das passieren. Wenn du aber sagst, nein, ich will das nicht, dann kann er dir nichts tun - verstehst du?“
Sara hatte es wohl verstanden. „Diana, hast du in deinem Traum jemals zu dem Mann gesagt, dass er sich zum Teufel scheren soll?“
„Nein“, überlegte ich laut. „Ich war so versteinert vor Angst, dass ich gar nichts getan habe.“
„Na, da haben wir es schon!“, freute sich Maria.
„Ich muss also nur beim nächsten Mal sagen, er soll abhauen?“,
wunderte ich mich.
Maria nickte. „Und du solltest mal nachdenken, weshalb du diesen Traum angezogen hast.“
Wieder zuckte ich verständnislos mit den Schultern.
„Na ja“, meinte Sara dazu. „Du kannst nur etwas anziehen, was du auch aussendest. Wenn du Freundlichkeit aussendest, kommt die auch zu dir zurück. Deswegen kommen auch die bösen Menschen immer in schlechte Situationen.“
Ich dachte mir meinen Teil. Die konnten doch nicht ernsthaft glauben, ich sei lebensmüde. Ausgerechnet jetzt, wo ich den netten Kai Buht kennengelernt hatte.
Ach ja, das wussten die beiden auch noch nicht.
Außerdem konnte ich noch ganz genau sagen, wie sich das weiter entwickeln würde.
Nein, lebensmüde war ich gewiss nicht.
Maria stand auf. „Ich schreibe dir einen weißmagischen Bannspruch auf. Du musst nicht daran glauben, ich sehe schon dein skeptisches Gesicht. Aber wenn du ihn aufsagst, wird er dir helfen.“
Und sie holte einen Zettel und schrieb die Worte: „MENE MENE TEKEL UPHARSIN“ darauf. „Am besten, du lernst ihn auswendig.“
Damit gab sie mir den Zettel.
Ich nahm ihn und legte ihn in meine Tasche. Vielleicht würde ich ihn benutzen, vielleicht auch nicht, ich war mir noch nicht sicher.
Maria schien das zu wissen. Sie blinzelte mir verschwörerisch zu.
Dann wandte sie sich an Sara. „Und wie läuft's bei dir?“
Sara nickte ihr lachend zu. „Super. Bei uns ist alles okay.“
Sie unterhielten sich noch über einige Sachen, die ich nicht so einordnen konnte, auf die ich mich aber auch nicht konzentrierte.
Später brachte ich dann auch was in das Gespräch ein und merkte, dass Maria eine richtig nette Frau war. Man musste sie einfach mögen. Sie war so warmherzig und ich begann, mich richtig wohl zu fühlen.
Als wir uns verabschiedeten, nahm ich sie auch in den Arm.
„Na, hast du dich jetzt getraut?“, fragte sie lächelnd. „Bei deiner Ankunft war dir das nicht so recht, weil du mich wohl für eine Hexe hieltest.“
„Komisch“, wunderte ich mich. „Das ist mir heute schon mal passiert, dass mich einer so durchschaut.“
„Mach dir nichts daraus“, meinte Sara. „Maria hat ein Auge für so etwas.“
Dann gingen wir zum Auto.
Während der ganzen Fahrt lernte ich in Gedanken den Spruch auswendig. Ich hatte mich entschieden, Maria doch zu vertrauen.
Im Moment hatte ich ja auch keinen, der mir einen anderen Rat gegeben hatte.
Zuhause ließ mich Sara raus und meinte, ich könne sie jederzeit anrufen.
Ein wenig beklommen kam ich mir schon vor, als ich in meine Wohnung kam. Aber ich war zum Umfallen müde. Also zog ich mich aus und fiel ins Bett. Und ruck zuck war ich eingeschlafen.
„Ich bin alt, schon uralt.
Mein Ursprung liegt soweit zurück, dass ich mich nicht erinnern kann.
Ich hole sie alle, seien sie nun reich oder bettelarm.
Manche haben Angst vor mir, doch die anderen lachen.
Ich suche sie aus, es ist wie ein Spiel...“
„Neeeeeeeeeeein“, schrie ich im Traum.
Stille!
Es kam mir vor, als ob ich in einem weiten dunklen Raum stehen würde.
Ich atmete schwer.
Doch ich konnte nur meinen eigenen Atem hören.
War ich hier wirklich allein?
„Du willst dich sträuben?“, fragte da die Stimme des Schattendiebes. Sie kam von überall her. Und sie klang ungläubig.
„Ganz genau!“, schrie ich. „Egal wer du bist, du kriegst meinen Schatten nicht!“
Ich konnte ihn lachen hören.
„Du kannst das nicht verhindern“, sagte es aus allen Ecken mit Bedauern.
„Doch!“, brüllte ich. „Das kann ich sehr wohl! MENE MENE TEKEL UPHARSIN!“
Wieder war Stille.
Ich hörte nur den Nachhall meiner Stimme.
War er weg?
Dann lachte er leise.
„Du kannst mich nicht mit diesem Spruch besiegen“, flüsterte er sacht. „Mit keinem.“
Ich fühlte mich so, als ob ich einen Schlag in den Bauch bekommen hätte.
„Weißt du eigentlich, was du gesagt hast?“, tönte es leicht amüsiert. „Du hast mir gesagt, die Tage meiner Herrschaft seien gezählt.“
Eine Weile war es still. Dann hörte ich seine Stimme wieder. Sie war direkt an meinem Ohr. „Ich erkenne es an. Du bist eine würdige Gegnerin, Diana, Göttin des Waldes. Im Moment gebe ich dich frei - aber ich werde wiederkommen. Zuerst hole ich noch einige Schatten aus deiner Umgebung. Sei stark und erwarte mich...“
Langsam wurde ich wach.
Ich atmete schwer, war aber nicht schweißgebadet.
Hatte ich gewonnen?
Nach und nach konnte ich besser atmen.
Ich stand auf und sah auf die Uhr.
Es war noch viel zu früh um aufzustehen, aber ich ging in die Küche und setzte Teewasser auf. Einen kleinen Sieg hatte ich davon getragen. Aber mir war klar, dass noch weitere Kämpfe folgen würden. Jetzt wusste ich jedoch, wie es ging, jetzt würde ich dem Schattendieb alles, was ich hatte, entgegenstellen.
Wie hatte er mich genannt?
Göttin des Waldes?
Ich würde kämpfen - bis zum bitteren Ende, das wusste ich genau.
Hatte man mir nicht noch kürzlich erklärt, die Göttin des Waldes sei sehr eigensinnig gewesen?
Gut! Genau das was ich jetzt brauchte!
Wenn ich schon ihren Namen trug, konnte ich mir ihre Eigenschaften ja auch zunutze machen.
Nicky war durch mein Geklapper aufgewacht und schnupperte herum. Ich nahm meinen Tee mit und warf ihm noch einen Blick zu.
Er hockte jetzt in einer Ecke und bewegte sich nicht. Nun ja, vielleicht war er wieder eingeschlafen.
Am nächsten Morgen erwachte ich auf der Couch, wo ich wohl eingeschlafen war. Es war nach acht und ich hatte traumlos geschlafen. Jetzt kam mir auch alles wieder ins Gedächtnis.
Was hatte der Schattendieb zu mir gesagt?
Er würde mich verschonen - aber dafür Schatten aus meiner Umgebung holen?
Das Triumphgefühl verschwand und stattdessen kam eine kleine Besorgnis hervor.
Wen würde er sich wohl krallen wollen?
Ich beschloss, meine Umgebung gut zu beobachten.
Gähnend ging ich in die Küche, um mir mein Frühstück zu machen.
Nicky saß immer noch in seiner Ecke, er schien zu schlafen.
Nun ja, ich hatte ihn mit meinem nächtlichen Rumgerenne ja auch oft gestört. Sollte er jetzt ruhig mal abhängen.
Nach dem Frühstück zog ich mich an und telefonierte mit Sara.
Sie war gespannt auf meinen Bericht.
„Ich habe ihn laut angeschrien“, meldete ich. „Eigentlich war es voll real, nicht so als wäre es ein Traum. Ich kann mich noch genau an das Gefühl erinnern, was ich in diesem dunklen Raum hatte.“
„Und was hat er zu deinem Bannspruch gesagt?“, wollte sie wissen.
„Das war komisch“, gab ich zu. „Er meinte, ich könne ihn nicht mit irgendwelchen Sprüchen besiegen. Und dann meinte er irgendwie schon fast humorvoll, ob ich eigentlich wüsste, was das hieße.“
Sara grummelte leise in den Hörer. „Und? Was hast du gesagt?“
Ich nahm einen Schluck Kaffee. „Gar nichts, er hat es mir übersetzt. Muss wohl so was heißen wie: seine Herrschaft sei zu Ende oder so...“
Meine Freundin riet mir, doch mal Maria anzurufen, aber ich erklärte ihr, ich wolle erst einmal abwarten.
So verabschiedeten wir uns bis Montag. Ich machte die Musik an und räumte ein wenig auf.
Gegen zehn Uhr schellte mein Telefon. Es war Kai. „Hallo, Diana! Wolfgang hat dein Auto fertig“, meinte er. „Soll ich dich abholen und hinbringen?“
Ich sagte zu und Kai versprach, so gegen elf Uhr bei mir zu sein.
Eigentlich war dieser Kai ein sehr netter Typ.
Ich beschloss, ihn doch zum Essen einzuladen. Vielleicht konnten wir ja auch noch ein wenig Zeit miteinander verbringen.
Kai war der erste Mann, der mich nach Daniel interessierte.
Pünktlich fuhr der schwarze BMW vor und ich eilte runter.
Herr Pingel machte die Tür auf, als ich auf dem Flur war, und ich machte, dass ich weiterkam.
„Hallo, Diana“, sagte Kai und beugte sich vor.
Ich hatte den Eindruck, er wollte mich küssen, aber im letzten Moment räusperte er sich und setzte sich gerade vors Lenkrad.
„Hallo“, grüßte ich zurück. „Das ist echt nett, dass du mich zur Werkstatt fährst.“
Kai winkte ab. Das wäre doch wohl selbstverständlich.
Es war viel Verkehr und so lauschten wir beide nur dem Autoradio, während Kai den BMW mühelos steuerte.
Vor der Werkstatt hielten wir an.
Wolfgang war draußen und als er uns sah, wischte er sich die Hände ab und kam auf uns zu.
„Morgen, Diana, dein Wagen ist da hinten!“ Er wies auf eine Hofecke.
Richtig, da stand mein kleiner Wagen.
„Es war nichts kaputt, nur irgend ein Scherzbold hat dir die Luft raus gelassen“, fuhr er weiter fort. „Dass dein Ersatzreifen auch platt war, war natürlich Pech. Aber den hab ich dir auch wieder aufgepumpt. Müsste jetzt alles wieder in Ordnung sein.“
Ich bedankte mich artig. „Ich bin heilfroh, dass er wieder läuft.
Ohne Auto ist man richtig aufgeschmissen.“ Einen Moment lang machte ich eine Pause. „Sag mal, was bin ich dir denn nun schuldig?“
Für einen winzigen Augenblick warf Wolfgang Kai einen Blick zu, dann schüttelte er den Kopf. „Lass mal. Das ist schon okay.“
Es kam mir so vor, als sei das ein abgekartetes Spiel. „Nein, nein, das geht doch nicht“, widersprach ich. „Du hast doch auch Ausgaben gehabt oder zumindest deine Zeit geopfert.“
„Es reicht mir, wenn du beim nächsten Mal an mich denkst, wenn du etwas am Auto hast, okay?“, wehrte Wolfgang ab. „Und jetzt Schluss!“
Ich konnte reden, wie ich wollte, er wollte einfach nichts nehmen.
Kai legte mir seine Hand auf die Schultern. „Lass es gut sein.Wir sind Freunde, ich mach es mal wieder gut bei ihm.“
Zusammen gingen wir zu meinem Wagen.
Ich wusste nicht, wie ich es sagen sollte, aber irgendwie wollte ich ihn doch einladen.
Mein Hirn war absolut leer.
Verdammt!
„Eh... Kai...“, machte ich und sah ihn an.
Kai sah mich auch an, mit einem innerlichen Grinsen, wie mir schien. Sein Blick war abwartend.
„Sag mal... Was machst du denn so heute Abend?“, stotterte ich.
Er hatte dieses innerliche Grinsen immer noch. „Eigentlich nichts, fernsehen oder so. Wieso?“
Nervös knetete ich meine Hände. „Na ja, du hattest doch so viele Umstände mit mir und deshalb wollte ich dich zum Dank zum Essen einladen...“
So, nun war es raus!
Kai lachte leise und meinte dann: „Wenn du es nicht gesagt hättest, hätte ich es getan. Ich würde mich freuen, den Abend mit dir zu verbringen...“
Und wieder mal wusste ich nichts zu sagen.
„Na komm schon“, machte Kai und schaute mir tief in die Augen.
„Ich habe festgestellt, dass ich dich mag und möchte dich eben näher kennenlernen. Und irgendwie muss das Schicksal uns ja mögen, sonst hätte ich dich nicht getroffen. Ich bin verdammt froh, dass du mich eingeladen hast.“
Langsam fand ich meine Sprache wieder. „Weißt du, ich bin lange nicht ausgegangen...“
„Na und?“ Kai sah das nicht so kompliziert wie ich. „Ich kenne einen tollen Italiener. Wie wäre es: ich bestimme das Lokal und du zahlst? Hört sich das für dich fair an?“
Ich nickte.
„Also, dann hole ich dich um sieben ab“, grinste Kai.
Dann beugte er sich vor und gab mir einen leichten Kuss auf die Wange. Seine Stimme war nur noch ein leises Flüstern. „Bis dann, ich freue mich!“
Sprach's, winkte mir nochmal zu und ging zu seinem Auto.
Einen Moment später stieg ich zitternd in meinen Wagen. Das war mir lange nicht passiert, dass ich wegen eines Mannes weiche Knie bekam. Innerlich war mir immer noch ganz warm.
Aufseufzend startete ich den Motor und fuhr an.
Ach du lieber Himmel!
Ich hatte ja gar nichts anzuziehen für heute Abend!
So schnell ich konnte und es die Straßenverkehrsordnung zuließ, fuhr ich ins Einkaufszentrum und besorgte mir noch einen netten Fummel.
Zuhause angekommen, ging ich erst einmal duschen und versuchte, mich in Form zu bringen.
Ein kurzer Blick auf Nicky zeigte mir, dass er immer noch schlief.
Der arme kleine musste ja wirklich fertig sein.
Gegen halb sieben war ich bereit und ein Nervenbündel.
Das war mein erstes Rendezvous seit fast einem Jahr!
Der Kai war wirklich ein Netter!
Und ich schien ihm auch zu gefallen...
Um viertel vor sieben schellte es.
Ich drückte auf den Summer und hörte, wie Kai durchs Treppenhaus ging. Noch ein letzter Blick in meine Wohnung - ja, sah ganz aufgeräumt aus. Dann stand er an der Tür.
„Hallo“, sagte ich gezwungen ruhig.
„Wow“, machte Kai und starrte mich an. „Du... siehst großartig aus.“
Wie auf Kommando wurde ich rot.
Er räusperte sich und schüttelte den Kopf, um ihn wieder klar zu bekommen. Jetzt war er eben so verlegen wie ich. „Eh... sollte ein Kompliment sein.“
„Danke“, sagte ich schüchtern. „Kann ich zurückgeben.“
Er hatte einen schwarzen Pullover an und eine hellblaue Jeanshose. Das stand ihm wirklich gut.
„Ich bin sofort fertig“, meinte ich dann. „Ich muss nur noch meine Handtasche holen.“
Wo war die denn nur jetzt?
Natürlich in der Küche - ich und meine Tasche!
Kai nickte nur und sah sich um.
„Nette Wohnung“, hörte ich in der Küche.
Ich schnappte schnell meine Tasche und warf noch einen Blick auf Nicky.
Dann stieß ich einen Schrei aus!
Im Nu stand Kai an meiner Seite. „Was ist denn los? Hast du dir wehgetan?“
Ich kniete vor dem Käfig, in dem Nicky auf dem Rücken lag.
„Oh“, machte Kai und schob mich zur Seite, um den Käfig zu öffnen. „Armes Meerschweinchen...“
Nicky war tot.
Kai stupste ihn mit dem Finger an und seufzte dann laut.
Mir liefen die Tränen übers Gesicht.
Langsam nahm mich Kai in die Arme und streichelte mir über den Kopf. „Ach, Diana, das tut mir so leid. Wein dich ruhig aus, wenn du magst.“
Das tat ich auch.
Nicky war ein wichtiger Teil meines Lebens gewesen. Er hatte mir über die Trennung mit Daniel hinweggeholfen.
Und jetzt?
Irgendwann beruhigte ich mich.
Kai drückte mich an sich. „Ich schenke dir ein neues Meerschweinchen, wenn du magst.“
Ich schüttelte den Kopf. „Nein, das geht nicht. Keines würde so sein wie Nicky.“
„Ich verstehe dich“, meinte er. „Ich hatte früher einen Hund, der ist auch gestorben. Da hätte ich auch keinen neuen haben wollen.“
Langsam machte ich mich frei und legte ein großes Geschirrtuch über den Käfig.
Kai streichelte meine Schulter. „Liebes, ich denke, es ist nicht der richtige Zeitpunkt, um auszugehen. Möchtest du, dass ich gehe?“
„Nein!“ Mit einem Ruck drehte ich mich um. Dann schluckte ich trocken. „Bitte nicht. Ich möchte jetzt nicht allein sein.“
„Schon gut.“ Er schob eine Haarsträhne von mir aus dem Gesicht und berührte dabei sanft meine Wange. „Hast du was Alkoholisches im Haus?“
Verneinend schüttelte ich den Kopf.
„Das macht nichts“, meinte Kai. „Ich besorge ganz schnell was von der Tankstelle.“ Er küsste ganz leicht mein Haar und machte sich auf den Weg.
Einen Moment lang stand ich unschlüssig in der Küche.
Nicky...
Mein armes kleines Meerschweinchen...
Langsam hob ich das Tuch nochmal an, um einen letzten Blick auf ihn zu werfen.
Und dann sah ich es!
Es fiel mir direkt ins Auge.
Vielleicht hatte ich es auch schon vorher bemerkt, es mir aber nicht eingestanden.
Nicky hatte keinen Schatten!
Völlig geschockt und wie in Zeitlupe legte ich das Tuch wieder drüber, um es dann erneut hochzuziehen und einen Blick in den Käfig zu werfen.
Nein!
Ich hatte mich nicht getäuscht.
Hastig schaltete ich das Licht an; ich musste mich einfach vergewissern.
Nicky hatte keinen Schatten!
Er hatte einfach keinen Schatten!
Alles in mir stäubte sich, sogar meine Nackenhärchen stellten sich auf. Es war mir, als ob ich den Schattendieb leise lachen hörte.
Bestürzt rannte ich aus der Küche.
Es schellte wieder.
Das musste wohl Kai sein.
Ich stand immer noch an der Tür, als er ankam.
„Du bist noch immer weiß wie eine Wand“, fand Kai, ging in die Küche und holte zwei Gläser.
Dann füllte er eines bis zur Hälfte und gab es mir, indem er mich zur Couch führte. „So, jetzt trink!“
Widerwillig nahm ich einen Schluck und wollte wieder absetzen, doch Kai hielt das Glas fest und drängte: „Mehr!“
Erst als ich ausgetrunken hatte, ließ er los.
Ich hustete und spürte ein Brennen im Hals und im Magen. „Was war denn das für ein Teufelszeug?“, röchelte ich.
Kai goss sich selbst ein wenig ein. „Cognac.“
Er setzte sich aufs Sofa und platzierte mich schräg neben sich, so dass er mich in die Arme nehmen konnte und ich an ihm lehnte.
Langsam nahm er einen Schluck.
Ich rang immer noch nach Atem.
Aber ich konnte immer mehr ein wohliges Gefühl in mir spüren.
Kam das von dem vielen Alkohol?
Oje, wurde ich jetzt betrunken?
Kai drückte meinen Kopf gegen seine Schulter. „Besser?“
„Hmmm“, machte ich.
„Fühlst du dieses leichte Schwindeln im Kopf, das dich zwingt, dich gehenzulassen?“, flüsterte er in mein Ohr und es kitzelte etwas. „Keine Angst, ich tu dir nichts, ich möchte dir nur helfen, es besser zu verarbeiten. Komm schon, merkst du nicht, dass alles schon viel leichter ist?“
Ich schloss meine Augen. Wirklich, ich glaubte, ich würde schweben.
Es war mir so, als ob ich auf einer Wolke sitzen würde.
Glucksend kicherte ich.
„Worüber lachst du?“, fragte Kai sanft.
Wieder kicherte ich. „Oh, ich dachte gerade daran, dass die Situation ganz schön verfänglich ist...“ Meine Stimme gehorchte mir nicht mehr richtig und sie klang irgendwie - lallend?
Kai lachte leise und streichelte meine Wange. „Und? Würdest du dir das wünschen?“
Ich hörte zwar seine Worte, aber sie kamen anscheinend nicht bei meinem Gehirn an.
