Die Traumfänger I - Dante - - Medea Calovini - E-Book

Die Traumfänger I - Dante - E-Book

Medea Calovini

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Beschreibung

Der Student Dante Fischbach hat seit schon seit seiner Kindheit ein Problem: er sieht bei schlafenden Menschen etwas Seltsames, das wie eine Seifenblase aussieht. Allerdings sieht nur er das! So hat seine Mutter ihm verboten, darüber zu reden. Nun trifft er in der Straßenbahn rein zufällig eine Frau, die die Auffälligkeit ebenfalls wahrnehmen kann, und er will mehr wissen. Endlich hält er sich selbst nicht mehr für verrückt! Aber gerade diese Frau greift ihn bei einem erneuten Treffen mit ihrem Schwert an, was ihn beinahe tötet. Danach setzt Dante alles daran, die Frau zu finden, um Rache zu üben. Was er allerdings dann findet, ist für ihn eine neue, durchaus gefährliche Welt - die Welt der Traumfänger, in der es Lichte und Dunkle gibt. Und beide Fraktionen wollen ihm ans Leder! Wie wird sich Dante arrangieren? Und wie passt das in seine eigene, persönliche Situation? Dantes Leben steht Kopf und er muss hart kämpfen, um wieder zu sich selbst zu finden.

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Seitenzahl: 620

Veröffentlichungsjahr: 2018

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in Gedenken an

Bernhard Calovini

(1890 – 1985)

„Hast du es jetzt verstanden? Kämpfen ist das einzige, was dich am Leben halten kann. Und das einzige, was hilft, damit die Welt nicht aus den Fugen gerät. Das allein ist deine Aufgabe... Wenn du nicht kämpfen kannst, lohnt es sich nicht, dich weiter leben zu lassen!“

Gabriel Bergström

„Ich bin ein guter Mensch und trenne immer den Müll...“

Dante Fischbach

„Ist das deine Art, Informationen aus mir herauszubekommen? Ihr sagt doch nicht wirklich „Blase“ dazu, oder?“

Raja Feldmann

„Selbstverständlich habe ich Ehre. Ich definiere sie bloß anders als du...“

Cristobal Da Cruz

Inhaltsverzeichnis

Kapitel Eins

Kapitel Zwei

Kapitel Drei

Kapitel Vier

Kapitel Fünf

Kapitel Sechs

Kapitel Sieben

Kapitel Acht

Kapitel Neun

Kapitel Zehn

Kapitel Elf

Kapitel Zwölf

Kapitel Dreizehn

Kapitel Vierzehn

Kapitel Fünfzehn

Kapitel Sechzehn

Kapitel Siebzehn

Kapitel Achtzehn

Kapitel Neunzehn

Kapitel Zwanzig

Epilog

Eins

„Oh nein, nicht schon wieder“, stöhnte er in sich hinein.

Das musste doch nicht auch noch passieren. Gerade heute, wo schon alles schiefgegangen war, was eben schiefgehen konnte.

Für einen kurzen Moment dachte er an Murphys Gesetz und lächelte kurz.

Oh ja, Murphy hatte recht, und wie.

Dann hatte ihn das reale Leben wieder.

Die Frau neben ihm hustete und schlagartig wurde Dante klar, dass es noch nicht zu spät war.

Er hampelte auf seinem Sitz herum und stieß dabei mit seinem Fuß gegen die seines vor ihm sitzenden Nachbarn, der daraufhin aufschreckte und unwillig grunzte.

Gerade noch geschafft!

Der Tag war wirklich schon blöd angefangen.

Und zwar damit, dass sein Mitbewohner in der WG bis tief in die Nacht gefeiert hatte.

Um viertel vor fünf war er dann in Dantes Zimmer gekommen, nur um ihm mitzuteilen, dass er jetzt wieder solo wäre, denn „Melanie, die dumme Kuh“ hätte sich von ihm getrennt.

Dante hatte nicht begriffen, warum Andreas, eben jener Mitbewohner, das auch noch feiern musste und jetzt auch noch herumheulte, nein, er wusste nur, dass er gleich in ein paar Stunden einen physikalischen Versuch vor Professor Igel hatte.

Und dafür sollte er, Dante, besser topfit sein.

Topfit war etwas anderes, als er endlich nach kurzem Schlummer aufwachte und seinen Wecker beäugte.

Das blöde Ding war offensichtlich nicht in der Lage gewesen, seinen schrillen Weckton zu äußern, oder er hatte es schlichtweg nicht gehört – letztendlich war es schon später, als es sein sollte, und Dante musste sich so was von sputen, um noch rechtzeitig zu kommen.

Dumm war auch noch, dass sein Fahrrad justamente zu diesem Zeitpunkt beschlossen hatte, Vorder- und Hinterrad luftlos zu belassen, also war die Straßenbahn seine letzte Rettung gewesen.

Und so saß er nun hier in eben jener Straßenbahn und seine Pechsträhne ging weiter. Nicht dass er etwas gegen Straßenbahnen gehabt hätte, nein, wirklich nicht. Es war nur so, dass er jede Stelle wie die Pest mied, wo Menschen einschlafen konnten.

Nun war es jetzt auch nicht so, dass der gute Dante etwas gegen Schlaf gehabt hätte – ganz im Gegenteil: er war einem kleinen Schläfchen zwischendurch niemals abgeneigt gewesen.

Nein, er hasste es nur, wenn andere einschliefen.

Ja, er konnte sich noch gut erinnern, wie er das erste Mal mit seinem Freund Thomas bei sich zuhause übernachtet hatte.

Dante konnte im zarten Alter von fünf Jahren nicht begreifen, was da passierte. Ganz ehrlich gesagt konnte er es auch heute, da er 21 Jahre alt war, ebenso wenig begreifen.

Er war voll des Staunens und erzählte erst Thomas, dann seiner Mutter und Thomas' Mutter davon.

Die tätschelten ihm gelinde die Schulter und murmelten etwas wie: „Er hat so viel Phantasie...“

Dass er sich das keinesfalls ausgedacht hatte, schien ihm keiner glauben zu wollen.

Sogar Thomas nicht, der wurde sogar richtig böse, er wollte so etwas auf keinen Fall haben und er, Dante, wäre ja wohl bekloppt.

So lernte Dante schnell, dass er wirklich zu viel Phantasie gehabt haben musste.

Nur als diese blöde Sache immer wieder passierte, wurde ihm langsam klar, dass hier etwas Unheimliches vorging.

Aber das konnte er keinem erzählen, die Leute glaubten ihm ja doch nicht - oder viel schlimmer: sie hielten ihn für verrückt.

Ende vom Lied: Dante mied schlafende Menschen, und zwar so, als ob sie eine ansteckende Krankheit hätten.

Sicherlich, so ganz konnte er die Schlafenden nicht aus seinem Leben eliminieren.

In der Uni schlief schon mal der eine oder andere in der Vorlesung ein, aber Dante schaffte es immer wieder, solche Langweiler zu wecken.

Und zuhause schlief er allein.

Das Desaster mit Thomas war ihm eine Lehre.

Nur ausgerechnet heute, wo schon alles schief gegangen war, da pennte dieser Mensch da vor ihm ein.

Er hatte ihn schon einmal erfolgreich geweckt, doch jetzt sah es so aus, als ob der wieder wegnicken wollte.

Ach, herrje!

Jetzt hatte der seine Füße auch noch unter den Sitz gestellt, so dass Dante nicht daran kam.

Ein Blick nach draußen sagte ihm, dass er noch eine Station sitzenbleiben musste – und der Typ grunzte und pustete - Panik breitete sich in Dante aus.

Er hustete und räusperte sich – doch das half alles nicht; der Mann – und der sah aus, als käme er direkt von der Spät- oder Nachtschicht – schlief jetzt tief und fest.

Ja, jetzt passierte es wieder!

Dante kam es so vor, als ob die Zeit einfrieren würde.

Und aus dem Kopf des schlafenden Mannes löste sich so langsam eine Blase, die in die Luft zu steigen drohte.

Hilflos sah er sich um.

Die Menschen um ihn waren ebenfalls wie eingefroren.

Ihm blieb nichts weiter übrig, als das Geschehen weiter zu verfolgen.

So nah war er noch nie daran gewesen.

Fasziniert beobachtete er, wie die „Blase“ in allen Regenbogenfarben zu schillern begann, immer größer wurde und im Inneren Blitze erzeugte.

Wie in Trance beugte sich Dante vor.

Er musste dieses Teil einfach berühren, er hatte es noch nie berührt. Vielleicht hörte dieses Spektakel auf, wenn er diese Blase berührte.

Seine Hände kamen immer näher...

Sie schienen ihrerseits Blitze auszuströmen, aber er spürte keinen Schmerz.

„Wenn du nicht gleich deine Hände davon nimmst“, hörte er da eine Stimme, „dann schneide ich sie dir ab!“

Mit einem Ruck zog Dante die Hände zurück und drehte sich herum, um herauszufinden, wem die Stimme gehörte.

Neben ihm stand eine junge Frau, die einen langen dunklen Mantel trug.

Das schockte ihn etwas, denn er hatte gedacht, alle um ihn herum seien eingefroren gewesen.

Sie schaute ihn ernst an und machte die eine Seite ihres Mantels auf, wo er ein schlankes Schwert blitzen sah.

Dante konnte die Augen nicht von der Frau nehmen. Und das lag nicht nur daran, dass sie einfach so unter ihrem Mantel ein Schwert trug.

War er in einem schlechten Highlander-Film, getreu nach dem Motto: Es kann nur einen geben? Nein, diese Frau war einfach umwerfend bildhübsch.

Sie hatte lange schwarze Haare, die sie zu einem losen Zopf zusammengebunden hatte, der ihr über den Rücken hing, ihre (zugegeben böse blitzenden) Augen waren von einem intensivem Blau, dass er fast meinte, darin zu ertrinken, und ihre Figur war, um es mit den Worten seines Mitbewohners zu sagen: „Hot, hot, hot!“

Er beobachtete sie, während sie ihrerseits die Blase zu beobachten schien, die sich immer höher treiben ließ, um dann die Straßenbahn durch die Decke zu verlassen.

Im nächsten Moment hatte sich die Frau wieder gesetzt und die Zeit ging weiter.

Der Mann, der geträumt hatte, grunzte und schmatzte, verschluckte sich dann daran und wachte auf.

Dante drehte sich zu der Frau um, die etwa zwei Reihen hinter ihm saß, und schaute sie verwundert an, völlig unfähig, die vielen Fragen zu stellen, die ihm im Kopf herumsprangen.

Eine metallisch klingende Stimme kündigte an, dass die Straßenbahn jetzt gleich an der Unihaltestelle stoppen würde – das war genau dort, wo er aussteigen musste.

Die Frau erhob sich ebenfalls.

Beide verließen die Bahn durch die gleiche Tür.

Als sich das Metallungetüm wieder in Bewegung setzte, griff Dante der Frau, die ihm jetzt erstaunlich klein vorkam, an die Schulter und schaffte es, einen Satz hervorzubringen:

„Entschuldigung, kannst du mal warten, bitte?“

Mit einer Schnelligkeit, die er ihr gar nicht zugetraut hatte, drehte sie sich ihm zu und hatte es sogar geschafft, seine Hand loszuwerden.

Sie blitzte ihn von unten her an und zischte: „Willst du es wirklich darauf ankommen lassen?“ Erst jetzt registrierte er, dass sie noch ziemlich jung sein musste – er schätzte sie auf 17 – und dass sie einen leichten Akzent aufwies.

Entschuldigend hob er beide Hände hoch. „Ich versteh' nicht, was du meinst. Aber ich würde dich gerne mal was fragen.“

„Um Mitternacht am Fluss“, war ihre Antwort und er war sich nicht sicher, dass er es richtig verstanden hatte, denn sie hatte sich schon wieder herumgedreht und war drauf und dran, in der Menge zu verschwinden.

Erst eine Minute später wurde ihm klar, dass er viel zu spät zu der Prüfung kommen würde und er rannte los.

Nur mit Mühe und Not schaffte er es zu seinem Raum, wo der Professor Igel kopfschüttelnd auf seine Uhr tippt und ätzend bemerkte: „Herr Fischbach, alle Augen warten auf Sie!“

Ha, ha! Das war ja ein guter Anfang!

Aber zumindest schien hier keiner zu schlafen.

Knapp eine Stunde später hatte er es geschafft: die Prüfung war perfekt abgeschlossen und sogar Professor Igel war begeistert gewesen, so begeistert, dass er kein Wort mehr über Dantes Zuspätkommen verlor.

Seine Kollegen und Mitprüflinge und er verabredeten sich in der Cafeteria und waren alle in Feierlaune.

„Fischbach, wieso warst du eigentlich so spät?“, wollte Patrick, ein ganz guter Kollege von Dante, wissen.

„Der Prof wollte schon ohne dich anfangen!“, beschwerte sich auch Ingo, ein anderer Mitstudent.

Dante winkte ab. „Ich hatte eine Begegnung in der Straßenbahn!“, ließ er sich dann vernehmen und seine Augen bekamen einen ganz träumerischen Ausdruck. „Da war eine ganz unglaubliche Frau...“

„Du hast uns wegen einer Schnalle versetzt?“, entgegnete Patrick entgeistert.

Auch Ingo war voll des Staunens. „Ich habe dich noch nie mit einem Mädel gesehen...“

Und Kevin, ein dazugekommener Freund von Ingo, meinte: „Ich hab dich für schwul gehalten.“

Entsetzt schnaufte Dante und drohte ihm mit der Faust.

„Na ja“, entschuldigte sich der, „bei dem Namen lag das auf der Hand.“

„Hallo!“, beschwerte sich Dante. „Dante ist in Spanien ein ganz gebräuchlicher Vorname. Und zufällig kommt meine Mutter von dort. Für Fischbach kann ich auch nichts – im Sauerland ist das ebenfalls ein gebräuchlicher Hausname. Und dort wird der auch sofort mit meinem Vater verbunden: Professor Fischbach, der Archäologe! Jetzt komm mir bloß nicht mit schwul!“

„Sorry...“

„Jetzt erzähl doch mal von dem Mädel“, forderte Ingo und gab eine Runde Cappuccino aus. „Wie heißt sie denn?“

Dante zuckte mit den Schultern, bedauernd.

Die anderen stöhnten.

„Du hast sie nicht mal nach ihrem Namen gefragt?“, wollte Kevin wissen. „Hast du wenigstens ihre Handynummer?“

Und als Dante wieder verneinen musste, waren sich alle einig, dass dieses Mädel wohl eine Einbildung von ihrem Mitkollegen sein musste.

„Ich treffe sie heute Abend am Fluss“, teilte Dante den anderen mit. Er sagte extra nichts von dem Zeitpunkt. Und er hätte auch niemals etwas von der „Blase“ erzählt – und nicht davon, dass er die unglaubliche Frau gar nicht angemacht hatte oder ihr Schwert.

„Uiiii“, fand Kevin. „Das hatte ich dir gar nicht zugetraut. Ein Blind Date sozusagen! Obwohl das nicht das richtige Wort ist.

Beschreib sie doch mal!“

„Ach...“ Er überlegte, wie er es am besten rüberbringen konnte.

„Also: sie war irgendwie nicht so groß, etwa so 165 cm, hatte schwarze Haare und blaue Augen – und einen Akzent, ich weiß allerdings nicht woher. Klang aber sexy...“ Er erklärte nicht, was so sexy an ihrem wütenden Zischen gewesen war.

„Wie alt?“, erkundigte sich Ingo.

Wieder Schulterzucken. „Keine Ahnung – vielleicht so 17 oder 18? Jedenfalls hatte sie eine Hammerfigur.“

Die Jungs pfiffen anerkennend.

„Dann wünschen wir dir viel Glück“, meinte Patrick und als sich die Gruppe auflöste, steckte er Dante verschwörerisch ein Kondom zu, was dazu führte, dass Dante seine Cappuccinotasse bezahlen musste, weil diese entzweiging, als er sie nach Patrick warf.

Zuhause erwartete ihn ein schnarchender Mitbewohner, der jetzt wohl seinen Rausch ausschlief.

Dante musste nachdenken.

Es gab eine Menge Möglichkeiten, sich am Fluss zu treffen.

Wo sollte er diese Frau treffen?

Er strich ein paar Gegenden aus seiner imaginären Liste, sie waren zu gefährlich oder in der Nacht ganz einfach nicht so zugänglich.

Obwohl: wenn die Frau ein Schwert mit sich herumtrug – vielleicht zogen sie jetzt gerade diese Stellen an?

Nein, entschied er. Sie wollten ja miteinander reden und nicht einen Schlagabtausch Marke Ritterspiele miteinander führen.

Langsam wurde er ungeduldig.

Heute würde er die Erklärung dafür bekommen, was ihm immer so mit Schlafenden passierte. Und er hatte festgestellt, dass er nicht der einzige war, dem das passierte.

Es schien ihm so, als ob diese Frau eine ganze Menge mehr über dieses Thema wusste als er.

Aber zumindest hatte er nicht mehr das Gefühl, verrückt zu sein.

Wenn doch, dann war diese Frau genau so verrückt.

Und so hatte sie eigentlich nicht gewirkt.

Dante hatte sich auf einen Ort geeinigt, von dem er wusste, dass er nachts selten besucht wurde.

Und er konnte alle anderen Orte gut von dort erreichen, falls sie nicht dort war.

Einen Moment lang war ihm selbst mulmig vor der Situation.

Wenn sie wieder dieses Schwert hatte – und es gegen ihn einsetzen wollte?

Dante schüttelte den Kopf.

Das war es wert, wenn er nur hinter das Geheimnis kam.

Er reparierte sein Fahrrad und setzte sich rechtzeitig aus der WG ab, bevor Andreas oder sein anderer Mitbewohner Timo auf den Gedanken kommen sollten, ihn in Beschlag zu nehmen.

Kurz vor Mitternacht kam er an der Stelle am Fluss an, die er für am geeignetsten hielt.

Unruhig lehnte er das Rad gegen eine Bank und nahm darauf Platz. Ein Glück war das Wetter klar und nicht ganz so kalt, so dass man nicht gerade frieren musste. Aber Dante fror trotzdem – wenn auch nur aus Aufregung.

Er wusste sofort, dass sie jetzt da war, er konnte es direkt fühlen.

Es war, als ob sich die Umgebung veränderte.

Sie betrat die Lichtung und ging direkt auf ihn zu, zog dabei den Mantel aus und ihr Schwert hervor.

Ihr Haar wehte im Wind.

Dante erhob sich und streckte ihr beide Hände entgegen, um zu zeigen, dass er völlig harmlos war.

Kurz vor ihm hielt sie inne. „Wollen wir anfangen?“

Wieder hörte er ihren entzückenden Akzent. Jetzt im Dunkeln kam sie ihm fast ein wenig japanisch vor.

„Ich fürchte, du verstehst etwas anderes darunter als ich“, beeilte er sich zu sagen. „Ich bin unbewaffnet.“

Sie stieß einen unwilligen Laut aus. „Glaubst du, ich töte dich nicht, nur weil du dein Schwert vergessen hast?“, stieß sie wild hervor.

Einen Schritt zurückweichend machte Dante eine beruhigende Handbewegung. „Das meinst du doch nicht ernst. Ich wollte doch nur mit dir reden.“

„Reden?“ Sie drehte das Schwert kunstvoll in ihrer Hand.

„Dunkle wie du wollen nicht einfach nur reden!“

„Dunkle?“

Dante sprang erschreckt zurück, als sie ihn angriff. Gerade noch schaffte er es, nicht von dem im Mondlicht blitzenden Schwert aufgeschlitzt zu werden.

„Jetzt warte doch mal!“, schrie er. „Ich will doch nur wissen, was es mit der Blase auf sich hat!“

Sie sprach kein Wort, schwang nur ihr Schwert und trieb Dante geschickt in eine Baumgruppe.

Je mehr sie ihn attackierte, desto unwiderstehlicher wirkte sie auf ihn, doch ebenso ungleich gefährlicher.

Dann stolperte er und fand sich auf dem feuchten Boden wieder.

Das Schwert war etwa fünf Zentimeter von seiner Kehle entfernt.

Er keuchte.

„Sag mir einen Grund, warum ich dich jetzt nicht töten sollte“,

sagte die Frau leise, und es klang fast traurig.

Das machte Dante Hoffnung. Sie konnte einfach nicht so blutrünstig sein.

„Ich bin ein guter Mensch und trenne immer den Müll...“,

versuchte er es.

Es war das erste, was ihm durch den Kopf ging.

Sie warf ihren Kopf nach hinten und lachte kurz und freudlos auf.

„Dunkle wie du sind niemals gute Menschen!“

Er konnte noch ihre blauen Augen sehen, die wie tiefe Teiche aussahen – zumal Tränen in ihnen schimmerten.

Das war das letzte, was er noch wahrnahm, als die Dunkelheit ihn umschloss.

Für immer, wie es schien...

Zwei

Ein halbes Jahr später...

Dante stieß ein wildes Keuchen von sich und führte den Schlag andeutungsweise aus. Er sollte seinen Partner ja nicht wirklich treffen, sondern nur üben.

„Gut gemacht!“, lobte der Trainer. „Das war prima.“

Dem am Boden Liegenden die Hand reichend half Dante ihm auf. Der andere atmete noch immer schwer, kam aber ohne weitere Schwierigkeiten auf die Füße.

„Du bist so ungeheuer schnell“, keuchte er kopfschüttelnd. „Ich trainiere jetzt schon ein paar Jahre, aber du bist nicht zu toppen.

Wie machst du das?“

Dante zuckte mit den Schultern.

„Ich versuche zu überleben“, dachte er, behielt die Gedanken jedoch für sich.

Der Trainer hieb ihm auf die Schulter. „Das geht auch nur, weil Dante jeden Tag mindestens zwei Stunden trainiert“, erklärte er dem anderen stolz. „Selbstverteidigung lebt von immer wiederkehrenden Trainingsstunden, solltest du dir merken.“

Der andere nickte nur, immer noch außer Atem.

Dante wandte sich ab. Er war fertig für heute.

Mit einem abschließenden Winken begab er sich zur Dusche.

Ja, Dante Fischbach hatte sich verändert.

Und zwar so ungeheuerlich, dass seine früheren Freunde ihn kaum noch wiedererkannten.

Aus dem schlaksigen, jungen Mann war praktisch über Nacht ein durchtrainierter Kämpfer geworden, der nur mit einem unbewegtem Gesicht herumlief, das alle abschreckte.

Nichts war so wie früher.

Er wohnte nicht mehr in der WG.

Nicht, dass seine Mitbewohner ihn rausgeschmissen hätten, nein. Er hatte ganz von alleine gekündigt und sich eine kleine Wohnung gemietet, in einem Mehrfamilienhaus ganz oben.

Es waren eigentlich nur zwei Zimmer mit Bad, aber Dante reichte es.

Und was ihm wichtig war: er kannte keinen aus dem Haus.

In der Uni war er auch nur noch, um zu studieren.

Sobald die Vorlesung zu Ende war, begab sich Dante gleich nach Hause, ohne auch nur irgendjemanden an sich heranzulassen.

Er studierte, trainierte und sprach mit keinem mehr.

Anfangs versuchten die anderen Kumpels von früher noch, mit ihm etwas zu unternehmen – ganz besonders Patrick, der ihn damals im Park gefunden hatte. Bei ihm gab sich Dante dann noch etwas Mühe, freundlich zu sein – schließlich verdankte er ihm sein Leben - aber er wurde immer abweisender, bis auch Patrick sich zurückzog.

Dante lebte praktisch nur noch für ein Ziel: Rache!

Er setzte alles daran, diese Frau zu finden – die Frau, die ihm das angetan hatte!

Nachts durchstreifte er die Stadt nach ihr – sogar tagsüber, wenn er nicht gerade trainierte – und das machte er oft, wenn nicht in dem Sportstudio, dann zuhause.

Doch es nützte alles nichts, diese Frau war unauffindbar.

Es war frustrierend für ihn und das drückte er durch seine unnahbare Miene aus.

An einem besonders warmen Frühlingstag, fast direkt nach einer Vorlesung, lief er dummerweise Professor Igel in die Arme.

„Ach, Herr Fischbach“, sprach der ihn an. „Haben Sie mal ein paar Minuten Zeit für mich? Ich versuche schon seit einigen Wochen, mit Ihnen zu reden.“

Dante stutzte kurz, funkelte den Professor an, nickte dann aber, wenn auch abweisend.

Der Prof geleitete ihn zu dem Raum, den gerade alle Studenten verließen.

„Ich glaube, wir sind hier ungestört“, meinte er nach einer Weile, als aber auch wirklich alle weg waren. Jetzt standen in dem Hörsaal nur Dante und der Prof.

„Wie geht es Ihnen?“, wollte der wissen.

Dante nickte nur kurz. „Danke, gut.“ Er machte eine einladende Handbewegung. „Was wollten Sie mit mir besprechen? Ich habe doch gute Noten bei Ihnen und sogar schon einen Schein. Wo ist also das Problem?“

Der schon ältere, weißhaarige Mann setzte sich kurzerhand auf einen Stuhl, der sonst nur für die Studenten reserviert war, und nickte anerkennend. „Das war aber eine lange Rede für Sie. Ich hatte schon Bedenken, dass Sie Ihre Stimme verloren hätten, da ich sonst nur einsilbige Laute von Ihnen zu hören bekomme.“

Der Sarkasmus prallte an Dante ab, so wie Wasser an einer eingeölten Fliese. Er zuckte nur mit den Schultern und nahm in der Nähe Platz.

„Vielmehr“, fuhr Igel weiter fort, „habe ich den Eindruck, Sie sind nur körperlich hier, geistig dennoch ganz woanders – obwohl Sie überall gute Noten haben und Ihr Pensum ausgezeichnet schaffen. Wie machen Sie das?“

Wieder zuckte Dante nur mit den Schultern.

„Ich wollte hier keinen Monolog führen“, mokierte sich der Prof.

„Sie wollen sich also darüber beschweren, dass ich gute Noten habe, mein Pensum schaffe und mich sonst aus allem heraushalte“, fasste Dante mit plötzlich fester Stimme zusammen. „Ich denke, alle anderen Professoren haben damit kein Problem. Ich glaube fast, so sollte das bei jedem Studenten sein. Ist das nicht der Sinn des Studierens?“

Igel räusperte sich, erschrocken über diesen Ausbruch. „Das ist ja auch richtig“, gab er dann zu. „Aber ich kenne Sie von früher – und da waren Sie ein fröhlicher, netter Junge.“

Die beiden schauten sich an, der eine mit kaltem Blick, der andere mit sorgenvollen Augen.

„Und jetzt bin ich eben erwachsen geworden“, sagte Dante und erhob sich. Jetzt starrte er mit seinen 189 cm auf den Professor hinab, schüchterte ihn damit fast ein und fügte leise hinzu: „Sie können meinem Vater bestellen, ich komme schon zurecht. Ich habe keinerlei Probleme und mir geht es prima. Ihre Sorge weiß ich zu schätzen, aber sie ist unbegründet.“

Damit ließ er seinen Lehrer sitzen, nicht ohne die Tür hinter sich zuzuschlagen.

Draußen prallte er fast mit Patrick zusammen und stieß einen wilden Fluch aus.

„Sorry, Alter!“, rief Patrick und hob die Hände hoch, als hätte Dante ihn mit einer Waffe bedroht.

Wütend knurrte der seinen Kollegen an, bevor er ihn am Schlafittchen packte und mit wegzog.

„Ich hab's nicht mit Absicht gemacht, ehrlich“, beteuerte Patrick im Gehen.

Dante hatte ihn immer noch nicht losgelassen und zerrte ihn immer weiter mit. Bis er ihn schließlich und endlich auf eine Parkbank schleuderte und sich vor ihm aufbaute.

Patrick sackte in sich zusammen.

„Was will dieser Verrückte bloß von mir?“, dachte er bei sich.

„Der kann doch nicht ernsthaft so sauer sein, nur weil ich ihn umgerannt habe.“

„Erzähl alles nochmal ganz genau“, forderte Dante ruhig.

„Du willst das nochmal wissen?“, empörte sich der Angesprochene, gab dann aber nach. „Also, ich wollte unbedingt wissen, was du für ein Mädchen kennengelernt hattest, also hab ich dich auf dem Handy angerufen, während ich im Park am Fluss unterwegs war. Ich hab dich dann wegen des Handyklingelns gefunden, weil du am Boden lagst und nicht ran gingst.“ Er schluckte schwer. „Und außerdem hattest du diesen aufgeschlitzten Bauch. Scheiße Mann! Muss das immer wieder sein! Das war kein schöner Anblick!“

„Schon gut...“ Dante ließ sich neben ihn auf die Bank fallen. „Ich bin dir ja dankbar, dass du gleich einen Notarzt gerufen hast.

Was ich nur nicht verstehe ist, dass du sie nicht gesehen hast.

Der Arzt hat mir immer wieder versichert, dass ich gleich nach der Tat gefunden worden bin und nur deshalb überlebt habe.

Aber dann hättest du sie sehen müssen!“

Patrick senkte den Blick. Er wusste nicht, was er gesehen hatte.

Er hatte niemals auch nur ein Wort darüber verloren, was er gesehen hatte. Außerdem war es ja auch so schnell gegangen...

Langsam hob er den Blick wieder, schuldbewusst – und starrte direkt in Dantes wissende Augen.

Augen, die immer dunkler wurden, wütender.

Mit einem Aufschrei sprang Patrick auf und versuchte wegzukommen.

Aber Dante war schnell – unglaublich schnell sogar.

Er zerrte Patrick am Kragen auf die Bank zurück und schüttelte ihn, so dass das Beben kaum noch aufhörte.

„Sag's mir!“, schrie er. „Sofort!“

„Nein!“, schrie sein Kollege. „Du glaubst mir ja doch nicht!“

Mit einem Ruck ließ Dante ihn los, so dass er auf die Bank plumpste. Müde schüttelte er den Kopf. „Du glaubst gar nicht, was ich alles glauben würde.“

„Engel...“, brachte Patrick nach einiger Zeit hervor.

„Engel?“

„Ja, verflucht! Engel!“, brüllte Patrick dann erbost. „Ich kann auch nichts dafür. So war es nun mal! Ich hab's mir ja nicht ausgesucht!“

Dante setzte an, etwas zu sagen, verstummte aber wieder, was Patrick dazu veranlasste weiter zu brüllen. „Ich wusste, dass du mir nicht glaubst! Das kann man ja auch nicht glauben. Zwei Engel, die mit rasanter Geschwindigkeit neben mir herfliegen.

Ganz genau! Herfliegen! Und das, ohne dass sie Flügel gehabt hätten! Und dann hatten sie noch Schwerter in den Händen!

Verstehst du? Natürlich verstehst du nicht!“

Er wartete gar nicht ab, ob Dante ihn nun verstand oder nicht.

Er verstand sich ja selbst nicht.

Dieses Ereignis hatte er so tief in sich vergraben, wie es nur ging – und trotzdem sah er jede Nacht in seinen Träumen den goldenen Engel, der seinen Finger auf den Mund legte und ihm gebot zu schweigen.

Was würde jetzt passieren, da er das Schweigen gebrochen hatte?

Ach, jetzt war es eh zu spät.

Dante riss ihn aus seinen Gedanken. „Sag mal, Patrick, warum hast du mir das nie erzählt? Du weißt doch genau, dass ich die finden will, die mir das angetan hat. Ich bin für jeden Hinweis dankbar.“

„Engel“, erklärte der nur müde.

„Kannst du sie beschreiben?“, wollte Dante wissen.

Patrick nickte langsam. „Sie waren überirdisch schön. Der eine hatte goldenes Haar und ein helles, fließendes Gewand an. Der weibliche Engel war schwarzhaarig und dunkel gekleidet. Beide hatten Schwerter in den Händen. Ich habe sie nur einen Augenblick gesehen, dann waren sie weg.“

„Woran hast du erkannt, dass sie – du weißt schon – Engel waren...?“

„Sie flogen. Sie flogen neben mir her.“

Für eine Weile saßen die beiden jungen Männer nebeneinander und sagten nichts. Jeder hing seinen eigenen Gedanken nach.

„Die Frau mit den schwarzen Haaren“, begann Dante und schaute Patrick eindringlich an, „die du als weiblichen Engel erkannt haben willst, hatte die einen dunklen Mantel an?“

Patrick überlegte kurz. „Das ist alles so schnell gegangen. Ich glaube, sie hatte so was wie einen Mantel in der Hand. - Ich kann mich nicht so gut an sie erinnern. Mir ist der Erzengel eher aufgefallen.“

„Der Erzengel? Wieso auf einmal Erzengel?“

Wieder überlegte Patrick kurz. „Es war der Erzengel Gabriel. Ich habe ihn schon mal auf einem Gemälde gesehen – in Italien, weißt du?“

Nein, Dante wusste nicht.

„Ich glaube, sie hat ihn sogar bei seinem Namen genannt“,

erinnerte sich Patrick auf einmal. „Deshalb habe ich sie auch gleich als Engel wiedererkannt!“ Aufgebracht starrte er Dante ins Gesicht. „Sie sagte so etwas wie: War das nötig, Gabriel?, aber es klang so verzerrt, schneller als gewöhnlich... Ich kann das schlecht erklären.“ Er machte eine Handbewegung. „Wusch und weg waren sie. Verstehst du mich?“

Es hörte sich blöd an, aber Dante verstand ihn wirklich.

Er beschrieb genau das Gegenteil, was Dante immer passierte, wenn die „Blase“ aus dem Kopf der Schlafenden kam. Dante kam es dann immer so vor, als ob die Zeit eingefroren war.

Und jetzt hörte er von Patrick, dass alles ungeheuer schnell vonstattengegangen war.

Sie konnte sich genauso schnell wie ich bewegen, sinnierte er, als die Sache in der Straßenbahn passierte.

Das bekam so alles einen Sinn.

„Ich glaube dir“, bestätigte er seinem Freund.

„Aber das hört sich alles so bescheuert an – Engel und so weiter...“, gab der zu bedenken.

Dante schüttelte den Kopf. „Nicht für mich. Das einzige, was ich nicht verstehe, ist, was sie zu dem Erzengel gesagt haben soll.

Ich habe nur sie gesehen. Niemanden sonst. Das ist das erste Mal, dass du mir gesagt hast, dass noch jemand dabei war.“

„Tut mir leid“, bedauerte Patrick leise. „Ich habe mich selbst für blöd gehalten. Und ich hatte nicht erwartet, dass du mir glauben würdest.“

Tief holte Dante Luft. Er schaute Patrick tief in die Augen. „Das bleibt unter uns, hast du das verstanden?“

Und Patrick nickte. Erleichtert. Er wollte ja schließlich nicht, dass die Leute ihn für genauso komisch hielten wie Dante.

Der hingegen war weggegangen, ohne sich zu verabschieden.

Er brauchte jetzt viel frische Luft, um klare Gedanken zu bekommen. Außerdem hatte er immer noch eine gehörige Wut in sich, die Art von Wut, die ihn immer noch am Leben gehalten hatte.

War am Ende diese Wut falsch gewesen?

Vielleicht war die Frau gar nicht schuld an seinen Verletzungen gewesen?

Und war es am Ende dieser Erzengel Gabriel, der ihm den Bauch aufgeschlitzt hatte?

Oder wie konnte man das verstehen: War das wirklich nötig, Gabriel?

Gequält strich sich Dante durch seine kastanienbraunen Locken.

Er brauchte einen Platz, um nachzudenken.

Der Stadtpark war da wohl am besten geeignet, obwohl dort heute bestimmt eine Menge Leute den Sonnenschein genießen würden.

Dante suchte sich ein ruhiges Plätzchen zwischen ein paar Bäumen aus, dort ließ er sich nieder.

Er konnte nur auf einer ihm nahen Bank einen Landstreicher sitzen sehen, der ab und an einen tiefen Schluck aus einer Flasche billigen Fusels nahm.

Aber sonst war keine Störung in Sicht.

Das änderte sich schlagartig, als der Penner einschlief.

Innere Unruhe machte sich in Dante breit.

Gleich, gleich würde es wieder passieren!

Jeden Moment konnte sich die „Blase“ aus dem Kopf des armen Menschen lösen.

Atemlos beobachtete Dante, wie sich die Zeit verlangsamte.

Vögel blieben auf der Wiese sitzen, ohne sich augenscheinlich zu bewegen und vor Dante schwebte eine Hummel, die fast auf der Stelle zu bleiben schien. Doch er erkannte, dass sie sich nur minimal fortbewegte. Also blieb die Zeit nicht stehen, sie lief eben nur extrem langsam.

Er hingegen konnte sich so bewegen wie immer.

Und er verfolgte das Schauspiel, das sich ihm da bot.

Die Blase hatte sich fast aus dem Kopf des Penners hinausgewagt. Aber sie war anders als die in der Straßenbahn.

Sie hatte auch Blitze in sich, aber sie war tiefschwarz, schwärzer ging es gar nicht. Hier war nichts zu sehen von Regenbogen oder hellen Farben!

Plötzlich war sie da!

Irgendwie hatte Dante es auch gefühlt.

Es gab ihm einen Stich ins Herz.

Sie war genauso zauberhaft, wie sie ihm in Erinnerung geblieben war.

Ihre Haare wehten sacht und sie bewegte sich anmutig wie eine Ballerina.

Es gab einen lauten Knall, als ihr Schwert die Blase durchschlug und diese zerplatzte.

He, was war das denn jetzt?

In der Straßenbahn war sie doch so darauf erpicht gewesen, dass der Blase nichts passierte - wieso sollte er dort die Finger davon lassen, wenn sie heute die Blase des Stadtstreichers mit so viel Elan zerstörte?

Noch bevor die Zeit wieder normal zu laufen begann, sprang Dante auf und bewegte sich schnell auf die Frau zu.

Und noch bevor diese ihr Schwert zurückstecken konnte, war er auch schon bei ihr angekommen, riss es ihr aus der Hand und zerbrach es über seinem Knie.

Es machte ein hässliches Geräusch, als es in zwei Teile sprang.

Die Frau starrte ihn wild an.

Ihr Mund stand offen, als könne sie es nicht glauben.

Dante griff nach ihrer Kehle und nagelte sie an einen Baum fest.

Sie kämpfte wie ein Tier, aber sie konnte seinem Griff nichts entgegensetzen. Ihre Gegenwehr wurde langsamer und sie holte hörbar schwer Luft.

Er warf einen Blick in ihre (wirklich wunderschönen blauen) Augen und sagte mit eiskalter Stimme: „Und jetzt gib du mir einen guten Grund, warum ich dich nicht töten sollte.“

Sie brachte keinen Ton hervor, das Leben schien aus ihr herauszufließen.

Im letzten Moment ließ Dante los und sie glitt bewusstlos und fast lautlos zu Boden.

Das war knapp gewesen.

Dante hatte gegen seinen inneren Dämon gekämpft und gewonnen.

„Ich habe gar nichts gesehen...“, murmelte der Penner und legte sich auf die Bank. „Gar nichts gesehen...“

Zeit, den nächsten Dämon anzugehen.

Drei

Er saß auf der Anrichte seiner kleinen Küche und mümmelte einen Joghurt. Seine Beine baumelten und er fand Gefallen an der Situation, die sich ihm darbot.

Vor ihm saß die Frau auf seinem Thekenhocker.

Sie war noch nicht wieder bei Bewusstsein und Dante hatte sie mit beiden Händen an der Trapezstange angebunden, die er sich für seine Klimmzügeübungen unter der Deckenwand hatte anbringen lassen. Weil die Frau so klein war, hatte er dem Seil ein wenig Spielraum gelassen, aber nicht genug, als dass sie sich befreien könnte. Wenn sie auf dem Stuhl herumzappelte und dieser umfiel, hing sie wohlweislich in der Luft.

Außerdem hatte er ihren hübschen Mund zugebunden; er wusste ja nicht, in welchem Zustand sie sein würde, wenn sie erwachte – und eine kreischende Frau war das letzte, was er sich gewünscht hatte.

Jetzt hatte er Zeit, sie ausgiebig zu betrachten.

Sie war wirklich eine Schönheit.

Eine ganz gefährliche Schönheit und Dante freute sich schon darauf, den Ausdruck in ihren Augen zu sehen, wenn sie dann endlich wieder aufwachte.

Ihr Hals hatte ein paar blaue Verfärbungen von seinen Händen, aber er fühlte deshalb kein Bedauern. Schließlich hatte sie ihm viel mehr angetan. Und er wusste genau, dass sie vielleicht ein paar Schmerzen haben würde, das alles war aber nichts im Gegenzug zu den Schmerzen, die er hatte aushalten müssen.

Im Moment fühlte er einfach eine perverse Art Gerechtigkeit, dass sie so dasaß und sich nicht rühren konnte.

Er würde Gelegenheit bekommen, Antworten auf alle seine Fragen zu kriegen. Und seine Rache.

Im selben Augenblick begann sie sich zu bewegen: sie schüttelte sacht den Kopf, dann öffnete sie langsam die Augen.

Dante konnte regelrecht sehen, wie es in ihrem Gehirn zu arbeiten anfing und als sie die Situation endlich begriff, weiteten sich die blauen Augen unweigerlich.

Das war genau das, was Dante erwartet hatte und er hatte ein innerliches Laubhüttenfest dabei.

Wie es sein Wunsch gewesen war, zappelte sie herum, bis der Thekenhocker umfiel und sie in der Luft hing.

Ihre Schreie wurden durch das Tuch um ihren Mund gedämpft.

Er beobachtete sie amüsiert, wie sie hilflos hin- und herschwang und sein Gesicht verzog sich zu einem kalten Lächeln.

„Unangenehm?“, fragte er süffisant.

Die Frau warf ihm böse Blicke zu und zischte Verwünschungen hinter dem Knebel aus.

Dante aß seelenruhig seinen Joghurt zu Ende, dann sprang er von der Anrichte und baute sich vor ihr auf.

„Wenn du mal mit dem Gezappel und Geschrei aufhören könntest, würde ich den Stuhl wieder hinstellen, damit das nicht ganz so blöd aussieht“, schlug er vor.

Augenblicklich wurde sie still und bewegte sich nicht mehr, was Dante mit einem Nicken quittierte.

Dann hob er den Thekenhocker auf und platzierte sie so, dass sie bequem darauf sitzen konnte.

„Geht doch“, befand er und setzte sich wieder auf die Anrichte, um sie anzusehen.

Beide ließen sich nicht aus den Augen und jeder wartete, was als Nächstes passieren würde.

Es war an Dante, den nächsten Schritt zu machen, denn sie war ja nicht in der Lage, etwas anderes zu tun, als böse Blicke auf ihren Peiniger zu werfen.

Sein Gesicht war unbeweglich, seine Miene unnahbar, als er schließlich anfing zu reden.

„Inwieweit hast du dich unter Kontrolle?“, wollte er wissen. „Ich wäre bereit, dir das Tuch abzunehmen, möchte es mir aber nicht mit den Nachbarn verderben. Also, wenn du willig bist, mit mir im vernünftigen Ton zu kommunizieren, solltest du jetzt nicken.“

Sie nickte, jedoch etwas zu schnell für seinen Geschmack.

Einen langen Moment ließ er sie noch im Unklaren, was er nun tun wollte, dann kam er auf sie zu.

Doch bevor er ihr das Tuch dann nun wirklich abnahm, näherte er sich ihrem rechten Ohr und flüsterte: „Ich habe keine Hemmungen, dich wieder mundtot zu machen, wenn du es dir anders überlegst. Denn im Gegenteil zu dir habe ich massenhaft Zeit. Wenn du nicht heute mit mir redest, dann morgen...“

Ganz langsam knotete er das Tuch auf und entfernte es von ihrem Mund.

Er legte es auf den Tisch, so dass sie es gut sehen konnte, als stille Mahnung, dass er das, was er ihr angedroht hatte, auch wirklich wahrmachen würde.

Sie holte tief Luft, hustete erbarmungswürdig und schluckte mehrfach – aber sie schrie nicht oder stieß Verwünschungen aus.

Dante stand in gebührendem Abstand mit verschränkten Armen vor ihr und wartete ab.

„Warum tust du das?“, fragte sie nach einer Weile mit rauer Stimme und schaute ihn ruhig an - fast so, als hätte es die wilde Frau mit dem Schwert nie gegeben, so als hätte er sie voll besiegt.

Doch er war sich klar, dass sie sich der Situation anpasste. Jetzt war eben die Zeit für sie, kleine Brötchen zu backen.

„Weil ich Antworten auf meine paar Fragen haben will“, meinte er ernst und setzte sich wieder auf die Anrichte. Das war sein Beobachtungsplatz. Hier hatte er alles gut im Griff.

Sie schüttelte den Kopf und bedauerte leise: „Dann können wir uns das sparen. Ihr Dunklen seid doch genau wie wir dazu erzogen worden, keine Informationen herauszugeben. Warum bringst du mich nicht gleich um? Das wäre besser für uns beide...“

Damit schloss sie die Augen und grenzte ihn aus.

Mit allem hatte Dante gerechnet, aber nicht hiermit. Er war verwirrt. Sie hatte ihn schon mal „Dunkler“ genannt, ihn gefragt, aus welchem Grund sie ihn nicht töten sollte, aber er hatte es ihr niemals zugetraut. Ganz offensichtlich schien sie ihn für jemanden zu halten, der er gar nicht war.

Mit einem Kopfschütteln bekannte er: „Die meiste Zeit verstehe ich nicht, wovon du redest.“

Jetzt öffnete sie die Augen wieder und ein verwunderter Blick traf ihn. „Aber ich drücke mich doch ganz klar aus. Ich habe nie drum herumgeredet.“

„Doch, leider ständig“, entgegnete Dante verbissen. „Ich habe nicht verstanden, warum ich ein „Dunkler“ sein soll, wo deine Haarfarbe doch viel dunkler ist als meine, dann habe ich nicht verstanden, wieso du mich mit einem Schwert angegriffen hast, obwohl ich nur mit dir reden wollte - und ich habe nicht verstanden, warum du mich aufgeschlitzt hast wie einen Truthahn zu Weihnachten!“

Erst war er ruhig geblieben, aber je mehr er gesagt hatte, desto lauter wurde seine Stimme und am Ende atmete er heftig.

Sie starrte ihn an – schuldbewusst? - oder wie konnte er das jetzt deuten. Ach, er wollte es gar nicht deuten, er wollte vielmehr auf etwas einschlagen, damit der innere Schmerz verging.

Aufgebracht nahm er den Joghurtbecher und schleuderte ihn in die Ecke.

Bei dem Geräusch zuckte sie zusammen.

„Das nennst du Müll-Trennen?“, war ihre sarkastische Frage.

Dante hatte sich fast wieder im Griff. „Vorsicht!“, drohte er.

„Treib's nicht zu weit!“

Sie stieß die Luft aus, so als wollte sie sagen: „Was kann mir schon noch passieren...“

„Erklär es mir!“, forderte Dante. „Das bist du mir schuldig!“

Und damit schob er sein Hemd hoch und ließ sie die kreuzförmige Narbe sehen, die seinen gesamten Torso bedeckte.

Wieder schloss sie kurz die Augen, dann nickte sie. „Ich weiß nicht, warum du es hören willst, aber ich bin nun mal einer der Lichten, du einer der Dunklen - und wenn ich dich nicht angegriffen hätte, hättest du es mir angetan. Wir stehen nun mal auf verschiedenen Seiten.“

Sie hatte angegriffen gesagt – nicht getötet, fiel Dante auf. Nun ja, der Tötungsversuch hatte ja nun nicht geklappt, doch sie hatte absichtlich angegriffen gesagt. War das ein Hinweis darauf, dass vielleicht der andere...?

„Ich wollte dich nicht angreifen“, beteuerte er ernst. „Ich wollte doch nur wissen, was das mit der „Blase“ auf sich hatte.“

„Blase?“, wiederholte sie ungläubig.

„Ja, Blase!“, fauchte Dante ungeduldig. „Die in der Straßenbahn!

Die, von der du nicht wolltest, dass ich sie anfasse! Das ist übrigens auch so eine Sache, die ich nicht verstehe. Die in der Straßenbahn sollte ich nicht berühren, aber die von dem Penner hast du zerschlagen. Hat das was mit der Farbe zu tun?“

Wenn es nicht um so etwas Ernstes gegangen wäre, hätte Dante wohl über ihren Gesichtsausdruck gelacht. Der sah aus wie ein Fragezeichen. Ihre schönen blauen Augen waren geweitet und ihr Mund stand etwas offen. Dann änderte sich ihr Blick.

„Ist das deine Art, Informationen aus mir herauszubekommen?“,

witzelte sie. „Ihr sagt doch nicht wirklich Blase dazu oder doch?“

„Was heißt denn „Ihr“?“, brüllte er aufgebracht und stieß sich von der Anrichte ab, bis dass er kurz vor ihr stand. „Ich kenne keinen außer dir, der dieses Ding je gesehen hätte. Die anderen haben mich schlichtweg für bekloppt gehalten. Und da lerne ich endlich mal jemanden kennen, der genau so wie ich ist, und exakt diese Frau will mich umbringen. Was ist das für ein Scheiß, den du erzählst?“

„Hm“, machte sie vorsichtig. „Entschuldige die Frage, aber wo bist du erzogen worden?“

Dante fuhr sich entnervt durch seine Locken. „Was hat das denn jetzt damit zu tun? Willst du mir Vorhaltungen über meine Kinderstube machen? Ich bin nicht derjenige, der schwertschwingend durch die Gegend rennt und Leute aufschlitzt. Wenn du ein Beispiel für schlechte Erziehung suchst, bist du das, nicht ich!“

„Das meinte ich nicht“, verteidigte sie sich. „Welches Kloster, wollte ich wissen!“

„Ich bin nicht religiös!“, brüllte Dante. „Können wir mal zum Thema zurückkommen?“

„Du weißt wirklich gar nicht, wovon ich rede – oder?“, fragte sie schüchtern.

„Na endlich!“, rief er laut aus und reckte erst die Hände, um sie abrupt wieder fallen zu lassen. „Jetzt hast du's!“

„Oh“, machte sie und nickte langsam. „Es hat dir wirklich niemand erklärt, um was es sich bei dieser – wie sagst du so nett – Blase handelt?“

„Niemand jemals!“, bestätigte er wütend. „Das konnte ja auch keiner. Schließlich sah ja nur ich das Scheißding!“

„Oh“, wiederholte sie atemlos. „Und du hattest keinen Ausbilder oder so etwas?“

Dante war kurz davor, den Verstand zu verlieren. „Verdammt, ich bin Student! Wir haben nur Professoren und Hiwis! Was zum Teufel willst du wissen?“

„Ganz ruhig“, versuchte sie ihn wieder herunterzuholen. „Ich will doch nur wissen, warum du durch das Netz geschlüpft bist.

Normalerweise werden wir von Geburt an betreut und sobald wir die „Blasen“ der Menschen sehen können, werden wir in Klöstern erzogen. Bei dir scheint das anders zu sein, hab ich recht?“

Dante ließ sich jedes Wort auf der Zunge zergehen, bevor er wieder das Gespräch aufnahm. Er war sehr genervt und wollte doch eigentlich nur Rache üben. Diese Frau, von der er noch nicht einmal den Namen wusste, sollte dafür büßen, dass er fast umgekommen war. Und jetzt hing sie hier gefesselt in seiner Küche und er hatte fast Mitleid mit ihr, wie sie so dasaß.

Was ihn noch mehr verwirrte war, dass er immer noch etwas für sie empfand. Hätten sie sich auf eine andere Weise kennengelernt, er hätte sie angemacht – ganz ohne Gnade.

Hatte sie „wir“ gesagt?

Er streckte die Hände vor, um das Spiel wieder nach seinen Regeln zu spielen. „Sag mir einfach, warum du mich töten wolltest!“

„Das wollte ich gar nicht“, beteuerte sie und er war sich sicher, sie sprach die Wahrheit. „Aber Gabriel hat... - Oh, Mist!“ Sie biss sich auf die Lippen.

Augenscheinlich hatte sie diesen Gabriel gar nicht erwähnen wollen.

Angstvoll schaute sie Dante an.

Der nickte. „Den goldhaarigen Engel? Von dem habe ich schon gehört“, meinte er dann selbstbewusst.

„Du kannst dich an ihn erinnern?“, fragte sie ungläubig.

„Nicht ich. Aber ein Freund hat mir von ihm erzählt“, erklärte er.

„Soll das eigentlich bedeuten, dass dieser Gabriel mich aufgeschlitzt hat?“

An ihrem Blick konnte er sehen, dass er recht hatte, aber sie bestätigte es weder, noch dementierte sie es.

Dante fiel ein Stein vom Herzen. Für ihn war es ungeheuer wichtig gewesen, dass sie es nicht war, die ihm das angetan hatte. Innerlich hatte er es immer gewusst. Er hatte sie nie für so abgebrüht gehalten.

In ihm breitete sich Ruhe und Kraft aus.

Jetzt konnte er wieder einen Schritt weitergehen.

„Gut, ich fasse mal zusammen: Gabriel hat mich aufgeschlitzt, weil ich auf der anderen Seite stehe und nicht richtig erzogen worden bin. Außerdem sind die Blasen, die ich immer sehe, für euch ganz normal, aber ich darf sie nicht anfassen.“ Er kam ihr etwas näher. „Ganz ehrlich: das klingt alles sehr bescheuert. Ich gehe jetzt mal ins Wohnzimmer und wenn ich wiederkomme, dann solltest du dir eine bessere Geschichte ausgedacht haben!“

Er war schon an der Tür, als sie ihn zurückrief.

„Warte mal! Es wird nicht mehr lange dauern, dann wird Gabriel wissen, dass ich meinen Pflichten nicht nachkomme. Und dann wird er mich suchen!“

Dante drehte sich zu ihr herum. „Ja und? Er weiß doch nicht, dass du bei mir bist. Oder kann der etwa hellsehen?“ Er stutzte für einen Augenblick. „Außerdem klingt das so, als wolltest du mich vor ihm schützen. Das ist wirklich außergewöhnlich!“

Sie schnalzte unwillig mit der Zunge und ihr Akzent kam wieder hervor. „So ungewöhnlich ist das nun auch wieder nicht. Ich will einfach keine Toten, verstehst du?“ Auf ihrem Gesicht machte sich Trauer breit. „Es hat einfach schon zu viele davon gegeben...“ Sie ließ ihren Kopf hängen.

„Phhh!“, machte Dante. „Du hast immerhin zugelassen, dass er mich fast getötet hat!“

Der Giftpfeil hatte sie getroffen. Gequält schloss sie die Augen, um sie dann schnell wieder zu öffnen und sich zu ihm hinzudrehen. „Du verstehst die Kernaussage nicht! Er wird mich suchen! Und er findet immer alles und jeden!“

„Wieso?“, gab Dante biestig zurück. „Hast du vielleicht einen Peilsender an dir?“

„Nicht ich, aber mein Schwert!“, rief sie entnervt.

Dante lachte kurz auf. „Ich hab es zerbrochen, erinnerst du dich nicht? Das liegt immer noch im Stadtpark neben dem Penner.

Wenn du mir Angst machen wolltest, hat das nicht geklappt.“

Damit verließ er die Küche.

Lange hielt er das nicht mehr durch, soviel war sicher.

Die ganze Zeit nach seinem Unfall hatte er sich immer ausgemalt, wie es ihn befriedigte, die Frau leiden zu sehen.

Und jetzt hing sie mehr oder weniger in seiner Küche.

Aber sie litt nicht – jedenfalls nicht viel.

Doch er litt.

Eigentlich wollte er nichts lieber tun, als diese blöden Fesseln zu zerschneiden und sich mit ihr aufs Sofa setzen, um zu reden.

Nur davor hatte er Angst.

Er hatte jetzt so lange nach dieser Frau gesucht, was wenn sie, nachdem er sie befreit hatte, einfach die Beine in die Hand nahm und auf Nimmerwiedersehen verschwand?

Die Story, die sie ihm aufgetischt hatte, bekam er allein nicht zusammen. Da brauchte er noch etwas Hilfe.

Dieser Gabriel, den Patrick als Erzengel identifiziert hatte, war ihm ganz suspekt. Ganz offensichtlich war der der Gewalttätigere des Duos.

Und weshalb?

Weil er, Dante, auf der falschen Seite stand?

Was für eine Seite im Übrigen?

Lichte und Dunkle?

Ja, Lichte und Dunkle was?

An der Haarfarbe konnte das also nicht liegen, so viel war klar.

Da hatte er sich ganz schön blamiert.

„Hallo?“, hörte er aus der Küche und erhob sich. „Hallo, du!

Kannst du mal kommen?“

Dante setzte sich in Bewegung. Im Türrahmen blieb er stehen.

Sie holte tief Luft und was sie dann sagte, klang wirklich eindringlich. „Hör mal, wie auch immer du heißt. Ich habe nachgedacht. Wenn du wirklich nichts mit der Sache zu tun hast, dann ist es besser für dich, du lässt mich jetzt ganz schnell frei.

Und das meine ich ernst. Du bist nämlich in Gefahr.“

„Dante“, belehrte er sie. „Warum sollte ich in Gefahr sein? Du hast eben zugegeben, dass dein Kumpel Gabriel nicht hellsehen kann. Wo ist also jetzt das Problem?“

Sie stieß die Luft aus und zappelte etwas herum. „Er muss nicht hellsehen können. Wenn er mein Schwert findet, wird er wissen, dass ich in Schwierigkeiten bin. Und dann kann er einen Weisen bitten, herauszufinden, wo ich bin!“

„Einen Weisen“, nickte Dante, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt.

„Aber das braucht er nicht mal“, meinte sie dann leise und es klang gequält. „Mein Handy hat GPS.“

„Scheiße!“, fluchte er verhalten.

Er wusste genau, dass die Polizei Handys orten konnte, wenn sie eingeschaltet waren und zwar eben über dieses vermaledeite GPS.

Schnell bewegte er sich auf sie zu und fummelte an ihren Hosentaschen herum, bis er das Handy gefunden hatte, um dann wie verrückt den Ausschalteknopf zu drücken.

Endlich erlosch das Licht, nicht, ohne dass das Mobiltelefon nett Tschüss gesagt hätte.

„Phuuu...“, stieß er dann erleichtert die Luft aus. „Das war gerade noch in time.“

Ihr Gesicht drückte etwas ganz anderes aus. „Da ist immer noch die Sache mit dem Weisen.“

„Klar“, meinte Dante sarkastisch. „Wir haben ja alle unsere Weisen, die wir anrufen, damit sie uns weiterhelfen. Mein Vater nennt sie allerdings Börsenmakler.“

Sie verdrehte die Augen und ließ den Kopf sinken. Als sie ihn erneut ansah, hatte sie sich wieder völlig im Griff. „Pass auf, Dante. Du hast genau zwei Möglichkeiten. Erstens, du gehörst zu meinen Gegnern, dann musst du mich töten, bevor man dich findet. Oder zweitens: du weißt gar nicht, was hier vor sich geht, willst aber Rache nehmen. Das Ergebnis ist allerdings das gleiche: du musst mich töten, damit du am Leben bleibst. Und bei beiden Möglichkeiten hast du nicht gerade viel Zeit. Also: warum machst du es denn nicht?“

„Weil ich im Gegensatz zu euch nicht eben blutrünstig bin“,

setzte Dante dagegen. „Liegt dir eigentlich so gar nichts an deinem Leben, dass du mich ständig bittest, dich doch endlich umzubringen?“

„Ach“, stieß sie unwillig hervor. „Erzähl mir doch nichts! Du hast mich versucht zu erwürgen und für mich sah das genau danach aus, mich umzubringen. Ich nehme dir das nicht mal übel!

Schließlich haben wir dich auch nicht anders behandelt.“

Sie machte eine kleine Pause, atmete noch mal konzentriert ein und aus. „Wenn du mich wirklich nicht töten willst, dann bitte ich dich“, sie schaute ihn eindringlich an, ihre Augen schienen von innen heraus zu glühen, „dann flehe ich dich an, mach mich los und lass mich gehen! Und wenn du das nicht für mich tun willst, glaub mir wenigstens, dass ich versuche, dich damit zu schützen.“

Dante schüttelte den Kopf und fuhr sich mit der Hand ein paarmal durch die halblangen Locken. „Das kann ich nicht...

noch nicht!“

„Du verfluchter Idiot!“, schrie sie wütend. „Du weißt doch gar nicht, was du da tust! Gabriel hält dich für tot! Was, glaubst du, tut er, wenn er mich hier in dieser Situation findet – und du lebst noch! Er hat dich schon mal ausschalten wollen! Benutz' doch einmal deinen Kopf!“

Sie hatte sich in Rage geredet und war wieder auf dem Thekenhocker umher gezappelt.

Und so war der wieder umgefallen und sie hing erneut in der Luft.

Dante bewegte sich zu ihr hin, wollte den Stuhl wieder aufheben – und erstarrte.

Sie hatte die Beine um seine Hüften gelegt und ließ ihn nicht mehr frei.

Beide befanden sich in Augenhöhe.

„Das war jetzt keine gute Idee...“, krächzte er leise und heiser.

Schließlich war er auch nur ein Mann.

„Lass mich gehen“, forderte sie leise und eindringlich.

Dante schloss die Augen und bekämpfte wieder einen inneren Dämon. Er schluckte und öffnete sie wieder. „Ich brauche Sicherheiten“, sagte er dann mit erstaunlich fester Stimme.

Sie nickte. „Bekommst du. Das bin ich dir schuldig.“

Mit einem gezielten Griff beförderte Dante ein großes Küchenmesser aus einer Schublade hervor und schnitt die Schnüre durch, ohne die Frau aus den Augen zu lassen.

Ihre Arme fielen nach unten, landeten auf seinen Schultern und ganz langsam glitt sie an seinem Körper entlang auf den Boden.

Es war das Aufregendste, was er je erlebt hatte.

Mit einem kleinen Keuchen brachte er Platz zwischen sie und sich.

Offenbar war dieses Zwischenspiel auch nicht spurlos an ihr vorbeigegangen, denn sie musste sich ebenfalls sammeln.

Er sah sie aufgeregt schlucken, dann nestelte sie an ihrer Halskette herum, bis sie den Verschluss gelöst hatte.

Es war eine sehr schöne Halskette, aus schwerem Silber mit einem großen Steinanhänger – einem weißlichen, nebligen Stein.

Nun hielt sie ihm die Kette entgegen. „Ich habe das Amulett von meiner Mutter bekommen, als ich ins Kloster kam. Dieser Mondstein bedeutet mir unglaublich viel. Du kannst sicher sein, dass ich zurückkommen werde, um ihn wieder zu bekommen.

Bitte!“

Dante wusste ganz einfach, dass es für sie ungeheuer schwer gewesen war, diese Zugeständnisse zu machen. Er nahm die Kette in die Hand. Sie war noch warm von ihrem Körper.

„Gib mir noch deine Geldbörse“, forderte er dann. „Mit allen deinen Papieren.“

Mit kurzem Zögern griff sie in ihre Hosentasche und beförderte ein Portemonnaie hervor, das sie ihm wortlos gab.

„Ich muss jetzt gehen“, meinte sie dann tonlos und etwas wie Panik machte sich in ihrem Gesicht breit.

Er nickte und wies auf die Tür.

Sekunden später war sie fort.

Immer noch konnte er es nicht fassen, was er getan hatte.

Er hatte diese Frau gehen lassen, ohne Informationen bekommen zu haben, die ihm irgendwie hätten helfen können.

Und schon wieder hatte er nicht nach ihrem Namen oder ihrer Handynummer gefragt.

Aber dafür hatte er eine Kette mit einem Mondstein bekommen und die Geldbörse samt Papiere.

Obwohl er sich etwas komisch dabei vorkam, ging er ins Wohnzimmer und klappte das Portemonnaie auf. Innen fand er einen Personalausweis.

Aha: sie hieß also Raja. Raja Feldmann.

Jetzt musste er ein wenig grinsen. Das klang ja fast wie bei ihm: ausländischer Vorname bei gewöhnlichem deutschen Zunamen.

Aber aus welchem Land stammte wohl Raja?

Na ja, das konnte man ja auch später fragen.

Weiter: Raja war also schon 18 Jahre alt. Wie gut, so hatte er sich wenigstens nicht an einer Minderjährigen vergriffen – oder die sich an ihm...

Sie wohnte ganz in seiner Nähe, warum hatte er sie nicht schon vorher getroffen?

Der Ausweis warf nichts mehr ab, also schaute er sich den Führerschein an, fand aber nichts Neues.

Im Mittelteil fand er ein paar Euroscheine, so insgesamt 40 Euro, und in einem anderen Fach befanden sich die Münzen.

Dann fand er noch eine EC-Karte, die er sofort wieder zurück steckte, und das Foto einer älteren Frau, die Raja ziemlich ähnlich sah. Das musste wohl die Mutter sein.

Sie hatte einen roten Punkt auf der Stirn, woraus er schloss, dass diese Dame wohl Inderin war.

Aber es gab kein weiteres Foto, z. B. von Herrn Feldmann.

Dante legte die Börse zu dem Handy, das Raja vergessen hatte, und legte die Kette um.

Er sagte sich, dass er sie so auf keinen Fall verlieren konnte.

Dann musste er unbedingt einen klaren Kopf bekommen, was bedeutete, dass er trainieren ging.

Vier

„Wo zum Teufel bist du gewesen?“, brüllte Gabriel los, als Raja eintraf.

Er befand sich in Gegenwart des Weisen Alexanders.

Bevor Raja also antwortete, nickte sie dem Weisen als Zeichen des Respekts zu.

Allerdings ließ Gabriel sie nicht zu Wort kommen.

„Weißt du eigentlich, was für Sorgen ich mir gemacht habe, als ich dein Schwert zerbrochen vorfand?“, schrie er aufgebracht und der Ausdruck des Zorns auf seinem engelsgleichen Gesicht war widersprüchlich. „Warum ist dein Handy aus? Ich musste erst den Weisen bemühen! - Und kaum, dass er endlich hier ist, tauchst du auf! Ich erwarte eine Erklärung!“

„Es tut mir sehr leid“, beeilte sich die Gescholtene zu sagen und schlug die Augen nieder. „Ich habe mein Schwert zerbrochen, als ich von einem Dunklen angegriffen wurde.“

„Agggrrr!“, stieß Gabriel hervor und fuchtelte wild mit den Armen in der Luft herum. Er war wirklich außer Rand und Band. „Wie kommst du immer in solche Situationen? Kannst du das erklären?“

Sie schüttelte den Kopf und wagte nicht, den Blick zu heben.

„Kanntest du den Dunklen?“, wollte der Weise wissen und er sprach ganz ruhig.

Erneut schüttelte Raja den Kopf, sah auch den Weisen nicht an.

„Und?“, wollte der Engelsgleiche wissen. „Wie bist du ihm entkommen?“

Jetzt war sie wirklich in der Klemme. Wenn sie zu viel lügen würde, müsste das der Weise bemerken und dann war Dante erst recht in Gefahr. Sie schluckte.

„Ich konnte ihn abhängen...“, sagte sie dann leise.

Gabriel grapschte nach ihren Schultern und hielt sie fest. Seine Stimme war heiser, aber man konnte die unterdrückte Wut leicht heraushören. „Du bist einem Kampf aus dem Weg gegangen?“

Und als Raja nickte, begann er sie zu schütteln, so dass ihr Kopf hin- und herflog.

Der Weise bremste ihn, indem er ihn kurz berührte. Für Gabriel war das so, als ob er einen elektrischen Schlag bekommen hätte.

Raja schwankte, als er sie abrupt losließ, und der Weise bot ihr die Hand als Unterstützung.

Entgeistert starrte Gabriel beide an. Dann drehte er sich herum und ging.

Verständnislos starrten sie ihm hinterher.

„Für ihn ist das eine Respektlosigkeit“, erklärte ihr Alexander.

„Und dann habe ich mich auch noch auf deine Seite gestellt. Das verletzt ihn.“

Sie nickte ihm dankend zu, immer bemüht, ihm nicht in die Augen zu blicken. Es machte ihr schon etwas aus, den Weisen so zu behandeln, denn sie mochte ihn wirklich.

Und eigentlich hatte sie auch den Eindruck, dass der Weise sie ebenfalls mochte.

Er hatte hellblondes, schon fast weißes Haar und war von schlanker Gestalt. Seine hellen blauen Augen schauten immer gütig und er lachte viel. Das war nicht bei allen Weisen so.

„Ich suche ihn und entschuldige mich“, meinte Raja und schickte sich an, hinter Gabriel herzueilen.

„Warte!“ Der Weise hielt sie am Arm fest. Er schüttelte den Kopf.

„Das ist keine gute Idee. Lass dir lieber ein neues Schwert aushändigen und geh üben. Wenn er dich dann später sieht, wird er dir schneller verzeihen und es dir hoch anrechnen, dass du nach deinen negativen Erfahrungen so schnell wieder trainierst.“ Für einen Moment lang schloss er die Augen und grinste dann, als er sie wieder öffnete.

Was hatte denn das wieder zu bedeuten?

Fragend schaute ihn Raja an.

Doch der Weise machte ihr ein Zeichen zu gehen und sie wollte nicht noch mehr von sich preisgeben. Also verschwand sie schnell.

Frisch geduscht und ausgepowert kam Dante nach Hause und warf seine Tasche im Schlafzimmer in die Ecke.

Er fühlte sich wieder ausgeglichener.

Das Training sorgte immer für einen klaren Kopf.

In der Küche fand er erneut das Handy und die Geldbörse Rajas.

Wann würde sie wohl wieder zurückkommen?

Anscheinend hatte sie es geschafft, diesen Gabriel zurückzupfeifen, sonst hätte der sicherlich schon bei ihm auf der Matte gestanden.

Es war mittlerweile nach 21.00 Uhr und Dante bestellte sich eine Pizza.

Heute würde wohl nichts mehr passieren.

Er stellte den Fernseher an, zappte sich durch die Programme und wartete auf sein Essen.

Als es dann endlich schellte, schnappte er sich das Geld und öffnete.

Aber dort stand nicht Pedro, der Pizzabote, sondern Raja!

Sie standen voreinander und schauten sich nur an.

„Hallo...“, sagte Raja schüchtern.

„Hallo...“, echote Dante. Dann fing er sich. „Komm doch bitte rein.“

Sie lächelte und schlüpfte an ihm vorbei.

Er roch den Duft ihres noch feuchten Haares und ihm fiel auf, dass sie sich umgezogen hatte. Vorher hatte sie eine schwarze Jeans getragen mit einem dunklen Top und einer Bluse, jetzt trug sie eine hellere Hose und einen blauen Sweater.

Es war wie Hypnose: er konnte nicht den Blick von ihr lassen.

„Guten Abend!“, sagte da jemand hinter ihm. Der Geruch verriet ihn. Dante wusste schon, bevor er sich umdrehte, dass es Pizzamann Pedro war.

Da das Geld schon abgezählt war, dauerte es nicht lange, bis Dante mit der Pizza im Wohnzimmer landete, wo Raja auf dem Sofa saß.

„Hoffentlich magst du Thunfischpizza“, meinte er und legte die geachtelte Mafiatorte auf einen Servierteller. Dann gab er ihr eine Serviette.

„Hmmm“, schnupperte sie und nahm sich gleich ein Achtel.

„Gute Idee! Ich hatte das Abendessen schon abgeschrieben.“

Beide aßen mit Genuss.

„Ist alles glatt gelaufen bei dir?“, wollte Dante dann wissen.

Raja nickte. „Gabriel hatte zwar schon einen Weisen bemüht, aber glücklicherweise hatte der mich noch nicht geortet.“

Dante schüttelte den Kopf. „Was ist das mit den Weisen, von denen du immer sprichst?“

„Die können in die Zukunft, die Gegenwart und die Vergangenheit sehen“, erklärte sie zwischen zwei Bissen.

„Außerdem machen sie die wichtigen Aufträge ausfindig.“ Dann winkte sie ab. „Wahrscheinlich verstehst du gar nichts. Besser ist, ich fange von vorne an: du warst wahrscheinlich ziemlich erschrocken, als du bemerktest, dass da den Schlafenden etwas aus dem Kopf kommt. Wie alt warst du?“

„So etwa fünf Jahre“, ließ sich Dante vernehmen. „Ich übernachtete bei meinem Freund und dann passierte es.“

„Oh, das war aber früh“, wunderte sie sich. „Ich war schon 13 Jahre. Hat dich niemand aus deiner Familie vorbereitet?“

Er schüttelte den Kopf. „Die fanden bloß alle, ich hätte zu viel Phantasie. Meine Mam verbot mir, darüber zu reden.“