Erzähl keine Märchen! - Medea Calovini - E-Book

Erzähl keine Märchen! E-Book

Medea Calovini

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Beschreibung

Erzähl keine Märchen! ist eine Sammlung von Kurzgeschichten, die an Märchen und Sagen angelehnt sind. So finden wir beispielsweise den Froschkönig wieder, die Prinzessin auf der Erbse, die heutzutage auch nicht schlafen kann, Schneewittchen, die Musik macht, Dornröschen, die ihren Prinzen im Garten kennenlernt oder auch Aschenputtel, die in dieser Zeit ebenfalls ein Schuhproblem hat. Es sind fantasievolle Geschichten, die gestern oder vor drei Tagen stattgefunden haben könnten - mit den Heldinnen und Helden der Märchen. Wer Märchen mag, wird dieses Buch lieben!

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Seitenzahl: 140

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Übersicht

Die goldene Kugel

Das Erbstück

Guter Schlaf ist wichtig

Im silbernen Mondlicht

Anka och dvärgarna

Gartenbau im Alltag

Omas kleines Häuschen

Wenn das Semester ausläuft...

Die goldene Kugel

„Prinzessin, Prinzessin!“

Die blonde Frau sah sich suchend um. In der rechten Hand hielt sie ein Smartphone, in das sie schnell sprach.

„Das glaubst du nicht, Sabine“, sagte sie entrüstet und schnaubte, so dass sich eine Strähne ihrer lockigen Haare nach oben bewegte. „Da ist man hier mitten in der Pampas und es hat gefühlte Stunden gedauert, einen Platz zu finden, wo ich Netz habe – und jetzt quatscht mir hier einer dazwischen! Hast du das auch gehört?“

Die angesprochene Sabine schien ihr zu antworten.

„Prinzessin, hörst du mich nicht?“

Wieder sah sich die blonde Frau um. Niemand war zu sehen.

Es war ein schöner Frühlingstag, endlich war der Schnee getaut und gab die ersten Blümchen frei, die Sonne tat gut auf der Haut und die Vögel zwitscherten.

Die Frau schien nicht hierher zu passen.

Sie trug eine todschicke schwarze Wildlederhose, eine cremefarbene Bluse und darüber einen großkarierten Poncho nach der neuesten Mode. Ihr schulterlanges lockiges Haar wies eine hellblaue Strähne im sonstigen blonden Durcheinander auf, zweifelsohne eine Kunstfertigkeit des Frisörs.

Sie schaute zurück zu dem kleinen Haus, das sie eben verlassen hatte und das am Ende des relativ matschigen Weges lag. Ihre hochhackigen Stiefel waren schon mit Schlamm bedeckt, aber sie hatte sich nicht beschwert.

Vor ihr lag ein kleiner Tümpel, ein Weiher, gefüllt mit Seerosen und grünen Algen.

Auf der anderen Seite ging der Weg weiter in einen Wald hinein.

Hier war niemand außer ihr.

Und sie wollte eigentlich auch nicht hier sein, aber das war der einzige Platz, wo sie ihr Smartphone nutzen konnte.

„Prinzessin!“

Dieses Mal hatte die Stimme ungehalten geklungen.

Die Frau schnalzte ungeduldig mit der Zunge und sagte in ihr Mobilgerät: „Sabine, ich rufe dich wieder an, ich muss nur gerade mal hier jemanden zusammenstauchen – wenn ich ihn finde!“

Damit beendete sie das Gespräch und steckte das Teil in ihre Tasche.

„So, und jetzt kommen Sie raus und hören Sie auf, Unsinn zu erzählen!“, forderte sie mit lauter Stimme.

Ungeduldig trat sie mit dem Fuß auf, so dass es quietschte.

Ein Lachen war zu hören. „Hier bin ich! Hier unten!“

Was hieß denn eigentlich unten? Hier unten gab es nichts außer Matsche, Grün und das Ufer dieses abscheulichen Weihers.

Nein, da war noch etwas. Ein Frosch hockte dort, ein fetter, grüner Frosch... Und wenn sie ehrlich war, sah es fast so aus, als ob er sie mit schief gelegtem Kopf abwartend ansah.

Das konnte doch nicht sein! Sie griff sich an die Stirn!

„Ja, ich spreche mit dir, Prinzessin!“, sagte der Frosch und ließ nicht den Blick von ihr.

Sie taumelte, wäre beinahe ausgeglitten.

„Achtung!“, rief der Frosch und hüpfte auf sie zu.

„Das gibt es doch gar nicht“, sagte sie mehr zu sich selbst als zu dem grünen Tier. „Ich muss Halluzinationen haben...“

Der Frosch kam gemächlich noch näher. Wieder legte er den Kopf schief und sah sie aus seinen großen schwarzen Augen an. „Ich weiß nicht, was das ist, aber wir haben einen Handel!

Ich hole deine goldene Kugel aus dem Teich und du nimmst mich mit zu dir nach Hause!“

„Wie bitte?“, stieß sie erschrocken hervor und wedelte mit der Hand. „Ich habe überhaupt keinen Handel mit dir, ich nehme dich bestimmt nicht mit nach Hause und ich bin auch nicht deine Prinzessin!“

„Pffft!“, schnaubte der Frosch und ließ seine lange Zunge über die Augen lecken. „Ich warte hier schon so lange auf dich, du hast gesagt, du willst nur das Zimmer vorbereiten, dann kämst du wieder! Das kannst du nicht vergessen haben! Wir haben einen Handel! Du wolltest deine goldene Kugel, ich wollte mit in dein Zuhause. Ich habe meinen Teil der Vereinbarung gehalten, jetzt bist du dran!“

Die Frau atmete tief durch und versuchte, sich zu beruhigen. Es gelang ihr offensichtlich, denn sie ging in die Hocke, um den Frosch genauer in Augenschein zu nehmen. „Nochmal: ich bin keine Prinzessin! Und wie meinst du das, deinen Teil hast du erfüllt? Ich habe bislang keine goldene Kugel gesehen!“

Eigentümlicherweise schaffte es der Frosch, beleidigt auszusehen. Er drehte sich einmal um die eigene Achse und hüpfte zum Teich zurück, um darin zu verschwinden.

Das war es, dachte sie. Und ich habe noch nicht mal ein Foto fürs soziale Netzwerk gemacht...

Doch das war es nicht.

Ein paar Minuten später tauchte der Frosch wieder auf.

Er mühte sich unglaublich ab, stieß sich immer wieder vom Rand ab und bewegte mit den Hinterbeinen ein schlammiggrünes Etwas – einer Kugel nicht unähnlich.

Schnell ging die Frau wieder in die Hocke, holte ihr Mobilphone hervor und schoss schnell drei bis vier Fotos. Ach was, das glaubte ja doch niemand!

„So“, keuchte der Frosch. „Hier ist deine goldene Kugel! Jetzt bist du dran! Behandele mich wie deinen Gefährten. Ich heiße Mark!“

„Lisa“, sagte die Frau automatisch und schüttelte den Kopf.

„Das soll eine goldene Kugel sein? Das Ding ist ja total ekelig und voll mit Algen! Das ist niemals aus Gold!“

„Pfft“, machte Mark, der Frosch, wieder. „Das ist deine Schuld! Du hast mich so lange warten lassen, dass die Zeit ihren Tribut forderte. Aber das ist nicht mein Problem! Ich habe meinen Teil erfüllt!“

„Halt den Ball flach, Frosch!“, forderte sie. Wieder suchte sie in ihrer Tasche etwas, fand dann ein Papiertaschentuch und tupfte auf der Kugel herum.

Als sie weiter rieb, glitzerte es plötzlich hell im Sonnenlicht!

Golden!

Tief holte Lisa Luft. Dieser Frosch schien doch Recht gehabt zu haben. Das Ding musste aus Gold sein!

Mit spitzen Fingern versuchte sie, die Kugel aufzuheben, die ziemlich schwer war. Deshalb hatte sich der Frosch auch so abmühen müssen.

Gehüllt in das Tuch hielt sie die Kugel in der Hand und erhob sich behände.

„Danke“, sagte sie und lächelte diabolisch.

Dann wies sie mit dem Finger auf das kleine Haus am Ende des Weges.

„Dort wohne ich zur Zeit, du findest bestimmt den Weg allein!“

Und ohne auf den Protest des Frosches zu achten, lief sie schnell den matschigen Pfad entlang.

Unvorsichtigerweise übersah sie dabei eine Wurzel, die quer über dem Weg verlief.

Es machte ein dumpfes Geräusch, als Lisa mit voller Wucht auf den Boden prallte.

Sie hörte nur noch kurz die quakige Stimme des Frosches, der protestierte, dass sie den Handel nicht einhalten würde, dann nichts mehr.

„Können Sie mich hören?“

Ganz leise kam die Stimme in den Windungen ihres Gehirns an. War das der Frosch?

„Frau Kaiser, machen Sie doch mal die Augen auf!“

Lisa konnte die Stimme jetzt viel besser hören und begann langsam damit, die Augen zu öffnen, auch wenn ihr das sehr schwierig erschien.

Die Helligkeit blendete sie und stöhnend wollte sie ihre Augen mit der Hand beschatten.

Allerdings wurde die Hand sogleich festgehalten.

„Frau Kaiser, nicht, Sie haben da eine dicke Beule! Schauen Sie mich mal an!“

Beule? Wieso Beule?

Lisa traute sich und sah sich um.

Sie lag in einem Krankenbett und ein Mann, ganz in Weiß gekleidet, stand neben ihr.

„Was ist passiert?“, fragte sie mit heiserer Stimme.

Der Mann legte ihre Hand auf die Decke und tätschelte sie leicht.

„Sie hatten eine Autopanne und haben sich im Gasthaus „Zum Weiher“ im angrenzenden Ort eingemietet, um auf die Reparatur zu warten. Bei einem Spaziergang müssen Sie einen Unfall gehabt haben. Sie sind über eine Wurzel gestolpert und lagen auf dem Weg, besinnungslos und mit einer Kopfwunde.

Können Sie sich daran erinnern?“

So langsam konnte Lisa das.

Und noch mehr. Der Frosch und die goldene Kugel!

Mit einem Ruck wollte sie sich aufsetzen, was einen heftigen Schmerz in ihrem Kopf auslöste. Sie stöhnte und fiel wieder zurück in die Kissen.

„Vorsicht“, warnte sie der Mann in Weiß, der Pfleger, wie sie erkannte.

„Was“, hob sie an, „was ist mit meinen Sachen passiert?“

Der Mann deutete auf einen Nachttisch neben ihrem Bett und öffnete die Schublade. „Die habe ich alle hier hineingelegt. Und ihre Kleidung habe ich in den Schrank dort hinten geräumt. Allerdings ist sie ziemlich schmutzig...“

Lisa warf einen Blick in die Schublade.

Dort waren ihr Smartphone, ein Lippenstift, ihre Geldbörse und Taschentücher.

„Ach ja...“ Der Pfleger, der übrigens sehr nett aussah, lächelte sie an. „Ihr wertvolles Schmuckstück habe ich in den Krankenhaustresor bringen lassen. Sie sollten nicht unbedingt einen Klumpen Gold im Nachttisch haben.“ Er lachte über ihr fassungsloses Gesicht. „Ich bin übrigens Mark!“

Das Erbstück

Es klingelte wie verrückt an seiner Wohnungstür.

Eigentlich hatte er beschlossen, nicht aufzumachen, denn er war seit einer Stunde erst im Bett.

Doch das Klingeln hörte nicht auf.

Müde latschte er zur Tür, öffnete sie mit einem Ruck und hustete zornig: „Was denn?“

Vor ihm stand eine kleine, wohl gepflegte Frau von etwa dreißig Jahren. Sie hatte dunkle Haare, hochgesteckt zu einem Knoten, trug ein blaues Kostüm mit hochhackigen, dazu passenden Schuhen und sah ihn fassungslos an, den Finger immer noch auf dem Klingelknopf.

„Hören Sie auf damit!“, knurrte er ungehalten, und als sie es erschrocken tat, seufzte er auf, da das schreckliche Geläut endlich nachließ.

„Sind Sie Herr Tim Freiburg?“, wollte die Frau wissen und sah ihn missbilligend an.

Möglicherweise lag das daran, dass er nur seine Unterhose trug.

„So steht es auf dem Namensschild“, meinte Tim ungehalten und fuhr sich durch sein halblanges blondes Haar. „Was wollen Sie? Ich kaufe nichts an der Tür!“

Huch, jetzt schien sie verärgert, fiel ihm auf. Ihre Augen wurden ein wenig schmal, aber sie riss sich noch zusammen.

„Wie sieht es denn aus mit einem Verkauf Ihrerseits?“, wollte sie wissen.

Tim riss der Geduldsfaden. Nach solchen Spielen stand ihm nicht der Kopf. „Gute Frau, ich bin echt müde, lassen Sie mich mit dem Quatsch in Ruhe und nerven Sie jemand anderen!“

Gerade wollte er die Tür wieder schließen, als die Frau ihre Hand dagegen stemmte und protestierte. „Nein, ich habe das ernst gemeint. Es gibt da etwas, das ich von Ihnen kaufen möchte!“

„Ich wüsste nicht, was das sein könnte“, entgegnete Tim mürrisch. „Und ich habe keine Lust und bin müde. Gehen Sie weg!“

„Das kann ich nicht!“, sagte die Frau beinahe weinerlich. „Ich komme extra aus London!“

Und obwohl das weit entfernt in England lag, hatte er kein Mitleid. Es war ihm doch egal, woher diese Frau kam. Und überhaupt: warum war sie immer noch hier?

„Können Sie mich nicht hineinbitten und wir reden über die Sache wie zwei erwachsene Menschen?“, wollte sie wissen und spähte durch den Türschlitz, der noch offen geblieben war.

Er gab auf. Niemals würde er zum Schlafen kommen, wenn sie hier weiter randalierte. Und sie sah nicht so aus, als gäbe sie schnell auf.

Seufzend öffnete er die Tür und wies mit dem Finger auf das Wohnzimmer. „Dann in drei Teufels Namen! Setzen Sie sich da irgendwo hin, ich gehe mir etwas anziehen.“

Eine halbe Stunde später starrte Tim die Frau, die sich mittlerweile als Mel Ludwig vorgestellt hatte, abschätzend an.

Sie saßen sich in seinem Wohnzimmer gegenüber, sie auf einem Sessel, er auf dem Ledersofa, und er hatte sie mit einem Glas Wasser versorgt.

„Ich fasse nochmal zusammen“, ließ er sich mit gerunzelter Stirn vernehmen. „Sie sind also extra aus London gekommen, weil Sie eine bronzene Statue von mir haben wollen, die mir mein entfernter Onkel vermacht hat, den ich nicht mal kannte.

Sie wollen diese Statue unbedingt haben, weil sie ein Teil eines Zweiersets ist, und Sie suchen schon seit etlichen Jahren danach. Und wie haben Sie mich jetzt gefunden?“

Mel schlug die Beine übereinander und atmete ein. „Ich habe Ihren Namen vom Nachlassverwalter Ihres verstorbenen Onkels.“ Ihre Augen sahen ihn bittend an. „So ganz legal war das nicht, machen Sie ihm bitte keine Schwierigkeiten deshalb...“

„Mal sehen“, sagte er unwirsch. Mittlerweile konnte er klar denken und hatte beschlossen, seinen Profit aus der Sache zu ziehen. Geld wuchs ja bekanntlich nicht auf Bäumen.

Diese bronzene Statue, die seiner Meinung nach Arielle, die Meerjungfrau, darstellte, hatte er in der hintersten Ecke im Kleiderschrank stehen. Er stand nicht auf solchen Tinnef.

„Ich bitte Sie!“, hob die Frau an, verstummte dann aber ob seines bösen Blickes.

„Warum sollte ich ausgerechnet Ihnen die Statue verkaufen?“, wollte er wissen. „Ich könnte sie ja auch in einem Onlinemarkthaus anbieten. Vielleicht habe ich das auch schon längst gemacht.“

Wieder sah sie ihn mit ihren blauen Augen an. Sie sah gar nicht so übel aus.

„Das haben Sie nicht. Das wäre mir aufgefallen“, sagte sie leise. „Ich durchforste das Internet schon seit Jahren danach.“

Punkt für sie, dachte Tim. Offenbar war sie wirklich und unaufhaltsam hinter dieser Statue her.

„Und?“, fragte er lüstern, „was hauen Sie raus für das Ding?“

Sie nannte, ohne zu zögern, einen Preis, bei dem ihm schwindelig wurde. Das zeigte er aber nicht, Tim hatte sein Pokerface aufgesetzt.

„Verstehe“, sagte er gedehnt. „Und warum?“

Verwirrt sah Mel ihn an. „Was meinen Sie mit warum?“

„Sie wollen mir einen Haufen Schotter geben für die bronzene Abbildung von Arielle, der kleinen Meerjungfrau“, lachte er.

„Das ist schon seltsam, da sie diese in jedem Ein-Euro-Laden günstiger bekommen können. Was ist also mit meiner, das sie so besonders macht?“

Arielle? Mel verdrehte innerlich die Augen. Oh Gott, dieser Tölpel hatte doch gar keine Ahnung!

„Wie gesagt“, versuchte sie dann ruhig zu erklären, „es handelt sich um ein Teil eines Sets. Ich habe den anderen Teil und kann es nicht aufstellen. Das verstehen Sie doch?“

Tim legte den Kopf schief. „Halten Sie mich nicht für bekloppt, nur weil ich nicht Ihr Kunstverständnis habe“, grollte er.

„Wenn Sie schon so lange das Set zusammenstellen wollten, wieso haben Sie meinen Onkel nicht danach gefragt. Schließlich ist der erst seit zwei Monaten tot.“

„Das habe ich“, gab sie verschnupft zu. „Er wollte nicht verkaufen. Ich habe es immer wieder versucht, aber er blieb stur. Bei Ihnen ist das bestimmt anders.“ Hoffentlich, fügte sie in Gedanken hinzu.

In Sekundenschnelle sah Tim seine Chance. Er erhob sich. „Tut mir leid, ich verkaufe nicht. Wenn Sie jetzt bitte gehen würden...?“

Mel blieb der Mund offen stehen. Entgeistert starrte sie diesen unmöglichen Mann an. Eigentlich sah er ganz nett aus, würde er nicht ständig die Stirn in Falten legen und böse grollen. Ob er ein Nachfahre von Raymond de Poitu war? Der alte Mann, der Vorbesitzer, war zumindest sein Onkel gewesen. Sie musste ihn unbedingt umstimmen! Nur wie?

Sie erhob sich auch und sah ihn bittend an. „Wenn es am Preis liegt...“

Er zuckte die Schultern. „Möglicherweise...“

„Sie werden nirgendwo anders einen höheren Preis erzielen.“

Mel blieb einfach stehen. Sie war hier noch nicht fertig. Ohne die Statue würde sie nicht gehen.

Tim kam ihr sehr nahe. „Gute Frau, ich kann Sie über die Schulter werfen und Sie vor die Tür tragen! Das macht mir keine Probleme! Stattdessen biete ich Ihnen an, einfach zu gehen! Also was wollen Sie?“

„Was wollen Sie?“, entgegnete Mel patzig. „Ich biete Ihnen alles, was mir möglich ist. Für eine Statue, die Ihnen gar nichts bringt, wenn Sie das Pendant nicht dazu haben. Und offenbar haben Sie gar nicht gewusst, dass Sie die Statue haben. Was hindert Sie daran, mein Geld zu nehmen, mir die Statue zu geben und froh und in Frieden zu leben?“

Beide standen jetzt voreinander, Auge in Auge und keiner war bereit nachzugeben.

Wütend griff Tim die Frau am Arm und wollte sie aus der Wohnung komplimentieren, als etwas Ungewöhnliches geschah.

Die beiden sahen sich an und es war, als wäre ein Zaubergespinst über sie geworfen worden. Ihre Wut war verraucht, sie sahen nur noch sich. Und beide verfielen dem Zauber rigoros.

Tim küsste Mel, erst vorsichtig, dann heftig und im nächsten Moment fanden sie sich in einer handfesten Umarmung wieder, erotisch, magisch, einfach unglaublich.

„Warte“, flüsterte Mel in einem seltenen Moment der Klarheit.

Ihre ach so kunstvoll aufgesteckten Haare waren durcheinander gebracht, weil Tim sie mit großer Lust an sich gezogen hatte und mit den Händen darin herumgewühlt hatte, zweifelsohne in der Absicht, sie noch näher heranzuziehen.

Mit einem Keuchen brachte sie Platz zwischen sich.

Aufgewühlt sah Tim sie an, verstand nicht, warum sie so plötzlich auf Abstand ging.

„Du bist ein Nachfolge von Raymond de Poitu!“, sagte sie und es klang verzweifelt.

„Kenne ich nicht“, zischte Tim. „Ist auch nicht wichtig jetzt!“

Damit wollte er sie wieder an sich ziehen.

„Du verstehst nicht!“ Mel ging noch einen Schritt zurück.

„Melusina war meine Ahnin!“

Er musste sich stark beherrschen, um ihren Worten folgen zu können. Es gelang ihm nur marginal.

„Einst waren unsere Vorfahren ein Liebespaar, dem übel mitgespielt wurde. Sie wurden getrennt“, erklärte sie verzweifelt. „Und nur, wenn die beiden bronzenen Statuen zusammen gefügt werden, wird der Fluch gebrochen.“

Tim schnaubte unwillig. „Ich glaube nicht an Flüche!“