1,99 €
In "Der schlechtgefesselte Prometheus und andere Novellen" gelingt es Andre Gide, in einem eindringlichen literarischen Stil die innere Zerrissenheit seiner Protagonisten zu erkunden. Die novellistische Sammlung thematisiert universelle Fragen der Identität, Freiheit und Moral. Gide, ein Meister der psychologischen Analyse, verwebt philosophische Überlegungen mit einer eindrucksvollen Narration, die den Leser sowohl emotional als auch intellektuell anspricht. In einem literarischen Kontext, der durch den Symbolismus und die Moderne geprägt ist, beleuchtet er die existenziellen Dilemmata des Menschen und fordert normative Werte heraus. Andre Gide, ein französischer Schriftsteller und Literatur Nobelpreisträger von 1947, wird oft als einer der Vorkämpfer der modernen Literatur betrachtet. Seine eigenen Kämpfe mit gesellschaftlichen Normen und persönlichen Überzeugungen prägen sein Werk. Gide war ein Pionier der psychosozialen Exploration und thematisierte in seinen Schriften oft die Komplexität menschlicher Beziehungen und das Streben nach Authentizität, inspiriert von seiner eigenen Suche nach Selbstverwirklichung. Dieses Buch ist eine unverzichtbare Lektüre für jeden, der sich für die tiefgreifenden Fragen der menschlichen Existenz interessiert. Gides brillante Prosa und die facettenreiche Darstellung seiner Charaktere laden dazu ein, über die eigenen Werte und Überzeugungen nachzudenken. "Der schlechtgefesselte Prometheus" bietet nicht nur einen Einblick in Gides Philosophie, sondern erweitert auch das Verständnis für die Herausforderungen des modernen Lebens. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine umfassende Einführung skizziert die verbindenden Merkmale, Themen oder stilistischen Entwicklungen dieser ausgewählten Werke. - Die Autorenbiografie hebt persönliche Meilensteine und literarische Einflüsse hervor, die das gesamte Schaffen prägen. - Ein Abschnitt zum historischen Kontext verortet die Werke in ihrer Epoche – soziale Strömungen, kulturelle Trends und Schlüsselerlebnisse, die ihrer Entstehung zugrunde liegen. - Eine knappe Synopsis (Auswahl) gibt einen zugänglichen Überblick über die enthaltenen Texte und hilft dabei, Handlungsverläufe und Hauptideen zu erfassen, ohne wichtige Wendepunkte zu verraten. - Eine vereinheitlichende Analyse untersucht wiederkehrende Motive und charakteristische Stilmittel in der Sammlung, verbindet die Erzählungen miteinander und beleuchtet zugleich die individuellen Stärken der einzelnen Werke. - Reflexionsfragen regen zu einer tieferen Auseinandersetzung mit der übergreifenden Botschaft des Autors an und laden dazu ein, Bezüge zwischen den verschiedenen Texten herzustellen sowie sie in einen modernen Kontext zu setzen. - Abschließend fassen unsere handverlesenen unvergesslichen Zitate zentrale Aussagen und Wendepunkte zusammen und verdeutlichen so die Kernthemen der gesamten Sammlung.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2023
Diese Sammlung bündelt zentrale kürzere Prosawerke von André Gide und stellt mit Der schlechtgefesselte Prometheus ein markantes Stück ins Zentrum. Ziel ist es, eine konzentrierte, thematisch geschlossene Einführung in Gides Kunst zu bieten, die seinen intellektuellen Spielraum ebenso sichtbar macht wie seine formale Beweglichkeit. Versammelt sind Erzählungen, Prosatraktate und ein kurzer Roman, die im Zusammenspiel eine charakteristische Spannweite eröffnen: zwischen satirischer Leichtigkeit und moralischer Tiefenschärfe, zwischen symbolistischer Anmutung und moderner Nüchternheit. Die Auswahl versteht sich nicht als Gesamtwerk, sondern als bewusst komponiertes Panorama, das den Zugang erleichtert und zugleich zur weiterführenden Lektüre anregt.
Der Umfang der Sammlung ist auf erzählerische und essaynahe Kurzformen ausgerichtet. Sie verzichtet auf Tagebücher, Briefe und die umfangreichen Romane, um die Scharnierstelle in Gides Schaffen zu betonen: jene Zone, in der Fiktion, Parabel und Traktat sich durchdringen. Ein kompaktes Langstück – Die enge Pforte – fungiert als Kontrast und als ruhendes Zentrum einer ansonsten beweglichen Formenvielfalt. Dadurch entsteht eine klare Perspektive: nicht Vollständigkeit, sondern Profil. Leserinnen und Leser erhalten eine verlässliche, gut überschaubare Grundlage, um Gides beharrliche Erkundung von Freiheit, Gewissen und Begehren in unterschiedlichen Tonlagen zu verfolgen, ohne sich in der Fülle des Gesamtwerks zu verlieren.
Die versammelten Texte entfalten ein Spektrum von Textsorten. Novellistische Erzählungen stehen neben parabelhaften Stücken, satirische Prosa neben theoretisch gefassten Prosatraktaten. Die enge Pforte repräsentiert als kurzer Roman eine stärker psychologisch und spirituell ausgerichtete Form. In Der schlechtgefesselte Prometheus greift mythologische Satire in die Gegenwart aus; Die Rückkehr des verlorenen Sohnes verhandelt eine biblische Konstellation als knappes, gedankenscharfes Szenario. Der Liebesversuch sowie der Traktat vom Erlebnis des Narkissos verbinden Reflexion mit poetischer Bildkraft, während El Hadj oder Der Traktat vom falschen Propheten diskursiv argumentiert und zugleich erzählerische Passagen nutzt. So entsteht ein kontinuierlicher Dialog zwischen Dichtung und Denkprosa.
Die einzelnen Titel markieren erkennbare Gattungsprofile. Der Liebesversuch oder Eine Abhandlung über die Sinnlosigkeit des Verlangens bewegt sich im Feld des essayistischen Experiments und zielt auf das Spannungsverhältnis von Begehren und Erkenntnis. Der schlechtgefesselte Prometheus entfaltet als satirische Novelle einen heiteren, doch präzisen Zugriff auf große Motive. Die Rückkehr des verlorenen Sohnes gestaltet eine klassische Konstellation als konzentrierte Prosaparabel. Der Traktat vom Erlebnis des Narkissos nähert sich dem Symbolischen über theoretische Verdichtung. El Hadj oder Der Traktat vom falschen Propheten reflektiert prophetische Rollenbilder kritisch. Die enge Pforte setzt als kurzer Roman auf innere Stimmen, Selbstprüfung und asketische Entwürfe.
Ein verbindender Faden liegt in Gides Neuakzentuierung überlieferter Stoffe. Mythos und Schrift werden nicht illustriert, sondern als Labor für Gegenwartsfragen genutzt. Prometheus, der verlorene Sohn und der Narkissos-Topos erscheinen als veränderbare Spiegel, in denen Freiheit, Identität und Versuchung geprüft werden. Die Wiederaufnahme kanonischer Figuren erzeugt keine ehrfürchtige Distanz, sondern produktive Reibung: Sinnbilder werden auf ihre Tragfähigkeit für moderne Lebensläufe abgeklopft. So ergibt sich eine Poetik der Umwidmung, die Vertrautes entfremdet und dadurch neu lesbar macht. Das Bekannte öffnet Räume für ungewohnte Einsichten – und das Abstrakte gewinnt Körper durch erzählerische Geste.
Zweitens bündelt die Auswahl Gides anhaltende Auseinandersetzung mit Begehren, Gewissen und Verzicht. Ob satirisch, parabolisch oder introspektiv: Immer wieder steht die Frage nach dem Maß des Selbst im Zentrum. Wo endet Freiheit, wo beginnt Bindung; wo stiftet Askese Sinn, wo verfehlt sie das Leben; wie unterscheidet sich Authentizität von Rollenspiel. Das moralische Problem erscheint nie als Lehrsatz, sondern als konkrete, tastende Bewegung des Denkens. Gide vermeidet dogmatische Lösungen und setzt auf Erkundungen, die den Widerspruch aushalten. In diesem Schwebezustand gewinnen die Texte ihre Spannung: Sie sind nicht Antworten, sondern denkende Formen.
Stilistisch verbindet Gide klare Prosa mit wechselnden Registern: Leichtfüßige Ironie steht neben strenger Analyse, lyrische Bilder neben nüchterner Argumentation. Der satirische Zugriff lockert, ohne zu banalisieren; die knappe Parabel wirkt offen, ohne beliebig zu werden. Prägnante, wiederkehrende Motive – Spiegel, Ketten, Türen – tragen Bedeutungsnuancen, ohne zur bloßen Allegorie zu erstarren. Die Sprache bleibt durchsichtig, doch nicht glatt: Rhythmus und Klang unterstützen die Denkbewegung, Pointen werden gezielt gesetzt. Diese kontrollierte Beweglichkeit macht die Texte anschlussfähig für unterschiedliche Lesarten und zeigt, wie sehr Form bei Gide zum eigenständigen Erkenntnisinstrument wird.
Ein weiterer Zusammenhalt ergibt sich aus der Führung der Stimmen. Gides Texte bevorzugen Positionen, die sich selbst befragen: Bekenntniston, Dialog, Traktatform und Erzählung kreuzen einander. Daraus erwächst eine Poetik des Prüfens und Widerlegens, in der Gewissheiten selten ungebrochen stehen bleiben. Perspektivwechsel, leichte Verschiebungen des Blickpunkts, bewusst gesetzte Lücken – all das lädt zur aktiven Mitwirkung der Lesenden ein. Die Figuren reden nicht nur, sie denken hörbar; die Texte erzählen nicht nur, sie argumentieren beiläufig mit. Dieses Zusammenspiel von Stimme und Struktur hält die Spannung zwischen Erfahrung und Begriff lebendig.
Im kulturellen Hintergrund steht der Übergang von symbolistischen Verfahren zu einer modernen, realitätszugewandten Prosa. Gides Arbeiten zeigen, wie literarische Formen auf Debatten über Selbstbestimmung, religiöse Überlieferung und gesellschaftliche Normen reagieren. Wo Parabeln eingesetzt werden, dienen sie nicht der Vereindeutigung, sondern der Öffnung von Bedeutung. Wo Traktate auftreten, suchen sie nicht doktrinäre Strenge, sondern gedankliche Beweglichkeit. Das betrifft auch die Darstellung kultureller Projektionen, wenn prophetische Rollenbilder oder moralische Autoritäten in den Blick geraten. So verhandeln die Texte die Bedingungen, unter denen Individuen in einem Geflecht aus Tradition, Erwartung und persönlichem Entwurf handeln.
Als Gesamtheit gewinnt die Auswahl ihr Gewicht durch Resonanzen zwischen den Stücken. Themen, Bilder und Fragehaltungen werden variiert, gespiegelt und gegeneinander geschärft. Der Witz der Satire beleuchtet die Ernsthaftigkeit der Parabel; die Strenge des Traktats lässt die Ambivalenzen erzählerischer Situationen deutlicher hervortreten; der kurze Roman macht erfahrbar, was die kürzeren Formen modellhaft skizzieren. So entsteht ein Leseklima, in dem Erkenntnis nicht verordnet, sondern nachvollzogen wird. Die Sammlung bietet keine eindeutige Moral, sondern eine Schule des Prüfens – eine Literatur, die Freiheit als Aufgabe begreift und ihre Risiken nicht verschweigt.
Der schlechtgefesselte Prometheus gibt der Sammlung den Rahmen, weil er eine Leitfigur anbietet: die unvollkommene Bindung. Nicht die absolute Kette, sondern der lockere Knoten wird zum Bild für gesellschaftliche, moralische und psychische Verstrickungen. Dieses Motiv klingt in den anderen Stücken an – in Formen der Selbstbindung durch Gelübde, in Verführungen durch Rollen und Ideale, in der Frage, wie viel Spielraum man sich und anderen zugesteht. Das Titelstück verbindet Leichtigkeit mit Ernst und zeigt exemplarisch Gides Verfahren, große Ideen im Ton des Heiteren zu prüfen. Es setzt damit den Takt für das gesamte Ensemble.
Die vorliegende Einführung verfolgt eine zurückhaltende, orientierende Zielsetzung: Sie benennt Formen, Themen und Verknüpfungen, ohne Handlungsverläufe vorwegzunehmen. Die Texte sollen mit ihren eigenen Spannungen zu Wort kommen. Wer sie in dieser Konstellation liest, gewinnt eine klare, doch offene Sicht auf Gides Prosa – auf ihre Lust am Denken, ihre Skepsis gegenüber einfachen Antworten und ihre Bereitschaft, innere Konflikte auszuhalten. Die Sammlung empfiehlt sich damit sowohl als Einstieg als auch als kompaktes Wiederlesen. Sie zeigt Gide als Autor, der die Freiheit der Kunst nutzt, um die Freiheit des Subjekts gedanklich zu erkunden.
André Gide (1869–1951) war ein französischer Schriftsteller und eine Schlüsselfigur der europäischen Moderne. Seine Werke verbinden moralische Fragestellungen mit formaler Experimentierlust und einer ungewöhnlich offenen Selbstbefragung. Er schrieb Romane, Erzählungen, Essays, Reiseberichte und ein umfangreiches Tagebuch, das seine Poetik ebenso dokumentiert wie seine intellektuellen Kämpfe. 1947 erhielt er den Nobelpreis für Literatur. Zentral sind Themen wie individuelle Freiheit, Gewissensprüfung, Sexualität und die Kritik bürgerlicher Konventionen. Gides Stimme prägte das literarische Klima der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Frankreich und darüber hinaus, und sie wirkt durch ihre intellektuelle Unerschrockenheit bis heute nach.
Aufgewachsen in einem protestantisch geprägten Milieu und schulisch unter anderem an der École Alsacienne gebildet, bewegte sich Gide früh in literarischen Kreisen der fin-de-siècle-Zeit. Begegnungen mit dem Symbolismus – etwa über die Salons um Stéphane Mallarmé – sowie intensive Lektüren von Klassikern und zeitgenössischer Philosophie, darunter Nietzsche, prägten sein Denken. Reisen nach Nordafrika erweiterten seinen Blick auf Moral, Begehren und kulturelle Normen. Formell suchte er nach einer Prosa, die inneres Erleben, Reflexion und erzählerische Konstruktion neu austariert. Diese Suche nach Authentizität verband er mit Skepsis gegenüber starren Doktrinen, sei es ästhetischer, religiöser oder gesellschaftlicher Art.
Mit Les Cahiers d’André Walter (1891) machte Gide erstmals auf sich aufmerksam; die introspektive, symbolistisch getönte Prosa markiert seine Ausgangspunkte. Einen programmatischen Bruch mit asketischen Idealen vollzog er in Les Nourritures terrestres (1897), einem emphatischen Plädoyer für sinnliche Erfahrung und Selbstentdeckung. In L’Immoraliste (1902) und La Porte étroite (1909) untersuchte er die Spannungen zwischen persönlicher Freiheit und normativer Ethik. Die Bücher lösten Debatten aus, weil sie geistige Unabhängigkeit und moralische Ambivalenz nicht scheuten. Zugleich festigten sie Gides Rang als Autor, der psychologische Genauigkeit mit stilistischer Prägnanz verbindet und damit die französische Prosa nachhaltig erneuerte.
1909 gehörte Gide zum Gründerkreis der Nouvelle Revue Française, die rasch zu einer maßgeblichen Instanz des literarischen Lebens wurde. Als Redakteur und Ratgeber förderte er neue Stimmen und formale Risiken, auch wenn ihm Fehlurteile unterliefen – berühmt ist die anfängliche Ablehnung eines Manuskripts von Marcel Proust, die er später selbstkritisch korrigierte. Diese editorische Tätigkeit schärfte sein Verständnis von Poetik und Öffentlichkeit: Literatur war für ihn zugleich Experimentierfeld und moralischer Diskursraum. Die NRF gab ihm zudem ein Netzwerk, aus dem produktive Kontroversen hervorgingen, die die ästhetischen Debatten des frühen 20. Jahrhunderts entscheidend mitbestimmten.
In den 1910er- und 1920er-Jahren erreichte Gide eine reife Phase. Les Caves du Vatican (1914) untersuchte den Umgang mit Dogmen und Zufall; La Symphonie pastorale (1919) verschränkte Ethik, Wahrnehmung und Verantwortung. Mit Les Faux-monnayeurs (1925) entwickelte er einen selbstreflexiven Roman, dessen Kompositionsprinzip – später mit dem Begriff mise en abyme beschrieben – das Erzählen über das Erzählen thematisiert. Parallel dazu führten das Journal und die autobiografische Schrift Si le grain ne meurt (Mitte der 1920er-Jahre) seine Selbstbeobachtung fort. Corydon (in den 1920er-Jahren publiziert) formulierte, in dialogischer Form, eine provokante Verteidigung gleichgeschlechtlicher Liebe.
Gides moralische Aufmerksamkeit richtete sich auch auf Politik und Gesellschaft. Nach Reisen in Teile des damaligen französischen Kolonialreichs veröffentlichte er Voyage au Congo (1927) und Le Retour du Tchad (1928), in denen er Missstände dokumentierte und die koloniale Praxis kritisierte. Ein Jahrzehnt später führte eine Reise in die Sowjetunion zu Retour de l’URSS (1936) und den Retouches (1937), Schriften, die seine anfänglichen Hoffnungen revidierten und Repressionen beim Namen nannten. Diese Interventionen verbanden literarische Beobachtung mit Gewissensprüfung: Gides Maßstab blieb die intellektuelle Redlichkeit, auch wenn dies Brüche mit Parteigängern und einstigen Verbündeten bedeutete.
Nach dem Zweiten Weltkrieg galt Gide als eine der prägenden Autoritäten des französischen Geisteslebens. 1947 wurde sein Gesamtwerk mit dem Nobelpreis gewürdigt; in den folgenden Jahren setzte er seine Tagebucharbeit fort, reflektierte über Poetik und die Verantwortung des Schriftstellers. Er starb 1951. Sein Vermächtnis zeigt sich in der Entwicklung des modernen Romans, in der Aufwertung des Tagebuchs als literarischer Form und in der unerschrockenen Thematisierung von Freiheit, Glauben und Begehren. Gides Bücher werden weiterhin neu gelesen und diskutiert – weniger als historische Dokumente denn als lebendige Anstöße zu Selbstprüfung und literarischer Erneuerung.
André Gide (22. November 1869 – 19. Februar 1951) wuchs zwischen protestantischer Strenge und der urbanen Modernität von Paris auf. Seine in diesem Band versammelten Novellen entstanden überwiegend zwischen den 1890er Jahren und 1909, also im Übergang von der Décadence zur Belle Époque. Paris, Nîmes und die Mittelmeerwelt prägten seinen Blick ebenso wie die politische Kultur der Dritten Republik (seit 1870). Die Texte verhandeln in knapper Form Grundfragen seiner Zeit: die Legitimität des Begehrens, die Bindung an religiöse Normen und die Autonomie des Individuums. Sie reflektieren zugleich Gides Rolle als Schriftsteller, Kritiker und späterer Nobelpreisträger (1947).
Ästhetisch wurzeln viele frühen Novellen im Symbolismus, der in den 1880er–1890er Jahren in Paris zentriert war. Gide frequentierte die „Mardis“ von Stéphane Mallarmé (1842–1898) und stand mit Paul Valéry (1871–1945) und Pierre Louÿs (1870–1925) in Kontakt. Diese Kreise förderten eine Sprache des Andeutens, der Allegorie und des mythischen Bildes, die Gide in unterschiedlichen Registern variierte. Der Mercure de France, 1890 von Alfred Vallette gegründet, bot ihm ab 1891 Publikationsräume für hybride Formen zwischen Prosadichtung, „Traité“ und Erzählung. In dieser Atmosphäre entstanden seine mythennahen, doch modern ironischen Texte, die das gesamte Œuvre langfristig strukturierten.
Die religiöse Matrix ist die protestantische Minderheitenkultur Frankreichs. Gides Mutter entstammte einer Hugenottenfamilie aus Nîmes; Bibellektüre und Gewissensprüfung bildeten eine frühe Schule des Inneren. Die politische Trennung von Kirche und Staat (Gesetz vom 9. Dezember 1905) verschärfte öffentliche Debatten über Moral, Askese und persönliche Freiheit. Gides Novellen reagieren darauf, indem sie biblische Sprache und Ethos befragen, ohne in konfessionelle Polemik abzugleiten. Sie blenden zugleich die spezifisch französische Geschichte des Calvinismus ein, der seit dem 16. Jahrhundert im Süden verankert war, und stellen die Frage, wie ein modernes Subjekt zwischen Glaubensgehorsam und selbstbestimmtem Leben bestehen kann.
Reise und Exil als Erkenntnisfigur speisen sich aus Gides Aufenthalten in Nordafrika. Zwischen 1893 und 1895 reiste er nach Algerien und Tunesien (u. a. Biskra, El Kantara, Sousse, Tunis). Dort traf er im Februar 1895 Oscar Wilde (1854–1900) und Lord Alfred Douglas (1870–1945) in Algier und Biskra, ein Ereignis, das sein Nachdenken über Authentizität und Begehren vertiefte. Gleichzeitig stand die Region unter französischer Kolonialherrschaft (Algerien seit 1830; Code de l’indigénat 1881), was Fragen kultureller Übersetzung, Macht und Scheinprophetie aufwarf. Diese Erfahrungen vernetzen die Novellen thematisch – zwischen Sinnlichkeit, Fremdheit und kritischer Selbstprüfung.
Die Wiederaneignung des Mythos ist ein durchgehendes Verfahren. Gides humanistische Bildung und das lycée-basierte Studium der Antike verbinden sich mit der modernen Mythokritik um 1900. Figuren wie Prometheus oder Narziss werden nicht antiquarisch belebt, sondern als Denkmodelle für Freiheit, Bindung und Selbstbezug eingesetzt. Zeitgleich zirkulierten in Frankreich Übersetzungen und Deutungen Nietzsches (Also sprach Zarathustra 1883–1885; Die fröhliche Wissenschaft 1882), deren Kritik an Moral und Ressentiment die mythologische Rede neu akzentuierte. Gides mythische Kurzformen kontrastieren heroische Erzählungen mit skeptischer Ironie und öffnen Räume, in denen intellektuelles Spiel und existenzielle Anfrage zusammenfallen.
Ebenso zentral ist die Bibel als kultureller Speicher von Gleichnissen. Französische Protestanten lasen seit dem 19. Jahrhundert häufig die Übersetzung von Louis Segond (erste Ausgabe 1880), die eine nüchterne, philologisch präzise Diktion etablierte. Gides Erzählformen nehmen vom Gleichnis die Konzentration, die moralische Zuspitzung und das offene Ende her. Die biblische Sprache wird zum Medium der Selbstprüfung und zum Material für moderne Umdeutungen. In einer Gesellschaft, die zwischen laizistischem Staat und religiösen Traditionen oszillierte, wirkten diese Kurztexte wie Laboratorien: Sie prüfen Kanonisches auf seine Gültigkeit unter Bedingungen psychologischer Komplexität und sozialer Beschleunigung.
Ein Markenzeichen der frühen Phase ist das Spiel mit der Form des „Traktats“. Zwischen 1891 und den späten 1890er Jahren experimentierte Gide mit halb-essayistischen, halb-erzählerischen Stücken, die Begriffe definieren, widerlegen und in Handlung übersetzen. Der Gestus des gelehrten Diskurses – Rhetorik der Definition, Gliederung, „Beweis“ – wird ironisiert und poetisiert. Diese Hybridität eignet sich, um Begehren, Wahrheit und Irrlehre nicht dogmatisch, sondern performativ zu verhandeln. Paris als intellektuelles Zentrum und Zeitschriften wie der Mercure de France boten die Bühne für solche Gattungsversuche, die Novelle, Parabel und Essay in raschem Wechsel verschalten.
Die Affäre Dreyfus (1894–1906) prägte die französische Öffentlichkeit nachhaltig. Die Verhaftung des jüdischen Offiziers Alfred Dreyfus (Oktober 1894), Émile Zolas „J’accuse…!“ in L’Aurore (13. Januar 1898) und die Rehabilitierung 1906 institutionalisierten die Figur des „engagierten Intellektuellen“. Gide nahm an diesem Klima der Gewissensprüfung teil; es schärfte seine Skepsis gegenüber Konvention und Autorität. Die knappen, oft allegorischen Novellen seiner mittleren Phase gewinnen vor diesem Hintergrund eine politische Temperatur, ohne aktuelle Fälle zu behandeln: Wahrheitssuche, mutiger Widerruf und der Preis individueller Integrität werden zu leitenden Kategorien ästhetischer und ethischer Formgebung.
Privat verdichteten sich Konflikte, die seine dichterische Ökonomie strukturierten. Die Heirat mit seiner Cousine Madeleine Rondeaux im Jahr 1895 und die fast zeitgleiche Entdeckung einer anderen erotischen Wahrheit (bezeugt in Tagebüchern seit 1889) schufen Spannungen zwischen Pflicht, Ideal und Begehren. Diese biografische Konstellation erklärt die Präferenz für kurze, präzise prosaische Formen, in denen Entscheidungen isoliert und geprüft werden. Paris als Schauplatz bürgerlicher Normen und die mediterranen Reiseorte als Gegenwelt liefern die Kulturgeographie für eine Prosa, die Versuchung nicht romantisiert, sondern als moralisch-intellektuelles Experiment darstellt.
Mit der Gründung der Nouvelle Revue Française (NRF) 1909 durch André Gide, Jacques Copeau (1879–1949), Jean Schlumberger (1877–1968) und André Ruyters (1876–1950) erhielt die Moderne ein institutionelles Rückgrat. Unter Gaston Gallimard (1881–1975) wurde daraus ein Verlagssystem, das den französischen Kanon des 20. Jahrhunderts prägte. In dieser Umgebung wurden Gides kürzere prosaische Formen diskutiert, ediert und kanonisiert. Die NRF vermittelte zugleich zwischen Spiritualismus (Paul Claudel), psychologischer Analyse und experimenteller Prosa. Gides eigene Rolle als Lektor – berühmt sein Irrtum gegenüber Prousts Du côté de chez Swann 1913 – zeigt seine Arbeit am literarischen Feld, in dem die Novellen kursierten.
Die Belle Époque (ca. 1890–1914) bildet den gesellschaftlichen Resonanzraum. Die Pariser Weltausstellung 1900 feierte Technik, Elektrizität und koloniale Expansion und nährte einen Fortschrittsoptimismus, der jedoch mit Moral- und Identitätskrisen verschränkt war. Intellektuell wirkte Henri Bergsons L’Évolution créatrice (1907) mit seiner Philosophie der durée und der Intuition; literarisch förderte dies introspektive, auf das innere Erleben gerichtete Formen. Gides Novellen antworten darauf mit kontrollierter Ambivalenz: Sie anerkennen Bewegung und Vitalität, bestehen aber auf der Notwendigkeit von Form, Maß und Entscheidung – einer Ethik des Tastsinns statt dogmatischer Systeme.
Der Erste Weltkrieg (1914–1918) veränderte die Lektürebedingungen radikal. Auch wenn viele einschlägige Texte vor 1914 entstanden, traf die Nachkriegszeit ihre knappen Gleichnisse anders: Skepsis gegenüber Pathos, Misstrauen gegenüber Kollektivideologien und die Frage nach individueller Verantwortung traten hervor. 1919, im Jahr des Versailler Vertrags, war Gides Stimme bereits als moralisch unabhängige Instanz hörbar. Die Novellen konnten nun als Antidote gegen Rhetorik gelesen werden: kleine Formen, die der Überwältigung widerstehen, indem sie Entscheidungssituationen mikrologisch vorführen und die Leserinnen und Leser in eine Haltung der Selbstprüfung versetzen.
Die koloniale Erfahrung wurde in den 1920er Jahren politisch zugespitzt. Gides Reise in den Kongo und nach Tschad 1925–1926 (mit Marc Allégret, 1900–1973) führte zu Voyage au Congo (1927) und Retour du Tchad (1928), die Zwangsarbeit und Konzessionsmissbrauch anprangerten. Diese späten Zeugnisse werfen rückwirkend Licht auf frühere Darstellungen von Fremde, Prophetie und kultureller Begegnung: Nicht Exotismus, sondern Kritik an Herrschaft mustert die Texte. Das französische Imperium als Kontext – von Algerien über Tunesien (Protektorat seit 1881) bis Zentralafrika – bildet damit eine historische Klammer, die mehrere Erzählungen und Motive transversal verbindet.
Öffentliche Debatten über Sexualität gaben Gides Themen zusätzlichen Rahmen. Sein Dialogbuch Corydon erschien 1924 (eine Privatdruckfassung kursierte 1911) und verteidigte Homosexualität in naturphilosophischen und kulturgeschichtlichen Argumenten. Zeitgleich arbeitete der Berliner Arzt Magnus Hirschfeld (1868–1935) mit dem 1897 gegründeten Wissenschaftlich-humanitären Komitee an der Entpathologisierung gleichgeschlechtlicher Liebe. Diese internationalen Diskurse bestätigten, was Gides frühere Prosa bereits als Frage stellte: Wie lässt sich Begehren denken, ohne es moralisch zu vernichten oder sentimental zu verklären? Die Novellen erscheinen so als Vorformen eines argumentativen Humanismus, der später explizit begründet wurde.
Religionsgeschichtlich dialogisieren die Texte mit dem französischen Jansenismus und seiner Kultur der Gewissensprüfung. Die Wiederlektüre Pascals (1623–1662) und das anhaltende Interesse an Port-Royal, erneuert durch Charles-Augustin Sainte-Beuves monumentale Studie Port-Royal (1840–1859), prägten die Debatten der Gebildeten. Parallel entwickelte der Theologe Auguste Sabatier (1839–1901) eine liberale protestantische Hermeneutik, die innere Erfahrung über Dogma stellte. In dieser Doppelspur – Strenge und Freiheit – verorten sich Gides Erzählungen: Sie testen, ob Heiligkeit ohne Asketismus und Lebensfülle ohne Laxheit möglich sind, und setzen dazu auf die präzisierende Kurzform statt auf Systeme.
Die Zirkulation der Texte im europäischen Raum verstärkte ihre Wirkung. Vor dem Ersten Weltkrieg und in der Weimarer Republik wurden zahlreiche Novellen ins Deutsche, Englische und andere Sprachen übertragen; Theaterreformen wie Jacques Copeaus Théâtre du Vieux-Colombier (gegründet 1913 in Paris) propagierten eine asketische Bühne, die Gides Parabelstil entgegenkam. Zeitschriftennetzwerke, Lesereisen und Korrespondenzen verankerten die Kurzprosa in einem transnationalen Modernismus. So bildete sich eine Leserschaft aus Studierenden, Pastoren, Lehrern und Künstlern, die Gleichnis und Mythos nicht als Antiquitäten, sondern als Instrumente der Gegenwartsdiagnose verstand.
Gides spätere Karriere bekräftigte die Grundlinien, die bereits die Novellen markieren. Mit Retour de l’URSS (1936) und Retouches (1937) wandte er sich gegen die Verklärung des Stalinismus und verteidigte intellektuelle Unabhängigkeit. 1947 erhielt er den Nobelpreis für Literatur; 1951 starb er in Paris. Sein Einfluss auf Albert Camus (1913–1960) und – in kontroverser Nachbarschaft – auf Jean-Paul Sartre (1905–1980) liegt in der Verbindung moralischer Ernsthaftigkeit mit formaler Nüchternheit. Die hier versammelten kurzen Texte stehen damit im Zentrum einer europäischen Literaturgeschichte, die Freiheit und Bindung, Glauben und Begehren neu vermisst.
Ein essayistischer Prosatext, der die Paradoxien des Begehrens durchspielt: Erfüllung löscht das Begehren, weshalb Erreichen und Verlangen einander widersprechen. Im Zentrum stehen Askese, Idealbildung und die Frage, ob Liebe ohne Besitz als authentisch gelten kann.
Eine komisch-philosophische Parabel, in der der nur lose gebundene Prometheus Gewissheiten und Konventionen unterläuft. Mit Witz und Paradoxien werden Freiheit, Verantwortung und bürgerliche Moral auf die Probe gestellt.
Eine dialogische Neudeutung des biblischen Gleichnisses, die die Heimkehr als innere Auseinandersetzung statt als belehrendes Exempel zeigt. Im Mittelpunkt stehen Freiheit und Schuld, die Bedingungen von Vergebung und die Schwierigkeit des Wiederanschlusses an Ordnung und Familie.
Ein symbolistischer Traktat, der den Narziss-Mythos als Weg zur Selbsterkenntnis deutet. Kunst und Symbol entstehen aus der Spiegelung des Selbst, wobei Distanz und Selbstbezug gleichermaßen produktiv werden.
Satirische Erzählung über eine charismatische Führerfigur, die die Mechanik von Glauben, Täuschung und Autorität vorführt. Der Text befragt Authentizität, Verführungskraft und kulturelle Projektionen, ohne eine einfache moralische Pointe zu liefern.
Ein psychologischer Liebesroman, in dem religiöser Idealismus eine frühe Bindung formt und zugleich einengt. Die Spannung zwischen spiritueller Reinheit und irdischem Begehren treibt die Handlung, ohne sie auf eine konventionelle Liebesgeschichte zu reduzieren.
Die Begierde ist wie eine glänzende Flamme[1q], und was sie berührt hat, ist nur noch Asche — ein leichter Staub, den ein wenig Wind verweht[2q] — lasst uns also nur denken an das, was ewig ist.
Diese Bücher werden nicht die sehr wahren Berichte über uns selber sein, — sondern vielmehr unsere traurigen Begierden, die Wünsche nach anderen Lebensformen, die auf ewig versagt sind, und alle unmöglichen Gesten. Hier schreibe ich einen Traum auf, der mein Denken zu sehr störte und ein Dasein erforderte. Ein Traum des Glücks hat mich dies Frühjahr ermattet; es hat mich nach vollkommenerem Erblühen meiner selber verlangt. Es hat mich verlangt, glücklich zu sein, als brauche ich sonst nichts zu sein — als triumphiere nicht stets über uns die Vergangenheit, — als wäre nicht das Leben geschaffen aus der Gewohnheit seines Trübsinns, und als wäre nicht das Morgen die Folge des Gestern — als kehrte hier nicht heute schon meine Seele, kaum von ihrem Traum befreit, zu ihren herkömmlichen Studien zurück.
Und jedes Buch ist nur noch eine hinausgeschobene Versuchung.
Wahrlich, nicht die lästigen Gesetze der Menschen, noch die Furcht, noch die Scham, noch der Gewissensbiss, noch die Achtung vor mir und meinen Träumen, noch du, trauriger Tod, noch der Schrecken jenseits des Grabes sollen mich hindern, mich mit dem zu vereinen, was ich begehre; nichts, nichts als der Stolz, da ich weiss, dass etwas so stark ist, mich noch stärker zu fühlen und es zu besiegen.— Aber die Freude an so hochmütigem Siege — ist so süss noch nicht, ist so gut nicht, wie euch nachgeben, Begierden, und sich ohne Schlacht besiegen lassen.
Als dies Jahr der Frühling kam, quälte mich seine Anmut; und da mir Begierden die Einsamkeit schmerzlich machten, zog ich am Morgen in die Felder hinaus. Den ganzen Tag durch strahlte die Sonne auf die Ebene; ich ging hin: träumend vom Glück. Sicherlich gibt es, dachte ich, andere Lande als diese entzauberten Heiden, wo ich die Seele auf die Weide führte. Wann werde ich, meinen grämlichen Gedanken fern, jede Freude in der Sonne einherführen können, und im Vergessen des Gestern und sovieler unnötiger Religionen das Glück umarmen, das kommen wird, stark, ohne Bedenken und ohne Furcht? Und ich wagte an diesem Abend nicht, nach Hause zu gehen, da ich mir zuviele neue Sorgen vorzustellen vermochte: ich schritt zu den Wäldern, in denen sich schon einst und so oft meine Einsamkeit verloren hatte. — Die Nacht kam, und der Mondschein. Der Wald wurde ruhig und füllte sich mit wunderbaren Schatten; der Wind rauschte; die Vögel der Nacht erwachten. Ich trat in eine tiefe Allee, wo der Sand mir zu Füssen leuchtete, und diese Weisse, der ich folgte, führte mich. Zwischen den geräumigeren Zweigen sah man, wenn der Wind die Bäume bewegte, die ungreifbare Gestalt der Nebel schweben; und da inmitten der Nacht der Tau von den Blättern rieselte, begann der Wald, als sich die Düfte erhoben hatten, Liebe zu atmen. Unter dem Kraut erzitterte es; jede Form suchte, fand, schuf die Harmonie : die grossen Blüten wiegten sich, und der befruchtende Staub schwebte leichter als der Nebel. Eine geheime und bewusstlose Freude liess sich fühlen, wie sie unter den Zweigen brauste. Ich wartete. Die Nachtvögel weinten. Dann verstummte alles; es war die Sammlung vor dem Tagesgrauen; die Freude wurde heiter und meine Einsamkeit verloren unter der bleichen, beratenden Nacht.
Qualquiera ventio que sopla.
Ein leichter Staub, den ein wenig Wind verweht.
Der Morgen kam. Mit Blüten beladen, trat Lukas aus dem Wald hervor, nachttrunken noch und ein wenig starr von der Morgenfrische; er setzte sich auf die Böschung des Waldrands, um des Aufgangs der Sonne zu warten. Vor ihm dehnte sich eine feuchte Wiese, bunt durchwirkt mit Blumen und dunstig vom Wasser und blank. Lukas erwartete das ganze Glück, zuversichtlich und des Glaubens, es werde kommen, wie sich ein Bienenschwarm niederlässt, und für ihn habe alles sich schon auf den Weg gemacht. Die Morgenröte erzitterte vor unendlicher Freude, und der Frühling entsprang auf einen Ruf des Lächelns. Singen erscholl, und es erschien ein Reigen junger Mädchen. Ausgelassen und vom Grase benetzt, das Haar noch gelöst von der Nacht her, pflückten sie alle Blumen, und indem sie den Rock wie zum Korbe hohen, liessen sie ihre nackten Füsse tanzen. Dann stiegen sie, von ihren Reigen rasch ermüdet, die Wiese hinab, zu den Quellen, sich dort zu baden, zu spiegeln und für die Freuden des Tages zu rüsten. — Als sie sich verliessen, vergass eine jede ihre Gefährtinnen. Rahel allein kam zurück, nachdenklich; sie nahm die gefallenen Blumen wieder auf und bückte sich, als wolle sie neue pflücken, um nicht zu sehen, wie Lukas nahte. Sie pflückte Butterblumen, Salbei und Margeriten und alle Blumen der Weide. Lukas brachte den Fingerhut aus den Schluchten und violette Hyazinthen. Er war Rahel ganz nahe; jetzt flocht sie die Blumen. Lukas wollte seine Blumen zu ihrem Kranze tun, aber er wagte es nicht; und plötzlich warf er sie ihr zu Füssen und sagte: Dies sind düstere Blumen aus den Wäldern, und ich habe sie im Schatten gepflückt, — für euch, denn ihr erschienet; ich hatte die ganze Nacht durch gesucht. Ihr seid schön wie der Frühling dieses Jahres, und ihr seid jünger noch als ich. Und heute Morgen habe ich eure Fusse nackt gesehen. Ihr wäret mit euren Gefährtinnen, und ich wagte mich nicht zu nähern; jetzt seid ihr die einzige. Nehmt meine Blumen und kommt, ich bitte euch; lasst uns uns reizende. Freuden lehren.
Rahel lächelte aufmerksam; Lukas hatte sie bei der Hand genommen, und so gingen sie gemeinsam nach Hause.
Der Tag verstrich mit Spielen und Lachen. Abends kehrte Lukas allein zurück. Die Nacht kam; schlummerlos für ihn; oft verliess er sein zu heisses Bett und ging in seinem Zimmer umher oder neigte sich aus dem offenen Fenster. Ihn verlangte, jünger zu sein und von grösserer Schönheit, denn er dachte, zwischen zwei Wesen habe die Liebe den Glanz ihrer Leiber. — Die ganze Nacht begehrte Lukas Rahel. Am Morgen lief er zu ihr.
Eine Fliederallee führte zu ihrer Wohnung, dann kam ein Garten voll Rosen, umschlossen von einem niederen Gitter; von Anfang anhörte Lukas Rahel singen. Er blieb bis zum Abend, dann kam er am folgenden Tage wieder; — jeden Tag kam er wieder; beim Erwachen brach er auf; Rahel wartete lächelnd im Garten.
Tage vergingen; Lukas wagte nichts; Rahel gab sich zuerst. — Eines Morgens, als er sie nicht unter der gewohnten Hagebuche gefunden hatte, entschloss sich Lukas, in ihr Zimmer hinaufzusteigen. Rahel sass auf dem Bett, die Haare gelöst, fast nackt, bedeckt nur mit einem Schal, der schon fast ganz herabgeglitten war; sicherlich wartete sie. Lukas kam, errötete, lächelte — aber da er ihre köstlichen Beine so zart gesehen hatte, fühlte er eine Zerbrechlichkeit darin, und er kniete nieder vor ihr und küsste ihr die feinen Fusse; dann legte er ihr den Schal wieder um.
Lukas verlangte es nach der Liebe, aber ihn schreckte der fleischliche Besitz wie etwas Verdorbenes. Traurige Erziehung, die wir erfuhren, die uns schluchzend und herzenszerrissen oder aber grämlich und einsiedlerisch die doch so glorreich heitere Lust vorausfühlen liess! Wir werden Gott nicht mehr bitten, uns zum Glück zu erheben. — Aber nein! nicht so war Lukas; denn es ist eine Sucht, des Hohnes wert, stets sich gleich zu machen, wen man erfindet. — Lukas also ergriff Besitz von dieser Frau.
Wie soll ich jetzt ihre Freude schildern — es sei denn, ich erzähle rings um sie von der Natur, die gleich war, ebenso freudig, die teil nahm. Ihre Gedanken waren nicht mehr wichtig: da sie sich nur noch damit beschäftigten, glücklich zu sein, waren ihre Fragen Wünsche, waren Befriedigungen die Antworten. Sie erfuhren die Vertraulichkeiten des Fleisches, und ihre Intimität wurde heimlicher von Tag zu Tag.
Eines Abends, da er sie seiner Gewohnheit nach verlassen wollte, sagte sie: Weshalb gehst du? willst du einer Liebe halber fort, gut — so geh — ich bin nicht eifersüchtig. Sonst bleibe — komm: mein Lager lädt dich ein.
Von da an blieb er jede Nacht.
Die Luft war lauer geworden, die Nacht so schön, dass sie das Fenster nicht mehr schlössen: sie schliefen so unter dem Mond — und da ein Rosenstrauch voller Blüten aufstieg, das Fenster umrankte, so hatten sie seine Zweige gefangen genommen: der Duft der Rosen mischte sich dem der Sträusse im Zimmer. Der Liehe willen schliefen sie sehr spät ein; ihr Erwachen war wie das des Rausches — sehr spät, noch müde von der Nacht. Sie wuschen sich in einer klaren Quelle, die aus dem Garten floss, und Lukas sah zu, wenn Rahel, nackt, unter den Blättern, badete. — Dann brachen sie zum Spaziergang auf.
Oft erwarteten sie den Abend, im Grase sitzend und ohne etwas zu tun; sie sahen der Sonne zu, wie sie sank; dann, wenn die Stunde endlich milder wurde, kehrten sie langsam zur Wohnung zurück. Das Meer war nicht fern; bei starken Fluten vernahm man Nachts, leise, das Rollen der Wogen. Bisweilen stiegen sie bis zum Strande hin-ah; es ging durch ein enges und gewundenes Tal ohne Bach; Stechginster wuchs dort und Pfriemkraut, und der Wind jagte den Sand hindurch; dann tat der Strand sich auf: es war eine Bucht ohne Barken und Schiffe; doch das Meer war ruhig dort. Fast gegenüber sah man auf der gebogenen Küste, die in der Ferne eine Insel zu bilden schien, an eben diesem Punkt bemerkte man etwas wie das prunkvolle Gitter eines Parkes; Abends leuchtete es wie Gold. — Bald fand Rahel im Sand keine Muscheln mehr; sie langweilten sich vor dem Meer.
Nicht fern lag auch ein Dorf, aber sie gingen wegen der Armen nicht oft hindurch.
Wenn es regnete, oder wenn sie aus Saumseligkeit nicht einmal in die Wiesen gingen, bat Rahel, ausgestreckt, während Lukas ihr zu Füssen sass, ihr eine Geschichte zu erzählen: Sprich, sagte sie, ich höre jetzt zu; höre nicht auf, wenn ich schlummere: erzähle mir von den Gärten im Frühling — du weisst wohl, und jenen hohen Terrassen.
Und Lukas erzählte von den Terrassen, von den Kastanien in Reihen, von den Gärten, die über der Ebene hängen: — am Morgen kamen die kleinen Mädchen dorthin, um zu spielen und ihren Reigen zu tanzen, und die Sonne lag noch so niedrig über der Ebene, dass die Bäume keinen Schatten gaben.
Ein wenig später traten grosse, ruhige junge Mädchen zwischen die Beete und wanden Kränze — wie du es tatest, Rahel. Gegen Mittag kamen Paare hinzu — und als die Sonne über die Bäume gestiegen war, machte das undurchsichtige Gewölbe der Zweige die Allee, so schien es, frischer; die darin spazieren gingen, sprachen nur noch mit leiser Stimme zu einander. Ein wenig später, als sie weniger geblendet war, begann man die Ebene zu sehen, auf der der Sommer ausgegossen schien. Spaziergänger stützten sich auf, lehnten sich gegen die Balustraden; Gruppen von Frauen setzten sich, die einen spulten Wollgarn ab, das andere zu Handarbeiten verwendeten. Stunden verstrichen. Es kamen die Schüler, als die Schulen zu Ende waren; Kinder spielten mit Kugeln. Der Abend sank herab; die Spaziergänger wurden einsam; doch ein paar, die noch beisammen waren, sprachen bereits vom Tage wie von etwas Beendetem. Der Schatten der Terrasse stieg auf die Ebene nieder, und ganz am Ende des Horizontes erschien am klaren Himmel, sehr fein und rein, der Mond. — Ich bin gekommen, die Nacht auf der verlassenen Terrasse zu irren..... — Lukas verstummte und sah Rahel an, die beim Tonfall der Worte entschlummert war. Sie machten noch einen längeren Spaziergang; es war um das Ende des Frühlings. Als sie den Hügel überschritten hatten, an dem ihr Haus gelegen war, fanden sie auf dem entgegengesetzten Hang in halber Höhe einen Kanal. Eine Pappelreihe lief an ihm hin; ein aufgeböschter Weg folgte ihm; dahinter senkte der Boden sich weiter. Da sie auf einer Brücke den Kanal hatten überschreiten können, trieb sie die brennende Sonne, dem Rande des Wassers zu folgen. Aus dem Tal stieg in Wogen eine Glut empor; die Luft zitterte auf den Feldern; in der Ferne erstäubte eine grosse Strasse, wenn ein Karren auf ihr hinfuhr; sie sahen den Sommer auf der Ebene. Der Weg, die Bäume, der Kanal folgten beharrlich den Windungen des Hügels; sie folgten also dem Kanal auf dem Ufer; an das andere Ufer trat ein kleiner Wald heran. — Das war alles. So gingen sie sehr lange weiter; aber da sie sahen, dass es ins Unbestimmte so fortging, kehrten sie, als sie genug hatten, zurück.
Gnädige Frau — Ihnen werde ich diese Geschichte erzählen. Sie wissen, unsere traurige Liebe hat sich auf der Heide verirrt, und eben Sie beklagten sich einstmals, dass es mir soviel Mühe machte zu lächeln. Diese Geschichte ist für Sie: ich habe darin gesucht, was die Liebe gibt; wenn ich nichts gefunden als Langeweile, so bin ich schuld: Sie hatten mich verlehrt, glücklich zu sein. — Wie die Freude in einem Buche kurz ist, und wie schnell sie erzählt ist; wie alltäglich ein Lächeln ist, ohne Laster und Melancholie! Und dann, was geht uns die Liebe der andern an, die Liebe, die für sie das Glück ausmacht.2 — Um so schlimmer für sie! Lukas und Rahel liebten sich; um der Einheit meiner Erzählung willen taten sie sogar nichts anderes; sie lernten nichts von der Langenweile kennen, als eben die des Glücke. — Das Pflücken der Blumen war ihre einförmige Beschäftigung. Sie schoben die Begierde nicht um einer ferneren Verfolgung willen von sich; und sie kosteten wenig von der Sehnsucht des Harrens. Sie kannten jene Geste nicht, die eben das zurück-stösst, was man umarmen möchte — wie wir es taten, ah! gnädige Frau — aus Furcht vor dem Besitz, und aus Liebe zum Pathetischen. — Sie pflückten alsbald jede wünschbare Blume, ohne Sorge darum, dass sie in ihren warmen Händen allzu rasch verwelkt sein musste. — Glücklich, die ihnen gleich ohne Bewusstheit werden lieben können! Sie würden kaum davon müde; — denn nicht so sehr die Liebe, und nicht so sehr die Sünde, wie die Reue darüber ermüdet. Daher hatten sie diese Gewohnheit angenommen, auf den Wassern der Vergangenheit ihre schwimmenden Handlungen wenig anzusehen; und ihre eigene Freude kam ihnen aus der Unkenntnis des Trübsinns; sie erinnerten sich nur der Küsse und der Besitznahmen, die man wiederholen kann. Da kam ein Moment, in dem sich ihrer beider Leben wahrhaft verschmolz. Es war zur Sommersonnenwende; in der rein blauen Luft zeigten über ihnen die hohen Zweige souveräne Schlankheit.
Sommer! Sommer! Einer Hymne gleich müsste man das singen. — Fünf Uhr; — ich hin aufgestanden; da graut der Tag, und ich hin durch die Felder hinausgezogen. — Wüssten sie, was alles an frischem Tau auf dem Grase liegt, an kaltem Wasser, in dem die fröstelnden Fusse des Morgens baden werden; wüssten sie von den Strahlen auf den Feldern, und von der Betäubung der Ebene; wüssten sie von dem Empfang des Lächelns, den die Morgenröte dem bereitet, der im Gras zu ihr hinabsteigt — sie blieben nicht schlafen, denke ich mir —, aber Lukas und Rahel sind schlaff von den Küssen der Nacht, und diese Liebesschlaffheit hat an Lächeln ihnen vielleicht in die Träume mehr gelegt, als der Tagesanbruch auf die Felder legt.
Doch eines Morgens zogen sie aus; sie suchten jenes selbe Tal auf und den Kanal, dem sie eines Frühlingstages folgten; aber da sie den Hügel, statt ihn zu überschreiten, umgangen hatten, kamen sie zu einem Ort, wo der Kanal sich einem breiten Fluss anschloss; der Kanal diente zum Tauen; sie überschritten das Wasser auf einer Schleuse und folgten dem Leinpfad, mit dem Kanal zur Rechten, zur Linken dem Fluss. Auf dem anderen Ufer des Flusses war auch eine Strasse. Und diese fünf parallelen Wege zogen sich in dem engen Tal, soweit sie sehen konnten, hin. Ihr Spaziergang war an diesem Tage ziemlich lang, aber nicht interessant zu erzählen.
