Der Schlüssel zur Gesundheit - Ulrich Strunz - E-Book + Hörbuch

Der Schlüssel zur Gesundheit Hörbuch

Ulrich Strunz

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Beschreibung

Es gibt einen Grund für seine außergewöhnlichen Erfolge als Arzt: sein ganzheitliches Verständnis vom Menschen. Basierend auf den Erfahrungen und Erkenntnissen aus seiner ärztlichen Praxis, entwickelt Dr. Strunz hier erstmals seine Philosophie des Heilens – und eröffnet eine aufregend neue Sicht auf die Zusammenhänge von Körper und Geist, von Gesundheit und Krankheit. Spannende Antworten auf die Frage, was uns krank macht und wie Gesundheit geschieht!

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Zeit:6 Std. 18 min

Sprecher:Martin Harbauer

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Impressum

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen. Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

© 2016 by Wilhelm Heyne Verlag, München

in der Verlagsgruppe Random House, Neumarkter Str. 28, 81673 München

www.heyne.de

Projektleitung: Ernst Dahlke

Redaktion: Nina Andres, München

Bildredaktion: Tanja Zielezniak

Coverdesign: Eisele Grafik-Design, München

Layout/DTP-Bearbeitung: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling/Kim Winzen

ISBN: 978-3-641-20163-0V003

Danksagung

Mein besonderer Dank gilt Anne Jacoby sowie Dr. Kristina Jacoby für ihre großartige Unterstützung.

Haftungsausschluss

Die Ratschläge in diesem Buch sind sorgfältig erwogen und geprüft. Sie bieten jedoch keinen Ersatz für kompetenten medizinischen Rat. Alle Angaben in diesem Buch erfolgen daher ohne jegliche Gewährleistung oder Garantie seitens des Autors und des Verlages. Eine Haftung des Autors bzw. des Verlages und seiner Beauftragten für Personen-, Sach- und Vermögensschäden ist ausgeschlossen.

Bildnachweis

Fotolia.com:Maksim Shebeko, Alextype, Billion Photos.com, LoloStock, Microgen, René Röttger, Robert Kneschke, ARochau, Borkia, Dmitry Naumov

dr.med. ulrich

strunz

DerSchlüssel

zurGesundheit

Erfahrungen und Überzeugungen eines passionierten Arztes

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1. Vom kleinsten Teilchen zu den Genen

Was ganz am Anfang war

Auf der Suche nach dem Bauplan des Lebens

Das MacGuffin-Phänomen

Geheimnis Genschalter

Einfach leben

Erster Schlüssel: Respekt

2.Der Mensch ist ein Läufer

Leben heißt Bewegung

Durch die Welt federn

Laufend gesund

Klug, kreativ und erfolgreich

Ganz bei sich

Zweiter Schlüssel: Laufen

3.DeinKörperweiß mehr, als du denkst

Kulinarische Körperintelligenz

Zurück zur Körperklugheit

Dritter Schlüssel: Epigenetik

4.Dein Geist findet den Weg

Der Geist formt den Körper – und umgekehrt

Fühlen heißt Denken

Auch schlafen heißt denken

Rationale Metaphysik

Dem Geist auf die Sprünge helfen

Wundermittel Meditation

Vierter Schlüssel: Meditation

5.Deine Zeit ist jetzt

Zeit ist relativ

Du bist, was du tust

Glück im Jetzt

Fünfter Schlüssel: Perspektive

6.Dein Weg führt nach vorn

Eine Glaubensfrage

Die Welt wechseln

Das Geheimnis des inneren Antriebs

Sechster Schlüssel: Glauben

7.Altern ist eine schlechteAngewohnheit

Jung für immer

Muskeln altern nicht

Seevögel machen es vor

Forever Young ist essbar

Noch mal anders anfangen

Siebter Schlüssel: Anstrengung

8.Es gibt keine Grenze

Begrenzte Vorstellungen

An Grenzen wachsen

Achter Schlüssel: Mut

9. Alles ist verbunden

Das ICH im Ozean

Einsteins »Spukhafte Fernwirkung«

Neunter Schlüssel: Verbundenheit

10. Neben das Schwarze zielen

Warum wir nicht zu sehr wollen sollen

Frohmedizin meint den ganzen Menschen

Wir sind Sternenstaub

Zehnter Schlüssel: Vertrauen

Literatur

Register

Vorwort

Dieses Buch ist anders als meine bisherigen Bücher: Es geht nicht mehr nur um Vitamine, Eiweiß, Fette, Laufen und Mentaltraining. Die Perspektive ist weiter gestellt. Sie zoomt von unserer kleinsten Zelle bis zu unserem Standort im Universum. Wie ein Film. Und fragt von Einstellung zu Einstellung: Was ist der Schlüssel zur Gesundheit?

Anders als sonst finden Sie in diesem Buch mehr als knallharte, kurze Ratschläge. Gebrauchsanleitungen. Die finden Sie auch – aber es geht jetzt um mehr.

Mit diesem Buch möchte ich Sie einladen zu einer abenteuerlichen Reise: Sie beginnt mit den ersten Teilchen im Universum, geht weiter zur Nahaufnahme der winzigen DNA, dann Schritt für Schritt zu den Blutzellen, zu unserem Körper, zu unserem Geist. Wir sehen den Menschen als Läufer, dann seinen Lebensweg, dann die prinzipielle Grenzenlosigkeit des Lebens, schließlich das komplette Universum, in dem alles mit allem verbunden ist – und das uns schließlich zum einzelnen »Ich«, also zu Ihnen, zurückbringt.

Dieses Buch spricht Ihre linke Gehirnhälfte an – das ist diejenige, die für Trainingspläne zuständig ist, für Rationalität, für Logik. Es geht um folgende Fragen:

Was bedeuten die aktuellen Antworten der Epigenetik und der Molekularmedizin heute für uns? Warum bringt uns ausgerechnet das Laufen dem Geheimnis Gesundheit näher? Wie wirken unsere Gedanken auf unseren Körper? Gibt es eine Brücke von alten Weisheitslehren wie Huna (Hawaii) oder Vedanta (Indien) hin zu den aktuellsten Ergebnissen der Quantenphysik? Wenn ja: Was heißt das konkret für Sie und für mich?

Dieses Buch spricht aber auch Ihre rechte Gehirnhälfte an. Ihr Gefühl, Ihre Intuition. Nehmen Sie sich also Zeit. Einen ruhigen Abend, einen gemütlichen Sessel, vielleicht ein Kaminfeuer, und tauchen Sie ein in eine ungewöhnliche Abenteuerreise. Auf der Sie hoffentlich

ganz plötzlich

einen »Aha«-Moment erleben. Ein »Wie war das?«, »Was war das soeben?« Ein jähes, plötzliches Aufwachen.

So geht es unseren Astronauten auf der ISS. Sie schauen die Erde, sich selbst aus einer neuen Perspektive an – und plötzlich haben sie ihren neuen Schlüssel gefunden: »So ist das Leben!« Und: »Das bin ja ich!«

Dann hat sich die ganze lange Abenteuerreise gelohnt. Für diesen einen Moment. Wenn Sie den erleben, wird sich Ihr Leben ändern. Sie werden IHREN Schlüssel gefunden haben, den Schlüssel zu Ihrer Gesundheit. Den Schlüssel zu Ihrem Lebensglück.

In diesem Buch finden Sie zehn davon. Zehn Schlüssel. Vermutlich ist nicht jeder von diesen Schlüsseln für Sie relevant. Suchen Sie sich ganz frei die Schlüssel aus, mit denen Sie sich für Ihre Gesundheit, für Ihr Leben neue Perspektiven aufschließen können.

Es geht um Sie.

Ich wünsche uns eine spannende Reise!

Und Ihnen alles erdenklich Gute.

Herzlichst, Ihr

1.

VomkleinstenTeilchen zu den Genen

Wie das Leben in die Welt kam, was wir über den genetischen Code wissen und was immer noch nicht. Warum wir unseren Genen Gutes tun sollten, wie das auf unsere Zellen wirkt und warum das in Italien viel leichter ist als in Norddeutschland.

UmschmeichledeineGene,

dann verwöhnen

Was ganz am Anfang war

Rund 14 Milliarden Jahre ist es her: Alles, was wir heute kennen, war in einem einzigen, unfassbar winzigen »Etwas« zusammengeballt, das wir uns nicht wirklich vorstellen können. Es war ohne Zeit. Ohne Ort. Vielleicht war es Energie. Oder Bewusstsein. Oder gar nichts. Wir wissen es nicht …

Jedenfalls ging es plötzlich los: Kleinste Teilchen. Größtes Chaos. Heißes, brodelndes, gleißend helles Plasma schoss in alle Richtungen auseinander. Protonen, Neutronen, Elektronen. Bang! (Wahrscheinlich … wir wissen auch das nicht genau.)

400000 Jahre lang brodelte gleißend heißes Plasma – dann wurde es dunkel. Das Universum kühlte sich von ziemlich warmen drei Milliarden Grad auf nur noch 900 Millionen Grad ab. Protonen und Elektronen formierten sich in diesem abkühlenden Universum zu Wasserstoffatomen und schluckten jede Strahlung. Komplett. Zack: Dunkel.

Was danach geschah? Wahrscheinlich klumpte sich Dunkle Materie zusammen. Und die Schwerkraft dieser Klumpen brachte den Wasserstoff dazu, sich ebenfalls zusammenzuballen. Zu gigantischen Gaswolken – viel größer als unsere Sonne –, die im Inneren irgendwann so heiß wurden, dass die unter Druck gesetzten Wasserstoffatome in Kernfusionen verschmolzen. Bis in diesen frühen Sternen der Kernbrennstoff verbraucht war. Und wieder: Bang!

Große Sterne explodierten als Supernova, noch größere Sterne stürzten zu gigantischen Schwarzen Löchern zusammen. Die bis heute alles verschlucken: Licht, Raum, Zeit. Deshalb können wir nicht reingucken. Wir können aber heute noch sehen, dass es Schwarze Löcher gibt. Weil wir durch weite Strecken des Universums hindurchschauen können. Das war nicht immer so. In der Zeit, als das Universum angefüllt war mit ersten Wasserstoffatomen, konnte man noch nicht so einfach durchgucken. Doch dann zerbrach eine Energie die Wasserstoffatome in Einzelteile – und der Sternenhimmel wurde klar.

Spots on!

Aber welche Energie? Einige Forscher tippen auf die von den frühen Sternen ausgehende UV-Strahlung, andere auf die Energie der riesigen Gasstrahlen, die Schwarze Löcher typischerweise ausblasen. Diese sogenannten galaktischen Jets sind so hell und so groß, dass wir sie von der Erde aus sehen können.

Wir stehen heute also nicht mehr in einem absolut finsteren Universum. Aber weil es vor der »durchsichtigen« Zeit eine finstere Zeit gab, wissen wir nicht, was ganz am Anfang geschah. Wir können mit keinem Teleskop aus dieser Dunkelheit Signale empfangen. Wir sehen einfach … nichts. Der für die Theoriebildung sehr wichtige, aber ziemlich in Vergessenheit geratene belgische Astrophysiker und katholische Priester Georges LemaÎtre (1894 bis 1966) beschrieb es sehr treffend:

»Wir kamen zu spät, darum bleibt uns nichts anderes mehr übrig, als den prachtvollen Geburtstag der Schöpfung in (mathematische) Bilder zu kleiden.«

Es scheint uns lediglich plausibel, dass

sich das Universum weiterhin ausbreitet,dass nur etwa 4,9 (!) Prozent der Energiedichte des Universums aus der Materie besteht, die unseren Sinnen und unserem Verstand zugänglich sind,26,8 Prozent wahrscheinlich Dunkle Materie beisteuert und68,3 Prozent eine Dunkle Energie.

Was Dunkle Materie und Dunkle Energie ist? Nichts Genaues weiß man nicht. Die Mathematiker tüfteln weiter an der Weltformel, die theoretischen Physiker rechnen mit schwer verständlichen Zusatzdimensionen, die Nachwuchsforscher machen sich über eindimensionale Strings als Grundbausteine einer vieldimensionalen Gesamtwelt Gedanken, die Forscher am Kernforschungszentrum CERN in der Schweiz zerschießen weiter kleinste Teilchen – aber sie alle tappen immer noch ziemlich im Dunkeln.

Sind wir alle Aliens?

Wenig erstaunlich, dass auch über den Beginn des Lebens auf der Erde mehr spekuliert als gewusst wird. Wie konnte es passieren, dass sich die auf der frühen Erde verfügbaren Teilchen ausgerechnet zu Purinen zusammenfanden – also zu Schlüsselbestandteilen unserer Gene?

Thomas Carell, ein Chemiker der Ludwig-Maximilians-Universität in München, und sein Team versuchen zum Beispiel, Purine ausschließlich aus Stoffen nachzubauen, die auch schon auf der frühen Erde in freier Form vorhanden waren. Sie sind schon ein Stück weit gekommen. Doch noch lange nicht am Ziel. Und selbst wenn ihnen die Synthese gelingen sollte, wissen wir immer noch nicht, warum sich die Teilchen ausgerechnet zu den Grundbausteinen des Lebens zusammengeschlossen haben. Statt zu etwas komplett anderem. Oder zu nichts.

Wo also kommt das Leben her? Vielleicht ist Ihnen der Name Francis Crick schon einmal begegnet. Er ist einer der beiden Forscher, die in den 1950er Jahren die DNA entdeckt hatten. Ein kreativer Kopf, den die Frage nach der Entstehung des Lebens auch 20 Jahre nach seiner bahnbrechenden Entdeckung nicht losließ. Zusammen mit seinem Kollegen Leslie Orgel kam er auf die Idee, dass das Leben gar nicht auf der Erde entstanden ist. Sondern außerirdisch! So schrieben die beiden 1973 einen Aufsatz mit dem Titel »Directed Panspermia«, worin sie erklärten, dass das Leben via Meteorit auf der Erde eingeschlagen sei.

Klingt völlig verrückt. Wurde auch lange nicht ernst genommen. Aber im Mai 2016 lese ich in der Süddeutschen Zeitung, dass die »Rosetta«-Sonde der Europäischen Raumfahrtagentur auf einem Kometen mit dem schönen Spitznamen »Tschuri« (eigentlich: Tschurjumow-Gerassimenko) die Aminosäure Glycin und das chemische Element Phosphor nachgewiesen habe. Das wissen wir: Ohne Aminosäuren und Phosphor ist Leben nicht möglich.

Schon 2009 hatte die Sonde »Stardust« Daten geliefert, aus denen auf Aminosäuren geschlossen werden konnte. Aber nur auf indirektem Weg. Laut Kathrin Altwegg von der Universität Bern ist es jetzt gelungen, diese Ergebnisse mit Hilfe eines Massenspektrometers zweifelsfrei zu bestätigen.

Stammen also alle Lebewesen auf der Erde von Aliens ab? Tja: Könnte man so sehen. Muss man aber nicht. Andere Forscher vermuten, das erste Leben ist in heißen Quellen entstanden. Oder in der Tiefsee. Oder, oder …

Wir wissen es nicht. Haben aber allen Grund dazu, ehrfurchtsvoll ganz tief den Hut zu ziehen: Vor dem Leben. Dem Großen, dem Ganzen. Vor unserem Universum. Von dem wir nicht exakt wissen, seit wann es existiert, woraus genau es entstanden ist, in wie vielen Dimensionen es existiert, ob es noch in x weiteren Varianten da ist, wie genau es sich ausdehnt, ob es einmal enden oder ewig pulsieren wird.

Wie auch immer das alles passiert ist … Respekt!

Genau dieser Respekt wäre also der erste Schlüssel zur Gesundheit.

Auf der Suche nach dem Bauplan des Lebens

Auch wenn wir immer noch nicht wissen, warum und wie erstes Leben auf der Erde entstanden ist, wissen wir doch heute viel über die wichtigsten Grundbausteine des Lebens: RNA (kurz für Ribonukleinsäure) und DNA (Desoxyribonukleinsäure – das »A« am Ende der Abkürzungen stammt vom englischen Wort für Säure: »acid«).

Die Forschung rund um das Geheimnis unserer Gene läuft tatsächlich schon seit mehr als 100 Jahren: Schon Ende des 19. Jahrhunderts hatten Forscher aus Deutschland die Nukleinsäure gefunden (1889, Richard Altmann) und die vier darin enthaltenen organischen Basen Adenin, Thymin, Guanin und Cytosin (1896, Albrecht Kossel). Im Jahr 1909 prägte der dänische Botaniker Wilhelm Johannsen den Begriff »Gen« – und zwar als Platzhalter für etwas, das er noch nicht genauer beschreiben konnte.

Dann geschah etwas Seltsames. Obwohl es bis 1950 nur in kleinen Schritten gelang zu verstehen, wie genau Erbinformationen weitergegeben werden, verwandelte sich ebendieses »Gen« in der Diskussion der Wissenschaftler praktisch unter der Hand von einer Idee in einen »Stoff«. Gut: Man hatte schon in den 1940ern die Chromosomen entdeckt, das sind die aufgewickelten, mit Proteinen gespickten DNA-Stränge, die so groß sind, dass man sie während einer Zellteilung unter dem Mikroskop beobachten kann. Man nahm an, dass die Gene Träger der Erbsubstanz seien. Aber in welcher Form die Erbinformationen in den Chromosomen vorhanden sind, blieb bis 1953 unklar. Das »Gen« blieb eine »konzeptionelle Krücke«.

»Ein möglicher Kopiermechanismus«

Dann kam Francis Crick. Ein schrulliger Brite. Zusammen mit seinem amerikanischen Kollegen James Watson kam er dem Aufbau der DNA auf die Spur. Die beiden sahen, dass man das Molekül mit der Erbinformation im Inneren unserer Zellen darstellen kann wie eine Wendeltreppe. Außen steht ein Grundgerüst aus Phosphat, die Treppenstufen werden von unterschiedlichen Basenpaaren gebildet. Wobei die genaue Zusammensetzung und die Abfolge dieser Paare den Code des Lebens darstellen.

Diese Entdeckung veröffentlichten die beiden am 25. April 1953 im Fachjournal »Nature« in dem Aufsatz »Molecular Structure of Nucleic Acids«. Wie gesagt: Dahinter stand ein Brite. Der hier mit großem Tamtam eine Weltsensation hätte herausposaunen können. Der sich für den Nobelpreis hätte in Stellung bringen können, der ein neues Zeitalter nach Darwin hätte einläuten können, der sich selbst zum ersten Helden der Molekulargenetik hätte stilisieren können. Hat er aber nicht. Der Brite. Stattdessen schrieb er mit seinem Kollegen eine einzige Seite von feinstem Understatement:

»Es ist unserer Aufmerksamkeit nicht entgangen, dass die von uns vorgeschlagenen Paarungen auf einen möglichen Kopiermechanismus des genetischen Materials hinweisen.«

Da war es also: das (vermeintliche!) Buch des Lebens. Das (vermeintliche!) Superprogramm, das alles Leben steuert. Vermeintlich? Ja. Heute wissen wir, dass das Wendeltreppenbild ein sehr gutes Modell war. Aber eben doch nur ein Modell. »In echt« ist alles viel komplizierter. Und sieht nicht einmal aus wie eine Wendeltreppe. Doch bleiben wir erst einmal bei diesem Bild.

Letztendlich konnte diese Sensation auch der Aufmerksamkeit der wissenschaftlichen Gemeinde nicht entgehen. Neun Jahre nach der Veröffentlichung hielten die beiden DNA-Entdecker den Nobelpreis für Medizin dann doch in ihren Händen.

In jeder Zelle eine Wendeltreppe

Die DNA (Desoxyribonukleinsäure) besteht aus den Bausteinen Adenin, Guanin, Cytosin und Thymin – alle vier sind Basen (vereinfacht gesagt sind Basen die Gegenstücke zu Säuren). Die DNA setzt sich aus einer Abfolge von Bausteinpaaren zusammen, die in zwei Varianten vorkommen: Die eine Paarung besteht aus den Basen Adenin und Thymin, das andere Paar aus Guanin und Cytosin. Ein »Phosphatrückgrat« aus alternierenden Desoxyribose- und Phosphorsäure-Untereinheiten hält den Strang zusammen. Insgesamt sieht die DNA aus wie eine Doppelhelix – einfacher gesagt: wie eine Wendeltreppe.

Aktuell gehen Forscher davon aus, dass mindestens 85 Prozent des menschlichen Genoms umgeschrieben werden in Ribonukleinsäure, kurz RNA. Warum das so ist, wird heftig diskutiert. Unklar ist auch, warum die RNA sich »in allerlei komplexe Spiralen, Ausbuchtungen, Pseudoknoten, Hammerköpfe, Haarnadeln und andere 3-D-Motive faltet«.

Die RNA (Ribonukleinsäure) besteht aus den Bausteinen Adenin, Guanin, Cytosin und Uracil (statt Thymin). Es gibt jede Menge unterschiedliche RNA-Arten, sie übernehmen verschiedene Aufgaben:

mRNAs sind Kopien ausgewählter DNA-Abschnitte, so etwas wie kopierte Bauanleitungen für Proteine aller Art.tRNAs sammeln die Aminosäuren für die neu zu bauenden Proteine ein.rRNAs sind so etwas wie die Zipper an Reißverschlüssen, sie fügen den Basenpaaren der mRNA die passenden, mit jeweils einer Aminosäure beladenen tRNAs zu.Gleich mehrere Arten von RNAs, die asRNAs, die siRNAs und die miRNAs, kontrollieren die Aktivität der Gene.

Die Abfolge der Basenpaare in der DNA entspricht einem Bauplan, der immer wieder abgelesen werden kann. Bei einer Zellteilung (in der Fachsprache Replikation) werden die beiden DNA-Stränge getrennt und kopiert, Base für Base. Jede Zelle erhält einen vollständigen Satz. Wenn ein neues Protein gebaut werden soll (Transkription), wird der Strang ebenfalls an einzelnen Stellen aufgetrennt und kopiert. Taucht in der DNA die Base Thymin auf, so erhält die RNA-Kopie stattdessen den Baustein Uracil. Anhand der Kopie entsteht das neue Protein, weitere RNAs helfen dabei.

Vorsicht: Genfetischismus

Gleich nach der DNA-Entdeckung ging es los mit den Missverständnissen, mit den Fehldeutungen und falschen Hoffnungen, von denen wir uns bis heute nicht erholt haben. In den 1960er und 1970er Jahren wurden kybernetische und systemtheoretische Modelle schick. Und so wurden das noch offene Konzept »Gen« und die geheimnisvolle Wendeltreppe »DNA« ganz schnell von noch nicht ganz verstandenen Prozessen des Lebens »in bestimmbare Bausteine des Lebens verwandelt und als eine Information begriffen, die entziffert, gelesen und umgeschrieben werden kann«.

Es setzte sich sogar die Vorstellung fest, Gene seien so etwas wie autonome Programme. Und alles, was an Gesundheit oder Krankheit im Organismus auftauche, sei eine direkte Folge bestimmter Gene. So müsse es doch, glaubte man, für jede Besonderheit ein bestimmtes Gen geben: für Krebs genauso wie für Übergewicht, für Alkoholismus genauso wie für Homosexualität und für Plattfüße genauso wie für grüne oder braune Augen. Nein, nein, so einfach sei es nun nicht, fanden andere Forscher und gaben einen gewissen Umwelteinfluss zu bedenken. So kursierten bald Prozentzahlen: Diese Krankheit sei zu 40 Prozent genetisch und zu 60 Prozent durch die Umwelt ausgelöst, jene zu 80 Prozent genetisch und zu 20 Prozent durch die Umwelt bedingt. Ich bin wie auch viele Forscher davon überzeugt, dass es sich hier um ein großes Missverständnis handelt. Sehr treffend auf den Punkt gebracht durch den französischen Genomforscher Daniel Cohen:

»Das Angeborene zählt hundert Prozent; das Erworbene zählt ebenfalls hundert Prozent.«

Die Einteilung in Angeborenes und Erworbenes sei genauso unsinnig wie die Frage, ob für die Oberfläche eines Rechtecks die Länge oder die Breite mehr zählt.

Doch die Mediziner, die Medien und die Menschen liebten die neuen Storys rund um die Gene: Plötzlich konnte theoretisch jeder der Träger von phantastischen oder aber von zerstörerischen Genen sein (spannend!). Theoretisch konnte man in die Zukunft schauen (»Ich werde mit meinen Genen garantiert nicht krank!«). Das ist der Stoff, aus dem Heldengeschichten gestrickt werden. Und das ist kurioserweise auch der Motor für die Verteilung von Forschungsgeldern. Zum Beispiel auch für das Human Genome Project.

Ein riesiges, unsinniges Forschungsprojekt

Noch 1990 hatte man es sich so schön einfach vorgestellt: Bestimmte Gene liefern die Informationen für bestimmte Proteine, die wiederum für Herzinfarkt, Bluthochdruck, Krebs, Übergewicht, Diabetes, Zappeligkeit oder Kriminalität ausschlaggebend sind. Man muss die Gene nur richtig zuordnen, schon kennt man das Programm für den Träger dieser Erbinformation. Man kennt sein Schicksal. Schöne Idee. Und ganz falsch.

Die Forschungsergebnisse zeigten etwas komplett anderes. Das Human Genome Project konnte zwar die Sequenz der Basenpaare entschlüsseln, gleichzeitig mussten die Forscher aber eingestehen:

Keine Kausalität: Es gibt keine kausalen Zusammenhänge zwischen einem Gen und bestimmten Merkmalen oder Krankheiten. So gibt es Menschen mit der genetischen Disposition für die Erbkrankheit Mukoviszidose, die gar nicht krank sind. Andere bekommen Brustkrebs, obwohl sie die »Angelina-Jolie-Brustkrebs-Genmutation« BRCA-1 überhaupt nicht haben.

Keine Programme: Anders als gedacht liefern Gene keine Programmierung. Es ist vielmehr so, dass »Gene und ihre Produkte in kontinuierlicher Wechselwirkung« stehen. Auch in Wechselwirkung mit der Umwelt. Es läuft also kein Programm ab, sondern ein komplexer, kreativer, sogar ein leicht chaotischer »Schöpfungsvorgang«.

Insgesamt ziemlich wenig Gene: Anstatt der erwarteten 100000 Gene fand man nur 20000 bis 30000. Die Zahl ist so ungenau, da man von vielen Proteinen noch nicht die Funktion kennt und weil man oft nicht genau feststellen kann, welche Regionen mit anderen gemeinsam zu einem funktionellen Produkt führen. Oft bleibt auch unklar, wo genau die Basenpaare beginnen, die einzelne Stücke von Bauanleitungen liefern, und wo genau sie enden. Wahrscheinlich bestehen nur ein bis zwei Prozent des gesamten Erbgutes aus den Codes, nach denen die Forscher gesucht hatten.

Viele andere Stücke: 30 bis 35 Prozent der DNA, vielleicht auch mehr, enthalten gar keine Baupläne, sondern lediglich Basenpaare, die sich ständig wiederholen. Sie werden repetitive Sequenzen genannt. Von einer Generation zur nächsten können sie sich stark verändern, ganze repetitive DNA-Abschnitte werden eliminiert oder vermehrt. Wahrscheinlich ist das ein Motor der Evolution. Auch binden spezielle Proteine an diese Regionen. Das hat Wirkung – nur welche? Leider weiß man noch sehr wenig.

Gene von Viren: Das ist eine besonders erstaunliche Entdeckung: Knapp zehn Prozent unseres Erbmaterials wurden von Viren eingeschleust. Viren haben also bei der Entwicklung des Menschen deutliche Spuren hinterlassen.

Ziemlich dynamisch: Gene sind keine statischen, autonomen oder sogar autistischen Programme, die dem Körper befehlen, was er zu tun hat. Sie sind vielmehr aktive und veränderliche Akteure in einem äußerst komplexen biochemischen Netzwerk, beeinflussbar durch Beziehungen und Lebensstile.

Mit Schalter: An jedem Gen sitzen Genschalter, die entscheiden, ob das Gen aktiv, nur gedrosselt aktiv oder komplett ausgeschaltet ist. Abhängig von Umwelteinflüssen – also vom Lebensstil!

Genau das verstehe ich unter Epigenetik.

Noch in den 1990er Jahren hing man also im Denken des Industriezeitalters fest: Wer Knopf A drückt, muss mit Reaktion B rechnen. Ursache – Wirkung. Ganz einfach. Noch heute finde ich Studien, die nach bestimmten Genen für bestimmte Merkmale suchen. So ganz falsch ist die Idee ja auch gar nicht. Gerade kürzlich ist es einer Forschergruppe um Kaustubh Adhikari vom University College London gelungen, 18 verschiedene Gene zu finden, die mitverantwortlich sein sollen für graues Haar und zusammengewachsene Augenbrauen. Sie kennen die »Monobraue« von Bert, dem Ernie-Kollegen aus der Sesamstraße. Ganz richtig ist die Idee aber doch nicht: Auch Medikamente, Krankheiten oder Stress können die Melaninversorgung der Haare verändern und sie dadurch grau werden lassen.

Im menschlichen Organismus ist ein hochkomplexes System von Wechselwirkungen und Rückkopplungen am Werk. Sport, Spaghetti, Stress, Sex – Arbeit im Callcenter oder als CEO – Wohnen in Wanne-Eickel oder in den Alpen – Belastung durch giftige Mittel in der Landwirtschaft, radioaktive Strahlung, sogar Traumata – alles wirkt auf unsere Gene. Schaltet sie ein oder aus. Das wirkt wiederum auf die Proteine. Die wieder andere Wirkungen anstoßen. Bestätigt auch Professor Joachim Bauer, der wohl führende deutsche Epigenetiker:

»Das Geheimnis liegt nicht im Text der Gene, sondern in der Regulation ihrer Aktivität.«

Deshalb kann ein bestimmtes Gen wie das von Kaustubh Adhikari gefundene Grauhaar-Gen IRF4 tatsächlich etwas mit grauen Haaren zu tun haben. Es wirkt aber lange nicht so geradlinig wie Schaumtönung: Unter manchen Bedingungen begünstigt es graue Haare, unter anderen Bedingungen aber doch wieder nicht.

Was also ist ein Gen?

2006 kamen 25 Wissenschaftler zusammen, um sich auf eine Definition des Begriffs »Gen« zu einigen. Sie brauchten zwei Tage dazu. Und selbst diese Definition wurde schon ein Jahr später verworfen. Man hatte neue, komplexe Regulationsmuster gefunden. Nach der neuen Definition aus dem Jahr 2007 musste ein Gen nicht einmal mehr vererbbar sein. Die neue Begriffsbestimmung geht so: »Ein Gen ist eine Einheit aus genomischer DNA-Sequenz, die einen zusammenhängenden Satz von potenziell überlappenden funktionellen Produkten codiert.«

Von einem funktionellen Produkt sprechen die Wissenschaftler, wenn einer Sequenz eine klare Funktion zugeordnet werden kann. Von vielen Proteinen ist aber die Funktion noch gar nicht genau bekannt. Daher wird teilweise mit Lückenfüller-Namen gearbeitet. Hinter der neuen Definition stehen außerdem folgende Einsichten – hier vereinfacht dargestellt:

•Die DNA ist unordentlich: Die DNA ist zwar so etwas wie eine riesige Bibliothek von Bauanleitungen. Sie ist aber nicht so ordentlich sortiert wie zum Beispiel die Deutsche Nationalbibliothek. Vielmehr handelt es sich um eine wilde Sammlung zerstreuter Stückchen, die nach Bedarf abgelesen und kopiert werden.

•Die DNA enthält viele Informationen, die keine Bauanleitungen sind. Die DNA besteht aus genomischen und nicht genomischen Sequenzen. Genomisch heißt so viel wie »enthält Bauanleitungen« für Proteine oder andere Moleküle. Nicht genomische Sequenzen enthalten keine Bauanleitungen. Telomere, die Schutzkappen am Ende der Chromosomen, sind beispielsweise nicht genomische Sequenzen.

•Einzelne Anleitungen werden von speziellen Proteinen kopiert. Die Kopien reagieren wieder mit anderen Proteinen, die wiederum die RNAs anregen, die richtigen, in der Flüssigkeit der Zellen schwimmenden Aminosäuren einzusammeln und genau nach Plan zusammenzusetzen. Kommt es am Ende zu einem Produkt, handelt es sich laut Definition um ein Gen.

info +++

Das Millionen-Gen

Das größte bekannte Gen beinhaltet 2,5 Millionen Basenpaare. Davon liefern aber nur ca. 11055 Basenpaare eine konkrete Bauanleitung. Alle anderen codierenden Paare sind Schalter oder Regionen, deren Funktion man noch nicht ganz verstanden hat. Dieses Riesen-Gen ist für den Bau von Dystrophin verantwortlich. Das Protein kommt in den Membranen der Muskelfasern vor und ist dort existenziell wichtig für die Funktion der Muskulatur. Fehlt es, kommt es zu Muskelschwäche und Muskelschwund. Die Transkription dieses Gens, so heißt der Kopiervorgang von DNA und RNA, dauert 16 Stunden!

Der Postbote ist meist unschuldig

Heute wissen wir recht viel über die Funktionsweise der Gene. Die Forschung konnte viele Missverständnisse ausräumen. Trotzdem halten sich die alten Vorstellungen hartnäckig. Zum einen liegt das daran, dass in populären Medien mit populärem (falschem!) DNA-Wissen die sagenhaftesten Geschichten erzählt werden. Da übernimmt etwa eine Alienspezies die Macht über einen Kommandanten, weil sie heimlich dessen DNA ausgetauscht hat (Star Trek: Raumschiff Voyager, Staffel 3, Folge 62 »Die neue Identität«, USA 1997). Oder die Heldinnen und Helden einer Story tragen ein »Zeitreise-Gen« in sich, das sie mit besonderen Fähigkeiten ausstattet (»Edelstein-Trilogie«, Deutschland, 2013 bis 2016).

Zum anderen wurde lange (und wird tatsächlich immer noch!) in unseren Schulen Wissen aus dem Jahr 1866 vermittelt: Mendel. Ich erinnere mich gut an seine Erbsen. Oder die Augenfarben. Braun wird seiner Ansicht nach dominant vererbt. Stimmt so nicht, denn nur äußerst selten ist nur ein einziges Gen für ein Merkmal verantwortlich. Fast immer handelt es sich um ein Zusammenspiel von oft mehreren Dutzend Genen. Deshalb können Eltern, die beide blaue Augen haben, sich ganz entspannt von ihrem braunäugigen Baby anstrahlen lassen. Milchmann, Postbote und Schornsteinfeger sind in der Regel unschuldig. Wäre nach Mendel unmöglich, kommt aber wirklich vor.

Es gibt eben nicht das eine Gen, das ein Auge braun, blau oder grün werden lässt. Guckt man sich die Vielfalt der Augenfarben genauer an, ist das absolut logisch. Gäbe es nur ein Gen, müsste es Millionen von Variationen aufweisen, um alle Farbnuancen dieser Welt hervorbringen zu können. Schon aus diesem Grund muss an der Augenfarbe eine ganze Reihe von Genen beteiligt sein. Wie viele und in welcher Form, weiß man noch nicht genau.

Was man kennt, ist der Zusammenhang zwischen Augenfarbe und Melanin – das ist der Stoff, der unsere Haut im Sommer dunkler werden lässt. Und genau dieser Stoff ist auch für die Augenfarbe mitverantwortlich. Ein schönes Beispiel für die komplexe Wirkung von Genen geht so: In der Iris gibt es eine spezielle Gewebeschicht mit Pigmentzellen. Diese speziellen Zellen synthetisieren Melanin aus Tyrosin, der Ausgangssubstanz dafür. Melanin schützt gegen UV-Strahlung. Menschen mit viel Melanin haben eine dunklere Haut, typischerweise auch dunklere Augen, und sie vertragen das Sonnenlicht besser. Bei ihnen liegt das Melanin in der Iris eng gepackt, hat eine hohe Konzentration. Bei anderen Menschen liegen Melaninproteine in einer anderen Qualität oder in geringeren Mengen vor. Je weniger jedenfalls die Zellen mit Melanin bepackt sind, umso heller wirkt die Augenfarbe.

Dahinter steht ein physikalischer Grund: Wenn Licht auf eine Iris fällt, in der recht wenig Melanin gespeichert ist, dann wird es von anderen Proteinen gestreut und nur die kurzwelligen blauen Lichtwellen werden reflektiert. Somit verwundert es auch nicht, dass Menschen mit hellerer Haut oft auch blaue Augen und helle Haare haben.

Das gleiche Melanin ist also für die Farbe der Haare und der Augen verantwortlich. Weil es aber nicht nur das eine Melanin, sondern eine braun-schwärzliche, eine gelblich-rötliche Variante sowie jede Menge Mischformen gibt, sehen wir auf der Welt so viele Augenfarben: Braun-Grün, Blau, Wasserblau, Dunkelbraun bis Schwarz.

Auch an der Pigmentierung sind etliche Gene beteiligt. Wie sie genau interagieren und was ihre Aktivität bedingt, ist noch nicht ganz klar. Es gibt allerdings eine Genregion, die besonders mit der Augenfarbe in Verbindung gebracht wird: OCA2, befindet sich auf dem Chromosom 15. Eine Forschungsgruppe geht derzeit davon aus, dass ca. 61 unterschiedliche Gene an der Entstehung der Augenfarbe beteiligt sind, viele davon liegen in der Region OCA2, aber nicht alle. Da gibt es zum Beispiel

Gene mit Bauplänen für Enzyme, die als Katalysatoren in der Herstellung von Melanin wirken,Gene mit Bauplänen für Proteine, die den Transport von Melanin organisieren, undGene, die für die Codierungen eines Rezeptors gebraucht werden, der die beiden Formen des Melanins, Pheomelanin und Eumelanonin, ineinander umwandeln kann.

Es sind also sehr viele Schritte und sehr viele Enzyme beteiligt. Alleine von OCA2 wurden 35 Genvariationen gefunden!

Die Augenfarbe kann sich übrigens ein Leben lang ändern. Verursacht durch Medikamente. Oder durch Krankheit. Weil jeder Krankheit ein Nährstoffmangel und eine Veränderung im Stoffwechsel zugrunde liegt, ist es kein Wunder, dass auch der Stoffwechsel für die Pigmente in der Iris davon betroffen sein kann. Das Gleiche gilt für völlig normale Stoffwechselveränderungen im Alter. Das zeigt sehr deutlich die Variabilität: Gene werden an- und ausgeschaltet, sie arbeiten mal aktiver, mal weniger aktiv, die von ihnen erzeugten Proteine stehen in vielfältigen Wechselbeziehungen zueinander, und es gibt diverse Rückkopplungen.

Das heißt für uns: Dominante und rezessive Gene? Kann man vergessen. Wie die Gene arbeiten, das haben wir in der Hand. Der Schlüssel heißt Lebensstil.

Gene sind kein Schicksal

»Das Geheimnis liegt nicht im Text der Gene, sondern in der Regulation ihrer Aktivität« – was Joachim Bauer sagt, ist eine so zentrale Aussage, dass ich sie nicht oft genug wiederholen kann. Denn es macht für den Verlauf einer Heilung einen riesigen Unterschied, ob ein Patient glaubt, seinen Genen hoffnungslos ausgeliefert zu sein. Oder ob er die aktuelle Forschung kennt und sicher ist, dass eben nicht