Der Schwan - Andrew Collins - E-Book

Der Schwan E-Book

Andrew Collins

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Beschreibung

Der Sternenkult der Steinzeitriesen:
Wie das kosmische Wissen der mysteriösen Denisovaner frühzeitliche Hochkulturen entstehen ließ


Im Mittelpunkt dieses Werkes steht das mysteriöse steinzeitliche Volk der Denisovaner. Wie der Autor Andrew Collins zeigt, scheinen diese weißäugigen Riesen, die im sibirischen Altai-Gebirge lebten, entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung des menschlichen Bewusstseins und der Zivilisation gehabt zu haben. Zahlreiche Überlieferungen, aber auch archäologische Funde, die rund 45 000 Jahre alt sind, belegen, dass das Schamanenvolk tatsächlich gelebt hat. Aus den Artefakten geht darüber hinaus hervor, dass die Denisovaner eine fortschrittliche Gemeinschaft waren, die nur schwer in die Steinzeit passt. So hatten sie beispielsweise komplexe Bewässerungssysteme entwickelt und beherrschten ausgefeilte Techniken der Schmuckherstellung.

Vor allem jedoch: Die Denisovaner verfügten über profundes Wissen über den Kosmos und die langfristigen Zyklen von Sternen. Damit verbunden waren ein Kalendersystem und ein Kult um den Nordhimmel und das Sternbild des Schwans. Nach ihrem Glauben traten die Seelen Verstorbener dort ins Jenseits ein und reinkarnierten sich auch wieder in dieser Himmelsregion.

Der Weg nach Göbekli Tepe

Das Bemerkenswerte: Die Nachfahren der Denisovaner, die aus der Vermischung mit anderen Menschenrassen hervorgegangen waren, trugen das Wissen und den Jenseitsglauben ihrer Ahnen ins anatolische Göbekli Tepe. Diese Region war in der Jungsteinzeit die bedeutendste Siedlung der Welt. Auch dort bestimmte das Sternbild des Schwans das Denken und die spirituellen Rituale der Menschen.

Das Erbe der Denisovaner im Alten Ägypten

Zwischen 8500 und 8000 v. Chr. gelangte das Erbe der Denisovaner nach Ägypten, wo es zu einer einzigartigen Blüte kam. Das uralte Wissen über kosmische Vorgänge wurde hier durch Maße und Abstände der Pyramiden von Giseh und anderer Bauwerke und Bezugspunkte verewigt. Andrew Collins beschreibt die zivilisatorische und spirituelle Entwicklung, die im sibirischen Altai-Gebirge ihren Anfang nahm, detailliert, nachvollziehbar und überaus spannend.

»Dieses brillante Buch ist das Zeichen, auf das ich gewartet habe! (...) Der Schwan ist Pflichtlektüre für alle, die sich mit dem Altertum, der Ausrichtung der Sterne und mit Kosmologie beschäftigen.« Barbara Hand Clow

»Der Schwan ist ein monumentales Werk, das zahlreiche Rätsel und Mythen des Altertums in den Blickpunkt rückt. Leserinnen und Lesern, die sich darauf einlassen, bietet es eine aufschlussreiche und gut begründete Analyse.« Dr. phil. Gregory L. Little

 

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Veröffentlichungsjahr: 2019

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1. Auflage Mai 2019 Copyright © 2018 by Andrew Collins Published by Arrangement with INNER TRADITIONS INTERNATIONAL LTD., Rochester, VT, USA Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30161 Hannover. Copyright © 2019 für die deutschsprachige Ausgabe bei Kopp Verlag, Bertha-Benz-Straße 10, D-72108 Rottenburg Titel der amerikanischen Originalausgabe: The Cygnus Key – The Denisovan Legacy, Göbekli Tepe, and the Birth of Egypt Alle Rechte vorbehalten Übersetzung aus dem Amerikanischen: Ingrid Pross-Gill Lektorat: Swantje Christow Satz und Layout: Agentur Pegasus, Zella-Mehlis Covergestaltung: Laura Hönes ISBN E-Book 978-3-86445-676-3 eBook-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

Gerne senden wir Ihnen unser Verlagsverzeichnis Kopp Verlag Bertha-Benz-Straße 10 D-72108 Rottenburg E-Mail: [email protected] Tel.: (07472) 98 06-0 Fax: (07472) 98 06-11Unser Buchprogramm finden Sie auch im Internet unter:www.kopp-verlag.de

Der Schwan

»Dieses Buch ist das neue astronomische Paradigma, das Licht auf das urzeitliche Erwachen des menschlichen Bewusstseins wirft, das durch die Entdeckung der Präzessionszyklen, der Akustik und der Zahlenkosmologie entfacht wurde. In seinem Buch Göbekli Tepe: Die Geburt der Götter hat Collins bereits die Ausrichtungen auf das Sternsystem Schwan entschlüsselt, die auf dem Göbekli Tepe und dem Pyramidenfeld von Giseh zu finden sind. Jetzt geht er noch weiter zurück, in die Zeit vor 45000 Jahren, und untersucht, wie unsere Vorfahren den Weg der Seelen durch das Sternbild Schwan entdeckten. Dieses brillante Buch ist das Zeichen, auf das ich gewartet habe! Wir erholen uns derzeit tatsächlich vom Trauma unserer Spezies durch den großen Kataklysmus vor 12000 Jahren. Der Schwan ist Pflichtlektüre für alle, die sich mit alten Zeitlinien, den Ausrichtungen der Sterne und der Kosmologie beschäftigen.«

Barbara Hand Clow, Autorin vonDer Maya Code und Chiron. Die Verbindungzwischen inneren und äußeren Planeten

»Der Schwan ist ein monumentales Werk, das zahlreiche alte Rätsel und Mythen in den Blickpunkt rückt. Leserinnen und Lesern, die sich darauf einlassen, bietet es eine aufschlussreiche und gut begründete Analyse. Collins bringt uns von der beeindruckenden Stätte des Göbekli Tepe nach Ägypten und zu verschiedenen anderen alten Zivilisationen. Er zeigt, dass der Orion und der Schwan in der Alten Welt wichtige astronomische Elemente waren, die die Reise der Seele zu den Sternen bestimmten. Dies ermöglicht es uns, die wahrscheinliche Quelle dieser Glaubensanschauungen zu verstehen.«

Dr. phil. Gregory L. Little, Autor vonThe Illustrated Encyclopedia of NativeAmerican Indian Mounds & Earthworks

»Eine dynamische Entdeckungsreise zur Kosmologie unserer frühesten Vorfahren und ihrer Bedeutung bis zur heutigen Zeit. Collins nimmt uns auf eine überzeugende Reise mit, bei der er sich von den Überlieferungen zum Sternbild Schwan leiten lässt. Vom Göbekli Tepe führt er uns über die ägyptischen Pyramiden und die alten griechischen Mythen zu den elementaren psychospirituellen Wurzeln in der paläolithischen Welt des russischen Sibirien und zu den Denisovanern. Ein Triumph!

Caroline Wise, Herausgeberin vonFinding Elen: The Quest for Elen of the Ways und Mitherausgeberin vonThe Secret Lore of London

Widmung

Für Geoffrey Ashe, einen echten Vorreiter bei der Entdeckungsreise, und Rodney Hale, ohne den es dieses Buch vielleicht nicht geben würde

Danksagung

Zuerst möchte ich Debbie Cartwright und Richard Ward danken, deren intuitive Gedanken und Anleitung für die Entstehung dieses Buchs ganz wichtig waren. Ich möchte auch Rodney Hale danken, für seine nie erlahmende Unterstützung und seine kritischen Kommentare zu allen technischen Aspekten dieses Projekts sowie für seine harte Arbeit bei der Anfertigung so vieler wesentlicher Illustrationen; Greg und Lora Little für ihre fortwährende Freundschaft und Unterstützung sowie ihren Glauben an meine Arbeit; Catherine Hale, Caroline Wise und Bob Trubshaw für das Korrekturlesen und ihre Vorschläge; Jan Summers Duffy, Kira Van Deusen, Juan Antonio Belmonte und Uzi Avner für ihre wissenschaftliche Beratung und Hilfe; Russell M. Hossain für die künstlerische Gestaltung des Buchumschlags der englischsprachigen Ausgabe und der Illustrationen; Daniel Kordan, weil ich das Bild von Ergaki verwenden durfte; Nick Burton für seine Illustrationen und Kommentare; Hugh Newman für die Begleitung bei mehreren, teils abenteuerlichen Forschungsreisen in die ganze Welt; Rob Macbeth, der alles aufzeichnet, was auf einer intuitiven Ebene aus meinem Kopf kommt; und Geoffrey Ashe, weil er ein Pionier auf diesem Gebiet war und die enorme Bedeutung des altaibaikalischen Treibhauses schon lange erkannte, bevor ich mich selbst auf diesen Weg wagte.

Außerdem möchte ich folgenden Personen für ihre Freundschaft und Unterstützung danken: Abbie und Buster Todd, meiner Patentochter Darcie, Leela Bunce, meinem Patensohn Eden, Renée Goulet, Paul Weston, Joan Hale, Robert Bauval, Jay Druce, Matthew Smith, Maria Smith, Yuri Leitch, Michael Staley, Yvan Cartwright, Graham Phillips, Eileen Buchanan, Roma Harding, Gordon Service, Ramon Zürcher, Brent Raynes, Patricia Awyan, Adam Crowl, Rowan Campbell Miller, Marion Briggs, Graham Hancock, Brien und Irene Foerster, Jim Vieira, Brian Wilkes, Nigel Skinner Simpson, Storm Constantine, Jim Hibbert und allen von Gaia TV und Prometheus Productions, die Ancient Aliens (History Channel) produzierten. Schließlich möchte ich auch Jon Graham, John Hays, Manzanita Carpenter, Patricia Rydle, Mindy Branstetter, Erica B. Robinson, Kelly Bowen und allen Mitarbeitern von Inner Traditions für ihre Geduld und Unterstützung bei diesem Projekt danken, in dem die Arbeit von 5 Jahren steckt.

Vorwort Die letzten Denisovaner

Vorwort Die letzten Denisovaner

Vor etwa 45000 Jahren in der südsibirischen Altai-Sajan-Region … Von einem Felsvorsprung aus sieht man früh morgens vier große, dunkle Gestalten aus dem kalten Nebel auftauchen. Sie stehen ein paar Meter voneinander entfernt und blicken auf den einzigen Pfad hinab, auf dem man auf das Zentralplateau des Berges gelangt.

Jede dieser Gestalten ist ungewöhnlich groß: 2,15 Meter. Sie alle haben die Statur riesiger Ringer, und ihre enorme Körpergröße wird durch ihre breiten Schultern und die Pelze betont, die sie von Kopf bis Fuß umhüllen. Auch ihre langen und breiten Köpfe sind unglaublich groß, mit gigantischen, starken Kiefern. Nach dem Wenigen zu urteilen, das man von ihrer Haut sieht, ist diese braun; ihr langes, verfilztes Haar ist entweder dunkel oder strohblond. Die fast außerirdische Erscheinung dieser seltsamen Gestalten wird noch durch ihre extrem langen Nasen und ungewöhnlichen Augen unterstrichen, die pechschwarze Pupillen haben und deren Iriden so hell sind, dass sie fast weiß wirken. Vervollständigt wird das Bild durch die langen, schwarzen Federn, die an ihren Pelzen befestigt sind und in der sanften Brise wehen, die auf das erste Tageslicht gefolgt ist.

Sie sind Denisovaner, Mitglieder einer archaischen menschlichen Population, deren Existenz bis zum ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts völlig unbekannt war. Dann wurden in einer großen Höhle im südsibirischen Altai-Gebirge übergroße Fossilien gefunden.

Die vier seltsamen Gestalten stehen auf diesem felsigen Pass, weil sie auf die Ankunft neuer Menschen aus einem fernen Land warten, das in Richtung der untergehenden Sonne liegt. Diese Menschen haben sich der Höhle der Denisovaner in kleinen Gruppen immer mehr genähert. Jetzt sind sie in Sichtweite und bewegen sich langsam auf die erhobene Position der Denisovaner zu. Die Eindringlinge sind kleiner und schmächtiger, ihre Köpfe schmaler und länglicher. Zudem scheinen sie eine völlig andere Einstellung zum Leben zu haben. Sie betreten neue Territorien, reißen die Kontrolle über sie an sich und beuten ihre natürlichen Ressourcen aus. Ihre Zahl wächst unaufhörlich, und nach einiger Zeit schicken sie ein paar Männer los, um noch bessere Siedlungsplätze zu suchen. Auf diese Weise sind sie seit mehreren Jahrtausenden vorgerückt, sind dabei auf die alten Menschen des Westens – die man eines Tages als Neandertaler bezeichnen wird – gestoßen und haben sich sogar genetisch mit ihnen vermischt. Die alten Menschen haben den Westen des eurasischen Kontinents über unzählige Jahrtausende hinweg bewohnt und ihr Territorium ständig weiter ausgedehnt; die Denisovaner waren hingegen damit zufrieden, im Ostteil des Kontinents zu bleiben.

Jetzt sind die neuen Menschen also in der Altai-Sajan-Region angekommen und werden zum ersten Mal einer kleinen Gruppe von Denisovanern begegnen. Ihre Vorhut besteht wohl aus zehn bis zwölf Personen. Auch sie tragen Pelze, um sich vor dem kalten Klima in diesen größeren Höhen zu schützen, und manche halten lange hölzerne Lanzen in den Händen. Der Anführer der Gruppe schwenkt provokativ seine Lanze, als wäre er bereit, beim ersten Zeichen einer Aggression seitens der großen Fremden anzugreifen.

Die Denisovaner sagen und tun jedoch nichts. Sie bleiben einfach, wo sie sind, und blicken auf die Eindringlinge hinab, die immer langsamer werden und jetzt in einem Abstand von nicht mehr als 15 Metern stehen bleiben.

Der Anführer der Neuankömmlinge scheint sich nicht sicher zu sein, was zu tun ist. Sollen sie weiter vorrücken und diese Leute angreifen, die wie Baumstämme aussehen? Wieso greifen sie nicht ihrerseits an? Und was noch wichtiger ist: Wieso tragen sie keine Waffen? Was für eine seltsame Magie ist das? Können sie durch bloßen Blickkontakt töten? Können sie Geister aussenden, um die Familien der Eindringlinge zu quälen?

Die Denisovaner sind tatsächlich mächtige Schamanen. Sie wissen, dass die geringste Verwirrung oder Unsicherheit in den Köpfen der Feinde dazu führen wird, sie an ihrem Vorhaben zweifeln zu lassen. Und ihr Plan geht auf. Die anderen kommen nicht näher. Der Anführer stößt seine Lanze noch ein paar Mal in die Luft, doch die Denisovaner reagieren nicht darauf – sie bleiben immer noch stehen und blicken völlig ungerührt nach unten.

Entnervt und voller Angst vor der starken Magie des Feindes drehen sich die Neuankömmlinge plötzlich um und ziehen sich den Pass hinab zurück, bis sie außer Sicht sind. Für diesen Tag haben die Denisovaner den Sieg davongetragen. Sie wissen aber, dass die Neuen irgendwann in viel größerer Zahl zurückkehren werden. Sie werden die Welt der Denisovaner schließlich überrollen, und das wird das Ende ihrer Population bedeuten. Vielleicht wird das in einigen Jahrzehnten geschehen, vielleicht wird es mehrere Jahrhunderte oder sogar Jahrtausende dauern – doch die Fremden werden wiederkommen.

In Zukunft wird die Bewahrung der tiefen, alten Weisheit der Denisovaner, die sie über Hunderte von Generationen angehäuft haben, den Neuen obliegen. Durch sie werden die Denisovaner weiter existieren – allerdings nicht durch Eroberung oder Unterwerfung, sondern durch genetische Vermischung. Auf die letzten Denisovaner werden hybride Nachkommen folgen, die mit völlig neu belebtem Denken weiter gedeihen werden, nicht nur in der Alten Welt, sondern auch auf dem fernen amerikanischen Kontinent. Die Denisovaner sind sich aber leider auch bewusst, dass die Kenntnis ihrer Existenz jahrtausendelang unterdrückt werden und schließlich in Vergessenheit geraten wird. Den Prophezeiungen zufolge werden sie aber eines Tages wieder auferstehen, und jeder wird ihren Beitrag zur Entstehung der Zivilisation sehen können. Dann werden alle das Erbe der Denisovaner erkennen.

Diese Darstellung der ersten Begegnung zwischen anatomisch modernen Menschen (Homo sapiens) und den letzten Denisovanern (die wir Homo sapiens altaiensis nennen könnten) ist natürlich fiktiv. Sie beruht auf dem Wenigen, was wir über ihre Physiognomie, ihr Verhalten, ihre Genetik und ihre technologischen Leistungen wissen, und auf der örtlichen Folklore, die Erinnerungen an ihre frühere Existenz in der Region bewahren könnte.

Wie diese so ungemein wichtige erste Begegnung unserer eigenen Vorfahren mit den Denisovanern auch ausgesehen haben mag – sie dürfte vor etwa 45000 Jahren stattgefunden haben, entweder im Altai, wo ihre fossilen Überreste in der Denisova-Höhle, der namensgebenden Stätte der Denisovaner, gefunden wurden, oder etwas weiter nördlich im westlichen Sajan-Gebirge. Letzteres überspannt die Republiken Chakassien und Tuwa, zwischen denen sich ein schmaler Landstreifen befindet, der den südlichsten Teil der russischen Provinz Krasnojarsk bildet. Hier ist in uralten Volksgeschichten von einer Population von Riesen die Rede, die die nahen Becken der Flüsse Jenissei und Abakan bewohnte. Sie erzählen, dass diese Riesen – die in Chakassien als ‚Akh Kharakh (»weißäugige Menschen«) bezeichnet werden – die ersten Steinfestungen (Kurgane), die ersten Bewässerungskanäle und die ersten Dämme und Brücken erbauten und sogar die ersten göttlichen Melodien für Musikinstrumente erschufen.

Die Beschreibung dieser legendären Riesen passt am besten zu dem, was wir über die Denisovaner wissen, die den Süden Sibiriens vor ihrem Verschwinden vor rund 40000 Jahren Hunderttausende von Jahren bewohnten. DNA-Analysen vieler moderner Populationen in Ostasien, Südasien, Indonesien, Australien und sogar Melanesien und Mikronesien haben ergeben, dass die Denisovaner sich mit den frühesten modernen Menschen vermischten, die durch ihre Gebiete zogen. Zudem, und das ist noch wichtiger, haben wir allen Grund dazu, die Denisovaner mit den plötzlichen Fortschritten der menschlichen Entwicklung in Verbindung zu bringen, die vor 20000 – 45000 Jahren in Südsibirien stattfanden. Dazu gehörten die weltweit erste Herstellung von Flöten aus Vogelknochen sowie die ersten dauerhaften Siedlungsstätten, die Anwendung fortschrittlicher Jagdtechniken, die Formalisierung des Werkzeugs einschließlich des Einsatzes von Mikroblatttechnologie und die erste dauerhafte Benutzung einer spezialisierten Form zur Herstellung von Steinwerkzeugen, die als Pressure Flaking (Druckabschlag) bezeichnet wird.

Darüber hinaus gibt es überzeugende Beweise dafür, dass die frühesten menschlichen Gesellschaften, die im Altai-Sajan-Gebiet wohnten, über außergewöhnliche Kenntnisse der langfristigen Zyklen der Sonnen- und Mondfinsternisse verfügten. Offenbar benutzten sie diese Kenntnisse, um komplexe Kalendersysteme auf numerischer Basis zu entwickeln, die dann die religiösen Kosmologien in vielen Teilen der Alten Welt durchdrangen. Alles deutet darauf hin, dass dieses große kalendarische System, wie wir es nennen wollen, in Südsibirien begann und durchaus ein Erbe der verlorenen denisovanischen Welt sein könnte. Zudem gibt es faszinierende Anzeichen dafür, dass der wesentliche schöpferische Einfluss, den man für die langfristigen Zeitzyklen und die unhörbaren Töne verantwortlich machte, die einst der Sonne, dem Mond und den Sternen zugeschrieben wurden, mit einem kosmischen Vogel identifiziert wurde, der am Nachthimmel durch die Sterne des Himmelsschwans symbolisiert wurde. Aufgrund dieser Assoziation wurde der Schwan zum Wächter über den Eingang zur Himmelswelt, den die menschlichen Seelen passieren mussten, um die Inkarnation zu erreichen oder ins Jenseits zu gelangen.

Im Laufe der Zeit kamen viele der technologischen, kulturellen und kosmologischen Leistungen, die erstmals vor etwa 20000 – 45000 Jahren in Südsibirien auftauchten, in die vorkeramische neolithische Welt Südostanatoliens und begannen, in wichtigen Kultzentren wie dem Göbekli Tepe zu florieren. Von dort aus wurden sie nach Süden getragen, durch die Levante nach Nordägypten. Bereits 8500 – 8000 v. Chr. fanden sie an den Ufern des Nils in einem Ort namens Helwan eine neue Heimstatt, aus dem inzwischen eine blühende Industriestadt unmittelbar südlich von Kairo geworden ist. Doch eben hier begann fast mit Sicherheit die prädynastische Welt des Alten Ägypten wirklich, und direkt auf der anderen Flussseite, auf dem Plateau von Giseh, manifestierten sich die Früchte des denisovanischen Erbes schließlich in der größten und zugleich rätselhaftesten architektonischen Leistung der Alten Welt – der Cheops-Pyramide, die um 2550 v. Chr. für den Pharao Khufu (altägyptischer Name für Cheops) erbaut wurde. Wir werden sehen, dass ihre fundamentale Geometrie, die das gesamte Pyramidenfeld von Giseh durchdringt, tiefe Kenntnisse langfristiger Zeitzyklen, numerischer Systeme und der Akustik zeigt sowie eine polarzentrische Kosmologie, in deren Mittelpunkt die Sterne des Schwans stehen. All das könnte seinen Ursprung vor 45000 Jahren in Südsibirien haben. Um diese Geschichte zusammenzusetzen, werden wir Geduld brauchen. Wer durchhält, wird nicht nur hochinteressante Zeugnisse einer längst vergessenen Zivilisation entdecken, sondern auch die wahren Gründer unserer eigenen.

TEIL 1: DER GÖBEKLI TEPE

TEIL 1
DER GÖBEKLI TEPE

Kapitel 1: Das Werk eines Künstlers

Kapitel 1
Das Werk eines Künstlers

Sie wurde bei Routinegrabungen auf dem Göbekli Tepe gefunden, im ungewöhnlichsten megalithischen Tempelkomplex der Welt: eine winzige Knochenplatte. Zunächst erkannte niemand, wie stark sie unser Wissen über den Glauben, die religiösen Praktiken und die kulturelle Ausgefeiltheit der vorkeramischen neolithischen Welt im südlichen Anatolien vor rund 11000 Jahren beeinflussen würde.

Der Göbekli Tepe (siehe Foto 1 im Farbbildteil) wird seit 1995 von Archäologen und anderen spezialisierten Teams aus Wissenschaftlern erforscht. Ihre Funde haben unsere Erkenntnisse über die Entstehung der Hochkultur und sogar der Zivilisation an sich verändert. Bisher wurden auf dem Siedlungshügel mehrere große Anlagen ausgegraben, in denen T-förmige Steinpfeiler wie die Speichen eines Rades um jeweils zwei viel größere Monolithen angeordnet waren. Auf vielen der beeindruckenden Pfeiler befinden sich geschnitzte Verzierungen, die uns viel über den hohen kulturellen und technologischen Stand der Erbauer verraten, die wie aus dem Nichts auftauchten.

Das Ende der Eiszeit

Die ältesten Anlagen auf dem Göbekli Tepe sind rund 11500 Jahre alt. Ihre Errichtung begann vermutlich schon in der ersten Generation nach dem Ende der letzten Eiszeit vor etwa 15000 Jahren, das mit einem plötzlichen Temperaturanstieg verbunden war. Um 10800 v. Chr. folgte eine schnelle Rückkehr des Eises, das sich bis dahin allmählich zurückgezogen hatte. Nun herrschten in großen Teilen der Nordhalbkugel gravierende arktische Bedingungen, sodass es zu einer kleinen Eiszeit kam, die rund 1200 Jahre dauerte und um 9600 v. Chr. abrupt endete. Die Paläoklimatologen sprechen von der Jüngeren Dryas. Kurz danach wurden auf dem abgelegenen Göbekli Tepe in Südostanatolien die ersten riesigen Steinstrukturen errichtet.

Die frühesten Anlagen auf dem Siedlungshügel wurden von einer fortschrittlichen prähistorischen Gesellschaft erbaut, deren Angehörige offiziell als Jäger und Sammler klassifiziert wurden, da es zu jener Zeit weder Viehzucht noch einen großräumigen Anbau von Getreide gab. Dazu kam es erst, nachdem auf dem Göbekli Tepe bereits mindestens 500 Jahre gebaut worden war. In dieser Zeit wurden weitere Steinanlagen errichtet, teils neben den älteren, teils auf ihnen. Um 8000 v. Chr. wurde der Göbekli Tepe schließlich aufgegeben. Die bestehenden Anlagen wurden unter Tausenden von Tonnen Erde, Schutt, Steinbröckchen und menschlichen Abfällen begraben. Die Gemeinschaften, die zusammengekommen waren, um sich an diesem Mammutprojekt zu beteiligen, das sich über rund 1500 Jahre erstreckt hatte, zerstreuten sich dann in andere Teile der Welt. Sie nahmen neue Ideen im Hinblick auf Ackerbau, Steintechnologien, Technik und möglicherweise sogar auf das Brauen von Bier und die Herstellung von Wein mit.

Die Leistungen der Erbauer des Göbekli Tepe schlummerten dann bis zum Jahr 1994 unter der Oberfläche, als der deutsche Professor Klaus Schmidt (1953 – 2014) von der Universität Heidelberg und dem Deutschen Archäologischen Institut auf dem Siedlungshügel, dem tepe, ankam (tepe ist ein türkisches Wort für »Hügel«, das gewöhnlich für ehemalige Siedlungshügel verwendet wird). Er sah die Reihen der Steinspitzen, die aus dem fruchtbaren Erdreich ragten, und die Bruchstücke geschnitzter Steine, die auf der Oberfläche des Hügels verstreut lagen, der heute als Ackerfläche genutzt wird. Die unzähligen Steinwerkzeuge und Pfeilspitzen, die in einem großen Bereich zu finden waren, ließen erkennen, dass all das sehr alt war. Man konnte es auf die vorkeramische neolithische Zeit datieren, was bedeutete, dass manche der Steine und Fragmente bis zu 10000 oder 11000 Jahre alt waren.

1995 begann Schmidt dann mit den Grabungen, die bis heute fortgesetzt werden, wobei jedes Jahr neue Entdeckungen bringt. Neben den Steinanlagen fanden die Archäologen eine Reihe tragbarer Gegenstände, darunter geschnitzte Statuen von Tieren und menschlichen Gestalten, sowie eine Reihe kleinerer Gegenstände aus hartem Stein: mit Löchern versehene Perlen und Knöpfe sowie Anhänger mit abstrakten Darstellungen von Schlangen, Vögeln und anderen Lebewesen aus der Natur.

Die Entdeckung der Knochenplatte

Zu den tragbaren Gegenständen, die 2011 auf dem Göbekli Tepe gefunden wurden, gehörte die bereits erwähnte Knochenplatte, die nur 6 Zentimeter lang, 2,5 Zentimeter breit und 3 – 4 Millimeter dick ist (siehe Foto 2 im Farbbildteil). Auf der einen Seite ihrer glatten Oberfläche, die stark poliert aussieht, befinden sich Schnitzereien, während die andere leer ist (siehe Abbildung 1.1). Nach ihrer Entdeckung wurde die Platte gereinigt, katalogisiert und in einen Lagerraum gebracht. Als im Mai 2015 das neue Archäologische Museum in der türkischen Stadt Şanlıurfa eröffnet wurde, wurde die kleine Knochenplatte zum ersten Mal ausgestellt. Natürlich waren den Fachleuten die winzigen Schnitzereien aufgefallen, doch darüber, was sie darstellen könnten, waren sie sich nicht einig. 1

Abb. 1.1: Links die Knochenplatte, die auf dem Göbekli Tepe gefunden wurde und derzeit im Archäologischen Museum inŞanlıurfa zu sehen ist. Rechts die Hervorhebung der einzigartigen Bildwelt auf der Platte.

Die Deutung der Schnitzereien blieb dem britischen Telefontechniker Matthew Smith überlassen, der damals in der Türkei lebte. Bei einer Führung durch das Museum, die ich gemeinsam mit meinem Kollegen Hugh Newman organisiert hatte, entdeckte Matthew – der sich kurz zuvor in Istanbul einer Laserbehandlung seiner Augen unterzogen hatte – in einem Schaukasten drei winzige Knochensplitter. Alle drei waren auf dem Göbekli Tepe gefunden worden, also wahrscheinlich 11000 Jahre alt. Der linke Splitter erregte seine Aufmerksamkeit. Mit seinen jetzt scharfen Augen erkannte er, dass die winzigen Schnitzereien, die mit einem außerordentlich scharfen Instrument – vermutlich einem Stichel oder einer Ahle aus Feuerstein oder Obsidian – angefertigt worden waren, ein T-Pfeiler-Paar zeigten (siehe Abbildung 1.1). Da sie sich sehr ähnelten, handelte es sich wahrscheinlich um zwei der Zwillingsmonolithen, die einst im Zentrum aller großen Anlagen auf dem Göbekli Tepe gestanden hatten. Einige dieser Zwillingsmonolithen, beispielsweise die in den Anlagen C und D (siehe Foto 3 im Farbbildteil), waren ursprünglich 5,5 Meter hoch und wogen jeweils 15 – 20 Tonnen.

Die zentralen Zwillingspfeiler auf dem Göbekli Tepe sind meist parallel angeordnet, doch auf der Knochenplatte sind ihre Schmalseiten dem Eingang zugewandt. Der Künstler scheint die Pfeiler also um 90 Grad gedreht zu haben, sodass der Betrachter genau erkennen konnte, was da gezeigt wurde.

Die Größe des Göbekli Tepe

Welche Anlage auf der Knochenplatte dargestellt wird, werden wir vermutlich nie erfahren. Bisher wurden auf dem Göbekli Tepe neun große Strukturen erforscht: die Anlagen A, B, C, D, E, F, G, H und das Löwenpfeilergebäude. Eine Untersuchung mit dem Bodenradar im Jahr 2004 hat jedoch ergeben, dass wahrscheinlich noch zwanzig weitere Strukturen von ähnlicher Größe und Komplexität der Entdeckung harren. Auf der Knochenplatte – die in einem Grabungsbereich im Nordwestteil des Hügels gefunden wurde – könnte jede von ihnen abgebildet sein.

Im Hinblick auf die Knochenplatte stellen sich noch zwei andere Fragen: Wie wurde sie hergestellt und welchen Zweck hatte sie genau? Sie hat zwar keine Löcher, die auf eine Verwendung als Anhänger hinweisen würden, und ist offiziell als Ende eines prähistorischen Spachtels klassifiziert worden, doch sie diente wahrscheinlich als Amulett oder Talisman. 2 Die Ähnlichkeit mit den zentralen Zwillingsmonolithen in den Anlagen auf dem Göbekli Tepe sollte die Platte vielleicht mit der Schöpferenergie der Stätte verbinden und ihr magische Kraft verleihen.

Eine Bildwelt in mehreren Schichten

Die Bedeutung der Platte als älteste belegte prähistorische bildliche Darstellung der berühmten T-Pfeiler auf dem Göbekli Tepe war aber nur der erste Aspekt. Eine eingehendere Untersuchung ihrer Schnitzereien enthüllt mehrere andere bemerkenswerte Züge, zu denen auch gehört, dass der Künstler eine dreidimensionale Perspektive benutzte, und zwar etwa auf halber Höhe auf der rechten Seite des linken Pfeilers. Hier steigt eine Linie in einem Winkel von dem Stein zur Mitte des Bildes auf. Sie scheint eine Stützmauer darzustellen, die den Pfeiler mit einem inneren Bereich der Anlage verbindet. Die Pfeiler auf dem Göbekli Tepe, die die Steinkreise um die zentralen Zwillingsmonolithen bilden, stehen in Ringmauern, ursprünglich Stützmauern aus Felsschichten, die durch gehärteten Lehmmörtel verbunden sind. An zentraler Stelle, unterhalb der Zwillingspfeiler auf der Platte, scheint sich ein Sockel zu befinden, aus dem sich zwei Linien erheben, die in ihrer Mitte zusammenlaufen. Sie vermitteln den visuellen Eindruck, dass ein Durchgang in die Anlage führt. Bei den aufeinander zulaufenden Linien kommt das Parallaxenprinzip zur Wirkung, durch das parallele Linien in der Ferne zusammenzulaufen scheinen.

Mindestens genauso interessant ist, dass die aufeinander zulaufenden Linien zwischen den T-Pfeilern den Eindruck erzeugen, dass zwischen den Steinen oder vor ihnen ein abstraktes Strichmännchen mit langen Beinen steht. Diese optische Täuschung scheint kein Zufall zu sein.

Eine tiefe Kerbe

Schon bei der ersten Untersuchung der Platte im September 2015 bemerkte man zudem, dass ihre zusammenlaufenden Linien den Blick auf eine tiefe Kerbe in der Mitte unter den Köpfen der beiden Pfeiler ziehen. Neben ihr befindet sich jeweils eine senkrechte Linie, sodass die Darstellung eines Lochsteins zu entstehen scheint, der dem auf der Rückseite von Anlage D ähnelt (siehe Abbildung 1.2). Dieser Stein ist einzigartig, denn er ist der einzige auf dem Göbekli Tepe, bei dem eine der Breitseiten den zentralen Zwillingspfeilern zugewendet ist – bei den anderen ist eine der Schmalseiten so ausgerichtet. Jemand, der zwischen den beiden Pfeilern stand, hätte ursprünglich durch die runde Öffnung in dem Lochstein, die einen Durchmesser von etwa 25 bis 30 Zentimetern hat, auf den örtlichen Horizont blicken können.

In der äußeren Ringmauer von Anlage C befindet sich ein ähnlicher Lochstein, und zwar in genau der gleichen Position wie der in Anlage D. Der dortige Pfeiler (der offiziell als Pfeiler 59 bezeichnet wird) ist jedoch auf die Seite gestürzt und um das runde Loch herum zerbrochen, möglicherweise aufgrund des Gewichts des Füllmaterials und des Schutts, das vor der Ausgrabung auf ihm lastete (siehe Abbildung 1.2). Bei Anlage C wurde nach der ursprünglichen Errichtung ein innerer Steinring in einer anderen Stützmauer hinzugefügt. 3 Dadurch wurde die Sichtlinie zwischen den zentralen Pfeilern und dem Lochstein versperrt. Bis dahin hätte man aber wie bei Anlage D zwischen den Zwillingspfeilern stehend durch den Stein auf den örtlichen Horizont blicken können.

Abb. 1.2: Die Lochsteine in zwei wichtigen Anlagen auf dem Göbekli Tepe. Oben der Stein aus Anlage D, unten der aus Anlage C, der heute zerbrochen ist und auf der Seite liegt.

Beide Lochsteine waren ursprünglich so positioniert, dass sie die mittleren Azimute der entsprechenden Zwillingspfeiler reflektierten. Das deutet darauf hin, dass sie bei den religiösen Anschauungen und Praktiken der Erbauer des Göbekli Tepe eine entscheidende Rolle spielten. Ihre spezifische Platzierung lässt sogar vermuten, dass sie dieselbe Funktion erfüllten wie die Steinnischen in den Wänden späterer vorkeramischer neolithischer Kultgebäude in Südostanatolien. So eine Nische wurde in den frühen 1980er-Jahren in der Rückwand eines 10500 Jahre alten rechteckigen Kultgebäudes auf der Grabungsstätte Nevalı Çori im äußersten Norden der Provinz Şanlıurfa entdeckt. Solche besonders heiligen Bereiche waren zweifellos die Vorläufer der heiligen Altäre, die später fester Bestandteil religiöser Bauten auf der ganzen Welt wurden.

Seelenlöcher

Professor Klaus Schmidt, der die Grabungen auf dem Göbekli Tepe von 1995 bis zu seinem vorzeitigen Tod im Jahre 2014 leitete, sagte nirgendwo etwas über die Bedeutung der dortigen Lochsteine in den beiden ausgefeiltesten Anlagen, die bisher erforscht wurden. Er sagte allerdings etwas zu den Fragmenten der Steinringe, die auf der Stätte verstreut gefunden wurden (einer wurde wieder zusammengesetzt und ist heute im Archäologischen Museum von Şanlıurfa zu sehen; siehe Foto 4 im Farbbildteil). Sie haben einen Durchmesser von etwa einem halben Meter und standen ursprünglich entweder in den Ringmauern heute verlorener Anlagen oder in den Decken von Gebäuden. Schmidt hielt sie für sogenannte Seelenlöcher. 4 Worum handelt es sich dabei?

Bei zahlreichen megalithischen (das heißt aus großen Steinen bestehenden) Kammergräbern (Dolmen), die von Irland im Westen bis nach Indien im Osten existieren, gibt es in den Eingangsfassaden runde Öffnungen. Die gebohrten Löcher haben meist wie die Löcher in den Lochsteinen auf dem Göbekli Tepe einen Durchmesser zwischen 25 und 40 Zentimeter, sind also zu klein, als dass ein Erwachsener hindurchgelangen könnte. Die Löcher in Steinen von neolithischen und spätbronzezeitlichen Dolmen, die größtenteils aus der Zeit von 3000 bis 2000 v. Chr. stammen, könnten dazu gedient haben, den Geistern der Toten, die in diesen Strukturen bestattet wurden, Nahrung und Geschenke anzubieten. Der Zweck der Öffnungen könnte aber auch darin bestanden haben, weitere Tote hinzuzufügen oder früher Bestattete zu entfernen.

Durch diese Vorstellungen lässt sich die verbreitete Benutzung runder Öffnungen im Zusammenhang mit Bestattungen jedoch nicht hinreichend erklären. So gibt es in Indien runde Öffnungen in Steinplatten, die bei Bestattungen in Steinkisten als Zugänge benutzt wurden und gewöhnlich nach der Errichtung unter der Erde versiegelt wurden. 5 Auch in keramischen Urnenkrügen von Friedhöfen in ganz Europa und Südwestasien, die auf die Eisenzeit und spätere römische Zeiten zurückgehen, finden sich bewusst gebohrte Löcher. 6 Sie sollten es der Seele ermöglichen, hinauszugelangen; das Vorhandensein von Schmutz oder Ähnlichem wurde nicht als Hindernis für ihre Fähigkeit betrachtet, den Bestattungsort zu verlassen.

In die Wände von Häusern in Tirol wurden einst kleine Türen oder Fenster eingelassen, die als »Löcher für die armen Seelen« bezeichnet wurden. Manche sind noch heute vorhanden. Es kann kaum ein Zweifel daran bestehen, dass sie vor allem dazu dienten, das Entweichen der Seele nach dem Tod zu ermöglichen, denn sie wurden nur geöffnet, wenn jemand im Haus gestorben war. 7 Der Zweck dieser Seelenlöcher wurde mit dem der Lochsteine megalithischer Bauten in dieser Region in Verbindung gebracht. Somit hätten sich also Ideen von der neolithischen Zeit bis heute fortgesetzt. 8

Dass die Ojibwe-Indianer aus Kanada und dem Norden der USA in Särge ein Loch bohrten, »damit die Seele nach Belieben hinaus- und hineingelangen konnte«, 9 dürfte ebenfalls mit der Tradition der Löcher für die armen Seelen in Westeuropa in Zusammenhang stehen. Und in Südengland öffneten die Schwestern im Krankenhaus nach dem Tod eines Patienten das Fenster, das seinen Füßen am nächsten war, damit die Seele ins Freie gelangen konnte. (Diese Tradition war in Südengland, London und den Home Counties bis in die 1950er-Jahre und vielleicht sogar noch länger verbreitet. 10 )

Sehr wahrscheinlich dienten zumindest einige der Lochsteine auf dem Göbekli Tepe demselben Zweck; dort ging es allerdings weniger um die Seele der Verstorbenen als vielmehr um den Geist des Schamanen, der die Möglichkeit haben sollte, die diesseitige Welt durch die runden Öffnungen verlassen zu können.

Schamanistische Praktiken

Symbolische Löcher – in Felsen oder Steinen, im Boden, in Bäumen oder in den Dächern von Jurten oder Zelten – kommen in verschiedenen Teilen der Welt, insbesondere in Sibirien, bei schamanistischen Praktiken zum Einsatz. Sie ermöglichen es dem Geist des Schamanen oder des Verstorbenen, seine physische Umgebung zu verlassen und in unsichtbare Reiche zu gelangen, bei denen die obere (im Himmel) und die untere (unter der Erde) Welt unterschieden werden. 11

Es ist bekannt, dass sibirische Schamanen auch Knochen mit Löchern in der Mitte benutzten, um »alles zu sehen und zu wissen«. So »wird man Schamane«. 12 Durchbohrte Knochen wurden also bei rituellen Praktiken verwendet, bei denen die Teilnehmer in einen ekstatischen oder veränderten Bewusstseinszustand gelangten. Dann projizierten sie ihre Gedanken durch das Loch, um unsichtbare Reiche »betreten« zu können. Dort erlangten sie Wissen und Erleuchtung aus einer anderen Welt, die den Lebenden normalerweise nicht zugänglich war.

Die Kerbe auf der Knochenplatte mit den Schnitzereien dürfte also darauf hindeuten, dass jemand, der die Anlage betrat, sich bei Riten und Zeremonien zwischen die beiden Zwillingsmonolithen stellte und seinen Blick auf den Lochstein richtete. Dieser Stein bildete eine Brücke oder ein Portal zwischen dem Grenzbereich, der durch das kreisförmige Innere der Anlage gebildet wurde, und den jenseitigen Bereichen, die vermeintlich hinter der physischen Ebene lagen.

Das war eine wichtige Erkenntnis, denn sie brachte die Bestätigung, dass die Anlagen C und D axial nach Nordnordwest ausgerichtet waren, wo sich beide Lochsteine befinden. Natürlich stellt sich nun die Frage, weshalb sowohl die Zwillingspfeiler als auch die Lochsteine so ausgerichtet waren. Lag in dieser Richtung etwas Interessantes? Ja, natürlich! Die Schöpfer der megalithischen Anlagen und der kleinen Knochenplatte glaubten, in dieser Richtung läge etwas enorm Wichtiges: der Eingang zur Himmelswelt.

Kapitel 2: Das Geheimnis des Nordens

Kapitel 2
Das Geheimnis des Nordens

Im Juni 2004 erblickte ich den Göbekli Tepe zum ersten Mal. Ich hatte ihn besuchen wollen, seit ich 4 Jahre zuvor durch einen Artikel von Michael Zick und Waltraud Sperlich in Bild der Wissenschaft von seiner Entdeckung erfahren hatte. (Bis dahin war nur in unbedeutenden akademischen Publikationen über ihn berichtet worden.) Es ergab sich dann, dass ich 4 Jahre später zu einem türkischen Kulturfest in Diyarbakır im Südosten der Türkei eingeladen wurde und dort für eine Woche einen Fahrer und Übersetzer bekam, sodass ich einige der archäologischen Stätten besuchen konnte, mit denen ich mich in meinen früheren Büchern über die vorkeramische neolithische Welt Südostanatoliens befasst hatte. 1

Nach meiner Rückkehr aus der Türkei gingen mir die merkwürdigen Schnitzereien auf den geheimnisvollen Steinmonolithen auf dem Göbekli Tepe einfach nicht mehr aus dem Sinn. Sie raubten mir nachts den Schlaf, vor allem, weil ich keine wirkliche Vorstellung von den Anschauungen und Praktiken der Menschen hatte, die diese megalithischen Strukturen vor 11 500 Jahren errichtet hatten. Von einem war ich aber von Anfang an überzeugt: Ihre Ausrichtung – nach Norden – war von großer Bedeutung.

Die Sabier von Harran

Ich wusste immerhin, dass die Sabier, Sternenanbeter aus der alten Stadt Harran (siehe Foto 5 im Farbbildteil), die rund 45 Kilometer südsüdöstlich des Göbekli Tepe in der Ebene von Harran liegt, den Norden unter dem Namen Schamal (was schlicht »der Norden« bedeutet) verehrten. 2 Er war ihr höchster und ältester Gott 3 und galt als sichtbare Manifestation des Himmels, aus dem die Seelen der Menschen vor ihrer Geburt kamen und in den sie nach dem Tod zurückkehrten. 4 Der Norden war für sie die Quelle des Lichts und der Kraft, 5 der ewige Ursprung allen Seins. 6 Aus dem Norden kamen die »kosmischen Existenzen«. 7 Man glaubte, dass sie sich durch die sieben Planeten manifestierten, 8 die als individuelle Gottheiten unter der Herrschaft des Nordens betrachtet wurden.

Die Sabier, deren Name wohl von saba (Sternenaufgang) 9 abgeleitet ist, feierten Schamal bei jährlichen Festen, die als »Geheimnis des Nordens« bezeichnet wurden. 10 Dabei ließ man Hähne gen Norden fliegen, 11 was die Bedeutung dieser Himmelsrichtung bei ihren religiösen Traditionen bestätigt. 1926 schrieb der Sabier-Experte Bayard Dodge, die Harraner hätten ihre Anschauungen und Praktiken im Hinblick auf den Norden vermutlich von einer viel älteren Kultur geerbt. 12 Die Sabier, die auch als Chaldäer (Einwohner von Chaldäa, das heißt von Südost- und Ostanatolien, was aber später mit dem Süden des Iraks verwechselt wurde) bezeichnet wurden, besaßen ursprünglich profunde astronomische, astrologische und mathematische Kenntnisse und benutzten sogar eine Frühform des Astrolabiums. 13

Tell Idris

Aus neuen archäologischen Grabungen auf dem Siedlungshügel Tell Idris (Berg des Idris; »Idris« ist der arabische Name des antediluvianischen Patriarchen Enoch und des griechischen Hermes), der unmittelbar südlich von Harran liegt, wissen wir, dass die frühesten Bewohner in der vorkeramischen neolithischen Periode B, vor rund 10000 Jahren, in dem Gebiet eintrafen, 14 also etwa zu der Zeit, als die Bautätigkeit auf dem Göbekli Tepe endete. Nach der Aufgabe von Tell Idris scheint sich die Aufmerksamkeit vor allem auf die Stadt selbst gerichtet zu haben. Dort hat man Beweise für eine keramische neolithische Siedlung gefunden, die zur sogenannten Halaf-Kultur gehörte, deren Blütezeit etwa zwischen 6000 und 4500 v. Chr. lag. 15 Danach entwickelte sich Harran (akkadisch Harrânu, Kreuzung der Straßen, lateinisch Carrhae) zu einer kosmopolitischen Stadt, die man in der ganzen Alten Welt kannte. Somit liegt die Vermutung nahe, dass die religiösen Traditionen der frühesten Harraner, der Vorläufer der Sabier oder Chaldäer, die bis zum Mittelalter in der Region lebten, in mancher Hinsicht den Anschauungen und Praktiken der vorkeramischen neolithischen Menschen auf dem Göbekli Tepe ähnelten.

Bald nach meinen ersten Besuchen in Harran und auf dem Göbekli Tepe bat ich den britischen amtlich zugelassenen Ingenieur Rodney Hale – der in den zurückliegenden 20 Jahren auf dem Feld der Archäoastronomie gearbeitet hat –, die Ausrichtung der Steinanlagen auf dem Göbekli Tepe zu untersuchen. Ich wollte wissen, ob sich dabei irgendein Muster ergeben würde. Damals war die Freilegung der Anlagen C und D noch im Gang; nur die oberen Hälften der T-Pfeiler ragten aus dem Füllmaterial. Hale benutzte vorhandene Pläne der Stätte, um die mittleren Azimute der zentralen Zwillingspfeiler in den Anlagen B, C, D und E mit ausreichender Genauigkeit zu bestimmen. Er stellte fest, dass sie alle ungefähr von Nordnordwest nach Südsüdost ausgerichtet waren.

Unter Verwendung eines geeigneten astronomischen Computerprogramms konnte Hale ermitteln, dass alle vier Anlagen während der Bauzeit nach Nordnordwest ausgerichtet waren, auf den Untergangspunkt von Deneb (α Cygni; siehe Abbildung 2.1), dem hellsten Stern im Sternbild Schwan (Cygnus). Bei den Anlagen C und D (sowie bei Anlage H, siehe die Abbildungen 2.3 und 2.4) liefern die Lochsteine weitere Beweise für die Ausrichtung auf den örtlichen Horizont – ihre Öffnungen entsprechen nahezu perfekt dem Untergang des Sterns, wenn der Betrachter zwischen den Zwillingsmonolithen stand. Seitdem wurden diese Daten verfeinert und bestätigt, wie die folgenden Korrelationen zwischen den mittleren Azimuten der Zwillingsmonolithen in den Anlagen und dem Untergang von Deneb beweisen.

Die Auswirkungen der Präzession

Hales Ergebnisse passen nicht nur sehr gut zu den angenommenen Erbauungsdaten dieser Anlagen, sondern sie ermöglichen auch die Bestimmung der Reihenfolge, in der sie errichtet wurden. Das verdanken wir der Präzession, der sehr langsamen, schwankenden Bewegung der Erdachse in Form eines Kreises in rund 26000 Jahren. Dadurch ändert sich ganz allmählich die Position, in der ein Stern am örtlichen Horizont auf- und untergeht. Von einer Breite aus, die der des Göbekli Tepe von etwa 9600 bis 8000 v. Chr. entsprach, ging Deneb immer weiter im Nordwesten auf; das zeigt sich deutlich an der Ausrichtung der Zwillingspfeiler in den einzelnen Anlagen. Es lässt sich folgern, dass Anlage D, deren Zwillingspfeiler am stärksten nach Norden ausgerichtet sind, die älteste bisher freigelegte Anlage ist.

Wir können nicht wissen, wie exakt die Erbauer des Göbekli Tepe die astronomischen Ausrichtungen beim Bau der Anlagen berücksichtigten. Die Daten, die sich aus den Azimuten der Zwillingspfeiler ergeben, entsprechen jedoch sehr stark den Radiokarbondaten, die von organischem Material aus dem Inneren der Anlagen geliefert wurden. So hat Lehm aus Mauerfugen in Anlage D kalibrierte Radiokarbondaten von 9745 bis 9314 v. Chr. ergeben, 16 die wunderbar zu den rund 9580 v. Chr. passen, die man aufgrund der Ausrichtung ihrer Zwillingspfeiler auf den Untergangspunkt von Deneb zu jener Zeit erhält (siehe Abbildung 2.2).

Abb. 2.2: Künstlerische Darstellung der Ausrichtung von Anlage D auf Deneb im Schwan. Nicht maßstabsgerecht.

Knochenproben von einer Bestattung, die der Ringmauer von Anlage B entnommen wurden, haben ein kalibriertes Radiokarbonalter von 8306 bis 8236 v. Chr. ergeben. 17 Da diese Bestattung etwa zu der Zeit erfolgt sein dürfte, als die Anlage nach einer langen Benutzungsperiode geschlossen wurde, scheint das aufgrund der Ausrichtung der Zwillingspfeiler auf Deneb angenommene Baudatum von rund 8980 v. Chr. logisch.

Ein neuer Lochstein

Mit dieser Vermutung könnte im Zusammenhang stehen, dass 2011 bei Arbeiten unmittelbar nordwestlich von Anlage B ein Lochstein gefunden wurde, der sich noch an seinem ursprünglichen Platz befand. 18 Seine äußere Form ähnelt einem viktorianischen Kamin, und er hat eine rechteckige Öffnung, die rund 70 Zentimeter hoch und 60 Zentimeter breit ist. Rechts und links davon befindet sich je ein Relief mit einem kletternden Fuchs. Auch auf den Innenseiten mehrerer Mittelpfeiler auf der Stätte sind Füchse vertreten. Der Stein befindet sich in einer Grenzmauer ein wenig außerhalb der Anlage und seltsamerweise unmittelbar hinter Pfeiler 62. Das ist natürlich nicht logisch und deutet darauf hin, dass dieser Lochstein eine symbolische Funktion hatte oder vor der Errichtung des vor ihm platzierten Pfeilers entstand. Er steht zwar etwas westlich von der zentralen Achse der Anlage, doch seine Öffnung ist auf rund 341 Grad ausgerichtet, was nur etwa 1 Grad von der axialen Ausrichtung von Anlage B abweicht, gemessen an den mittleren Azimuten ihrer Zwillingspfeiler. Was für eine Funktion der Stein ursprünglich auch gehabt haben mag – seine Existenz stützt die Annahme, dass alle bisher auf dem Göbekli Tepe freigelegten Anlagen nach Nordnordwesten ausgerichtet sind.

Anlage E ist lediglich ein ovaler Bereich, der in den Fels geschnitten wurde. In ihrem Zentrum befinden sich zwei Sockel, auf denen einst Zwillingspfeiler standen. Sie verschwanden allerdings ebenso wie der Rest der Anlage schon vor langer Zeit, sodass wir im Hinblick auf den Zeitraum, in dem diese Anlage errichtet wurde, nur Spekulationen anstellen können.

Datierung von Anlage C

Wie alt ist Anlage C (siehe Foto 6 im Farbbildteil)? Organisches Material aus einem Bereich in der Nähe ihrer äußeren Ringmauer hat kalibrierte Radiokarbondaten von ungefähr 9261 bis 9139 v. Chr. ergeben, die etwas früher liegen als bei der benachbarten Anlage D. 19 Wie Oliver Dietrich, Experte für die Radiokarbondatierung auf dem Göbekli Tepe, einräumt, legt dies nahe, dass »die äußere Ringmauer von Anlage C jünger sein könnte als Anlage D«. 20 Das wiederum könnte bedeuten, dass diese Struktur errichtet wurde, als die Wiederauffüllung von Anlage D noch im Gang war. 21

Die Radiokarbondaten für Anlage C, ungefähr 9261 – 9139 v. Chr., liegen etwas früher als das Datum, das sich aus der Ausrichtung ihrer Zwillingspfeiler auf den Untergang von Deneb um 8950 v. Chr. ergibt. Das könnte auf den ersten Blick wie ein Problem aussehen. Ich habe jedoch schon an anderer Stelle 22 darauf hingewiesen, dass die Schlitze in den Felssockeln, in die die Zwillingspfeiler von Anlage C eingefügt wurden, etwas weiter nördlich liegen als die Pfeiler selbst. Es scheint fast so, als wären die Winkel der Pfeiler nach der Herstellung der Sockel verändert worden.

Was könnte das bedeuten? Die wahrscheinlichste Antwort lautet, dass die Zwillingspfeiler bewusst neu ausgerichtet wurden, damit sie Deneb weiter folgten, der immer noch weiter westlich vom Norden unterging. Und dass dieser Prozess fortgesetzt wurde, bis die Pfeiler sich nicht mehr weiterbewegen ließen, sodass sie dem Untergangspunkt des Sterns nicht mehr folgen konnten. Könnte das ein Zeichen dafür sein, dass die Anlage ihren Zweck erfüllt hatte und jetzt außer Dienst gestellt oder sozusagen renoviert werden musste? Zumindest könnte dies der Grund dafür sein, dass dann eine innere Ringmauer hinzugefügt wurde, die den ganzen Charakter der Struktur veränderte, da der Blick durch den Lochstein auf den nördlichen Horizont jetzt nicht mehr möglich war. Falls all das stimmt, lag die ursprüngliche Bauzeit der Anlage näher an dem Datenbereich, der sich mit der Radiokarbonmethode ergibt, während die derzeitige Position der Pfeiler auf ihre spätere Verwendung als astronomische Marker hinweist.

Sternenziele

Weder am südlichen noch am nördlichen Nachthimmel hat man andere Sterne gefunden, die zu den mittleren Azimuten der Zwillingspfeiler im Zentrum der Anlagen auf dem Göbekli Tepe in der Epoche ihrer Errichtung passten. Das bedeutet, dass der Untergang von Deneb fast mit Sicherheit dazu beitrug, die axiale Ausrichtung dieser Anlagen zu bestimmen, die bei den Anlagen C und D durch das Vorhandensein der Lochsteine im nordnordwestlichen Teil der ursprünglichen Ringmauern noch betont wurde.

In einem Aufsatz, der in der Zeitschrift Archaeological Discovery erschien, bestätigen die italienischen Wissenschaftler Alessandro De Lorenzis und Vincenzo Orofino von der Salento-Universität in Lecce, dass der Untergang von Deneb für die axiale Ausrichtung der Anlagen B, C, D und E maßgeblich war. 23 Sie schreiben: »Diese Ausrichtungen [der großen Anlagen auf dem Göbekli Tepe auf den Untergang von Deneb] und die von Collins [und Hale] vorgeschlagenen relativen Datierungen … konnten also bestätigt werden.« 24

Andere Theorien

Ungeachtet der sehr überzeugenden Beweise für die astronomischen Interessen der Erbauer des Göbekli Tepe wurden auch andere Theorien für die mögliche Ausrichtung der großen Anlagen vorgebracht – zum Beispiel, dass sie nicht nach Norden, auf den Schwan, ausgerichtet waren, sondern nach Süden, auf den Aufgang der Orion-Sterne 25 oder des hellen Sterns Sirius (α Canis Majoris). 26 Laut Rodney Hale, der beide Vorschläge untersuchte, sind sie aber angesichts der Breite des Göbekli Tepe während des fraglichen Zeitraums, etwa von 9600 bis 8000 v. Chr., unhaltbar. 27

Die Entdeckung von Anlage H

Es gibt noch mehr Beweise dafür, dass die großen Anlagen auf dem Göbekli Tepe nicht nach Südsüdost ausgerichtet waren, sondern nach Nordnordwest. Vor Kurzem wurde in einem Bereich des Siedlungshügels, der heute als nordwestliche Senke bezeichnet wird, eine neue, annähernd ellipsenförmige Anlage entdeckt. Sie liegt etwa 250 Meter nordwestlich von ihrem südöstlichen Gegenstück, in dem sich alle anderen freigelegten Anlagen befinden, und bekam den Namen Anlage H. Bisher wurde dort eine Reihe geschnitzter Pfeiler gefunden, die zum Teil einzigartig auf der Stätte sind. Besonders interessant ist Pfeiler 66 (siehe Abbildung 2.3), ein T-förmiger Stein, dessen eine Breitseite auf das Zentrum der Anlage ausgerichtet ist. Und zwar deshalb, weil er wie die Lochsteine in den Anlagen C und D, die auch zum Zentrum ihrer Anlagen ausgerichtet sind, eine runde Öffnung hat. Sie befindet sich mittig unter dem T-Kopf des Pfeilers, und ihr Durchmesser beträgt rund 20 Zentimeter.

Abb. 2.3: Pfeiler 66 in Anlage H.

Unter Verwendung einer Gesamtaufnahme von Anlage H 28 berechnete Rodney Hale die Ausrichtung von Pfeiler 66 sowie von Pfeiler 51, dem verbliebenen Zentralmonolithen von Anlage H. Er stellte fest, dass sowohl die Öffnung von Pfeiler 66 als auch die Längsachse von Pfeiler 51 einen Azimut von etwa 341 Grad aufwiesen (siehe Abbildung 2.4). Diese Informationen ermöglichten es ihm, die Ausrichtung der Anlage um 8900 v. Chr. zu ermitteln – zu jener Zeit war sie auf den Untergang von Deneb ausgerichtet. (Die Extinktionshöhe für den Untergang von Deneb wurde auf 2 Grad festgelegt.) Dieses Datum passt recht gut zu der Bauzeit, die heute für die Anlage angenommen wird – etwa am Übergang von der vorkeramischen neolithischen Periode A zur vorkeramischen neolithischen Periode B, rund 8800 v. Chr. 29

Abb. 2.4: Plan von Anlage H: Mittlerer Azimut des verbliebenen Zwillingspfeilers (Pfeiler 51) und Ausrichtung des Lochsteins (Pfeiler 66).

Der deutsche Archäologe Nico Becker und seine Kollegen auf dem Göbekli Tepe schlagen für die Entstehung der Struktur das letzte Viertel des 10. Jahrtausends v. Chr. vor (Becker et al. 2014). Aus Holzkohle, die in dem Füllmaterial in der Struktur gefunden wurde, haben sich jedoch kalibrierte Daten von 8650 ± 50 und 8680 ± 80 v. Chr. ergeben. Aus Lehmmörtel erhielt man 8520 ± 60 v. Chr. So gelangt man zu einem Zeitpunkt für die letzte Bauaktivität in der Anlage. Sie dürfte also um das Ende der vorkeramischen neolithischen Periode A und den Beginn der vorkeramischen neolithischen Periode B erbaut worden sein, um 8800 v. Chr.

Springende Panther

Auf der Westseite von Pfeiler 51 in Anlage H befindet sich das Relief einer großen springenden Raubkatze, bei der es sich wahrscheinlich um einen Panther handelt. Sie blickt nach Süden und ersetzt die springenden Füchse, die auf den Innenseiten mehrerer zentraler Zwillingsmonolithen in den großen Anlagen in der Südostsenke abgebildet sind. Aus der südlichen Ausrichtung des Pfeilers können wir schließen, dass Anlage H wahrscheinlich von Süden her betreten wurde, was vor Kurzem durch die Entdeckung einer Felstreppe auf der Südseite bestätigt wurde. 30 Die Teilnehmer an den Zeremonien und die Schamanen hätten also zwischen den Zwillingsmonolithen stehen oder sitzen und durch die runde Öffnung in Pfeiler 66 auf den nordnordwestlichen Horizont blicken können. Pfeiler 66 dürfte somit wie die Lochsteine in den Anlagen C und D den Mittelpunkt der Anlage gebildet haben – dort hat wahrscheinlich der Altar oder das Allerheiligste gestanden. Das gilt auch für die Gegenstücke in der Südostsenke. Anlage H war zur Zeit ihrer Errichtung also wahrscheinlich auf den Untergang von Deneb ausgerichtet.

Eine Richtungsänderung

Es kann kaum ein Zweifel daran bestehen, dass alle älteren (aus Schicht III) Anlagen, die bisher auf dem Göbekli Tepe freigelegt wurden – also die, die in der größten Tiefe gefunden und etwa um 9600 – 8800 v. Chr. erbaut wurden –, von Süden her betreten wurden (eine Ausnahme könnte Anlage E sein, die ein Rätsel bleibt). Viel jüngere Strukturen, wie Anlage F und das Löwenpfeilergebäude, die beide zu Schicht II (etwa 8800 – 8000 v. Chr.) gehören, scheinen aber von Westen her betreten worden zu sein. (Schicht I bezeichnet lediglich Oberflächenfunde, die von der prähistorischen Zeit bis heute reichen.) Das dürfte darin begründet sein, dass sie nicht auf die Sterne ausgerichtet waren, sondern auf die aufgehende Sonne. Die Zwillingspfeiler von Anlage F sind bis auf etwa 1 Grad auf den Sonnenaufgang zur Zeit der Sommersonnenwende ausgerichtet, das Löwenpfeilergebäude fast genau in Ostwestrichtung. An seinem Ostende stehen Zwillingsmonolithen, auf jeder Seite des Raumes einer, auf deren Innenseiten sich geschnitzte Reliefs großer Katzen (wahrscheinlich Panther) befinden, die nach Westen blicken.

Man betritt das Löwenpfeilergebäude also von Westen her und wird von großen Raubkatzen begrüßt, die aus dem Osten gesprungen kommen. Das ist natürlich die Richtung des Sonnenaufgangs zur Zeit der Sommersonnenwende. Die viel größeren und älteren Strukturen in der südöstlichen und nordwestlichen Senke betritt man hingegen von Süden her, wo man von sich aufbäumenden Tieren begrüßt wird (Füchsen in den Anlagen A, B, C und D, großen Raubkatzen in Anlage H), die aus Nordnordwest kommen, wo Deneb, der Hauptstern des Schwans, aufging.

Anlage A ist übrigens eine Ausnahme, denn auf einem der Zwillingspfeiler blickt ein sich aufbäumender Fuchs nach Süden, doch auf dem anderen finden wir anthropomorphe Charakteristika gen Norden. Als Anlage G wird ein Bereich im nördlichen Teil der Nordwestsenke bezeichnet, in dem in den 2000er-Jahren merkwürdige architektonische Elemente gefunden wurden. Derzeit gibt es jedoch keine weiteren Informationen.

Der nördliche Nachthimmel

Als die frühesten Anlagen auf dem Göbekli Tepe errichtet wurden (um 9600 – 8800 v. Chr.), waren die Sterne im Schwan Paradebeispiele für Sterne, die am Nordnordosthorizont aufgehen, um den nördlichen Himmelspol (den wahrgenommenen Wendepunkt des Sternenhimmels) laufen und dann im Nordnordwesten untergehen, aber schon kurz darauf wieder aufgehen. Der Auf- und Untergang des Schwans könnte die Benutzung seiner Sterne als Marker in einem primitiven Zeitkalender ermöglicht haben. Sie versetzten die Erbauer des Göbekli Tepe sehr wahrscheinlich in die Lage, ihre Aufmerksamkeit auf die Milchstraße zu richten, die den Rand unserer Galaxie bildet; die Schwansterne scheinen sich nämlich dort zu befinden. Sie werden häufig als Himmelsvogel betrachtet, der mit ausgebreiteten Flügeln das glitzernde Sternenband entlangfliegt.

Die Milchstraße wird schon seit Urzeiten als leuchtender Weg betrachtet, gewöhnlich als Straße oder Fluss, der das Land der Lebenden mit dem Totenreich verbindet. Das Totenreich war eine unsichtbare Welt, die obere Welt oder Himmelswelt der schamanistischen Tradition. Bei den Anlagen C, D und H gelangte man vermutlich durch die Seelenlöcher in den astronomisch ausgerichteten Lochsteinen in dieses unsichtbare Reich. Mit der Frage, wie und weshalb der Schwan für die Erbauer des Göbekli Tepe so wichtig wurde, werde ich mich später noch befassen. Jetzt möchte ich zu der Knochenplatte zurückkehren, denn ihre winzigen Schnitzereien können uns zeigen, was der Künstler genau sah, als er dieses einzigartige prähistorische Werk vor etwa 11000 Jahren schuf.

Kapitel 3: Zeichen am Himmel

Kapitel 3
Zeichen am Himmel

Nur 2 Wochen, nachdem Hugh Newman und ich von unserer ereignisreichen Reise in die Südosttürkei im September 2015 nach Großbritannien zurückgekehrt waren, wurde die Nachricht von der Entdeckung der winzigen Knochenplatte auf dem Göbekli Tepe online vermeldet. 1 Ich schrieb dann mehrere Artikel über ihre erstaunlichen Schnitzereien, und Hugh stellte ein Video mit Szenen aus dem Archäologischen Museum in Şanlıurfa her, in denen meine erste Reaktion darauf gezeigt wurde, dass Matthew Smith die enorme Bedeutung der Platte erkannte. 2

Offensichtlich bestand großes Interesse an der Platte. Die Geschichte wurde schon nach wenigen Tagen viral – Hunderte von Nachrichten, Blogs und Foren beschäftigten sich mit unserer Entdeckung. Noch während die Aufregung weiter stieg, entdeckte Rodney Hale Neues an diesem einzigartigen Kunstwerk.

Der Ingenieur benutzte bis zu zwanzig Hochauflösungsbilder von der Platte, die Hugh Newman und ich gemacht hatten. Er untersuchte auch die winzigsten Details der polierten Oberfläche. Wo das möglich war, verwendete er zwei aufeinanderfolgende Aufnahmen, um sich die Schnitzereien sozusagen stereo anzusehen. Bei diesen Untersuchungen entdeckte er Bemerkenswertes.

Hale stieß auf kleine Risse und Sprünge in der Oberfläche der Platte, die teils länglich waren, teils eher Furchen glichen. Manche waren ziemlich groß, andere viel kleiner. Sie wirkten aber alle ganz natürlich und schienen lediglich das Ergebnis von Alterungsprozessen zu sein, die darauf zurückzuführen waren, dass die Platte den Elementen ausgesetzt oder mit aggressiven Stoffen in Berührung gekommen war. Darüber hinaus entdeckte er drei weitere deutliche Kerben, die umso auffälliger waren, da sie sich direkt über den T-Pfeilern auf der Platte in einer Linie befanden. Bei der Mittleren schien es sich zwar um einen natürlichen Riss zu handeln, der möglicherweise noch etwas betont worden war, doch die beiden äußeren Kerben schienen unter Verwendung eines scharfen Geräts bewusst erzeugt worden zu sein (siehe Abbildung 3.1). Da es auf der Platte keine anderen hohlen Löcher gab, betrachtete Hale diese drei als einzigartig.

Abb. 3.1: Die drei Kerben über den Zwillingsmonolithen auf der Knochenplatte vom Göbekli Tepe.

Hale nahm dann an, dass die drei Kerben Himmelsobjekte darstellten, und untersuchte verschiedene Kombinationen dreier Sterne. Er gelangte nur zu einer einzigen möglichen Lösung: Sie passten genau zu den astronomischen Positionen der drei »Flügelsterne« des Schwans, Gienah (ε Cygni), Sadr (γ Cygni) und Rukh (δ Cygni), die gemeinsam mit Deneb eine Sternengruppe bilden, die als »Dreiecke« bezeichnet wird. 3

Der Himmelshorizont

Eine Kerbe, die der Position des hellen Sterns Deneb entsprochen hätte, gab es auf der Platte nicht. Doch eine konkave Einbuchtung am oberen Rand begann uns zu faszinieren, denn sie ähnelte deutlich der ägyptischen Hieroglyphe djew, »Berg« (siehe Abbildung 3.2). Hale und ich fragten uns, ob die kleine tragbare Platte vielleicht dazu gedacht war, sie sich vor ein Auge zu halten, sodass man in der sattelförmigen Einbuchtung ein Himmelsobjekt sehen konnte – am ehesten den Stern Deneb. Das hätte man leicht als Produkt einer lebhaften Fantasie abtun können, doch im Laufe der Zeit erschien es uns immer wahrscheinlicher.

Abb. 3.2: Die altägyptische Hieroglyphe djew, die »Berg« symbolisiert. Die Ähnlichkeit mit der sattelförmigen Einbuchtung auf der Knochenplatte ist unübersehbar.

Da auf der Platte möglicherweise die drei Flügelsterne des Schwans abgebildet waren, erhob sich die Frage, was sie vor rund 11000 Jahren für die Erbauer des Göbekli Tepe genau bedeutet haben könnten. Der Künstler scheint es jedenfalls für nötig befunden zu haben, die Sterne neben der Darstellung von Zwillingspfeilern abzubilden, zwischen denen sich ein gut definiertes Seelenloch befand und vor denen eine abstrakte Gestalt stand. Zwischen diesen Komponenten schien eine bedeutungsvolle Verbindung zu bestehen. Anders ausgedrückt: Zwischen der Position des Künstlers, der möglicherweise die Rolle der in die Platte geschnitzten menschlichen Gestalt übernommen hatte, und der offensichtlichen Ausrichtung der in die Platte geschnitzten Bildwelt bestand eine eindeutige Beziehung.

Eine moderne Rekonstruktion

Inzwischen war es Mitte Oktober geworden, und ich bereitete mich darauf vor, meine Erkenntnisse im Hinblick auf die Knochenplatte bei Origins 2015 vorzustellen, der jährlichen Tagung von Origins of Civilization, die ich zusammen mit Hugh Newman veranstaltete. Ich wollte dem Publikum zeigen, welcher Anblick sich dem Künstler geboten haben könnte, als er die Schnitzereien auf der Platte anfertigte. (Natürlich könnte es auch eine Künstlerin gewesen sein.) Deshalb bat ich den Londoner Grafikkünstler Russell M. Hossain (der auch den Umschlag für die englische Ausgabe dieses Buches gestaltete) um eine Darstellung der Szene. Sie sollte eine schamanenähnliche Gestalt zeigen, die vor einem Paar T-Pfeiler in einer Anlage der für den Göbekli Tepe typischen Art stand, mit einem Lochstein dazwischen und den Flügelsternen des Schwans darüber.

Ich fertigte dann schnell eine Skizze an und schickte sie Russell. Innerhalb weniger Tage entwarf er einen detaillierten Vorentwurf, der so lebensecht war, dass ich etwas erkannte, was möglicherweise sehr wichtig war: Konnte es sein, dass die auf der Platte gezeigte Perspektive der drei Flügelsterne des Schwans ihre wirklichen astronomischen Positionen am Nachthimmel wiedergab ? Wenn das zutraf, mussten die Sterne – da Gienah sich links befand, Sadr in der Mitte und Rukh rechts – den Meridian bei ihrem oberen Durchgang bereits überquert haben und sich jetzt schon ein Stück auf ihrem Weg zum Untergang am nordnordwestlichen Horizont befinden, in der Richtung, auf die alle ganz frühen Anlagen auf dem Göbekli Tepe ausgerichtet sind.

Ein Horizont von null Grad

Ich bat Rodney Hale wieder, das zu untersuchen. Er stellte fest, dass der Winkel der drei Kerben auf der Knochenplatte der Position der Flügelsterne des Schwans sehr nahe kam, wenn der mittlere Stern, Sadr, eine Höhe von 45 Grad über dem Nordwesthorizont erreichte. Als Hale eine Karte des fraglichen Bereichs des Nachthimmels über ein Bild der Knochenplatte legte, machte er eine ganz ungewöhnliche Beobachtung: Da ein Himmelsprogramm die Himmelslinien der Höhe und der Azimute anzeigen kann, sah er jetzt, dass die T-Pfeiler auf der Platte eine Position hatten, bei der ihre oberen Ränder einer Höhe von exakt 30 Grad entsprachen. Noch erstaunlicher war, dass die tief eingeschnittene Kerbe, die das Seelenloch im Zentrum des Lochsteins repräsentierte, bei der Position von Sadr bei 45 Grad und dem oberen Rand der Steinpfeiler bei 30 Grad bei einer Höhe von exakt null Grad lag (siehe Abbildung 3.3). Das heißt nichts anderes, als dass die Position der Öffnung in dem Lochstein mit einer angenommenen Blickrichtung vom Auge des Künstlers durch das Seelenloch auf den örtlichen Horizont übereinstimmte.

Diese neuen Erkenntnisse schienen zu bestätigen, dass die drei Kerben über den T-Pfeilern auf der Platte tatsächlich die Flügelsterne des Schwans repräsentierten. Außerdem zeigten sie, dass der Künstler bei der Erschaffung der erstaunlichen Bildwelt auf der Platte sehr genau wiedergegeben hatte, was er damals sehen konnte. Das bedeutete zum einen, dass die winzigen Schnitzereien gewissermaßen eine virtuelle Fotografie sind, und zum anderen, dass jetzt kaum noch Zweifel daran bestehen konnten, dass die Blickrichtung des Künstlers – und die abgebildete Anlage – nach Nordwesten ausgerichtet waren, wo der Schwan unmittelbar vor seinem Untergang im Nordnordwesten am Nachthimmel zu sehen ist.

Abb. 3.3: Die Sterne des nördlichen Horizonts über der Knochenplatte vom Göbekli Tepe. Der obere Rand der Zwillingspfeiler liegt bei 30 Grad, der Horizont von null Grad stimmt mit der Öffnung in dem Lochstein überein.

Weshalb ist auf der Platte der Untergang der drei Flügelsterne des Schwans und nicht des hellen Sterns Deneb zu sehen? Das hat einen ganz einfachen Grund: Hätte der Künstler nur einen einzelnen Stern dargestellt, hätte man dessen Identität nicht erkennen können. Da aber die genaue astronomische Beziehung der drei Flügelsterne bei ihrem Untergang abgebildet wurde, war erkennbar, dass das der dargestellte Himmelsbereich war – in der gleichen Richtung, auf die die frühesten Anlagen ausgerichtet waren.

Hale las aus den neuen erstaunlichen Daten aber noch mehr heraus. Er nahm an, dass der Künstler genau das darstellte, was man von seinem Standpunkt aus sehen konnte, und schloss daraus, dass man auch die Standlinie der beiden Pfeiler bestimmen konnte. Unter Benutzung aller bis dahin ermittelten Winkel – einer Höhe von 45 Grad für Sadr, einer Höhe der oberen Ränder der Steinpfeiler von 30 Grad, einer Höhe von null Grad für das Seelenloch und der Standlinie der Pfeiler, die als – 25 Grad berechnet worden war – erstellte er ein maßstabsgerechtes Diagramm, das die Perspektive des Künstlers zeigte. Dafür brauchte er allerdings noch eine weitere Information: die Höhe der Steinpfeiler auf der Platte. Er ermittelte sie über die Messwerte für die Zwillingsmonolithen in Anlage D, die sich etwa 5,5 Meter über deren Felsboden erheben. 4

Die grafische Darstellung, die Hale so erhielt (siehe Abbildung 3.4), bietet eine einzigartige Perspektive von dem, was der Künstler vor rund 11000 Jahren gesehen haben könnte. Sie zeigt einen imaginären Beobachter, der über die Anlage blickt, wobei die Flügelsterne des Schwans im Hintergrund tief am Nordwesthimmel stehen. Diese Botschaft kommt auch in Russell M. Hossains Darstellung der Bildwelt auf der Platte zum Ausdruck, die auf der Veranstaltung von Origins of Civilization im November 2015 erstmals gezeigt wurde (siehe Foto 7 im Farbbildteil).

Abb. 3.4: Künstlerische Darstellung der auf der Knochenplatte abgebildeten Anlage, wie Rodney Hale sie sieht.

Diese Schlussfolgerungen sind natürlich nicht die einzige denkbare Deutung der Schnitzereien auf der Platte. So erschien im März 2017 ein Online-Artikel von Oliver Dietrich zu diesem Thema. 5 Darin lenkt Dietrich, der zu den deutschen Archäologen gehört, die derzeit auf dem Göbekli Tepe arbeiten, die Aufmerksamkeit auf die unverkennbare Ähnlichkeit der Bildwelt auf der Platte mit den T-Pfeilern vom Göbekli Tepe. Er kommt jedoch zu dem Schluss, dass das alles entweder eine Reihe spontaner Kritzeleien ohne wirkliche Bedeutung ist oder dass dort die Vorderbeine einer echsenähnlichen Kreatur gezeigt werden.

Rodney Hale und ich sind allerdings der Ansicht, dass die vorkeramischen neolithischen Bewohner Südostanatoliens nicht nur auf dem Göbekli Tepe stark von den Sternen im Schwan fasziniert waren. Die Ausrichtung auf diese Sterne ist nämlich auch auf anderen Stätten zu finden. In Çayönü beispielsweise, das rund 130 Kilometer nordöstlich des Göbekli Tepe liegt, in der Nähe der Stadt Diyarbakır (siehe Abbildung 3.5), scheinen die dortigen Kultgebäude zur Zeit ihrer Errichtung (vor 10000 Jahren) alle drei auf den Untergang von Deneb ausgerichtet gewesen zu sein. 6 Und auf der 10500 Jahre alten Stätte auf dem Karahan Tepe, 7 der etwa 37 Kilometer östlich vom Göbekli Tepe im Tektek-Gebirge liegt, wurden ebenfalls Ausrichtungen auf den Untergang des Schwans entdeckt. 8 Falls diese Ausrichtungen eine Bedeutung haben, stellt sich die Frage, weshalb der Schwan bei diesen Menschen eine so wichtige Rolle spielte. Den Schlüssel zur Lösung dieses Rätsels liefert der Göbekli-Tepe-Pfeiler 43, der auch als Geierstein bezeichnet wird. Mit ihm müssen wir uns beschäftigen, wenn wir die ältesten Anschauungen und Praktiken unserer neolithischen Vorfahren besser verstehen wollen.

Abb. 3.5: Die neolithischen und chalkolithischen Stätten in Anatolien, die in diesem Buch vorkommen.

Kapitel 4: Das Rätsel von Pfeiler 43

Kapitel 4
Das Rätsel von Pfeiler 43

Pfeiler 43 auf dem Göbekli Tepe, der Geierstein, dürfte der Schlüssel zu den kosmologischen Anschauungen und Praktiken der vorkeramischen neolithischen Welt Südostanatoliens sein. Er ist einer von zwölf T-Pfeilern, die in der Ringmauer von Anlage D standen (elf stehen heute noch an ihrem Platz). Sie sind wie die Speichen eines Rades angeordnet und den beiden riesigen Zwillingsmonolithen im Zentrum der Anlage zugewandt.

Ein merkwürdiger Geier