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In diesem Roman werden bereits die Hauptprotagonisten der kommenden Science-Fiction Reihe in ihrer irdischen Umgebung dargestellt. Er handelt von gewollter Einsamkeit, Reisen ohne ein Reiseführer sein zu wollen, Sex mit und ohne Liebe, Beziehungskisten ohne zu tiefgründigen Anspruch und einer alltagsphilosophisch angehauchten, hoffentlich interessanten Rahmenhandlung. Inhaltlich geht es um zwei Freunde, die unterschiedlicher nicht sein können. Diese lieben mal mehr und mal weniger dieselbe Frau. Ohne diese gehen sie zusammen auf Reisen. Einzeln reisen sie mit ihr zusammen. Leichte Verwicklungen sind vorhersehbar,
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Seitenzahl: 136
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Liesbeth Listig
Der Sommereremit
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Vorwort
Einsiedelei
Metamorphose
Der Tourist
Ein Licht geht auf
Nach dem Urlaub ist vor dem Urlaub
Es ist zum in die Luft gehen
Wieder auf der Insel
Wenn zwei sich streiten…
Zwei Anhänger
Impressum neobooks
Vorausschicken möchte ich, dass alles, was ich hier zu Papier gebracht habe, nicht der Realität entspricht. Der Roman ist ausschließlich meinem hoffentlich noch immer gesunden Hirn entsprungen. Aber natürlich sind auch einige autobiografische Anekdoten eigener Erlebnisse mit eingeflossen. Welche davon meinen Erfahrungen zuzuordnen sind, finden Sie sicher selbst heraus. Zumindest die körperbezogenen sind meist Wunschdenken, dürften jedoch den Phantasien der Leserinnen und Leser entgegenkommen und hoffentlich ihre Praxis bereichern.
Rein zufällig sind Namen oder Zusammenhänge, die Sie an lebende oder bereits dahingegangene Personen erinnern könnten. So etwas soll niemanden diskreditieren oder Sie gar vom Lesen abhalten. Wenn allzu sanfte Gemüter geschilderte körperbezogene Handlungen, die eventuell zur Erregung führen könnten, nicht ertragen, sind diese einfach zu überlesen. Wie auch im realen Leben unterbrechen sie nur den täglichen Handlungsablauf und führen zu weiterer Entspannung.
Der Roman handelt von gewollter Einsamkeit, Reisen, ohne ein Reiseführer sein zu wollen, Sex mit und ohne Liebe, Beziehungskisten ohne zu tiefgründigen Anspruch und einer alltagsphilosophisch angehauchten, hoffentlich interessanten Rahmenhandlung.
Inhaltlich geht es um zwei Freunde, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Diese lieben mal mehr und mal weniger dieselbe Frau. Ohne diese gehen sie zusammen auf Reisen. Einzeln reisen sie mit ihr zusammen. Leichte Verwicklungen sind vorhersehbar. Wer schaut in die Röhre? Nicht erst den Schluss lesen. Das Interessante steht wie auch im Leben mittendrin. „Nun darf ich nicht mal erst den Schluss lesen und dann beginnt der Roman auch noch wie ein schlechter Krimi?“, werden Sie aufstöhnen. Aber auch das Gefühl geht vorbei. Viel Spaß!
Eure
Liesbeth Listig
Es war einer dieser seltenen Hochsommertage, an denen sich weder auf der Landseite hinter dem Deich, noch auf der Seeseite hinter dem Deich ein Lüftchen regte. Dazu sollte der geneigte Leser wissen, dass für die Küstenbewohner jede Stelle hinter dem Deich liegt. Es regte sich hier, selbst mit dem Einsetzen der Flut, heute kein Windhauch. Die Vormittagssonne brannte von einem strahlend blauen Himmel und die nicht unangenehme Wärme und die völlige Ruhe lagen bleiern über dem Küstenstreifen. Kein Laut durchdrang diese Stille. Jede Bewegung, die er sich zugestand erschien überflüssig, ja wie ein Sakrileg, das unweigerlich diese Ruhe zerstören würde.
Auf der selbstgezimmerten Bank saß Rigo und hing bewegungslos seinen Gedanken nach. Das einzige Geräusch, was nach den vielen, ruhigen Minuten, welche ihm wie Stunden vorkamen, an sein Ohr gelangte, war der Gesang einer Lerche, die hoch oben im Azurblau der flimmernden Luft flatternd an einer Stelle stand. Der kleine Vogel zauberte ein Lächeln auf das zeitlos wirkende Gesicht.
Rigo Walder war ein sonnengegerbter, naturverbundener Mensch, dessen Alter nur schwer einzuschätzen war. Von seiner Statur her eher schmächtig, hatte er jedoch eine ausgeprägte Muskulatur vorzuweisen, die er mit allerlei Naturprodukten, welche empfindliche Nasen mit Grausen unter anderem als Fischöl und Tran identifizieren würden, intensiv zu pflegen verstand. Unter dem zerzausten, von der Sonneneinstrahlung erblondeten Haar und der zerfurchten, braun gebrannten Stirn waren zwei stets unruhige, blaue, schalkhaft dreinblickende Augen zu finden, welche auch meistens einen freundlichen, zugewandten Kontakt versprachen. Sein Bekleidungsstil war nicht weiter erwähnenswert. Dieser bezog sich ausschließlich auf Rigos naturverbundenes Leben. Deshalb war er zwar praktisch, aber nicht sehr ansehnlich. Für Menschen die Rigo nicht näher kannten waren es skurrile Lumpen, getragen von einem skurrilen Penner, Waldschrat, Bekloppten oder bestenfalls Nichtsesshaften. Aber weit gefehlt, Rigo Walder war schon lange sesshaft geworden.
Als einziger Spross einer deutsch-lettischen Familie war er im zweiten Weltkrieg als Kommandant eines Unterseebootes für das Deutsche Reich unterwegs gewesen. Als sein Boot dann nach einem Angriff manövrierunfähig in der Nordsee dümpelte, ereilte ihn sein Schicksal. Als er, ein weißes Laken in der Rechten, aus der Luke des Bootsturmes stieg und über die Reling schaute, traf ihn eine englische Gewehrkugel am Kopf und riss ihm einen glücklicherweise kleinen Teil der Schädeldecke weg. Aber diese, dem Leben nicht sehr zuträgliche Verwundung bekam Kommandant Walder bewusst nicht mehr mit. Der weiße Lappen glitt ihm aus der Hand und er ging bewusstlos und kopfüber von Bord.
Seine Schwimmweste rettete ihn vor dem Ertrinken und so wurde er mit der Flut an Land getrieben. Von all diesem und den folgenden Torturen bekam Rigo nichts mit. Auch nicht, dass wohlwollende „Strandräuber“ ihn mit auf ihren Hof nahmen und, dass diese ihn zur weiteren Versorgung in ein Lazarett brachten, wo ihm nach mehreren Operationen eine Stahlplatte die zerschossene Schädeldecke ersetzte. Auch das Ende des Krieges und den Verlust aller seiner fragwürdigen Ideale verträumte Rigo Walder unter gravierenden Dosen von Morphium. Seine Rehabilitation verlebte er später in einem englischen Gefangenenlager; irgendwo im Norden des untergegangenen Reiches. Aber da er weder Papiere noch Uniform bei sich hatte und mit lettischem Akzent vorgab, aufgrund seiner Verletzung keine Erinnerung mehr an sein Vorleben zu haben, entließ man den unnützen Esser frühzeitig in eine ungewisse Freiheit.
Monatelang irrte Rigo Walder damals durch das vom Krieg gebeutelte Norddeutschland. Immer war er auf der Suche nach etwas Essbarem und einer Unterkunft. Als Hilfsarbeiter, Tagelöhner und sogar als Dieb fristete er sein Dasein, aber niemals als Räuber oder gar Mörder. Ein solches Vorgehen war Rigo fremd und entsprach auch unter den widrigsten Bedingungen nicht seinem Charakter. Alsbald fand er dann Unterschlupf bei einem Marschbauern, der ihn als Erntehelfer einsetzte. Nach der Ernte wusste der Bauer nichts mit ihm anzufangen. Er duldete es aber, dass Rigo in dem alten Schafstall, der direkt hinter dem Deich beim Sommerkog lag, sein Lager aufschlug. Das war weitab von allen Gehöften und dem nächsten Ort. Dort störte er niemanden. Wer weiß, wozu man diesen fleißigen Letten noch einmal brauchen konnte, mag der Bauer sich gedacht haben.
Nun, nachdem viele Jahre ins Land gegangen waren, lebte Rigo immer noch in dem zerfallenen Stall. Den Bauern gab es längst nicht mehr. Rigo saß vor seinem Domizil in der Sonne und dachte an diese vergangenen Zeiten zurück. Es hatte viel zu lange gedauert, bis er nicht mehr auf Bettelei und Tagelöhnerei angewiesen war. Aber irgendwann, als die junge Republik, welche er zu tolerieren gelernt hatte, sich etablierte, bekam er eine Kriegsversehrtenrente. Hiervon hätte er auch in einer Stadt ein gutes Leben führen können. Rigo zog es aber vor, seinen Lebensstil beizubehalten. Das Leben von und mit der Natur versprach ihm ein wenig Glück.
So brauchte er weiterhin wenig finanzielle Mittel und sein Vermögen stieg über die Jahre zu einem erkläglichen Reichtum an. Kein Außenstehender sah in Rigo Walder einen reichen Mann. Hinzu kam seine geschäftliche Tätigkeit. Außerhalb der Badesaison machte Rigo oft tagelange Wanderungen am Deich oder durch das Watt. Dann sammelte er Treibgut, welches er in dem fast zusammengebrochenen hinteren Teil seines Stalles stapelte. Muscheln, alte Netze, Schiffslaternen und Wrackteile, selbstgegerbte Robbenfelle, von denen man nicht wissen wollte, mit welchen Naturprodukten die Gerbung erfolgt war, waren dort unter viel anderem Kram zu finden. Bei schlechtem Wetter war Rigo dann emsig dabei, aus diesem Trödel mehr oder weniger schöne Souvenirs für die Urlauber zu fertigen. Die Sachen stellte er dann an schönen Tagen wie diesem vor seiner Tür auf dem Hof auf und verkaufte das ein oder andere Stück an vorbeikommende Touristen.
Es kam aber nicht allzu häufig vor, dass außer ein paar Radfahrern auch Fußgänger oder gar Autos vorbei kamen. Der Stall lag weit ab von der nächsten Ortschaft und dem nächsten Badestrand, und mancher Besucher scheute sich auch, dem merkwürdigen Menschen nahe zu kommen. Nur die Neugier und das schaudernde Erbarmen, das Rigos Anblick bei manch einem Menschen hervorrief, veranlasste einzelne dazu, näher zu kommen und eventuell etwas zu kaufen. Das alles störte Rigo nicht. Er freute sich über jedes Gespräch, war er doch nicht auf den Verkauf angewiesen. Aber es freute ihn dennoch, dass der „Grüne Plan“ der Regierung ihm in den sechziger Jahren eine Asphaltstraße vor seinem Domizil beschert hatte, und auch alle anderen Feldwege der Gegend asphaltiert und somit gut mit seinem alten Fahrrad befahrbar waren. Auch einige Urlauber folgten nun häufiger den Wegen hinter dem Deich, und manch einem war ein freundliches Wort oder ein Kauf zu entlocken.
Umgeben von seinen Erzeugnissen saß Rigo gedankenverloren in der Sonne als ein junger Fußgänger in sein Blickfeld geriet. Ein junger Mann in kurzen Hosen, der nicht über die Straße, sondern den Sommerdeich auf die Verkaufsstelle zusteuerte. Rigo war hocherfreut, von einem potenziellen Käufer aus seinen nun immer trüber werdenden Erinnerungen gerissen zu werden. Tatsächlich kam dieser Mensch ohne Scheu schnurstracks auf ihn zu und begrüßte ihn wie man den Krämer von nebenan begrüßen würde. Umgehend zeigte Rigo geschäftig seine Waren und hatte zu jedem Gegenstand eine Geschichte zu erzählen.
Er erzählte von verschiedenen Schiffen, die bei Unwetter oder bereits in den Wirren des Krieges weit draußen in die Sände geraten und nicht mehr freigekommen waren. Dann war Rigo bei gutem Wetter und günstiger Tide hinaus ins Watt gewandert und hatte von einem dieser nicht ungefährlichen Ausflüge unter anderem Kram ein Ankerlicht mitgebracht, welches er von einem Havaristen abgebaut hatte. Dieses war noch komplett erhalten und Rigo hatte es mit Kupferfarbe noch ansehnlicher gemacht. Das Glas war nicht wie bei Positionslaternen rot oder grün, sondern klar und strahlte wie ein Leuchtturm, wenn er das Petroleumlicht darin entzündete.
Des Weiteren erklärte er seinem Besucher appetitlich, wie er zu den Robben und Schafsfellen gekommen war. Wie er den verendeten, tot aufgefundenen Tieren das Fell abgezogen hatte und wie lange es dauerte, bis der Gerbgeruch sich verflüchtigt hatte. Die Geheimnisse des Gerbvorganges gab er jedoch nicht Preis, da sein Besucher bereits etwas angewidert das Gesicht verzog. Verwöhnte Urlauber dachte Rigo und ging zu den nächsten Kuriositäten über.
So hatte er eine uralte, von der Erde geschwärzte Schiffsplanke mit allerlei Muscheln und Seesternen gespickt und lackiert. Mit verschwörerischer Mine und mit immer noch leicht anklingendem, lettischen Akzent, erklärte er dann, dieses Holz stamme aus der nicht weit entfernten Ausgrabungsstelle, wo ein uraltes Wikingerbot im Marschboden, der früher Watt gewesen war, gefunden wurde. Ein hübsches Souvenir. Aber sein Kunde hatte hierfür nicht und auch nicht für die geschnitzten und bunt bemalten Leuchttürme ein Auge. Er wollte nur das Ankerlicht. So ging es nach vielem hin und her der Preisverhandlung für hundertzwanzig Mark an den neuen, überaus zufriedenen Besitzer. Und dieser hinterließ einen noch zufriedeneren Rigo Walder.
Nachdem der Besucher sich verabschiedet hatte, war der Tag so weit fortgeschritten, dass die größte Mittagshitze überstanden und es Zeit für eine spartanische Mahlzeit war. Rigo begab sich in den einzig bewohnbaren Raum des baufälligen Gebäudes, in dem sich sowohl seine Schlafgelegenheit als auch die Küche befand. Seine Schlafstätte bestand aus einer alten Matratze, die auf dem blanken Boden lag. Darüber hing, wohl aus nostalgischen Gründen, ein gerahmtes, verblassendes Führerbild, welches Rigos verlorene Jugend widerspiegelte, jedoch bereits seit vielen Jahren seine Bedeutung für ihn verloren hatte. Es hing dort, wie es auch ein röhrender Hirsch oder Putten mit Sinnsprüchen getan hätten, sinnlos und hässlich an der Wand. Aber irgendwie konnte Rigo es nicht wegwerfen. Wie er auch alle anderen Sachen nicht einfach wegtun konnte. Eventuell konnte es in kalten Nächten noch nützlich sein, nicht mehr um das Herz zu erwärmen, aber eventuell den Körper. Die Feuerstelle war ja nicht weit. So hing das Bild und hing und hing…
Rigo heizte die kleine Herdstelle an und bereitete sich in seiner Blechtasse einen Kaffee, indem er das grob gemahlene Kaffepulver mit kaltem Wasser zum Kochen brachte. Auf ähnliche Weise entstand im Alu-Kochgeschirr ein Nudelsüppchen, welches er mit altem Brot und etwas guter Butter genussvoll zu sich nahm. Nachdem der Kaffee auf Trinktemperatur abgekühlt war, genoss Rigo auch dieses Gebräu bedächtig bis zur Neige. Das heißt, mit dem Kaffeesatz, welcher ja für den Magen bekömmlich sein soll.
In einer halben Stunde würde die Bank im Badeort ihre Siesta beendet haben und wieder in die Nachmittagsprechstunde starten. Das wollte Rigo nicht versäumen. Einmal in der Woche begab er sich aus dem selbstgewählten Eremitendasein hinaus und unter Menschen. Aber nur, um zu erkunden, ob sein Geld gut verwahrt würde, und um etwas einzuzahlen, wollte er die Bank aufsuchen. Auf dem Rückweg dann noch rasch das Nötigste einkaufen, nach der ausgelegten Grundangel sehen, dann wieder nach Hause und nach der Hektik die nötige Ruhe tanken.
Alle draußen aufgestellten Schätze wurden nun schnell in der abschließbaren Wohnstube verstaut. Danach wurde der Drahtesel aus seinem Unterstand geholt. Dieser machte seinem Namen alle Ehre. Das uralte Vehikel hatte Rigo vor Jahren irgendwo „weggefunden“ und notdürftig fahrtüchtig gemacht. Nun trat er in die abgewetzten Pedale. Bei jedem Tritt war ein „I“ und dann ein „A“ zu hören. Ich sollte das gute Fahrzeug mal wieder mit einem fettigen Fischlappen bearbeiten, dachte Rigo noch und machte unter viel I A Tempo.
Der flotte Fahrer fuhr hinter dem Seedeich entlang, vor dem sich der Sommerkoog mit den üppigen Salzwiesen ausbreitete. Dieser war erst vor wenigen Jahren eingedeicht und vorerst mit einem niedrigeren Deich versehen worden, der bei den Herbst- und Winterstürmen häufig überspült wurde. Im Sommer konnten sich jedoch bereits Schafe an den Salzgraspflanzen und bunten Blumen der Salzwiesen laben. Es war ein leichter Sommerwind aufgekommen, der die schweißtreibende Tour erträglich machte.
Rigo fuhr direkt auf „Calais Kneipe“ zu, bog dann scharf rechts in Richtung Heringseck ab und hatte nun die Wahl, zum Badeort hinter dem Deich weiter zu radeln oder die direkte Straße über Land zu nehmen. Die Gemeinde Wesslingdeich hatte auch diesen früheren Feldweg asphaltieren lassen, obwohl zwei entgegenkommende Autos nicht ohne Weiteres aneinander vorbeikamen. Eines musste immer auf die Bankette und somit in die bedrohliche Nähe des metertiefen Entwässerungsgrabens.
Auf dieser Strecke waren aber nicht sehr viele Touristen zu erwarten, wie sie wahrscheinlich hinterm Deich anzutreffen gewesen wären. Auch waren auf der schnurgeraden Strecke, die sich hervorragend für den Volkssport des Bosselns eignete, derzeit keine Bosselbrüder zu sehen. An manchen Tagen wurde häufig die Bosselkugel in Richtung von „Calais Kneipe“ getrieben. Aber das war sicher nur purer Zufall. Folglich wählte Rigo diesen Weg, um rechtzeitig in den Badeort und zur Bank zu gelangen.
I A I A, sang das Fahrrad. Ich sollte es auf jeden Fall nun doch bald schmieren, damit ich nicht so sehr auffalle, dachte Rigo. Vorbei am Wehl beim Rosenhof radelte er. In diesem kleinen See, welcher wie viele andere in der Gegend von einem alten Deichdurchbruch übrig geblieben war, als das Meer an alle Türen klopfte und die eingespülten Wehle hinterließ, hatte Rigo gestern seine Grundangel ausgelegt. Kontrollieren konnte er sie erst, wenn der Bauer vom Feld zurück war und beim Essen saß. Bei der Fischwilderei sollte er sich nicht erwischen lassen. Außerdem wollte er nicht mit lebenden Aalen in der Bank erscheinen. Das gehörte sich nicht als seriöser Geschäftsmann.
Also weiter. Vorbei an der mit windschiefen Bäumen, den Windflüchtern, bestückten Auffahrt zum Sternhof. Und vorbei an den hier seltenen, hohen Tannen, die den Vorgarten säumten. Immer in Richtung der Bank radelte Rigo. Dann, nachdem er über eine halbe Stunde auf dem kreischenden Esel unterwegs war, noch um mehrere Ecken und hinein in die Fußgängerzone des Kurbades.
Sein freundlichstes Gesicht setzte Rigo auf als er in die Kurzone einfuhr. Alle Menschen sahen ihn an und sahen ihm nach als er freundlich grüßend, unter viel I A durch die bereitwillig Platz machende Menge fuhr. Besonders freundlich grüßte Rigo seinen Kunden vom Mittag, der ihn verblüfft anschaute und trotz des „geringen“ Wiedererkennungswerts sofort wusste, wer dort sein Fahrrad quälte.
Vor der Bank angekommen, parkte Rigo sein Fortbewegungsmittel vorschriftsmäßig im Fahrradständer, jedoch ohne es anzuschließen. Wer sollte es auch stehlen? Der Drahtesel sah wirklich nicht einladend aus. Er wirkte eher so, als würde er jedem in den Hintern beißen, der versuchen würde, sein Gesäß auf den Sattel zu bringen. In der Bank wurde Rigo freundlich und zuvorkommend begrüßt und mit einer Tasse Kaffee bewirtet, welche er wie immer an und mit Genuss zu sich nahm. Man kannte ihn, sein Vermögen und seine gewinnende, freundliche Art.
