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Wie auch in den ersten 6 Bänden meiner Reihe Weltensichten geht es um die Rettung der Erde, Freundschaften und Abenteuer auf einem anderen Planeten. Die Freunde verwandeln sich wieder einmal in fremdartige Geschöpfe und lernen noch fremdartigere kennen. Dabei verlieren sie ihr Ziel, die Rettung der Erde, aus dem Blick. Gelingt ihnen trotzdem ein Rettungsversuch, oder müssen wir selbst daran mitarbeiten?
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Seitenzahl: 87
Veröffentlichungsjahr: 2022
Liesbeth Listig
Die Zeit der U(h)rmenschen
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Die Zeit der U(h)rmenschen
Impressum neobooks
Der Seelenspiegler Manfred, ein an ein Surfbrett erinnerndes, hoch intelligentes Wesen aus dem All, hatte von den anderen Weltenrettern den Auftrag erhalten nachzuforschen, wie weit die Traummaterie noch vom blauen Planeten entfernt sei. Um den Untergang der Erde und ihrer Bevölkerung zu verhindern war es nach Ansicht aller unabdingbar, baldmöglichst neue Traummaterie, die aus dem übernommenen großen Kontinuum schneller als erwartet hereindrängte, zu bekommen. Mit Traummaterie war es wenigstens in kleinem Maße möglich die Fehlentwicklungen, welche die Menschheit ohne Unterlass produzierte, in halbwegs vernünftige Bahnen zu lenken.
Auch Manfreds Freunde, deren Seelen er vor geraumer Zeit vor dem Tode bewahrt hatte, sollten mit von der Partie sein. Wieder einmal fremde Welten zu sehen war eine willkommene Abwechslung zu ihrem derzeitigen irdischen Dasein. Also machten sich Manfred, Agnes, Bernhard, sowie Rigo und dessen Sohn Johannes Rigo, der von allen nur J.R. genannt wurde, auf den Weg. Manfred surfte mit ihnen vorsichtig auf einer Raumkrümmung, immer bedacht, nicht in die Ausläufer der Traummaterie zu geraten. Sie hatten bereits in früheren Zeiten solche Zusammenstöße erlitten und waren nicht darauf erpicht erneut andere Identitäten anzunehmen und ihre Erinnerungen zu verlieren.
Ich weiß nicht, was diesmal mit uns passieren würde, wenn uns die Traummaterie erwischt, meinte Manfred. Hauptsache nicht wieder Latex, dachte Agnes angewidert und die anderen fingen an zu lachen. Beim letzten Zusammentreffen mit der Traummaterie hatte Agnes sich in eine zweifelhafte Dame im rotschwarzen Latexanzug, mit dazugehöriger Peitsche verwandelt. Aber auch die Lacher waren damals nicht ungeschoren davongekommen. Das gehört jedoch zu einer anderen Geschichte.
Wieso weißt du eigentlich nicht, was passieren würde? Ach ja, du wusstest ja auch letztes Mal nicht, dass du in Lederhosen erscheinen solltest. Bernhard feixte herum und ärgerte Manfred weiter. Du hast bestimmt auch nicht die Wahrheit gesagt, als wir uns damals kennen gelernt haben. Hundert Milliarden Jahre wolltest du alt sein sagtest du. Ich habe recherchiert. Damals gab es diese Kontinuumblase noch gar nicht, du alter Aufschneider.
Hab mich eben in der Kommastelle geirrt, gab Manfred klein bei. Waren nur hundert Millionen. Als wenn es irgendjemanden interessieren würde. Manfred ärgerte sich sehr über dieses „unangemessene“ Gespräch. Hätte er sich doch nie darauf eingelassen mit diesem alten Professorengeist darüber zu diskutieren. Fehler einzugestehen war noch nie Manfreds Ding gewesen. Ärgerlich.
Langsam näherten sie sich einem Planeten, den sie bereits von früheren Expeditionen her kannten. Dieser war schon der vordringenden Traummaterie zum Opfer gefallen. Manfred esperte mit seinen telepathischen Sinnen über die Oberfläche und fand nichts mehr vor, wie es ihm und den Freunden von früher her bekannt war. Alles, auch alle Geschöpfe, waren in skurriler Weise verändert worden. Auf der telepathischen Ebene war für ihn viel fremdartige Konversation zu erleben. Sonst aber blieb alles stumm. Augenscheinlich waren alle Wesen, auch die unintelligentesten, Telepathen. Selbst bei kriegerischen Auseinandersetzungen war der Schlachtenlärm nur in den Köpfen, oder wo auch immer die Gehirne zu finden waren, zu hören. An die verkümmerten Ohren mancher Wesen gelangte nur das friedliche Rauschen der Pflanzen im Wind, das Plätschern von Wasser und andere Umweltgeräusche.
Eine merkwürdige Welt ist dieser Planet geworden, meinte Manfred zu seinen Gefährten. Immer noch war er mit Bernhards Frotzeleien beschäftigt. Sei bloß vorsichtig, dass wir nicht wieder solch ein Schicksal teilen müssen, dachte Agnes noch. Keiner hatte bemerkt, dass selbiges sie schon ereilte. Das Schicksal kam wieder einmal in Form eines Traummaterieausläufers, der sich wie ein Fangarm hinter sie geschlichen hatte. Manfred hatte nicht aufgepasst, weil er immer noch mit Bernhards Unverschämtheiten beschäftigt war. Nicht schon wieder, stöhnte er auf, als die Traummateriezunge nach ihnen leckte. Sie hörten noch ein garstiges Kichern, wahrscheinlich einer begeisterten „Katalysatorengottheit“ welche auf weitere Unterhaltung hoffte. Dann wurden sie auf den Planeten geschleudert.
Das blaue Gras, welches die weite, hügelige Ebene komplett bedeckte, wiegte sich im Nachmittagswind. Und ein langer, warmer Tag, den die rote Sonne dieser Welt bescherte, neigte sich langsam seinem Ende zu. Bereits seit undenklichen Zeiten, wie er selbst vermutete, stand er nun schon auf diesem Hügel, dem höchsten im Weit der Ebene. Alle Wesen, die bei ihm Rat suchten, konnten vor ihm nicht verbergen, dass sie ihn den „Großen alten Klugscheißer“ nannten. Auch er war, wie alle hier ein Gedankenleser.
Seinen richtigen Namen hatte er im Laufe der Zeit vergessen und so war er zufrieden mit der frechen, neuen Namensgebung. Es war ihm egal. Konnte er doch auch so seiner Bestimmung gerecht werden und den um Rat bittenden Wesen Auskunft geben. In der Zwischenzeit waren viele dazu übergegangen ihn nur A.K. zu nennen, was ihm, „dem es ja egal war“, etwas weniger verletzte. Es war schon schlimm genug, dass er nicht wie alle anderen Wesen herumtollen konnte. Er war „stationär“ und an seinen Platz gebunden.
Der A.K. war ein großer, ovaler Spiegel mit einem üppig mit Blattgold und geschnitzten Elementen versehenen, barocken Rahmen. Etwas getrübt und in die Jahre gekommen, konnte er jedoch noch allen wissbegierigen Wesen Rat erteilen und einen tiefen Blick in ihre Seele gewähren; wenn er wollte. Meistens wollte er und konnte dabei die ein oder andere, unbemerkte Manipulation vornehmen. Woher er all sein Wissen bezog, welches tatsächlich meistens seinen Mitwesen weiterhalf, wusste er nicht. Egal, dachte A.K., wer hilft hat Recht.
Mit der Routine einer Radaranlage ließ A.K. seine telepathischen Sinne bis zum fernen Waldrand und darüber hinausgreifen. Dabei esperte er nach dem Geist eines jeden Wesens, welches sich in seinem „Dunstkreis“ aufhielt. Fast jeden bösen Gedanken konnte er glätten. Noch niemals war es in der ihn umgebenden flachen Hügellandschaft zu kriegerischen Auseinandersetzungen gekommen. Nie hatte das blaue Gras das Blut eines denkenden Wesens aufnehmen müssen.
Über seinen Wirkungskreis hinausreichend gab es jedoch diverse kriegerische Auseinandersetzungen um Macht, Land, Glaubensfragen und andere unwichtige Dinge. Nun kommen sie selbst mit Fragen zu Machterhalt und Machterweiterung zu mir und scheuen sich nicht zu versuchen, mich als „Kriegsorakel“ zu missbrauchen, stöhnte der Spiegel. Aber es gibt ja keine dummen Fragen. Nur meine Antworten werden nicht wie gewünscht ausfallen. Und eine Portion schlechten Gewissens werde ich auch noch in ihre kranken Hirne einpflanzen. A.K. grinste in sich hinein.
Langsam senkte sich die Dunkelheit über das blaue Grasland. Heute würde ihn wohl niemand mehr besuchen, dachte A.K.. Er wurde stumpf und zog sich in seine Wissensspeicher zurück. Viele Stunden versuchte er noch sein verschwundenes Langzeitgedächtnis wieder zu finden, stellte dann jedoch wie immer frustriert seine Bemühungen ein und fiel in einen traumlosen Schlummer.
Dann kamen die Alpträume. A.K. träumte intensiv, er habe eine sehr wichtige Aufgabe vergessen. Ein blauer, meist mit Wasser überzogener, Planet flehte um Hilfe und schreckliche Wesen waren am Werke. Sie bohrten in ihm herum, kehrten sein Innerstes nach außen und beschmutzten ihn, wo sie nur konnten. Auch vor Ihresgleichen machten diese Wesen nicht halt. Aus den nichtigsten Gründen dezimierten sie sich selbst und waren weder mit den Bedürfnissen des Planeten, noch mit den eigenen in Harmonie zu bekommen.
Die Schweißtropfen des Morgentaus rannen das kühle Glas des Spiegels herunter und sammelten sich in den Ornamenten des goldenen Rahmens, wie in Tränensäcken. Wie zerschlagen fühlte A.K. sich als er endlich erwachte. Irgendetwas sehr Wichtiges ist mir entfallen, dachte er noch, als er am Rande des großen Farnwaldes ein Wesen gewahrte. Es schien viele Fragen mitzubringen und sah den Alptraumgestalten der vergehenden Nacht entfernt ähnlich. Sein Gang jedoch wirkte absonderlich. Das Wesen stakste durch das lange Gras, als hätte es in Exkremente getreten.
Gespannt wartete A.K. auf den Besucher. Was hätte er auch anderes tun sollen. Er war an diesen Ort gebunden. Wie war er nur hierhergekommen? Der Morgentau und der Dunst verschwanden. Die Sicht wurde klarer. Hinter dem Besucher und hinter dem breiten Streifen Farnwald war nun das Meer zu sehen, welches unablässig an den Ufern nagte. Wie schön wäre es doch, wenn ich auch dort entlang wandeln könnte, dachte A.K. noch. Dann trat der Fremde, der zwischenzeitlich „herangestakst“ war, vor ihn hin und sein Geist lag wie ein offenes Buch vor dem barocken Seelenspiegler-Spiegel.
Vor der Tür auf der selbstgezimmerten Bank, saß ein skurril anmutendes Wesen und pfiff fröhlich vor sich hin. Natürlich waren seine fröhlichen Gefühlsäußerungen auch ausschließlich telepathischer Art. Wie er nur selbst zu wissen glaubte wurde seine Art zu den gehörnten Deckelköpfen gezählt. Eine blanke, silbrig schimmernde Metallhaube zierte den hinteren Teil seines Schädels wie eine Kippa Mütze und war augenscheinlich fest mit diesem verwachsen. Zwei gebogene Hörner, die an Gämsen oder Bergziegen erinnerten traten oberhalb der Stirn hervor und lenkten den Blick von der zerfurchten Stirn und dem darunter zu Tage kommenden Gesicht mit dem verschmitzten, freundlichen Lächeln ab. Ein dunkler „Rauschebart“ vervollständigte den Eindruck eines freundlichen, gehörnten Zwerges.
Groß geraten war der, der den Namen Rigoletto trug nun wahrlich nicht. Auch wurde der Eindruck eines Zwerges rasch wieder zunichte gemacht, wenn man den Rest des Körpers dieses Wesens betrachtete. Aus dem komplett mit langen Haaren bedeckten Leib schauten lange, feingliedrige Arme und Hände hervor, die eine bräunliche, wettergegerbte Haut aufwiesen. Auch die Beine waren nur mit weichem Flaum bedeckt und endeten in zwei Hufen, die doch sehr an eine römische, oder noch ältere Gottheit erinnerten.
Ein länglicher Schwanz mit einer Elefantenschwanz ähnliche Quaste erinnerte an ein Steckenpferd ohne Kopf oder einen Hexenbesen, da er vorn nahtlos in ein Teil überzugehen schien, welches Rigoletto eindeutig als männlich auswies. Nur die ausreichend lange Körperbehaarung schützte den Eigentümer vor allzu aufdringlichen Blicken seiner Mitwesen.
Schon mehrere Stunden saß Rigoletto auf seiner Bank, pfiff gedankenverloren vor sich hin, und lauschte den an den Strand rollenden, tosenden Wellen des Meeres. Über ihm zeigte sich bereits der rötlich schimmernde Morgenhimmel mit der wärmenden, blutroten Sonne. Vor ihm wogte bis zum Horizont die grüne See. Hinter ihm stand seine Hütte mit allen Annehmlichkeiten und dahinter lag der blaue Farnwald. Was wollte ein alter, gehörnter Deckelkopf mehr?
Rigoletto litt sicherlich keine Not. Zwar war seine Behausung äußerlich nicht im besten Zustand, sie ähnelte eher einem zusammenfallenden Stall gehörnter Tiere, aber das täuschte gewaltig. Innen war die Behausung weitaus weitläufiger, als sie von außen betrachtet jemals hätte sein dürfen. Betrat man den ersten Raum, so fand man zwar ausschließlich ein Bett und eine Kochstelle vor. Jedoch bereits nach der nächsten Tür taten sich schier unendlich scheinende, Lagerräume auf, die prall gefüllt mit Waren aller Art waren.
