Der Tod der Schlangenfrau - Ulrike Bliefert - E-Book

Der Tod der Schlangenfrau E-Book

Ulrike Bliefert

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Beschreibung

Mörderjagd in der Kaiserzeit Berlin 1896. Auguste Fuchs ist Mitinhaberin des väterlichen Fotoateliers in der Friedrichstraße. Die temperamentvolle junge Frau liebt ihren Beruf mit der ganzen Leidenschaft einer Zwanzigjährigen. Als Samirah, die schöne Schlangenbeschwörerin aus dem "Wintergarten-Varieté", während der Aufnahmen zu "Szenen aus einem ägyptischen Harem" unter ungeklärten Umständen ums Leben kommt, ist auf einer der Fotografien ein mysteriöser Gegenstand zu erkennen. Ist das womöglich die Mordwaffe? Doch die Tatortfotografie ist in Deutschland noch nicht als Beweismittel anerkannt, und der ermittelnde Kommissar schenkt Augustes Hinweis keinerlei Beachtung. Unterstützt von ihrer jung verwitweten Tante - Lady Henrietta Droydon Jones - und dem Kriminalassistenten Jakob Wilhelmi versucht Auguste, Samirahs Mörder zu finden. Die Spur führt von Berlin über London bis nach Deutsch-Ostafrika, und schon bald gerät das Trio tief in den Sumpf wilhelminischer Kolonialpolitik.

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Von der Autorin bisher bei KBV erschienen:

Die Samariterin

Ulrike Bliefert, geb. 1951, ist eine beliebte Film- und TV-Schauspielerin. Ende der 70er Jahre wurde sie mit der Rolle der Maximiliane in den Literaturverfilmungen Jauche und Levkojen und Nirgendwo ist Poenichen bekannt. Sie wirkte bis heute in mehr als 40 Hauptrollen in Fernseh- und Kinofilmen, Serien und Reihen mit, u. a. als Täterin, Ermittlerin, Hauptverdächtige und Zeugin in vier Tatort-Folgen, in der Eifelkrimi-Reihe Der Bulle und das Landei und der Krimiserie Morden im Norden. Neben umfangreicher Tätigkeit als Hörspiel- und Featuresprecherin arbeitet sie als Drehbuchautorin (u. a. Tatort Rückfällig), Bühnen- und Romanautorin. Sie veröffentlichte 2018 bei KBV den Thriller Die Samariterin.

www.augustekrimi.de

ULRIKE BLIEFERT

DER TODDER SCHLANGENFRAU

EIN KRIMINALROMANAUS DER KAISERZEIT

Originalausgabe

© 2020 KBV Verlags- und Mediengesellschaft mbH, Hillesheim

www.kbv-verlag.de

E-Mail: [email protected]

Telefon: 0 65 93 - 998 96-0

Umschlaggestaltung: Ralf Kramp

Lektorat: Nicola Härms, Rheinbach

Print-ISBN 978-3-95441-542-7

E-Book-ISBN 978-3-95441-551-9

Inhalt

Über den Autor

EINE KURZE VORBEMERKUNG

KAPITEL 1

KAPITEL 2

KAPITEL 3

KAPITEL 4

KAPITEL 5

KAPITEL 6

KAPITEL 7

KAPITEL 8

KAPITEL 9

KAPITEL 10

KAPITEL 11

KAPITEL 12

KAPITEL 13

KAPITEL 14

KAPITEL 15

KAPITEL 16

KAPITEL 17

KAPITEL 18

NACHWORT

DANKE!

Dieses Buch ist meiner Oma Emma* gewidmet,die wunderbar »von früher« erzählen konnte unddie jedes Jahr zu Kaisers Geburtstageinen neuen Hut bekam.

* Emma Fuchs geb. Schoddel

* 22.7.1889 in Langenberg – † 5.9.1976 in Campen/Krummhörn

EINE KURZE VORBEMERKUNG

Die fiktive Geschichte der Fotografin Auguste Fuchs ist eingebettet in reale Ereignisse des Jahres 1896.

Die Dialogtexte zu Menschen in den damaligen deutschen Kolonien sowie zu den sogenannten »Schaunegern« auf der Kolonialausstellung in Berlin sind weitestgehend authentisch. Sie sind im historischen Kontext zu sehen und entsprechen selbstverständlich in keiner Weise dem Gedankengut der Autorin.

Viel Interessantes zu Auguste und ihrer Zeit finden Sie unter www.augustekrimi.de

KAPITEL 1

Schminke, Staub und Körperpuder …«, wisperte Auguste und schnupperte hingerissen, als sich der schwere, rote Samtvorhang des Wintergarten-Varietés nach der Pause wieder hob und der unverwechselbare Bühnenduft zu ihr hinunterwehte.

»… und ein zartes Häuchlein Achselschweiß«, setzte Tante Hattie schmunzelnd hinzu.

Auguste schnupperte erneut. »Stimmt.« Sie warf einen amüsierten Blick auf ihre Begleiterin: Tante Hattie – genauer: Lady Henrietta Droydon-Jones – nahm wie immer kein Blatt vor den Mund. Ihre wenig damenhafte Direktheit hatte sie, wie ihre britischen Verwandten nicht müde wurden zu betonen, ihrer deutschen Herkunft zu verdanken. Ihrerseits verdankte sie den angeheirateten Londoner Aristokraten ein Landgut in den Cotswolds und eine hübsche, kleine Apanage; beides auf das frühe Ableben Lord Droydon-Jones’ infolge eines Jagdunfalls zurückzuführen.

Auguste schlug das Programmheft auf. Die nächste Nummer bestand aus einer fünfköpfigen Damenimitatoren-Truppe. Ein Tusch, und schon kamen die Herren hereingerauscht und tanzten – üppig ausstaffiert mit Lippenrot, Perücken und Pleureusen – einen flotten Cancan.

Lady Henrietta applaudierte begeistert, und Auguste verkniff sich ein Grinsen: Offenbar hielt sich Tante Hatties Trauer um den verblichenen Gatten in Grenzen. Aber Augustes Erinnerung zufolge verfügte seine Lordschaft auch nicht gerade über ein sonniges Gemüt. Außerdem war Tante Hattie mit ihren siebenunddreißig Jahren ohnehin zu jung, um im Witwenstand zu versauern; sie trug das dem zweiten Trauerjahr angemessene Dunkelviolett denn auch lediglich noch während ihrer Aufenthalte in England.

Bei dem Gedanken an die sanften, grünen Hügel von Oxfordshire und das behagliche Droydon-Jones’sche Landhaus kuschelte Auguste sich wohlig an Tante Hatties Schulter.

Als Nächstes würde die berühmte Pantomimin Félicia Mallet auftreten, und danach sollte es endlich so weit sein! Die Sensation des Abends: »Samirah, die Lieblingsfrau des Sultans, tanzt mit einer lebenden Königspython!«

Die pummelige Pantomimin war wie versprochen umwerfend komisch, und da die Bühnenarbeiter für den Umbau zur nächsten Nummer mehr Zeit als gewöhnlich brauchten, spielte das Orchester zur Überbrückung eine auf orientalisch getrimmte Rossini-Ouvertüre. Auguste schloss genüsslich die Augen. So nah wie sie und Tante Hattie war sonst keiner am Geschehen: erste Tischreihe, Mitte, direkt am Orchestergraben – da ließ sich Juppi Weinfurth nicht lumpen!

Selbstverständlich war sie mit ihren nicht ganz einundzwanzig Jahren zu jung, um allein eine abendliche Varietévorstellung zu besuchen. Aber Juppi Weinfurth war wohl davon ausgegangen, dass Julius Fuchs seine Tochter begleiten würde. Man brauchte schließlich nicht einmal eine Droschke, um zum Wintergarten zukommen, denn das Varieté lag nur wenige Schritte vom Fuchs’schen Fotoatelier in der Friedrichstraße entfernt. Doch Augustes Vater hatte für solche »Sperenzchen« wie Varietévorstellungen absolut nichts übrig.

»Bitte, Papa!« Auguste hatte erfolglos sämtliche Register gezogen: Ihr Vater ließ sich nicht erweichen.

Wie so oft kam ihr Tante Hattie zu Hilfe: »Kein Problem, Julius! Ich mach gern die Chaperone und halt unserem Gustchen die Augen zu, sobald’s schlüpfrig wird!«

Auguste fand das englische Chaperone bedeutend eleganter als das deutsche »Anstandsdame«, und den letzten Ausschlag gab schließlich die Tatsache, dass es sich beim Besuch des Wintergartens um ein rein berufsbedingtes Unterfangen handelte: Josef »Juppi« Weinfurth, der Impresario der Schlangennummer, hatte sich erst kürzlich in Berlin niedergelassen. Der rundliche Rheinländer mit der gut geölten Stirntolle betreute eine ganze Reihe internationaler Unterhaltungskünstler, und seit seinem Umzug in die Reichshauptstadt war er wild entschlossen, sein Tätigkeitsfeld zu erweitern: Seine Mutoskope – Apparate, die mittels mechanisch abgeblätterter Momentaufnahmen die Illusion von Bewegung erzeugten – erfreuten sich bereits eines breiten Publikums, und seit die Brüder Skladanowsky im vergangenen Jahr mit ihrem Bioskop im Wintergarten aufgetreten waren, sah Juppi Weinfurth einer noch weitaus glänzenderen Zukunft des bewegten Bildes entgegen. »Vorrichtung zum intermittierenden Vorwärtsbewegen des Bildbandes für photographische Serien« nannte sich das Patent. Man konnte mit der Skladanowsky’schen Kurbelkiste ganze Szenenabläufe auf einer schmalen Folie festhalten und wieder und wieder dem Publikum vorführen. »Escht genijal!«, fand Juppi Weinfurth. Doch bevor er die Anschaffung eines Kinematografen in Erwägung ziehen konnte, mussten zunächst einmal die Mutoskope weiteren Profit abwerfen. Und dafür brauchte er dringend neues Fotomaterial. Da war das Fuchs’sche Atelier in der Friedrichstraße das im wahrsten Sinne des Wortes Naheliegendste. Nach der Honorarverhandlung für etliche Dutzend fotografischer Aufnahmen von »Szenen aus einem ägyptischen Harem« hatte er Auguste feierlich die beiden Eintrittskarten überreicht. »Für dat Se sisch schon mal en Bild machen können!«

Und in wenigen Sekunden sollte es so weit sein!

»Aufgeregt?«

Auguste schrak regelrecht zusammen, als Tante Hattie ihr die Hand auf den Arm legte.

»’n bisschen.«

Nach einem furiosen Schlussakkord hob sich endlich der Vorhang.

»Oh …« Auguste war ein wenig enttäuscht, denn hinter dem Hauptvorhang befand sich noch ein zweiter, halb transparenter Wolkenvorhang, und man konnte nur erahnen, was sich dahinter verbarg. Auf jeden Fall war es bunt. Sehr bunt.

»Da wird dein Vater mit dem Kolorieren aber einiges zu tun haben«, Hatties Mundwinkel zuckten vor Schadenfreude.

»Nee, das mit den Farben macht der Drucker. Aber Papa glaubt, dass es über kurz oder lang sowieso vorbei sein wird mit dem Kolorieren. Weil es bald vielleicht Kameras geben wird, mit denen man von vornherein farbige Aufnahmen machen kann.«

»Na, das wär’ ja was …« Henrietta runzelte die Stirn, dachte über die Konsequenzen nach und blies schließlich missbilligend die Backen auf. »Puh! Dann kann man im Fotoatelier ja gar nicht mehr schummeln und keinen blauen Hut zum grünen Mantel oder braune Stiefel zu ’nem weißen Kleid anziehen.«

»Stimmt. Und das wäre wahrscheinlich auch das Ende der dreimal verlängerten und zweimal weiter gemachten Konfirmationskleider. Sieht in Schwarz-Weiß immer noch ganz gut aus, aber in Farbe?«

»Wie auch immer: Der gute Julius wird vorerst noch reichlich tupfen und pinseln müssen.« Und schon kehrte das schadenfrohe Grinsen auf Henriettas Gesicht zurück.

Auguste hingegen wurde unversehens ernst. »Seltsamerweise überlässt Papa neuerdings immer öfter mir die Feinarbeiten. Ich frag mich, wieso er ausgerechnet …«

»Pscht!« Der Herr am Nebentisch protestierte zu Recht, denn jetzt stellte der Impresario persönlich – und beinahe dialektfrei – die nächste Attraktion vor: »Meine Damen, meine Herren, im ›Passage-Panoptikum‹ sind demnächst die berühmten ›Zweiundvierzig wilden Weiber aus Dahomey‹ zu sehen, und die Brüder Castan zeigen gleich gegenüber die ›Riesen des schwarzen Erdteils‹: exotisch, ungezähmt und angsteinflößend allemal! Wir jedoch …«, Juppi Weinfurth warf sich dramatisch in die Brust, »… wir zeigen Ihnen die schönen Seiten des schwarzen Erdteils! Lebendige Exoten, direkt importiert aus Afrika! Samirah, die Schlangenfrau, wurde erst jüngst aus einem ägyptischen Harem befreit und mitsamt ihren Sklavinnen und Eunuchen nach Berlin gebracht!«

Brandender Applaus!

»Und jetzt …«, Weinfurth begab sich katzbuckelnd und wieder und wieder den Zylinder lüpfend in Richtung Bühnengasse, »… jetzt tanzt Samirah für Sie mit ihrer liebsten Spielgefährtin: einer zwei Meter langen Königspython!«

Erneut Applaus, dazwischen vereinzelte Aufschreie empfindsamer Damen, die damit entweder an den Beschützerinstinkt ihrer Begleiter zu appellieren versuchten oder das Programmheft nicht gelesen hatten. Der Gazevorhang hob sich und gab den Blick auf ein riesiges, rundes Stoffzelt frei, vor dem ein Afrikaner saß und einem schießbogenartigen Streichinstrument fremdartige Musik entlockte, während ein schwarzer Diener – Auguste bezweifelte, dass es sich tatsächlich um einen Eunuchen handelte – einen riesigen Straußenfederfächer schwenkte. Jetzt zogen zwei verschleierte Frauen in Pluderhosen die beiden Stoffbahnen am Eingang zur Seite, und Samirah trat aus dem Inneren des Zelts ins Rampenlicht. Ein Trommelwirbel, dann wurde es totenstill im Saal und auf der Bühne.

Die Schlangenfrau war – ganz gegen Augustes Erwartung – klein und zierlich. Ihre rötlichen Haare hatte sie um einen schweren, goldglänzenden Kopfschmuck geschlungen, der in seltsamem Kontrast zu ihrem blassen, fast kindlich wirkenden Gesicht stand. Sie trug einen kegelförmigen Flechtkorb in den Händen, trat ein paar Schritte vor und stellte ihn in der Mitte der Bühne ab. Dann setzte das Orchester mit einer wilden Mischung aus Chopin und Mussorgsky ein, und die Schlangenfrau begann zu tanzen. Dabei wirkte sie eigentümlich ernst, geradezu traurig. Allerdings nahm Auguste an, dass das außer ihr selbst kaum jemandem auffiel. Die Aufmerksamkeit des Publikums galt vermutlich eher Samirahs gleichermaßen exotischer wie spärlicher Bekleidung: Ihre Brüste waren nur knapp verhüllt von einem aus Muscheln und Perlensträngen zusammengesetzten Schnürleibchen, und anstelle der Pluderhosen, mit denen die anderen Darstellerinnen bekleidet waren, trug sie ein bodenlanges, mit funkelnden Glassteinchen besticktes Wickeltuch, das bei jedem Schritt ihre nackten Beine aufblitzen ließ. Auguste schätzte die junge Frau auf Mitte zwanzig; nicht viel älter als sie selbst.

Die Schlangenbeschwörerin drehte eine Pirouette, dann hielt sie hinter dem Korb stehend inne und hob dessen Deckel. Der Paukist im Orchestergraben spielte ein Tremolo, und Samirahs anmutigen Handbewegungen folgend kam eine braun gefleckte Schlange aus dem Innern des Korbes hervor. Dem kleinen, flachen Kopf folgte ein langer, schwerer Körper, den Samirah schließlich mit beiden Händen ergriff und emporhob.

Hattie kicherte unterdrückt. »So stellt ihr euch also den Alltag in einem ägyptischen Harem vor, ja?«

»Pscht!«, zischte der Herr am Nebentisch erneut, und Auguste war froh, Tante Hatties ohnehin wohl eher rhetorisch gemeinte Frage nicht beantworten zu müssen. Die Schlangenfrau faszinierte sie: Grazil um den Korb herumtanzend, legte sie sich jetzt die Python wie eine Stola um die Schultern. Bestimmt hatten insbesondere die Herren im Publikum etwas Aufreizenderes erwartet: Harem – darunter stellte man sich gemeinhin einen mit vielen bunten Kissen und Teppichen bestückten Raum voll ephebenhaft schlanker, wunderschöner, leicht bekleideter junger Frauen vor. Aber Tante Hattie hatte recht: In echten Harems gab es bestimmt ebenso viele dicke, alte oder sogar griesgrämige Frauen wie anderswo auf der Welt. Und wenn ihnen kalt war, zogen sie sich mit Sicherheit auch deutlich weniger freizügige Kleider an. Aber alles Orientalische stand nun einmal hoch im Kurs, und niemand fragte danach, wie es in solchen Frauengemächern wohl in Wirklichkeit zuging.

Samirah jedenfalls entsprach nicht so recht den schwülstigen Fantasien derjenigen, die sich der neuesten Mode gehorchend Ölgemälde nackter Sklavinnen in die Rauchsalons hängten: Ihr Tanz wirkte nach innen gekehrt, wie in Trance; als seien sie und die Schlange allein auf der Welt. Jetzt trat sie bis zu den Rampenlichtern vor, kniete nieder und nahm das Tier von den Schultern. Die Python ringelte sich vor ihr auf dem Boden zusammen und reckte schließlich den Kopf Zentimeter für Zentimeter kerzengerade in die Höhe. Auguste lief ein Schauer über den Rücken: Die Schlange war jetzt so nah, dass sie die kalten, dunklen Augen und die unablässig vor- und zurückschnellende Zunge sehen konnte. Die Musik setzte aus, Samirah umfasste den Kopf der Python und zog das Tier wie zum Kuss an ihr Gesicht. Ein weiterer Paukenwirbel, und die Zunge der Schlange berührte den Mund ihrer Herrin! Im Zuschauerraum erscholl ein vielstimmiger Entsetzensschrei, dann erlosch das Bühnenlicht. Als es wieder hell wurde, war Samirah mitsamt der Schlange verschwunden.

Unbeeindruckt von der Tatsache, dass zwei, drei Damen infolge einer Ohnmacht mit Riechsalz versorgt werden mussten, begannen die Leute frenetisch zu klatschen. Juppi Weinfurth erschien auf der Bühne und erklärte, dass es keinen Grund zur Aufregung gebe, da sowohl die Schlange als auch deren Beschwörerin wohlauf seien. Schließlich holte er Samirah höchstpersönlich auf die Bühne, und sie bedankte sich bei den begeistert applaudierenden Zuschauerinnen und Zuschauern mit einem tiefen, sehr europäischen Knicks.

Draußen auf der Friedrichstraße regnete es in Strömen, und Auguste und Henrietta waren froh, dass es nur ein paar Schritte bis nach Hause waren.

»Meinst du, der bringt die Schlange zu den Aufnahmen morgen mit?« Auguste war bei dem Gedanken eindeutig unbehaglich.

»Steht das im Vertrag?«

»Nö.«

»Na, dann wird der sich hüten!«

KAPITEL 2

Kommt nich inne Tüte!« Meta Riedel stemmte die Hände in die Hüften und schüttelte energisch den Kopf.

»Musst ja nicht mitfahren, Meta«, Auguste verkniff sich ein Grinsen, »ab hier komm ich ganz gut allein zurecht.«

»Na, Jott sei Dank.« Die Blumenfrau brabbelte, während sie ihren Handwagen zurück zum Hauseingang manövrierte, etwas von »Mumpitz«, und »neumodischem Zeug« vor sich hin. Sie war nicht die Einzige, die lieber fünf Treppen zu Fuß hochstapfte, als den Aufzug zu benutzen. Dass ihr der weitere Transport einer fast zwei Meter hohen Fächerpalme dank dieser wunderbaren Erfindung erspart blieb, schien sie nicht gnädiger zu stimmen. Auguste drückte den Rufknopf, und der Fahrstuhlkorb setzte sich drei Etagen höher geräuschvoll in Bewegung.

»Wohnung oder Atelier?« Luis, der Liftboy, trug Livree; Witwe Preissing, die im ersten und zweiten Stock des Hauses eine Pension betrieb, hatte beim Einbau des Aufzugs darauf bestanden.

»Ins Atelier, bitte.«

»Versteh ick. Wer will schon so ’n Riesenjemüse bei sich inne Bude rumzustehen haben, wa?«

Auguste unterdrückte erneut ein Grinsen. So sehr sich Hulda Preissing auch um Reputierlichkeit bemühte: Diskretion war Luis’ Sache nicht. Kaum ein Wunsch eines Fahrstuhlpassagiers blieb von ihm unkommentiert. Nachdem der Liftboy die Tür geschlossen und eine Reihe von Hebeln und Knöpfen bedient hatte, schwebte Auguste mitsamt dem Palmentopf hinauf ins Dachgeschoss.

Augustes Vater hatte das Gebäude in der Friedrichstraße kurz nach dem Tod ihrer Mutter gekauft, um für sich und seine damals erst wenige Tage alte Tochter ein eigenes Zuhause zu schaffen: Als überzeugter Sozialdemokrat wollte er sein Kind unter keinen Umständen der Obhut seiner adeligen Schwiegereltern überlassen. Die damals ebenfalls gerade erst verwitwete Hulda Preissing erwies sich als das beste Kindermädchen, das man sich wünschen konnte, und nachdem sie eingezogen war, wurden das Haus und der hübsch bepflanzte Innenhof für die kleine Auguste zu einem einzigen, riesengroßen Spielplatz. Im Parterre befanden sich heute wie damals der Laden, das Archiv und die Werkstatt mit der Dunkelkammer, und nachdem Hulda Preissing vor ein paar Jahren ihre Pension aufgemacht hatte, waren Auguste und ihr Vater in die vierte Etage umgezogen. Gleichzeitig war der Dachstuhl an einer Seite komplett verglast worden: ein beinahe exakter Nachbau von Max Liebermanns Atelier in der Auguste-Viktoria-Straße. Julius Fuchs hatte die Arbeitsstätte seines Malerfreundes immer schon bewundert und sich schließlich – pünktlich zu seinem fünfzigsten Geburtstag – den Traum von einem tageslichtdurchfluteten Fotostudio erfüllt.

Als Luis die Fahrstuhltür öffnete, wartete Henrietta bereits ungeduldig auf die Ankunft ihrer Nichte. »Na endlich! Das Kanapee ist schon an Ort und Stelle«, keuchte sie und wischte sich mit dem Blusenärmel den Schweiß von der Stirn. »Jetzt brauchen wir unbedingt noch ein paar richtig protzige Draperien; Tischdecken, alte Samtvorhänge oder so was!«

»Aber Weinfurths Leute bringen doch jede Menge Haremszeug mit! Und du bist schließlich nicht zum Möbelrücken hier!« Auguste protestierte nur halbherzig, denn ihr war klar, dass nichts und niemand auf der Welt ihre Tante von etwas abhalten konnte, das sie sich einmal in den Kopf gesetzt hatte. Wie erwartet wurde ihr Einwand ignoriert. Die beiden Frauen schleppten den schweren Majolika-Topf mit vereinten Kräften zu einem halb hohen Sockel, der normalerweise bei Hochzeitsfotos als Blumenständer diente. Er hatte die Form einer ionischen Säule, sah täuschend echt aus und bestand aus federleichtem Pappmaché. Henrietta trat ein paar Schritte zurück und schüttelte den Kopf. »Das sieht so wenig orientalisch aus wie du und ich!«

Auguste zuckte mit den Schultern. »Juppi Weinfurths ägyptische Sklavinnen sind doch auch nicht echt! Außerdem hat er gesagt, er bringt ein Tigerfell mit. Das können wir doch drüberhängen.«

»Das schwächliche Ding kracht uns doch in Nullkommanichts darunter zusammen!« Tante Hattie hatte für die allseits beliebten Darstellungen von Sultanspalästen und halb nackten Damen zwar absolut nichts übrig, aber das preußische Pflichtbewusstsein ihrer Ahnen konnte sie beim besten Willen nicht verleugnen, und das ließ alles, was auch nur ein Quäntchen unterhalb der absoluten Perfektion fungierte, schlicht nicht zu. »Jetzt komm schon! Der Pott kann ohne Weiteres auf’m Fußboden stehen, und den albernen Akropolisstummel müssen wir mit was anderem abdecken. Das Tigerfell wird nämlich für Julius’ unsägliches Kanapee gebraucht. Rote Rosen auf grünem Grund!« Sie schnalzte verächtlich mit der Zunge. »Der gute Hamad würde den Polsterer glatt einen Kopf kürzer machen!«

»Hamad …?«

»His Majesty Sir Hamad Bin Thuwaini ibn Said al-Busaid, Ritter des Roten Adlerordens und Sultan von Sansibar. Hab ihn in der Sommerfrische kennengelernt. Netter Kerl.«

»Aha«, versetzte Auguste trocken. »Na, dann gucken wir mal, was sich mit so ’nem Tigerfell aus Papas Lieblingssofa machen lässt.«

Da Henrietta Droydon-Jones ihren Witwenstand lieber auf Reisen als bei High Tea und Dinnerparties in England zu verbringen pflegte, riefen ihre über mehrere Kontinente verstreuten Bekanntschaften weder bei Auguste noch bei ihrem Vater Erstaunen oder gar Ehrfurcht hervor.

»Wer sich wie dein Sultan mit preußischen Orden schmückt, sollte ein solides deutsches Kanapee nicht mit Verachtung strafen!«, rief Julius Fuchs von nebenan. Die Tür zu seinem Privatkontor stand offen, und er hatte Henriettas vernichtende Kritik durchaus gehört.

»Julius! Ich bitte dich!« Henrietta ließ sich zur Freude ihres Schwagers wunderbar leicht provozieren. »Dieses Ungetüm sieht einfach grässlich aus, und zwar egal, ob es in Berlin, Sansibar oder am Nanga Parbat steht!«

»Teuerste, bitte unterschätz in deinem Eifer nicht die praktische Seite! Das Ungetüm erweist sich bei Familienfotos als äußerst nützlich! Schließlich passen neben Vater und Mutter noch mindestens drei bis vier Kinder drauf.«

»Papa, so wie ich diesen Weinfurth kenne, können wir nur inständig hoffen, dass in seinen schwülstigen Tableaus erst gar keine Kinder vorkommen!«, versetzte Auguste, und die beiden Frauen rauschten mit wehenden Röcken die Wendeltreppe hinunter, um eine Etage tiefer alles an Teppichen, Decken und Kissen zusammenzuraffen, was auch nur ansatzweise dazu geeignet war, das preußisch-bürgerliche Interieur des Ateliers in das eines üppig ausstaffierten ägyptischen Harems umzuwandeln.

Julius Fuchs beschloss, das Terrain bis auf Weiteres den Damen zu überlassen. Er hatte Weinfurths Großauftrag zwar erst nach längerem Zögern seiner Tochter überlassen, aber jetzt war er froh, sich für den Rest des Tages ins Parterre zurückziehen zu können: Als Absolvent der Königlichen Kunst- und Gewerbeschule zu Breslau empfand er Weinfurths pseudo-orientalische Bilder als ästhetische Zumutung. »Grässlich, das Ganze«, brummte er, als er den Fahrstuhl betrat, »aber wir können uns unsere Kundschaft nun mal leider nicht backen.«

»So isses«, der Liftboy nickte, »und der Rubel muss ja nu rollen, nich?«

»Du sagst es, Luis! Und dem ollen Weinfurth sitzt der Rubel scheinbar ganz besonders locker.«

Tatsächlich zahlte der Impresario ein üppiges Tageshonorar, und die Aufnahmen würden deutlich mehr als einen Tag in Anspruch nehmen. Weinfurth belieferte nebenbei auch noch etliche Postkartenhersteller und Verlage, die Stereofotografien angeblich authentischer »Bilder aus dem Orient« unters Volk brachten. Mittlerweile besaß so gut wie jeder Haushalt einen sogenannten »Betrachter«, der zwei nebeneinanderliegende Bilder dreidimensional und somit – wie es in den Reklameanzeigen hieß – »einmalig lebensecht« erscheinen ließ.

»Is’ nix escht dran, aber jehen weg wie warme Semmeln, die Dinger!«, hatte Weinfurth bei der Auftragsvergabe geprahlt, und Julius Fuchs hatte das zu veranschlagende Honorar daraufhin stillschweigend um ein hübsches Sümmchen nach oben korrigiert.

Als Juppi Weinfurth im Atelier erschien, hatten die beiden Frauen die griechische Pappmaché-Säule mit einer seidenen Tagesdecke umhüllt, und der Hintergrundprospekt – »Wanderweg mit Bach und Birke« – war mittels mehrerer ausrangierter roter Samtportieren zur Haremskulisse mutiert.

Der Schausteller klatschte begeistert in die Hände. »Fabelhaft, meine Damen! Einfach überwältijend!«

Während Lina Kröschke, die Theaterfriseuse aus dem Wintergarten, gemeinsam mit ihrem ebenfalls dort ausgeliehenen Garderobenhelfer in Julius Fuchs’ Privatkontor verschwand, um Schminke und Kostüme herzurichten, schleppten zwei Bühnenarbeiter einen riesigen, sechsflügeligen Paravent und ein ganzes Arsenal an Kleinmöbeln und Requisiten heran.

Sie verwandelten das Rosenblütenkanapee mithilfe des von Weinfurth so großspurig angekündigten Tigerfells in einen exotischen Diwan und rahmten diesen mit einem Sammelsurium von Speeren und Schilden ein.

»Massai-Waffen in ’nem ägyptischen Harem?« Tante Hattie zog eine undamenhafte Grimasse. »Das ist ja wie … Stachelbeertorte mit Senf.«

Doch bevor sie sich weiter über den wüsten Mischmasch aus einheimischen und fremdländischen Accessoires mokieren konnte, klingelte es. Kurz darauf erschienen zwei dunkelhaarige junge Frauen – offenbar Schwestern – im Atelier. Bei näherem Hinsehen erkannte Auguste in ihnen die beiden »Haremssklavinnen« vom Vorabend. Sie hatten sich dem Anlass entsprechend nach Kräften herausgeputzt, die abgewetzten Stiefelspitzen und fadenscheinigen Wolljacken verrieten jedoch ihre mehr als bescheidenen Lebensumstände. Die beiden waren kreidebleich, hatten die Hände ineinander verschränkt und kicherten nervös. Offenbar hatten sie all ihren Mut zusammengenommen und zum ersten Mal in ihrem Leben einen Fahrstuhl benutzt.

Weinfurth warf sich mit der Grandezza eines Zirkusdirektors in die Brust und stellte die beiden vor: »Die Fräuleins Hanna und Jenny Runtschen. Im Zivilberuf Reinemachfrauen drüben im Winterjarten!« Er tätschelte der jüngeren der beiden vertraulich die Wange und legte Hanna, der älteren, den Arm um die Taille. »Bisschen blass um die Nase, ihr zwei! Aber mit ›Leichners Negerbraun‹ kriegt unsere Lina euch schon auf ägyptische Tempelhure jetrimmt!«

Hanna Runtschen versteinerte unter Weinfurths Berührung; ihrer Miene war nur allzu deutlich anzusehen, dass ihr die plumpe Vertraulichkeit des Schaustellers mächtig gegen den Strich ging.

»Hanna? Jenny?« Lina Kröschke steckte den Kopf zur Tür herein und stampfte ungeduldig mit dem Fuß auf. »Was ist? Ich warte!«

Hanna Runtschen wand sich aus Weinfurths Umklammerung und huschte, ihre jüngere Schwester an der Hand hinter sich herziehend, in den Nebenraum.

»Also dann, nichts wie ran, meine Damen!«, schickte Weinfurth den beiden hinterher, »nur keine Müdischkeit vorschützen!«

»Tz! Muss der denen an die Taille grabschen? Vielleicht sollten wir ihm sagen, dass die die Haremssklavinnen nur spielen?«, wisperte Auguste ihrer Tante zu.

»Ein Hagestolz ist schwerlich zu bekehren …«

»Wilhelm Busch?«

»Nö. Goethe.«

Als kurz nach den beiden Runtschen-Schwestern drei junge Afrikaner eintrafen, klatschte Weinfurth begeistert in die Hände. »Also doch einer mehr! Da hätt’ ich den Burschen vom Central-Hotel ja gar nich jebraucht! Aber, na jut, Negersklaven kann man nie jenuch haben, oder?«

Niemand lachte. Weinfurth hielt es offenbar nicht für nötig, die Neuankömmlinge vorzustellen: Die Männer grüßten die Damen mit einer höflichen Verbeugung und verschwanden ohne ein Wort hinter dem Paravent, der zum Umkleiden der männlichen Darsteller aufgestellt worden war.

»Ach?« Auguste stemmte kampflustig die Hände in die Hüften. »Haben die Herren keine Namen?«

»Owambo, Kawumba oder wat weiß isch?« Weinfurth grinste. »Sind Schauneger, von der Kolonialausstellung ausjeliehen. Zwei davon kennen Se ja von jestern Abend. Den dritten kenn ich nich. Der is wohl für sein’ Kumpel einjesprungen. Hat nit mitgekriegt, dat ich schon ’nen Ersatzneger hab für den, wo isch sons immer hatte. Der hat ja jestern Abend unerwartet dat Zeitlische jesegnet.« Er zuckte mit den Schultern. »Dünnpfiff oder Lungenentzündung oder wat auch immer. Hat wahrscheinlisch die Berliner Luft nit vertragen.«

Auguste und Henrietta wechselten einen raschen Blick, doch bevor eine der beiden Weinfurths Geschwätz etwas entgegensetzen konnte, betrat eine weitere junge Frau den Raum, begleitet von einem schwarzen Pagen im Livree des Central-Hotels.

»Meine Teuerste! Willkommen.« Weinfurth katzbuckelte übertrieben, küsste der jungen Frau die Hand und wandte sich dann mit großer Geste an die anderen Anwesenden. »Und das hier ist meine Hauptdarstellerin! Darf ich vorstellen: Charlotte Paulus, oder besser: Samirah, die Schlangenfrau!«

Auch mit sorgfältig unter dem Hut gebändigter Lockenpracht und in ein schlichtes graues Faltencape gehüllt, war die Schlangentänzerin eine eindrucksvolle Erscheinung: Die ungewöhnlich großen, blauen Augen und der für Rothaarige typische fast durchsichtige Teint verliehen ihr etwas Kühles, Unnahbares. Nachdem sie Auguste und Henrietta begrüßt hatte, zog sie sich hastig in Lina Kröschkes Schminke- und Perücken-Reich zurück. Der schwarze Page stand wartend am Lift.

»Ach herrje!«, stieß Weinfurth hervor, »dat Problem hat sich ja nu eigentlisch geklärt. Also jenau jenommen brauch ich dich nit.« Er wandte sich, auf den Pagen deutend, an Henrietta und Auguste. »Sehnse, dat is der, wo für den, der jestern Nacht gestorben is, einspringen sollte. Aber die ha’m ja nu Ersatz jeschickt.« Er überlegte kurz, und als der Page sich nicht von der Stelle rührte, gab er sich einen Ruck. »Ach, wat soll et? Isch sag immer: Hauptsache farbescht, nä?« Er lachte, als handle es sich um ein besonders gelungenes Bonmot. »Also dann mal – wie sagt man in Berlin? – rin inne jute Stube!« Weinfurth versicherte sich der Wertschätzung seiner Bemühungen um den lokalen Dialekt mit einem triumphierenden Blick in die Runde.

Der Page begrüßte Henrietta mit einer tiefen Verbeugung. »Mein Name ist Ndeschio Temba, guten Morgen, gnädige Frau.« Er sprach fast akzentfrei Deutsch.

»Henrietta Droydon-Jones. Enchantée!« Henrietta lächelte und streckte ihm die Hand zur Begrüßung hin.

Wenn das den jungen Afrikaner überraschte, so ließ er es sich jedenfalls nicht anmerken. »Gnädiges Fräulein …«

Auch Auguste reichte ihm die Hand. »Angenehm. Auguste Fuchs.«

»He! Edgar!«, brüllte Weinfurth in Richtung Paravent, »steck den hier fürs Erste in die Fächersklavenklamotten, ja?« Er dirigierte den Pagen unsanft in die improvisierte Umkleidekabine und wandte sich dann wieder den Damen zu. »Wie jesagt: Der sollte einspringen für der, wo jestern abgekratz…«, er korrigierte sich hastig, »… für den Neger, der wo jestern jestorben is. Der Kerl arbeitet drüben im Central-Hotel als Page, aber hält sisch anscheinend für wat Besseres.«

»Was Besseres als wer?«, fragte Auguste mit unschuldigem Augenaufschlag. Die Rolle der Naiven wollte allerdings nicht so recht zu ihrem souveränen Umgang mit Kameras, Stativen und hoch explosivem Blitzpulver passen. Trotz all seiner zur Schau getragenen Selbstsicherheit bemerkte Weinfurth den sarkastischen Unterton. »War nur so ’ne Redensart«, brummte er gereizt und rief nach Lina Kröschke, um sich auf Sultan, Pascha, Kalif oder Maharadscha schminken zu lassen; seine Kundschaft nahm es in diesen Dingen nicht so genau.

Ein gute halbe Stunde später steckten die Runtschen-Schwestern, tiefbraun geschminkt, in bunt bestickten Westen und gestreiften Pluderhosen, während Cornelius und Frans Morenga – Auguste hatte die beiden Darsteller kurzerhand nach ihren Namen gefragt – wie am Abend zuvor zwei »nubische Musikanten« gaben. Der dritte Afrikaner hatte mit Krummsäbel und Fez als wachhabender Eunuche zu fungieren. Er ging völlig in seiner Rolle auf und reagierte auf Augustes Frage nach seinem Namen wie die Bärenmützenträger vor dem Buckingham Palace: Er starrte stumm geradeaus und verzog keine Miene.

Schließlich trat Weinfurth mit »Taddah!« hinter dem Paravent hervor und begutachtete seine Verwandlung ausgiebig im Spiegel. Auch er trug Pluderhosen. Sein nackter, schwarz behaarter Oberkörper lugte aus einem verschlusslosen roten Mantel hervor, und seinen Kugelbauch zierte eine breite, leuchtend gelbe Schärpe. Auf dem Kopf trug er einen überdimensionalen, grün schillernden Turban mit goldener Zierspange. Während er sich – höchst zufrieden mit seinem Spiegelbild – zum Diwan hinüberbegab und sich dort behaglich ausstreckte, machte Auguste Notizen zu jedem einzelnen Detail seines Kostüms. Zwar waren der Fantasie der Lithografen keine Grenzen gesetzt, wenn sie die Aufnahmen später in Farbdrucke verwandelten, aber so hatten sie zumindest einen Anhaltspunkt für Weinfurths grellbunte Vision eines ägyptischen Frauengelasses. Während die beiden Bühnenarbeiter einen täuschend echt wirkenden Springbrunnen installierten, klingelte Henrietta zwei Etagen tiefer bei Hulda Preissing und bat sie, für die Pause ein paar kalten Platten, Tee und Limonade vorzubereiten.

Und Auguste fotografierte. Die Dekorationen und Kostüme wechselten, im Mittelpunkt stand jedoch stets Charlotte Paulus: mal als des Sultans Lieblingsfrau in wechselnden Gewändern aus Samt und goldglänzendem Brokat, mal Wasserpfeife rauchend auf den Diwan hingegossen in einem hauchzarten japanischen Kimono aus bemalter Seide, dessen Vorhandensein in einem ägyptischen Harem Henrietta mit einem indignierten Kopfschütteln quittierte. »Das glaubt einem doch endgültig kein Mensch!«

»Doch!«, Auguste grinste. »Ich glaube, je fremdländischer etwas daherkommt, desto begeisterter ist das Publikum. Aus dem Leben Gegriffenes haben sie schließlich genug zu Hause.«

Dem Kimono folgte ein Ensemble aus Pluderhosen und Perlen-Bustier, und Charlotte Paulus ließ sich zu Füßen des Sultans nieder, zu dessen Unterhaltung auf einer exotisch anmutenden, bauchigen Flöte spielend.

»Jambo nzuri ni kwamba huwezi kusikia muziki huu mbaya kwenye picha«, wisperte Ndeschio Temba, als sie dem Instrument versuchsweise ein paar Töne entlockte. Charlotte lächelte – zum ersten Mal an diesem Tag.

»Was hast du gesagt?«, fuhr Weinfurth Temba an.

Temba tat, als habe er die Frage nicht gehört.

»Er hat gesagt, es wär’ gut, dass man die Töne auf den Bildern nicht hört«, antwortete Charlotte Paulus an seiner Stelle. Sie lächelte noch immer.

»Aha«, grunzte Weinfurth. »Aber hier wird gefälligst Deutsch gesprochen, verstanden?«

Erstaunlich, dass sich einer, der dermaßen auf großer Impresario macht, von ein paar Worten, die er nicht versteht, dermaßen aus der Fassung bringen lässt, dachte Auguste, aber vielleicht rechnet er sich Chancen bei seiner Schlangenfrau aus und ist nur eifersüchtig auf den hübschen, jungen Afrikaner. Doch noch erstaunlicher erschien ihr die Tatsache, dass Charlotte Paulus die Übersetzung aus jener unbekannten Sprache so prompt von den Lippen gekommen war. Aber vielleicht hatte sie sich auch einfach nur irgendetwas ausgedacht. Andererseits …

Augustes Überlegungen wurden von Witwe Preissing unterbrochen, die mit einem voll beladenen Servierwagen ins Atelier platzte. »Schinken, Bouletten und Käsestullen!«, trompetete sie mitten in die Aufnahme hinein. Alle Köpfe flogen in Richtung Fahrstuhl. »Dazu Heringssalat, Gürkchen und Rote Bete! Und Soleier mit Mostrich gibt’s auch! Unser Dorchen hat sich mal wieder selbst übertroffen, also lassen Sie sich’s schmecken!«

Auguste fluchte leise. Das letzte Bild würde definitiv nicht zu gebrauchen sein. Andererseits war allen Beteiligten eine Pause zu gönnen, und ehe sie sich’s versah, waren sämtliche Sitzgelegenheiten des Ateliers mit herzhaft zulangenden Akteuren und Bühnenhelfern besetzt. Tante Hattie ließ es sich nicht nehmen, höchstpersönlich den Tee auszuschenken.

Auguste grinste. »Wenn das dein Butler wüsste …«

»Cedric?« Henrietta zog eine Grimasse und imitierte den nasalen Tonfall des Genannten, »But, Milady! I must insist on leaving this to me.«

Auguste konnte gut nachvollziehen, dass ihre Tante es genoss, jedes Jahr ein paar Wochen ohne Kammerzofe und Butler in Berlin zu verbringen. Sie hatte einen ausgeprägten Hang zur Bohème, dem sie in England – unter den Argusaugen ihrer angeheirateten Familie – nur selten frönen konnte. Im Atelier ihres Schwagers Julius hingegen war sie ganz in ihrem Element, nahm zwischen Weinfurths Angestellten Platz und langte bei Hulda Preissings Stullen kräftig zu. Die Afrikaner waren es ganz offensichtlich nicht gewöhnt, ihre Mahlzeiten gemeinsam mit ihren Arbeitgebern einzunehmen. Ndeschio Temba rührte denn auch keine der dargebotenen Köstlichkeiten an; er war nicht einmal dazu zu bewegen, eine Tasse Tee oder ein Glas Limonade zu trinken.

Eine zweite Kanne Tee wurde gebrüht, und Hulda Preissing musste mehrmals den Limonadenkrug auffüllen lassen, während sich die kalten Platten leerten.

»Och Liebelein«, tirilierte Weinfurth und machte, als sie mit einem weiteren Tablett voll Leckereien nach oben kam, eine beinahe höfische Verbeugung. »Isch bin zwar pickepacke satt, aber dat ein oder andere lecker Frikadellschen passt immer noch erein!«

Nachdem Auguste alle Beteiligten wieder in ihre Positionen gescheucht hatte, machten sich die vollen Mägen deutlich bemerkbar: Alles ging ein wenig langsamer vonstatten, und Juppi Weinfurth fiel – kaum hatte er sich auf dem Diwan niedergelassen – in Tiefschlaf. Auf diese Weise entging ihm der Aufruhr, den das Auftauchen eines weiteren Mitarbeiters verursachte. Zunächst erschien ein empörter Luis, der kategorisch erklärte, der Transport wilder Tiere gehöre eindeutig nicht zu den Aufgaben eines Liftboys. Kurz darauf kam ein Mann mit einem durchlöcherten Pappkarton unter dem Arm die Treppe heraufgehastet. »Mensch, Jungchen, stell dir nich so an!«, keuchte er. »Die tut keiner Seele wat zuleide!«

Der Karton in seinen Händen bewegte sich ohne sein Zutun, was zur Folge hatte, dass keiner es wagte, das Ding in Empfang zu nehmen. Als niemand sich rührte, warf Charlotte Paulus einen kurzen Seitenblick auf den schlafenden Weinfurth, seufzte ergeben und nahm die Lieferung an seiner Stelle in Empfang. »Danke, Emil. Ich denke, du kannst sie in ein, zwei Stunden wieder abholen.«

Auguste hatte den Flechtkorb, aus dem am Abend zuvor Samirahs Schlange emporgekrochen war, unter den Requisiten entdeckt und mit einiger Erleichterung festgestellt, dass er leer war. Jetzt schwante ihr Schreckliches. »Bitte, dürften wir vielleicht erfahren, was unseren Liftboy so aus der Fassung gebracht hat?«

»Nichts Schlimmes. Nur meine Bühnenpartnerin.« Charlotte Paulus nahm den Deckel der Pappschachtel behutsam ab, »Und keine Angst«, sie lächelte in die Runde, »die Gute frisst nur Mäuse und Kaninchen.«

Die Königspython schob den Kopf aus ihrem Gefängnis empor und inspizierte nervös züngelnd ihre neue Umgebung.

Lina Kröschke baute sich mit entschlossen vorgerecktem Kinn vor Auguste auf. »Entweder fünf Mark mehr oder ick bin weg«, fauchte sie, »mitsamt die Klamotten und die Schminke!«

»Na jaaa …«, Auguste zögerte, »eigentlich zahlt ja der Auftraggeber die Mitarbeiter …«

»’n Fünfer mehr, und zwar zack, zack!«

»Fräulein Kröschke, Sie haben vollkommen recht«, mischte sich Henrietta ein, »aber das Beherbergen wilder Tiere steht nicht in unserem Vertrag. Also wenn der Herr Sultan sein Mittagsschläfchen beendet hat, darf er gern für uns alle noch mal ein paar Mark drauflegen, oder?«

Wie aufs Stichwort gab Weinfurth eine Reihe schlaftrunkener Schmatzlaute von sich, öffnete die Augen und rappelte sich auf. »Geht’s weiter?«

»Ja, sofort«, versetzte Auguste. »Allerdings nur mit Gefahrenzulage für alle«, fügte sie nach einem Rippenstoß ihrer Tante hinzu.

Weinfurth ging widerwillig auf die Forderungen ein. Nachdem seine Mitwirkung als Sultan nicht weiter vonnöten war, ließ er sich von Lina Kröschke abschminken und verlangte anschließend – wieder in Zivilkleidung – nach einem bequemen Sessel, um bei den weiteren Aufnahmen Regie zu führen. Als Erstes galt es, eine dramatische Szenenfolge mit dem Titel »Das Geschenk der Rivalin« zu arrangieren.

Während die Runtschen-Schwestern – mit einer Laute und einem Tamburin in den Händen – auf zwei Samtkissen Platz nahmen, wurde Charlotte Paulus umgezogen. Als sie zurückkam, trug sie ein Flamencotuch aus besticktem Musselin um die Hüften und war bis zur Taille lediglich von ihren langen, rötlich braunen Haaren bedeckt. Ndeschio Temba trat – mit rotem Fez und gelbem Burnus farbenprächtig ausstaffiert – mit dem Schlangenkorb auf die drei Frauen zu. Er kniete nieder und wartete mit gesenktem Kopf, bis Weinfurth das Bild zu seiner Zufriedenheit arrangiert hatte. Auguste füllte das Blitzpulver ein und gab Temba das verabredete Zeichen. Der öffnete den Deckel, und die Python erhob sich langsam aus dem Korb. Die beiden Runtschen-Schwestern starrten wie hypnotisiert auf die Schlange – was ausnahmsweise zum Inhalt des Tableaus passte –, und Auguste betätigte Blitz und Auslöser. Als das Magnesium aufflammte, schrie Charlotte Paulus auf, und alle fuhren erschrocken zusammen.

»Liebe Leute, so wird das nichts!« Auguste rang in gespielter Verzweiflung die Hände. »Ihr müsst schon stillhalten, wenn ich …«

Bevor sie weitersprechen konnte, brach die Hölle los.

Hanna und Jenny Runtschen sprangen auf, ließen ihre Instrumente fallen und rannten schreiend ins Nebenzimmer, Weinfurth lief hinterher und brüllte irgendetwas Unverständliches, und die Bühnenarbeiter, die sich infolge Charlotte Paulus’ leichter Bekleidung als Zaungäste eingefunden hatten, machten Anstalten, das Haremstableau zu stürmen. Doch dann hielten sie erschrocken inne: Charlotte Paulus war mitten in der Bewegung erstarrt. Aus ihrem zarten, ohnehin blassen Gesicht war jede Farbe gewichen, und sie starrte mit weit aufgerissenen Augen ins Leere. Sie griff an ihren Hals und bewegte ihre Lippen, als versuchte sie, etwas zu sagen. Dann sank sie wie eine Marionette, der man die Fäden abgeschnitten hat, zu Boden.

»Nini kimetokea?« Ndeschio Temba sprang hinzu und richtete Charlottes Oberkörper auf, um ihr das Atmen zu erleichtern. »Mpendwa wangu, nini kilikutokea? Tafadhali, lazima upumue! Pumua! Pumua!«

Charlottes Augenlider flackerten, während sie verzweifelt nach Luft rang.

»Ich ruf einen Arzt!« Während Henrietta in Julius Fuchs’ Privatkontor hastete, riss Auguste eine der Samtportieren aus der Aufhängung und hüllte die halb nackte Charlotte Paulus darin ein. »Schnell! Sie braucht was zu trinken!«

Lina Kröschke rannte ins Nebenzimmer. Als sie mit einem Glas Wasser zurückkam, versuchte Ndeschio Temba, Charlotte ein paar Tropfen einzuflößen, doch sie stieß seine Hand beiseite und griff mit hektischen Bewegungen ins Leere. »Sie sind gekommen, mich zu holen«, brachte sie schließlich mühsam hervor. »Roho ya giza ya kifo! Yeye anakuja na ananichukua! Nenda mbali! Ich will nicht sterben!«

Temba stieß einen unterdrückten Klagelaut aus. » Hapana, hakuna roho mbaya! Na vizuka haziwezi kukuumiza! Nipo nawe! Je! Unasikia? Lazima upumue! Tafadhali kaa nami!«

Doch die schöne Schlangenfrau war bereits in einer anderen Welt; einer Welt, in der offenbar Entsetzliches vor sich ging. Sie stieß erstickte Schreie aus und schlug wild um sich, während Ndeschio Temba vergeblich versuchte, sie zu beruhigen.

Schließlich gab sie den Widerstand gegen ihre unsichtbaren Angreifer auf, und Temba wiegte sie in seinen Armen wie ein kleines Kind.

Nebenan warf Henrietta den Hörer auf die Gabel und stürmte zurück ins Atelier. »Doktor Goldstein ist unterwegs!«