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Der Roman ist autobiografisch geprägt. Das Manuskript mit dem Arbeitstitel Der Schizo war 1988 dank des Engagements meiner Lektorinnen Gisela Gnausch und Sabine Pape abgeschlossen. Cheflektor Walter Lewerenz machte den Druck von etlichen Veränderungen abhängig, die wie so oft weniger in der literarischen Qualität begründet, sondern Ausdruck einer ideologischen Einflussnahme waren. Ich ließ ausrichten, dass ich mein Leben eher in einer Schublade verschwinden lassen würde, statt jenes aus politischem Wohlverhalten zu verbiegen. 1990 konnte das Buch endlich im Verlag Neues Leben Berlin erscheinen. Ende Juni 1983 erwacht der Schriftsteller JOCHEN VIERCK in einem renommierten Ostberliner Krankenhaus für Querschnittgelähmte, im Volksmund bekannt als WALDHAUS. Vierck weigert sich strikt, seine Identität anzuerkennen. Stattdessen flüchtet er in das etwas jüngere Ego JÖRG VOSSLOW, Hauptfigur eines gerade abgeschlossenen Romans. Ein SFB-Kameramann, der während der Weltfestspiele 73 aus privaten Gründen beschließt, im Ostteil Berlins zu bleiben. Turbulente Episoden zwischen 1973 und 1983 reflektiert nun sein geistiger Schöpfer Jochen Vierck, der nicht wahrhaben will, dass er querschnittgelähmt ist. Während die ebenfalls behinderten Zimmergenossen und einige Pflegekräfte Viercks Wegtauchen in ein anderes ICH (sie nennen ihn SCHIZO bzw. nach seinen Initialen JOTVAU) nicht akzeptieren, bemüht sich Dr. JUERGEN VONDERHAIDEN einfallsreich den schizophrenen Schub dieses Patienten zu kompensieren. Die Frau des Schriftstellers, DAGMAR MEHRING-VIERCK ist keine Hilfe; sie weilt anlässlich eines Verwandtenbesuchs in der BRD. Ein Telegramm aus Koblenz verrät, dass sie dort bleiben wolle. Brief folgt ... War diese für den Pflegefall und Tetraplegiker Vierck nicht zu verkraftende Nachricht der auslösende Faktor seines Identitätsverlustes? Ist sein Terrassensturz ein Suizidversuch gewesen, eine Erklärung, die Viercks befreundeter MfS-Hauptmann Deihert nicht akzeptiert. Was hat es mit dem ominösen WEISSEN STUHL auf sich, der Vierck/Vosslow durch Wach- und Albträume begleitet? Vonderhaiden leiht sich in einer Bibliothek einige Bücher des seit 1977 gelähmten Schriftstellers und präsentiert sie Vierck - keine Reaktion: Vosslow habe keine Bücher geschrieben, er sei u. a. Kameramann beim DDR-Fernsehen in Adlershof gewesen und wurde wegen Renitenz am Arbeitsplatz zur Bewährung auf die Stralsunder VOLKSWERFT delegiert.
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Seitenzahl: 607
Veröffentlichungsjahr: 2013
Hans-Ulrich Lüdemann
Der weiße Stuhl
Zweiter Versuch einer Rehabilitation
ISBN 978-3-86394-876-4 (E-Book)
Die Druckausgabe erschien erstmals 1990 im Verlag Neues Leben Berlin.
Gestaltung des Titelbildes: Fred Westphal
© 2013 EDITION digital®Pekrul & Sohn GbR Alte Dorfstraße 2 b 19065 Godern Tel.: 03860-505 788 E-Mail: [email protected] Internet: http://www.ddrautoren.de
Obwohl Literatur Personen und Charaktere erfinden kann – unbeabsichtigt haben sie irgendwie und irgendwann leibhaftige Vorbilder.
+ + + bei vorgezogenen parlamentswahlen muessen die christdemokraten italiens, wie die ersten computerhochrechnungen nach schliessung der wahllokale ergaben, stimmenverluste von sechs prozent hinnehmen, sie bleiben aber staerkste partei vor den kommunisten + + +
Im Zimmer ist es still. Höchstens, dass die Nachtruhe unterbrochen wird von einem tiefen Seufzer, der sich mitunter zu einem Stöhnen steigert, manchmal sind auch Sprachfetzen zu hören, undeutlich hervor gepresst und nichts auslösend. In diesem Raum mit den sechs ehemals weißen Betten wirft sich keiner der Patienten von einer Seite auf die andere, von unruhigem Schlaf gepeinigt oder einen erholsamen Schlummer suchend. Als Balsam nicht nur für den geschundenen Körper. Die im sogenannten WALDHAUS liegen, aus nachvollziehbaren Gründen von Patienten und deren Angehörigen laut oder im Geiste nur WUNDHAUS genannt, müssen auch mit einem schicksalhaften Anschlag auf ihre Seele fertig werden.
Der nächtliche Pfiff einer weit entfernten Lokomotive scheint ein Signal zu sein für den Mann unter dem straff gezogenen Bettzeug. Seine Augenlider zucken. Aber die Geräusche der Eisenbahn irgendwo draußen am Rande der Großstadt hätten allein nicht ausgereicht zum Wachwerden. Anderes gesellt sich hinzu. Es dauert, bis der schläfrige Mann dahinterkommt, was die ständig wechselnden Schatten an der Wand gegenüber bedeuten. Auch wenn es ihn wundert, dass sein Körper dem eigenen Willen nicht gehorcht - dieses unstete Gebilde da drüben vermag er, ohne sich aufzurichten, mit den Augen zu verfolgen.
Das heftige Atmen und Stöhnen weckt in dem Mann Erinnerungen. Sie kommen wie im Sturzflug, schießen jedoch, schwalbengleich, kaum will er Tag und Stunde mit dem Verstand greifen und festhalten, zurück in bodenlose Tiefen. Um erneut aufzutauchen und zu verschwinden. Fast dem Rhythmus gleich, in dem jene Schatten an der Wand sich bewegen.
Zwei Umrisse macht der Mann aus. Hinzu kommt die Unterscheidung zwischen einer Frauenstimme und dem mal lauten und mal leisen Schnaufen eines Mannes. Plötzlich verharren die gespenstischen Schemen an der Wand. Der Mann hört einen Seufzer, der Angst auszudrücken scheint. Und Bedauern. Mitleid auch. Dann verstummt die Frau. Die Schatten an der Wand gegenüber verschwinden. Der Mann vernimmt leises Rascheln. Fester Stoff, der über einen Körper gezogen wird. Jetzt flucht der, der mal laut und mal leise geschnauft hat. Eindringlich klingt das. Flehentlich am Ende. Die Antwort ist ein verhaltenes Weinen. Nichts sonst. Dann leichtes Klacken von Schuhen auf dem Fußboden.
Sehen kann der Mann nichts. Mit aller Gewalt versucht er, sich auf die Seite zu drehen, aber es gelingt ihm nicht. Seine Verwunderung darüber dauert nur Bruchteile von Sekunden. Er braucht sich nicht länger anzustrengen. Jetzt sieht er sie. Hastig bringt die zierliche Gestalt den Schwesternkittel in Ordnung. Dabei sich umwendend, um einen beobachtenden Blick in die Runde zu werfen.
Der Mann schließt die Augen, ehe sein Wachsein auffallen kann. Jetzt flucht der, der mal leise und mal laut geschnauft hat. Ein Zorn liegt in diesem Ausbruch, der dem Lauscher irgendwie bekannt vorkommt. Woher weiß er auf einmal, was da vorgegangen ist? Und wieso scheint er jetzt auch das hilflose Weinen der Krankenschwester deuten zu können? Was zum Teufel ist ihm selbst widerfahren, dass er hilflos wie ein Säugling in diesem Bett liegt? Gewalt hat er höchstens insoweit über seinen Körper, dass der verbundene Kopf sich drehen lässt. Zum Beispiel nach links. Dort sieht der Mann einen schmalen weißen Rücken im matten Licht einer über der Fußbodenleiste angebrachten Notbeleuchtung. Das zerbrechlich anmutende Wesen beugt sich. Der Mann sieht durch dünnen Stoff Konturen eines Slips, dessen Bund verrutscht ist.
Der Mann mit dem dicken Kopfverband schließt wieder die Augen. Niemand kann im nächtlichen Dunkel sein versonnenes Lächeln sehen. Und keiner ist da, der es womöglich gedeutet hätte. Weißer Slip - da gibt es irgendwo für ihn eine Frau, die niemals schwarz trägt. Obwohl die Männerwelt angeblich gerade diese Farbe als besonders anregend empfiehlt.
Das laute Schmatzen eines ungeschickten Kusses unterbricht die aufkommende Erinnerung des Mannes. Er hebt den Blick und sieht die kleine Gestalt, wie sie zur Zimmertür huscht. Ein leises Knarren. Dann ist es still wie vordem, als der Mann von dem Pfeifen einer Lokomotive wach zu werden begann.
„Scheiße! Gottverdammte Scheiße!" Gleichzeitig zu diesem mühsam beherrschten Aufschrei schlägt eine Faust wieder und wieder gegen das metallene Bettgestell. „Ich will nicht mehr! Das ist kein Leben! Scheiße!"
„Halt die Schnauze, Anton!" Der zornige Ruf kommt aus einer Zimmerecke. Der dort seinen Schlaf bedroht fühlt, scheint trotz seiner unverblümten Äußerung gar nicht bei sich zu sein.
Der Mann öffnet seinen Mund. Er schließt ihn wieder. Wenn er jetzt etwas sagt, dann muss Anton annehmen, dass jemand Zeuge war, als er und die Krankenschwester ...
„Halt sie doch selber, Blödmann!"
Die Luft ist raus, denkt der Mann. Antons Antwort kam mehr der Ordnung halber. Aus Prinzip sozusagen. Weil er die Zurechtweisung nicht auf sich beruhen lassen kann.
Aber was habe ich damit zu schaffen? Wer hat mich in diesen Raum gebracht? Der Mann sucht sich krampfhaft zu erinnern. Was war, bevor er hier steif und starr zum Liegen kam? Ein Auto hatte ihn gebracht. Kein Krankenwagen. Nicht so groß und mit vier Türen. Irgendetwas Besonderes war da noch. Ein Zeichen! Kein rotes Kreuz - VOLKSPOLIZEI! Vielleicht war es ein Unfall? Da sind Bilder: Aus den Funkwagen steigen kräftig gebaute Uniformierte, sie kommen auf ihn zu, sprechen ihn an. Rede und Widerrede. Eine Hand streckt sich ihm entgegen. Fordernd: Papiere! Auch er als Zeuge soll sich ausweisen. Nicht nur bei den Deutschen ist das üblich. Aber nur in deutschen Landen gibt es die Möglichkeit ...
Der Mann wirft den Kopf zur Seite. Unscharfe Bilder quälen ihn: Er stößt eine Hand weg, dreht sich um, läuft wie von Hunden gehetzt los. Durch eine gaffende Menge. Aber rufen tun andere! Ebenso fordernd wie die Hand, die ihm entgegengehalten worden war! Es ist glatt auf dem Weg. Hat es geschneit oder geregnet? Der Atem geht ihm wie ein Kolben im Zylinder. Erneut ein scharfer Ruf. Ist von Schießen die Rede im Falle einer Weigerung, endlich stehenzubleiben, um sich ordentlich auszuweisen? Wie es nicht nur bei den Deutschen üblich ist. Mit richtigen Papieren für den richtigen Mann und für den richtigen Zweck ...
Der Mann unter dem weißen Bettzeug ist erregt. Das Hin und Her seines verbundenen Kopfes bleibt die einzige Möglichkeit, jene Mischung aus Angst und körperlicher Pein zu erkennen. Plötzlich rudert der Mann mit seinen Armen. Als suche er Halt, um nicht zu fallen. Unter den geschlossenen Augenlidern zuckt es krampfhaft.
„Die VOPO ..." Der Rest des Satzes geht unter in einem undeutlichen Gemurmel. Jetzt reißt der Mann die Augen auf. Starr blicken sie ins Dunkel. Ohne etwas wahrzunehmen im Krankenzimmer. Angst einjagende Visionen sind jetzt in ihm. Zucken über die Netzhaut. Reflexionen der Vergangenheit.
„Haut die Bullen platt wie Stullen!", entfährt es dem nach Luft Ringenden. Sein Arm fuhrwerkt vor dem Turbankopf hin und her, als wolle er jemand oder etwas verscheuchen. „Nicht die richtigen Papiere!", ruft der Mann halblaut und gleich danach: „Helft mir!"
Endlich scheint der Geist dem gepeinigten Körper Ruhe zu gönnen. Der Kopf des Mannes fällt abrupt in die Seitenlage. Stoßweise kommt der Atem. Jetzt hat ein anderes Bewusstsein das Regime übernommen. Wie eine Gnade für Körper und Seele ist dieses Wegtauchen aus dem Wachsein ...
+ + + nach ansicht des magazins der spiegel wurden in der bundesrepublik deutschland bisher dreiundzwanzig eindeutige faelle von aids registriert, fuenf menschen starben an dieser infektionsskrankheit, deren Ursache noch ungeklaert ist. weltweit belaeuft sich die zahl der aids-faelle auf rund 1.460 + + +
„Hallo, Herr Vierck!"
Der Patient, dem dieser Anruf gilt, verbunden mit einem kräftigen Rütteln, öffnet widerwillig die Augen. Nicht nur, weil er sich am ganzen Körper zerschlagen fühlt, das grelle Neonlicht blendet. Aber da ist noch etwas, das ihn verunsichert. Wobei - den leichten Wermutdunst, der einer Gestalt entströmt, die über ihn gebeugt steht, registriert der Mann nur nebenbei. „Drehen! Waschen! Können Sie das allein?!"
Der Mann starrt dem Pfleger stumm ins Gesicht und hebt die Schultern. Jetzt schwappt Wasser aus einer Schüssel über, als sie auf den Stuhl gestellt wird. Für jedes Bett in diesem Raum gibt es eine.
Der Mann schaut verstohlen auf seine Armbanduhr. Die Digitalanzeige lässt sich mühelos ablesen. „Viertel nach drei?", fragt der Patient halblaut.
„Daran werden Sie sich gewöhnen, Herr Vierck! Keine Leute!"
Und der Mann vernimmt noch Worte über den pünktlichen Feierabend, der einer Nachtschicht, die schließlich nur zu zweit arbeitet, erst recht zusteht. Und - was der Patient Vierck gegenüber dem Pflegepersonal an entscheidendem Vorteil hat - er kann zu jeder Tag- und Nachtzeit ausschlafen ...
„Sie müssen sich irren", beginnt der Mann vorsichtig. Endlich weiß er, was ihn nach dem Aufwachen gestört hat.
„Solang der Mensch strebt, irrt er! Natürlich, Herr Vierck!", lautet ungerührt die Antwort.
Der Mann wartet, bis der Pfleger ihm das Gesicht abgetrocknet hat. Eine Welle von Scham pulsiert in dem Mann, als die eiligen und groben Verrichtungen seinen Unterkörper erreichen.
„Jetzt noch die Pornokugel, dann sind wir fertig! Und wir können bis zur Frühschicht durchratzen!"
Der Mann senkt den Blick und nimmt Barthaare an sich wahr. Seit wann ist er unrasiert ...
„Sie müssen mehr trinken, Herr Vierck! Die ENTE ist ja noch trocken! So wird das nichts mit uns! Das werden Sie mitkriegen, wenn Sie erst länger bei uns sind!"
„Sie müssen mich verwechseln - wieso sagen Sie immerzu diesen seltsamen anderen Namen. Vierck ...?"
„Welchen wünschen der Herr denn?" Der Pfleger lacht. Er hält in der Waschzeremonie inne und rückt, sich aufrichtend, sein handgestricktes Stirnband zurecht.
„Dante?!"
Das ist kein Vorschlag für einen anderen Namen - aber die Stimme kommt dem Mann bekannt vor. Er dreht vorsichtig den Kopf nach links: Die zierliche Gestalt im Schwesternkittel!
Die junge Krankenschwester schaut ihren Kollegen mit dem Stirnband vorwurfsvoll an. Dann widmet sie sich wieder dem Patienten Anton. Fast zu geschäftig. Als hätte es nicht dieses TO MAKE LOVE wenige Stunden zuvor gegeben. Und die Enttäuschung dabei ...
Der Mann horcht in sich hinein. Dieser seltsam klingende Ausdruck - von wem hatte er ihn das erste Mal gehört? Aber so sehr er sich müht, ein Gesicht will sich vor seinem geistigen Auge nicht einstellen.
Inzwischen ist Dante, wie die Schwester den Weißkittel mit Stirnband genannt hat, abgetaucht. Polster, die die Körperlage eines Patienten im Bett stabilisieren sollen, liegen unterdessen auf staubigem Linoleum.
„Was auf dem Fußboden war, gehört nicht mehr ins Bett!", zitiert der Mann impulsiv. Ein Ausspruch, von dem er ebenfalls nicht weiß, woher er ihn kennt.
„Profi, was?" Das Lachen des Langhaarigen mit dem ständig rutschenden Stirnband klingt eher wie ein Meckern.
Der Mann schweigt. Er sieht teilnahmslos zu, wie seine langen, abgemagerten Beine gelagert werden. GELAGERT - woher kennt er nur diesen Ausdruck? Auch das Kommando DREHEN scheint ihm geläufig. Warum zum Teufel spürt er seinen Körper nicht bei den Hantierungen dieses Dante! Ebenso ist es beim Waschen gewesen! Und vorher? War es etwa normal, dass er beim LIEBE MACHEN nichts anderes empfunden hat als ein Horchen in die unterbrochene nächtliche Stille eines Krankenzimmers? Wobei er da noch nicht einmal genau zu sagen gewusst hätte, dass er sich in einem solchen befand. Ein Mann wie er, um die Vierzig, da spannt sich doch normalerweise etwas im Körper. Von den Fußsohlen her. Bei derartig eindeutigen Geräuschen. Der verrutschte Slip unter dem Schwesternkittel war ganz deutlich zu sehen! An eben solchen weißen Slip hatte er gedacht. Wer noch, verdammt, trug so was oder auch nicht. Je nachdem ...
Der Mann fühlt sich angehoben. Sekundenlang sieht er, dass die Krankenschwester eine blasse Gesichtsfarbe und große Mandelaugen hat. Dann wird er herumgeschleudert, durchfliegt eine Wermutfahne und landet auf dem Bauch. Er ahnt mehr, als er es fühlt, dass jemand Bettzeug auf seinem Rücken zurecht zieht. „Bis morgen, Herr ..." Der Pfleger hält inne. „Also, damit ich nicht wieder etwas falsch mache - wie hätten Sie es denn gern, Herr Vierck?"
„Wir müssen weiter, Dante!", ruft die Schwester ungeduldig von der Tür her. Ihre Hand liegt bereits auf dem Lichtschalter. Zwanghaft schaut sie zu den Deckenleuchten. Jeden Blickkontakt mit dem Patienten Anton meidend.
„Mein Name ist Vosslow. Jörg Vosslow. Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie sich das merken könnten, Herr Dante!" Der Mann, der nicht mit Vierck angesprochen werden will, ist viel zu sehr mit sich beschäftigt, als dass er mitbekommt, wie sich eine allgemeine Heiterkeit bei den übrigen Patienten breitmacht.
„Herr Dante!", prustet es aus der Ecke. „Dante ..." Das Lachen wird von der Dunkelheit verschluckt. Der Pfleger läuft mit schnellen Schritten und wehendem Kittel an seiner Kollegin vorbei hinaus auf den Korridor.
„Gute Nacht", sagt die Schwester leise. Sie steht in dem hellen Lichtkegel, den die Flurbeleuchtung ins dunkle Krankenzimmer wirft.
„Nacht, Sissy!", ruft die Stimme, von der der Mann mittlerweile weiß, wem sie gehört: Jenem Anton, der mit Schwester Sissy ...
„Alles Gute für Sie, Herr Vierck!", wünscht die junge Frau tröstend. Dann fällt die Tür ins Schloss.
„Das Wort Dante ist der Spitzname für diesen Höllenhund!", brummt es aus der Ecke. Es ist der, der Anton zurechtgewiesen hatte, nachdem Schwester Sissy weinend aus dem Zimmer gelaufen war ...
„Mann! Du heißt doch Vierck! Joochen Vierck! Hat man zu uns gesagt, als sie dich 'reingeschoben haben. Notaufnahme sozusagen." Antons Stimme klingt leise, sie ist nur für seinen Bettnachbarn bestimmt. „Schriftsteller sollst du sein?"
Der Mann zieht die Arme, die seitlich langgestreckt parallel zum Körper liegen, hoch zum Kopfkissen. Er bettet seine Stirn auf beide Handrücken. NOTAUFNAHME! pocht es ihm. SCHRIFTSTELLER?
„Ich heiße Jörg Vosslow! Jörg Vosslow, verdammtnochmal!", begehrt der Mann auf. Beleidigt wie ein kleines Kind.
„Ob Joochen Vierck oder Jörg Vosslow - nenn ich dich eben JOTVAU. Dich hat's jedenfalls ganz mächtig erwischt ..."
„Erwischt?", wiederholt der Mann, und es ist herauszuhören, dass es ihm nicht recht wäre, wenn der andere von dem wüsste, was sich mit diesem Wort verbindet.
„HALSWIRBEL. Klarer Fall!", konstatiert Anton. Dante und Schwester Sissy hatten ihn in die Seitenlage gedreht. Mit dem Gesicht zum neuen Zimmergenossen.
„Ich bin gestürzt", überlegt der Mann laut. Jetzt dreht er seinen verbundenen Kopf nach rechts. Auge in Auge liegen die beiden sich gegenüber.
„Das muss aber schon länger her sein", flüstert Anton unterdrückt. Er schiebt eine Hand unter das rechte Ohr, um diesen JOTVAU besser zu sehen und zu hören. Anton scheint mit wenig Schlaf auskommen zu können, weil er keine Anstalten macht, das Gespräch abzubrechen.
„Ich bin gestürzt!", wiederholt der Mann. Seine Stimme klingt heiser. Und eine Verbissenheit ist darin wie vordem, als er darauf bestand, mit Jörg Vosslow angesprochen zu werden.
„Bei mir war es die Kante von einer Sandbank", lenkt Anton ein. „Stell dir vor: Da fährt man bei schönem Wetter an die Ostsee. Freut sich über den hohen Wellengang. Sogar der Sturmball war hochgezogen. Und wir immer mit Hechtsprung in die 'ranrollenden Wellen. Aus dem Stand. Und plötzlich ..."
Anton schweigt. Seine Augen schauen über den Mann hinweg in Richtung Zimmertür. Es dauert, bis der Blick wieder zurückkehrt.
„Bei mir ist es auch ein Unfall gewesen", wirft der Mann ein. Er ahnt, dass es Anton schwerfällt, über das zu reden, was ihn hierher gebracht hat.
„Am Ende haben sich alle gewunden. Weil ich egalweg auf TOTEN MANN gemacht habe. Scheiß Ostsee!" Als ob die Nase plötzlich verstopft ist, zieht Anton hoch. Ungeniert. Ebenso frei von Hemmungen starrt er seinen Gesprächspartner an.
„Stralsund liegt auch an der Ostsee", sagt der Mann wie beiläufig. „Wenn auch nicht direkt ..."
„Bist du ein FISCHKOPP?"
Der Mann versucht, den Kopf zu schütteln. Aber Bauchlage und Verband zwingen ihn, es bei dem Ansatz einer Bewegung zu belassen. Entweder Blick nach links oder Blick nach rechts. Kopf nach unten würde bedeuten, dass er keine Luft zum Atmen hat. Weil Nase und Mund ins Kissen gedrückt werden.
„Berlin", antwortet der Mann stöhnend. Er versucht, sich Erleichterung zu verschaffen, indem er sein Kinn auf die Unterarme bettet.
„Hast es gut - bist sozusagen zu Hause!"
„Hier?"
„Hier im WUNDHAUS natürlich nicht!", platzt Anton unziemlich laut heraus, verärgert über die Begriffsstutzigkeit des anderen.
„Haben die Fenster Außengitter?"
„Gitter?", ruft Anton und schnappt nach Luft. „Hier ist doch kein Knast!"
„Macht eure Schotten endlich dicht!", ist die Stimme aus der Ecke wieder zu vernehmen. Auch diesmal nicht verärgert. Eher ein Ordnungsruf. Schließlich ist hier kein Wartezimmer ...
„Penn weiter, Käptn Jonas!", gibt Anton ungerührt zurück. Dann wendet er sich wieder seinem Gegenüber zu. „Und wann hat es dich erwischt?"
„Mich?" Der Mann scheint zu überlegen. Während er sich krampfhaft um eine Erinnerung bemüht, sieht er die zunehmende Verwunderung in Antons Gesicht. „Es muss gestern gewesen sein!" Der Mann spricht schnell. Als habe er Angst, den Faden zu verlieren. „Gestern auf der Brücke zwischen den Teichen. Da war erst der Unfall mit dem Kind ..."
„Gestern?" Alle Erfahrung, die einer besitzt, wenn er bereits vier Jahre querschnittgelähmt ist, liegt in Antons Unglauben. Er zieht seine Hand, die das Ohr abgestützt hat, nach vorn heraus. Aus dem Unglauben wird Zorn. Es hat den Anschein - falls Anton könnte, wie er möchte -, er würde diesem JOTVAU prompt den Rücken zukehren. Damit den Abbruch ihrer Unterhaltung signalisierend.
„Spinnst wohl oft, was? Ihr Schriftsteller sollt ja manchmal nicht unterscheiden können zwischen dem, was wirklich ist, und dem, was ihr da so auskaspert!" Obwohl Anton mehr gezischt als normal gesprochen hat, versucht er nun den Kopf anzuheben, um hinüber in die Ecke zu lauschen. Aber jener Kapitän Jonas scheint fest und tief zu schlafen.
„Ihr Schriftsteller? Wen meinst du damit?"
Antons Antwort beschränkt sich auf eine bezeichnende Geste. Er scheint sich damit abzufinden, dass dieser Leidensgenosse im Bett neben ihm einen überaus komplizierten Charakter hat.
„Ich hab als Lackierer auf der VOLKSWERFT gearbeitet!", sagt der Mann mit leichter Wut. Weil er sich nicht für voll genommen fühlt.
„Früher vielleicht mal!", flüstert Anton, dem die Erregung des anderen plötzlich Spaß zu machen beginnt.
„Früher war ich Kameramann!", gibt der Mann zornig zurück.
„Ach ja?" Nur mühsam unterdrückt Anton ein lautes Auflachen. Dennoch äugt er wieder dorthin, wo sich das Bett von diesem Jonas befindet.
„Beim SFB!"
„In Stralsund!" bestätigt Anton und tippt mit dem Zeigefinger an seine Stirn.
„Natürlich in Westberlin!"
„Natürlich!", echot Anton mit einer Miene, als würde ihn nichts mehr überraschen, was JOTVAU betrifft. Oder Vierck. Oder Vosslow. Der läuft doch nicht ganz rund! Anton sagt es nicht - dieser Satz steht ihm aber deutlich im Gesicht.
„Dann hast du wohl bestimmt einen MEYRA? Nicht solch eine schwere Gurke wie jedereiner von uns?"
Mit dem Begriff MEYRA scheint der Mann nichts anfangen zu können. Antwort heischend schaut er zu Anton hinüber.
„Dein Rollstuhl!" Der um mindestens zwanzig Jahre Jüngere zieht das letzte Wort in die Länge wie einen Kaugummi.
„Was soll ich mit einem Rollstuhl?", fragt der Mann. Sein Atem geht plötzlich schnell. „Ich bin völlig gesund, Anton!", stottert er schließlich, den anderen unsicher anblick-end. „Nur mein Kopf ..."
Anton umschreibt das Krankenzimmer mit einer ausladenden Armbewegung. Dann sagt er beinahe heiter: „Gesund sind wir alle hier - wir können bloß nicht laufen!"
Plötzlich ertönt von der Fensterseite her ein Schrei. Ungeniert laut. Sichtlich erschrocken zuckt der Mann zusammen.
„Das ist Niels. HALSWIRBEL. Kriegt verdammt harte Drogen. Was Neues aus den USA. Wegen der Spasmen. Deswegen ..." Ein zweites Mal hebt Anton den Zeigefinger an die Stirn. Dieser Niels dreht durch, soll das wohl bedeuten.
Jetzt wird ein Brummen laut. Es ist, als ob ein schweres Motorrad durch das Krankenzimmer fährt ...
„Armes Schwein", sagt Anton. „Kommt vom Dorf. Die haben da ein Gestüt. Und er wird sich doch heimlich auf einen Gaul setzen - spielt den Einreiter. Dabei ist er Holzwurm von Haus aus."
„Holzwurm?"
„Tischler!" Anton blickt den Mann an. Er versucht, seine Worte abzuwägen. „Für einen Schriftsteller siehst du viel zu normal aus. Dein Bart allein macht es nicht. Niels hat nämlich auch einen ..."
Als ob der Holzwurm Niels auf sein Stichwort gewartet hat - das laute Motorradbrummen schwillt an. Es setzt nur kurzzeitig aus, wenn Niels beabsichtigt, einen anderen Gang einzulegen. Alles deutet darauf hin, dass er mit seinem Zweirad in überhöhter Geschwindigkeit auf der Autobahn entlang braust ...
„Fahr bloß vorsichtig, Niels!", ruft Anton halblaut über die Schulter. Dann dreht er sein Gesicht wieder dem Mann zu:
„Gestern wollte er, dass Käptn Jonas ihm einen Bolzenschneider bringt. Weil - Niels hat in seinem Dschumm fantasiert, dass dieser Dante ihn mit Stacheldraht umwickelt hat ..."
Anton macht wieder eine bezeichnende Geste. Dann lauscht er auf den an- und abschwellenden Motorlärm. „Niels hat uns erzählt, dass er eine alte 58er AWO wieder flottgekriegt hat. Liebhaberstück sozusagen. Und da steigt der Blödmann auf so einen Gaul!"
Nach den Geräuschen zu urteilen, fährt der verhinderte Einreiter Niels bereits an die hundertvierzig Stundenkilometer. Dazu hupt er andauernd. Also keine Autobahn, sondern eine Landstraße mit Fahrzeugen, die dem Raser nicht rechtzeitig ausweichen?
„Pass auf, Niels! Radarkontrolle!" Kapitän Jonas' Stimme klingt gutmütig und ist darauf aus, den Fantasierenden zu beruhigen.
Tatsächlich verstummt das überlaute Brummen. Der Mann atmet auf. Sich vorzustellen, dass er auf diese Art und Weise alles preisgibt, was ihn im Innersten bewegt ...
„Alkoholtest! Pusten Sie in das Röhrchen!", ruft Anton plötzlich in die Stille. In seinem Blick liegt ein lauerndes Glitzern, als er JOTVAU zunickt.
Niels Reaktion erfolgt prompt. Wie ein Weltmeister im Ballonaufblasen kommt er dem Befehl nach.
„Welche Farbe?", fragt Anton über die linke Schulter.
„Grün!"
„Logo!", konstatiert Anton lächelnd und dreht den Kopf zurück. „Niels trinkt nämlich keinen Alkohol", sagt er zu dem Mann, der laut Aufnahmeprotokoll ein Schriftsteller sein soll. Mit Namen Joochen Vierck.
„Drei Stempel!" Niels' Stimme schlägt über vor Wut. „Dann zieht sie doch aus dem Verkehr, meine Karre! Fliegen ist sowieso schöner!"
Und prompt hören alle, die mittlerweile wach sind oder noch im Halbschlaf vor sich hindämmern, das helle Sirren der Flugzeugturbinen.
„Lass sie endlich landen - deine TUPOLEW!", fordert Kapitän Jonas, der trotz anbrechender Dämmerung weiterschlafen will.
„IL-62!", kräht Niels. Beleidigt, weil er sich mit der TUPOLEW unterschätzt fühlt.
„Meinetwegen!", brummt Kapitän Jonas friedfertig und begütigend. „Lande endlich und stell die Propeller ab!"
Niels geht zum Anflug über. Der Schub seiner Turbinen wirkt gedrosselt ebenso gewaltig laut.
„Verdammt! Keine Landeerlaubnis!", schreit Niels. Spielt er Passagier oder Flugzeugführer? Letzterer dürfte derart ängstlich nicht auf eine Verweigerung vom TOWER reagieren.
„Durchstarten, Niels!", befiehlt Anton. Dieses Mal nicht über die Schulter schauend. Er lächelt: „Ausweichflugplatz: Leipzig- Schkeuditz!" Triumphierend registriert Anton das Aufheulen beim Durchstarten und ein Leiserwerden der Fluggeräusche. Niels entfernt sich also in Richtung Messestadt. Aber wo er sich im Augenblick tatsächlich befindet, das weiß niemand.
Ohne Motorrad und ohne Flugzeug und ohne Albtraum und ohne vom Stirnbandträger Pfleger Dante mit Stacheldraht umwickelt worden zu sein, verstummt Niels für die restlichen Stunden bis zum allgemeinen Wecken um sechs Uhr.
Nach den vielen Jahren seit Gründung dieser Klinik lässt sich nicht mit Sicherheit feststellen, wer den Ausschlag gegeben hatte für die mehr als spartanische Ausstattung. Die Armseligkeit des WUNDHAUSES alias WALDHAUSES bleibt nicht ohne Eindruck auf Besucher. Niemand wird plausibel erklären können, warum ausgerechnet die Rollstuhlfahrer für die Zeit ihrer intensiven Therapie im zweiten Stock ein Zuhause fanden. Dass Harro Deihert sich vor wenigen Minuten, als er die breite Treppe nach oben stieg, darüber wunderte, muss ihm als Zeichen einer gewissen Sensibilität angerechnet werden. Schließlich ist er bis zum heutigen Tag nicht gewohnt, in Einrichtungen wie dem WUNDHAUS zu verkehren. Nun sitzt der unangemeldete Besucher im Chefzimmer Frau Dr. Kienzle und Dr. Vonderhaiden gegenüber.
„Wie gesagt - rein zufällig bin ich gestern bei den Viercks vorbei. Frau Mehring - das ist die Schwiegermutter Ihres Patienten Joochen Vierck - hat mir von dem Unglück erzählt ..." Deihert hält inne. Er fasst mit gekrümmtem Zeigefinger in den Halskragen, zerrt daran herum und gibt erst Ruhe, als sein Schlips leger knapp zwei Fingerbreit unter dem obersten Knopf sitzt. Immerhin - es ist Sommer draußen.
„Ich muss mich mit der Problematik erst vertraut machen, Frau Chefarzt", sagt Dr. Vonderhaiden. „Unterlagen zu Herrn Vierck haben wir leider keine, soviel steht fest", setzt er fast entschuldigend hinzu.
„Weil wir weder eine Erstversorgung beim Patienten noch die anschließende Therapie durchgeführt haben. Wenn Unterlagen vorhanden sind, dann in Bad Saarow!" Als sie den Ortsnamen nennt, schaut Frau Dr. Kienzle fragend zu Deihert hinüber.
„Ein Armeeunfall also", konstatiert Dr. Vonderhaiden. Er sagt dies beiläufig. Nur - für die notwendige Exploration zur Anamnese ist es gut, diesen Umstand zu wissen.
Die Chefärztin wendet sich zu Deihert: „Können Sie uns etwas über die Umstände sagen, die dazu geführt haben, dass Herr Vierck stationär aufgenommen werden musste?"
„Ich hatte die Möglichkeit, einen Bericht zu sehen." Harro Deihert lächelt beide Mediziner vielsagend an. Er ist sich seiner Wichtigkeit bewusst. Nicht nur, was den Schriftsteller Joochen Vierck betrifft. Der kleine drahtige Mann fährt fort: „Umsichtig, wie Viercks Schwiegermutter nun einmal ist, hat sie auch sofort den Abschnittsbevollmächtigten verständigt. Alle Umstände sind vorerst mehr als merkwürdig: Der Telefonapparat lag auf dem Fußboden. Im Wohnzimmer war ein großes Durcheinander, als sei nach irgendetwas gesucht worden. Schachfiguren überall auf dem Teppich. Dem Anschein nach aus dem Regal geworfen, in dem sie sonst stehen ..." Deihert legt eine Pause ein. Räuspert sich, um auf das Wesentliche zurückzukommen: „Die Terrassentür stand offen. Joochen Vierck lag mitsamt Rollstuhl unterhalb der Terrasse auf dem Rasen. Bewusstlos. Mehr Details sollen im Augenblick nicht publik werden. Es gibt da noch einiges, was der genaueren Untersuchung bedarf. Aber das scheint mir für Ihre klinische Behandlung nicht wichtig zu sein!" Die letzten Worte richtet Deihert an Dr. Vonderhaiden.
„Ich habe übrigens Herrn Vierck damals nach seinem Unfall im ZENTRALLAZARETT BAD SAAROW gesprochen", sagt die Chefärztin nachdenklich. „Oder genauer -gesehen. Es ist erstaunlich, wie der Mann sich wieder aufgerappelt hat ..."
„Ich sprach mit ihm sogar über sein neues Buch. Die Studien dazu konnte er machen, bevor ..." Deiherts Hand fährt zum Hals, um den Schlipsknoten noch tiefer zu ziehen. „Ein brisantes Thema, das in Westberlin angesiedelt ist. Und es könnte sein, Genossin ...", wieder unterbricht Deihert seine Ausführung. Aber gewiss nicht, weil er Zweifel hegt, die Anrede richtig gewählt zu haben. Ihm ist sie seit Jahren geläufig. Nein - jener angedeutete, weiterführende Gedanke gehört nicht hierher. Nicht in diese 1. LEITKLINIK FÜR REHABILITATION.
„Was ist mit der Ehefrau?", fragt Dr. Vonderhaiden. Allem Anschein nach wissen die beiden anderen über den neuen Patienten mehr als er.
„Viercks Frau Dagmar ist für zehn Tage verreist", gibt Harro Deihert zögernd Auskunft.
„Aber trotzdem hätte sie doch schon längst informiert werden müssen!", ruft Vonderhaiden. „Bei einer eventuellen Verschlechterung im Gesamtgesundheitszustand des Patienten halte ich das für unabdingbar, Frau Chefarzt!"
Dr. Irene Kienzle nickt. Fragend blickt sie zu Deihert hinüber. Ihre Augenbrauen ziehen sich eng zusammen. Eine Reaktion auf die Ungeniertheit, mit der Deihert seinen auffällig unauffälligen Binder vom Hals reißt, um den einfarbigen Stoff achtlos in die Jacketttasche zu stopfen.
„Frau Dagmar Mehring-Vierck befindet sich zurzeit im NSW. Wie gesagt - für zehn Tage."
Die Mediziner schauen sich an. BRD ist eben geläufiger als NSW. NICHTSOZIALISTISCHES WIRTSCHAFTSGEBIET - wer mag den Begriff erfunden haben?
„Trotzdem", wagt Dr. Vonderhaiden einen Einwand. „Sie ist damit doch nicht aus der Welt. Es gibt Telefone, Telegramme ..."
„Viercks Schwiegermutter, Frau Mehring also, versucht seit gestern, seit dem Unglück, ihre Tochter zu erreichen", erläutert Deihert etwas ungehalten. „Im Wachbuch steht eine Eintragung, dass Joochen Wert darauf legt, mit dem Namen Vosslow angesprochen zu werden? Jörg Vosslow! Ist das von Bedeutung für Sie? Wenn ja, dann kann ich ..."
„Was steht wo?", unterbricht der Arzt verblüfft.
Die Falte zwischen den Augenbrauen bei Frau Chefarzt Dr. Kienzle wird grabentief. Ihr Blick irrt ab auf die wacklige, leicht nach vorn geneigte Möbelwand.
„Hat man Ihnen das so gesagt? Oder haben Sie das in dem Wachbuch der Station gelesen?" Vonderhaiden lässt nicht locker.
Harro Deihert zieht es vor, die Frage nicht zu beantworten. Leichtfüßig springt er auf. Für ihn ist die Unterredung beendet.
„Also an die Arbeit!" Dr. Vonderhaiden erhebt sich ebenfalls. Jetzt ist ein erstes Gespräch mit dem Patienten vonnöten. Das mit dem Namen Vosslow scheint nicht wichtig. Vierck waren starke Beruhigungsmittel verabreicht worden. Der Aufnahmearzt hatte es bestätigt. Eigentlich ist dieser Vierck mehr ein Fall für den Kollegen Echternach. Aber der Psychologe hat bis Montag nächster Woche Urlaub ...
„Darf ich?" Deihert schaut bittend zu Dr. Vonderhaiden.
„Frau Chefarzt?" Der Arzt gibt Deiherts Frage weiter. Er hat vorhin ihre Verärgerung bemerkt wegen der unbefugten Einsichtnahme in das Wachbuch der Station. Wie heißt es: Schuster bleib bei deinem Leisten. Oder: Jeder macht seins!
„Ich hätte vorher gern Doktor Echternach konsultiert. Nun ja - vielleicht löst sich durch ein bekanntes Gesicht die mögliche Blockierung." Frau Dr. Kienzle nimmt den Hinweis auf die Namensverwechslung ernst. Sie nickt beiden Männern zu, legt ihre gepflegten Hände auf den Rücken und verlässt das Dienstzimmer.
Unschlüssig bleiben Dr. Vonderhaiden und Harro Deihert zurück. Der Besucher wirft einen prüfenden Blick auf das Interieur ringsum.
„Können wir?" Der Arzt winkt Deihert, ihm zu folgen. Die Schritte der beiden Männer hallen wider in den hohen und langen Fluren. Ein ungleiches Paar. Hochgewachsen, schlank und sportlich der eine - gedrungen der andere. Und nicht nur der weiße Kittel sagt aus, wer sich hier zu Hause fühlt. Harro Deihert lässt den anderen vorgehen, weil nebeneinander kein Platz ist. Rollstühle, nicht gebrauchte fahrbare Tische verstellen den Weg.
„Moment, Herr Doktor!" Deihert ist stehengeblieben. Er weist auf den Fernsprecher und sucht in der Hosentasche nach Kleingeld. Endlich hat er Erfolg. Das Zwanzig-Pfennig-Stück klingelt, als es durch den Eingabeschlitz fällt und Dienstbereitschaft herstellt. Herstellen soll - die Leitung bleibt tot. Unverdrossen wählt Deihert den Telefonanschluß seines Ministeriums. Aus den Augenwinkeln betrachtet er die Umgebung. Dann blickt er ärgerlich nach unten. Aber nicht, weil der Wandapparat nur wenig höher angebracht ist als der unterste Knopf seines Jacketts - die Münze vermisst der verhinderte Anrufer im Ausgabebecher.
Es ist Deihert anzusehen, dass er mit der Faust gegen das metallene Gehäuse schlagen möchte. Rechtzeitig sieht Deihert den beobachtenden Blick des Arztes.
„Gerade ist es uns gelungen, den Münzer für unsere Rollstuhl-Patienten tiefer setzen zu lassen. Hat fast ein Jahr gedauert, ehe die Post soweit war!" Dr. Vonderhaiden tritt näher. Auch ihn scheint die Versuchung zu packen, dem nichtsnutzigen Telefon einige Hiebe zu verpassen.
„Kaputt", sagt Deihert. Und reißt von seiner Zigarettenschachtel einen Pappstreifen ab. Mit einem nobel aussehenden, metallisch glänzenden Stift kritzelt Harro Deihert darauf eine Warnung für den nächsten, kein Zwanzig-Pfennig-Stück einzuwerfen. Dann folgt er dem Arzt bis zum Ende des Ganges.
„Wenn Sie bitte warten würden", sagt Vonderhaiden. Seine kräftige braungebrannte Hand liegt auf dem Türgriff. „Ich gehe erst einmal vor, damit es nicht wie ein Überfall aussieht. Moment!"
Deihert zieht die Nasenspitze kraus. Es hat den Anschein, als wolle ein Jagdhund Witterung aufnehmen. Doch Dr. Vonderhaiden bleibt vorerst auf dem Flur stehen. Er blickt zur Seite, wo sich eine zweite, aber offene Tür befindet. Wie unter einem Zwang schauen jetzt beide Männer in die gleiche Richtung.
„Unser Spülraum!"
Der Mediziner ist peinlich berührt wegen der durchdringenden Gerüche und der offensichtlichen Unordnung: Urinflaschen aus Kunststoff oder Glas, auch ENTEN genannt, volle Urinbeutel mitsamt den dazugehörenden Dauerkathetern, gebrauchte Bettwäsche ...
Jetzt gibt Harro Deihert sich keine Mühe mehr, seine Betroffenheit zu verbergen.
„Pisse riecht nun mal!", sagt Vonderhaiden lakonisch. „Aber Sie haben recht. Nicht bis auf den Gang." Mit dem Hacken schleudert der Arzt die Tür ins Schloss. „Saustall!"
„Unsere Menschen", sagt Deihert anzüglich. „Macht wohl keinen Spaß, in diesem alten Kasten zu arbeiten."
„Eine neue Klinik ist nebenan geplant. Modern und mit allem Drum und Dran ..."
„Das kann auch wie saurer Wein in neuen Schläuchen werden", wandelt Deihert skeptisch ein geläufiges Zitat ab. Dann schaut er offensichtlich übertrieben auf seine Quarzuhr am Handgelenk.
Der Kopf des Mannes ruckt zur Seite, als die Tür geöffnet wird. Erwartungsvoll schaut er den Eintretenden an.
„Morgen, meine Herren!"
Wie alle anderen Patienten antwortet der Mann mit dem Kopfverband auf diesen Gruß. Verwundert registriert er, dass der Arzt, statt geradewegs zu ihm zu kommen, das Bett rechts in der Ecke ansteuert. „Herr Kapitän?"
„An Bord ist alles wohl!", antwortet Jonas. Für Sekunden legt er seinen Trockenrasierer aus den Händen.
„Keine Bedenken mehr?", erkundigt sich Dr. Vonderhaiden. Beide Hände umfassen das Ende vom Bettgestell.
„Entweder es klappt mit dem Fersenbein, Herr Doktor, oder der Fuß muss dran glauben ..."
Der Mann sieht, wie der Arzt eine Hand hebt. Abwehrend und besänftigend. Sein muskulöser Körper spannt den weißen Kittel. Die ganze Gestalt strahlt eine Gesundheit aus, dass sich einem der Gedanke aufdrängt, ob so einer für jemanden Verständnis aufbringen kann, der nicht diese Konstitution besitzt. Der quasi am Boden liegt - oder genauer - hilflos auf Schaumgummikissen gebettet ...
„Besser - Sie glauben dran, dass die Operation endlich Erfolg bringt und die offenen Stellen sich schließen!" Dr. Vonderhaiden nickt Kapitän Jonas aufmunternd zu. Dann wendet er sich weiter nach links, stutzt und klatscht leicht in die Hände. „Hallo! Heiko! Schon Post aus Moskau erhalten?"
Der Mann, dem das Fußende seines Bettes die Sicht auf die andere Seite versperrt, vernimmt ein ungnädiges Brummen. Diesen Heiko hat er noch nicht zu Gesicht bekommen. Selbst das Frühstück hatte der ausgelassen. Und die Physiotherapeutin, die mit einem Gummiseil erschien, sicherlich, um mit dem Patienten kräftigende Übungen zu machen, ist wieder gegangen. Nicht ohne bestellen zu lassen, dass sie, vor dem Mittagessen noch, erneut aufkreuzen würde, um Heiko zu beüben ...
„Da klettert der Bursche nächtens im Moskauer Nobelhotel ROSSIJA von einem Balkon zum anderen wie ein Bayer, der bei seiner Liebsten fensterlt - aber hier!" Vonderhaiden schmunzelt. Zustimmung heischend dreht er sich um. Nur für Sekunden treffen sich seine Blicke mit denen des neuen Patienten. Aber die Zeit reicht, um in den Augen des Schriftstellers Vierck äußerste Aufmerksamkeit zu erkennen.
„Machen Sie ihm mal etwas Dampf, Herr Doktor", sagt Kapitän Jonas, ohne den Rasierer vom Kinn zu nehmen. „Er will nicht. Hätte alles keinen Sinn, sagt er. Wäre eben Schicksal, dass er fünf Stockwerk tief abgestürzt ist."
„Morgen nehme ich mir den Burschen vor. Es gibt Schlimmeres, als im Rollstuhl zu sitzen!" Nach dieser Bemerkung, die Optimismus verbreiten soll, tritt Vonderhaiden an das dritte Bett in der Reihe.
Der Mann ist gespannt, was der Doktor zu den vielen Flaschen sagen wird, die kaum auf dem Nachttisch Platz finden. Es klirrt laut, als Vonderhaiden erbost das Leergut zählt. Angeekelt nimmt er plötzlich eine der Bierflaschen und hält sie gegen das Licht.
„Auch wenn Sie es nach wie vor ablehnen, mit mir zu sprechen, Herr Niemann - haben Sie gar keine Angst, dass Sie eines jener lieben Tierchen mit hinunterspülen? Nun sind Sie wegen Alkohol von Ihrem Kran gestürzt - jetzt lähmen Sie am Ende Ihre Innereien noch zusätzlich durch den Genuss von Kakerlaken ..."
Der Mann beobachtet, dass Dr. Vonderhaiden gar nicht auf eine Antwort erpicht zu sein scheint. Aber als dieser bereits am nächsten Bett steht, wendet er sich noch einmal dem schweigenden Patienten zu: „War die Staatliche Versicherung schon da, Herr Niemann? Das da", der Arzt zeigt zur Flaschensammlung, „das da ist ein Klacks gegen die Rechnung, die Ihnen wegen des Alkoholmissbrauchs präsentiert werden wird!"
Keine Antwort. Jetzt reckt der Mann den Hals. In der linken Ecke, fast unter dem Fenster, steht das Bett, in dem Niels liegt. Der Einreiter, der Motorradfahrer, der tollkühne Pilot ...
„Wie geht's, mein Freund?"
„Schlapp, Herr Doktor! Die Spasmen schmeißen mich noch aus dem Bett! Wie bei einem Taschenmesser - so hoch fliegen meine Beine!" Niels Baerwald deutet die Höhe an.
„Und das neue Medikament ... schlägt an?" Der Mediziner beugt sich herunter und tastet Niels Beine ab.
„Weiß nicht", sagt Niels Baerwald leise.
„Der spinnt manchmal wie ein Weltmeister, Herr Doktor!", ruft Anton. Aber es ist keineswegs vorwurfsvoll gemeint.
„Wir müssen das in den Griff bekommen, Niels. Sie wollen doch so bald wie möglich wieder in den Rollstuhl. Und dann nach draußen. Als Sie kamen, da hatten wir noch Winter!"
„Freiheit für Grönland - weg mit dem Packeis, Herr Doktor!" Niels lacht. „Lieber geil als Cruise Missile!"
Der Mann dreht den verbundenen Kopf vollends nach links. Dieser Anton! Muss wieder seinen Senf dazugeben! Scheint sich wohlzufühlen hier. Plötzlich. Und der Mann denkt, dass er das mit Schwester Sissy und Anton in der Nacht womöglich geträumt hat? Aber dann kommt ihm die Erinnerung an Dante: der Wermutdunst und das gestrickte oder gehäkelte Stirnband.
„Hat sich ja ein richtiger SPONTI-CLUB zusammengefunden, Herr Heckt." Der Arzt lacht.
Vonderhaiden muss nicht allzu viele Schritte gehen, um das erste Bett der anderen Reihe zu erreichen.
„Ich hab mal eine Frage, Herr Doktor. Was ich schon immer wissen wollte. Nach dem Unfall mit Querschnittlähmung. Als HALSWIRBEL ..."
Anton stockt. Seine Stimme ist leiser geworden, bis ihr Pegel soweit sinkt, dass der Mann und der Arzt ihn nur mit Mühe verstehen. „Wie ist das mit Frauen?", flüstert Anton. Nichts mehr von Geschwätzigkeit und vorlauten Redensarten. Fast schüchtern blickt er dem Mediziner ins Gesicht.
„Frauen?" Vonderhaiden räuspert sich. Er hat ebenso verhalten gesprochen wie der Patient. Blitzschnell taucht vor seinen Augen Grit auf. Dann Iris. Dann Denise ...
„Ich mein“, beginnt Anton, stockt aber sogleich wieder.
„Erektion. Geschlechtsverkehr. Orgasmus", zählt der Arzt ungerührt auf, was die Probleme sein könnten.
„Und Kinderkriegen?"
Vonderhaiden presst die Lippen aufeinander: „Wenn die Frau ein Kind will, warum nicht! Etwas komplizierter als sonst ist es schon ..."
Er richtet sich auf und blickt in die Runde. Er sieht in wache und interessierte Gesichter. Bei Antons Bettnachbarn erkennt der Arzt eine wachsende Erregung.
„Und wenn Anton hochzeitet, hängt er ein großes Schild an die Tür: Wegen Hochzeit geschlossen - Anton Heckt!" Niels lacht am lautesten über seine Anzüglichkeit.
„Wenn Sie das meinen, Niels, was ich aber anders bezeichnen würde - es ist eines der größten Vergnügen. Und - ich weiß, wovon ich spreche, meine Herren!"
„Sag ich ja: Locker auf dem Hocker ist besser als hektisch übern Ecktisch!", versucht Niels Baerwald noch eins draufzusetzen.
Der Mann verzieht kaum das Gesicht. Seine Hände fahren unruhig auf dem Bettzeug hin und her. Nur wenige Augenblicke - dann ist er an der Reihe. Endlich wird er erfahren, was sie mit ihm vorhaben. Nach dem Sturz hätte man ihn nicht in dieses traurige Zimmer zu stecken brauchen. Er würde ihnen ohnehin die Wahrheit sagen ...
„Ich erblicke ein neues Gesicht!", hört der Mann plötzlich den Arzt sagen. Er schaut hoch.
„Mein Name ist Vonderhaiden! Sie haben inzwischen sicher mitbekommen: Ich bin sozusagen auch ein Seelendoktor hier, Herr ..." Vonderhaiden streckt die Rechte dem Mann entgegen. Unbeholfen versucht dieser einen Handschlag. Plötzlich einsetzender Muskelkrampf lässt die Finger des Mannes zittern und krumm werden. Der Arzt greift jetzt mit beiden Händen zu. Umhüllt gleichsam die Hand seines Patienten. „Sind Ihre Spasmen immer gleich stark, Herr ...?"
Der Mann reagiert wieder nicht auf den fragenden Tonfall. Unbewegt starrt er auf seine Linke, die wenige Zentimeter über dem Bettzeug schwebt. Auch deren Finger zittern, verkrümmen sich auf unnatürliche Art und Weise. Der Mann presst die Lippen aufeinander. Dann entfährt ihm ein Stöhnen. Trotz aller Anstrengung will sich seine Hand nicht seinem Willen unterordnen! „Ich verstehe das alles nicht, Herr Doktor", murmelt der Mann. Auf seiner Stirn zeichnet sich Schweiß ab, perlt seitlich die Schläfen herunter.
„Damit müssen alle Querschnittgelähmten leben. Der eine mehr, der andere weniger betroffen. Am schlimmsten hat es" - Dr. Vonderhaiden schaut zur Ecke am Fenster, wo er Niels weiß -, „am schlimmsten leidet zur Zeit Herr Baerwald darunter. Und leider zeigen die Medikamente stets auch starke Nebenwirkungen."
Der Mann nickt gequält. Die Vorstellung, die dieser Niels Baerwald in der Nacht gegeben hat, vergisst einer so schnell nicht.
„Man muss abwägen: entweder Schmerzen durch Muskelverspannungen ertragen oder", wieder hält der Arzt inne, „... wenn wir Ihre Akte haben, Herr ..."
„Vosslow, Jörg Vosslow!"
Ungerührt verbeugt sich Dr. Vonderhaiden. Auch er nennt noch einmal laut seinen Namen. „Und wie gesagt: Demnächst haben wir Ihre Unterlagen aus dem ZENTRALLAZARETT ..."
„Aber ich war nie beim BUND, Herr Doktor!"
Vonderhaiden schaut in die Runde: beim BUND! Während seiner drei Jahre vor dem Studium sagte man FAHNE zum Wehrdienst. „Aber Sie hatten bei der Armee vor Jahren einen Unfall!" Der Arzt wendet sich wieder dem Patienten zu.
„Als Westberliner brauche ich nicht zum BUND!", beharrt der Mann unwirsch. „Und - ich bin auf einer Brücke ausgerutscht! Als die Polizei hinter mir her war, Herr Doktor. Weil - ich hab doch den Unfall genau beschreiben können. Der, bei dem dieses Mädchen verletzt worden war!"
„Also ein Mädchen hatte einen schweren Unfall?", vergewissert sich Dr. Vonderhaiden bewusst gleichmütig. Dabei wirft er vorwurfsvolle Blicke hinüber zum Nachbarbett. Anton Heckt lauscht ungeniert den Geschichten des Neuzugangs.
„Ich wollte vom Bahnhof zur Werft. Hatte über ein Jahr meine Leute von der Brigade nicht gesehen. Und danach zu Gudrun Bells Mutter. Weil Grudrun ..." Der Mann hat den Faden verloren.
„Zur Werft also. Köpenicker Yacht-Werft Müggelheim?"
„Zur VOLKSWERFT!", sagt der Mann mit empört klingendem Unterton. Was interessiert ihn eine Yacht-Werft in Köpenick!
„In Stralsund?", fragt Vonderhaiden. Auch wenn er sich um Gelassenheit bemüht - seine impulsiv geäußerte Verwunderung ist offensichtlich.
„Die auf der Werft wissen doch gar nicht, was mit mir los ist, Herr Doktor! Meine Briefe sind als unzustellbar in die Haftanstalt Tegel zurückgekommen. Trotzdem bin ich gleich nach meiner Entlassung wieder nach Stralsund. Ich musste denen das doch erklären: schwere Körperverletzung im Affekt! Zwei Jahre. Aber wegen guter Führung die Hälfte erlassen. Das alles muss meine Brigade wissen, Herr Doktor! Und vor allem Gudrun. Mittlerweile studiert sie bestimmt ..."
„Herr ..." Dr. Vonderhaiden stockt. Der Name Vosslow will ihm einfach nicht über die Lippen. „Sagen Sie doch einfach JOTVAU zu ihm, Herr Doktor!", ruft Anton Heckt halblaut. „Mir hat er nämlich in der Nacht den gleichen Stuss andrehen wollen!"
Der Mann verschränkt demonstrativ die Arme vor der Brust. Sein Blick wendet sich ab. Er starrt zur Decke, als stünde dort etwas in kleinster Schrift geschrieben und die wichtigste Aufgabe für ihn sei es, die Botschaft zu entziffern.
„Herr Heckt!", sagt Vonderhaiden freundlich, aber bestimmt. Er will sich gerade wieder zum Patienten hinunterbeugen, als die Tür geöffnet wird. Nicht leise und behutsam, sondern ungeduldig und laut.
„Entschuldigen Sie, Doktor!"
Harro Deihert klopft bezeichnend auf das Glas seiner Armbanduhr. Mit schnellen Schritten ist er am Bett und hebt grüßend seine Hand. „Hallo, Joochen!"
Der Mann im Bett blickt von Dr. Vonderhaiden zu dem Eindringling in Zivil. Patienten begreifen weiße Arztkittel als eine Art Dienstuniform. Wenngleich ohne Rangabzeichen und Zugehörigkeitsmerkmale ...
„Wie geht's, alter Südschwede?", sagt Deihert herzlich.
„Einen Augenblick." Vonderhaiden erkennt eine unheilvolle Veränderung im Mienenspiel des Patienten.
„Joochen!" Als Harro Deihert versucht, näher an das Bett zu kommen, hält der Arzt ihn zurück.
„Wer ist das?" Der Mann schaut fragend zu Vonderhaiden.
„Aber Joochen!", entfährt es Deihert.
„Einen Augenblick!" Das zweite Mal klingt es wie ein Befehl. Hier ist Dr. Vonderhaiden Herr im Haus. Der im Bett ist quasi sein Schutzbefohlener und der andere nur ein Besucher: „Sie kennen also diesen Herrn nicht?" Der Mann schüttelt den Kopf.
„Erinnere dich, Joochen!" Deihert ist ratlos. „Wir haben uns im CANTIAN-Stadion das erste Mal getroffen. Einmai im Monat spielen wir Schach! Deine herrlichen Figuren aus Blei: Germanen gegen Römer! Unseren Spaß, wenn der mit den Römerfiguren gewinnt, weil das wider die Geschichte ist ..."
Beinahe erschöpft hält Harro Deihert inne. Seine Zunge fährt erregt über die trockenen Lippen.
Unbewegt starrt der Mann zu Dr. Vonderhaiden hoch. Er würdigt den hastig Sprechenden keines Blicks. Dadurch reizt er Deihert, der durch diese offensichtliche Nichtachtung vollends seine Beherrschung zu verlieren droht. „Mann! Joochen!"
Deiherts Rechte fährt in die Brusttasche, holt seinen Dienstausweis mit Foto heraus, schiebt den Mediziner beiseite, hält das auffällige Dokument Joochen Vierck dicht unter die Augen.
Tatsächlich schaut der Patient sich die Legitimation genau an. Sorgfältig vergleicht er Foto mit lebendigem Vorbild. Endlich blickt der Mann auf, an dem gebeugt vor ihm stehenden Genossen Deihert vorbei zum Arzt: „Soll das ein Trick sein?"
„Ein Trick?", fragt Dr. Vonderhaiden verblüfft.
Im Krankenzimmer ist es still. Nur von weitem sind Geräusche einer geschäftigen Großstadt zu hören ...
Es klopft.
„Nein!", schreit Juergen Vonderhaiden unbeherrscht gegen die geschlossene Tür. Seine Geduld ist arg strapaziert. Erst schneit ihm dieser Stasi-Deihert ungebeten herein, versetzt den Patienten durch sein abruptes Verhalten in eine unnötige Stresssituation ...
„Ich gebe doch alles zu, Herr Doktor", sagt der Mann leise. Noch immer bemüht, an Deihert vorbeizusehen.
„Was geben Sie zu, Herr ..." Vonderhaiden hält inne. Dann besinnt er sich urplötzlich auf Antons Vorschlag und beschließt, auf den Namen zu verzichten: „Was wollen Sie zugeben, Herr JOTVAU?"
„Dass meine Papiere gefälscht sind. Den Bundespass habe ich mir von Schnorr nur besorgt, weil es mit dem Passierschein zu lange dauert!"
„Was dauert zu lange?", drängt Deihert. Unversehens klingt die Frage routinemäßig. Dienstlich kühl.
Der Mann scheint endlich dessen Anwesenheit zu akzeptieren. Seine Antwort ist für Harro Deihert bestimmt: „Die Bewilligung eines Passierscheins! Nach dem Knast in Tegel wollte ich nicht so lange warten. Vielleicht bin ich im Computer gespeichert und wegen illegalen Verlassens der Republik ist meine Einreise gesperrt ..."
Harro Deihert stößt einen tiefen Seufzer aus. Er tut dies ungeniert, ein hohes Maß an Fassungslosigkeit über Joochen Vierck, den Deihert seit Jahren kennt, lässt den Offizier im Ministerium für Staatssicherheit einen hilflosen Blick in Richtung Zimmerdecke werfen. An einen Vierckschen Ulk vermag er nicht mehr zu glauben. Bei solchen Angelegenheiten hört für den Genossen Deihert jeglicher Spaß auf.
„Mann! Joochen! Wir waren damals gerade im SEZ gewesen. Hatten dort unsere wöchentlichen zwei Stunden Volleyball gespielt ..."
„SEZ ist das FREIZEIT- und ERHOLUNGSZENTRUM an der Leninallee", erklärt Vonderhaiden auf den hilflosen Blick des Mannes.
„Das war natürlich vor deinem Unfall, Joochen!"
Der Mann hebt abwehrend die Hände. Jetzt weiß er, dass der Unfall, von dem hier gesprochen wird, und der, von dem er betroffen ist, zweierlei sind. Zwei gänzlich verschiedene Personen betreffen. Ihn und einen Joochen Vierck, von dem dieser Vernehmer an seinem Bett dauernd redet ...
Harro Deihert gibt nicht auf. Diese unvermutete Schlacht um ein Gedächtnis, das aus ihm unerklärlichen Gründen nicht mehr zu funktionieren scheint, muss und will er zu seinen Gunsten entscheiden. Weil er mehr Zusammenhänge kennt als alle anderen. Das betrifft nicht nur die Personen hier im Krankenzimmer des WALDHAUSES. Und Harro Deihert will sich einen Teufel darum scheren, wenn womöglich von dem, was er jetzt sagen wird, einiges nach draußen dringt. Nicht womöglich, sondern ganz gewiss. Auch falsch von manch einem interpretiert wird ...
„Joochen!?"
Gegen die Vorschrift des Hauses lässt Deihert sich auf dem Bettrand nieder. „Erinnere dich: Nach einem Volleyballspiel sind wir mal die Frankfurter Allee in Richtung Lichtenberg gefahren. Du solltest mich bei der Siegfriedstraße absetzen. Hast über Schwierigkeiten gesprochen, an Material heranzukommen. Damals. Für dein neues Buch. Es ging um eine Verbindung zum ehemaligen U-Boot-Kommandanten Odin Kadow. Einem Altnazi. Und zu einem Ableger der KGAH ..." Deihert macht eine Pause. „Kommandogruppe Adolf Hitler in Berlin (West)", setzt er eindringlich fort, um den Mann, der ihn unbeteiligt, aber höflich anhört, aus der Apathie zu lösen. „Du hast mit einem Blick auf mein Dienstgebäude an der Frankfurter gesagt, dass das auch noch was wäre, was dich interessieren könnte. Nicht als Zuträger oder Anscheißer, hast du gesagt, sondern Auge in Auge mit jenen Leuten. Weil es für deine Arbeit als Schriftsteller gut wäre! Und ich, Joochen Vierck, habe dir damals das hier gezeigt!" Deihert fuchtelt in wachsender Erregung mit seinem aufgeklappten Ausweisrechteck. „Von wegen Zuträger und Anscheißer! So was sagt ein intelligenter Mensch, der von sich behauptet, die Spielregeln unseres Erdballs zu kennen! Und du hast dein Material bekommen, konntest dich im Grunewald wegen Kadow umsehen! Weil wir dein Buch für sehr wichtig erachtet haben!"
Für Sekunden halten alle im Raum den Atem an. Ein Schriftsteller, betroffen vom irreparablen Schicksalsschlag wie sie, ist für die Patienten schon etwas Ungewöhnliches. Dass der sich sogar irgendwie zu tarnen versucht, statt Joochen Vierck also Jörg Vosslow sein will, und das im Beisein eines Mitarbeiters vom Ministerium für Staatssicherheit, der sich auch noch zu erkennen gibt - sie werden den Besuchern am Wochenende eine Menge zu erzählen haben. Mehr als sonst aus ihrem tristen Alltag im Krankenhaus.
„So was gibt es in keinem Russenfilm", versucht Anton Heckt einen Scherz.
„Halt die Klappe, du HIRNI!", faucht es aus der Ecke. Kapitän Jonas reagiert schneller als Dr. Vonderhaiden. Die Situation ist Jonas zu ernst, um jemandem primitive Heiterkeit zu gestatten.
„Ich weiß zwar mit dieser Art Verhör nichts anzufangen", der Mann redet leise und richtet seine Worte an den Arzt. „Ich sage noch einmal: Ich bin Jörg Vosslow, vierzig Jahre alt, geboren in Westberlin. Nach dem Tode meines Vaters Otto Nagel und der Wiederheirat meiner Mutter mit dem Bestattungsunternehmer Schnorr von dem Grafiker Karl Vosslow adoptiert. Nach einer von mir begangenen schweren Körperverletzung an Odin Kadow 1973 anlässlich der Weltfestspiele in die DDR übergesiedelt. Unter Verschweigen der Tat Asyl erhalten. Tätig als Kameramann beim Fernsehen der DDR. Nach Differenzen mit meinem Abteilungsleiter wegen meiner Arbeitsauffassung zum FREUNDSCHAFTSOBJEKT SCHIFFBAU nach Stralsund delegiert. Lackierer. Meine Brigade befürwortete, dass ich ein Visum erhielt, als mein Adoptivvater starb. Man hat mich in Westberlin unter Druck gesetzt vonseiten der Angehörigen des Geschädigten Odin Kadow, der Schuld trägt am Tod meines Bruders - ein Fememord in den letzten Kriegstagen im schottischen Gefangenenlager CAMP GRIZEDALE ..."
„Hör doch mit diesem Blödsinn auf, Joochen!", unterbricht Harro Deihert. Hilflos in seinem Zorn springt er auf: „Komm zu dir! Du machst deine Dagmar und deine Schwiegermutter unglücklich mit solchem Quatsch!"
Dr. Vonderhaiden packt den Erregten am Arm. Er führt Deihert zur Tür. Langt an dem beinahe willenlos Abgeschobenen vorbei nach der Klinke.
„Hierfür bin wohl ich zuständig, Herr Deihert", sagt der Arzt. „Und wenn es Ihnen ernst ist mit der Sorge um Viercks Frau und seiner Schwiegermutter, dann gehen Sie jetzt!"
Harro Deihert bleibt in der offenen Tür stehen. Da er kleiner ist als der Mediziner, sucht er vergeblich noch einen Blick auf die Gestalt mit dem Kopfverband zu werfen.
„Ich werde Sie anrufen, Doktor. Mir scheint, diese fatale Angelegenheit hat eine größere Dimension, als ich nach Lage der Dinge annehmen konnte. Sie hören von mir!"
Nachdem Dr. Vonderhaiden die Tür hinter Harro Deihert geschlossen hat, wendet er sich langsam um. Sein Blick umfasst alle Patienten. Er sieht in interessierte Gesichter. Und er versteht die Anteilnahme, wenn sie auch nicht von Mitgefühl gespeist wird. Joochen Vierck oder wie der Schriftsteller sich in Zukunft nennen mag, ist eine willkommene Abwechslung im täglichen Einerlei des WALDHAUSES. Hier geht es zum Glück nicht um ihre eigenen Probleme. Die Folgen einer Querschnittlähmung sind ungewöhnlich genug - Viercks vermeintliche Geistesverwirrung hat mehr Substanz als beispielsweise die Fantasien eines Niels Baerwald.
Dr. Vonderhaiden nähert sich wieder dem Bett, in dem der Mann liegt. Unbeteiligt, als gehe ihn das alles nur mittelbar an. „Vor unserem längeren Gespräch heute Nachmittag für die Anamnese, Herr JOTVAU, noch eine vielleicht belanglose Frage ..."
Als der Mediziner ein Bein streckt, um mit dem abgewinkelten Fuß einen Stuhl heranzuziehen, verändert sich schlagartig das Gesicht des Patienten. Seine Augenlider beginnen zu zucken. Der Mund öffnet sich: „Nicht den Weißen Stuhl, Herr Doktor! Nicht!!!" Der Mann streckt abwehrend einen Arm nach vorn.
Dr. Vonderhaiden verharrt überrascht in einer etwas lächerlich anmutenden Hocke. Verdutzt schaut er erst auf den Stuhl, dann zum Patienten.
„Sehen Sie nicht, dass der Weiße Stuhl besetzt ist?" Der Mann nickt entschuldigend der leeren Sitzfläche zu.
„Weiß ist der Stuhl", sagt der Arzt. „Und wer, bitte schön, sitzt zur Zeit darauf?"
„SPÖKER!" Erleichtert lässt der Mann seinen ausgestreckten Arm wieder auf das Bettzeug fallen.
„Aha", erwidert Dr. Vonderhaiden. Ebenso hätte ein Patient auch sagen können, dass es im Sommer schneit. Oder dass er auf einem Weißen Rappen geritten sein will ...
„Nur ich und SPÖKER dürfen im Weißen Stuhl Platz nehmen, Herr Doktor!"
„Wieso im?", fragt der Arzt verwundert. „Warum nicht auf?"
„Lassen Sie SPÖKER endlich in Ruhe!", fordert der Mann im Befehlston. „Andernfalls rede ich kein Wort mehr mit Ihnen!"
Beschwichtigend hebt Juergen Vonderhaiden beide Arme. Wer ihm das bei Dienstantritt im Schwesternzimmer erzählt hätte - schwerlich auszudenken! Aber zugleich ist es ein Beweis, dass es höchst verschiedene Strukturen eines menschlichen Hirns gibt. Auch verschieden auf etwas trainiert und ausgerichtet. Wenn Fantasie und Wirklichkeit ihre Grenzen verwischen - Schriftsteller leben schließlich von der Gratwanderung zwischen zwei Polen. Wer ist schizoid, und wer ist normal? Eine wohl Jahrtausende alte Frage zwischen denen, die das von Berufs wegen angeht. „Ist dieser ..." Der Arzt stockt.
„SPÖKER!", hilft der Mann herablassend aus.
„... immer dabei?", setzt Vonderhaiden seine Frage fort.
Der Mann nickt mehrmals heftig: „Wo ich bin, da ist auch SPÖKER! Wo SPÖKER ist, da bin auch ich!"
„Gehört der da" - Dr. Vonderhaiden weist auf den augenscheinlich unbesetzten weißlackierten Stuhl - „zu einem gewissen Vierck? Oder zu einem Jörg Vosslow?"
Der Mann wendet ruckartig seinen Kopf nach links. Er blickt über den gespannt mithörenden Anton Heckt hinweg aus dem Fenster.
„Mann!", entfährt es Anton. „Der Doktor will dir doch helfen! Statt rumzuzicken, solltest du besser ..."
„Schon gut, Herr Heckt", wehrt Vonderhaiden einen Beistand ab. „Ich komme am Nachmittag noch einmal zu Ihnen, Herr JOTVAU ..."
Der Mann tut, als habe er nichts gehört. Starrt noch immer wie unter einem Zwang in die sommerlichen Kronen alter Eichen.
„Ich werde der Stationsärztin Bescheid geben, dass Sie ein Neuroleptikum bekommen. Es beruhigt und hemmt Sinnestäuschungen. Sie können mir vertrauen, ich werde alles tun, um Ihnen zu helfen."
Wider Erwarten reagiert der Mann. Er dreht den Kopf so, dass zwischen ihm und dem Mediziner Sichtkontakt möglich ist. In seinem Blick liegt etwas Bittendes.
„Herr Doktor?"
Vonderhaiden neigt sich zum Patienten. Seine Hände fassen wieder die des Mannes, um sie ruhigzustellen. Dann folgt ein aufmunterndes Kopfnicken.
„Wenn Sie mir tatsächlich helfen wollen - sagen Sie bitte Fräulein Gudrun Bell Bescheid, dass ich hier bin. Oder der Lackiererbrigade auf der VOLKSWERFT. Der Brigadier heißt Kruse. Bei dessen Schwester habe ich nämlich gewohnt, bevor ich ..."
Der Mann stockt. Das Sprechen scheint ihm plötzlich Mühe zu bereiten. Er zieht seine Hände aus denen des Doktors und führt sie über die Augen. Der Mann beginnt zu zittern, sein Adamsapfel ruckt auf und nieder, Tränen laufen unter den schützenden Handflächen die Wangen abwärts, der Körper bebt unter der Bettdecke.
Dr. Vonderhaiden schweigt. Er blickt auf. Schaut in betroffene Gesichter. Die Männer sind einiges gewohnt. Dass jemand sich laut beklagt, warum ein solches Schicksal ausgerechnet ihn getroffen hat! Dass es keinen Sinn mehr habe, auf dieser Welt zu sein! Dass die Frau einen verlassen werde, weil die Querschnittlähmung selbst das letzte Glied lahmgelegt hat! Wobei - wer sich auf ein Damit-leben-müssen besonnen hat -, auch Sarkasmus kann in solchen Fällen Therapie sein. Aber der Neue ist anders. Zu dem kann keiner sagen, dass es noch immer etwas Schlimmeres gibt. Der würde in seiner zwanghaften Vorstellung, auf dem Weg nach Stralsund gewesen zu sein, gar nicht begreifen, dass es genau in der Nähe, nur einige hundert Meter Luftlinie entfernt, die sogenannte KREBSKLINIK gibt. Dass die Patienten dort auf Abruf leben. Sie können noch laufen. Mitunter. Aber die meisten wissen, dass es rapide bergab geht. Ein Monat. Zwei Monate. Ein Vierteljahr. Dagegen hat ein Querschnittgelähmter heutzutage gute Chancen: Sein tragischer Unfall bedeutet vielleicht bis 15 Prozent geringere Lebenserwartung als vorher. Und frage mal einer die Angehörigen eines Patienten jener KREBSKLINIK und ihn selbst, ob der nicht für einen Tausch dankbar wäre - Krebs gegen Querschnittlähmung. Besser eingeschränkt in vielem auf der Erde als unter der Erde. Querschnittgelähmte sind dem Gesetz nach in ihrer körperlichen Befindlichkeit den Blinden gleichgestellt. Im übertragenen Sinne ...
„Du musst mir unbedingt was von dieser VOLKSWERFT erzählen, JOTVAU!", ruft es aus der Zimmerecke. Kapitän Jonas hält den Kopf hochgereckt. Seinen schweren Körper stützt er auf beide Ellenbogen.
„Bei so was steigt mir nämlich gleich der Geruch von Schlick und Diesel in die Nase. Weißt du, wie das ist, wenn unsereiner das Seejucken kriegt?"
Der Mann trocknet sich verschämt die tränenfeuchten Hände am Bettzeug. Dankbar registriert er, dass der Arzt sich weggedreht hat.
„Brauchst gar nicht so dämlich zu grinsen, Anton!", fährt Kapitän Jonas fort. „Was du dir dabei vorstellst, kann ich mir schon denken ..."
Dr. Vonderhaiden beschäftigt sich in Gedanken mit dem Rapport bei der Chefärztin. Sie fährt am nächsten Tag zu einem Kongress nach Wien. Dort soll über den nächsten Termin und Austragungsort der Paralympics beschlossen werden. Unter ihrer Schirmherrschaft werden sich auch Aktive aus der DDR an den Wettkämpfen beteiligen.
„Also das Neuroleptikum. Dann - Sie müssen sehr viel mehr trinken, Herr JOTVAU!", fordert der Mediziner mit einem Blick auf die bis zum Rand gefüllte Thermosflasche. „Ein Harnwegsinfekt ist das letzte, was Sie sich in dieser Situation leisten können. Sicherheitshalber werde ich eine Restharnbestimmung anordnen."
Entschlossen geht Dr. Vonderhaiden noch einmal durch den Raum. Er öffnet ein Fenster. An den dicken Mauern des WALDHAUSES prallen die Sonnenstrahlen ab. Auch ein Vorteil für die Patienten - dieser alte Bau. Stein auf Stein. Moderne Betonriesen speichern Wärme. Zum Leidwesen der zumeist bettlägerigen Patienten.
Der Arzt atmet tief. Sein Blick fällt auf die leere Terrasse. Es wird Ärger geben, denkt er. Wenn ich den Kollegen wieder komme mit meiner Forderung, die Patienten in ihren Betten an die frische Luft zu rollen. Zuviel Arbeit und zuwenig Leute, behauptet das Pflegepersonal. Es wird nur die Pflicht geschafft. Dazu gehört scheinbar auch, das Alkoholverbot nicht einzuhalten. Die Flaschenbatterie bei Niemann beispielsweise ...
Dr. Vonderhaiden nickt unbewusst. In der Frühschicht treten sie sich auf die Füße. Mitunter bis zu zwanzig Kräfte, die Schwesternschülerinnen, heutigentags Studentinnen genannt, die ihr Praktikum ableisten, mitgerechnet. In der Spätschicht nur zwei Pfleger. Nachts das gleiche ...
„Herr Doktor?"
Vonderhaiden dreht sich langsam um. In der offenen Tür steht Stationsschwester Karin. Selbstbewusst. Klein, aber von kräftiger Statur. Wie jemand beschaffen sein muss, der täglich schwere körperliche Arbeit mit Querschnittgelähmten auf sich nimmt. Andernfalls brauchen sie nach wenigen Dienstjahren selbst einen Orthopäden. Weil Wirbelsäule und Bandscheiben mit Sicherheit Schaden davongetragen haben. „Anruf für Sie! Ein Fräulein Munk!"
Juergen Vonderhaiden stößt sich federnd vom Fenster ab. Denise! Ist sie endlich von ihrer Reportage zurück! Vonderhaiden spürt seinen Herzschlag, als er den Raum mit schnellen Schritten durcheilt. Sein plötzliches Lächeln weiß niemand in der Umgebung zu deuten.
„Schaffen Sie bitte bei Herrn Niemann Nachttischfreiheit, Schwester Karin! Eine Flasche reicht!"
Das anzügliche Wort wird allgemein verstanden. Die Männer, Niemann ausgenommen, haben für kurze Zeit ihren Spaß.
Es ist am Nachmittag nichts geworden mit einer Exploration des Patienten Joochen Vierck; in stiller Übereinkunft, von allen JOTVAU genannt. Um den Mann, der weiterhin darauf beharrt, der Schiffslackierer Jörg Vosslow zu sein, nicht unnötig aufzuregen. Dr. Vonderhaiden hofft für die Therapie auf Unterstützung der nächsten Angehörigen. Viercks Frau muss sofort zu ihrem Mann heimkehren. Mit Medikamenten allein lässt sich die Fiktion bei dem Schriftsteller nicht aufbrechen. In den Nachmittagsstunden war Vierck plötzlich nicht mehr ansprechbar, wie weggetreten ...
Juergen Vonderhaiden lächelt. Genau das ist es, was Grit immer befürchtet, wenn er im Auto sitzt und unterwegs ist! Dass ihm seine Patienten nicht aus dem Sinn gehen. Grit Vonderhaiden hegt sogar den Verdacht, dass ihn auch im Bett dienstliche Obliegenheiten bewegen. Vonderhaiden lacht kurz auf. Dann reagiert er, wie die Verkehrsampel es vorschreibt. Das Getriebe knirscht leicht, als der erste Gang eingelegt wird. Vonderhaiden blickt sich nach anderen Fahrzeugen auf der Kreuzung um. Keiner reagiert auf das nervenzehrende Geräusch. Unser TOURIST kommt in die Jahre, denkt er, aber die fünfköpfige Familie braucht ein derart großes Auto. Und jetzt, da ihre Söhne Heribert, Hadubrant und Hildebrand in die Höhe schießen und an Breite gewinnen, gibt es bereits Gerangel um den nötigen Platz auf der hinteren Sitzbank. Vonderhaiden grient, als er an jene Standesbeamtin denkt, die die Geburtsurkunden ausstellen musste. Eine halbe Stunde hat er sich den Exkurs in die Anfänge deutscher Literatur kosten lassen. Das althochdeutsche HILDEBRANDSLIED: HILTIBRANT ENTI HADUBRANT UNTAR HERIUN TWEM ...
Dass jeder neue Sprössling immer einen Buchstaben hinzugewann, das schien der gestrengen Beamtin kein einleuchtendes Argument für seine ausgefallene Namensgebung. Wo es doch viel schönere gäbe - auch altdeutsch klingende. Im Namenslexikon, Auflage soundsovielte, zum Beispiel ...
Aber ein Dr. Juergen Vonderhaiden ließ sich in den mehr als nüchtern ausgestatteten Amtsräumen nicht von einer seit langem gefassten Meinung abbringen. Zugegeben - seiner und Grits Meinung. Grit Vonderhaiden! Wieder einmal ist der Zeitpunkt gekommen, da Juergen Vonderhaiden sinniert, warum ein Mann wie er neben Grit noch Denise Munk braucht. Kollege Echternach, Spötter und Junggeselle, würde in solchem Fall die Franzosen zitieren: Dass die Ehe eine viel zu komplizierte Angelegenheit sei, zu deren Bewältigung es mindestens dreier Menschen bedürfe ...
Aber was ist mit Iris? Iris ist ein medizinisches Problem, wehrt Dr. Vonderhaiden jedweden Skrupel ab. Iris braucht ihn weniger als Mann, mehr als Arzt! Sie ist auf ihn fixiert, weil er sie aus ihrer tiefsten Lebensmisere herausgerissen hat. Redet er sich das ein? Iris und Denise: Zeichen einer Midlife-crisis? Bei ihm? Juergen Vonderhaiden weiß, dass er seine Frau Grit liebt. In der Art und Weise, was er darunter versteht, sogar sehr. Auch nach den drei Jungen - oder vielleicht gerade deswegen.
Vonderhaiden erinnert sich schmunzelnd, dass er geradezu verrückt nach Grit war in den Zeiten ihrer Schwangerschaft. Sie liebten sich körperlich, solange es möglich war. Lust macht erfinderisch. Und wenn zwei Menschen, die sich lieben wollen, darüber nachdenken - das allein kann schon die Erfüllung ihrer Wünsche garantieren. Ähnliches gilt auch für sein Verhältnis mit Denise ...
Endlich hat Dr. Vonderhaiden einen Parkplatz an der Mauer zum Kasernengelände des Wachregiments gefunden, das gegenüber dem Fernsehfunk stationiert ist. In der Anmeldung Adlershof muss er warten. Eine ausländische Delegation füllt den kleinen Raum. Vonderhaiden kann nicht unterscheiden, ob die Besucher aus der Mongolei, aus China oder dem fernen Japan stammen. Ihre Reden kommen ebenso schnell wie unverständlich. Nippon - da hat Denise ihm einen hauseigenen Witz erzählt. Als vor Jahren eine Abordnung des Fernsehens aus dem Fernen Osten eine Besichtigung in Adlershof absolvierte, bedankte sie sich zum Schluss. Höflich wie die fernöstliche Sitte es gebietet. Mit dem anerkennenden Hinweis: Man hätte noch nirgendwo ein solch perfekt funktionierendes TV-Museum vorgeführt bekommen ...
„Bedauerlich, Herr Doktor! Fräulein Munk hat das Studio bereits verlassen. Sie ist, wie ich höre, außer Haus."
Die ältere Dame in der Anmeldung blickt den etwas ratlosen Besucher an, als müsse sie sich für das Fehlen der Kollegin Munk persönlich entschuldigen.
„Und sie hat keine Nachricht hinterlassen?" Vonderhaiden kaut unschlüssig auf den Lippen. Die gesamte spätnachmittägliche Planung gerät ihm durcheinander. Heute hätten beide bis zum Abend Zeit füreinander gehabt.
„Keine!", sagt die Frau hinter dem brusthohen Tresen. Sie zieht betrübt die Schultern hoch und legt den Hörer auf.
Über Gebühr lange muss Juergen Vonderhaiden am Bordstein warten, ehe er zum TOURIST gelangt. Fahrzeuge des Wachregiments verlassen kolonnenweise das gegenüberliegende Tor. Die Gedanken der jungen Männer da oben auf den Holzbänken glaubt der Arzt aus ihren Gesichtern ablesen zu können. Er erinnert sich trotz vergangener Jahre noch genau an seine Armeezeit, wenn sie unterwegs waren auf den Straßen der Republik und den Mädchen oder anderen Kumpels draußen ihre Bandmaße zur Kenntnisnahme vorzeigten. Ein Jux. Natürlich. Auch ein Ventil für den seelischen Druck, der unzweifelhaft mit dem Ehrendienst verknüpft ist. Auch die Vorgesetzten reagierten damals auf jenen alten Brauch äußerst verschieden: Androhung einer Arbeitsmaßnahme nach Dienstschluss oder sogar leichten Arrest. Sein Bataillonskommandeur allerdings trug höchstpersönlich ein originell gestaltetes Stadtwappen mit Bandmaß, ausgerichtet auf die 25 Jahre währende Dienstlaufbahn ...
Als Dr. Vonderhaiden den TOURIST startet, überlegt er noch, ob er allein zum See hinausfährt oder in die Stadt zurück nach Hause. Doch dann hält Vonderhaiden nach kurzer Fahrt neben einer Telefonzelle, weil er bereits von der Straße aus erkennen kann, dass dort ausnahmsweise ein Fernsprechbuch liegt. Mit spitzen Fingern blättert er Minuten später die schmuddligen Seiten um. Der Arzt sucht den Namen seines neuen Patienten. Er kann sich nicht vorstellen, dass ein Schriftsteller keinen Telefonanschluß hat. Zumal er Umgang pflegt mit Menschen wie Harro Deihert. Vonderhaidens Suche hat Erfolg. Er schreibt sich Telefonnummer und die dazugehörige Adresse in ein kleines Merkheftchen ...
„Bei Vierck!"
Vonderhaiden räuspert sich. Die jugendliche Stimme kann unmöglich Viercks Schwiegermutter gehören!
„Kann ich Frau Mehring sprechen? Hier ist Doktor Vonderhaiden."
Am anderen Ende der Leitung wird scheinbar überlegt. Dann heißt es zögernd, dass eine Frau Mehring leider nicht bekannt sei. Im übrigen ist Frau Vierck mit Matthias für ein paar Tage verreist ...
„In die BRD, ich weiß!", fällt Vonderhaiden ins Wort.
„Aber nein!", ruft die Stimme beinahe entrüstet. „Sie ist dienstlich in der Lausitz unterwegs. Kauft Kräuter für ihre Drogerie ein. Das muss wohl eine Verwechslung sein!"
