Der Zug der Waisen - Christina Baker Kline - E-Book

Der Zug der Waisen E-Book

Christina Baker Kline

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Beschreibung

Ein bewegender Roman über ein vergessenes Kapitel der amerikanischen Geschichte

New York, 1929: Mit neun Jahren verliert Vivian Daly, Tochter irischer Einwanderer, bei einem Wohnungsbrand ihre gesamte Familie. Gemeinsam mit anderen Waisen wird sie kurzerhand in einen Zug verfrachtet und in den Mittleren Westen geschickt, wo die Kinder auf dem Land ein neues Zuhause finden sollen. Doch es ist eine Reise ins Ungewisse, denn nur die wenigsten von ihnen erwartet ein liebevolles Heim. Und auch Vivian stehen schwere Bewährungsproben bevor ... Erst viele Jahrzehnte später eröffnet sich für die inzwischen Einundneunzigjährige in der Begegnung mit der rebellischen Molly die Möglichkeit, das Schweigen über ihr Schicksal zu brechen.

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Seitenzahl: 476

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Buch

Die rebellische Molly hat den Großteil ihres bisherigen Lebens in ständig wechselnden Pflegefamilien verbracht. Als sie ein Buch stiehlt, wird sie zu fünfzig Stunden gemeinnütziger Arbeit verurteilt: Sie soll einer alten Witwe helfen, deren Speicher zu entrümpeln. Nach und nach merkt Molly, dass sie und Vivian gar nicht so unterschiedlich sind, wie sie dachte … Als Tochter irischer Einwanderer in New York verliert Vivian – damals noch Niamh – mit neun Jahren bei einem Wohnungsbrand ihre gesamte Familie. Gemeinsam mit anderen Waisen wird sie in einem Zug in den Mittleren Westen geschickt, wo die Kinder bei Farmerfamilien ein neues Zuhause finden sollen. Aber nicht auf alle wartet eine liebevolle Familie. Und auch Vivians Leben scheint von Willkür und Zufall bestimmt … Erst durch die Begegnung mit Molly vermag sie das Schweigen über ihr Schicksal zu brechen. Aber Molly weiß: Man kann nur Frieden finden, wenn man alle fehlenden Teile offengelegt hat.

Autorin

Christina Baker Kline wuchs in England und in den Vereinigten Staaten auf. Sie hat Literatur und Kreatives Schreiben unterrichtet und sich als Buchautorin und Herausgeberin von Anthologien einen Namen gemacht. Ihr Roman »Der Zug der Waisen« war in den USA ein großer Erfolg und hielt sich monatelang an der Spitze der New-York-Times-Bestsellerliste. Mit ihrem Mann und ihren drei Söhnen lebt die Autorin in Montclair, New Jersey.

Christina Baker Kline

Der Zug der Waisen

Roman

Aus dem Amerikanischenvon Anne Fröhlich

Die Originalausgabe erschien 2013 unter dem Titel »Orphan Train«

bei William Morrow, an imprint of HarperCollins Publishers, New York.

Zitat von Lucy Maud Montgomery, »Anne auf Green Gables«,

aus dem Kanadischen übersetzt von Maria Rosken und

Irmela Erckenbrecht, Bindlach: Loewe Verlag 1986, 2010

1. Auflage November 2014

Copyright © der Originalausgabe 2012 by Christina Baker Kline.

Published by Arrangement with Christina Baker Kline.

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur

Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen.

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2014

by Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Umschlaggestaltung: Uno Werbeagentur, München

Umschlagmotiv: © Mark Owen/Trevillion Images; Fine Pic, München

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN 978-3-641-13039-8

www.goldmann-verlag.de

Besuchen Sie den Goldmann Verlag im Netz

Für

Christina Looper Baker,

die mir das Garn gegeben,

und

Carole Robertson Kline,

die mir den Stoff zur Verfügung gestellt hat

Beim Portagieren von einem Fluss zum anderen mussten die Wabanaki-Indianer ihre Kanus und alle anderen Besitztümer tragen. Jeder wusste zu schätzen, mit leichtem Gepäck zu reisen, und war sich im Klaren, dass dies bedeutete, einige Dinge zurücklassen zu müssen. Nichts behinderte die Fortbewegung so sehr wie Angst, eine Last, die abzulegen oft am schwierigsten war.

Bunny McBride, Women of the Dawn

Prolog

Ich glaube an Geister. Sie sind es, die uns verfolgen, die uns allein zurückgelassen haben. Viele Male in meinem Leben habe ich ihre Gegenwart gespürt. Sie sahen zu, sie beobachteten mich, wenn niemand aus der Welt der Lebenden wusste oder sich darum kümmerte, was mit mir geschah.

Ich bin einundneunzig Jahre alt, und fast jeder, dem ich in meinem Leben je begegnet bin, ist nun ein Geist.

Manchmal waren diese Geister für mich realer als lebende Menschen, realer als Gott. Sie füllen die Leere mit ihrem Gewicht, fest und warm, wie Brotteig, der unter einem Tuch aufgeht. Meine Gran mit ihren freundlichen Augen und ihrem gepuderten Gesicht. Mein Dad, nüchtern, lachend. Meine Mam, wie sie eine Melodie summt. Bitterkeit, Alkoholsucht und Schwermut sind von diesen Phantomgestalten genommen, und sie trösten und beschützen mich im Tod, wie sie es zu ihren Lebzeiten nie getan haben.

Inzwischen denke ich, dass dies das Himmelreich ist: ein Platz in der Erinnerung anderer Menschen, in der nur unsere guten Eigenschaften weiterleben, unser besseres Ich.

Vielleicht kann ich mich glücklich schätzen – weil ich im Alter von neun Jahren die geisterhaften besseren Ichs meiner Eltern bekommen habe und im Alter von dreiundzwanzig das meiner großen Liebe. Und auch meine Schwester, Maisie, war immer bei mir, ein Engel an meiner Schulter. Achtzehn Monate alt, als ich neun war, dreizehn Jahre, als ich die zwanzig erreicht hatte. Nun, da ich einundneunzig Jahre alt bin, ist sie vierundachtzig und immer noch bei mir.

Sie sind vielleicht kein wirklicher Ersatz für die Lebenden, aber das stand nicht zur Wahl. Ich konnte Trost in ihrer Gegenwart suchen oder zu einem Häufchen Elend zusammensinken und ihren Verlust beklagen.

Die Geister redeten mir zu, sie flüsterten, ich solle weitermachen.

Spruce Harbor, Maine, 2011

Durch die Wand ihres Zimmers kann Molly hören, wie ihre Pflegeeltern nebenan im Wohnzimmer über sie sprechen. »So war das nicht ausgemacht«, sagt Dina. »Wäre mir klar gewesen, dass sie so viele Probleme hat, hätte ich niemals zugestimmt.«

»Sicher.« Ralphs Stimme klingt matt. Molly weiß, dass es seine Idee war, ein Kind in Pflege zu nehmen. Vor langer Zeit, als er ein »schwieriger Jugendlicher« war, wie er es einmal ohne weitere Erklärung genannt hat, meldete ein Sozialarbeiter seiner Schule ihn für das Big-Brothers-Mentorenprogramm an. Er hatte immer das Gefühl, dass sein Mentor, sein großer Bruder, ihn auf Kurs hielt. Doch Dina ist Molly gegenüber von Anfang an misstrauisch gewesen. Dass die beiden vor Molly einen Jungen aufgenommen hatten, der versuchte, die Grundschule in Brand zu setzen, machte die Sache auch nicht besser.

»Ich habe genug Stress bei der Arbeit«, sagt Dina, und ihre Stimme wird lauter, »ich brauche diesen Scheiß nicht auch noch zu Hause.«

Dina arbeitet als Einsatzkoordinatorin beim Polizeirevier von Spruce Harbor, und soweit Molly das beurteilen kann, hält sich der Stress dort in Grenzen – ein paar betrunkene Autofahrer, gelegentliche Schlägereien, Bagatelldiebstähle, Unfälle. Für eine Einsatzkoordinatorin ist Spruce Harbor vermutlich der am wenigsten aufreibende Arbeitsort, den man sich vorstellen kann. Aber Dina ist neurotisch veranlagt. Die nichtigsten Kleinigkeiten gehen ihr auf die Nerven. Sie scheint immer zu erwarten, dass alles gut geht, und wenn es das einmal nicht tut – was natürlich ziemlich oft vorkommt –, ist sie überrascht und gekränkt.

Bei Molly ist das Gegenteil der Fall. In ihrem siebzehnjährigen Leben ist so vieles schiefgelaufen, dass sie es nicht mehr anders erwartet. Wenn aber einmal etwas gutläuft, weiß sie nicht, was sie davon halten soll.

Genau das ist ihr mit Jack passiert. Als Molly letztes Jahr auf die Mount Desert Island High School wechselte, schienen die meisten Schüler der zehnten Klasse sich zu bemühen, ihr aus dem Weg zu gehen. Jeder hatte seine Freunde, seine Clique, und sie passte nirgendwo dazu. Natürlich hat sie es ihnen auch nicht gerade leicht gemacht; ihrer Erfahrung nach ist »tough und unnahbar« immer besser als »emotional und verletzlich«, und sie trägt ihr Goth-Image wie eine schützende Rüstung. Jack war der Einzige, der versuchte, zu ihr durchzudringen.

Es war Mitte Oktober im Sozialkundeunterricht. Als sie sich für ein Projekt zu Teams zusammenfinden sollten, blieb Molly, wie gewöhnlich, übrig. Jack fragte sie, ob sie sich seiner Gruppe anschließen wolle. Seine Partnerin, Jody, war davon sichtlich wenig begeistert. Während der gesamten Unterrichtsstunde war Molly auf der Hut. Warum war er so freundlich? Was wollte er von ihr? War er einer von denen, die Spaß daran haben, mit Außenseiterinnen Spielchen zu spielen? Was auch immer seine Beweggründe waren, bei ihr würde er nicht weit kommen. Sie stand mit verschränkten Armen und hochgezogenen Schultern da, das dunkle, borstige Haar fiel ihr über die Augen. Sie zuckte nur die Achseln und brummte unverständlich, wenn Jack sie etwas fragte, obwohl sie der Diskussion die ganze Zeit folgte und auch ihren Arbeitsanteil leistete. »Dieses Mädchen ist total seltsam«, hörte sie Jody murmeln, als sie nach dem Läuten den Klassenraum verließen. »Die ist ja richtig unheimlich.« Als Molly sich umdrehte und Jacks Blick begegnete, überraschte er sie mit einem Lächeln. »Ich finde sie irgendwie toll«, sagte er und sah ihr in die Augen. Zum ersten Mal, seit sie auf dieser Schule war, konnte sie nicht anders: Sie lächelte zurück.

Während der folgenden Monate schnappte Molly einige Bruchstücke von Jacks Geschichte auf. Sein Vater war ein Gastarbeiter aus der Dominikanischen Republik, den seine Mutter beim Blaubeerensammeln in Cherryfield kennengelernt hatte. Als sie schwanger wurde, kehrte er zurück in seinen Inselstaat, wo er mit einer Einheimischen zusammenzog und sie vergaß. Jacks Mutter, die nie geheiratet hat, arbeitet für eine reiche alte Dame, die in einer Villa an der Küste lebt. Nach allen gesellschaftlichen Regeln müsste Jack auch ein Außenseiter sein, aber das ist er nicht. Es gibt ein paar wichtige Dinge, die ihm zugutekommen: seine geschickten Pässe auf dem Fußballfeld, ein umwerfendes Lächeln, große, braune Kuhaugen und unverschämt lange Wimpern. Und obwohl er sich selbst nicht so ernst nimmt, ist Molly sicher, dass er um einiges klüger ist, als er zugibt, vielleicht sogar klüger, als ihm selbst klar ist.

Jacks sportliche Leistungen auf dem Fußballfeld sind Molly völlig gleichgültig, aber Klugheit respektiert sie. (Die Kuhaugen sind ein zusätzlicher Pluspunkt.) Ihr eigener Wissensdurst ist eins der Dinge, die sie immer vor dem Durchdrehen bewahrt haben. Goth zu sein befreit sie von allen konventionellen Erwartungen, und sie hat festgestellt, dass es ihr die Freiheit verschafft, absonderlich zu sein, sogar auf mehrere Arten zugleich. Sie liest ununterbrochen – auf den Schulfluren, in der Cafeteria –, meistens Romane mit verunsicherten Protagonisten: Die Selbstmord-Schwestern, Der Fänger im Roggen, Die Glasglocke. Sie schreibt Wörter in ihr Notizbuch, weil sie ihren Klang mag: Xanthippe, verzagt, Talisman, Muhme, enervierend, kriecherisch…

Als Neuankömmling hat Molly die Distanz, die ihr Image ihr verschafft hat, gefallen, sie mochte die Skepsis und das Misstrauen, die sie in den Augen ihrer Mitschüler lesen konnte. Aber auch wenn sie es ungern zugibt, fühlt sie sich in letzter Zeit von diesem Image eher eingeengt. Jeden Morgen dauert es Ewigkeiten, bis sie ihren Look richtig hinbekommt, und die Rituale, die früher voller Bedeutung für sie waren – das Haar pechschwarz zu färben mit violetten oder weißen Strähnen, die Augen mit Kajalstift schwarz zu umranden, ein Make-up aufzutragen, das um einige Nuancen heller ausfällt als ihre natürliche Hautfarbe, sich nacheinander in verschiedene Einzelteile unbequemer Kleidung zu zwängen –, das alles lässt sie jetzt ungeduldig werden. Sie kommt sich vor wie ein Zirkusclown, der eines Morgens aufwacht und plötzlich seine rote Clownsnase nicht mehr aufsetzen will. Die meisten Menschen müssen nicht so viel Aufwand treiben, um ihrer Rolle treu zu bleiben. Warum sie? Sie stellt sich vor, dass sie sich an ihrem nächsten Wohnort – denn es gibt immer einen nächsten Wohnort, eine neue Pflegefamilie, eine neue Schule – ein anderes Image zulegen wird, eins, das einfacher zu pflegen ist. Grunge? Sexbiene?

Die Wahrscheinlichkeit, dass es dazu eher früher als später kommen wird, wächst mit jeder Minute. Dina will Molly schon seit einiger Zeit loswerden, und jetzt hat sie einen guten Vorwand. Ralph hat seine Glaubwürdigkeit für Mollys Verhalten riskiert; er hat sich sehr bemüht, Dina davon zu überzeugen, dass sich hinter der grimmigen Fassade aus pechschwarzem Haar und hellem Make-up ein unschuldiges Kind verbirgt. Nun, mit Ralphs Glaubwürdigkeit ist es jetzt vorbei.

Molly begibt sich vor ihrem Bett auf alle viere, hebt den rüschengesäumten Überwurf leicht an und zieht die beiden bunten Reisetaschen hervor, die Ralph im Ausverkauf beim L. L.Bean Outlet in Ellsworth für sie erstanden hat (die rote trägt den Schriftzug »Braden«, auf der mit dem orangefarbenen Hawaii-Muster steht »Ashley« – ob die Taschen wegen ihrer Farben, ihres Stils oder dieser idiotischen weißen Aufschriften von den Kunden verschmäht worden sind, weiß Molly nicht). Als sie die oberste Schublade ihrer Kommode aufzieht, hört sie ein rhythmisches Trommeln unter der Bettdecke, das sich gleich darauf als eine scheppernde Version von Daddy Yankees Impacto entpuppt. »So weißt du immer, dass ich es bin, und gehst an dein verdammtes Telefon«, hat Jack erklärt, als er ihr den Klingelton besorgt hat.

»Hola, mi amigo«, sagt sie, als sie das Handy endlich gefunden hat.

»Hey, was geht, chica?«

»Ach, du weißt schon. Dina ist im Moment nicht sehr glücklich.«

»Echt?«

»Ja. Es ist ziemlich schlimm.«

»Wie schlimm?«

»Tja, ich glaube, ich bin hier raus.« Sie spürt einen Kloß im Hals. Das überrascht sie, schließlich hat sie schon so viele ganz ähnliche Situationen erlebt.

»Nee«, sagt er. »Das glaube ich nicht.«

»Doch«, erwidert sie, während sie ein Bündel Socken und Unterwäsche in die Braden-Tasche wirft. »Ich kann hören, wie sie nebenan darüber sprechen.«

»Aber du musst diese Sozialstunden ableisten.«

»Das wird nicht passieren.« Sie nimmt ihr Amulett, das mit der Halskette in einem verworrenen Knäuel auf der Kommode liegt, und versucht die Knoten zu lösen, indem sie die Goldkette zwischen ihren Fingern reibt. »Dina sagt, dass niemand mich nehmen wird. Ich bin nicht vertrauenswürdig.« Das Knäuel lockert sich unter ihrem Daumen, und sie zieht die beiden Enden auseinander. »Ist schon okay. Ich habe gehört, das Jugendgefängnis ist nicht so schlimm. Und es ist ja auch nur für ein paar Monate.«

»Aber – du hast dieses Buch nicht gestohlen.«

Sie klemmt das Handy zwischen Ohr und Schulter und legt sich die Halskette um, nestelt am Verschluss und blickt dabei in den Spiegel über der Kommode. Schwarze Schminke ist unter ihren Augen verlaufen, sodass sie aussieht wie ein Football-Spieler.

»Stimmt’s, Molly?«

Die Sache ist – sie hat es gestohlen. Oder es zumindest versucht. Es ist ihr Lieblingsroman, Jane Eyre, und sie wollte ihn haben, wollte das Buch besitzen. Sherman’s Bookstore in Bar Harbor hatte es nicht vorrätig, und sie war zu schüchtern, um den Buchhändler zu bitten, es zu bestellen. Dina würde ihr niemals ihre Kreditkartennummer geben, um es im Internet zu kaufen. Sie hatte sich noch nie etwas so sehr gewünscht. (Na ja … schon seit langer Zeit nicht mehr.) So war sie in der Bibliothek gelandet, hatte zwischen den engen Regalreihen gekniet, drei Exemplare des Romans, zwei Taschenbücher und ein Hardcover, in dem Fach vor ihr. Das Hardcover hatte sie schon zweimal mitgenommen, war zum Tresen gegangen und hatte es mit ihrer Bibliothekskarte ausgeliehen. Sie nahm die drei Bücher aus dem Regal, wog sie in ihren Händen. Dann schob sie das Hardcover wieder in die Reihe der Bücher, neben Sakrileg. Das neuere der beiden Taschenbuchexemplare stellte sie ebenfalls zurück.

Das Exemplar, das sie unter den Bund ihrer Jeans steckte, war alt und zerlesen, die Seiten vergilbt mit Passagen, die jemand mit Bleistift markiert hatte. Der billige Einband löste sich bereits vom Innenteil, der Kleber war vertrocknet. Beim jährlichen Bücherflohmarkt der Bibliothek hätte dieses Buch höchstens zehn Cent eingebracht. Niemand würde es vermissen, dachte Molly, schließlich gab es noch die beiden anderen, neueren Exemplare. Aber die Bibliothek hatte kürzlich Magnetstreifen als Diebstahlschutz eingeführt, und vor ein paar Monaten hatten vier Freiwillige – ältere Damen, die sich hingebungsvoll um die Belange der Spruce Harbor Library kümmerten – mehrere Wochen damit verbracht, diese Streifen an den Innenseiten der Umschläge aller elftausend Bücher anzubringen. Als Molly also an diesem Tag das Gebäude verlassen wollte und durch das Tor trat, von dem sie nicht einmal wusste, dass es mit einer Diebstahlsicherung ausgerüstet war, ertönte ein lautes, beharrliches Piepen, bis die Leiterin der Bibliothek, Susan LeBlanc, herbeigeschossen kam wie ein Falke im Zielflug.

Molly gab alles zu – das heißt, zunächst versuchte sie zu erklären, sie habe das Buch nur ausleihen wollen. Aber davon wollte Susan LeBlanc nichts hören. »Du meine Güte, verkauf mich nicht für blöd«, schimpfte sie. »Ich habe dich beobachtet. Da dachte ich mir schon, dass du irgendwas im Schilde führst.« Und welche Schande es sei, dass ihre Vermutung sich bewahrheitet habe! Sie wäre gerne positiv überrascht worden, wenigstens dieses eine Mal.

»Oh, Scheiße. Echt?« Jack seufzt.

Molly schaut in den Spiegel und streicht mit dem Finger über die Anhänger an der Kette um ihren Hals. Sie trägt sie nicht mehr oft, doch jedes Mal, wenn etwas passiert und sie weiß, dass sie bald wieder unterwegs sein wird, legt sie sie an. Die Kette hat sie in einem Billigladen, Marden’s, in Ellsworth gekauft, um die drei Anhänger – ein blaugrüner Fisch aus Emaille, ein Rabe aus Zinn und ein kleiner brauner Bär – daran zu befestigen. Die hat sie von ihrem Vater zum achten Geburtstag bekommen. In einer Nacht wenige Wochen danach kam er bei einem Autounfall ums Leben, als sich sein Wagen bei viel zu hoher Geschwindigkeit auf der eisglatten Interstate-95 überschlug. Ihre Mutter, gerade mal dreiundzwanzig Jahre alt, geriet durch dieses Ereignis in eine Abwärtsspirale, aus der sie nicht wieder herausfand. An ihrem nächsten Geburtstag lebte Molly bei einer neuen Familie, und ihre Mutter saß im Gefängnis. Die Anhänger sind alles, was ihr von ihrem früheren Leben geblieben ist.

Jack ist ein netter Kerl. Aber das, was jetzt geschieht, hat sie erwartet. Und wie alle anderen – Sozialarbeiter, Lehrer, Pflegeeltern – wird auch er irgendwann genug haben, sich betrogen fühlen, erkennen, dass Molly mehr Ärger verursacht, als sie wert ist. So gern sie sich auf ihn einlassen würde und so sehr sie ihn glauben lässt, dass sie das tut, hat sie sich das nie wirklich erlaubt. Man kann nicht unbedingt von Täuschung sprechen, es ist nur so, dass ein Teil von ihr immer darauf bedacht ist, sich zurückzuhalten. Sie hat gelernt, dass sie ihre Gefühle kontrollieren kann, indem sie sich ihren Brustkorb als eine große Kiste mit einem Vorhängeschloss vorstellt. Alle verirrten und unbeherrschbaren Gefühle, jeden unberechenbaren Anflug von Traurigkeit oder Bedauern, stopft sie da hinein. Dann verschließt sie die Kiste.

Auch Ralph hat versucht, das Gute in ihr zu sehen. Das ist seine Art; er sieht es sogar, wenn es nicht da ist. Einerseits ist Molly dankbar für das Vertrauen, das er in sie setzt, andererseits hat sie auch Zweifel, dass sie sich darauf verlassen kann. Da ist es fast besser mit Dina, die aus ihrem Argwohn keinen Hehl macht. Es ist einfacher, davon auszugehen, dass der andere einen auf dem Kieker hat, als mit der Enttäuschung fertigzuwerden, wenn man von ihm fallengelassen wird.

»Jane Eyre?«,fragt Jack.

»Was tut das zur Sache?«

»Ich hätte es dir gekauft.«

»Schon klar.« Selbst jetzt, da sie all diesen Ärger hat und man sie wahrscheinlich fortschicken wird, weiß sie, dass sie Jack niemals gebeten hätte, das Buch zu kaufen. Wenn es etwas gibt, das sie an der Tatsache, dass sie ein Pflegekind ist, am meisten hasst, dann ist das die Abhängigkeit von Leuten, die sie kaum kennt, und die ständige Gefahr, von ihren Launen verletzt zu werden. Sie hat gelernt, von niemandem irgendwas zu erwarten. Ihre Geburtstage werden häufig vergessen, sie ist diejenige, an die man sich immer zuletzt erinnert. Sie hat sich mit dem zufriedenzugeben, was sie bekommt, und das ist selten das, was sie sich wünscht.

»Du bist so verdammt eigensinnig!«, sagt Jack, als habe er ihre Gedanken erraten. »Was hast du dir da für einen Ärger eingehandelt!«

Jemand klopft laut an Mollys Tür. Sie hält das Telefon vor ihre Brust und sieht zu, wie sich der Türknauf dreht. Das ist auch so eine Sache – kein Türschloss, keine Privatsphäre.

Dina streckt ihren Kopf ins Zimmer, die rosa geschminkten Lippen zu einem schmalen Strich zusammengepresst. »Wir müssen uns mal unterhalten.«

»In Ordnung. Lass mich nur schnell zu Ende telefonieren.«

»Mit wem sprichst du?«

Molly zögert. Muss sie darauf antworten? Ach, zum Teufel. »Mit Jack.«

Dina wirft ihr einen finsteren Blick zu. »Beeil dich. Wir haben nicht den ganzen Abend Zeit.«

»Ich komme gleich.« Molly starrt Dina so lange ausdruckslos an, bis ihr Kopf wieder aus dem Türrahmen verschwindet, dann hebt sie das Telefon wieder ans Ohr. »Zeit für das Exekutionskommando.«

»Nein, nein, hör zu«, sagt Jack. »Ich habe eine Idee. Sie ist ein bisschen … verrückt.«

»Eine Idee?«, erwidert sie missmutig. »Ich muss los.«

»Ich habe mit meiner Mutter gesprochen …«

»Jack, ist das dein Ernst? Du hast es ihr erzählt? Sie hasst mich doch ohnehin schon.«

»Langsam, hör mir zu. Erstens, sie hasst dich nicht. Und zweitens, sie hat mit der Dame gesprochen, für die sie arbeitet, und es sieht ganz so aus, als könntest du deine Stunden bei ihr abarbeiten.«

»Wie bitte?«

»Genau.«

»Aber – wie?«

»Na ja, du weißt ja, meine Mutter ist die schlechteste Haushälterin der Welt.«

Molly mag die Art, wie er das sagt – sachlich, ohne zu bewerten, als würde er nur erwähnen, dass seine Mutter Linkshänderin ist.

»Also, die Dame möchte ihren Speicher entrümpeln – alte Aktenordner und Kisten und solchen Kram, und für meine Mutter ist das der schlimmste Alptraum. Da hatte ich die Idee, dass du das machen könntest. Ich wette, du würdest die fünfzig Stunden leicht rumkriegen.«

»Moment mal – du willst, dass ich bei der alten Dame den Speicher ausmiste?«

»Ja. Das ist doch genau dein Ding, meinst du nicht? Komm schon, ich weiß, wie pingelig du bist. All deine Unterlagen stecken in Aktenordnern. Und sind nicht sogar deine Bücher alphabetisch geordnet?«

»Das ist dir aufgefallen?«

»Ich kenne dich besser, als du glaubst.«

Molly muss zugeben – so seltsam es ist –, dass sie es mag, Dinge in Ordnung zu bringen. Sie ist tatsächlich eine Art Ordnungsfanatikerin. Durch die vielen Ortswechsel in ihrem Leben hat sie gelernt, auf ihre wenigen Besitztümer achtzugeben. Trotzdem weiß sie nicht, was sie von Jacks Idee halten soll. Tagelang alleine auf einem muffigen Speicher festzusitzen, um den Plunder einer alten Dame zu sortieren?

Allerdings – wenn sie an die Alternative denkt …

»Sie möchte dich treffen«, sagt Jack.

»Wer?«

»Vivian Daly. Die alte Dame. Sie möchte, dass du zu ihr kommst, zu einem …«

»Zu einem Gespräch? Du meinst, ich habe ein Vorstellungsgespräch bei ihr.«

»Das ist Teil der Abmachung. Bist du dazu bereit?«

»Habe ich eine Wahl?«

»Natürlich. Du kannst auch ins Gefängnis gehen.«

»Molly!«, bellt Dina und klopft an die Tür. »Komm sofort raus!«

»Okay!«, ruft sie und wendet sich wieder an Jack: »Okay.«

»Okay zu was?«

»Ich mache es. Ich werde mich mit ihr treffen. Zu einem Vorstellungsgespräch.«

»Toll«, sagt er. »Oh, und – vielleicht solltest du einen Rock anziehen oder so, nur … du weißt schon. Und vielleicht ein paar von deinen Ohrringen rausnehmen.«

»Was ist mit dem Nasenring?«

»Ich liebe deinen Nasenring«, sagt er. »Aber …«

»Ich hab’s verstanden.«

»Nur für das erste Treffen.«

»Ist schon okay. Hör mal – danke.«

»Das ist reiner Eigennutz«, erwidert er. »Ich möchte dich noch eine Weile um mich haben.«

Als Molly ihre Zimmertür öffnet und in Ralphs und Dinas angespannte und besorgte Gesichter sieht, lächelt sie. »Ihr braucht euch keine Gedanken zu machen. Ich habe einen Weg gefunden, wie ich meine Sozialstunden absolvieren kann.« Dina wirft Ralph einen Blick zu, und Molly sieht in ihrem Gesicht einen Ausdruck, den sie aus jahrelanger Erfahrung mit Pflegeeltern gut kennt. »Aber ich kann auch verstehen, wenn ihr wollt, dass ich gehe. Ich werde schon was anderes finden.«

»Wir wollen nicht, dass du gehst«, sagt Ralph, und gleichzeitig erklärt Dina: »Wir müssen darüber reden.« Sie starren einander an.

»Wie auch immer«, sagt Molly. »Wenn es nicht funktioniert, ist das okay.«

Und in diesem Moment, mit einer Zuversicht, die sie Jack zu verdanken hat, ist das auch okay. Wenn es nicht funktioniert, dann funktioniert es eben nicht. Molly hat schon vor langer Zeit begriffen, dass sie einen Großteil des Kummers und der Enttäuschungen, die andere Menschen während ihrer gesamten Lebenszeit fürchten, schon erlebt hat. Vater tot. Mutter auf und davon. Hin und her geschickt und immer wieder zurückgewiesen. Und immer noch atmet und schläft sie und wird größer. Sie steht jeden Morgen auf und zieht sich an. Wenn sie sagt, es ist okay, dann meint sie damit, dass sie alles Mögliche überstehen kann. Und zum ersten Mal, seit sie denken kann, hat sie jemanden, der auf sie aufpasst. (Was ist eigentlich sein Problem?)

Spruce Harbor, Maine, 2011

Molly atmet tief durch. Das Haus ist größer, als sie es sich vorgestellt hat – ein weißer, viktorianischer Klotz mit verschnörkelter Fassade und schwarzen Fensterläden. Durch die Windschutzscheibe kann sie erkennen, dass es in einwandfreiem Zustand ist – es gibt keinerlei Anzeichen von Schäden an der Fassade, was bedeutet, dass das Haus erst kürzlich einen neuen Anstrich bekommen haben muss. Ohne Zweifel beschäftigt die alte Dame Leute, die sich darum kümmern – eine ganze Armee von Arbeitsbienen.

Es ist ein warmer Aprilmorgen. Der Boden ist noch matschig von geschmolzenem Schnee und Regen, aber es ist einer dieser seltenen milden Tage, die bereits den herrlichen Sommer erahnen lassen. Der Himmel ist strahlend blau, mit weißen Schönwetterwolken. Büschel von Krokussen sprießen überall hervor.

»Okay«, sagt Jack, »die Sache ist die: Sie ist eine nette Dame, aber ein bisschen steif. Du weißt schon – nicht gerade eine Stimmungskanone.« Er parkt den Wagen und berührt dann leicht Mollys Schulter. »Einfach lächeln und nicken, dann wird es schon laufen.«

»Wie alt ist sie noch mal?«, murmelt Molly. Sie ärgert sich über sich selbst, weil sie so nervös ist. Was soll’s? Es ist doch nur eine sammelwütige alte Dame, die Hilfe dabei braucht, ihr Gerümpel zu entsorgen. Sie hofft nur, dass der Krempel nicht abstoßend ist oder stinkt, wie in den Häusern dieser Messies, die man immer im Fernsehen sieht.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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