Deutsch-chinesische Beziehungen - Dirk Linowski - E-Book

Deutsch-chinesische Beziehungen E-Book

Dirk Linowski

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Beschreibung

Der "Wiederaufstieg" Chinas ist das dominierende geopolitische Ereignis seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der deutschen Wiedervereinigung im Jahre 1990. Wir befinden uns seit Ende der 2010er Jahre in einer Phase offener politischer, wirtschaftlicher und militärischer Rivalität, in der die beiden Supermächte USA und China versuchen, ihre Einflusszonen zu stabilisieren und auszuweiten. Zahlreiche deutsche Großunternehmen wie Adidas, die BASF und Siemens sowie in der Öffentlichkeit weniger bekannte Mittelständler sind sowohl im US-amerikanischen als auch im chinesischen Markt engagiert und damit direkt von der Rivalität zwischen den USA und China betroffen. Im Westen weiß man heute kaum mehr, was in China gedacht und getan wird. Das Buch setzt sich zum Ziel, neben den vorhandenen Unterschieden Positives, d.h. Gemeinsamkeiten herauszuarbeiten. China und Deutschland können gemeinsam Beiträge für eine bessere Welt leisten.

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Seitenzahl: 185

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Dirk Linowski

Deutsch-chinesische Beziehungen

Wirtschaft, Politik, Gesellschaft

Umschlagmotiv: © iStockphoto ∙ zhaojiankang

 

DOI: https://doi.org/10.24053/9783381117321

 

© UVK Verlag 2024— Ein Unternehmen der Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KGDischingerweg 5 • D-72070 Tübingen

 

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

 

Alle Informationen in diesem Buch wurden mit großer Sorgfalt erstellt. Fehler können dennoch nicht völlig ausgeschlossen werden. Weder Verlag noch Autor:innen oder Herausgeber:innen übernehmen deshalb eine Gewährleistung für die Korrektheit des Inhaltes und haften nicht für fehlerhafte Angaben und deren Folgen. Diese Publikation enthält gegebenenfalls Links zu externen Inhalten Dritter, auf die weder Verlag noch Autor:innen oder Herausgeber:innen Einfluss haben. Für die Inhalte der verlinkten Seiten sind stets die jeweiligen Anbieter oder Betreibenden der Seiten verantwortlich.

 

Internet: www.narr.deeMail: [email protected]

 

ISSN 2941-2730

 

ISBN 978-3-381-11731-4 (Print)

ISBN 978-3-381-11733-8 (ePub)

Inhalt

Vorwort1 Auftakt2 China und Deutschland: Aus der Sicht des jeweils anderen2.1 Von der Aufklärung in die Gegenwart2.2 Barriere No. 1! Die Sprache2.3 Barriere No. 2? Konfuzianische Tugenden2.4 Deutschland, das Land der Tugend3 Kleine Geographie4 Vom Jahrhundert der Scham in die Gegenwart4.1 Von Mao über Deng zu Xi4.2 Der Fokus auf Technologie und erste Folgen4.3 Globalisierung und Bruttoinlandprodukt4.4 Die Börse4.5 Die chinesische Währung5 Demografie und Gesellschaft5.1 Die Ein-Kind-Politik und ihre Folgen5.2 Vorbild Japan?5.3 Das Mandat des Himmels und der Fluch des Konfuzius5.4 Die Kommunistische Partei und das politische System Chinas6 Bildung in China6.1 Das chinesische Bildungssystem6.2 Die Hochschulen7 Gefangen im „Wettbewerb der Systeme“?7.1 Abhängigkeiten?7.2 Die BRICS7.3 Die Neue Seidenstrasse8 Brücken und Ausblick8.1 Umwelt- und Klimapolitik8.2 Miteinander lernen9 SchlussakkordIm Text direkt verwendete QuellenVorwort1. Auftakt2. China und Deutschland: Aus der Sicht des jeweils anderen3. Kleine Geographie4. Vom Jahrhundert der Scham in die Gegenwart5. Demografie und Gesellschaft6. Bildung in China7. Gefangen im „Wettbewerb der Systeme“?8. Brücken und Ausblick9. SchlussakkordLeseempfehlungen

Vorwort

Nachdem China acht Jahre lang Deutschlands wichtigster Handelpartner war, schickten die USA sich Anfang 2024 an, diese Rolle zu übernehmen [1] und das nicht nur kurzfristig. China ist, Mitte der 2020er Jahre, in Deutschland nicht en vogue.

Schauen wir kurz in die jüngere Vergangenheit. Nach einer Annäherung zwischen China und Deutschland in den letzten Lebensjahren des „Großen Steuermanns“ Mao Zedong (1893 – 1976) Mitte der 1970er Jahre – damals gab es noch den „Systemrivalen“ Sowjetunion – folgte in Deutschland im Zuge der sogenannten Öffnungspolitik ab 1992 eine Phase der „China-Euphorie“. Ihren verspäteten Abschluss fand diese im Jahr 2006 im vom Wirtschaftshistoriker Niall Ferguson und dem heutigen Präsidenten des Kieler Instituts für Weltwirtschaft Moritz Schularick kreierten Begriff Chimerica, der eine „Symbiose“ der USA und Chinas meint. Praktisch war dies der Beginn einer Periode von gleichzeitiger pragmatischer Kooperation und Wettbewerb des Westens1 und Chinas, die spätestens im Jahre 2019 ihr formales Ende fand. Seit 2019 bezeichnet die EU, den USA bzw. ihrem damaligen Präsidenten Trump mit zwei Jahren Verspätung folgend, China als Partner, Wettbewerber und Rivalen. Vier Jahre später wurde durch die Bundesregierung eine Chinastrategie verabschiedet, die grundsätzlich mehr auf Unterschiede und Abgrenzung abstellt als auf Gemeinsamkeiten und Kooperation. In dieser heißt es beispielweise, China wolle weltweit „wirtschaftliche und technologische Abhängigkeiten schaffen, um diese zur Durchsetzung politischer Ziele und Interessen zu nutzen“. [2]

Mit der Übergabe der US-Präsidentschaft von Donald Trump an Joe Biden hat sich in Washington allenfalls der Ton in Nuancen geändert; direkt im Nachgang seiner Wahl im November 2020 bezeichneten die Oberkommandierenden der US Navy, der Marines und der Coast Guard gemeinsam China als „umfassendste langfristige Bedrohung“ der USA. Im Frühjahr 2024 und damit kurz vor den Wahlen im Jahr 2024 verfügte Präsident Biden über neue Strafzölle auf chinesische Einfuhren in der Annahme, damit seine Chancen auf eine Wiederwahl zu erhöhen.

Die große Zeit der internationalen Organisationen scheint vorbei zu sein und das Fundament der internationalen Rechtsordnung zerfällt: Streitschlichtung über die Welthandelsorganisation WTO funktioniert praktisch nicht mehr, der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen wird von der jeweiligen Gegenseite (aus westlicher Sicht Russland und China) lahmgelegt und der Internationale Strafgerichtshof wird von den deutschen Medien bejubelt, wenn er einen Haftbefehl gegen den russischen Präsidenten Putin ausstellt und verdammt, wenn ein solcher gegen den israelischen Premierminister Netanjahu möglich scheint.

Wenn Sie dieses Buch in der Hand halten, haben in den USA wieder Präsidentschaftswahlen stattgefunden. Tatsächlich ist die „Abneigung“ gegenüber China und die Überzeugung, es „eindämmen zu müssen“, fast das einzige große Thema in den USA, in dem sich Republikaner und Demokraten weitgehend einig sind: Für den näheren Fortgang der geopolitischen Rivalität zwischen USA und China ist es somit vermutlich nachrangig, ob Trump oder Biden oder jemand anderes ab Januar 2025 im Oval Office residiert.

Ob Deutschland bzw. seine politische Führung die Notwendigkeit sieht, sich den USA anzuschließen oder ob wir weiter Handel sowohl mit den USA als auch mit China treiben können, wird sich zeigen. Im Fall eines Rückbaus des Außenhandels müssen wir uns, der Theorie der komparativen Vorteile von David Ricardo (1772 – 1823) folgend, mit der jeder Student der Wirtschaftswissenschaft im Grundstudium bekannt gemacht wird, mittelfristig quasi deterministisch auf Wohlstandsverluste einrichten. Es wird dann Aufgabe der Politik sein, dem Wahlvolk den Trade-off zwischen den Vorteilen eines weitgehend auf der Idee des Freihandels basierenden internationalen Handelssystems und „mehr Unabhängigkeit“ zu erläutern. Dies wäre in „normalen Zeiten“, also ohne demografischen Wandel, Kriege an der Peripherie und Migrationsdruck an den Außengrenzen der EU bereits eine kaum zu bewältigende Herausforderung.

Änderungen der Wahrnehmung Chinas durch die Europäer sind nicht neu. Bevor China mit dem 1. Opiumkrieg von 1839 – 1842 im Westen der Verachtung anheimfiel, genoss es im späten 17. bis Ende des 18. Jahrhunderts bei vielen europäischen Intellektuellen und Aristokraten einen ausgezeichneten Ruf. Jeder europäische Fürst, der etwas auf sich hielt, hatte im Barock und Rokoko eine Sammlung chinesischen Porzellans aus der Ming- (1368 – 1644) und aus der Qing-Dynastie (1644 – 1911); chinesische Pagoden oder Türme finden sich in den Parks und Schlossgärten ganz Europas.

Der bekannteste China-Kenner des Barocks war der Universalgelehrte Gottfried Wilhelm Leibniz (1646 – 1716), der mehrfach darauf hinwies, dass die Europäer zu wenig über Sprache, Philosophie und Geschichte Chinas wissen, um belastbare Urteile fällen zu können. Der deutsche Sinologe Ole Döring führte dazu 300 Jahre später aus: „Wir können die Entwicklungen im heutigen China nicht ansatzweise verstehen, wenn wir politische Begriffe wie ‚totalitär‘ oder ‚zentralistische Diktatur‘ in den Mittelpunkt stellen. Die entsprechenden chinesischen Äquivalente sind historisch, moralisch und politisch ganz anders verknüpft und im Diskurs präsent, als dass sie in Begriffen unserer Erfahrungswelt aufgehen könnten.“ [3]

Das Bild von China, das die meisten öffentlichen und privaten deutschen Leitmedien seit vielen Jahren zeichnen, ist kein gutes. Die Darstellungen konzentrierten sich seit Beginn der 2020er Jahre primär auf Überwachung, Jugendarbeitslosigkeit und eine Immobilienkrise (auf Tibet, Taiwan und die Uiguren in Xinjiang wird an anderen Stellen eingegangen). Spiegelbildlich war ein Großteil der chinesischen Berichterstattung zu Deutschland und den USA im Herbst 2023 und Frühjahr 2024, als ich nach mehr als drei Jahren „Corona-Pause“ wieder in China war, den Folgen von ungeregelter Zuwanderung, Inflation und Drogenkonsum gewidmet. Beide Darstellungen sind nicht völlig falsch, sie sind jedoch einseitig und überzogen. Auf Deutschland übertragen bedeutet dies, sich vorzustellen, ein oder zwei Stunden durch das Frankfurter Bahnhofsviertel im Frühsommer des Jahres 2024 zu spazieren, die Eindrücke zu notieren und sich daraus ein Deutschlandbild gemacht zu haben.

Richtig ist, dass sich China in einer Wirtschaftskrise befindet, die in etwa dem Zustand der Bundesrepublik Deutschland Mitte der 1990er Jahre, nach Beendigung des „Einheitsbooms“, entspricht. Nach 40 Jahren Wachstum bekommen die weniger guten Absolventen der Universitäten nicht die Jobs, die ihnen noch wenige Jahre zuvor vorschwebten und die Eintrittsgehälter sind zumeist auf einem Niveau, das ein materiell nur sehr bescheidenes Leben ermöglicht. Chinas Staatsführer Xi Jinping2 selbst hat dies im Herbst 2023 derart auf den Punkt gebracht, dass die Jugend lernen müsse „Bitterkeit zu essen“. Er gebraucht hier einen sprachlichen Ausdruck, den wir verstehen, so aber nie verwenden würden. Dabei geht es prinzipiell um den mit der inzwischen beendeten Ein-Kind-Politik verbundenen sich anbahnenden Generationenkonflikt und die psychische Belastbarkeit der Wohlstandskinder,3 deren Existenz den wohl höchsten Preis für den wirtschaftlichen Aufschwung der vergangenen vier Jahrzehnte darstellt. Dass diese Übergangsphase kommen musste, war jedermann, der sich mit China beschäftigte, klar. Respekt (den China aus dem Westen nicht hinreichend erhielt und in absehbarer Zeit auch nicht erhalten wird) verdient aber die Tatsache, dass der Wachstumsprozess so lange und ohne echte Turbulenzen vonstatten ging.

Mitte 2023 waren nicht einmal mehr 400 Studenten aus den USA in China erfasst, davon mehr als die Hälfte in Peking.4 Ursächlich für den Rückgang der US-Studenten in China waren dabei die schlechte Presse Chinas in den USA – junge Amerikaner sehen es in der Gegenwart offensichtlich als karriereschädigend an, in China zu studieren – als auch die restriktiven Maßnahmen der chinesischen Behörden während der Corona-Krise. Wie in einer gescheiterten Ehe gab es nicht den allein Schuldigen, beide Supermächte bzw. ihre Entscheidungsträger haben ihren Anteil an der wechselseitigen Entfremdung. Einige Führer der USA und Chinas haben aber inzwischen offensichtlich verstanden, dass die Sprachlosigkeit auf beiden Seiten überwunden werden muss, eine Erkenntnis, die sich in der deutschen Politik Mitte 2024 offensichtlich noch nicht durchgesetzt hat. Offensichtlich hat noch nicht einmal der Versuch stattgefunden, laut darüber nachzudenken, ob ein geschwächtes China für uns gefährlicher ist als ein stabiles China (wenn man schon der Meinung ist, dass China eine Gefahr für den Westen darstellt). Dazu müsste man aber etwas über China wissen.

 

Ich habe mehr als die Hälfte meines Berufslebens im Ausland verbracht. Seit 2002 bin ich regelmäßiger Gast an verschiedenen Universitäten Shanghais, an denen ich insgesamt ca. vier Jahre tätig war. Ich denke somit, die Grundlinien chinesischen politischen Denkens – die die chinesische Führung offen kommuniziert – gut genug zu verstehen, um diese hinreichend präzise und verständlich erläutern zu können. Meine Überlegungen zu China, die ich Ihnen hier darlege, sind aus mehr als 20 Jahren Arbeiten und Leben mit chinesischen Kollegen, von denen einige enge Freunde wurden, gestützt. Ebensolange bin ich häufig in den USA und verfolge somit die Entwicklung der „US-amerikanischen Sicht auf China“.

China ist ungeheuer divers und Shanghai ist damit ebensowenig repräsentativ für China wie New York für die USA. Auch sind meine chinesischen Freunde und Kollegen auschließlich gebildete und wohlhabende Menschen. Nichtsdestotrotz leben wir physisch miteinander: an Wochenenden in Shanghai fahre ich zu „meiner chinesischen Familie“: Dort versucht man wie wir, einigermaßen anständig durchs Leben zu kommen und vor allem den Kindern ein gutes Leben zu ermöglichen. Im vorletzten Kapitel dieses Buches lesen Sie einen Gastbeitrag. Eine Chinesin, die mit einem Deutschen verheiratet ist, mit dem sie gemeinsam drei Kinder hat, berichtet dort von den besonderen Freuden und Schwierigkeiten in einer deutsch-chinesischen Familie.

Zu jeder Teildisziplin der chinesischen Gesellschaft, Philosophie und Geschichte existieren umfangreiche Fachbücher, die jedes für sich für die Komplexität der Materie stehen und die für die Tiefen(aus)bildung verfasst wurden. Unbestreitbare Vorteile des hier verwendeten Monografie-Formates sind die Konzentration auf das (subjektiv) Wesentliche und der Zwang, verständlich zu schreiben. Neben klassischen Argumentationslinien werde ich deshalb eigene Beobachtungen und Erlebnisse einstreuen. Um die Lesbarkeit zu erleichtern, werden nachrangigen Aussagen, die fast immer durch wenig aufwendige Recherchen verifiziert werden können, keine Quellen zugeordnet, ebenso wird auf ein Glossar sowie Sach-, Namens- und Abürzungsverzeichnisse verzichtet. Sie finden im Text und im Anhang aber zahlreiche Literaturhinweise. Dabei wird Ihnen auffallen, dass viele dieser Quellen – Gutes muss nicht neu sein – relativ alt sind. Insbesondere habe ich mich bemüht, so selten wie möglich chinesische Dynastien und chinesischen Namen zu nennen (ohne geht es natürlich nicht!), da dies den nichtgeschulten Leser im Allgemeinen verwirrt und mitunter sogar zum Leseabbruch führt.

Tatsächlich hoffe ich, Sie, verehrte Leserin oder verehrter Leser, mit diesem kurzen Text zu China zum Nachdenken über sich selbst, unsere Gesellschaft bzw. eine Gesellschaft, in der Sie bzw. wir leben möchten, anzuregen. Dabei dürfen wir eines nie aus den Augen verlieren: Unser Wohlstand wird weiter auf Gedeih und Verderb von unserer Bildung, und damit sind explizit nicht nur fachliche Aspekte gemeint, und unserer Fähigkeit, wertschöpfend zu arbeiten, abhängen. Anders ausgedrückt: Die Zukunft Deutschlands wird primär an seinen Schulen und Hochschulen entschieden. Uns fehlt es in vielerlei Hinsicht an Wissen, und dieses wiederum ist notwendige Voraussetzung, um unsere Interessen zu verstehen und im Anschluss artikulieren zu können. Dass der Erwerb von Wissen Freude bereiten zugleich und „Hunger auf mehr“ machen kann liegt in der Natur der Sache. Wenn Sie dieses Buch zum Weiterfragen, Lesen und Reisen motivieren sollte, hat es seinen Zweck erfüllt.

Dass einzelne Argumentationen Teilen aus meinem deutlich umfangreicheren Buch „Herausforderungen der Wirtschaftspolitik“ [4], das in 2. Auflage im Jahr 2022 bei utb erschienen ist, ähneln, liegt ebenfalls in der Natur der Sache. China steht dort implizit immer als ein gesellschaftliches „Gegenmodell“ im Raum. Auch formal gibt es eine Kontinuität, indem ich in diesem Text jedem Kapitel einen Exkurs nachgestellt habe. Unverändert bleibt meine Überzeugung, dass wir (noch) in der für uns besten aller Welten leben.

Ich danke Iris Bockholt, Rolf Drees, Andreas Ebert, Frederik Hill, David Kantel, Jacob Kleinow, Louis Aaron König, Verena Lindow, Jörn Manz, Finja Lene Probandt, Junhua Tang, Frank Witt und Haifeng Zendeh für Ihre Anmerkungen und Korrekturen des Rohmanuskripts. Es bleibt zu sagen, dass alle inhaltlichen Fehler oder Unkorrektheiten allein mir zuzuschreiben sind.

Rostock, im Juli 2024

1Auftakt

Stellen wir uns einen zwanzigjährigen Leser1, vielleicht Sie selbst, vor, der dieses oder auch ein anderes Buch in die Hand nimmt. Sie sind ein noch teilweise unbeschriebenes Blatt, Sie eint mit Gleichaltrigen, dass Sie vermutlich vor Kurzem das Abitur abgelegt haben, auch wenn Sie auf unterschiedliche Weise, auf einer Waldorf-Schule, einem klassischen Gymnasium oder einem Wirtschaftsgymnasium, darauf vorbereitet wurden. Sie denken also „ähnlich“ bzw. Sie sind ähnlich konditioniert. Wenn Sie sich weitere 20 Jahre später mit Ihren ehemaligen Klassenkameraden treffen, sitzen u. a. Juristen, Ärzte, Ingenieure, Wirtschaftswissenschaftler und Naturwissenschaftler am Tisch. Wenn Sie dann das Terrain der Jugendgeschichten verlassen und sich Gesellschaft und Politik zuwenden, könnten Sie feststellen, dass es berufliche Besonderheiten gibt, die die Art der Menschen, die Welt zu betrachten, prägen. Anders ausgedrückt. Ein Mathematiker hat im Allgemeinen eine andere Art, Probleme zu analysieren und zu lösen bzw. „durchs Leben zu gehen“ als ein Jurist.

Wir sind gewohnt, Entscheidungen zu treffen, ohne jedes Mal die Voraussetzungen zu hinterfragen. Ein Großteil unseres Verhaltens basiert auf der Art, wie wir konditioniert sind bzw. auf Konventionen, die sich im Laufe der Zeit ändern können (z. B. Damen den Vortritt lassen, ihnen in den Mantel helfen, Gendern, usw.) oder die sehr zeitstabil sind (Rechtsverkehr auf dem europäischen Kontinent, in weiten Teilen von Festlandasien und auf dem amerikanischen Doppelkontinent, Linksverkehr in Großbritannien, Indien, Thailand, Australien, Japan und Neuseeland). In keinem dieser Fälle handelt es sich um Naturgesetze, sondern um verbindliche Regeln, die in einer Gesellschaft existieren und eingehalten werden, um das Leben der Menschen berechenbarer zu gestalten. Je mehr Menschen auf engem Raum leben, umso wichtiger werden funktionierende Regeln und deren Einhaltung, um Ordnung zu bewahren.

Konventionen sind kein Wissen. Im Allgemeinen glauben wir auch viel mehr zu wissen, als dass dies tatsächlich der Fall ist. Wir leben zudem – zumeist gut – mit Theorien, ohne uns daran zu erinnern, dass es Theorien sind. Grundsätzlich wissen wir, dass einige der Theorien, mit denen wir hantieren, falsch sind. Wir wissen nur nicht welche. Über hunderte Jahre waren auch die klügsten Menschen ihrer Zeit davon überzeugt, dass Phlogiston, ein Feuerstoff, existiere, der aus brennbaren Körpern bei der Verbrennung entweicht sowie bei Erwärmung in sie eindringt. Es war schließlich der französische Chemiker Antoine de Lavoisier (1743 – 1794), der am Ende des 18. Jahrhunderts Gewichtsveränderungen verschiedener Stoffe bei Oxidation und Reduktion untersuchte und entdeckte, dass das Element Sauerstoff dabei die entscheidende Rolle spielte. Etwas, was sehr lange als gesichertes Wissen angesehen wurde, war quasi über Nacht widerlegt.

Wenn Sie nun ob der Unwissenheit unserer Vorfahren die Achseln zucken, so ist das etwas voreilig. Bewegen wir uns fast in die Gegenwart: Jahrzehnte haben Studenten der Wirtschaftswissenschaften und Ingenieure und Juristen im Nebenfach gelernt, dass Geld drei Funktionen erfüllt, nämlich die des allgemeinen Tauschmittels, der Rechnungsweseneinheit und des Wertaufbewahrungsmittels. Der Ursprung des Geldes wird über zwei Personen illustriert, die üblicherweise Männer sind. Einer stellt nun z. B. Schuhe und der andere Mann Tische her. Leider braucht der Tischler nicht immer Schuhe, wenn er einen Tisch fertiggestellt hat und umgekehrt, zudem ist das Austauschverhältnis von Tischen und Schuhen nicht geklärt. Dann fällt plötzlich Geld vom Himmel und die Menschen beginnen zu produzieren und zu konsumieren. Alles war theoretisch in zufriedenstellender Ordnung, der Ursprung des Geldes in seiner Eigenschaft als allgemeines Tauschmittel dargestellt: bis der inzwischen verstorbene amerikanische Anthropologe David Graeber (1961 – 2020) in seinem im Jahre 2011 erschienenen Buch „Schulden. Die ersten 5000 Jahre“ [6] einem breiten Publikum darlegte, dass der Ursprung des Geldes in seiner Eigenschaft als Rechnungsweseneinheit liegt. Graeber beginnt seine Argumentation mit der übrigens leicht beobachtbaren Tatsache, dass bisher kein physisches Geld, d. h. Münzen,2 gefunden wurde, das älter ist als 2.800 Jahre, Zeugnisse menschlicher Zivilisationen wie die ägyptischen Pyramiden aber 2.000 Jahre oder noch deutlich früher entstanden. Dies ist insbesondere deshalb interessant, als die ältesten Keilschrifttexte fast ausschließlich Buchhaltung widerspiegeln.3 Münzgeld erschien dann in historischen Dimensionen fast zugleich in Griechenland, Nordindien und in China. [8] Um es kurz zu machen: Die Theorie, dass der Ursprung des Geldes in seiner Eigenschaft als Tauschmittel liegt, erwies sich als offensichtlich falsch. Irrelevant ist das nicht, es liegt in unseren geldbasierten Gesellschaften sehr wohl in unserem Interesse zu verstehen, wo das Geld herkommt bzw. wie es entstand.

Erkenntnis kann auf unterschiedliche Arten entstehen: Die Philosophen Immanuel Kant (1724 – 1804) und Karl Marx (1818 – 1883) arbeiteten fast ausschließlich am Schreibtisch; Kant verließ Zeit seines Lebens nicht einmal seine Geburtsstadt Königsberg. Nichtsdestotrotz war er einer der wirkmächtigsten Denker der Neuzeit. Am anderen Extrem: Dem zweieinhalbfachen Weltumsegler James Cook (1728 – 1779) verdanken wir nicht nur zahlreiche geographische Entdeckungen im Pazifik, sondern auch Erkenntnisse, wie der Seefahrerkrankheit Skorbut begegnet werden konnte. Charles Darwin (1809 – 1882) umrundete ebenfalls die Erde per Schiff, bevor er seine Evolutionstheorie entwickelte. Tatsächlich waren aber Marx und Kant keine reinen „Schreibtischdenker“; Marx profitierte von den Beobachtungen und Erkenntnissen des Kapitalisten Friedrich Engels (1820 – 1895) und Immanuel Kant korrespondierte mit vielen namhaften Naturwissenschaftlern seiner Zeit. Er war wissenschaftlich auf der Höhe seiner Zeit!

Der Kant zugesprochene Ausspruch „Theorie ohne Praxis ist leer, Praxis ohne Theorie ist blind.“ ist nicht nur in den Naturwissenschaften, sondern auch für das hinreichende Verständnis fremder Kulturen richtig. Wir sollten also zunächst beobachten (oder auf vertrauenswürdige Beobachtungen abstellen) und Fragen stellen, bevor wir zu Wertaussagen kommen. Wenn wir uns also fremden Kulturen zuwenden, so erkennen wir, dass diese auf Konventionen beruhen, die wir oft nicht oder nicht hinreichend verstehen (von Verinnerlichung ist hier überhaupt nicht die Rede).

Die auf den ersten Blick wichtigste Konvention in China, die für fast alle Europäer und Amerikaner eine quasi unüberwindbare Barriere darstellt, ist die Verständigung über die chinesische Schrift. Es gibt derart viele Zeichen, dass auch der gebildetste Chinese mitunter mit Schriftzeichen konfrontiert wird, die er nicht kennt, anderseits verwendet er im Mündlichen mitunter Worte, für die er das Schriftzeichen nicht kennt. Dies sind Erfahrungen, die uns im Westen völlig fremd sind!

Wenn Sie der Argumentation folgen, dass deutsche Juristen in bestimmten Lebenssituationen grundsätzlich anders „ticken“ als deutsche Mathematiker, sollten Sie rasch zugestehen können, dass das Erlernen einer Zeichenschrift Menschen anders prägt als das Erlernen einer Schriftsprache, die auf sechsundzwanzig Buchstaben und einigen zusätzlichen Sonderzeichen beruht. Beachten Sie bereits hier, dass es keine Schriftsprache gibt, die dem Chinesischen bezüglich Eindeutigkeit überlegen ist. Im Deutschen sind wir übrigens gewohnt, die Zukunft durch die Gegenwart auszudrücken. Auch das ist eine Konvention, die wir mit sehr wenigen Sprachen, eine der wenigen ist tatsächlich das Chinesische, gemeinsam haben. In den meisten Sprachen ist das anders, wenn Sie also z. B. auf Englisch sagen „Tomorrow I fly home“, würde man Sie verstehen. Das ist aber grammatisch falsch oder mindestens schlechtes Englisch.4

Um also zu verstehen, warum viele Dinge in China anders sind als bei uns, müssen wir uns neben Wirtschaft und Politik mit Geschichte und mit Philosophie beschäftigen. Hinter dem im Westen in den vergangenen Jahrzehnten propagierten Konzept des Wandels durch Annäherung steht bzw. stand die implizite Annahme, dass das westliche System dem chinesischen (wie auch allen anderen, die sich uns durch Handel annähern sollten) überlegen sei. Dass die Mehrheit der Chinesen mit „freiheitlichen Werten“ wenig anfangen kann, wie in zahlreichen westlichen Medien dauerhaft behauptet, bezweifle ich in dieser Pauschalität. Reisefreiheit und die Möglichkeit, sich öffentlich zu äußern, sind positiv konnotiert, die Freiheit, öffentlich Bücher zu verbrennen und Drogen zu konsumieren oder auch nur Häuserwände zu beschmieren sind es allerdings nicht. Während der Westen noch vor 20 Jahren in vieler Hinsicht als Vorbild angesehen wurde, hat sich sein Bild in China langsam, aber stetig eingetrübt. Das Gesamtkonzept des heutigen Westens wird meines Erachtens von der überwältigenden Mehrheit der Chinesen, und dazu gehören auch meine gebildeten und weltoffenen Shanghaier Freunde und Kollegen, nicht als wünschenswert oder überlegen anerkannt.

Mit Bezug auf China wird bei uns zudem ignoriert, dass ein substanzieller Teil des derzeitigen deutschen Wohlstandes mit Chinas Wiederaufstieg verbunden ist, und hier reden wir keinesfalls nur über die Gehälter in Wolfsburg oder Ludwigshafen, die ohne die China-Aktivitäten von Volkswagen und der BASF deutlich geringer ausfallen würden. Der ehemalige BASF-Chef Martin Brudermüller stellte Ende 2023 zum wiederholten Male fest, dass nicht nur chinesische Windkraftanlagen und Elektroautos inzwischen besser und billiger seien als ihre westlichen Konkurrenzprodukte. [10] Nicht nur hier täte uns etwas Bescheidenheit gut.

2China und Deutschland: Aus der Sicht des jeweils anderen

Vor 2.000 Jahren existierten zwei Weltreiche, das Römische im Westen und das Chinesische der Han-Dynastie im Osten.1