Deutsch-chinesische Beziehungen - Dirk Linowski - E-Book

Deutsch-chinesische Beziehungen E-Book

Dirk Linowski

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Beschreibung

Der "Wiederaufstieg" Chinas ist das dominierende geopolitische Ereignis seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der deutschen Wiedervereinigung im Jahre 1990. Im Westen weiß man heute kaum mehr, was in China gedacht und getan wird. Das Buch setzt sich zum Ziel, neben den vorhandenen Unterschieden Positives, d.h. Gemeinsamkeiten herauszuarbeiten. China und Deutschland können gemeinsam Beiträge für eine bessere Welt leisten. In der zweiten Auflage hat der Autor die Gegenüberstellung der chinesischen und der westlichen Rationalität sowie die Konsequenzen für die internationalen Beziehungen vertieft. Darüber hinaus wurde mit Verweis auf Philosophie, Geschichte, Wissenschaft und Technik dargelegt, warum Deutschland weiterhin eine Sonderrolle in China einnimmt. Erweitert wurden auch die Abschnitte zum industriellen und wissenschaftlichen Aufschwung Chinas und zur Neuen Seidenstraße.

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Seitenzahl: 280

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Dirk Linowski

Deutsch-chinesische Beziehungen

Wirtschaft, Politik, Gesellschaft2., überarbeitete und erweiterte Auflage

In der Lehre immer am Zahn der Zeit zu sein, wird in unserer schnelllebigen Zeit immer mehr zur Herausforderung. Mit unserer neuen fachübergreifenden Reihe nuggets präsentieren wir Ihnen die aktuellen Trends, die Forschung, Lehre und Gesellschaft beschäftigen – wissenschaftlich fundiert und kompakt dargestellt. Ein besonderes Augenmerk legt die Reihe auf den didaktischen Anspruch, denn die Bände sind vor allem konzipiert als kleine Bausteine, die Sie für Ihre Lehrveranstaltung ganz unkompliziert einsetzen können. Mit unseren nuggets bekommen Sie prägnante und kompakt dargestellte Themen im handlichen Buchformat, verfasst von Expert:innen, die gezielte Information mit fundierter Analyse verbinden und damit aktuelles Wissen vermitteln, ohne den Fokus auf das Wesentliche zu verlieren. Damit sind sie für Lehre und Studium vor allem eines: Gold wert! So gezielt die Themen in den Bänden bearbeitet werden, so breit ist auch das Fachspektrum, das die nuggets abdecken: von den Wirtschaftswissenschaften über die Geisteswissenschaften und die Naturwissenschaften bis hin zur Sozialwissenschaft – Leser:innen aller Fachbereiche können in dieser Reihe fündig werden.

Prof. Dr. Dr. h. c. Dirk Linowski studierte an der Universität Rostock und an der Université Paris I, Panthéon Sorbonne, Mathematik und Mathematische Statistik. Im Jahre 1999 promovierte er an der Universität Rostock in Betriebswirtschaftslehre. Nach einer Assistenzprofessur an der Universiteit Nijmegen in den Niederlanden und einem einjährigen Lehr- und Forschungsaufenthalt an der Tongji Universität Shanghai und der Shanghai Normal University in China wurde er im Jahre 2004 auf den Lehrstuhl für Asset Management mit ab 2006 verbundenem Direktorat des Instituts for International Business Studies an der wissenschaftlichen Steinbeis-Hochschule Berlin berufen, das er bis 2021 innehatte. Prof. Linowski verbrachte etwa die Hälfte seines Berufslebens im Ausland, er war von 2004 bis 2024 „Distinguished Guest Professor“ an der Shanghai Normal University.

Umschlagabbildung: © iStockphoto zhaojiankang

 

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

DOI: https://doi.org/10.24053/9783381145522

 

© UVK Verlag 2026‒ Ein Unternehmen der Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KGDischingerweg 5 • D-72070 Tübingen

 

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

 

Alle Informationen in diesem Buch wurden mit großer Sorgfalt erstellt. Fehler können dennoch nicht völlig ausgeschlossen werden. Weder Verlag noch Autor:innen oder Herausgeber:innen übernehmen deshalb eine Gewährleistung für die Korrektheit des Inhaltes und haften nicht für fehlerhafte Angaben und deren Folgen. Diese Publikation enthält gegebenenfalls Links zu externen Inhalten Dritter, auf die weder Verlag noch Autor:innen oder Herausgeber:innen Einfluss haben. Für die Inhalte der verlinkten Seiten sind stets die jeweiligen Anbieter oder Betreibenden der Seiten verantwortlich.

 

Internet: www.narr.deeMail: [email protected]

 

ISSN 2941-2730

ISBN 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (Print)

ISBN 9783381145515 (ePub)

Inhalt

Vorwort zur 2. AuflageVorwort der 1. Auflage1 Auftakt2 China und Deutschland: Aus der Sicht des jeweils anderen2.1 Von der Aufklärung in die Gegenwart2.2 Barriere No. 1! Die Sprache2.3 Barriere No. 2? Konfuzianische Tugenden2.4 Deutschland, das Land der TugendExkurs: Von Konfuzius zu Kant und Schopenhauer3 Kleine GeografieExkurs: Taiwan4 Vom Jahrhundert der Scham in die Gegenwart4.1 Von Mao über Deng zu Xi4.2 Der Fokus auf Technologie und erste Folgen4.3 Globalisierung und Bruttoinlandsprodukt4.4 Die Börsen4.5 Die chinesische WährungExkurs: Yuan vs. US-Dollar im „Kampf um die Weltherrschaft“5 Demografie und Gesellschaft5.1 Die Ein-Kind-Politik und ihre Folgen5.2 Vorbild Japan?5.3 Das Mandat des Himmels und der Fluch des Konfuzius5.4 Die Kommunistische Partei und das politische System ChinasExkurs: Wohlstand und Glück6 Bildung in China6.1 Das chinesische Bildungssystem6.2 Die HochschulenExkurs: Die Bielefeld Hainan University of Applied Sciences7 Gefangen im „Wettbewerb der Systeme“?7.1 Abhängigkeiten?7.2 Die BRICS7.3 Die Neue SeidenstraßeExkurs: Spieltheorie und Politik(wissenschaft)8 Brücken und Ausblick8.1 Umwelt- und Klimapolitik8.2 Miteinander leben und lernenExkurs: Indien, das „neue China“?9 SchlussakkordGlossarIm Text direkt verwendete QuellenVorwort zur 2. AuflageVorwort der 1. Auflage1. Auftakt2. China und Deutschland: Aus der Sicht des jeweils anderen3. Kleine Geografie4. Vom Jahrhundert der Scham in die Gegenwart5. Demografie und Gesellschaft6. Bildung in China7. Gefangen im „Wettbewerb der Systeme“?8. Brücken und Ausblick9. SchlussakkordLeseempfehlungen

Vorwort zur 2. Auflage

Jeden Tag würden wir beim Versuch, die aktuelle Situation in der Weltpolitik bzw. die Rahmenbedingungen zu beschreiben, die unser Leben und Arbeiten prägen, eine einzigartige Momentaufnahme erstellen. Die erste Auflage dieses Buches erschien im Sommer des Jahres 2024, und sie begann nicht mit direkten Reflexionen zu China und Deutschland, sondern zu China und den USA. Ich habe in meinem Text aus dem vergangenen Jahr zahlreiche Ergänzungen und Erweiterungen vorgenommen. Nicht verändert habe ich das Vorwort der ersten Auflage, das die Momentaufnahme aus dem Juli 2024 darstellt.

In einem Text wie diesem kann es nicht darum gehen, die Tagespolitik detailliert zu verarbeiten; dafür sind Nachrichtensendungen, Presse und auch Institutionen, die sich mit aktuellen Fragen beschäftigen, wie die Stiftung Wissenschaft und Politik, oder auch die Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik, zuständig. Wir werden hier versuchen, die langen Linien der Entwicklung Chinas zu verstehen und dabei auf Bausteine aus der Sprache, der Demografie, der Geschichte und der Philosophie zurückgreifen, um China und seine Bedeutung für uns besser zu verstehen.

Wie sich die politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Beziehungen Deutschlands bzw. der EU zu China entwickeln, wird wesentlich von der Politik, die in Washington gemacht wird, beeinflusst. Auch hier werden wir wieder mit den USA beginnen. Im Januar 2025 übernahm Donald Trump zum zweiten Mal die US-Präsidentschaft. Der 45. US-Präsident wurde zum 47. Präsidenten. Die Eskalation des durch US-Präsident Donald Trump losgetretenen Zollkonflikts im Frühjahr 2025 zeigte, dass China bzw. die chinesische Regierung auf allen Ebenen auf einen nicht-militärischen Großkonflikt mit den USA gut vorbereitet war: Seit mehreren Jahrzehnten wurde Technologie gefördert, wurden Märkte diversifiziert und internationale Allianzen ausgebaut.

Obwohl die EU-Kommission im Jahr 2024 Zölle bis zu 45 % auf chinesische Elektroauto-Importe verhängt hatte, hat sich der Anteil der chinesischen Automobilhersteller an den Gesamtverkäufen in Europa von 2,9% im Mai 2024 auf 5,9% im Mai 2025 in etwa verdoppelt. [1] Gegenwärtig setzen erste chinesische Unternehmen auf Direktinvestitionen in Produktionsanlagen in Europa. Hauptinvestitionsland ist Ungarn, das sich, während in Deutschland Industriearbeitsplätze abgebaut werden, immer mehr zum Zentrum der europäischen Automobilindustrie entwickelt. Der Stand 2024 weltgrößte Batteriehersteller CATL (Contemporary Amperex Technology) produziert in Ungarn, investierte aber auch etwa 1,8 Mrd. Euro in eine Fabrik in Arnstadt in Thüringen. Dies hat zudem den von China wie den europäischen Ländern optisch gewünschten Effekt, dass das Handelsbilanzdefizit sich nicht weiter in Richtung China verschiebt. Jetzt geht China das Risiko ein, dass Technologien und Know-how abfließen. Die größte Gefahr für diese neue chinesische Strategie liegt bei Erscheinen dieses Buches darin, dass die US-Regierung weiterhin offensiv versucht, den Handel anderer Länder mit China einzuschränken. Überlegungen der Amerikaner Mitte 2025, die EU-Strategie gegen Russland nicht zu unterstützen, gingen ebenfalls in diese Richtung. Ob der Versuch Trumps, Russland aus der strategischen Umklammerung Chinas zu befreien, langfristig erfolgreich ist, bezweifle ich (s. auch Exkurs zu Kapitel 7 und Kapitel 9).

Zu den positiven Nebenwirkungen des Politikwechsels in den USA gehört, dass die Berichterstattung zu China in Deutschland seit Beginn des Jahres 2025 deutlich differenzierter und sachlicher erfolgt, als es in den Jahren davor der Fall war, wo über China überwiegend negativ und dabei oft abwertend berichtet wurde. Der ehemalige Vorstandsvorsitzende der BASF, Martin Brudermüller, stellte dazu bereits im Jahre 2023 fest: China-Bashing führt nur dazu, dass die Zukunft der EU vernachlässigt wird. „Europa verliert in vieler Hinsicht an Wettbewerbsfähigkeit.“ Es ist „eine Illusion zu hoffen, mit Staatsgeld durch die Energiekrise zu kommen und dann in den alten Strukturen weiterzumachen“. Dazu erkannte Brudermüller Ende 2023 zum wiederholten Male, dass nicht nur chinesische Windkraftanlagen und Elektroautos inzwischen besser und zugleich billiger seien als ihre westlichen Konkurrenzprodukte. [2]

Überall auf der Welt sind es zuvorderst demografische Entwicklungen, die wirtschaftliche, soziale und politische Veränderungen, wenn auch nicht monokausal erklären, so doch wesentlich mitbestimmen. Tatsächlich wurde in China Anfang 2025 mit der Erhöhung des Renteneintrittsalters eine Reform mit enormen gesellschaftlichen Konsequenzen begonnen, auf die bereits seit langer Zeit gewartet wurde: Die Regierung sieht sich als Spätfolge der Ein-Kind-Politik mit niedrigen Geburtenraten konfrontiert: Die Geburtenrate ist seit Mitte der 1990er Jahre nicht mehr bestandserhaltend und in den Jahren 2023 und 2024 gegen das Allzeittief von 1,0 konvergiert (s. Kapitel 5). Wie man dies begründet (die chinesische Regierung hat es in dieser Hinsicht fraglos einfacher als ihre westlichen Pendants) ist primär nachrangig: Tatsache ist, dass eine solche Reform Mut erfordert, den die chinesische Führung zeigt, und über den deutsche Regierungen der vergangenen zwei Jahrzehnten bezüglich Kranken-, Renten- und Pflegeversicherung nicht verfügten, obwohl die demografische Entwicklung hin zu einer Schrumpfung und Alterung der Kernbevölkerung (d. h. ohne Migration) bereits seit Jahrzehnten allgemein bekannt ist.

Nachdenken über China heißt auch zu versuchen, im Positiven wie im Negativen zu lernen, und China und uns selbst betreffend nicht alte Fehler zu wiederholen. Die Chinesen der Qing-Dynastie machten Ende des 18. Jahrhunderts den Fehler, sich für den Nabel der Welt zu halten und ihre Gesellschaftsordnung zum Maß aller Dinge zu erklären. Auf diesem Holzweg sind wir in Nordamerika und Europa wieder. Dabei hat sich die Welt weitergedreht. Der chinesischen Regierung ist es in den vergangenen Jahrzehnten gelungen, Hunderte Millionen Menschen aus absoluter Armut zu befreien, und damit ist China bzw. sein politisch-wirtschaftliches Modell für weite Teile der gegenwärtigen Welt zum Vorbild geworden. Dies strahlt nicht nur in den „Globalen Süden“, sondern auch nach Mitteleuropa. Dass es sich lohnen kann, mit China gut zu stehen, sieht man an den chinesischen Direktinvestitionen in Ungarn.

Europa ist für einen großen Teil des „Rests der Welt“, also für bald 8 Milliarden Menschen, nicht viel mehr als ein alternder, von Armutsmigration bedrohter Kontinent mit viel Kriminalität drinnen und Kriegen an der Peripherie, sowie ein paar netten Sehenswürdigkeiten in oft heruntergekommenen Städten und einigen guten Schulen und Krankenhäusern für Leute, die Geld haben.

Die Tatsache, dass (nach einer Formulierung des früheren belgischen Ministerpräsidenten Mark Eysken) Europa ein politischer Zwerg und ein militärischer Wurm ist (dem in der Gegenwart die Mittel fehlen, internationale Entwicklungen zu gestalten und der zudem seine äußere Sicherheit erkaufen muss), hat Auswirkungen auf die Wirtschaft. Die Machtverhältnisse innerhalb des Westens wurden im Sommer 2025 bei den Verhandlungen zwischen den USA und Russland zur Ukraine und mehr noch bei Abschluss des „Handelsdeals“ zwischen der EU und den USA deutlich. Vor den Augen der Welt wurde die EU durch das Zollabkommen mit den USA herabgestuft. Dies wurde, in einer Gegenwart, in der der regelbasierte Handel nach WTO-Regeln weitgehend passé ist und „Deals“ zwischen Staaten bzw. Staatengruppen abgeschlossen werden, überall auf der Welt registriert. Als Verteidiger des Multilateralismus fielen im ersten Halbjahr von Donald Trumps 2. Präsidentschaft vor allem Brasilien und Indien auf. Inwieweit die EU ein eigenständiger Akteur in der Sicherheits- wie der Klimapolitik (Stichwort Green Deal) bleiben kann, wird sich in nicht allzu ferner Zukunft erweisen.

Während die USA und China eint, dass beide nach möglichst großer Autonomie bzw. Unabhängigkeit vom „Rest der Welt“ streben, befinden sich die großen geopolitischen Verlierer der Gegenwart sehr offensichtlich in Europa und dies betrifft nicht nur die alten Großmächte Großbritannien, Frankreich und Deutschland, sondern auch Russland. In diesem Text wird u. a. versucht zu zeigen, dass die chinesische Außenpolitik deutlich reaktiver ist, als bei uns üblicherweise angenommen: Sie nutzt in der Tradition des alten Militärstrategen Sunzi (s. Exkurs zu Kapitel 7) primär Fehler anderer geopolitischer Akteure und stößt in Lücken, die insbesondere die USA aufmachen.

Aus chinesischer Perspektive nicht überraschend ist die Wertschätzung der Regierungen durch die von ihnen Regierten kaum irgendwo anders so niedrig wie in den meisten der 27 EU-Staaten. Deutschland ist – nicht nur in China – kaum noch Vorbild, wie vor 20 – 30 Jahren. Die Eliten der meisten anderen Länder wollen nicht mehr werden, wie wir es heute sind. So wie China sich in vielerlei Hinsicht vom Westen emanzipierte, hat sich sich ein Großteil des „Globalen Südens“ vom Westen als Vorbild abgewandt. Besonders deutlich kommt dies dadurch zum Ausdruck, dass China derzeit für etwa 120 Länder, darunter auch die NATO-Alliierten Japan, Südkorea und Australien, der wichtigste Handelspartner ist, und das sowohl als Lieferant (Exporte) als auch als Abnehmer (Importe). Aus dem Westen wurden mehrfach Versuche kommuniziert, der Belt und Road Initiative etwas entgegenzusetzen. So versprachen die G7 im Juni 2023 600 Mrd. USD für Infrastrukturinitiativen in Entwicklungsländer, während gleichzeitig Goetheinstitute geschlossen wurden und überall in der westlichen Welt die Staatsfinanzen aus dem Ruder liefen. Dass dieses Versprechen wohl eher ein Versprecher war, ahnten die potenziellen Adressaten schnell und vertrauten wirtschaftlich weiter auf China.

Die Präferenz der meisten Schwellenländer für Partnerschaften mit China impliziert nicht gleich Freundschaft, findet aber vor dem Hintergrund statt, dass man sich gegenseitig zuhört, um die Interessenlage des Gegenübers zu verstehen (ein neues Schlagwort dafür ist Strategische Empathie). In diesem Zusammenhang sei erwähnt, dass Deutschland in Europa Mitte der 2020er Jahre keine internationalen Freunde hat.1 Weder Russland, noch China, noch die USA, und auch nicht Indien oder Lateinamerika oder Subsahara-Afrika können mit unserer weitgehend belehrenden und oft wenig informierten Art viel anfangen. Es gilt weiterhin das Zitat der früheren nigerianischen Spitzenpolitikerin und gegenwärtigen WTO-Generaldirektorin Ngozi Okonjo-Iweala:

„Sprechen wir mit China, bekommen wir einen Flughafen; sprechen wir mit Deutschland, bekommen wir einen Vortrag.“ [3]

Wir lesen und hören regelmäßig, dass gegen Donald Trump, Xi Jinping und Wladimir Putin nur ein starkes, einiges Europa hilft. Das Problem: Dieses handlungsfähige, einige Europa gibt es nicht, und es ist auch nicht am Horizont sichtbar. Die EU ist nicht als Verteidigungsallianz zur Durchsetzung übernationaler Interessen aufgebaut worden. Zwar wurde im Dezember 2024 mit dem Litauer Andrius Kubilius erstmals ein EU-Kommissar für Verteidigung (und Raumfahrt) ernannt und eine Strategie vorgelegt, wie die europäischen Verteidigungsfähigkeiten bis 2030 aufgebaut werden sollen, aber der Weg ist weit und die nationalen Egoismen und Inkompatibilitäten sind bekannt. Wenn aber ein Umbau der EU von einer bürokratischen Kompromissfabrik hin zu einem Gestalter aktiver Technologie- und Wissenschaftsförderungspolitik nicht gelingt, wird der alte Kontinent nicht nur gegenüber China und den USA weiter zurückfallen. Zuvorderst müssen wir alle wieder verinnerlichen, dass die Basis von Wohlstand Arbeit ist, und dazu zählt auch der Erwerb von Wissen.

Die gegenwärtige Vorstellung, dass Planwirtschaft Mist ist, basiert auf dem Scheitern der Sowjetunion und ihrer Alliierten und einem fatalen Missverständnis von Adam Smith‘ „ordnender Hand des Marktes“. Man kann mit einiger Berechtigung sagen, dass die DDR unter anderem an einem Mangel an nützlichen Informationen gescheitert ist. Das moderne China ist indes anders. Es gibt Pläne für die großen Linien, die regelmäßig den sich ändernden Gegebenheiten angepasst werden. Um die Masse an Kleinkram kümmert sich die Regierung nicht und man ist viel flexibler (und auch härter) als im Westen gemeinhin angenommen. Praktisch ist das Wirtschaftssystem des modernen China ein „Kapitalismus mit Leitplanken“ den man, anstelle von Planwirtschaft, auch treffend als strategisch gesteuerten Hyperkapitalismus, bezeichnen kann.2

Auch ist China anders „totalitär“, als die meisten Menschen im Westen zu meinen gedenken. Die Menschen sollen sich im öffentlichen Raum regelkonform verhalten, was sie in ihren vier Wänden tun, interessiert die Regierung in den seltensten Fällen. Privat gibt es – jedenfalls wo ich mich bewege – weniger implizite Sprechverbote als bei uns: Auch wenn jedermann in Deutschland sagen darf, was er will, sofern er sich im Rahmen der Verfassung bewegt, ist es meiner Wahrnehmung nach im Jahre 2025 eher ungewöhnlich, dass in Deutschland in (teilweise) unbekannter Runde zum Beispiel über die Coronazeit, Israel und Palästina oder den Krieg in der Ukraine einfach laut nachgedacht wird.

Die großen Herausforderungen der Zukunft sind für fast alle Gesellschaften mit der zunehmenden Alterung und Schrumpfung der Gesellschaften verbunden. Dies eint uns mit China. Unsere weitgehende Planlosigkeit gilt es zu übererdenken, wollen wir nicht (in nicht sehr ferner Zukunft) mit Armut als Massenphänomen konfrontiert werden.

Die chinesische Regierung zeigt ihr Selbstbewustsein dem Westen gegenüber offen. Die Begegnungen zur 50-jährigen Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen der EU und China fanden im Sommer 2025 in Peking statt, nachdem Chinas Staats- und Parteiführer Xi Jinping eine Einladung nach Brüssel im Frühjahr 2025 dankend abgelehnt hatte, dafür aber an der Parade der russischen Armee zum Gedenken des Sieges im II. Weltkrieg in Moskau teilgenommen hatte. Spiegelbildlich lud Chinas Staats- und Parteiführer Xi Jinping Russlands Präsidenten Wladimir Putin und US-Präsidenten Donald Trump (der diese Einladung nicht annahm) zu den chinesischen Feierlichkeiten anlässlich des 80. Jahrestages des Endes des Zweiten Weltkrieges im September 2025 nach Peking ein. Die Europäer spielten in diesen Planungen, wenn überhaupt, nur eine nachgeordnete Rolle.

Lernen müssen wir wieder, in langen Zeiträumen zu denken.3Andernfalls fallen wir weiter gegenüber China, wo viel über uns gewußt wird und wo man uns in technischer Hinsicht nicht mehr unbedingt braucht, weiter zurück. Was wir uns gesellschaftlich klarmachen müssen – und diesbezüglich besteht weitgehender Konsens zwischen eher regierungskritischen Beobachtern und „Chinaverstehern“ – ist, dass weder die US-Regierung noch China (und Russland natürlich auch nicht) ein Interesse an einer starken EU haben. Die Frage ist, welche praktischen Schlussfolgerungen wir daraus ziehen. In diesem Buch werden Sie, jenseits der allgemeinen Verweise auf die Notwendigkeit des Wiederaufbaus von China-Kompetenz und der Notwendigkeit, den Herausforderungen der Gegenwart mit Mut zu begegnen,keine Vorschläge für die Tagespolitik finden.

In dieser überarbeiteten und erweiterten Ausgabe der „Deutsch-chinesischen Beziehungen“ finden Sie deutlich mehr Einschübe in Kästen als in der 1. Auflage. In diesen werden kleine „Geschichten“ erzählt, die ich inhaltlich für relevant halte, die aber den Lesefluss des Textes behindert hätten. An zahlreichen Stellen in diesem Text wird auf die konfuzianische Alltagsethik und ihre Bedeutung in den zwischenmenschlichen Beziehungen verwiesen, ohne dabei den Anspruch zu erheben, eine erschöpfende und zusammenhängende Darstellung derselben zur Verfügung zu stellen. Im Grunde handelt es sich bei diesem Text um ein Vademecum zu chinesischen „Besonderheiten“, das den Leser befähigen möge, tiefergehende Fragen zu stellen, um Schnittmengen und Interessenskonflikte zwischen Deutschland und China in einer zunehmend unübersichtlich erscheinenden Welt zu erkennen.

An dieser Stelle möchte ich noch erwähnen, dass ich selbst nie über etwas gesprochenes Alltagschinesisch und das Erkennen von maximal 200 Schriftzeichen hinausgekommen bin. Dieses Buch stellt somit auch den Versuch dar zu zeigen, dass man, auch wenn man die Sprache nicht gut beherrscht, einiges von und in China (und ebenso anderen Ländern) verstehen und lernen kann, sofern man interessiert und offen ist.

Im Unterschied zur 1. Auflage gibt es in diesem Buch ein kleines Glossar. Ich danke, neben den im Vorwort der 1. Auflage Genannten insbesondere Cedric Korte, Niklas Schönherr und meinem Vater für zahlreiche Denkanstöße und Hinweise, die in diesen Text eingeflossen sind.

 

Rostock, im Oktober 2025

Vorwort der 1. Auflage

Nachdem China acht Jahre lang Deutschlands wichtigster Handelpartner war, schickten die USA sich Anfang 2024 an, diese Rolle zu übernehmen [4] und das nicht nur kurzfristig. China ist, Mitte der 2020er Jahre, in Deutschland nicht en vogue.

Schauen wir kurz in die jüngere Vergangenheit. Nach einer Annäherung zwischen China und Deutschland in den letzten Lebensjahren des „Großen Steuermanns“ Mao Zedong (1893 – 1976) Mitte der 1970er Jahre – damals gab es noch den „Systemrivalen“ Sowjetunion – folgte in Deutschland im Zuge der sogenannten Öffnungspolitik ab 1992 eine Phase der „China-Euphorie“.

Ihren verspäteten Abschluss fand diese im Jahr 2006 im vom Wirtschaftshistoriker Niall Ferguson und dem heutigen Präsidenten des Kieler Instituts für Weltwirtschaft Moritz Schularick kreierten Begriff Chimerica, der eine „Symbiose“ der USA und Chinas meint. Praktisch war dies der Beginn einer Periode von gleichzeitiger pragmatischer Kooperation und Wettbewerb des Westens1 und Chinas, die spätestens im Jahre 2019 ihr formales Ende fand. Seit 2019 bezeichnet die EU, den USA bzw. ihrem damaligen Präsidenten Trump mit zwei Jahren Verspätung folgend, China als Partner, Wettbewerber und Rivalen. Vier Jahre später wurde durch die Bundesregierung eine Chinastrategie verabschiedet, die grundsätzlich mehr auf Unterschiede und Abgrenzung abstellt als auf Gemeinsamkeiten und Kooperation. In dieser heißt es beispielweise, China wolle weltweit „wirtschaftliche und technologische Abhängigkeiten schaffen, um diese zur Durchsetzung politischer Ziele und Interessen zu nutzen“. [5]

Mit der Übergabe der US-Präsidentschaft von Donald Trump an Joe Biden hat sich in Washington allenfalls der Ton in Nuancen geändert; direkt im Nachgang seiner Wahl im November 2020 bezeichneten die Oberkommandierenden der US Navy, der Marines und der Coast Guard gemeinsam China als „umfassendste langfristige Bedrohung“ der USA. Im Frühjahr 2024 und damit kurz vor den Wahlen im Jahr 2024 verfügte Präsident Biden über neue Strafzölle2 auf chinesische Einfuhren in der Annahme, damit seine Chancen auf eine Wiederwahl zu erhöhen.

Die große Zeit der internationalen Organisationen scheint vorbei zu sein und das Fundament der internationalen Rechtsordnung zerfällt: Streitschlichtung über die Welthandelsorganisation WTO funktioniert praktisch nicht mehr, der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen wird von der jeweiligen Gegenseite (aus westlicher Sicht Russland und China) lahmgelegt und der Internationale Strafgerichtshof wird von den deutschen Medien bejubelt, wenn er einen Haftbefehl gegen den russischen Präsidenten Putin ausstellt und verdammt, wenn ein solcher gegen den israelischen Premierminister Netanjahu möglich scheint.

Wenn Sie dieses Buch in der Hand halten, haben in den USA wieder Präsidentschaftswahlen stattgefunden. Tatsächlich ist die „Abneigung“ gegenüber China und die Überzeugung, es „eindämmen zu müssen“, fast das einzige große Thema in den USA, in dem sich Republikaner und Demokraten weitgehend einig sind: Für den näheren Fortgang der geopolitischen Rivalität zwischen USA und China ist es somit vermutlich nachrangig, ob Trump oder Biden oder jemand anderes ab Januar 2025 im Oval Office residiert.

Ob Deutschland bzw. seine politische Führung die Notwendigkeit sieht, sich den USA anzuschließen oder ob wir weiter Handel sowohl mit den USA als auch mit China treiben können, wird sich zeigen. Im Fall eines Rückbaus des Außenhandels müssen wir uns, der Theorie der komparativen Vorteile von David Ricardo (1772 – 1823) folgend, mit der jeder Student der Wirtschaftswissenschaft im Grundstudium bekannt gemacht wird, mittelfristig quasi deterministisch auf Wohlstandsverluste einrichten. Es wird dann Aufgabe der Politik sein, dem Wahlvolk den Trade-off zwischen den Vorteilen eines weitgehend auf der Idee des Freihandels basierenden internationalen Handelssystems und „mehr Unabhängigkeit“ zu erläutern. Dies wäre in „normalen Zeiten“, also ohne demografischen Wandel, Kriege an der Peripherie und Migrationsdruck an den Außengrenzen der EU bereits eine kaum zu bewältigende Herausforderung.

Änderungen der Wahrnehmung Chinas durch die Europäer sind nicht neu. Bevor China mit dem 1. Opiumkrieg von 1839 – 1842 im Westen der Verachtung anheimfiel, genoss es im späten 17. bis Ende des 18. Jahrhunderts bei vielen europäischen Intellektuellen und Aristokraten einen ausgezeichneten Ruf. Jeder europäische Fürst, der etwas auf sich hielt, hatte im Barock und Rokoko eine Sammlung chinesischen Porzellans aus der Ming- (1368 – 1644) und aus der Qing-Dynastie (1644 – 1911); chinesische Pagoden oder Türme finden sich in den Parks und Schlössgärten ganz Europas.

Der bekannteste China-Kenner des Barocks war der Universalgelehrte Gottfried Wilhelm Leibniz (1646 – 1716), der mehrfach darauf hinwies, dass die Europäer zu wenig über Sprache, Philosophie und Geschichte Chinas wissen, um belastbare Urteile fällen zu können. Der deutsche Sinologe Ole Döring führte dazu 300 Jahre später aus:

„Wir können die Entwicklungen im heutigen China nicht ansatzweise verstehen, wenn wir politische Begriffe wie ‚totalitär‘ oder ‚zentralistische Diktatur‘ in den Mittelpunkt stellen. Die entsprechenden chinesischen Äquivalente sind historisch, moralisch und politisch ganz anders verknüpft und im Diskurs präsent, als dass sie in Begriffen unserer Erfahrungswelt aufgehen könnten.“ [6]

Das Bild von China, das die meisten öffentlichen und privaten deutschen Leitmedien seit vielen Jahren zeichnen, ist kein gutes. Die Darstellungen konzentrierten sich seit Beginn der 2020er Jahre primär auf Überwachung, Jugendarbeitslosigkeit und eine Immobilienkrise (auf Tibet, Taiwan und die Uiguren in Xinjiang wird an anderen Stellen eingegangen). Spiegelbildlich war ein Großteil der chinesischen Berichterstattung zu Deutschland und den USA im Herbst 2023 und Frühjahr 2024, als ich nach mehr als drei Jahren „Corona-Pause“ wieder in China war, den Folgen von ungeregelter Zuwanderung, Inflation und Drogenkonsum gewidmet. Beide Darstellungen sind nicht völlig falsch, sie sind jedoch einseitig und überzogen. Auf Deutschland übertragen bedeutet dies, sich vorzustellen, ein oder zwei Stunden durch das Frankfurter Bahnhofsviertel im Frühsommer des Jahres 2024 zu spazieren, die Eindrücke zu notieren und sich daraus ein Deutschlandbild gemacht zu haben.

Richtig ist, dass sich China in einer Wirtschaftskrise befindet, die in etwa dem Zustand der Bundesrepublik Deutschland Mitte der 1990er Jahre, nach Beendigung des „Einheitsbooms“, entspricht. Nach 40 Jahren Wachstum bekommen die weniger guten Absolventen der Universitäten nicht die Jobs, die ihnen noch wenige Jahre zuvor vorschwebten und die Eintrittsgehälter sind zumeist auf einem Niveau, das ein materiell nur sehr bescheidenes Leben ermöglicht. Chinas Staatsführer Xi Jinping3 selbst hat dies im Herbst 2023 derart auf den Punkt gebracht, dass die Jugend lernen müsse „Bitterkeit zu essen“. Er gebraucht hier einen sprachlichen Ausdruck, den wir verstehen, so aber nie verwenden würden. Dabei geht es prinzipiell um den mit der inzwischen beendeten Ein-Kind-Politik verbundenen sich anbahnenden Generationenkonflikt und die psychische Belastbarkeit der Wohlstandskinder,4 deren Existenz den wohl höchsten Preis für den wirtschaftlichen Aufschwung der vergangenen vier Jahrzehnte darstellt. Dass diese Übergangsphase kommen musste, war jedermann, der sich mit China beschäftigte, klar. Respekt (den China aus dem Westen nicht hinreichend erhielt und in absehbarer Zeit auch nicht erhalten wird) verdient aber die Tatsache, dass der Wachstumsprozess so lange und ohne echte Turbulenzen vonstatten ging.

Mitte 2023 waren nicht einmal mehr 400 Studenten aus den USA in China erfasst, davon mehr als die Hälfte in Peking.5 Ursächlich für den Rückgang der US-Studenten in China waren dabei die schlechte Presse Chinas in den USA – junge Amerikaner sehen es in der Gegenwart offensichtlich als karriereschädigend an, in China zu studieren – als auch die restriktiven Maßnahmen der chinesischen Behörden während der Corona-Krise. Wie in einer gescheiterten Ehe gab es nicht den allein Schuldigen, beide Supermächte bzw. ihre Entscheidungsträger haben ihren Anteil an der wechselseitigen Entfremdung. Einige Führer der USA und Chinas haben aber inzwischen offensichtlich verstanden, dass die Sprachlosigkeit auf beiden Seiten überwunden werden muss, eine Erkenntnis, die sich in der deutschen Politik Mitte 2024 offensichtlich noch nicht durchgesetzt hat. Offensichtlich hat noch nicht einmal der Versuch stattgefunden, laut darüber nachzudenken, ob ein geschwächtes China für uns gefährlicher ist als ein stabiles China (wenn man schon der Meinung ist, dass China eine Gefahr für den Westen darstellt). Dazu müsste man aber etwas über China wissen.

Ich habe mehr als die Hälfte meines Berufslebens im Ausland verbracht. Seit 2002 bin ich regelmäßiger Gast an verschiedenen Universitäten Shanghais, an denen ich insgesamt ca. vier Jahre tätig war. Ich denke somit, die Grundlinien chinesischen politischen Denkens – die die chinesische Führung offen kommuniziert – gut genug zu verstehen, um diese hinreichend präzise und verständlich erläutern zu können. Meine Überlegungen zu China, die ich Ihnen hier darlege, sind aus mehr als 20 Jahren Arbeiten und Leben mit chinesischen Kollegen, von denen einige enge Freunde wurden, gestützt. Ebensolange bin ich häufig in den USA und verfolge somit die Entwicklung der „US-amerikanischen Sicht auf China“.

China ist ungeheuer divers und Shanghai ist damit ebensowenig repräsentativ für China wie New York für die USA. Auch sind meine chinesischen Freunde und Kollegen auschließlich gebildete und wohlhabende Menschen. Nichtsdestotrotz leben wir physisch miteinander: An Wochenenden in Shanghai fahre ich zu „meiner chinesischen Familie“: Dort versucht man wie wir, einigermaßen anständig durchs Leben zu kommen und vor allem den Kindern ein gutes Leben zu ermöglichen. Im vorletzten Kapitel dieses Buches lesen Sie einen Gastbeitrag. Eine Chinesin, die mit einem Deutschen verheiratet ist, mit dem sie gemeinsam drei Kinder hat, berichtet dort von den besonderen Freuden und Schwierigkeiten in einer deutsch-chinesischen Familie.

Zu jeder Teildisziplin der chinesischen Gesellschaft, Philosophie und Geschichte existieren umfangreiche Fachbücher, die jedes für sich für die Komplexität der Materie stehen und die für die Tiefen(aus)bildung verfasst wurden. Unbestreitbare Vorteile des hier verwendeten Monografie-Formates sind die Konzentration auf das Wesentliche und der Zwang, verständlich zu schreiben. Neben klassischen Argumentationslinien werde ich deshalb eigene Beobachtungen und Erlebnisse einstreuen. Um die Lesbarkeit zu erleichtern, werden nachrangigen Aussagen, die fast immer durch wenig aufwendige Recherchen verifiziert werden können, keine Quellen zugeordnet, ebenso wird auf ein Glossar sowie Sach-, Namens- und Abürzungsverzeichnisse verzichtet. Sie finden im Text und im Anhang aber zahlreiche Literaturhinweise. Dabei wird Ihnen auffallen, dass viele dieser Quellen – Gutes muss nicht neu sein – relativ alt sind. Insbesondere habe ich mich bemüht, so selten wie möglich chinesische Dynastien und chinesischen Namen zu nennen (ohne geht es natürlich nicht!), da dies den nichtgeschulten Leser im Allgemeinen verwirrt und mitunter sogar zum Leseabbruch führt.

Tatsächlich hoffe ich, Sie, verehrte Leserin oder verehrter Leser, mit diesem kurzen Text zu China zum Nachdenken über sich selbst, unsere Gesellschaft bzw. eine Gesellschaft, in der Sie bzw. wir leben möchten, anzuregen. Dabei dürfen wir eines nie aus den Augen verlieren: Unser Wohlstand wird weiter auf Gedeih und Verderb von unserer Bildung, und damit sind explizit nicht nur fachliche Aspekte gemeint, und unserer Fähigkeit, wertschöpfend zu arbeiten, abhängen. Anders ausgedrückt: Die Zukunft Deutschlands wird primär an seinen Schulen und Hochschulen entschieden. Uns fehlt es in vielerlei Hinsicht an Wissen, und dieses wiederum ist notwendige Voraussetzung, um unsere Interessen zu verstehen und im Anschluss artikulieren zu können. Dass der Erwerb von Wissen Freude bereiten und zugleich und „Hunger auf mehr“ machen kann, liegt in der Natur der Sache. Wenn Sie dieses Buch zum Weiterfragen, Lesen und Reisen motivieren sollte, hat es seinen Zweck erfüllt.

Dass einzelne Argumentationen Teilen aus meinem deutlich umfangreicheren Buch „Herausforderungen der Wirtschaftspolitik“ [8], das in 2. Auflage im Jahr 2022 beim UTB-Verlag in Tübingen erschienen ist, ähneln, liegt in der Natur der Sache. China steht dort implizit immer als ein gesellschaftliches „Gegenmodell“ im Raum. Auch formal gibt es eine Kontinuität, indem ich in diesem Text jedem Kapitel einen Exkurs nachgestellt habe. Unverändert bleibt meine Überzeugung, dass wir (noch) in der für uns besten aller Welten leben.

Ich danke Iris Bockholt, Rolf Drees, Andreas Ebert, Frederik Hill, David Kantel, Jacob Kleinow, Louis Aaron König, Verena Lindow, Finja Lene Probandt, Junhua Tang, Frank Witt und Haifeng Zendeh für Ihre Anmerkungen und Korrekturen des Rohmanuskripts. Es bleibt zu sagen, dass alle inhaltlichen Fehler oder Unkorrektheiten allein mir zuzuschreiben sind.

 

Rostock, im Juli 2024

Unter dem Link https://de.china-embassy.gov.cn/det/lsfw/visa/ können aktuelle Informationen zu Einreisebedingungen deutscher Staatsbürger in die VR China abgerufen werden.

1Auftakt

Stellen wir uns einen zwanzigjährigen Leser1, vielleicht Sie selbst, vor, der dieses oder auch ein anderes Buch in die Hand nimmt. Sie sind ein noch teilweise unbeschriebenes Blatt, Sie eint mit Gleichaltrigen, dass Sie vermutlich vor Kurzem das Abitur abgelegt haben, auch wenn Sie auf unterschiedliche Weise, auf einer Waldorf-Schule, einem klassischen Gymnasium oder einem Wirtschaftsgymnasium, darauf vorbereitet wurden. Sie denken also „ähnlich“ bzw. Sie sind ähnlich konditioniert. Wenn Sie sich weitere 20 Jahre später mit Ihren ehemaligen Klassenkameraden treffen, sitzen u. a. Juristen, Ärzte, Ingenieure, Wirtschaftswissenschaftler und Naturwissenschaftler am Tisch. Wenn Sie dann das Terrain der Jugendgeschichten verlassen und sich Gesellschaft und Politik zuwenden, könnten Sie feststellen, dass es berufliche Besonderheiten gibt, die die Art der Menschen, die Welt zu betrachten, prägen. Anders ausgedrückt. Ein Mathematiker hat im Allgemeinen eine andere Art, Probleme zu analysieren und zu lösen bzw. „durchs Leben zu gehen“ als ein Jurist.

Wir sind gewohnt, Entscheidungen zu treffen, ohne jedes Mal die Voraussetzungen zu hinterfragen. Ein Großteil unseres Verhaltens basiert auf der Art, wie wir konditioniert sind bzw. auf Konventionen, die sich im Laufe der Zeit ändern können (z. B. Damen den Vortritt lassen, ihnen in den Mantel helfen, Gendern, usw.) oder die sehr zeitstabil sind (Rechtsverkehr auf dem europäischen Kontinent, in weiten Teilen von Festlandasien und auf dem amerikanischen Doppelkontinent, Linksverkehr in Großbritannien, Indien, Thailand, Australien, Japan und Neuseeland). In keinem dieser Fälle handelt es sich um Naturgesetze, sondern um verbindliche Regeln, die in einer Gesellschaft existieren und eingehalten werden, um das Leben der Menschen berechenbarer zu gestalten. Je mehr Menschen auf engem Raum leben, umso wichtiger werden funktionierende Regeln und deren Einhaltung, um Ordnung zu bewahren.

Konventionen sind kein Wissen. Im Allgemeinen glauben wir auch viel mehr zu wissen, als dass dies tatsächlich der Fall ist. Wir leben zudem – zumeist gut – mit Theorien, ohne uns daran zu erinnern, dass es Theorien sind. Prinzipiell wissen wir, dass einige der Theorien, mit denen wir hantieren, falsch sind. Wir wissen nur nicht welche. Über hunderte Jahre waren auch die klügsten Menschen ihrer Zeit davon überzeugt, dass Phlogiston, ein Feuerstoff, existiere, der aus brennbaren Körpern bei der Verbrennung entweicht sowie bei Erwärmung in sie eindringt. Es war schließlich der französische Chemiker Antoine de Lavoisier (1743 – 1794), der am Ende des 18. Jahrhunderts Gewichtsveränderungen verschiedener Stoffe bei Oxidation bzw. Reduktion untersuchte und entdeckte, dass das Element Sauerstoff dabei die entscheidende Rolle spielte. Etwas, was sehr lange als gesichertes Wissen angesehen wurde, war quasi über Nacht widerlegt.