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Eine sorgfältig recherchierte Studie, die durch die Einbeziehung der biografischen und intellektuellen Entwicklungsgeschichte von Althaus zeigt, dass sein Antisemitismus eine lange und theoretisch ausgereifte Vorgeschichte hat - weit vor der NS-Machtübernahme. 1933 setzt Paul Althaus, der bedeutende theologische Autor, seine Unterschrift unter das antisemitische "Gutachten zum Arierparagraph" der Erlanger Universität. Wie kam der Systematiker, Neutestamentler und Lutherforscher, der beliebte akademische Lehrer und Prediger zu einer solch dezidiert antisemitischen Äußerung? Tanja Maria Hetzers ideengeschichtliche Studie spannt einen weiteren Bogen als alle bisherigen Arbeiten zu Althaus, um diese Fragen zu beantworten: Sie beginnt mit der "Entnazifizierung" der Theologischen Fakultät der Universität, rekonstruiert seinen theologischen und (kirchen-)politischen Werdegang, seinen Einsatz als Gouvernementpfarrer im besetzten Polen während des Ersten Weltkrieges und seine Entwicklung zum konservativen, der "Positiven Theologie" zugehörigen Akademiker. Sie beleuchtet Althaus' "Schöpfungstheologie" und den von ihm vertretenen "gemäßigten" Antisemitismus, den er euphemistisch als "Seelsorge am Antisemitismus" bezeichnete und mit dem er das national-konservative Klima entscheidend mitprägte.
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Seitenzahl: 484
Veröffentlichungsjahr: 2011
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Beiträge zur Geschichtswissenschaft
Herausgegeben von Ernst Piper
Tanja Hetzer
»Deutsche Stunde«
Volksgemeinschaft und Antisemitismusin der politischen Theologiebei Paul Althaus
Das Buch wurde 2007 als Dissertation von der University of Sussex/England angenommen.
Wir danken der Stiftung Irène Bollag-Herzheimer (Basel) und der Axel-Springer-Stiftung (Berlin) für ihre großzügige Unterstützung.
Weitere Informationen über den Verlag und sein Programm unter: www.allitera.de
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Juli 2009
Allitera Verlag
Ein Verlag der Buch&media GmbH, München
© 2009 Buch&media GmbH, München
Umschlaggestaltung: Kay Fretwurst, Freienbrink, unter Verwendung eines
Fotos des Stadtarchivs Erlangen, Zuhörer im Kolosseumssaal bei der Hitlerrede
am 3 · Juli 1931 (Signatur: VI.F.b.360).
Herstellung: Books on Demand GmbH, Norderstedt
Printed in Germany · ISBN 978–3-86520–328-1
Einleitung
1 Entnazifizierung in der Theologie
1.1 Entnazifizierung – im eigenen Haus
1.2 Die Entlassung
2 Christliche Apologetik oder Kampfgemeinschaft
2.1 Das Fundament: Elternhaus
2.2 Die Verbindung: Nicaria
2.3 Geistige Väter: Adolf Schlatter und Karl Holl
2.4 Theologische Konzepte: Erlanger Schule und Eschatologie
2.5 Blick in andere Disziplinen: Leopold Ranke und Max Lehmann
3 Beginn des Ersten Weltkriegs und die Volksgemeinschaft
3.1 Einsatz als Mobilisierungsprediger
3.2 Kampf für deutsche Identität in der kulturellen Grenzlage
3.3 Engagement für die völkische Bewegung
3.4 Althaus’ Blutideologie
3.5 Luther und die deutsche Volksseele
4 Kriegstheologie
4.1 Offenbarung, Reinigung und Läuterung
4.2 Volkseelsorgerische Berufung
4.3 Opferhingabe für die Volksgemeinschaft
5 Niederlage als Gemeinschaftserfahrung
5.1 Überwindung des Individuellen und Partikularen
5.2 Kirche als höhere Volksgemeinschaft
5.3 Neue Bedrohung: Schmutz und Zersetzung
6 Pazifismus im Visier christlicher Ethik
6.1 Lebendige Gerechtigkeit: Wider den Idealismus des Friedens
6.2 Werden und Vergehen: Die Idee vom »tüchtigen« Volk
6.3 Wille, Recht und Macht: Die Ethik der Volks-Existenz
6.4 Volk und »geschichtlicher Beruf«
6.5 Die Völkergemeinschaft: Eitle Schwärmerei wider Gottes Walten
6.6 Neue Beziehung von Religion und Volkstum
7 Weimarer Republik: Nach dem Krieg ist vor dem Krieg
7.1 Politische und theologische Positionierung
7.2 Eine dogmatische Moral von Unterwerfung und Gehorsam
7.3 Intellektuelle Vernetzung und theologische Urteile
Kampf mit doppelter Front: Beiträge zur Förderung christlicher Theologie
Urteile des Glaubens: Zeitschrift für systematische Theologie
8 Ruf nach Erlangen – Hochburg der Lutheraner
8.1 Die neue Generation: Elert und Althaus
8.2 Studenten kämpfen gegen »schädliche Toleranz«
9 Die Judenfrage – ein theologischer Alleinkampf
9.1 Gegen eine mystische Annäherung an Christus bei Constantin Brunner
9.2 Abwehr Martin Bubers mystischer Gottesauffassung und Betrachtung des Urchristentums
9.3 Mit Peinlichkeit des Körperlichen gegen Max Brod
9.4 Keine »gemeinsame Entdeckungsreise« mit Franz Rosenzweig
10 Schöpfungstheologie und Antisemitismus
10.1 Ethik und Ordnung der Volksgemeinschaft
10.2 Seelsorge am Antisemitismus
11 In politischer Mission
11.1 Eine deutsche Stunde
Boykott und Gewalt gegen Juden
(Selbst-)Arisieriung der Universität Erlangen
Wider undeutschen Geist
11.2 Ein Arierparagraf für die Kirche: (Selbst-)Gleichschaltung?
Frage nach Rasse oder Bekenntnis
Ein Wort aus Erlangen
Ablehnung und Zuspruch
Praxis der Entlassungen
11.3 Streit um theologische Wahrheit und kirchenpolitischen Einfluss
Die Bekennende Kirche formiert sich in Barmen
Mit lutherischer Stimme dagegen
Theologen von Weltruf in einer unheilvollen Allianz
Elerts Bekenntnis zu Blut und Boden
Althaus’ Bekenntnis in alle Richtungen
Unwertes Leben aus Sicht der Schöpfungstheologie
11. 4 Im Einsatz für den völkischen Auftrag der Kirche
Als Vermittler zwischen den Fronten
Mit im Boot: Das »Befriedungswerk« des Reichskirchenministers
Althaus’ Schöpfungstheologie als Vorbild für die Mission
11.5 Volksgemeinschaft und Staatspositivismus
Eine göttliche Volksgemeinschaft
Schützenhilfe von Elert
Prediger des Herrn
12 Nach Kriegsende: Von der Volksgemeinschaft zur Schicksalsgemeinschaft
12.1 Die Enkelgeneration beginnt zu fragen
12.2 Eine entblößende Verteidigung
12.3 Der mühsame Weg der Kirche zur Verantwortung
12.4 Deutsche Schuld – ein Verhängnis?
12.5 Von der Ordnungstheologie zur unpersönlichen Schuld
12.6 Ein theologisches Problem: Verrat, Entweihung und Befleckung
Schluss
Dokumente
Paul Althaus: Rede zur Enthüllung des Kriegerdenkmals (1. Juli 1930)
Theologisches Gutachten über die Zulassung von Christen jüdischer Herkunft zu den Ämtern der Deutschen Evangelischen Kirche (Erlanger Gutachten, 25. September 1933)
Der »Ansbacher Ratschlag« zu der Barmer »Theologischen Erklärung« (1934)
A. Die Grundlagen
B. Die Aufgabe
Dank
Quellen- und Literaturverzeichnis
Unveröffentlichte archivalische Quellen
Zeitschriften und Heftreihen
Veröffentlichte Quellen und Literatur von Paul Althaus
Veröffentlichte Quellen und Literatur bis 1945
Literatur seit 1945
Bildnachweis
Personenregister
1933 unterzeichnete Paul Althaus für die theologische Fakultät der Universität Erlangen das Gutachten zum Arierparagraf. Damit befürwortete er eine innerkirchliche Arisierung nach dem Vorbild des »Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums« vom 7. April 1933. Ein Jahr später unterschrieb er den politisch ebenso problematischen Ansbacher Ratschlag, worin propagiert wurde, dass Gott sich nicht allein in Christus, sondern ebenso in Familie, Volk und Rasse offenbare. Die Unterzeichner glaubten, auch im nationalsozialistischen Staat und dessen Führer Adolf Hitler eine gottgegebene Ordnung zu erkennen, die Offenbarungscharakter besitze.
Was bewegte den Erlanger Theologen Althaus, den Systematiker, Neutestamentler und Lutherforscher, den bedeutenden und viel gelesenen theologischen Autor und beliebten akademische Lehrer und Prediger zu einer solchen politischen Stellungnahme? Wie steht diese Übereinstimmung mit der antisemitischen Politik und Ideologie des Nationalsozialismus im Verhältnis zu seinem übrigen theologischen Schrifttum?
Seiner intensiven Korrespondenztätigkeit und Gesprächsbereitschaft verdankt Althaus eigentlich den Ruf eines Vermittlers: er gilt noch heute als Theologe mit einem selbst gewählten Standort in der Mitte.1 Es ist genau dieses scheinbar stimmige Bild eines Theologen in der Mitte, das es zu untersuchen lohnt. Wie verhält sich ein solcher Vermittler zur Judenfrage oder: Wie antisemitisch war eigentlich die Mitte?
Auch für die protestantischen Theologen lag zwischen offenem Widerspruch und freiwilliger Unterstützung des Antisemitismus ein breites Spektrum von Verhaltensweisen. Die entscheidende Frage lautet nicht nur, was Paul Althaus vor und während des Dritten Reiches zur Verbreitung des Antisemitismus beitrug und ob er dem Antisemitismus der nationalsozialistischen Ideologie und der konkreten Judenverfolgung im Dritten Reich zustimmte. In dieser Studie geht es auch um die Frage, in welchen Denkkategorien und Metaphern sich Antisemitismus bei ihm äußerte und entwickelte. Welche theologischen Begründungsmuster wurden beigezogen? Welche ethischen Maßstäbe benutzte Althaus im Zusammenhang mit der Verteidigung der deutschen Volksgemeinschaft? Was bedeutete »Gottes Wille« oder »Gottes Gerechtigkeit« in diesem Kontext?
Angesichts antisemitischer Traditionen sowohl im konservativen Protestantismus als auch im völkischen und neokonservativen Milieu, denen Althaus angehörte bzw. nahe stand, stellt sich die Frage, inwiefern nach 1933 neben einem Bruch auch eine Kontinuität zur Weimarer Zeit bestehen blieb.2
Eine einfache Gegenüberstellung von religiös und politisch geprägten Formen der Judenfeindschaft würde dabei zu kurz greifen.3 Denn der rassistische Antisemitismus des Nationalsozialismus nutzte neben rassistischen auch religiöse Motive, um die behauptete rassische Differenz zu popularisieren und hatte in dem tief verwurzelten religiösen Antijudaismus einen großen Vorrat »von nahezu automatischen antijüdischen Reaktionen« zur Verfügung.4 Zudem war seit der wilhelminischen Zeit die christliche Judenfeindschaft mit den Ideen der politischen Romantik, des Nationalismus und des Sozialdarwinismus verschmolzen. Die neuen nationalen, völkischen und rassenideologischen Rechtfertigungsmuster des Judenhasses lösten die alten antijudaistischen, religiös und wirtschaftlich motivierten Stereotype nicht einfach ab, sondern überlagerten sie. Deshalb lässt sich zwischen einem traditionellen Antijudaismus und einem modernen Antisemitismus auf motivgeschichtlicher Ebene keine klare Trennlinie ziehen. Sinnvoll scheint es vielmehr, das Phänomen Antisemitismus im Kontext anderer zeitgenössischer Ideologien zu betrachten.5 Für die Interpretation des Antisemitismus in den Publikationen von Althaus gilt es deshalb auch zu fragen, welche anderen zeitgenössischen Strömungen er rezipierte und in welchen politisch-theologischen Netzwerken er sich bewegte.6
Die Verknüpfung von Politik-, Theologie- und Kirchengeschichte stellt in der bisherigen historischen Forschung zum Antisemitismus in der Theologie noch immer in vieler Hinsicht ein Desiderat dar. Die (kirchen-)historische Forschung zum Protestantismus im Dritten Reich ist zwar (auch) äußerst umfangreich, doch konzentriert sie sich noch bis in die 1990er Jahre stark auf den Kirchenkampf und die ersten Jahre des NS-Regimes.7
Die vorliegende ideengeschichtliche Studie spannt einen weiteren Bogen als bisherige Arbeiten zur Theologiegeschichte im Nationalsozialismus: Die Einbeziehung der biografischen und intellektuellen Entwicklungsgeschichte des Theologen Althaus und die gleichzeitige Verortung seiner Ideologie im theologischen und politischen Umfeld und seiner Generation sollen zeigen, wie sich sein Weltbild weit vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten festigte. Das sozialwissenschaftliche Modell der »politischen Kohorte« (oder auch »politischen Generation«) erweist sich dabei nicht nur für die Einordnung des politischen Denkens des 1888 geborenen Althaus sondern auch für sein Wirken nach 1945 aufschlussreich.8 Harold Marcuse wendet dieses Modell erstmals auf Erfahrungen und Einflüsse verschiedener Altersgruppen hinsichtlich ihrer Erlebnisse im Nationalsozialismus und ihrer Verarbeitung nach 1945 an. Althaus ist in diesem chronologisch angelegten Kohorten-Modell, das Björn Krondorfer fruchtbar auf die Theologieforschung übertragen hat, den sogenannten 1890ern zuzuordnen, die 1868 bis 1890 geboren wurden. Zu ihnen gehörte auch die Gründungsgeneration des Nationalsozialismus wie Hitler, Göring, Heß und Himmler. Auch wenn hier eine exemplarische Studie zu Althaus vorliegt, lassen sich durch Querbezüge zur Forschungsliteratur Spezifika dieser Theologengeneration erkennen. Besonders deutlich wird dies in der Rückschau der Theologen nach 1945, wie im Schlusskapitel skizziert.
Für diese Studie wurden nicht nur seine wissenschaftlichen Werke, sondern auch seine populären Schriften und Predigten untersucht, die eine ungleich größere Breitenwirkung hatten und vielfach politisch eine deutlichere Sprache sprechen. Sie richteten sich oftmals an Multiplikatoren, die an der öffentlichen Meinungsbildung mitwirkten.9
1977 veröffentlichte Klaus Scholder den ersten Band seiner umfangreiche Studie Die Kirchen und das Dritte Reich, in dem der Tübinger Kirchenhistoriker die Entwicklung vom Beginn der Weimarer Republik bis zum ersten Regierungsjahr Hitlers darstellt.10 Die Studie wertet die Quellen zur Kirchengeschichte so umfassend aus, dass fortan jede weitere kirchengeschichtliche Arbeit darauf aufbauen konnte, aber auch kaum je eine Arbeit über den von Scholder gesetzten Zeitraum (1933/34) hinausführte. Im Rückblick erweist sich zudem Scholders Engführung der sogenannte Judenfrage als historisch, aber auch historiografisch problematisch: Er beschränkte diesen Begriff lediglich auf die Auseinandersetzung um die Einführung des Arierparagrafen im Kirchenbereich. Dies scheint lange Zeit den Weg zu einer differenzierten Analyse der über den Kirchenkampf hinausgehenden Haltung der Kirche wie auch der Theologie zur NS-Judenpolitik verstellt zu haben. Zudem war das durchgehende Thema des Kirchenkampfes nicht – wie die Forschung nach Scholder den Eindruck erweckt – die Judenfrage, sondern eigentlich die »Kirchenfrage«. Es ging nicht um das Verhältnis zwischen Christen und Juden, sondern um die Frage der »wahren Ekklesia« und die Autonomie der Kirche gegenüber dem Staat.11
Die älteren Überblicksdarstellungen zur Kirchengeschichte, die sich vorwiegend an einer Institutionengeschichte orientieren und die Ideologiegeschichte vernachlässigen, gehen letztlich davon aus, dass die Haltung der Kirche gegenüber dem NS-Regime als Versuch verstanden werden müsse, die eigene Institution zu schützen.12 Zugespitzt führt dies zu der These, dass die Kirche, hätte das Dritte Reich länger gedauert, das »nächste Opfer« der NS-Politik geworden wäre.13 Unlängst konnte der Historiker Manfred Gailus in seiner sozialgeschichtlichen Fallstudie zu Berlin nachweisen, in welchem Maße das protestantische Kirchenmilieu selbst von nationalsozialistischen Auffassungen durchdrungen war.14 Daneben zeigen mehrere neuere Arbeiten, dass auch die Bekennende Kirche von antisemitischen Vorstellungen geprägt war.15 Allerdings wird durch die empirische Studie von Gailus ebenso deutlich, dass die historische NS-Forschung die theologischen Fragen und konfessionellen Zusammenhänge in ihrer Bedeutung zuweilen noch großzügig unterschätzt.
Erst im Herbst 1988 haben zahlreiche Gedenkfeiern und Veröffentlichungen zur Erinnerung an das Judenpogrom vom 9./10. November 1938 das öffentliche Interesse erneut auf das Verhältnis und das Verhalten von protestantischer Theologie und Kirche gegenüber der antisemitischen Judenpolitik gelenkt.16
Die dann 1990 von Marikje Smid veröffentlichte Studie Deutscher Protestantismus und Judentum 1932/1933 setzte diesbezüglich einen wichtigen Akzent: In ihrem Vergleich unterschiedlicher Strömungen innerhalb der Kirchengeschichte, sowie der Systematischen und Praktischen Theologie kann sie überzeugend zeigen, dass auch die im Luthertum wirksamen Vorurteile gegenüber Juden und dem Judentum nicht zwangsläufig zu einer Duldung und Unterstützung der nationalsozialistischen Judenpolitik führen mussten.17 Aber auch ihre Arbeit geht über das Jahr der Machtergreifung nicht hinaus. Eberhard Röhm und Jörg Thierfelder erweitern in ihrer vierbändigen Darstellung und Dokumentensammlung diesen engen Zeitraum. Sie dokumentieren anhand von Einzelschicksalen das Verhalten von Christen während der Judenverfolgung, besonders den Umgang der Kirche mit ihren sogenannten »judenchristlichen« Pfarrern und den getauften Juden.18 Erst 2001 findet schließlich das Werk von Scholder über die Kirchen im Dritten Reich seine Fortsetzung: Gerhard Besier präsentiert sie in seinem Buch über die Geschichte der beiden großen Kirchen zwischen 1934 und 1937.19 Ebenso akribisch wie sein Lehrer Scholder rekonstruiert Besier auf fast 1300 Seiten minutiös die Politik des NS-Regimes gegenüber den Kirchen. Besier widmet schließlich auch ein Kapitel der NS-Judenpolitik, worin aber auch er sich vor allem mit der Haltung der Kirchen gegenüber den zum Christentum konvertierten Juden und Jüdinnen, deren Selbstorganisationen (»Reichsverband der nichtarischen Christen«) und Hilfsorganisationen beschäftigt; er bleibt damit letztlich dem klassischen Themenkanon der Kirchenkampfgeschichtsschreibung verhaftet.20
Im Unterschied zu den kirchengeschichtlichen Forschungen zum Dritten Reich wird von der Theologiegeschichte, einer Sparte der systematischen Theologie, durch eine allzu binnentheologischen Perspektive oftmals der zeitgeschichtliche Kontext unterschlagen. Dennoch ermöglichten diese Arbeiten mit ihren oftmals akribischen (theologischen) Textanalysen mir als »Profanhistorikerin« – wie Theologen mich bezeichnen würden – einen Zugang zu den manchmal schwer erschließbaren Texten.21 Wie fruchtbar indes auch ein theologiegeschichtlicher Ansatz sein kann, zeigt Heinrich Assel, der die weltanschauliche Disposition der Lutherrenaissance, die in den 1920er Jahren ihren Anfang nahm und zu der auch Paul Althaus zählte, in Bezug zur NS-Ideologie setzt und ihre teilweise Kompatibilität mit dieser nachweist.22
Wegweisend sind nach wie vor die Arbeiten der Theologin Leonore Siegele-Wenschkewitz: Mit ihrer dezidiert interdisziplinären Studie über den Antisemitismus des Tübinger Neutestamentlers Gerhard Kittel setzte sie einen wichtigen Impuls in der Theologiegeschichte.23 Aufsehen erregte ihre Studie auch deshalb, weil sie mit Kittel einen der prominentesten Theologen untersuchte und damit auch die Geschichte theologischen Fakultäten während der NS-Zeit ins Zentrum der Forschung rückte.24 Ihr Ansatz wurde allerdings von der Theologiegeschichte nicht rezipiert. So sah sie sich fünfzehn Jahre später noch zu Recht zu ihrem Plädoyer veranlasst, die Interpretation theologischer Äußerungen nicht darauf zu beschränken, die innere Logik der protestantischen Polemik nachzuzeichnen, sondern vielmehr den Zusammenhang mit der rechtlichen, ökonomischen, sozialen und kulturellen Lage der jüdischen Gemeinschaft im Blick zu halten.25
Die weitgehende Marginalisierung der Haltung verschiedener protestantischer Richtungen gegenüber der NS-Judenpolitik in der Forschung scheint auf eine besondere perspektivische Verengung zurückzuführen zu sein: So beschränkte sich sogar die Forschung zur Glaubensbewegung der Deutschen Christen, deren deklariertes Ziel eine Synthese zwischen Christentum und Nationalsozialismus war und die ein explizit antisemitisches Programm vertraten, lange weitgehend auf eine organisationsgeschichtliche Perspektive.26 Erst in der Studie der amerikanischen Historikerin Doris Bergen gelang es, die ideologische Zielsetzung der Deutschen Christen und ihre Position innerhalb der nationalsozialistischen Weltanschauung einzuordnen und Antisemitismus als zentralen Bestandteil dieser Weltanschauung nachzuweisen.27 Der bereists erwähnte Robert P. Ericksen – auch ein amerikanischer Historiker – zeigte schließlich, dass die antisemitische Ideologie der Deutschen Christen durchaus zum mainstream der Theologie zählte und auch in der Universitätstheologie verankert war.28 Möglicherweise brauchte die deutsche Forschung diese Impulse aus den USA, um die ideologische und personelle Verstrickung der theologischen Wissenschaften in die NS- Zeit aufzudecken. Wie in anderen Disziplinen verhinderten sicherlich auch in der Theologie die Abhängigkeitsverhältnisse von jungen Forschern und Forscherinnen zur Generation der Väter, die als Professoren den Zugang zur Wissenschaftscommunity verwalteten und selbst noch ideell oder durch direkte familiäre Loyalität mit der NS-Zeit verbunden waren, eine kritische Forschung. Dabei ist gerade in der protestantischen Theologie die dichte Vernetzung durch Verwandtschaftsverhältnisse besonders auffällig: Nachfolge der Söhne als Professoren, Heiraten innerhalb von Theologen- und Pastorenfamilien. Außerdem wird in keiner anderen Disziplin wie in der Theologie der Verortung der eigenen wissenschaftlichen Positionierung durch die Namen der akademischen Lehrer solche Bedeutung zugemessen, was alleine dadurch zum Ausdruck kommt, dass in kaum einer biografischen Notiz die Namen der Professoren fehlen, was in andern Disziplinen längst nicht so ausgeprägt ist. Darüber hinaus sind Wissenschaftler jedes Faches – sobald es um die Geschichte des Nationalsozialimus geht – nicht nur in Loyalität gegenüber ihrer Disziplin verhaftet, sondern selbst auch wieder in hohem Masse durch ihre persönliche Familienbiografie geprägt, die aber selten reflektiert geschweige denn transparent diskutiert wird.29
Inzwischen sind die theologischen Ansichten und kirchlichen Programme des radikalen Flügels der Deutschen Christen, als dessen markanteste Vertreter die sogenannten Thüringer Deutschen Christen gelten, in vieler Hinsicht erforscht.30 Ebenso ist das 1939 mit Zustimmung von drei Vierteln der deutschen evangelischen Landeskirchen gegründete Eisenacher »Institut zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben« in den Fokus grundlegender Forschung genommen worden.31 Unterbelichtet ist aber jener Teil der Deutschen Christen, die als gemäßigt galten und die ihre Fühler auch zu konservativen Kräften innerhalb der Landeskirchen ausstreckten, um eine überkonfessionelle Nationalkirche zu realisieren. Paul Althaus war genau an dieser Grenze tätig: Er versuchte die moderaten Deutschen Christen für die »Mitte« zu gewinnen.
Von dem 1888 geborenen Althaus heißt es in gängigen theologischen Lexika: Er war lutherischer Theologe ohne konfessionelle Enge und für alle bibelkritischen Probleme offen, aber extremen Positionen abgeneigt.32 Tatsächlich verband Althaus die Erneuerung des Erbes Luthers mit einer Offenheit für die zeitgenössischen Fragen der systematischen und historischen Theologie. Doch worin bestand diese Offenheit und wem gegenüber galt sie? Seine Ethik ist klar lutherisch orientiert: Die Lehre von zwei Reichen – dem geistlichen und dem weltlichen – war für ihn Grundlage seiner theologischen und politischen Ausrichtung.33 Mit dem Dogmengeschichtler Werner Elert prägte Althaus den Ruf der Erlanger Fakultät als Hort des Luthertums. Seine Sozialethik wurde von ihm konsequent als Ethik der Ordnungen entfaltet. Althaus wirkte als Wissenschaftler nach 1945 weit über den Bereich der bayerischen Landeskirche hinaus und prägte eine ganze Theologengeneration entscheidend mit.34
Beim Evangelischen Kirchentag in Nürnberg im Jahr 1979 zeigte sich die besondere Brisanz dieses Themas beim Versuch, die antisemitische Verstrickung der Erlanger Theologie im Dritten Reich zu beleuchten.35 Mitglieder der Theologischen Fakultät der Universität Erlangen beschäftigten sich dabei eingehend und kritisch mit ihrem bis dahin unter Laien häufig wenig bekannten Erbe, dem Gutachten zum Arierparagrafen der Erlanger Theologen Paul Althaus und Werner Elert aus dem Jahr 1933. Dieses Ereignis rief ein großes öffentliches Echo hervor und löste eine heftige Kontroverse aus. Im Jahr 1989 verursachte die Vergangenheit der Erlanger Fakultät erneut eine heftige Diskussion. Anlass war diesmal ein Aufsatz des Erlanger Kirchenhistorikers Berndt Hamm zur Erlanger Theologie im Nationalsozialismus mit dem Titel Schuld und Verstrickung der Kirche.36 Damit sah der emeritierte Erlanger Kirchenhistoriker Karlmann Beyschlag seine akademischen Lehrer so verunglimpft, dass er sich zu einer scharfen Kritik provoziert fühlte.37
Mit der Studie Eine Frage der Rasse? von Axel Töllner liegt seit kurzem eine empirisch fundierte Forschungsarbeit zur Auswirkung des Arierparagrafen und des von Althaus mitverfassten Gutachtens auf die bayerischen Pfarrerfamilien mit jüdischen Vorfahren vor. Nebst der umfangreichen regionalgeschichtlichen Quellenarbeit liegt ein Akzent der Arbeit auf der Beleuchtung des damaligen theologie- und mentalitätsgeschichtlichen Klimas, das den Hintergrund für die Reaktionen auf die Forderung bildete, die Kirche dem NS-Staat entsprechend zu »arisieren«. Damit setzt Töllner einen expliziten Fokus auf die Bedeutung des Antisemitismus.38
Eine umfassende Biografie über Paul Althaus entsteht zur Zeit in Erlangen von dem Politikwissenschaftler Gotthard Jasper, dem der gesamte private Nachlass von Paul Althaus zur Verfügung steht. Hierbei wird erstmals auch der komplette Briefwechsel des Theologen mit einbezogen. Die frühesten Briefe, die Althaus als 18 bis 19-jähriger Student an seine Eltern schrieb, sind dabei aus historischer Sicht ein besonderer Fund. Sie dokumentieren die familiäre Tradition eines positiv kirchlich orientierten lutherischen Pfarrhauses und geben Eindruck vom Studentenleben und Theologiestudium in Tübingen zu Beginn des 20. Jahrhunderts.39
Roland Liebenberg widmet seine kürzlich erschiene Studie Der Gott der feldgrauen Männer der theozentrischen Erfahrungstheologie von Paul Althaus während Ersten Weltkriegs.40 Diese innovative Arbeit erschließt unzählige bisher nicht bekannte Schriften von Althaus, die er in seiner Studienzeit und als Pfarrer in Łód veröffentlichte.41 Seine weit über einen theologischen Ansatz hinausweisende Vorgehensweise ermöglicht es, die mentalen Prägungen Althaus’ im Bildungsbürgertum und sein stark verinnerlichtes soldatisches Männerideal überzeugend darzustellen.
Die 2007 erschienene materialreiche Studie von Roland Kurz zum Nationalprotestantischen Denken in der Weimarer Republik vergleicht die Schriften von drei prominenten Protestanten aus dem Bereich Universitätstheologie, Kirchenpolitik und Publizistik: Paul Althaus, Otto Dibelius und Wilhelm Stapel.42 Dabei scheut der Autor zuweilen die historisch-politische Kontextualisierung zugunsten einer vorwiegend theologischen Hermeneutik. In seinem Fazit stellt Kurz dann auch nicht die Ordnungstheologie von Althaus vor dem Hintergrund ihrer politischen Wirkung in Frage, sondern widerspricht ihr in erster Linie aufgrund der Nichtverifizierbarkeit der Beziehung zwischen Gott und der Weltgeschichte. Dabei verharmlost er Althaus’ fundamentalistische Forderung der totalen Hingabe an die göttliche Ordnung als »Fehleinschätzungen«. Kurz favorisiert zudem die Interpretation, dass die Wirkung von Althaus’ Ordnungstheologie als Wegbereiter für die NS-Ideologie »sicherlich nie in seiner Absicht lag«, ohne die vermeintliche Absicht wiederum verifizieren zu können.43
Meine Studie beginnt mit der Entnazifizierung der Theologischen Fakultät an der Universität Erlangen. Überraschenderweise war Paul Althaus zuerst Vorsteher des Entnazifizierungsausschusses, wurde dann jedoch selbst angeklagt und vorübergehend aus dem Universitätsdienst entlassen. Nach seinem Freispruch kehrte er unbeschadet schon ein Jahr später auf seinen Lehrstuhl zurück. Die Grundlage seiner Anklage bildeten zunächst zwei Bücher: Deutsche Stunde der Kirchen (1933) und Führertum und Obrigkeit (1936). Der Inhalt dieser Publikationen und ihre Bedeutung im Gesamtwerk von Althaus wird im Fortgang der Studie beleuchtet werden.
Sein theologischer und (kirchen-)politischer Werdegang wird als Rückblende seit seiner Studienzeit (1906–1914) rekonstruiert, wobei die Frage nach der Kontinuität und den Brüchen in seiner ideengeschichtlichen Entwicklung im Zentrum steht. Die Rückblende beginnt mit der Studienzeit in Tübingen und Göttingen und beleuchtet seinen darauf folgenden Einsatz als Gouvernementpfarrer im besetzen Polen während des Ersten Weltkrieges. Wie erlebte der junge Akademiker im Grenzgebiet die Kultur der dort schon vor der Besatzung ansässigen Deutschen? Wie positionierte er sich als Theologe zum Krieg? Welchen ideologischen Strömungen fühlte er sich verpflichtet? Gibt es erste Anzeichen von Antisemitismus in seinen Schriften?
In der Weimarer Zeit widmete sich Althaus der Entwicklung seiner bekannten Schöpfungstheologie. In Abgrenzung zu völkisch-radikaler oder rassistisch-gewalttätiger Diskriminierung von Juden formulierte er in einem Text von 1927 einen im Vergleich dazu »gemäßigten« Antisemitismus, den er euphemistisch als »Seelsorge am Antisemitismus« bezeichnete. Eine genaue Textanalyse nicht nur dieser sondern auch seiner ethischen Schriften will zeigen, worin die spezifische Qualität der von Althaus vertretenen politischen Theologie liegt. Bedeutsam für sein Geschichtsverständnis sind seine Beiträge zur Eschatologie, die ebenfalls einer kritischen Analyse unterzogen werden. Dabei wird in dieser Studie auch das weitverzweigte akademische Netzwerk von Althaus und das Klima an der Universität Erlangen beleuchtet: Auf welchem Nährboden entwickelte Althaus seine Theologie und in welchen Kreisen wirkte er?
Wie stark Althaus die viel diskutierte Judenfrage beschäftigte, wird am Beispiel eines bisher in der Forschung m.W. nicht berücksichtigten Vortrages mit dem Titel Frage des modernen Evangeliums an das moderne Judentum, den er 1930 in der von ihm herausgegebene Zeitschrift für systematische Theologie veröffentlichte, seine antisemitische Haltung im Spiegel der Zeitgeschichte interpretiert werden.
Dem revolutionären Umbruch im Geiste des Nationalsozialismus, der nach der Übergabe der Regierungsgewalt an Adolf Hitler am 30. Januar 1933 weite Teile der Gesellschaft erfasst, stellte sich auch Althaus. Sein theologisches Engagement für das herbeigesehnte Regime und seine kirchenpolitischen Aktivitäten werden hier hinsichtlich seiner Haltung zur NS-Judenpolitik reflektiert.
Die Erlanger Theologie tat sich nach 1945 schwer mit einer kritischen Reflexion des Erbes ihrer theologischen Väter. Erst nach der Ausstrahlung der Fernsehserie »Holocaust« wagten junge Studierende der theologischen Fakultät ihre akademischen Lehrer mit Fragen zur ideologischen Verstrickung der Fakultät mit dem Nationalsozialismus zu konfrontieren. Wie sich Althaus nach Kriegsende zur Schulddebatte äußerte, wie er sein Konzept der »Volksgemeinschaft« in eine »Schicksalsgemeinschaft« umdeutete und dabei die Ideen der Ordnungstheologie beibehielt, ist Thema des abschließenden Kapitels.
Als Grundlage nutzt die Studie in erster Linie das umfangreiche wissenschaftliche Opus sowie die populären Schriften und Predigten des Theologen und Kirchenpolitikers Paul Althaus. Wenn Althaus hier in seiner Rolle und Wirkung als Theologe beleuchtet wird, deute ich seine Texte im zeitgeschichtlichen Kontext, die Persönlichkeit von Althaus tritt dabei eher in den Hintergrund.44
Zuletzt sei bemerkt: In der Beschäftigung mit dem Dritten Reich, mit Antisemitismus und Judenverfolgung stellt sich immer wieder die Frage nach der wissenschaftlich korrekten Begrifflichkeit. Wie viele Anführungszeichen sind angemessen? Hinzu kommt, dass mit den Quellen ein theologisches Gedankengut in meine Arbeit hineinwirkt, das ebenso nach einer kritischen wissenschaftlichen Distanz verlangt. Ich habe mich entschieden, nur dann Anführungszeichen zu verwenden, wenn es mir anders nicht möglich ist, meine Distanz als Autorin zu den diskriminierenden zeitgeschichtlichen Begriffen oder zu den theologischen Glaubenskonzepten zum Ausdruck zu bringen.
Die amerikanische Militärbehörde ließ sich von einem Zehnerausschuss, den sie Ende Mai 1945 eingesetzt hatte, über die politische Vergangenheit des Lehrkörpers unterrichten. Vorsitz hatte Paul Althaus, der hier rechts an der Stirnseite des Tisches zu erkennen ist.
1 ERICKSEN, Theologen, 1986.
2 Einen Überblick zur älteren Forschung zu Protestantismus und modernem Antisemitismus bei BERDING, Antisemitismus, 1988, insb. S. 86–226; basierend auf einer umfangreichen Analyse von kirchlichen Amtsquellen und protestantischem Schrifttum verschiedenster Provenienz zeichnet Heinrichs mentalitätsgeschichtlich das »Judenbild« im Protestantismus des Deutschen Kaiserreichs nach: HEINRICHS, Judenbild, 2000; zum Antisemitismus in der völkischen Ideologie: BREUER, Ordnung, 2001, insb. S. 327–369.
3 KATZ, Kontinuität, 2001; zur Bedeutung der Begrifflichkeit: HEIL, Antijudaismus und Antisemitismus.
4 FRIEDLÄNDER, Reich, 1999, S. 98; vgl. auch WALZ, Antisemitismus, 1995, S. 747.
5 Der Zusammenhang von Nationalismus und Antisemitismus wird erstmals systematisch analysiert bei HOLZ, Antisemitismus, 2001.
6 Der Begriff »Antisemitismus« wird im folgenden ganz allgemein als Sammelbegriff für negative Stereotype über Juden, für Ressentiments und Handlungen, die gegen einzelne Juden als Juden oder gegen das Judentum insgesamt sowie gegen Phänomene, weil sie jüdisch seien, gerichtet sind, verwendet. Zur grundlegenden Definition des Begriffs Antisemitismus vgl. auch BENZ, Antisemitismus, 2004, S. 234–241.
7 In ihrem historiografischen Überblick kritisieren Ericksen und Heschel insbesondere den fehlenden Einbezug der Antisemitismusforschung und fordern eine Einbindung der Geschichte der Kirchen in die allgemeine Sozialgeschichte. ERICKSEN/ HESCHEL, Churches, 1994.
8 MARCUSE, Cohorts, 2001. Anwendung des Kohorten-Konzepts auf die autobiografischen Zeugnisse deutscher Theologen – eine vernachlässigte Quellengattung in Theologiegeschichte – bei: KRONDORFER, Nationalsozialismus, 2006. In den Sozialwissenschaften wird unter einer »politischen Kohorte« eine bestimmte Altersgruppe verstanden, die aufgrund einer politisch formativen Lebensphase und bestimmter Schlüsselereignisse gemeinsame »Einstellungen, Verhaltensdispositionen und Handlungspotentiale« teilt, mit der sie die politische Ordnung und Wirklichkeit beurteilt. Vgl. FOGT, Generationen, 1982.
9 Auf diesen Umstand weist 1990 schon Rainer Hering in seiner Übersicht zum Forschungsstand hin. HERING, Wissenschaft, 1990, S. 20. Ino Arndt legte 1960 eine Dissertation in der er den Antisemitismus der evangelischen Sonntagsblätter von 1918–1933 untersuchte und kam zu einem deutlichen Ergebnis: Die evangelische Presse half in großem Umfang mit breits in der Weimarer Republik, Juden als »artfremde Rasse«, als »minderwertige Menschen« u. v. m. zu brandmarken. Mit der Kirchenpresse wurden doppelt so viele Leser wie Gottesdienstbesucher erreicht. ARNDT, Judenfrage, 1960.
10 Der erste Band Vorgeschichte und die Zeit der Illusion 1918–1934 erschien 1977. Der zweite Band stellt die entscheidenden Weichenstellungen des protestantischen Kirchenkampfes, die Bildung der Bekennenden Kirche sowie die Synoden von Barmen und Dahlem dar. Der Band Das Jahr der Ernüchterung 1934 Barmen und Rom erschien 1985. Das über 1000-seitige Werk beschreibt schwerpunktmäßig die protestantische Kirche, nimmt aber auch die katholische Seite angemessen in den Blick. SCHOLDER, Kirchen, 2 Bd., 2000.
11 Vgl. die Kritik am Kanon der Kirchenkampfgeschichtsschreibung SIEGELE-WENSCHKEWITZ, Wissenschaft, 1980, S. 15.
12 Beispielsweise bei CONWAY, Kirchenpolitik, 1969. Bemerkenswert allerdings, dass diese 1968 in Englisch erschienene Arbeit – im Gegensatz zu Scholder – bereits die gesamte Zeit des Dritten Reiches untersucht.
13 Beispielsweise bei SCHOLDER, Kirchen 1, 2000; auch HELMREICH, Churches, 14 1979.
14 GAILUS, Protestantismus, 2001. Von dieser Durchdringung ist wenig erkennbar bei BESIER, Kirchen, 2001.
15 Zum Antisemitismus der Bekennenden Kirche vgl. GERLACH, Zeugen, 1993; BÜTTNER/GRESCHAT, Kinder, 1998.
16 Jochen-Christoph Kaiser stellte in der Einleitung zu dem von ihm und von seinem Kollegen der Kirchengeschichte, Martin Greschat, herausgegebenen Sammelband gar fest, dass das Thema nur ansatzweise aufgearbeitet sei. Verhältnis von Kirche KAISER/GRESCHAT, Holocaust, 1988, S. IX.
17 Smid zeigt dies am wohl berühmtesten Vertreter der Bekennenden Kirche: Dietrich Bonhoeffers entschiedene Wendung gegen die Judendiskriminierung im April 1933 zeigen, dass er sich von den ersten antisemitischen Maßnahmen des NS-Staates an auf einem anderen Weg befand als seine lutheranischen Kollegen. SMID, Protestantismus, 1990, insb. S. 415–454.
18 RÖHM/THIERFELDER, Juden, 1990–2004.
19 BESIER, Kirchen, 2001.
20 Ebd., S. 807–902.
21 Empfehlenswert für den Laien ist die ausgezeichnete einführende Theologiegeschichte zur Systematischen Theologie, die den zeithistorischen Kontext überzeugend einbezieht. FISCHER, Theologie, 1992. Andere theologische Arbeiten, aber eher hagiografischen Genres, sind entsprechend in den Fußnoten kommentiert.
22 ASSEL, Aufbruch, 1993.
23 SIEGELE-WENSCHKEWITZ, Wissenschaft, 1980.
24 SIEGELE-WENSCHKEWITZ/NICOLAISEN, Fakultäten, 1993; MEIER, Fakultäten, 1996; ERICKSEN, Fakultät, 1998.
25 SIEGELE-WENSCHKEWITZ, Wissenschaft, 1995, S. 628.
26 Bei Kurt Meier fehlen Fragen nach der Ideologie der Deutschen Christen und ihrer Verwurzelung in der protestantischen Theologie. MEIER, Christen, 1967; marginal behandelt ist der Antisemitismus der Deutschen Christen bei SONNE, Theologie, 1982; ebenso auf die Organisationsgeschichte und den Kirchenkampf beschränkt bleibt die schon 1978 erschienene Regionalstudie zu Bremen: HEINONEN, Anpassung 1978.
27 BERGEN, Cross, 1996.
28 ERICKSEN, Theologen, 1986; Die Haltung von prominenten Kirchenvertretern zum Antisemitismus bleibt beispielsweise in den Untersuchungen zum Reichsbischof Ludwig Müller und zu Heinrich J. Oberheid, Landesbischof im Rheinland, größtenteils ausgeklammert. SCHNEIDER, Reichsbischof, 1993; FAULENBACH, Oberheid, 1993; Untersuchungen zu Institutionen wie etwa dem Reichskirchenministerium und der Leitung der Deutschen Evangelischen Kirche hinsichtlich ihrer Haltung zur NS-Judenpolitik fehlen weiterhin.
29 Die Historikerin Hanna Schissler weist auf die damit einhergehende methodische Verengung in der historischen Zeitgeschichte, die sich im Versuch der »Vergangenheitsbewältigung« selbst blockiere [»coming to terms with the past«. SCHISSLER, Zeitgenossenschaft, 2007, S. 361.
30 BERGEN, Cross, 1996; SIEGELE-WENSCHKEWITZ, Antijudaismus, 1994. Zum Leiter dieses theologischen Instituts, Walter Grundmann: HESCHEL, Theologen, 31 1994.
31 JERKE, Volkstestament, 1994; VON DER OSTEN-SACKEN, Evangelium, 2002.
32 BAUTZ, Althaus, 1958, Sp. 130–131; sowie ALTHAUS, RGG, Nr. 1076.
33 Seine erste Publikation zur Ethik erschien 1929: ALTHAUS, Leitsätze zur Ethik, 1929; eine Neubearbeitung erschien unter 1931: ALTHAUS, Grundriss der Ethik, 1931. In einem kurzen Text Luther und das Deutschtum (1917) führt der junge Althaus, damals Gouvernementspfarrer in Łód, sein Verständnis von Luthertum aus. Bemerkenswert darin ist seine Verknüpfung von spezifischen Eigenschaften und Tugenden der Deutschen mit seinem Bild von Luther. ALTHAUS, Luther, 1917.
34 Die Bedeutung von Althaus für die Ausbildung der Pfarrer in Bayern ist in der hervorragenden sozialhistorischen Studie von Mensing herausgearbeitet. MENSING, Pfarrer, 1998.
35 EVANGELISCHER PRESSEDIENST, Dokumentation, 1980.
36 HAMM, Schuld, 1992. Inzwischen hat Hamm seine Thesen präzisiert und weitere Forschungen dazu veröffentlicht: HAMM, Christ, 1992; HAMM, Elert, 1998.
37 BEYSCHLAG, Althaus/Elert, 1990/91; ausführlicher dann: BEYSCHLAG, Theologie, 1993. Die Historiografie zur Erlanger Theologie lässt unschwer erkennen, dass die Geschichte längst nicht abgeschlossen ist. Die Privilegien der alten Netzwerke sind durch Lehrer-Schüler-Loyalitäten im Elfenbeinturm der Universität wohl noch immer wirksam. Dies wurde insbesondere in Beyschlags Publikation deutlich.
38 Axel Töllner verdanke ich wertvolle Hinweise zur aktuellen Nürnberger Debatte um Meiser. Außerdem stellte er mir sein damals noch unveröffentlichtes Manuskript zur Verfügung, das 2007 veröffentlicht wurde. TÖLLNER, Frage, 2007. Seine Arbeit nimmt den Impuls auf, den die bayerische Landessynode im Jahr 1998 mit ihrer Erklärung zum Thema »Christen und Juden« zur Erforschung der Geschichte der bayerischen Christen jüdischer Herkunft im Dritten Reich gab.
39 Gotthard Jasper danke ich an dieser Stelle, dass er mir Einblick in seine laufende und noch nicht veröffentlichte Forschungsarbeit bot und mir zahlreiche Hinweise und Details über Althaus zugänglich machte, obwohl ein systematischer Zugang »von außen« noch nicht möglich ist. Mit der Arbeit von Jasper wird der Nachlass auch systematisch erschlossen. Die einzelnen Dokumente, die ich einsehen konnte, sind noch nach der momentanen Einsortierung in Schachteln mit wenig differenzierter Unterordnung gekennzeichnet.
40 LIEBENBERG, Gott, 2008.
41 Liebenberg stellte mir freundlicherweise den gesamten Quellenkorpus sowie sein damals noch nicht veröffentlichtes Manuskript zur Verfügung. Die 1958 zusammengestellte Bibliografie ist unvollständig LOHFF, Bibliographie, 1958. Liebenberg ergänzte diese Bibliografie mit unzähligen bislang unbekannten Texten von Althaus. LIEBENBERG, Gott.
42 KURZ, Denken, 2007.
43 Ebd., S. 497f.
44 Dass Angehörige und Freunde, Kollegen und Schüler Paul Althaus als liebenswerte, kommunikative und verbindliche Persönlichkeit erlebten, soll damit nicht angetastet werden. Der Würdigung des Persönlichen kann vermutlich Gotthard Jasper in seiner Biografie besser gerecht werden, zumal ihm auch diesbezüglich aussagekräftiges Material zur Verfügung steht und er Aussagen von Zeitgenossen und Schülern von Althaus mit in die Darstellung einbeziehen kann.
Die evangelischen Kirchen habe die »deutsche Wende von 1933 als ein Geschenk und Wunder Gottes begrüßt«, schrieb Paul Althaus in seinem Buch Die deutsche Stunde, welches im darauffolgenden Jahr drei Auflagen erlebte. Ein Staat, der wieder anfange, nach »Gottes Gebot zu regieren«, bedürfe nicht nur des Beifalls, sondern auch der »freudigen und tätigen Mitarbeit der Kirche«.45 Wer war dieser Mann, der den Ereignissen von 1933 gar religiöse Bedeutung zumaß? Wie kam es, dass dieser Erlanger Theologe die »Wende« als »Gnade aus Gottes Händen« bezeichnete und empfand, dass Gott damit das deutsche Volk vor dem »Abgrund und aus der Hoffnungslosigkeit« gerettet habe?46 Nur ein peinlicher Ausrutscher? Oder ist dies ein Fehltritt eines ansonsten würdigen Gelehrten, wie Althaus in Theologenkreisen gerne bezeichnet wird?47 Oder hat der Systematiker alles gar nicht so gemeint und gewollt, wie ihm etwa einer seiner Fakultätskollegen, Hermann Sasse, attestierte?48
Außerhalb theologischer Kreise ist der Theologe und Kirchenmann aus Erlangen bislang kaum bekannt. Doch Paul Althaus (1888–1966) prägte als Lehrstuhlinhaber für systematische Theologie in Erlangen nicht nur eine ganze Theologengeneration, sondern wirkte auch als Kirchenmann und Kraft seiner wissenschaftlichen Autorität weit über die bayerische Landeskirche hinaus. Die Bedeutung Althaus’ als theologischer Lehrer könne kaum hoch genug eingeschätzt werden, würdigte ihn einer seiner theologischen Biografen, Walter Sparn, schließlich habe sich auch niemals Zweifel an der Lauterkeit seiner Motive und an der »Noblesse seines Charakters« erhoben, sondern er habe allenthalben dankbaren Respekt genossen.49
Am Nachmittag des 16. Aprils 1945 rückten amerikanische Streitkräfte in die nahezu unzerstörte Stadt Erlangen ein. Eugen Herrigel, der noch bis zum 31. Mai als Rektor amtierte, und sein Vorgänger, der Direktor der Frauenklinik Herman Wintz, hatten den Kampfkommandanten Oberstleutnant Lorleberg darin bestärkt, die Stadt Erlangen kampflos zu übergeben. Die Universität Erlangen hatte keinerlei Kriegsschäden zu beklagen, während die Universität München zu ungefähr 80 Prozent und die Universität Würzburg zu 90 Prozent zerstört war.50
An dem auf den Einmarsch folgenden Sonntag (22. April 1945) sprach Paul Althaus in seiner sonntäglichen Universitätspredigt von der Hand Gottes als Richter:
»Von Monat zu Monat ist unter uns die Schar derer größer geworden, die erkannt haben: einen Niederbruch wie diesen kann man nicht nur politisch-militärisch verstehen […] Wir haben es schon lange gefühlt: der Segen Gottes lag nicht mehr auf unserm Wege.«51
Die amerikanische Umerziehungs- und Entnazifizierungspolitik hatte zunächst die Schließung aller Bildungseinrichtungen der US-Zone zur Folge. Aus der Sicht der amerikanischen Besatzungsmacht waren auch die Universitäten aufgrund ihrer geringen Resistenz gegenüber dem Nationalsozialismus als »Brutstätten des Faschismus« diskreditiert.52 In besonderer Weise traf dies auf die Universität Erlangen zu. Die positive Reaktion von Erlanger Professoren und Studenten auf die Machtergreifung von 1933 trübte das Ansehen der Universität erheblich. Doch gleichzeitig gab es auch die Direktive, dass nach rascher Entnazifizierung auf jeden Fall bereits jene Fakultäten wieder eröffnet werden sollten, deren Ausbildungsangebot im Rahmen der Arbeit der Militärregierung und der Besatzungspolitik als notwendig und nützlich erachtet wurde; gedacht war dabei in erster Linie an die medizinische und theologische Fakultät.
Ausgehend von der Annahme, dass ein regulärer Lehrbetrieb an den Hochschulen der amerikanischen Zone erst etwa 1947 möglich sei, wurde eine Wiedereröffnung auf der Basis eines »interim program« umgesetzt. In der Zwischenzeit sollte eine sorgfältige Rekrutierung des Lehrkörpers, die Revision der Lehrinhalte und der Entwurf einer neuen Hochschulverfassung erfolgen. Die Universität wurde nun also geschlossen, doch Rektor und Dekane wurden bis zum 31. Mai 1945 kommissarisch in ihren Ämtern belassen. Ein Zehnerausschuss unter dem Vorsitz des Theologen Paul Althaus führte danach die Geschäfte, und er hatte die Aufgabe, der Militärregierung über die politische Vergangenheit der Angehörigen des Lehrkörpers zu berichten.53 Die darin wichtigste Funktion übernahm Ende des Jahres 1945 ein »Berufungsauschuß in Wiedereinstellungsverfahren der Universität Erlangen«, dessen Vorsitzender Professor Eduard Brenner, auch Rektor der Universität ab 1946, wurde.
Paul Althaus, der 1933 noch begeistert Hitler zugejubelt hatte, wurde nun von der örtlichen amerikanischen Militärregierung in Erlangen mit der Ernennung zum Vorsitzenden des Entnazifizierungsausschusses höchstes Vertrauen entgegen gebracht.54 Dass er der Autor des eingangs erwähnten Buches Die deutsche Stunde war, musste von den Amerikanern zu diesem Zeitpunkt übersehen worden sein.
Am 5. März 1946 verordnete der Alliierte Kontrollrat die sogenannte Entnazifizierung mit dem »Gesetz zur Befreiung von Nationalsozialismus und Militarismus«.55 Sonderinstanzen, sogenannte Spruchkammern, die mit honorigen, doch überwiegend juristisch nicht vorgebildeten Leuten besetzt wurden, hatten nun über Personen zu urteilen, welche als Systemträger des Nationalsozialismus galten. Sie sollten diejenigen, die als »betroffen« galten, in die Kategorien »Hauptschuldige«, »Belastete«, »Minderbelastete«, »Mitläufer« und »Entlastete« (Amnestierte) einstufen.
Als Mitglied des Entnazifierungsausschusses gelang es Althaus, einige Professoren, die zuerst von der amerikanischen Besatzungsbehörde von ihren Stellen suspendiert worden waren, wieder einzusetzen und sie in ihrer Positionen zu bestätigen. Vielleicht hatte Althaus seine Ernennung gar seinem Fakultätskollegen Hermann Sasse zu verdanken, obwohl er mit ihm schon seit vielen Jahren in theologischen und politischen Auseinandersetzungen stand:56 Sofort nach der Besetzung Erlangens am 16. April 1945 forderte die amerikanische Militärregierung nämlich den Juristen und ehemaligen DNVP-Reichstagsabgeordneten Friedrich Lent auf, ein politisches Gutachten über sämtliche Universitätsprofessoren zu erstellen. Für die theologische Fakultät beauftragte Lent den Theologen Sasse als Gutachter, der wenig später von der Militärregierung zum Prorektor der Universität benannt wurde.57 Sasse war von Beginn an ein entschiedener Gegner des NS-Regimes und warf sowohl den Deutschen Christen, der Reichskirche wie auch der Bekennenden Kirche Verfälschungen des lutherischen Bekenntnisses vor. Mit dieser Position hatte er während des Dritten Reiches keinen leichten Stand unter seinen Kollegen an der Fakultät, es machte ihn aber nach Kriegsende bei der Besatzungsbehörde vertrauenswürdig. Sasses Gutachten entsprach, wie der Erlanger Kirchenhistoriker Walther von Loewenich in seinen Lebenserinnerungen urteilt, vollkommen den Tatsachen, wenn es auch nicht frei von persönlichen Ressentiments gewesen sei.58 Sasse bezeichnet Althaus darin als einen Mann der Synthese, ein Theologe des »Sowohl-als-auch«, der schon deshalb kein Nazi habe werden können. Mit seiner Lehre von der göttlichen Ordnung des Volkstums sei er aber auch, ohne es zu wissen und ohne es zu wollen, ein Wegbereiter der Deutschen Christen geworden. Sasse gab in seinem Gutachten keine Hinweise auf einzelne Schriften, obwohl er durchaus Belastendes über seinen Kollegen hätte äußern können. Im Gegenteil, er empfahl in seiner Beurteilung die Weiterbeschäftigung all seiner Kollegen, auch diejenige von Althaus. Letzterer wurde daraufhin tatsächlich weiterbeschäftigt. Sein Gutachten machte Sasse als »Vertrauliches Memorandum« am 28. April 1945 den Mitgliedern der theologischen Fakultät und Landesbischof Meiser zugänglich, was ihm allerdings starke Animositäten seiner Kollegen einbrachte.59
Am 26. September 1945 verfügte die Militärregierung die Einsetzung des Juristen Theodor Süss als Rektor und des Theologen Hermann Sasse als Prorektor.60 Paul Althaus wurde als kommissarischer Dekan der theologischen Fakultät ernannt. Nachdem im Laufe des Wintersemesters alle Fakultäten, zuerst die Theologische, zuletzt die Medizinische, die Arbeit wieder aufgenommen hatten, wurde die Universität am 5. März 1946 in Redoutensaal in Anwesenheit des Kultusministers Fendt und von Vertretern der Militärregierung förmlich wieder eröffnet. Der Zulauf von Studenten an die Friedrich-Alexander-Universität mit ihren unzerstörten Bibliotheken, Klinken und Forschungseinrichtungen setzte rasch ein.
Knapp zwei Jahre später, im Februar 1947, wurde Paul Althaus zusammen mit drei weiteren Erlanger Professoren, Hermann Strahtmann, Hans Preuß und Friedrich Hauck aus dem Universitätsdienst entlassen.61 Keiner von ihnen war im Dritten Reich Parteimitglied gewesen. Warum traf es gerade Paul Althaus, der zuvor noch selbst als Vorsitzender im Entnazifizierungsausschuß tätig gewesen war? Der Leiter der Hochschulabteilung der Militärregierung für Bayern, van Steenberg, begründete die Entlassungswelle damit, dass die Universität Erlangen seit Mai 1945 die Möglichkeit besessen habe, den Lehrkörper allmählich zu entnazifizieren, um so eine Gefährdung des Lehrbetriebs zu vermeiden. Sie habe aber ihre Chance nicht wahrgenommen, sondern die Entnazifizierung verschleppt und somit die Militärregierung zum Eingreifen gezwungen. Dafür wurde nun auch Paul Althaus zur Verantwortung gezogen.
Anlass war eine Serie von amerikanischen Presseberichten, die der Militärregierung völliges Versagen bei der Entnazifizierung vorwarfen. Dabei geriet insbesondere Althaus als Vorsitzender des Entnazifizierungsausschusses ins Visier.62 Einen ersten Anlass hierfür bot ein Vortrag Martin Niemöllers vor der Erlanger Studentenschaft im Januar 1946, der durch aufgebrachte Studenten gestört wurde. Niemöller nahm in dieser Rede pointiert zum Stuttgarter Schuldbekenntnis Stellung:
»Es ist viel Jammer über unser Elend, über unseren Hunger, aber ich habe in Deutschland noch nicht einen Mann sein Bedauern aussprechen hören von der Kanzel oder sonst über das furchtbare Leid, das wir, wir Deutsche, über andere Völker gebracht haben, über das, was in Polen passierte, über die Entvölkerung von Russland (Empörung, Scharren und Zwischenrufe: ›Und die Schuld der anderen?‹) und über 5,6 Millionen toter Juden! Das steht auf unseres Volkes Schuldenkonto, das kann niemand wegnehmen! […] Wir fühlen uns schuldig deshalb, weil wir unserer Verantwortung, die wir tragen, nicht gerecht geworden sind.«63
Einige Zuhörer scharrten mit den Füßen, andere verließen unter lautem Türenschlagen die Veranstaltung. Die anwesenden Pressevertreter interpretierten die Zwischenrufe als einen Beweis für das Fortleben nationalsozialistischer Gesinnung unter der Erlanger Studentenschaft, zumal am gleichen Abend mehrere Gebäude mit Parolen wie »Niemöller – Werkzeug der Alliierten«, beschmiert wurden.64 Als im März und April 1946 die amerikanische Presse die Militärregierung scharf angriff, die Entnazifizierung nicht konsequent durchzuführen und damit der Weiterbeschäftigung zahlreicher reaktionärer Kräfte Vorschub zu leisten, ließ sich Lucius D. Clay, der stellvertretende Militärgouverneur der US-amerikanischen Besatzungszone, nunmehr täglich über den Stand der Dinge unterrichten.
Im Juli 1946 schließlich geriet die Erlanger Universität erneut in den Fokus der Medienberichte: Linke Studenten würden von ihren Kommilitonen verprügelt, ohne dass die Universitätsleitung einschreite, hieß es in einem Bericht der Presseagentur DANA. 65 Sie sei vielmehr damit beschäftigt, namentlich genannte Nazi-Professoren zu decken. Verantwortlich dafür sei unter anderem auch Althaus als Vorsitzender des Entnazifizierungsausschusses und Verfasser der Schrift Die deutsche Stunde der Kirche (1933). Die Abteilung für Erziehung und religiöse Angelegenheiten (Education and Religious Affairs Branch ERA) versuchte vergeblich, diese Meldung im letzten Moment zu verhindern. Herbert Gressner, ein demokratischer Kommentator von Radio München, griff die Vorwürfe auf und kritisierte in einer Sendung ebenfalls Althaus für die unterbliebene »Selbstreinigung«. Einen Tag später musste Althaus vor einer Kommission, bestehend aus dem sozialdemokratischen Kultusminister Franz Fendt und dem Leiter des ERA, Dr. Barnett zu den Vorwürfen Stellung nehmen und es wurde die Überprüfung seiner Schriften beschlossen. An der DANA-Meldung war Sasse nicht unbeteiligt: Er hatte im Gegensatz zu Althaus frühzeitig begriffen, dass jeder Verschleppungsversuch der politischen Säuberung schwer auf die Universität zurückschlagen musste. Voller Sorge wurde er mehrfach beim Kultusminister vorstellig.66
Inzwischen schwappten die Nachrichten sogar nach Berlin. Unter dem Titel Es ist etwas faul in Erlangen berichtete die Berliner Zeitung am 16. August 1946 über die Zustände an der fränkischen Universität.67Die neu begründeten studentischen Verbindungen, denen hauptsächlich ehemalige Offiziere angehörten, seien eine »Brutstätte« reaktionären Verhaltens. Die Haltung der Studentenschaft werde verständlich, so berichtete die Berliner Zeitung weiter, wenn man die Einstellung der Professoren kenne. Über Althaus hieß es darin:
»Der Dekan der theologischen Fakultät, Prof. Dr. Althaus, ein alter Deutschnationaler, der sogar Deutscher Christ war, behauptete vor seinen Hörern, es wäre ungerecht, die Offiziere jetzt verächtlich zu machen und sie vor Gericht zu stellen. Offizier und Geistlicher seien die einzigen anständigen Berufe des Dritten Reiches gewesen.«68
Was war wahr an dieser Polemik aus Berlin gegen den bei den Erlanger Studenten so beliebten Professor für Systematische Theologie?
Im Herbst 1946 entschloss sich die Militärregierung zu einem neuen Kurs und erließ am 21. September an alle Ländermilitärregierungen die genannte OMGUS-Direktive, wonach nur noch solche Personen in öffentlichen Schlüsselstellungen der Regierung und Verwaltung eingesetzt werden sollten, welche die für die weitere demokratische Entwicklung Deutschlands notwendigen positiven politischen, liberalen und moralischen Qualitäten besäßen.69 Über das negative Auswahlkriterium der Nichtmitgliedschaft in der NSDAP hinaus galt nun für den weiten Bereich des gesamten Erziehungswesens der Nachweis demokratischer Gesinnung als unabdingbare Voraussetzung.
Ein ad hoc zusammengestelltes Inspektionsteam untersuchte die einzelnen Universitäten. Für die Untersuchung wurden die im März des Jahres definierten fünf Kategorien, welche das Maß der Täter- beziehungsweise Mittäterschaft erfassen sollten, weiter präzisiert und verschärft. Während nach den alten Richtlinien nur Personen der Schuldvermutung in Gruppe I und II (Hauptschuldige und Belastete) automatisch zu entlassen gewesen wären – woran sich allerdings die universitären Entnazifizierungskommissionen oft nicht einmal gehalten hatten – so wurde nun der Personenkreis auch auf die Gruppen III und IV (Minderbelastete und Mitläufer), zum Teil auch auf V (Entlastete), ausgeweitet. Die zweite Entnazifizierungswelle erfasste in Erlangen mit 30 betroffenen Professoren und Dozenten im Vergleich zu anderen Universitäten prozentual den höchsten Anteil, insgesamt 27 Prozent des Lehrkörpers.70 Hermann Sasse war inzwischen schon selbst als Prorektor zurückgetreten, da er die weitere Verschleppung der Entnazifizierung nicht mehr mitverantworten wollte. Nun wurde der noch im Frühjahr 1945 von der Militärregierung zum Rektor der Universität ernannte Theodor Süss zusammen mit Althaus als Vorsitzendem der universitären Entnazifizierungskommission sowie Staatssekretär Hans Meinzolt, ehemals langjähriger Vizepräsident des Landeskirchenrates, zur Rechenschaft gezogen. Süss hatte selbst mehreren NS-Gliederungen angehört und wurde aber dennoch im Herbst 1946 als Abteilungsleiter für das höhere Schulwesen in das bayerische Kultusministerium berufen. Die Militärregierung hielt der Universitätsleitung vor, dass sie zahlreiche Professoren weiterbeschäftigte, obwohl sie der NSDAP angehört hatten, oder sie gar der Militärregierung als entlassen meldete und trotzdem weiter beschäftigte. So wurde beispielsweise ein Arzt beschäftigt, der an der Universitätsklinik in großem Umfang Abtreibungen und Zwangssterilisationen an Zwangsarbeiterinnen vorgenommen hatte. Im Gutachten des Entnazifizierungsausschusses unter Althaus war über ihn zu lesen: »Wir treten mit besonderer Wärme für die Beibehaltung des wertvollen wissenschaftlichen Arbeiters und tüchtigen, beliebten Arztes ein.«71 Überdies waren einige Professoren nach Erlangen berufen worden, obwohl sie bereits an anderen Universitäten aus politischen Gründen entlassen worden waren. Für die Kommission stand fest: »Prof. Althaus is more than anyone else accused by the few Anti-Nazi elements of the university for having sabotaged denazification.«72
Eine Untersuchung der theologischen Fakultät ergab zwar, daß keiner der 16 Professoren und Dozenten, einschließlich der emeritierten, der NSDAP angehört hatte.73 Im weiteren Verlauf der Untersuchung fand sich dennoch reichhaltiges Material gegen immerhin vier Professoren74: Althaus wurden vor allem seine Schriften Deutsche Stunde der Kirchen (1933) und Obrigkeit und Führertum (1936) zum Verhängnis. Strathmann wurden zwei Artikel in den renommierten Theologischen Blättern angelastet, in denen er 1939/40, auf dem Höhepunkt der siegreichen Feldzüge, Hitler als einen von Gott geschenkten Führer bezeichnet und das Urteil angefügt hatte: »Mit den Sätzen der Moral des Alltags ist dem gewaltigen Geschehen überhaupt nicht beizukommen.«75 Friedrich Hauck wurde als Verfasser mehrerer Schulgebete zu Ehren des »Führers« entlassen. Hans Preuß schließlich hatte jahrelang Hitlers Nationalismus durch eine geistesgeschichtliche Brücke des deutschnationalen Geschichtsbildes von Luther zu Hitler glorifiziert.76 Die vier Erlanger Theologieprofessoren, die von dieser zweiten Entlassungswelle erfaßt wurden, waren sicherlich keine liberalen Demokraten gewesen; nach dieser Richtlinie hätte aber fast alle Theologieprofessoren absetzen können. Doch sollte mit ihnen wohl ein Exempel statuiert werden. Für die Entlassung der vier hatte ein weiteres Gutachten von Hermann Sasse, dass er auf Wunsch der Militärregierung angefertigt hatte, eine Rolle gespielt. Als »der zuständige amerikanische Offizier dieses Gutachten an Prof. Strathmann aushändigte, war der Teufel los«, berichtet Walther von Loewenich in seinen Memoiren.77 Sasse verließ die Landeskirche, nahm eine Gastprofessur in den Vereinigten Staaten an und folgte schließlich 1949 einem Ruf an das Theologische Seminar im australischen Adelaide.78
In einem Brief an einen Kollegen beschwerte sich Althaus über das Verfahren:
»Wir […] werden verurteilt und gestraft ohne jedes Gehör und Verfahren! Solche Methoden nennen wir Deutschen nazistisch. Wir waren naiv genug, 1945 zu erwarten, daß wir von ihnen erlöst werden sollten. Wir sind gründlich von dieser Illusion geheilt. Man kann sich denken, welche moralischen Eroberungen die Demokratie mit diesen Proben bei uns macht.«79
Jene beiden Werke, welche die amerikanischen Besatzungsbehörden veranlassten, Althaus zu entlassen, dürften vor allem wegen der deutlichen Absage an die Demokratie der Weimarer Republik und die Befürwortung des diktatorischen Nazi-Regimes Gründe hierzu geliefert haben. Antidemokratie und mehr noch Politische Theologie und der damit verknüpfte Antisemitismus haben bekanntlich in der protestantischen Theologie eine lange Tradition80, aber nicht nur ganz im Allgemeinen, sondern insbesondere auch bei Paul Althaus.
45 ALTHAUS, deutsche Stunde, 1933, S. 5.
46 ALTHAUS, deutsche Stunde, 1933, S. 19.
47 Meiser bezeichnete die Veröffentlichung von 1933 – die Stellungnahme Althaus’ zum Arierparagraph – als »unerfreulich« und den Nachgeborenen mit Scham erfüllende Veröffentlichung: MEISER, Althaus, 1993, S. 222–225.
48 LOEWENICH, Erlebte Theologie, 1997, S. 134f.
49 SPARN, Althaus, 1997, S. 3.
50 MÜLLER, Schließung, 1993, S. 127.
51 Zit. in: WENDEHORST, Geschichte, 1993.
52 MÜLLER, Schließung, 1993, S. 128.
53 WENDEHORST, Geschichte, 1993, S. 219.
54 VOLLNHALS, Kirche, 1989, S. 173.
55 WENDEHORST, Geschichte, 1993, S. 224.
56 Zum ultralutherischen Konfessionalismus von Hermann Sasse und seiner Auseinandersetzung mit Althaus: LOEWENICH, Erlebte Theologie, 1997, S. 133.
57 VOLLNHALS, Kirche, 1989, S. 171f.
58 LOEWENICH, Erlebte Theologie, 1997, S. 134.
59 Loewenich referiert den Inhalt des Gutachtens. Ebd., S. 134f. Eine Abschrift befindet sich im LKAN, NL Meiser, 45.
60 Süss übernahm schon am 1.6.1946 die Leitung der Abteilung für höheres Schulwesen im bayerischen Kultusministerium und trat deshalb als Rektor zurück. Auf seinen Vorschlag hin führte der Jurist Hans Liermann als kommissarischer Rektor, bis dann zum 20.7.1946 der von der Militärregierung geschätzte Sozialdemokrat Eduard Brenner zum Rektor gewählt wurde. WENDEHORST, Geschichte, 1993, S. 221f.
61 VOLLNHALS, Kirche, 1989, S. 177.
62 Ebd., S. 174.
63 Bericht der Neuen Zeitung vom 15.2.1946 über Niemöllers Vortrag in der Neut-städter Kirche in Erlangen am 22.1.1946; zitiert in ebd., S. 174. vgl. auch GRE-SCHAT, Schuld der Kirche, 1982, S. 193f.
64 VOLLNHALS, Kirche, 1989, S. 174.
65 TENT, Mission, 1982, S. 92f.
66 VOLLNHALS, Kirche, 1989, S. 175.
67 Die Berliner Zeitung greift dabei auf Berichte aus der Fränkischen Landeszeitung zurück. Ähnliche Polemik auch im Nacht-Express (Berliner Abendzeitung) vom 6.5.1946, Titelseite.
68 Der Zeitungsausschnitt vom 6.5.1946 der Berliner Abendzeitung liegt auch im Nachlass von Althaus.
69 VOLLNHALS, Kirche, 1989, S. 175.
70 Ebd., S. 175.
71 Die Akten des Inspektionsteams sind im National Archiv in Washington, Bestand RG 260. Hier zitiert aus: VOLLNHALS, Kirchen, 1989, S. 176.
72 Ebd.
73 Im Oktober 1946 gehörten der Fakultät an: Otto Procksch, Hermann Strathmann, Hans Preuß, Paul Althaus, Friedrich Baumgärtel, Werner Elert, Walther von Loe-wenich, Gerhard Schmidt, Gustav Stählin, Georg Kempff, Karl Schornbaum, Walter Künneth, Friedrich Hauck, Oskar Grether, Leohnhard Goppelt. Einzig Wil helm Vollrath gehörte den Deutschen Christen an und war Parteimitglied. Er hatte Erlangen aber bereits 1940 verlassen. Ebd., S.171.
74 Referiert bei ebd., S.177.
75 STRATHMANN, Ethik, 1939, Sp. 316f; STRATHMANN, Wendung, 1940, Sp. 171f.
76 PREUSS, Luther und Hitler, 1933, S. 970ff., 994ff. Aufschlussreich dazu: LEHMANN, Preuß, 1999.
77 LOEWENICH, Erlebte Theologie, 1997, S. 212.
78 Eine biografische und theologische Würdigung in: SCHILD, Sasse, 1997.
79 Althaus an Haußleiter vom 9.2.1947, aus dem Bestand des National Archives in Washington zitierte in: VOLLNHALS, Kirche, 1989, S. 178.
80 Basierend auf eine umfangreichen Analyse von kirchlichen Amtsquellen und protestantischem Schrifttum verschiedenster Provenienz zeichnet Wolfgang Heinrichs mentalistätsgeschichtlich den tief verwurzelten Antisemitismus im Protestantismus im Deutschen Kaiserreichs nach: HEINRICHS, Judenbild, 2000.
Seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts gingen aus der Familie Althaus mehrere Generationen reformierter Pastoren hervor. Erst im 19. Jahrhundert trat der Großvater von Paul Althaus, August Althaus, zum Luthertum über und wurde Superintendent in Fallersleben in der Hannoverschen Landeskirche. Er war fest verwurzelt in der dortigen Erweckungsbewegung und sein Interesse galt besonders auch der sogenannten Äußeren Mission81. Drei seiner vier Söhnen studierten Theologie und die drei Töchter heirateten Pastoren.
Paul August Wilhelm Althaus kam am 4. Februar 1888 in Obershagen bei Hannover als erstes Kind von sechs Geschwistern seines Vaters Paul Johannes Althaus d. Ä. und der Mutter Augusta Althaus, geborene Grethen, zur Welt.82 Als Erstgeborener Sohn bekam er den Vornamen des Vaters: In der Literatur wird deshalb zwischen Althaus d. Ä. und Althaus d. J. unterschieden. Seine Kindheit verbrachte er in einem klassischen Pfarrershaushalt – sein Vater besorgte die Pfarrstelle der kleinen Gemeinde Obershagen.83 Das Pfarrhaus war die Grundlage für sein tiefes Vertrautsein mit und sein frühes Interesse an Theologie und Kirche. Die prägende Verknüpfung von literarischer und musischer Bildung, von verinnerlichter Frömmigkeit und lutherischer Kirchlichkeit stellten das Erbe seines Elternhauses dar. Als sein Vater 1897 dem Ruf auf eine Professur für Systematische und Praktische Theologie nach Göttingen folgte, wo er auch das Amt des Universitätspredigers ausübte, besuchte der Sohn bereits das Gymnasium.84 Offenbar stand auch sein Entschluss Theologie zu studieren weit vor dem Abitur fest und war diesbezüglich »nie ernstlich unsicher gewesen.«85
Sein Studium in Theologie begann Paul Althaus 1906 in Tübingen.
Auf Anraten des Vaters trat Paul Althaus mit Beginn seines Studiums der Nicaria, einer christlich orientierten Studentenverbindung aus dem Schwarzburgbund bei.86 Die Nicaria war keine schlagende Verbindung und maß den äußerlichen Formen und Ritualen, wie es für andere Verbindung typisch war, wenig Bedeutung zu, was Althaus sehr entsprach. In den Briefen an seine Eltern berichtete Althaus die Aktivitäten des Verbindungslebens: Gemeinsame Wanderungen, Stiftungsfeste und wöchentliche Sportübungen, Kneipenbesuche und wissenschaftliche Diskussionsabende füllten den Alltag des Studenten voll aus.87 Denn nicht nur in den Briefen an die Eltern berichtete Althaus über die Verbindungszeit, sondern auch in zahlreichen Zeitschriften, wie beispielsweise der Zeitschrift des Schwarzburgbundes.88 Er beschreibt sich selbst darin als einen Verbindungsstudenten, der den bündischen Gesinnungs- und Erziehungsvorgaben zunächst distanziert gegenüberstand. In zwei längeren Abhandlungen schilderte er die Geschichte der christlichen Studentenverbindungen in Europa und Amerika.89 Ihn interessierte in dieser Zeit vor allem die protestantische Prägung der deutschen Studentenverbindungen, was ihm den Vorwurf konfessioneller Enge einhandelte. Zwar betonte er, den Zugang von Katholiken nicht reglementieren zu wollen, doch stellte er es letztlich als Tatsache hin, dass die christlichen Studentenverbindungen nicht nur historisch im Protestantismus wurzelten, sondern auch in ihrer »geistigen Art« als protestantisches Konzept zu begreifen seien, worin alles aufgehe: Denn der Aufforderung, sich mit der Innerlichkeit zu beschäftigen und mit den Zielen des Lebens zu befassen, fasste er als zentrale Aufgabe der Verbindungen auf. Darin drückte sich für ihn per se die protestantische Geisteshaltung aus.90 Die Bedeutung der bündischen Frömmigkeitspraxis sah er vor allem im Missionierungspotenzial, die Programme der christlichen Studentenverbindungen als wirksames Mittel gegen die »Entchristlichung« des deutschen Volkes.91
Zu Beginn des Ersten Weltkrieges wandelte sich sein eigenes Verständnis der Studentenverbindungen und er wurde sich bewusst, wie eng seine eigene Verbundenheit mit dieser Männergesellschaft in Wirklichkeit gewesen war. Während er als Feldprediger nah an der Front den Wehrwillen und die Opferbereitschaft der Männer fürs Vaterland stärken sollte, konnte er auf die sittlichen Erziehungsideale seiner früheren Verbindungszeit zurückgreifen. In der Zeitschrift des Schwarzburgbundes von 1926 hielt Althaus rückblickend fest, dass es vor allem das Begreifen der einzelnen Verbindung als Lebens- und Erziehungsgemeinschaft mit dem Ziel war,
»Männer zu erziehen und zusammen zuhalten, die unserem Volk an ihrem Posten als ein christlicher Adel deutscher Nation untadelig dienen durch das, was sie tun, und durch das, was sie sind«,
was ihn zum Beitritt in die Verbindung bewegt hatte.92
Die Kultivierung eines Gemeinschaftslebens standen hier für Althaus schon klar im Dienste einer deutschen Nation und sind ein erstes Signal für sein Engagement für eine deutsche Volksgemeinschaft.
Sein Studium der Theologie begann Paul Althaus 1906 bei Adolf Schlatter, der in Tübingen geradezu eine charismatische Anziehungskraft auf junge Theologen entfaltetet hatte.93 Auch wenn er nicht vollends seine theologischen Auffassungen teilte, lernte er die Verknüpfung exegetischer und systematischer Fragestellungen zu schätzen und traf in ihm eine Frömmigkeit im Sinne der Erweckungsbewegung, die dem Studenten Althaus entsprach.
Intensiv studierte Althaus in seiner Tübinger Zeit gerade auch die Wirkung seiner Professoren als Prediger, wie es aus den Kommentaren in den Briefen an seine Eltern deutlich wird.94 Als Gouvernementpfarrer in Łód, als Universitätsprediger in Rostock und später dann jahrzehntelang in Erlangen hat er seine eigene große Redegewandtheit als Prediger entfaltet, wofür ihm insbesondere Schlatter ein großes Vorbild gewesen sein dürfte. Um seine Wirkung auch nachhaltig zu gestalten, veröffentlichte er seine Predigten kontinuierlich.
Althaus übernahm von Schlatter die Haltung, die theologische Urteilsbildung stets auch auf die Wahrnehmung von Erfahrung zu gründen: Stets wollte er das tatsächliche Betroffensein der Menschen durch Gott mit in seine Theologie einbeziehen. In wichtigen dogmatischen Fragen berief sich Althaus auch später auf sein Vorbild Schlatter.95 Dieser zählte zu den »positiven«, kirchlich orientierten Theologen, und grenzte sich ebenso von der Liberalen Theologie wie auch von der religiös-sozialen Bewegung und den Anhängern der Religionsgeschichtlichen Schulen deutlich ab. So trat Althaus in die theologischen Fußstapfen seines Vaters, der selbst bei dem engsten Kollegen und Freund Schlatters, Hermann Cremer, in Greifswald studiert hatte.96 Vater Althaus wurde nach seinem Studienabschluss 1896 von Cremer und Schlatter aufgefordert, sich für den zweiten Lehrstuhl für Systematische Theologie in Göttingen zu bewerben, um an der Fakultät einen Ausgleich zur liberalen Theologie zu schaffen.97 Althaus d. Ä. war der sogenannten »Älteren Erlanger Theologie« verpflichtet und bildete in Göttingen zusammen mit dem Kirchenhistoriker Nathanael Bonwetsch eine »feste Kampfgemeinschaft«98 des kirchlich-konservativen Luthertums gegen die in Göttingen vorherrschende Religionsgeschichtliche Schule, die dort von Wilhelm Heitmüller und Wilhelm Bousset vertreten wurde. Die fundamentale Dimension der Grabenkämpfe an der theologischen Fakultät in Göttingen zeigt sich beispielsweise, als Vater Althaus, unter Androhung seines Rücktritts, die Besetzung der zweiten Predigerstelle an der Universität durch den Neutestamentler Heitmüller verhindert. Die Loyalität des Sohnes mit der weltanschaulichen Haltung von Althaus d. Ä. war in seinen frühen Briefen bereits zu erkennen, insbesondere dann, wenn er sich gegenüber den anderen theologischen Richtungen abgrenzte. An seinen Vater schrieb der junge Althaus im Mai 1906, dass er ihn unbedingt in seinem Vorhaben, liberale Theologen als Universitätsprediger zu verhindern, unterstütze, denn es sei seine »Pflicht, solche Elemente fernzuhalten«.99
Die Attraktivität von Schlatters Lehre lag für Althaus wohl vor allem in ihren aktuellen politischen und kulturellen Implikationen.100So eröffnete sich beispielsweise durch Schlatters Insistieren auf einer sogenannten Selbstoffenbarung Gottes die Möglichkeit eines theologischen Brückenschlags zur der neuen Religiosität, wie sie durch die von Paul de Lagarde, Houstan Stewart Chamberlain und Julius Langbehn inspirierte völkische Bewegung hervorgebracht wurde.101
