Die Ärztin: Das Licht der Welt - Helene Sommerfeld - E-Book
Beschreibung

Sternstunden der Medizin im deutschen Kaiserreich – und eine Frau schreibt Geschichte: Teil 1 der packenden zweibändigen Historiensaga um die Ärztin Ricarda Thomasius.
1876 verlässt die 13-jährige Gärtnertochter Ricarda schweren Herzens die ruhige Weite der Mark Brandenburg, um Henriette von Freystetten ins lebendige Berlin zu begleiten. Als Mündel der Komtess lernt das aufgeweckte Mädchen eine faszinierende neue Welt kennen: Die unverheiratete Frau führt in der glanzvollen Kaiserstadt ein emanzipiertes Leben, hält Salons und praktiziert als eine der ersten deutschen Ärztinnen. Tuberkulose, Bleichsucht oder Frauenleiden – Dr. Freystetten hat sich bei ihren gutbetuchten Patientinnen längst einen Namen gemacht.
Kranken Menschen zu helfen, dem Tod die Stirn zu bieten, davon beginnt auch Ricarda heimlich zu träumen. Denn um die siechen Frauen, die jenseits des Boulevards Unter den Linden in Armut leben, kümmert sich niemand. Ein selbstbestimmtes Leben, wie die Komtess es führt, ist für eine junge Frau ihres Standes zwar unvorstellbar. Aber Ricarda ist entschlossen, für ihr Glück zu kämpfen. Sie ahnt nicht, dass die herrische Komtess eigene Pläne für ihren Schützling schmiedet. Und dass Ricardas Begegnung mit einem jungen Medizinstudenten all ihre Vorsätze ins Wanken bringen wird …

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MOBI

Seitenzahl:699


Helene Sommerfeld

Die Ärztin: Das Licht der Welt

Roman

Über dieses Buch

Sternstunden der Medizin im deutschen Kaiserreich – und eine Frau schreibt Geschichte: Teil 1 der packenden zweibändigen Historiensaga um die Ärztin Ricarda Thomasius.

 

1876 verlässt die 13-jährige Gärtnertochter Ricarda schweren Herzens die ruhige Weite der Mark Brandenburg, um Henriette von Freystetten ins lebendige Berlin zu begleiten. Als Mündel der Komtess lernt das aufgeweckte Mädchen eine faszinierende neue Welt kennen: Die unverheiratete Frau führt in der glanzvollen Kaiserstadt ein emanzipiertes Leben, hält Salons und praktiziert als eine der ersten deutschen Ärztinnen. Tuberkulose, Bleichsucht oder Frauenleiden – Dr. Freystetten hat sich bei ihren gutbetuchten Patientinnen längst einen Namen gemacht.

Kranken Menschen zu helfen, dem Tod die Stirn zu bieten, davon beginnt auch Ricarda heimlich zu träumen. Denn um die siechen Frauen, die jenseits des Boulevards Unter den Linden in Armut leben, kümmert sich niemand. Ein selbstbestimmtes Leben, wie die Komtess es führt, ist für eine junge Frau ihres Standes zwar unvorstellbar. Aber Ricarda ist entschlossen, für ihr Glück zu kämpfen. Sie ahnt nicht, dass die herrische Komtess eigene Pläne für ihren Schützling schmiedet. Und dass Ricardas Begegnung mit einem jungen Medizinstudenten all ihre Vorsätze ins Wanken bringen wird …

Vita

Helene Sommerfeld ist das Pseudonym eines in Berlin lebenden Autoren-Ehepaars. Viele ihrer Romane und Sachbücher waren internationale Bestseller. Die einzigartige Lebendigkeit ihrer Bücher entsteht aus der Begeisterung für Medizin und dem Interesse an historischen Persönlichkeiten, verbunden mit der Leidenschaft, fremde Länder zu bereisen.

Im Rowohlt Verlag erscheint ihre zweibändige Historien-Saga über die Ärztin Ricarda Thomasius. «Die Ärztin. Das Licht der Welt» und «Die Ärztin. Stürme des Lebens» spielen zu Zeiten des deutschen Kaiserreichs.

Mit dem kuriosen medizinischen Wissen der Kaiserzeit beschäftigt sich ihr unterhaltsames Buch «Wie man Kopfschmerzen mit dem Holzhammer vertreibt. Die kleine Hausapotheke».

Nun muß ich sitzen so fein und klar

Gleich einem artigen Kinde,

Und darf nur heimlich lösen mein Haar

Und lassen es flattern im Winde.

 

aus: Am Turmevon Annette von Droste-Hülshoff

(1797–1848)

Die wichtigsten Personen

Familie Petersen

 Gustav *1840, Gärtner auf Schloss Freystetten

 Karla *1842, seine Frau, Köchin und Mamsell

 Antonia «Tonja» *1862, beider Erstgeborene

 Ricarda «Rica» *1863, beider Tochter

 Rosamunde «Rosel» *1865, beider Tochter

 

Familie von Freystetten

 Franz *1805, Graf und einstiger General

 Raimund *1838, sein Sohn

 Henriette *1842, seine Tochter, Ärztin

 Luise *1842, Raimunds Ehefrau

 Florentine «Flora» *1862, Raimunds und Luises Tochter

 Friedemann *1864, Raimunds und Luises Sohn

 

Käthe Hausmann *1843, Ärztin, Henriettes Studienfreundin

Georg Kögler *1851, Käthes Cousin, Rechtsanwalt

Franziska Biberti, *1843, Henriettes Studienfreundin

Emilie Solm, *1841, Henriettes Studienfreundin

Eleonore Singer *1864, Ricardas Freundin

Kumari Kallstadt *1864, Ricardas Freundin

Siegfried Thomasius *1860, Student der Medizin

Malwine Merger, *1850, Henriettes Haushälterin

Als das Eis brach

Weihnachten 1876

Dem Tod, mit dem sie sich ihr Leben lang einen erbitterten Kampf lieferte, begegnete Ricarda zum ersten Mal am Weihnachtstag des Jahres 1876 auf dem See am Schloss, als sie mit dem Hund spielte.

Das dreizehnjährige Mädchen genoss den Zauber, der über der Landschaft lag. Das winterliche Licht der tief stehenden Sonne färbte die sonst kaum wahrnehmbaren Hügel der brandenburgischen Weite mit zarten Pastelltönen. Ein mildes Orange, das ins Gelbe überging, ein hingetuschtes Rosa und ein schwirrendes Blau, das am Horizont mit dem sphärischen Weiß des Himmels und dem schweren Weiß auf der Erde verschmolz. Dazwischen die großen Gruppen kahler, noch junger Bäume, die der Vater gepflanzt hatte und von denen er behauptete, sie würden einmal im Park wie Waldinseln in einem Meer aus Gras wirken. Aber der Vater sagte auch, dass Rica einmal eine schöne Frau werden würde. Das allerdings erschien ihr noch unvorstellbarer.

Mit einem kurzen Bellen forderte Berta Rica auf, das Spiel mit ihr fortzuführen. Sie hob einen kurzen Ast auf und schleuderte ihn mit aller Kraft auf den zugefrorenen See. Mit hellem Sirren schlitterte das Holz über das Eis. Die junge Hündin stürmte ihm nach in Richtung Schloss. Der einstöckige, dreiflügelige Bau lag einige hundert Meter entfernt verträumt in der märchenhaft schönen Landschaft. Diese schmalere, durch mehrere sanfte Biegungen geformte Seite des Sees ließ die Distanz größer erscheinen. In zwei Stunden, zum Nachmittagstee, würde es im Gartensaal das traditionelle Weihnachtskonzert geben und Ricarda in der Schlossküche helfen müssen. Umso kostbarer war dieser Augenblick, in dem sie unbeschwert den Weihnachtsnachmittag genießen konnte.

Die Weimaraner Hündin, deren silbergraues Fell so anmutig glänzte, brachte den Ast zurück und legte ihn schwanzwedelnd ab. Nun betrat auch Ricarda das Eis und wandte sich der anderen Seeseite zu. Hier hatte sie Schwimmen gelernt und seitdem jeden Sommer die Züge gezählt, die sie zur Durchquerung brauchte. Im letzten Sommer waren es 187 gewesen. Jetzt war der See eine grandiose Schlittschuhbahn. Ihr Vater und seine zwei Gehilfen hatten die Fläche vor zwei Tagen gefegt; seitdem hatte es nicht mehr geschneit.

Ricarda schleuderte den Ast diesmal in die Richtung, wo ihre Schwester Antonia mit Florentine, der Tochter des Grafen, in diesem Moment Schlittschuh lief. Doch der Wurf erreichte gerade mal die Seemitte. Rica besaß keine Schlittschuhe, was sie ganz in Ordnung fand, denn sie hatte überhaupt keine Lust, dauernd hinzufallen. Während sie dem übermütigen Hund nachsah, beobachtete sie die zwei weit entfernten Mädchen, die ein Jahr älter waren als sie.

Ricarda kannte Florentine kaum, sie besuchte eine Schule in England und kam nur an den Weihnachtstagen nach Hause. Das lag so weit außerhalb von Ricardas Vorstellungskraft, dass sie nicht einmal auf dem Globus nachgesehen hatte, wo England war. Mit den neuen kanadischen Schlittschuhen, die sie am Heiligen Abend von ihrer Tante geschenkt bekommen hatte, stellte Florentine sich zumindest geschickt an.

«Sieh nur, das sind die ersten, deren Kufen am Lederstiefel befestigt sind», hatte Florentine Antonia stolz erklärt. Von Ricarda hatte sie keine Notiz genommen.

Florentine beherrschte damit bereits kleine Sprünge, und auch die eine oder andere Pirouette gelang ihr ganz gut. Und als sie stürzte, rappelte sie sich wieder auf. Das Lachen über ihr Missgeschick klang so über den See, wie Florentines ganzes Wesen war: hell, leicht, unbeschwert. Es schien nichts zu geben, das Florentine nicht konnte. Rica fiel es nicht im Traum ein, deshalb auf die Tochter des Grafen eifersüchtig zu sein. Sie und Antonia waren eben nur die Töchter des Obergärtners und der Köchin. Allerdings war Antonia das Hausmädchen von Florentines Mutter und genoss deren Wohlwollen. Deshalb hatte sie Florentines ausgediente Schlittschuhe zu Weihnachten geschenkt bekommen.

Manchmal ärgerte sich Ricarda, dass sie nicht das gewinnende Wesen ihrer älteren Schwester hatte. Während Rica die dicken schwarzen Haare der Mutter hatte, war Tonjas Haar rotblond wie jenes des Vaters, und das ließ sie viel sonniger erscheinen. Jedoch nicht so flirrend wie Flora.

Die Holzplatten mit den daran befindlichen Eisenkufen waren unter Antonias Lederstiefel gebunden, und das zusätzliche Gewicht schien das Laufen auf ungewohnte Weise zu erschweren. Selbst aus der Entfernung konnte Rica sehen, wie sehr ihre Schwester sich um Haltung bemühte. Es sah aus, als klebten die Kufen sie auf dem Eis fest, anstatt sie so zu beflügeln wie Florentine, die sich weit von ihr entfernt hatte. Aber noch war Tonja nicht gestürzt. So kannte Rica ihre Schwester – was sie tat, machte sie langsam und gründlich; schon bald, daran hatte Rica keinen Zweifel, würde Antonia den Bogen raushaben und ebenfalls mit Anmut dahingleiten.

Aus der Tiefe des Parks näherte sich nun ein Pferdeschlitten dem Schloss. Wer darin saß, war wegen der Entfernung nicht zu erkennen. Da ein anderer Hund nebenherlief, war Ricarda sicher, dass ihr Vater den Aushilfskutscher spielte. Als Berta sie mit einem erneuten Bellen aufforderte, den Ast zu werfen, bückte sie sich danach. Im selben Augenblick hörte sie den Schrei, den sie ihr Leben lang nicht vergessen sollte. Er kam vom See, war grell, sehr kurz und voller Panik.

 

Von ihrem Standpunkt aus konnte Ricarda jetzt nur noch Antonia sehen. Mit den schweren Eisen an den Füßen eilte sie zu jener Stelle, an der die junge Komtess gerade noch gewesen war. Rica hingegen kam nicht so schnell vorwärts, wie sie wollte. Immer wieder verlor sie auf dem glatten Eis die Balance, fing sich gerade noch und stürmte weiter. Berta war ihr um Längen voraus.

«Was ist passiert?», rief Ricarda ihrer Schwester zu. Sie war noch viel zu weit entfernt und erkannte nur, dass Florentine verschwunden blieb.

«Flora ist eingebrochen!», rief Tonja zurück.

Das kann nicht sein, dachte Ricarda.

Seit einer Woche hatte es mehrere Grade unter null. Der Vater protokollierte seit Jahren die Temperatur, es war eine seiner Leidenschaften. Und heute hatte es um zwölf Uhr mittags minus 10,5 Grad gehabt. Dass das Eis bei derartigem Dauerfrost brechen konnte, hielt Rica für unmöglich. Überdies hätte ihr Vater die Eisfläche gesperrt!

Inzwischen hatte Antonia offensichtlich die Stelle erreicht, an der Florentine eingebrochen war. Mit den schweren Schlittschuhen an den Füßen kniete sie sich hin.

«Ich hole Flora raus!», rief sie Ricarda zu.

«Tonja, sei vorsichtig!», warnte sie.

Ihr Gefühl sagte ihr, dass ihre Schwester sich gerade selbst in große Gefahr begab. Doch sie war immer noch zu weit entfernt, um helfen zu können.

Antonia legte sich flach aufs Eis und streckte beide Hände hinab ins eiskalte Wasser. Endlich war Rica dem Unglücksort nah genug gekommen, um Florentines Arme und ihren Kopf aus dem Wasser auftauchen zu sehen.

Florentine schmückte ihre Kleidung stets mit Blumen, zu jeder Jahreszeit. Heute war es eine eingestickte Sonnenblume, die ihre elfenbeinfarbene Mütze zierte.

«Gleich hab ich dich!», rief Antonia.

Bevor Rica begriff, was geschah, wurde ihre Schwester von der um ihr Leben kämpfenden Florentine ins Wasser gezogen und verschwand ohne einen einzigen Ton.

Berta stand bellend neben dem Unglücksort, als Rica nun selbst eintraf. Mit einem Blick erkannte sie, dass das Eis nicht zufällig gebrochen sein konnte. In die einen halben Meter dicke Eisschicht hatte jemand ein etwa einen Quadratmeter großes Loch hineingeschnitten. Über Nacht hatte sich zwar eine neue Schicht gebildet, doch die war geborsten, als Florentine eine Pirouette gedreht hatte. Eisstücke trieben in dem dunklen Wasser.

Außer Atem kniete sich Ricarda neben das Loch im Eis. Nur kurz blickte Antonia aus der Tiefe zu ihr empor. Im selben Moment drückte Florentine sie nach unten, um selbst nach oben zu gelangen. Sie gab einen gurgelnden Laut von sich, der nicht zu verstehen war.

«Tonja!», rief Rica.

Trotz all der Sorge um das Leben der Schwester überkam Rica eine gespenstische Ruhe. Mit dem beherrschten Befehlston, den sie ihrem Vater abgelauscht hatte, sagte Rica zu dem Hund: «Berta! Pass auf!»

Die bernsteinfarbenen Augen der Hündin fixierten sie aufmerksam. Rica deutete auf das Schloss, wohin sie soeben ihren Vater im Pferdeschlitten hatte fahren sehen. Vermutlich wollte er zum danebengelegenen Marstall.

«Berta, hol Vater! Gib Laut! Hol Vater!»

Dass Berta über solche Fähigkeiten verfügte, konnte sie nur hoffen …

Aus dem eisigen Wasser tauchten Florentines in Fäustlingen steckende Hände auf und griffen ins Leere. Der Blick aus ihren vor Angst geweiteten blauen Augen schrie: Hilf mir! Daneben sah Rica das Gesicht ihrer Schwester. Aus ihrem Mund stiegen Blasen, aber es gelang ihr nicht, nach Luft zu schnappen. Florentines Überlebenskampf ließ Antonia keinen Platz.

Ich darf nicht auch ins Wasser gezogen werden, dachte Rica, sonst sterben wir alle.

Sie blickte sich um. Erst jetzt entdeckte sie die Holzleiter, die nicht weit entfernt auf dem Eis lag. Als warte sie nur darauf, zur Rettung benutzt zu werden.

«Ich hol euch raus! Haltet durch!»

Keuchend schleifte sie die schwere Leiter über das Eis. Tief war der See hier nicht, aber stehen konnte man an dieser Stelle offenbar schon nicht mehr. Sie legte sich flach auf den Bauch und schob die Leiter in das schwarze Wasser hinein, wo sie im schlammigen Untergrund Halt fand.

Aber das Wasser war gespenstisch ruhig! Floras Kopf mit der Sonnenblume pendelte kraftlos hin und her. Noch ein Stück tiefer trieb Tonja, die Arme von sich gestreckt.

«Ich komme!», schrie Rica.

Ohne zu zögern, kletterte sie ins eiskalte Wasser. Während sie sich mit einer Hand an den Leitersprossen festhielt, bugsierte sie Flora mühsam zurück aufs Eis. Dann kletterte sie erneut ins Wasser.

Wo war ihre Schwester? Ricarda nahm eine Bewegung wahr, und für die Länge eines Wimpernschlags schien Antonias schneeweiße Hand noch einmal ganz nah zu sein. Rica versuchte, sie zu ergreifen. Aber Tonja schwebte davon.

Erst jetzt fühlte Rica die eiskalten Nadelstiche des Todes. Mit letzter Kraft kletterte sie die Leiter hoch und schob sich auf das Eis. Sie blickte in Florentines Gesicht. Es war unwirklich schneeweiß. Gleichzeitig trat Blut aus einer Verletzung über dem linken Auge und rann quer über ihr Gesicht aufs Eis.

Ricarda war überzeugt, dass auch Flora tot war. Erschöpft und vor Kälte zitternd, schloss sie die Augen und blieb einfach nur liegen.

 

«Rica! Was ist geschehen?»

Sie vernahm die Stimme ihres Vaters und fühlte die warme Zunge des Hundes in ihrem Gesicht.

«Mein Gott, da ist ja Flora!»

Als Rica langsam die Augen öffnete, erkannte sie Komtess Henriette und fragte sich, woher Floras Tante plötzlich kam.

«Hast du Flora da rausgeholt?», fragte sie.

«Ja. Tonja ist noch drin.»

«Was? Tonja? Im Wasser?»

Ihr Vater zog seinen langen dunklen Lodenmantel aus, legte ihn um Ricarda und kletterte ohne Zögern ins eiskalte Wasser. Die Komtess kniete sich mit einem Bein aufs Eis, winkelte das andere an und legte sich Florentine so übers Knie, dass deren Kopf nach unten hing. Sie griff in Floras Mund und drückte fest auf ihren Rücken. Gurgelnd erbrach sie einen Schwall Wasser. Das alles ging unglaublich schnell.

Rica rutschte an das schwarze Loch heran, doch von ihrem Vater war nichts zu sehen. Er war unter das Eis getaucht, aber sie war sicher, er wusste, was er tat.

«Wir müssen Florentine zum Schlitten tragen. Kannst du mir helfen?»

Ricarda nickte stumm.

«Ich nehme ihren Oberkörper, du nimmst die Beine.»

Der Vater hatte den von einem schwarzen Pferd gezogenen Schlitten dicht an die zugefrorene Fläche herangelenkt. Rica hielt Florentines Kniekehlen gepackt. Die Stahlkufen ihrer Schlittschuhe blitzten wie Messer in der Sonne.

«Wir legen sie erst mal neben die Kutsche», sagte die Komtess und streifte ihren hellbraunen Pelzmantel ab, um Flora daraufzubetten.

«Ich muss Florentines Atmung in Gang bringen. Dafür bewege ich ihre Arme. Du greifst währenddessen in ihren Mund und hältst ihre Zunge fest. Hast du das verstanden?»

«Ja, Komtess.»

Ihre Blicke trafen sich nur eine Sekunde lang, aber in dieser Sekunde spürte Rica, dass sie von nun an kein Kind mehr sein würde.

«Es hängt sehr viel von dir ab. Aber du schaffst das», sagte die Komtess ruhig. Sie reichte Ricarda ein Seidentaschentuch und öffnete Florentines Mund. «Damit hältst du ihre Zunge fest. Aber lass sie nicht los, sonst erstickt Flora.»

Die Komtess packte Florentines Arme und zog sie über ihren Kopf, um sie anschließend wieder seitlich nach unten zu führen. Hin und wieder legte sie ihre Hände auf Floras Brust und drückte darauf.

«Tut ihr das nicht weh?», wandte Rica schwach ein.

«Du glaubst nicht, was der menschliche Körper aushält», erwiderte die Komtess, während sie mit voller Kraft darum kämpfte, dass ihre Nichte wieder zu atmen begann. «Spätestens wenn du ein Kind bekommst, wirst du es selbst erfahren.»

Plötzlich zog Florentine die Luft mit einem erschreckten Laut ein.

«Zunge loslassen! Richte sie auf», befahl die Komtess und begann, Florentines Körper zu massieren.

«Florentine, hörst du mich?», fragte die Komtess und schlug ihrer Nichte vorsichtig auf die blassen Wangen.

Während Florentine hustete, klopfte Ricarda ihr auf den Rücken.

«Ich friere», flüsterte Florentine endlich.

«Flora, du lebst!», antwortete die Komtess und wickelte sie ganz in ihren wärmenden Pelz.

Vom See her näherte sich Ricas Vater schweren Schrittes durch den Schnee, die leblose Antonia in seinen Armen. Seine Kleidung war tropfnass. An seinen Haaren, dem Bart, den Augenbrauen hingen Eisperlen. Seine Lippen waren blau. Er legte Antonia zwischen die beiden Bankreihen auf den Schlitten. Auf der einen Bank saß Komtess Henriette mit Florentine auf dem Schoß. Auf der anderen drückte sich Ricarda in die Ecke. Sie schloss die Augen, als der Vater Tonja mit einer Decke zudeckte.

Ruckelnd fuhr der Schlitten an.

 

«Lebst du noch?»

Ricarda wurde davon wach, dass heftig an ihren dicken Zöpfen gezogen wurde. Sobald sie die Augen aufschlug, sah sie in das runde, rotbackige Gesicht ihrer kleinen Schwester Rosel.

«Tonja ist tot. Warum hast du ihr nicht geholfen?», fragte die Elfjährige. «Flora hast du doch auch gerettet.»

Zwei Bilder tauchten aus der Erinnerung auf: Antonia, die im dunklen Wasser unter das Eis davonschwebte. Und Antonia, die vom Vater in den Schlitten gelegt wurde.

Ricardas Magen krampfte sich zusammen.

«Es war so kalt», sagte sie leise.

Rosel legte die Hand auf die Stirn der Schwester. «Jetzt bist du ganz warm.»

Jede Zudecke, die entbehrt werden konnte, hatten die Eltern um Ricarda gewickelt. Dazwischen hatten sie im Kochherd erhitzte Backsteine gelegt. Unter dem Gewicht konnte Ricarda kaum atmen und versuchte, sich frei zu machen.

Rosel drückte sie zurück. «Du darfst nicht aufstehen, hat Mutter gesagt. Du musst warten, bis die Komtess es erlaubt.»

Bis zu diesem Weihnachten hatte Ricarda Komtess Henriette – so weit sie sich erinnerte – erst ein Mal getroffen. Auch da war es um Florentine gegangen. Im Frühling vor zwei Jahren hatte die Komtess ihre Nichte abgeholt, um sie nach England zu begleiten, wo Florentine seitdem zur Schule ging.

Die Komtess war wirklich eine ungewöhnliche Frau. Sie hatte sich Flora einfach wie einen Sack übers Knie gelegt! Und auf welche Weise sie sie behandelt hatte! Wieso wusste die Komtess solche Dinge? Und wie ruhig sie dabei vorgegangen war … Wenn ich doch nur so ruhig hätte sein können! Ich hätte nicht aufgeben dürfen und Tonja retten müssen, dachte Rica.

«Was habt ihr mit Tonja gemacht?», fragte sie ihre kleine Schwester.

«Weiß nicht.»

Das Bett neben Ricarda war leer. Antonias Bett …

Rosel folgte dem Blick ihrer Schwester. «Meinst du, ich darf da heute Nacht schon schlafen?»

Rosels Kastenbettchen, ebenso wie die Matratzen ihrer Geschwister mit Stroh ausgestopft, stand am Fußende der beiden anderen und war viel kürzer. Rosel konnte sich beim Schlafen nie ganz ausstrecken.

«Dir ist bestimmt kalt. Leg dich zu mir. Dann gebe ich dir von meinen Decken ab.»

«Danke, Rica.»

Ricarda rückte zur Wand, die Kleinere schob sich daneben.

Plötzlich kam Rica ein Gedanke: «Müssen wir nicht in der Schlossküche helfen?»

«Das Fest ist vorbei. Die Frau Gräfin hat Mutter frei gegeben wegen Tonja. Emmi arbeitet für Mutter in der Küche. Und ich hatte für Antonia ausgeholfen.»

«Und für mich. Danke dir, Rosel.»

Das Weihnachtskonzert hatte also trotzdem stattgefunden. Zu mehr als dieser nüchternen Schlussfolgerung war sie in diesem Moment nicht fähig.

Schon nach kurzer Zeit spürte die hellwache Ricarda das immer schwerer werdende Köpfchen ihrer Schwester auf der Schulter und hörte gleich darauf deren regelmäßige Atemzüge. Sobald sie die Augen schloss, sah sie Antonias bleiches, von blutigen Schnitten übersätes Gesicht im Wasser treiben.

Das Zimmer wurde von einer einzigen Kerze erhellt, deren leichtes Flackern den Eindruck erweckte, als zitterten die Wände. Bislang hatte Rica dieses Zittern gemocht, aber heute krampfte es ihre Brust zusammen. Es gab ihr das Gefühl, alles könnte von einem Moment auf den anderen verschwinden, sich auflösen. Dass, wenn sie die Augen schlösse, selbst dieser kleine Raum verschwinden würde.

Sie erinnerte sich, was Antonia an diesem Morgen gesagt hatte. Es war noch dunkel gewesen, und sie hatten die Kerze angezündet, um Licht zu haben. Antonia war aufgekratzt, als die silbernen Kufen ihres Weihnachtsgeschenks im Kerzenschein glänzten wie das Versprechen eines neuen Abenteuers.

«Ich werde über das Eis schweben, Rica. Du wirst schon sehen! Ich werde fliegen.»

Ricarda blieb still liegen, damit sie Rosel nicht aufweckte. So konnte sie sich die Tränen nicht aus dem Gesicht wischen. Alles drehte sich um sie herum, und Rica drückte sich an ihre kleine Schwester.

 

Die Tür zur Kammer wurde vorsichtig geöffnet, das Licht aus der Wohnstube, in der auch das Bett der Eltern stand, fiel hinein. Die Mutter betrat den Raum und fühlte Ricardas Stirn.

«Rosel schläft ganz fest», flüsterte Ricarda.

«Und du?», fragte die Mutter.

«Kann nicht.»

Die Mutter legte Rosel in Tonjas Bett.

«Gib ihr von meinen Decken», sagte Ricarda. «Mir ist warm genug.»

Die Mutter beugte sich zu ihr herunter. «Du bist ein tapferes Mädchen, Ricarda.»

Jetzt konnte sie sich nicht mehr beherrschen: «Nein, das bin ich nicht, Mutter! Ich hätte Tonja retten müssen.»

«Wenn Gott gewollt hätte, dass du Tonja rettest, hätte Er dir die Kraft dazu gegeben, Ricarda.»

«Gott kann doch nicht gewollt haben, dass Tonja stirbt. Heute ist Weihnachten!»

Karla Petersen setzte sich vorsichtig auf die schmale Bettwange und strich ihrer Zweitgeborenen die schweren, dunklen Haare aus dem Gesicht.

«Nichts auf Erden geschieht gegen Gottes Willen, Ricarda.»

«Dann wollte Gott, dass Tonja stirbt?»

«Ja, das wollte Er, Ricarda. Wir werden niemals wissen, warum.»

«Mutter, ich glaube, Gott hat nicht das Loch ins Eis gemacht.»

«Du frevelst Gott!», ermahnte die Mutter sie streng.

Ricarda senkte den Blick. «Vergib mir, Mutter.»

Nach einer Weile fragte Karla Petersen sehr leise: «Wie meinst du das: ein Loch ins Eis gemacht?»

Zum zweiten Mal an diesem Tag spürte die Dreizehnjährige, dass sie eine unsichtbare Grenze übertreten hatte – jene zwischen der Welt der Erwachsenen und der Kinder. Sie konnte die Folgen ihrer altklugen Bemerkung nicht abschätzen, aber sie ahnte, dass sie das Loch nicht hätte erwähnen dürfen.

Sie wandte den Kopf ab. «Ich bin nur ein dummes Mädchen.»

«Dein Vater sagt immer, dass du zu viel denkst, Rica.» Sie nahm Ricas heißen Kopf in beide Hände. «Ich liebe deinen Vater. Aber das stimmt nicht. Gott hat uns einen Kopf gegeben, damit wir ihn zum Denken benutzen und nicht nur zum Essen. Also: Warum sagst du, dass jemand ein Loch ins Eis geschnitten hat? Das wäre nämlich ein Verbrechen, weil er Tonjas Leben auf dem Gewissen hätte.»

 

Ricarda saß im Nachthemd und in eine Decke gewickelt auf der Bank am Kochherd und umklammerte mit beiden Händen die warme Milch. Die Mutter war bereits vor Stunden ins Schloss gegangen, um in der Küche zu arbeiten. Der Vater legte Holz im Herd nach. Es war noch früh am Morgen, aber draußen stritten bereits die ersten Sonnenstrahlen mit dem Dunkel der Nacht. Gustav Petersen öffnete schwungvoll, als es an der Haustür klopfte.

«Guten Morgen, Komtess, das ist sehr freundlich von Ihnen, dass Sie noch einmal nach Ricarda sehen», sagte er.

«Petersen, guten Morgen!»

Mit der gleichen resoluten Art, mit der die Komtess sich Florentine übers Knie gelegt hatte, streckte sie dem Obergärtner die Hand entgegen.

«Wie geht es unserem tapferen Mädchen?»

Komtess Henriette stellte ihre schwer aussehende Tasche auf den Boden und legte ihren hellen Pelzmantel ab. Darunter trug sie ein wollenes, zweiteiliges Reitkostüm und hohe Stiefel. Sie klappte die Tasche auf und förderte ein seltsames Gerät zutage. Sie bemerkte Ricardas fragenden Blick.

«Das ist ein Stethoskop. In Deutschland haben das nicht viele Ärzte. Lässt du mich mal an deinen Rücken, ja? Wenn du ganz tief ein- und ausatmest, höre ich, ob deine Lungen gesund sind.»

«Sind Sie denn ein Arzt?» Die Frage platzte aus Rica förmlich heraus. Sie hatte nie zuvor gehört, dass eine Frau ein Arzt sein konnte.

«Ricarda, so etwas fragt man nicht!»

«Lassen Sie nur, Petersen, ist doch gut, wenn Ihre Tochter neugierig ist. Sie wird sich gestern schon gewundert haben, was ich mit Florentine angestellt habe. Stimmt’s, Ricarda?»

Das Mädchen nickte. «Antonia konnten Sie nicht mehr lebendig machen.»

«Die Medizin ist eine Wissenschaft, die man erlernen kann. Ich habe das zehn Jahre lang getan, um mich nun Ärztin nennen zu dürfen. Aber Wunder kann ich nicht vollbringen, auch wenn ich wünschte, es wäre anders. Und jetzt still sein und tief ein- und ausatmen.»

Nachdem die Komtess das Stethoskop an mehreren Stellen aufgesetzt hatte, legte sie Ricarda die Decke wieder sorgfältig um.

Sie blickte Ricas Vater an, als sie sagte: «Das haben Sie und Ihre Frau gut gemacht, Petersen. Ricarda hat sich keine Lungenentzündung geholt. Aber sie muss sich weiterhin warm halten. Ich horche sie morgen noch einmal ab.»

Sie zog sich den warmen Pelz über.

«Petersen, mein Vater hat den Wunsch geäußert, Ricarda heute Nachmittag zu danken. Wären Sie so freundlich und würden veranlassen, dass sie um vier Uhr bei ihm ist?»

Der Vater verbeugte sich leicht. «Es wird uns eine Ehre sein, Komtess.»

«Ricarda hat bewiesen, dass sie groß genug ist, um das allein zu schaffen, nicht wahr, Petersen?»

«Gewiss, Komtess, das hat sie», erwiderte der Vater nach einer etwas zu langen Pause.

Nachdem die Komtess gegangen war, nahm er seine Tätigkeit wieder auf. «Graf Franz hat mir nie erzählt, dass seine Tochter ein Arzt ist», sagte er mehr zu sich selbst.

So fasziniert Ricarda auch von der Komtess und ihrem ungewöhnlichen Beruf war, für sie zählte nur, dass auch ein Arzt Antonia nicht hatte retten können.

 

Karla fand alles so vor, wie Rica es ihr nachts geschildert hatte. Allerdings hatte das Eis die Bruchstelle wieder verschlossen. Wie erstarrt blickte die trauernde Mutter auf den dünneren Eispanzer, durch den das dunkle Wasser schimmerte, das ihrem Kind das Leben genommen hatte.

Irgendwann riss sie sich von dem Anblick los. Denn sie wollte sich nicht der Trauer hingeben; sie musste verstehen, was geschehen war. Es war offensichtlich, dass Rica recht hatte: Jemand hatte ein Loch ins Eis gesägt. Auch die Leiter lag noch in der Nähe.

Aber wozu? Zur Gewinnung von Eis, um damit Speisen zu kühlen? Oder zum Eisfischen? Als Mamsell und Köchin wusste sie, dass niemand Eis gebracht und dass es zum Heiligen Abend keinen Fisch gegeben hatte. Konnten also Fischdiebe dafür verantwortlich sein, dass ihre Tochter sterben musste? Unsinn, die hätten sich nicht die Mühe gemacht, ein derart akkurates Loch zu stemmen! Das dauerte viel zu lange. Vor allem brauchte ein Eisfischer nur Stock und Schnur und keine Leiter.

Der Schnee rund um die Unglücksstelle war von zahllosen Fußspuren übersät. Die meisten führten an das Ufer, wo noch die Äpfel des Schlittenpferdes lagen. Aber es gab auch andere Fußstapfen, die zur nördlichen Seite des Sees führten, tief hinein in den Schlosspark.

Karla war so gut wie nie dort. Ihr fehlte die Zeit für Spaziergänge durch das riesige Reich, das ihr Mann in den vergangenen fünfzehn Jahren für die Grafenfamilie geplant und angelegt hatte.

Dazu zählt auch der Teich, dachte Karla bitter. Hätte Gustav ihn nicht angelegt, wäre unser Kind nicht ertrunken.

Karla folgte den Fußspuren, und nach wenigen Minuten stand sie vor einem aus Feldsteinen errichteten Häuschen, das in einer Senke verborgen lag. Die Kiefern ringsum gaben ihm einen romantischen Anschein. Karla drückte die Türklinke nieder. Es war offen.

In einem Raum, nicht viel größer als ihre eigene Wohnstube, standen Holzliegen mit Schafswolldecken, in der Mitte ein offener Kamin, am Boden davor Bären- und Wolfsfelle. Dazwischen lagen ein paar leere Flaschen Champagner, von der Kellerei Heidsieck aus Reims. In der ersten Dezemberwoche hatte sie als Mamsell die Lieferung von mehreren Kisten quittieren müssen.

Die herumliegenden Flaschen waren fachgerecht mit einem Säbel an der schmalsten Stelle des Halses geköpft worden. Eine Kunstfertigkeit, die Graf Raimund gelegentlich seinen Gästen im Schloss vorzuführen beliebte. Damit war es für Karla bewiesen, dass Graf Raimund und seine Freunde das Loch ins Eis gesägt hatten, um sich abzukühlen. Es wäre seine Pflicht gewesen, die Stelle anschließend abzusichern.

«Möge Gott dich strafen …!», entfuhr es Karla.

Über ihre eigenen Worte erschrocken, bekreuzigte sie sich mehrmals.

Sie verließ gerade das Häuschen, als sie das Schnauben eines Pferdes hörte. Hastig zog sie die Tür ins Schloss, huschte ums Haus herum und versteckte sich dahinter.

Komtess Henriette glitt elegant aus dem Sattel. Sie musterte die vielen Fußspuren.

«Jemand hier?», rief sie.

Karla hielt den Atem an.

Mit Komtess Henriette hatte sie bislang nur wenig zu tun gehabt. Ihr Leben verlief in Dimensionen, die selbst Karla, deren Mutter aus dem fernen Spanien kam, unvorstellbar erschienen. Es hieß, sie habe in Amerika studiert und sei in der ganzen Welt zu Hause, aber das Schloss würde sie seit Jahren meiden. Irgendetwas schien in der Jugend der Komtess hier geschehen zu sein, das sie belastete. Aber das war lange bevor Gustav und Karla vom alten Grafen nach Freystetten geholt worden waren.

Mochte sie als Mamsell auch nicht viel über die Komtess wissen, so war sie sich in einem Punkt sicher: Henriette war die Schwester des Grafen und sie, Karla, die Mutter des Opfers. Somit stand sie auf der anderen Seite, auf jener, auf der man nicht gewinnen konnte.

 

Das beschwerliche Laufen durch den hohen Schnee hatte Karla außer Atmen gebracht. Doch sie spürte keine Anstrengung, denn ihre Gedanken kreisten um die Frage, wie sie mit dem umgehen sollte, was sie gerade herausgefunden hatte. Sie stieß die ebenerdig an der Schmalseite des Schlosses gelegene Dienstbotentür auf, klopfte den Schnee von den Schuhen und hängte ihren Mantel an den Haken gleich vorn beim Eingang.

Hier unten im Souterrain war noch die Geschichte des Schlosses zu erkennen, seine breiten Fundamente, die niedrigen runden Gewölbe, in denen es immer kühl und feucht war. Das alles passte nicht zu den eleganten beiden oberen Schlossetagen, die teilweise Jahrhunderte später entstanden waren. Von der Dunkelheit, in der die Dienerschaft lebte, hatten die Herrschaften keine Ahnung. Sie kamen so gut wie nie herunter.

Karla öffnete die Tür zur Hauptküche und erstarrte. Direkt vor ihr stand Gräfin Luise, eine Decke um die Schultern gelegt, die sie mit vor der Brust gekreuzten Armen um sich schlang.

Die Frauen hatten fast die gleiche Größe, beide waren vierunddreißig Jahre alt. Die körperliche Arbeit hatte aus Karla eine Frau mit breiten Schultern und festen Armen geformt. Die zierliche Gräfin, deren kastanienbraune Locken gerade leicht derangiert wirkten, sah viel jünger aus. Sie wirkte selbstbewusst und stolz.

«Guten Morgen, Durchlaucht.» Karla knickste tief.

«Woher kommst du?», fragte die Gräfin ohne jede Vorrede.

«Durchlaucht, Antonia …»

«Das weiß ich doch.» Luises zarte weiße Hand wischte durch die Luft, als verscheuchte sie eine Fliege. «Ich habe meinen Gästen erzählt, dass dein Flan unvergleichlich ist. Ich wollte ihn heute zum Frühstück servieren lassen.»

Karlas Küche funktionierte wie ein Uhrwerk. Einen Flan zu machen dauerte 75 Minuten.

«Hätten Sie es mich nur gestern Abend wissen …»

«Da warst du fort, und heute Morgen kommst du anderthalb Stunden zu spät.»

Karla spürte eine Wut in sich aufsteigen, die kurz davor stand, aus ihr herauszubrechen. Doch sie biss die Zähne zusammen und schwieg.

Luise hielt dem überraschend entschlossenen Blick der Köchin nicht stand.

«Dann mach den Flan eben zu Mittag als Nachtisch», sagte sie hastig und schob sich an Karla vorbei.

«Selbstverständlich, Durchlaucht.»

Karla nahm die blütenweiße Schürze vom Haken, streifte sich den Nackenbügel über und versuchte, sich die Schleife am Rücken zu binden. Etwas, das sie viele tausend Mal getan hatte. Es gelang ihr nicht; ihre eiskalten Hände zitterten vor Wut. Sie riss sich die Schürze vom Hals, warf sie auf den nächstbesten Tisch und stützte sich mit beiden Händen daran ab.

 

So selten die Gelegenheiten waren, zu denen eine Komtess in die Küche kam, so selten war es umgekehrt. Karla hatte den ganzen Tag an nichts anderes als den sinnlosen Tod ihrer Tochter denken können. Als sie am Mittag gegen halb eins in den kleinen Salon gerufen wurde, hoffte sie daher, dass das Grafenpaar vielleicht die Aussprache suchte.

Diese Hoffnung verflüchtigte sich in dem Moment, als Karla den Salon betrat.

Der halbrunde Raum mit weinroter Seidentapete und Mobiliar aus hellem Kirschbaumholz, war das extravaganteste und neueste Zimmer des Schlosses, aber auch sehr klein. Der Tisch, an dem allenfalls Dessert und Wein gereicht wurden, bot nur Platz für vier Personen: zwei Herren, die Karla nie zuvor gesehen hatte, sowie Graf Raimund und Gräfin Luise.

Die Kleidung des Grafen wirkte auf Karla, als habe er sich in eine Art Schneeflocke verwandeln wollen – der Rock aus weißer Seide, Spitzen an den Ärmeln und am Kragen. Geradezu grotesk wirkte der Kontrast zu seinem Kopf – das rote Haar mit Pomade gebändigt, die Gesichtshaut fast so rot wie ein Hummer im Kochtopf.

Karla sah das Champagnerglas in seiner Hand und verstand.

«La reine de la cuisine à Freystetten, Madame Klara!»

Karlas Französisch war nicht besonders gut. Dass Graf Raimund sie seinen beiden Freunden als Königin der Küche vorgestellt hatte, hätte sie jedoch an jedem anderen Tag der vergangenen fünfzehn Jahre wenigstens zu einem Lächeln gebracht.

«Freystetten, c’est le cul du monde, mes amis. Mais nous avons Madame Klara et son flan. Hahaha!»

Freystetten ist der Arsch der Welt? Hatte sie das richtig verstanden? Hatte Graf Raimund gerade eben genau das über den Stammsitz seiner Familie gesagt?

Karla spürte einen derben Klaps auf den Po.

«Mais il est si beau, ce cul de Klara. Hahaha!» Der glupschäugige Bursche, der zu Raimunds Linken saß, lachte sich halb tot.

«Ah, non, le tien, mon cher, c’est le plus beau du tout le pays!»

Graf Raimund hatte einen Witz gemacht. Nicht etwa Karlas Hintern war der schönste im ganzen Land, sondern jener des Glupschäugigen.

«Was mein Gemahl zu sagen versucht, Karla, ist, dass der Flan wirklich hervorragend war. Wir haben zwar leider ein wenig länger darauf warten müssen, aber das Warten hat sich gelohnt.»

«Genau das versuche ich zu sagen, meine liebe Luise. Wie poetisch: liebe Luise! Das geht nur auf Deutsch. Chère Luise, das ist nicht dasselbe, liebe Luise.»

Der Graf machte eine Pause, legte den Kopf etwas zur Seite, klapperte mit den Wimpern. «Schöne Luise, wollte ich sagen.»

Die beiden Männer am Tisch guckten etwas verständnislos und entschlossen sich zu lachen.

«Sie dürfen gehen, Karla», sagte Luise.

Graf Raimund hob sein Champagnerglas. «À Klara!» Die beiden Männer schlossen sich seinem Toast an.

Es waren keine vierundzwanzig Stunden vergangen, seitdem Karla ihre Tochter verloren hatte.

Sie wollte schon wortlos abtreten, doch dann hielt sie inne und drehte sich noch einmal um.

«Danke für Ihr Lob für den Pudding, Durchlaucht.» Die Empörung über die erfahrene Demütigung machte es ihr schwer, sich angemessen auszudrücken. «Ich wünsche Ihrer Tochter, dass sie nie so frieren muss wie meine Antonia.»

Graf Raimund hielt sein Champagnerglas noch immer in die Höhe. Er sah Karla verständnislos an.

«Danke, nett von Ihnen, Klara.»

«Karla, Durchlaucht.»

«Sagte ich doch.»

Bevor der wartende Diener die Champagnerflasche aus dem silbernen Eimer nehmen konnte, griff Raimund danach und goss zuerst dem Glupschäugigen ein. Schon im nächsten Moment nahm die Runde ihr Gespräch wieder auf.

 

Das Zimmer von Graf Franz hatte sieben Fenster. Vier nach Osten, drei nach Süden, wo die Sonne schon so tief stand, dass sie die Felder berührte. In dem riesigen hellen Raum lag der Graf in einem Bett, das an der Wand im Dunklen stand. Es war nicht so groß, wie Ricarda sich ein Grafenbett vorgestellt hatte. Man hatte dem Schlossherren ein paar Kissen in den Rücken geschoben, sodass er sie ansehen konnte. Der Graf war erschreckend blass, sein Kopf ungewohnt kahl, der Backenbart buschiger als früher. Doch das Lächeln, das er Rica schenkte, war von der gleichen Warmherzigkeit wie immer.

«Ricarda, meine Kleine, komm her! Lass dich ansehen.» Seine Stimme klang schwach, aber sein Lächeln wurde noch breiter. «Oh, du bist wie deine Mutter. Sie hat spanisches Blut, das weißt du.» Er hob den Finger. «Spanier sind temperamentvoll. Und große Eroberer.»

Das hatte der alte Graf schon einige Male zu Ricarda gesagt, aber niemand hatte ihr bislang erklärt, was er damit meinte.

«Setz dich zu mir.»

Franz von Freystetten hatte einen Hocker neben sein Bett stellen lassen.

«Danke, Durchlaucht. Darf ich stehen bleiben?»

«Natürlich darfst du das, wenn du dich dann wohler fühlst.»

Der alte Herr lachte. «Da sind wir nun, Ricarda. Du am Anfang deines Lebensweges. Und ich am Ende.»

Der Graf machte eine lange Pause. Er sah durch eines seiner vielen Fenster hinaus in das Weiß aus Himmel und Landschaft, dann schien er sich daran zu erinnern, dass noch jemand im Raum war.

«Auch für dich wird der Tag kommen, an dem du zurücksiehst auf dein Leben. Ich bete zu Gott, dass dieser Tag in weiter Ferne liegt.»

Er sah sie aufmerksam an, und Ricarda senkte ihren Blick. Der alte Herr konnte seine Gefühle nur schwer beherrschen.

«Du hast das Leben eines anderen Menschen gerettet, Ricarda. Das habe ich in all den Jahren auf dieser Erde nicht getan. Ich war Soldat. Ich musste töten.»

Das Mädchen begriff nicht, wovon der Graf sprach; sie kannte ihn als jemanden, der Schmetterlinge sammelte, trocknete, aufspießte und in Glaskästen ausstellte. Der wundervolle Weimaraner Hunde züchtete. Der Brutkästen für Fledermäuse in die Bäume seines Parks hängte. Als jemanden, der dabei im Herbst von der Leiter gestürzt war. Und den sie seit dem Unfall nicht mehr gesehen hatte. Bis zu diesem Augenblick.

Sie hatte ihren Vater irgendwann einmal sagen hören, dass der Graf wohl niemals mehr sein Bett würde verlassen können. Sie hatte sich eigentlich keine Gedanken über das Schicksal des Schlossherren gemacht; er war sehr alt, und alte Menschen starben eben.

Das empfand sie jetzt, als sie vor ihm stand und er nicht mehr größer als sie war, ganz anders. Plötzlich tat ihr der alte Graf leid. Er würde bald sterben müssen, und er wusste es. Antonia hatte es nicht gewusst, der Tod hatte sie einfach mitgenommen.

«Ricarda?»

«Durchlaucht, Entschuldigung. Ich habe wieder zu viel gedacht.»

Der alte Mann lächelte. «Oh nein, Kind, du denkst nicht zu viel. Sonst hättest du nicht tun können, was du getan hast. Das Haus Freystetten steht in deiner Schuld. Ohne dich würde meine Enkelin nicht mehr leben.»

Neben seinem Bett stand eine Klingel, die er nur kurz bewegte. Eine Tür in der Wand öffnete sich wie durch Geisterhand; in der gelb und weiß gestreiften Seidentapete war sie unsichtbar eingebettet.

«Krompholz, sagen Sie meiner Tochter, sie möchte bitte kommen. Danke.»

Ricarda kannte den Sekretär Krompholz. Mit dem engsten Vertrauten des alten Grafen musste ihre Mutter alles besprechen, was die Haushaltsführung betraf. Ricarda hielt ihn für sehr alt, denn er hatte schlohweißes Haar und viele Falten im Gesicht.

«Selbstverständlich, Durchlaucht.» Krompholz verneigte sich und zog die Tür wieder zu.

Ricarda starrte verlegen auf die Spitzen ihrer braunen Lederstiefel, die unter dem schwarzen Kleid hervorlugten. Sie besaß nur dieses eine Paar, das Antonia im Vorjahr getragen hatte. Der Mutter war es gelungen, sie über Nacht zu trocknen.

Würde sie jene Stiefel, in denen Tonja gestern gestorben war, im nächsten Winter tragen?

«Ricarda?»

Sie zuckte zusammen. «Entschuldigung, Durchlaucht!»

«Deine liebe Schwester Antonia kam jeden Nachmittag für zwei Stunden zu mir und las mir vor. Du kannst doch lesen?»

Antonia hatte nicht viel davon erzählt, was sie an den Nachmittagen beim alten Grafen getan hatte.

«In Rechnen bin ich besser, Durchlaucht.»

«Gut, dann wollen wir rechnen!» Der alte Herr lachte müde. «Aber vielleicht kannst du mir auch hin und wieder vorlesen?»

«Gewiss, Durchlaucht.»

Deshalb war sie hier? Um ihre Schwester zu ersetzen, kaum dass sie tot war? Am liebsten wäre Ricarda aus dem Raum gestürzt. Daran war natürlich nicht zu denken. Eben wurde die hohe Doppelflügeltür zum Gang geöffnet.

 

Die edle Dame im lichtblau schimmernden, durch Korsage und viele Lagen Röcke auf das mehrfache Volumen seiner Trägerin aufgebauschten Kleid brachte Ricarda nur schwerlich in Verbindung mit Floras Lebensretterin. So zart das Seidenkleid seine Trägerin auch erscheinen ließ, so entschlossen war der Schritt, mit dem sie auf ihren Vater und Ricarda zueilte. Sie trug das flachsblonde Haar in neuester Kürassmode hochgesteckt. Beim Gehen breitete sie die Arme etwas aus, als wollte sie die Umgebung umarmen.

«Vater, du hast mich rufen lassen. Verzeih. Es ging nicht schneller.»

Mit je einer Hand schnappte sie sich einen Stuhl und stellte beide vor das Bett ihres Vaters. Mit der gleichen eleganten Bewegung nahm sie Platz und klopfte kurz auf die Sitzfläche des anderen Stuhls.

«Alle Welt spricht von dir, Ricarda. Setz dich!»

Dieser energischen Person nicht zu Willen zu sein, kam nicht in Frage. Langsam und mit schwerem Herzen folgte Ricarda der Aufforderung.

«Das ist alles ein bisschen viel für dich, nicht wahr?»

Von irgendwo aus den Tiefen ihrer Kleidung förderte die Komtess ein frisches Spitzentaschentuch zutage und tupfte in Ricardas Gesicht herum. Ricarda war die Berührung unangenehm, und sie drückte sich gegen die harte Stuhllehne.

«Du darfst das Tuch behalten.»

Während Ricarda sich mit dem nach Rosenwasser duftenden Tuch durchs Gesicht fuhr, musterte sie verstohlen die Komtess neben sich. Sie war sehr schlank, und in ihrem Körper lag eine Spannung, als würde sie jeden Augenblick aufspringen wollen.

«Wie geht es Komtess Florentine?», fragte Ricarda so höflich, wie es erwartet wurde.

«Sie ist schon wieder auf den Beinen, kurz jedenfalls. Sie braucht viel Ruhe.»

«Dann wird sie wieder gesund?»

«Da bin ich sehr zuversichtlich. Sie hatte aufgehört zu atmen. Ich habe ihre Lungen dazu gebracht, ihren Körper wieder mit Luft zu versorgen. Wie es die Aufgabe einer Ärztin ist, denn das ist mein Beruf.»

Während sie sprach, kam es Rica so vor, als richte die Komtess ihre Worte nicht an sie, sondern an ihren Vater. Zumindest sah sie nur ihn dabei an.

Der kranke alte Herr schien mit seinen Gedanken ganz woanders zu sein. «Henriette, meine Liebe», sagte er schließlich mit einer Stimme, deren Müdigkeit sich deutlich vom Elan der Tochter unterschied, «Worte allein genügen nicht, um diesem Kind dafür zu danken, das Leben meiner Enkelin gerettet zu haben.» Er sah nun Rica an. «Ricarda, Komtess Henriette wird ein Auge auf deinen weiteren Lebensweg haben. Denn ich werde es leider nicht mehr können. Sie wird dich unterstützen und fördern, um dir den Dank der Grafen von Freystetten zu beweisen.»

Ricarda wusste nicht, was sie von dieser Ankündigung halten sollte. Das Leben der Grafenfamilie und jenes ihrer eigenen waren bisher nebeneinanderher verlaufen. Die einen herrschten, die anderen dienten, nur so kannte sie es. Wenn die fremde Komtess sie nun fördern würde – was bedeutete das?

Auch Henriette selbst war vom Vorpreschen ihres Vaters überrascht. Die Kleine war in einem entscheidenden Augenblick eindeutig über sich hinausgewachsen. Dafür schuldete man ihr Dank, keine Frage. In welcher Form, darüber musste man in Ruhe nachdenken. Aber es gab keine Notwendigkeit, deshalb ihr ohnehin ausgefülltes Leben und jenes des Kindes miteinander zu verknüpfen. Aber gut, der Vater neigte zu der Sentimentalität alter Männer, die nicht mehr selbst handeln konnten.

Der todkranke Graf blickte seine eigene Tochter fragend an. «Henriette, du sagst nichts dazu?»

«Dein Vorschlag ist großherzig, Vater. Deinen Worten sollen meine Taten folgen», erwiderte sie.

Obwohl Ricarda die Komtess nicht kannte, sah sie deren maskenhaftem Lächeln an, wie unwohl sie sich fühlte. Entsprechend gespielt erschien ihr die Geste der eleganten Dame, mit der sie nach ihrer Hand griff, um zu sagen: «Du bist ein gutes Mädchen.»

 

Gegen zehn Uhr hatte sich Henriette in die Bibliothek im Erdgeschoss zurückgezogen, wie sie es fast jeden Abend tat, wenn sie für die Feiertage aus Berlin nach Freystetten kam. Der Raum war heimelig klein und stammte noch aus der Zeit, als das Schloss eine Burg gewesen war. Die in die Wände eingebauten Bücherschränke enthielten ein paar hundert Werke. Schon sehr lange empfand sie Freystetten nicht mehr als ihr Zuhause, aber dieser Raum vermittelte ihr das Gefühl von Geborgenheit. Als Kind hatte sie das Wissen, das in den vielen Buchdeckeln schlummerte, eingeschüchtert. Inzwischen wusste sie, dass diese Bücher nur einen winzigen Bruchteil von dem Wissen enthielten, das sie sich aneignen wollte.

Sie schrieb die mahnenden Worte ihres Vaters in ihr Tagebuch und fragte sich, wie der alte Herr sich das wohl vorstellen mochte: Ricarda unterstützen und fördern. Am naheliegendsten war es wohl, man legte Geld auf die Seite, damit das Mädchen eine anständige Aussteuer bekäme. In ein paar Jahren würde sie ohnehin heiraten.

Es klopfte so zart, dass sie nur eine Damenhand als Urheberin vermuten konnte. Es war Luise, und Henriette sah ihrer Schwägerin an, dass dieser Tag ihr zugesetzt hatte. Für sich selbst hatte sie entschieden, alles erst mal aufzuschreiben, darüber zu schlafen und erst dann etwas zu unternehmen.

«Jette, ich halte das nicht aus», klagte Luise schon, als sie mit ausgebreiteten Armen auf Henriette zuflog. Henriette stand rasch auf, ließ sich umarmen und schloss erst mal die Tür.

Sie hatte es vor Jahren mit Luise ausprobiert: Die Diener draußen konnten tatsächlich nicht verstehen, was drinnen gesprochen wurde, wenn die Tür geschlossen war. «Eine feste Burg ist unsere Bibliothek», hatten sie damals gekichert. Lange lag diese Unbeschwertheit zurück, viel zu lange …

«Was hat er denn nun wieder gemacht?», fragte Henriette.

Damit konnte nur Raimund gemeint sein. Doch Henriette war klar, dass seine Frau vom wahren Vergehen ihres Mannes keine Ahnung hatte.

Luises weiße Hand flatterte durch die Luft. «Ich will gar nicht über ihn reden, Jette! Diese beiden Vollidioten, die er aus Paris hergeschleppt hat! Einer nennt sich Poet, der andere Maler. Bei ihm hat Raimund ein Bild in Auftrag gegeben.» Sie verdrehte die Augen. «Vom Schloss. Dabei sind wir hier seiner Meinung nach am – du glaubst es nicht! – Arsch der Welt.»

«Raimund erkennt durchaus ein Talent, Luise», wandte Henriette vorsichtig ein.

«Wenn’s einen schönen Hintern hat!»

«Das ist nichts Neues, Lou. Was regt dich daran so auf?»

Mit einem Schlag war Luises aufgesetzte Heiterkeit verflogen. Sie setzte sich Henriette gegenüber an den kleinen sechseckigen Rosenholztisch mit den filigranen Intarsien.

«Ich denke, wir müssen Karla entlassen», sagte Luise.

Das kam so überraschend, dass Henriette erst mal sprachlos war. «Hast du darüber schon mit Raimund gesprochen?»

«Ich wollte zuerst deinen Rat hören.»

«Was hat Karla dir getan?»

«Jette, sie ist aufsässig. Wenn du wüsstest, wie unangemessen sie sich heute beim Mittagessen aufgeführt hat!»

«Wie unerfreulich. Aber Lou, dann musst du die ganze Familie Petersen entlassen. Das ist dir schon klar?»

«Du meinst: alle?» Luise guckte entsetzt. «Nein, Jette! Nur Karla!»

Henriette sah es ihrer Freundin aus Kindertagen an: Sie hatte wieder einmal nicht weit genug gedacht. Sie liebte Luise wie eine Schwester, aber leider gab es eine unüberbrückbare Kluft zwischen ihrem liebreizendem Äußeren und ihrem karg ausgestatteten Inneren.

«Das wird kaum möglich sein, Luise. Vater hat Petersen und Karla einst zusammen eingestellt», erklärte Henriette geduldig. «Und du weißt doch, wie viel Petersen dem alten Herrn bedeutet.»

In den letzten fünfzehn Jahren hatten der alte Graf und sein Gärtner so ziemlich jeden Tag gemeinsam verbracht. Ein wenig wirkten sie auf Henriette wie Vater und Sohn. Petersen als Ersatz für Friedrich sozusagen, seinen Lieblingssohn, den ihm vor fünfzehn Jahren eine Kugel geraubt hatte. Raimund, der übriggebliebene, hatte diesen Platz im Herzen des Schlossherren nie einnehmen können. Und es schließlich nicht mehr gewollt. Henriette hatte schon sehr lange nicht mehr an ihren Bruder Friedrich denken müssen, den Ältesten der drei Geschwister, der so sinnlos im Duell zu Tode gekommen war.

«Du hast völlig recht, Jette. Petersen kann man unmöglich entlassen», sagte Luise mit Bestimmtheit.

«Also wirst du über Karlas Gefühlsschwankungen großzügig hinwegsehen?», fragte Henriette milde.

«Sie braucht ja schließlich Zeit, um Antonias Tod zu verkraften. Nicht wahr?», meinte Luise plötzlich voller Verständnis.

«Du sagst es, Lou», erwiderte Henriette und blickte ihre Freundin irritiert an. Wahrscheinlich war Luise wegen des Unglücks, bei dem ihr eigenes Kind fast gestorben wäre, auch selbst innerlich ein wenig unaufgeräumt.

 

Wozu sollte es gut sein, immer nur im Bett zu liegen? Es ging ihr doch schon längst wieder gut!

Florentine kroch unter dem dicken Daunen-Plumeau hervor. Vor dem Fenster hing ein dichter Vorhang aus Schneeflocken, doch ihr Zimmer im Seitenflügel des ersten Stocks war angenehm warm. Sie hatte noch fest geschlafen, als eines der Dienstmädchen den Ofen früh am Morgen mit neuen Holzscheiten befüllt hatte. Flora griff nach der Klingel auf dem Nachttisch.

«Womit kann ich der Komtess dienen?»

Das Dienstmädchen war leise eingetreten und knickste. Sie war blasser als die Tapete und hatte tiefe Augenschatten.

«Hilf mir, mein Haar zu machen. Oder nein, besser: Geh zuerst hinunter zur Mamsell und sag ihr, dass ich zwei weiche Eier, eine Scheibe Brot mit Butter und zwei Äpfel wünsche. Und dann komm wieder und mach mein Haar.»

«Sofort, Komtess.»

Florentine setzte sich vor den Frisiertisch neben ihrem Bett. Mit beiden Händen griff sie sich in ihre vollen, leicht gelockten, rötlichen Haare und schlug sie nach oben auf den Kopf.

«Komtess, womit kann ich dienen!» Sie streckte ihrem Spiegelbild die Zunge entgegen.

Sie starrte auf ihre leicht abstehenden Ohren. Im Winter, wenn die Sommersprossen auf dem Nasenrücken und unter den Augen kaum sichtbar waren, mochte sie ihr Spiegelbild eher als im Sommer. Sie beugte sich vor, denn sie meinte, einen Schatten auf der Stirn ausgemacht zu haben. Sie betrachtete sich intensiver im Spiegel und bemerkte, dass über ihrem linken Auge tatsächlich eine etwa zwei Zentimeter lange Schramme war. Die vergangenen Tage waren wie ausgelöscht. Nichts. Es war alles weg. Sosehr sie sich auch anstrengte, das Letzte, an das sie sich erinnern konnte, war, dass Antonia ihr geholfen hatte, die neuen kanadischen Schlittschuhe anzuziehen. Dann war sie in ihrem Bett aufgewacht, in Decken gepackt, Beine und Brust mit Wärmflaschen versehen.

Seitdem hatte man ihr ständig heiße Suppe eingeflößt und irgendeine Medizin gegeben. Tante Jette hatte sie mehrmals aufgesucht, ihren Puls gefühlt, ihre Temperatur gemessen und ihre Lungen abgehorcht. Doch selbst die Tante, die stets die Ruhe in Person war, wollte ihr nicht erklären, was denn eigentlich geschehen war: «Nicht jetzt, Flora. Alles zu seiner Zeit. Erst muss deine Gesundheit stabil sein.»

Damit das auch gewährleistet war, hatte man ihr Zimmer von außen abgeschlossen. Es war, als hätte sie die Pest.

Als der Schlüssel herumgedreht wurde, trat Tante Jette ein, ein Tablett elegant balancierend. Flora sah mit einem Blick, dass alles darauf war, was sie sich erbeten hatte. Plus eine kleine rosarote Rose.

«Es ist angerichtet», sagte die Tante lächelnd.

Henriette stellte das Tablett auf ein Tischchen und fühlte erst Florentines Puls, dann legte sie ihr die kühle Hand auf die Stirn.

«Das sieht ja alles schon sehr gut aus», sagte sie.

«Tante Henriette, warum habe ich vergessen, was Weihnachten passiert ist?»

Florentine bekam Angst, als sie ihre Tante mit ihren Gefühlen kämpfen sah: Ihr Kinn zitterte, was nur selten vorkam.

«Du bist im Eis eingebrochen. Ich musste dich ins Leben zurückholen, Flora.»

Henriette strich mit den Händen über die Wangen ihres Patenkindes.

Florentine starrte ihre Tante fassungslos an. «Ins Leben …? Wie meinst du das?»

«Zuerst versuchte Antonia, dich aus dem Eis herauszuziehen. Das gelang ihr nicht. Dann kam Ricarda zu Hilfe. Sie ist ins eisige Wasser gestiegen. Und hat dich herausgeholt. Aber das dauerte sehr lange.»

«Lange?», fragte Flora.

«Wir wissen nicht, wie lange. Nur ihr drei Mädchen wart dort und Berta. Ricarda war so klug und schickte den Hund …»

Henriettes Stimme versagte. Sie atmete tief, rang um ihre Fassung.

Dass sie in irgendeiner Weise am Weihnachtstag etwas mit Ricarda unternommen hatte, daran konnte Florentine sich nicht erinnern.

«Petersen und ich kamen erst dazu, als du und Ricarda auf dem Eis lagen. Antonia war noch im Wasser. Ricardas Kraft hatte nicht gereicht, um euch beide herauszuholen.»

«Antonia ist …?», fragte sie leise.

«Ja, sie ist gestorben. Morgen ist ihre Beerdigung.»

Florentine stand langsam auf. Vor dem Fenster herrschte nach wie vor dichtes Schneetreiben.

«Und warum weiß ich das alles nicht mehr?»

Sie ertrug den Anblick des hell leuchtenden Schnees nicht und schloss die Augen. Sie versuchte, sich an Antonias Gesicht zu erinnern, aber es zeigte sich nicht.

«Nachdem ich dich wiederbelebt hatte, hast du sogar gesprochen. Ich war so erleichtert, weil ich wusste: Du überlebst. Du wiederholtest immer wieder, dass du frierst. Kannst du dich an gar nichts mehr erinnern?»

Flora schüttelte den Kopf.

«Wir wissen noch nicht, wie unser Gehirn genau funktioniert», erklärte Henriette. «Was wir aber wissen, ist, dass es Blut braucht, um zu arbeiten.»

Florentine setzte sich neben ihre Tante. Wenn sie jemanden in der Familie bewunderte, dann sie.

«Durch die grausame Kälte», fuhr Henriette fort, «wurde dein Gehirn nicht mehr ausreichend mit Blut versorgt. Du hast das Bewusstsein verloren.» Sie sah ihre Nichte mitfühlend an. «Das ist eine sehr gute Eigenschaft unseres Gehirns. Es schützt uns vor bösen Erinnerungen.»

Henriette hätte keine bessere Formulierung finden können, um ihre Nichte vor der Wahrheit über Antonias Todesumstände zu beschützen.

 

Graf Raimund hatte es sich auf der Chaiselongue in seinem Zimmer bequem gemacht. Sein Oberkörper ruhte auf dem angehobenen Kopfteil, ein Bein in der dreiviertellangen Hose hatte er angewinkelt, das andere ausgestreckt. Henriette saß kerzengerade neben ihrem Bruder auf einem Stuhl. Sie verbot sich den Gedanken, dass er mit seinen kurzen Beinen eine denkbar lächerliche Figur abgab, wenn er versuchte, sich wie ein römischer Adonis zu geben.

«Du meinst also allen Ernstes, das alles ginge dich nichts an?», sagte sie mit gedämpfter Stimme.

«Was erwartest du, Jette? Niemand konnte ahnen, dass so etwas passiert.»

«Ein Mensch mit Verantwortungsgefühl hätte die Stelle abgesichert!»

«Ach, Jette, du bist immer so pathetisch! Flo lebt doch!»

«Du bist ein Idiot! Antonia hatte ihr Leben noch vor sich. Wie kannst du so kaltherzig über ihren Tod hinweggehen?»

«Ich kann sie nicht wieder lebendig machen, Jette. Wie oft soll ich dir das noch sagen?»

«Wir müssen etwas für Petersens tun, Raimund. Das ist Vaters Wunsch.»

«Ja, mit dir redet er. Mit mir tut er das seit zehn Jahren nicht mehr. Aber es ist mir einerlei. Ich führe mein Leben so, wie ich es möchte.»

«Ich habe das nicht erwähnt, damit du weißt, dass es Vaters Wunsch ist. Sondern weil es moralisch das mindeste ist, was man tun kann.»

«Willst du ihnen Geld geben? Phantastische Idee. Dann weiß jeder: Freystettens kaufen sich frei. Mach nur!»

«Natürlich brauchen wir eine elegantere Lösung. Eine, die nicht so direkt mit dem Unglück in Verbindung gebracht wird. Ich dachte, wenn man Ricarda …»

«Ricarda? Wer ist das jetzt schon wieder? Egal. Meinen Segen hast du. Ich zahle deine Lösung», unterbrach er.

Henriette hatte Mühe, ihren Zorn zurückzuhalten. Gern hätte sie ihrem Bruder gesagt, dass sie ihn für ein verwöhntes, unreifes Kind hielt. Aber das hatte sie schließlich schon vor Jahren getan, und genützt hatte es nichts. Raimund ließ sich nicht verbiegen.

«Willst du wirklich morgen nach Paris zurückfahren?», fragte sie gereizt.

«Maurice, Charles und ich sind auf einem entzückenden Silvesterball eingeladen. Was glaubst du denn, wie lange man braucht, bis man in Paris ist?»

Henriettes Blick fiel auf eine Staffelei, auf der ein angefangenes Gemälde stand. Es zeigte ohne Zweifel Schloss Freystetten. Der Maler hatte die Perspektive so gewählt, dass der See im Vordergrund lag. Das musste das Bild sein, von dem Luise erzählt hatte. Sie schloss die Augen, wandte sich ab.

«Nimm wenigstens morgen früh an der Beerdigung teil. Bitte!», sagte sie und ging zur Tür.

«Chérie, ich weine in der Kutsche. Adieu!»

Raimund streckte die Beine auf der Chaiselongue aus und winkte ihr zu, wobei er nur die Finger bewegte. Henriette zog die Tür zu, ohne die Klinke zu drücken. Der dadurch entstehende dezente Knall war das Äußerste, was sie sich in diesem Haus an Protest gestattete.

Als Frau und gar als jüngste Schwester hatte sie keine Rechte an Freystetten. Wodurch sich ein Problem abzeichnete: Dem Vater ging es immer schlechter, und nach seinem Tod würde Raimund alles zufallen. Doch ihr vier Jahre älterer Bruder hielt sich hier selten auf und hatte weder das Interesse noch die Fähigkeiten, um ein Schloss zu führen. Henriette wusste von einer Grafenfamilie, deren Schloss nur eine Reitstunde entfernt war, dass deren jahrhundertealter Familienbesitz unter ähnlichen Umständen rasend schnell bankrottgegangen und inzwischen verkauft worden war.

 

Für Ricarda hatte es so gut wie keinen Sonntag gegeben, an dem sie nicht neben ihrer Mutter und den beiden Schwestern in der kleinen Dorfkirche gesessen und der Predigt von Pfarrer Gutschmid gelauscht hätte. War die weniger nach ihrem Geschmack gewesen, hatte sie die Zeit eben anders genutzt. Es gab zu jeder Seite des Ganges acht Sitzreihen, in jeder davon konnten sechs Gläubige Platz finden. Was sie mit der Zahl 96 alles anstellen konnte! Damit hatte sich manch langweilige Predigt überbrücken lassen … Doch jetzt dachte sie nur an Antonia, deren heller Holzsarg vor dem Altar stand, umgeben von einer Menge an Blumen, wie Ricarda sie nie gesehen hatte.

Die Frauen, zwischen denen sie saß, schluchzten, sodass sie selbst kaum aufhören konnte zu weinen. Neben ihr die Mutter, das Gesicht hinter einem schwarzen Tüllschleier verborgen. Auf der anderen Seite des Ganges – inmitten der Männer des Dorfes – saß ihr Vater mit einem Gesicht aus Stein, das er schon seit Tagen trug.

Als Letzte hatte die Grafenfamilie die Kirche betreten: die Schwägerinnen Henriette und Luise sowie Florentine in schwarzen Tüllcapes, ihr kleiner Bruder Friedemann in schwarzem Gehrock.

In den Reihen hinter ihr wurde getuschelt: «Sieht ihm ähnlich, dem roten Graf, reist lieber ab.»

«Ist ja nur die Gärtnerstochter.»

Eine Frau sagte empört: «Der Sarg sollte nicht zu sein!»

Der Brauch verlangte, dass die Gemeindemitglieder sich noch einmal am offenen Sarg verabschieden konnten. Natürlich hatte die Mutter es so gewollt. Doch Pfarrer Gutschmid hatte sich geweigert. «Antonias Gesicht ist arg verletzt», hatte er gesagt. «Wir sollten sie so in Erinnerung behalten, wie sie war.»

Nun predigte der Pfarrer über Nächstenliebe und wie sehr er Antonia geschätzt habe und dass Gott sie so sehr liebe, dass er sie nun so früh zu sich geholt habe. An der Stelle schluchzte die Mutter so laut auf, dass der Pfarrer kurz unterbrach. Anschließend konnte sich Ricarda auf nichts anderes konzentrieren als auf ihre Mutter, die zitterte, als fröre sie. Sie umklammerte ihre Hand so fest, als könnte sie damit verhindern, dass ihr Schmerz sie verschwinden ließe.

Am offenen Grab, für das der Pfarrer gleich in der dritten Reihe hinter dem Chor einen wahren Ehrenplatz gefunden hatte, stützte der Vater die Mutter. Der Sarg wurde ins Erdreich hinabgelassen, und einer nach dem anderen warf drei Schaufeln Erde hinein. Jedem Mitglied seiner Familie hatte Vater Gustav eine weiße Rose in die Hand gedrückt.

Diese Rose ist wie Tonjas Leben, dachte Ricarda. Sie ist so wunderschön, aber wurde einfach abgeschnitten, bevor ihre Blüte sich öffnen konnte. So viel fiel ihr ein, was sie Tonja noch sagen wollte. Doch am meisten ärgerte sie sich darüber, dass sie ihr am Heiligen Abend nicht richtig für den schönen Schal gedankt hatte, den die Schwester ihr in wochenlanger Arbeit gehäkelt hatte. Stattdessen hatte sie bemängelt, er wäre zu lang geraten. Sie warf die Rose in das Grab und zog den Schal enger um sich.

In diesem Moment spürte Ricarda, dass Florentine sie anstarrte. Die beiden Mädchen hatten sich seit dem Unglück nicht gesprochen. Ricarda bemerkte, dass Komtess Henriette ihrer Nichte einen winzigen Schubs gab.

Auch der Pfarrer schien in das eingeweiht zu sein, was bevorstand: «Reicht euch die Hände, Mädchen.»

Die Kinder zögerten, fühlten sich von allen beobachtet.

Als Ricarda Florentines feuchte Hand in der ihren spürte, flüsterte Florentine kaum hörbar: «Danke, Ricarda, dass ich noch lebe.»

Die Kirchenstimme des Pfarrers donnerte über den Friedhof: «Möge der Tod eurer Schwester und Freundin ein Band der Liebe zwischen euch flechten. Ein Band, das der allmächtige Gott mit seiner Güte beschützt. Amen.»

Florentine erwiderte laut: «Amen.»

Für Ricarda war es selbstverständlich, das zu wiederholen.

Ein Band der Liebe hatte sie mit Tonja verbunden. Mit all den Widersprüchen, die ein Mädchen ihres Alters empfand, wenn es um eine größere Schwester ging. Die Grafentochter war ihr bislang gleichgültig gewesen. Wenn sie ihr künftig begegnen würde, würde sie an Tonjas Tod denken, davon war sie überzeugt. Wie sollte es ihr gelingen, ausgerechnet Florentine zu lieben, die das Band zwischen ihr und Antonia getrennt hatte?

 

Florentine lief von einer Seite ihres Zimmers zur anderen. Henriette hatte das Gefühl, einem Raubtier im Käfig zuzusehen.

«Ich muss hier weg, Tante Jette», sagte sie schon wieder.

«Und ich habe dir gesagt: Ich bleibe bis nach Silvester.»

«Das willst du doch gar nicht. Du kannst Freystetten nicht ausstehen. Das hast du selbst gesagt.»

«Unser Gespräch dreht sich im Kreis, Flora.» Henriettes Lächeln war liebevoll, obwohl ihre Geduld gerade zu Ende ging. «Sehr oft im Leben geht es nicht darum, was man will. Wir haben Pflichten und kommen ihnen nach. Eine Diskussion darüber ist unmöglich.»

«Ich habe mich, so wie du es wolltest, bei Ricarda bedankt. Alle waren Zeuge.» Florentine setzte sich vor ihren Schminkspiegel. Sie beugte sich vor und betrachtete die Verletzung über dem linken Auge. «Das wird wirklich eine Narbe.»

«Sie wird dich immer daran erinnern, Gott dafür zu danken, dass du noch lebst. Für den Rest gibt es Puder.» Henriette trat hinter ihre Nichte und ordnete deren rötliche Haarpracht.

«Ich ertrage die Stimmung hier nicht, Tante Jette. Diese Düsternis. Antonias Tod, der kranke Großvater. Ich muss fort. Silvester in Berlin … Seit zwei Jahren wohnst du dort. Aber ich durfte dich noch nie besuchen.»

«Du übertreibst wie immer. Unser Palais hat dich nie interessiert.»

«Ich war ein Kind. Aber jetzt bin ich es nicht mehr. Nach Silvester wird keine Zeit dafür bleiben, weil ich zurück nach Brighton muss. Bitte.»

Florentine blickte ihre Tante von unten aus ihren leicht schräg stehenden grünen Augen an. Henriette liebte und hasste es gleichermaßen, wenn sie das tat.