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Flucht und Integration gehören zu den beherrschenden Themen der Gegenwart. Sie sind ein maßgeblicher Grund für den Aufstieg rechtspopulistischer Parteien und drohen, die EU zu spalten. Ein Blick in die Tiefen der Geschichte relativiert allerdings die »Flüchtlingskrise« des Jahres 2015. Seit 1492 die sephardischen Juden von der iberischen Halbinsel vertrieben wurden, ist Europa immer ein Kontinent der Flüchtlinge gewesen.
Philipp Ther geht den Gründen der Flucht nach: religiöser Intoleranz, radikalem Nationalismus und politischer Verfolgung. Anhand von Lebensgeschichten veranschaulicht er die Not auf der Flucht, identifiziert Faktoren für gelingende Integration und erörtert das wiederholte Versagen der internationalen Politik sowie die Lehren, die daraus etwa in der Genfer Flüchtlingskonvention von 1951 gezogen wurden. Der Humanitarismus ist, wie Ther zeigt, in der Flüchtlingspolitik stets brüchig gewesen. Doch auch wenn heute einmal mehr die Angst vor einem Scheitern der Integration dominiert, haben die Zielländer fast immer von der Aufnahme von Flüchtlingen profitiert. Das belegt insbesondere die deutsche Nachkriegsgeschichte, als gerade die junge Bundesrepublik zu einem Flüchtlingsland wurde.
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Seitenzahl: 714
Veröffentlichungsjahr: 2017
Philipp Ther
Die Außenseiter
Flucht, Flüchtlinge und Integration im modernen Europa
Einleitung: Flucht und Flüchtlinge in historischer Perspektive
Grundlagen der Flüchtlingsforschung
Flucht und Migration
Eine erweiterte Geschichte Europas
Die Herausforderung der Integration
Erster Teil: Religiöse Konflikte und Glaubensflüchtlinge
1.1 Das Refuge der Hugenotten
1.2 Die Reconquista Südosteuropas
1.3 Flucht vor Pogromen
1.4 Trauma und Traumatisierung
1.5 Zusammenfassung
Zweiter Teil: Flucht vor dem Nationalismus und nationale Solidaritäten
2.1 Präzedenzfälle im »langen« 19. Jahrhundert
2.2 Flucht infolge des »langen« Ersten Weltkrieges
2.3 Flucht vor dem Nationalsozialismus
2.4 Flucht und Vertreibung während des Zweiten Weltkrieges
2.5 Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges
2.6 Der Flüchtlingsstaat Israel
2.7 Die verweigerte Integration der Palästinenser
2.8 Die menschenrechtliche Wende
2.9 Postkoloniale Fluchtbewegungen nach Europa
2.10 Die jugoslawischen Nachfolgekriege
2.11 Der Fall des Kosovo und das Scheitern der internationalen Fluchtprävention
2.12 Zusammenfassung
Dritter Teil: Im Zeitalter der Ideologien – politische Flüchtlinge
3.1 Die Revolutionsflüchtlinge des späten 18. Jahrhunderts
3.2 Die Grande Émigration von 1831
3.3 Die »Achtundvierziger«
3.4 Flucht vor dem russischen Bürgerkrieg
3.5 Flucht vor dem Faschismus
3.6 Der frühe Kalte Krieg
3.7 Die Displaced Persons
3.8 Die Ungarnkrise von 1956
3.9 Flucht aus der DDR
3.10 Nach der Niederschlagung des Prager Frühlings
3.11 Die vietnamesischen »Boatpeople«
3.12 Flucht aus Polen nach 1980/81
3.13 Im postideologischen Zeitalter
3.14 Das vereinigte Deutschland zwischen Abschottung und Humanitarismus
3.15 Zusammenfassung und Typologie der Flucht
3.16 Exkurs über den syrischen Bürgerkrieg
Vierter Teil: Angst vor den Außenseitern und historische Integrationsverläufe
4.1 Integrationsängste
4.2 Süße Trauben, sauer geschrieben: Über deutsche Erfolgsgeschichten
4.3 Die Ruhrpolen
4.4 Die »Gastarbeiter« und ihre Nachfahren
4.5 Von deutschen Türken zu türkischen Deutschen?
4.6 Österreich im Vergleich
4.7 Integration nach der »Flüchtlingskrise«
Anmerkungen
Auswahlbibliografie
Dank
Register
Der Anblick, der sich den Mitgliedern der internationalen Kommission in den Flüchtlingslagern auf den griechischen Inseln und auf dem Festland bot, war offenbar schwer in Worte zu fassen:
Auf der humanitären Seite entzieht sich das Geschehen jeglicher Vorstellung. Nur jene Menschen können versuchen, es zu verstehen, die Not, Elend, Krankheit und den Tod in allen möglichen Formen gesehen haben. Doch das Ausmaß des Desasters war derart präzedenzlos, dass es sogar jenen Menschen eine neue Sichtweise abverlangte.1
Ein Berichterstatter der amerikanischen Zeitschrift Foreign Affairs behalf sich mit Vergleichen aus dem Tierreich: »Die Flüchtlinge führen eine Existenz wie Füchse, sie leben in Zelten, Holzbaracken, Schuppen, unter Zweigen, auf Rasenflächen und sogar in Höhlen.«2
Für diese Art der Unterbringung war es in Deutschland zu kalt, aber eine in der Neuen Berliner Zeitung erschienene Reportage über das Scheunenviertel schilderte eine ähnlich verzweifelte Lage:
In diesem Logierhaus waren […] etwa hundertzwanzig aus dem Osten geflüchtete Juden untergebracht. Viele Männer waren geradewegs aus der russischen Kriegsgefangenschaft gekommen. Ihre Kleidung bildete eine groteske Monteurfetzeninternationale. In ihren Augen war tausendjähriges Leid zu sehen. Frauen waren da. Sie trugen ihre Kinder auf dem Rücken wie schmutzige Wäschebündel. Und Kinder, die auf krummen Beinen durch eine rachitische Welt krochen, knabberten an harten Brotrinden.3
In den Wiener Notquartieren war die Situation nicht besser, nach zeitgenössischen Berichten hausten im Schnitt fünfundzwanzig Flüchtlinge in einer Wohnung und acht bis zehn Menschen in einem Zimmer.4 Die Enge, die Armut und die schlechten hygienischen Bedingungen waren ein idealer Nährboden für Flöhe, Bettwanzen und Läuse, die wiederum Typhus, eine heute fast vergessene, damals jedoch häufig tödliche Krankheit übertrugen. Außerdem brachen immer wieder Ruhr, Blattern, Tuberkulose und die Grippe aus. Der Tod war ein allgegenwärtiger Begleiter der Heimatlosen; in den griechischen Flüchtlingslagern starben bis zu 70 000 Menschen an Mangelernährung, Epidemien und Seuchen.5
Der Autor der ergreifenden Reportage über das Scheunenviertel war Joseph Roth, der in seinem Leben selbst mehrfach fliehen musste, ehe er seine letzte Flucht von 1933 und deren Ursachen nicht mehr ertrug und sich im Pariser Exil zu Tode trank. Die beiden anderen Zitate stammen ebenfalls aus dem Jahr 1923, sie berichten vom Elend der kleinasiatischen Griechen nach dem international vereinbarten »Bevölkerungsaustausch« zwischen der Türkei und Griechenland. In Europa und seinen Nachbarräumen spielte sich damals eine wahrhafte »Flüchtlingskrise« ab, teilweise auf der gleichen »Mittelmeer-« und »Balkanroute« wie im Jahr 2015. Der Umfang der Massenflucht vor knapp hundert Jahren war jedoch ungleich größer, alles in allem befanden sich Anfang der zwanziger Jahre etwa sieben Millionen Menschen auf der Flucht: An die drei Millionen waren vor der Revolution und dem Bürgerkrieg in Russland geflohen, zwei Millionen vor dem 1919 ausgebrochenen griechisch-türkischen Krieg, mehr als eineinhalb Millionen versuchten, diversen Kriegen und lokalen Konflikten gegen Ende des »langen« Ersten Weltkrieges zu entkommen, der in Ost- und Südosteuropa erst etwa 1923 überall endete.
Diese Flüchtlingsströme – wenn diese naturgewaltige Metapher erlaubt ist – waren wiederum ein Rinnsal im Vergleich zu dem, was aufgrund des Nationalsozialismus und dann nach dem Zweiten Weltkrieg folgte. In den vierziger Jahren befanden sich in Europa mindestens dreißig Millionen Menschen auf der Flucht, wobei diese Zahl die verschleppten Zwangsarbeiter und Kriegsgefangenen nicht einschließt. Zwei bis drei Millionen Menschen irrten 1945 auf den Straßen des besetzten Deutschland umher, jeweils etliche hunderttausend in Polen, Ungarn, Österreich, Jugoslawien, Bulgarien, Rumänien, Griechenland und in anderen Staaten. Vor allem alte Menschen und Kinder waren den Strapazen oft nicht gewachsen.
Die humanitären Desaster nach den beiden Weltkriegen hatten wenigstens eine positive Folge: Die internationale Staatengemeinschaft nahm sich der Flüchtlinge an. 1921 berief der frisch gegründete Völkerbund in Reaktion auf die massenhafte Flucht vor den Bolschewiki den bekannten norwegischen Naturforscher und Entdecker Fridtjof Nansen zum »Hochkommissar für russische Flüchtlinge«.6 Das spezielle Attribut fiel bald weg, denn Nansens Aufgabengebiet wurde ein Jahr später auf Griechenland ausgedehnt, das nach der katastrophalen Niederlage gegen die türkische Armee innerhalb weniger Monate mehr als eine halbe Million Flüchtlinge aus Kleinasien aufnehmen musste.7 Nach dem Abkommen von Lausanne, das 1923 die erste flächendeckende ethnische Säuberung zweier Staaten sanktionierte, nahm die Zahl der Flüchtlinge noch einmal dramatisch zu.8
Im weiteren Verlauf der zwanziger Jahre gab es dann eine kurze Atempause in der Geschichte der massenhaften Fluchtbewegungen, aufgrund der verbesserten wirtschaftlichen Lage konnten die zuvor Geflohenen Wurzeln schlagen. Einige Länder wie Frankreich nahmen Flüchtlinge sogar bereitwillig auf, um ihre demografischen Kriegsverluste auszugleichen. Aber bereits 1933 begann der nächste Massenexodus aus dem Deutschen Reich, knapp 60 000 Menschen flohen vor den Nationalsozialisten, bis zum Ende des Jahrzehnts folgten ihnen weitere 370 000, die meisten von ihnen Juden. Der Völkerbund reagierte auf diese neue Herausforderung 1933 mit einer Konvention für Flüchtlinge aus Deutschland, 1938 folgte eine ähnliche Konvention für Flüchtlinge aus Österreich. Anders als zu Beginn der zwanziger Jahre war nun nicht mehr die unmittelbare Notlage der Flüchtlinge das größte Problem, sondern die mangelnde Bereitschaft, sie aufzunehmen. Exemplarisch dafür steht die Konferenz von Évian, bei der alle Versuche der Aufnahme und internationalen Weiterleitung der jüdischen Flüchtlinge scheiterten. Hunderttausende Juden, die nicht mehr rechtzeitig fliehen konnten, starben in deutschen Konzentrationslagern.
Nach dem Zweiten Weltkrieg zog die internationale Staatengemeinschaft daraus weitreichende Schlüsse. 1946 wurde unter dem Dach der UNO die International Refugee Organisation (IRO) gegründet, die sich zunächst vor allem um die Displaced Persons (DPs) in Deutschland, Österreich, Italien und anderen Ländern kümmerte. Vier Jahre später ging nach zähen Verhandlungen aus der IRO das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen bzw. das UNHCR hervor (die Abkürzung steht für United Nations High Commissioner for Refugees), das bis heute Flüchtlingsgruppen auf der ganzen Welt betreut. Der britische Historiker Peter Gatrell hat gezeigt, wie die internationale Flüchtlingshilfe mit ihren Aufgaben wuchs,9 allerdings meist mit Verzögerung und – bis zum heutigen Tag – ohne ausreichende finanzielle Ausstattung.
Die akuten Notlagen nach den beiden Weltkriegen zwangen die internationale Staatengemeinschaft, den Begriff »Flüchtling« näher zu definieren. Das ist logischerweise auch für dieses Buch von Bedeutung, denn die Abgrenzung von anderen Migrantengruppen war bereits im 19. Jahrhundert ein Problem und ist bis heute umstritten.10 Der Begriff selbst stammt aus dem Französischen, aus der Zeit der Hugenotten, auf die auch deshalb im ersten Hauptteil ausführlich eingegangen wird. Dabei fällt auf, dass der Umgang mit Flüchtlingen in der Frühen Neuzeit oft einfallsreicher und zuvorkommender war als in späteren Perioden. Dasselbe gilt für die Zeit des Kalten Krieges, als die internationale Staatengemeinschaft auf diverse Krisen (etwa den Einmarsch der Roten Armee in Ungarn 1956) schnell, effektiv und solidarisch reagierte. Aus diesen historischen Betrachtungen und Vergleichen kann man keine Rezepte für gegenwärtige Herausforderungen ableiten, aber die zeitlichen Tiefendimensionen der Geschichte eröffnen zweifelsohne neue Horizonte.
In den zwanziger Jahren erfasste der Völkerbund Flüchtlinge noch fallbezogen, es ging um Russen, Griechen, Armenier und assyrische Christen, die man als »refugees« betrachtete, weil sie sich nicht »unter dem Schutz ihrer Regierung« befanden und »staatenlos« waren.11 Der Status als »Staatenlose« war in der Tat ein großes Problem, denn er schloss die Flüchtlinge in den Ankunftsländern vom offiziellen Arbeitsmarkt, vom Wohnungsmarkt sowie von Sozialleistungen aus und war bei jedem Grenzübertritt ein Hindernis. Der Völkerbund versuchte, die Weiterreise mit der Ausstellung von Ausweisdokumenten – den sogenannten »Nansen-Pässen« – zu erleichtern. Das war, abgesehen von der Nothilfe in den zahlreichen Auffanglagern, der Beginn der internationalen Flüchtlingspolitik des 20. Jahrhunderts.
Die Genfer Flüchtlingskonvention von 1951 basierte auf keiner fallbezogenen, sondern auf einer allgemeinen Definition von Flüchtlingen und nannte politische, nationale, rassische, soziale und religiöse Verfolgung als Fluchtgründe.12 Allerdings wurde sie auf Europa beschränkt und galt nur für »Altfälle« bzw. jene Flüchtlinge, die bis 1951 ihre Heimat hatten verlassen müssen. Diese Einschränkungen waren nötig, um den kommunistischen Ländern die Zustimmung zu dieser UN-Konvention abzuringen. Neben diversen Paragrafen über den humanen Umgang mit Flüchtlingen enthielt sie ein Verbot der Zurückweisung (non-refoulement): Flüchtlinge durften nicht gegen ihren Willen in ihre Herkunftsstaaten zurückgeführt werden. Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg hatten die Westmächte dieses Prinzip bei mehreren hunderttausend geflüchteten sowjetischen Staatsangehörigen verletzt, mit fatalen Folgen. Daher wird es im vorliegenden Buch auch um Beispiele gescheiterter Flucht gehen – und um die Folgen für die Betroffenen.
Die Unterzeichner der Genfer Flüchtlingskonvention – bei ihrer Abfassung waren auch zahlreiche Hilfsorganisationen beteiligt – verpflichteten sich, den Flüchtlingen über die Nothilfe hinaus den Zugang zum Arbeitsmarkt zu öffnen, Bildungsabschlüsse anzuerkennen und sie bei staatlichen Sozialleistungen gleichzustellen.13 An diese historisch gewachsenen Regelungen sei hier auch deshalb erinnert, weil sie als Reaktion auf die Massenflucht aus dem Nahen Osten seit 2015 in verschiedenen europäischen Ländern infrage gestellt werden. Zugleich schränkten die Signatarmächte der Genfer Konvention den Flüchtlingsstatus auf bestimmte Gruppen ein. Aufgrund der Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus und im Kontext des Kalten Krieges stand die politische Verfolgung im Vordergrund. Dagegen wurden Kriege oder Bürgerkriege nicht als Fluchtgrund erwähnt. Die innerstaatlichen Flüchtlinge, die bis heute eine Mehrheit unter allen Heimatlosen stellen, blieben gänzlich außen vor. Die zwölf Millionen deutschen Flüchtlinge und die über zwei Millionen Polen aus den polnischen Ostgebieten, die man 1945 der UdSSR zugeschlagen hatte (das waren die beiden größten Gruppen, die in der Nachkriegszeit in Europa ihre Heimat verloren hatten), wurden somit nicht als Flüchtlinge anerkannt.
Die Forderung nach einer rechtlichen und sozialen Gleichstellung beinhaltet einen Imperativ zur Integration, wenngleich die Genfer Flüchtlingskonvention diesen Begriff nicht benutzt. Zugleich wird das Dasein als Flüchtling damit endlich: Wer in einem aufnehmenden Staat eingebürgert wird, gilt gemäß den Statuten der UNO nicht mehr als Flüchtling. Daran setzt das vorliegende Buch an: Integration hat sich als ein besseres Mittel zur Lösung vermeintlicher oder tatsächlicher Flüchtlingskrisen erwiesen als der meist vergebliche Versuch, Mauern und Zäune zu bauen oder zu Gewaltmaßnahmen wie am Eisernen Vorhang zu greifen.
Die Geschichte von Flüchtlingen nach ihrer Ankunft in den jeweiligen Aufnahmeländern ist auch deshalb von Interesse, weil sie in der existierenden Literatur selten bearbeitet wird. In den vergangenen dreißig Jahren sind gute Überblicksdarstellungen über Flüchtlinge erschienen,14 doch darin geht es meist um die Ursachen, die Flucht selbst und um all die Not und das Elend, die damit verbunden waren. Das gilt auch für mein eigenes, 2011 publiziertes Buch über ethnische Säuberungen im modernen Europa.15 Ferner gibt es detaillierte Publikationen über die wichtigsten Perioden massenhafter Fluchtbewegungen, insbesondere infolge der beiden Weltkriege; hier hat sich der bereits erwähnte Peter Gatrell große Verdienste erworben.16 Das Leben der Flüchtlinge nach ihrer dauerhaften Aufnahme spielt in diesen Untersuchungen jedoch meist eine geringe Rolle, vielleicht auch deshalb, weil es seit je weniger Schlagzeilen und Empathie hervorgerufen hat.17
Eignet sich demnach die Integration als implizites Telos der historischen Flüchtlingsforschung und individueller Fluchtgeschichten? Die Genfer Flüchtlingskonvention scheint dies nahezulegen, denn mit der dauerhaften Aufnahme und der Gleichstellung mit der einheimischen Bevölkerung erlischt wie erwähnt der völkerrechtliche Status als »refugee«. Doch Integration, auf deren begriffliche Finessen und Fallstricke weiter unten näher eingegangen wird, ist kein linearer und irreversibler Prozess. Wie der Blick auf andere Migranten zeigt – auch Flucht ist letztlich eine Variante der Migration18 –, war die Integration häufig von Konflikten und manchmal von Rückschritten begleitet. Die Angst vor ihrem Scheitern sowie die damit verbundene Abwehr von Flüchtlingen beherrschen seit dem Herbst 2015 die europäische Öffentlichkeit und die Diskussion in den einzelnen Mitgliedstaaten der EU. Dabei geht es freilich oft nur scheinbar um Flüchtlinge, die schon immer als Projektionsfläche für gesellschaftliche und politische Probleme ge- und missbraucht wurden, vor allem jedoch um die Aufnahmegesellschaften selbst.
Es ist daher wichtig, Flüchtlinge nicht nur als Objekt der Geschichte zu verstehen, sondern als Subjekte und eigenständige Akteure, die nicht namenlos bleiben sollten. Zu diesem Zweck werden in diesem Buch »analytische Porträts« eingefügt, die individuelle Flüchtlinge und andere maßgebliche Akteure massenhafter Fluchtbewegungen in den Blick nehmen. Was Flucht, Entwurzelung, der meist mühsame Neubeginn und das dauerhafte Exil in der Fremde bedeuten, lässt sich oft besser verstehen, wenn man es aus einer biografischen Perspektive betrachtet.
Angesichts der langen Geschichte massenhafter Fluchtvorgänge stellt sich die Frage, wie man diesen riesigen Forschungsgegenstand eingrenzen und so ordnen kann, dass sich daraus ein Erkenntnisgewinn für die heutige Zeit ergibt. Außerdem geht es hierbei um ein wissenschaftliches Anliegen, um einen Beitrag zu einer historischen Flüchtlingsforschung (wen diese grundsätzlichen Überlegungen und der Stand der Forschung weniger interessieren, der kann hier zum Anfang des ersten Hauptteils weiterblättern). Am einfachsten wäre eine chronologische Ordnung, die im Prinzip mit dem Auszug der Israeliten aus Ägypten beginnen und mit dem syrischen Bürgerkrieg enden könnte. Eine pure Aufreihung aller größeren Fluchtvorgänge der Menschheitsgeschichte (einschließlich der prähistorischen und antiken) würde jedoch den Rahmen eines einzelnen Buches sprengen, zumal wenn die weitere Geschichte der Flüchtlinge nach ihrer Ankunft einbezogen werden soll. Die Struktur dieses Buches und seiner einzelnen Teile richtet sich daher nach einer topologischen Ordnung: Es geht zunächst um Glaubensflüchtlinge, dann um Flucht vor dem Nationalismus und schließlich um politisch motivierte Flucht. Der französische Historiker Stéphane Dufoix hat zwar zu Recht darauf hingewiesen, dass bei jeder Flucht eine Vielzahl von Mikroentscheidungen und Mikrozwängen einwirken – nicht anders ist das bei den syrischen Flüchtlingen, die seit dem Ausbruch des Bürgerkriegs nach Deutschland gekommen sind, mehr dazu unten am Ende des dritten Teils.19
Der älteste Fluchtgrund in der neuzeitlichen europäischen Geschichte war religiöse Intoleranz. Ende des 15. Jahrhunderts – hier setzen die meisten Historiker den Beginn der Neuzeit an – kam es in Spanien erstmals zu einer flächendeckenden, ausnahmslosen und auf Abstammung beruhenden Verfolgung religiöser Minderheiten. Kollektive Ausweisungsaktionen waren auf lokaler Ebene zwar bereits im Mittelalter vorgefallen (insbesondere in deutschen Städten), doch das irdische Purgatorium im christlichen Spanien sticht durch seine Radikalität und seinen flächendeckenden Charakter heraus. Entsprechend umfangreich waren die Fluchtbewegungen, etwa eine halbe Million Muslime und Juden mussten Spanien verlassen, gemessen an der damaligen Größe der spanischen und der gesamteuropäischen Bevölkerung eine präzedenzlose Zahl. Der Begriff »Glaubensflüchtlinge« wurde dann während der Religionskriege des 16. und 17. Jahrhunderts geprägt.20 Auf ihnen liegt der Fokus des ersten Teils, der in seinen Ausläufern allerdings bis in die jüngste Zeit führt, da religiöse und konfessionelle Unterschiede auch in späteren Epochen, zuletzt im ehemaligen Jugoslawien, für die Exklusion, Verfolgung und Vertreibung von Minderheiten missbraucht wurden.
Der moderne Nationalismus, der sich seit dem späten 18. Jahrhundert in Europa ausbreitete, verursachte eine zunehmend rigide Exklusion und Inklusion und war der Auslöser der insgesamt umfangreichsten Fluchtvorgänge. Allein im 20. Jahrhundert verloren aufgrund eines radikalen, ethnischen und zum Teil rassistischen Nationalismus, der hier im zweiten Hauptteil behandelt wird, rund dreißig Millionen Menschen ihre Heimat.21 Die Kehrseite der nationalistischen Intoleranz und Verfolgung war, vergleichbar mit religiösen Konflikten und Kriegen, jedoch die nationale Solidarität, die dabei half, massenhafte Flucht zu bewältigen. Man muss an diesem Punkt allerdings die Frage nach dem Preis stellen, den die Aufnahme und Integration von Flüchtlingen unter nationalistischen Vorzeichen hatte, war diese doch ihrerseits häufig der Auslöser weiterer Konflikte und Vertreibungen.
Die dritte Variante der Flucht fällt rein quantitativ weniger ins Gewicht, bestimmt aber bis heute das Völkerrecht und die Wahrnehmung von Flüchtlingen in der westlichen Welt. Im Zuge der Französischen Revolution wurden erstmals massenhaft Menschen aus ideologischen Gründen umgebracht und zur Flucht gezwungen. Diese Geschichte der politisch-ideologischen Flucht (aus sprachlichen Gründen und der Kürze halber bleibt es im Folgenden bei dem ersten Attribut) prägte das gesamte 19. Jahrhundert. In diesem Zeitalter, nach den Revolutionen von 1830/31 und 1848/49, wurde der politische Exilant als historische Figur geboren, und in mehreren westeuropäischen Staaten sowie in den USA wurde ein Recht auf Asyl fixiert. Im 20. Jahrhundert sind dabei zwei Perioden zu unterscheiden: die Zwischenkriegszeit, als die internationale Flüchtlingspolitik zwar bleibende Grundsätze und Instrumentarien entwickelte, bei der Bewältigung der vom Faschismus und Nationalsozialismus ausgelösten Herausforderungen jedoch versagte; und die Zeit des Kalten Krieges, als Flüchtlinge ihr »Goldenes Zeitalter« – so hat es Daniel Gerard Cohen bezeichnet22 – erlebten. Dies trifft insofern zu, als in dieser Periode die Genfer Flüchtlingskonvention und andere maßgebliche Regularien geschaffen wurden, von denen man heute angesichts des Niedergangs des Westens und seiner Werte nicht weiß, wie lange sie noch Bestand haben werden.
Aber ist »golden« wirklich das richtige Attribut? Dazu müsste man im Prinzip die Flüchtlinge selbst befragen, was hier in einigen analytischen Porträts exemplarisch geschehen soll. Unbestreitbar ist, dass es in den vergangenen fünfhundert Jahren einerseits Perioden gab, in denen Flucht relativ leicht möglich war, andererseits aber auch Zeiten, in denen Flüchtlinge abgewiesen wurden und ihre späteren Lebensorte erst nach mühseligen Umwegen erreichten. Eins der zentralen Anliegen dieses Buches besteht denn auch darin, Faktoren zu identifizieren, die darüber entscheiden, wann für Flüchtlinge gute, wann eher schlechte Bedingungen herrschen und wie sich dieser Wandel erklären lässt. Im Idealfall waren der Ausgangspunkt und das Ziel der Flucht räumlich eng miteinander verbunden, etwa bei den Mauerflüchtlingen in Berlin. Meistens waren die Strukturen der Flucht allerdings nicht so vorteilhaft, Flüchtlinge mussten weite Entfernungen überwinden, bis sie, oft nach etlichen Jahren, dauerhaft unterkamen. Neben solchen strukturellen sind auch normative Faktoren ausschlaggebend dafür, inwieweit Flüchtlingen Solidarität entgegengebracht wird.
Die Ordnung der Darstellung nach diesen drei zentralen Fluchtursachen hat zur Folge, dass die Zeitlinien teilweise parallel laufen. Jeder der folgenden drei Teile setzt zeitlich neu an und folgt dann seiner eigenen Chronologie. Das mag auf den ersten Blick verwirrend sein, weil bestimmte Perioden und manchmal einzelne Ereignisse mehrfach behandelt werden. Das lässt sich jedoch nicht vermeiden, weil bestimmte historische Zäsuren wie zum Beispiel die beiden Weltkriege auf alle Varianten der Flucht einwirkten. Der Erkenntnisgewinn liegt darin, dass man anhand der topologischen Unterteilung besser verstehen kann, wie Flüchtlinge aufgenommen wurden (oder nicht) und unter welchen Bedingungen sie ein neues Leben beginnen konnten. Rechtshistorische Fragen – das muss hier ergänzt werden – stehen dabei nicht im Zentrum der Aufmerksamkeit, weil man damit ein eigenes Buch füllen könnte. Dennoch werden in den einzelnen Teilen jeweils anlassbezogen die wichtigsten völker- und asylrechtlichen Veränderungen behandelt, weil sie die Aufnahme prägten und als Indikatoren politischer und gesellschaftlicher Einstellungen gegenüber Flüchtlingen angesehen werden können.
Bei den hier zur Differenzierung unterschiedlicher Fallgruppen herangezogenen religiösen, nationalistischen und politisch-ideologischen Fluchtursachen handelt es sich im Sinne Max Webers um Idealtypen. Diverse Minderheiten wurden wegen ihrer Konfession und ihrer Nationalität zum Verlassen ihrer Heimat gezwungen, außerdem war der Nationalismus – genau wie Religion und Konfession – schon immer ein Politikum. Die Beweggründe der Flüchtlinge waren ebenfalls vielfältig, zum Beispiel emigrierten die Menschen aus dem Ostblock, die im Kontext des Kalten Krieges im Westen mit so viel Sympathien bedacht wurden, einerseits aus politischen Überzeugungen, andererseits spielte auch die wirtschaftliche Lage eine Rolle. Schließlich ist die Frage zu stellen, ob diese Unterteilung künstliche Trennstriche zieht und ob diese »großen« Kategorien für die Forschung und die hier angebotene Überblicksdarstellung gut handhabbar sind. Dass diese drei Ursachen der Flucht auch die Haltung in den Aufnahmestaaten sowie den Verlauf der Integration beeinflussten, spricht allerdings für diese Vorgehensweise.
Religiöse, nationale und politische Konflikte waren, ganz allgemein gesagt, die Ursache der zahlreichen Kriege, die in der Neuzeit in Europa geführt wurden. Massenhafte Flucht ist seit je eine Begleiterscheinung kriegerischer Konflikte, verlief jedoch bis zum späten 19. Jahrhundert meist kleinräumig und temporär. Mit den Balkankriegen von 1912/13 (teilweise bereits zuvor in den »Türkenkriegen«) wurden Bevölkerungsverschiebungen und damit massenhafte Flucht zu einem eigenen Kriegsziel. Diesem Thema wird vor allem im zweiten Teil über Flucht vor dem Nationalismus die gebührende Aufmerksamkeit gewidmet. Man könnte ferner, durch die Umweltgeschichte inspiriert, ökologisch bedingte Fluchtvorgänge ergänzen, allerdings erstrecken sich diese, von Naturkatastrophen abgesehen, meist über längere Zeiträume, weshalb sie eher allgemeinen Wanderungsbewegungen zuzuordnen sind.
Zum Abschluss dieser drei großen Teile des Buches wird eine Typologie der Fluchtvorgänge ergänzt, die sich stärker an den individuellen Handlungsspielräumen und Erfahrungen von Flüchtlingen ausrichtet. Hierbei wird zwischen existenzieller, überwiegend passiv erlittener, prädeterminierter, proaktiver und optionaler Flucht unterschieden.
Wie kann man Flucht von anderen Migrationsformen differenzieren? Es versteht sich wahrscheinlich fast von selbst, dass Flucht unter Zwang erfolgt sowie unter Anwendung oder Androhung von Gewalt. Dabei sind zwei Varianten zu unterscheiden: direkter Zwang, etwa durch Waffengewalt oder andere physische Übergriffe, sowie indirekter Zwang. In letzterem Fall fliehen Menschen, weil sie Gewalt und stark verschlechterte Lebensbedingungen befürchten.23 Im Gegensatz zu den meist recht gut organisierten Zug- und Schiffsreisen der transatlantischen und innereuropäischen Arbeitsmigranten waren die Fluchtwege oft mit großen Gefahren für Leib und Leben verbunden. Viele Flüchtlinge befanden sich jahrelang auf einer Odyssee durch verschiedene Staaten, während Arbeitsmigranten meist klare Vorstellungen über ihre Zielländer hatten und diese direkt ansteuerten. Generell kann man sagen, dass bei Flüchtlingen die »Push-Faktoren« eine stärkere Rolle spielen, bei anderen Migranten eher die »Pull-Faktoren«, also die Anziehungskraft einer – oft idealisierten – neuen Heimat. Die Gegenüberstellung von »Push« und »Pull« ist ein alter Topos der Migrationsforschung, nur passt dieses Schema nicht recht zur Geschichte der Flucht; wenn, dann allenfalls in dem Sinn, dass Flüchtlinge vom ursprünglichen Aufnahmeland in einen Drittstaat weiterziehen, wo sie sich mehr Hoffnungen auf eine menschenwürdige Existenz machen können – so etwa die Syrer, die 2015 aus der Türkei oder dem Libanon nach Deutschland zogen. Trotz dieser Zwischenstation bleiben sie Flüchtlinge, wenngleich Politiker wie Viktor Orbán das bestreiten (der ungarische Ministerpräsident könnte bei Gelegenheit seine 1956 durch Österreich in den Westen geflohenen Landsleute fragen, was sie von solchen politischen Finten halten).
Ein in der Forschung kursierender Alternativbegriff ist jener der Zwangsmigration. Hier ist jedoch zu bedenken, dass Migrationsbewegungen selten völlig freiwillig sind, selbst die Arbeitsmigration beruht oft auf Zwängen und Notlagen. Wenn sich Naturkatastrophen ereignen, verlassen Menschen ihre Heimat ebenfalls nicht freiwillig, wobei sie in der Regel nach einer gewissen Zeit zurückkehren können. Aufgrund der letztlich fließenden Grenzen zwischen Zwang und Freiwilligkeit haben Migrationshistoriker wie Leo Lucassen begründete Zweifel gegen den Begriff Zwangsmigration geäußert.24 Jochen Oltmer vom Osnabrücker Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS), einer der namhaftesten Experten in Deutschland, hat den Terminus »Gewaltmigration« eingebracht;25 hier stellt sich freilich die Frage, wie man dieses Substantiv auf Akteure übertragen und personifizieren kann. »Gewaltmigrant« klänge geradezu bedrohlich, zumal die Betroffenen in den allermeisten Fällen Opfer von Gewalt sind.
Flüchtlinge werden durch die gemeinsame Erfahrung der Flucht – sosehr sich diese im Detail unterscheiden mag – zusammengeschweißt. Das gilt auch für Exilanten, die man gewissermaßen als dauerhaftere und politisch aktivere Subspezies der Flüchtlinge ansehen kann. Diese Identitätsstiftung sollte nicht so einfach vorausgesetzt werden, wie es die enge Verwandtschaft der Wörter Flucht und Flüchtling nahelegt. Bei genauerer Betrachtung hatten – um hier zwei Beispiele anzuführen – Sudetendeutsche aus dem industriell geprägten Nordböhmen und protestantische masurische Landarbeiter, die 1945 in Westdeutschland ankamen, ebenso wenig gemeinsam wie ein christlicher Kaufmann aus Aleppo und ein kurdischer Bauer aus dem Euphrattal, die 2015 Deutschland, Österreich oder Schweden erreichten. Aber durch die Flucht und den entsprechenden Status in den aufnehmenden Ländern wurden aus diesen Gruppen in ihrer Selbstidentifikation Flüchtlinge. Dagegen würde sich ein »Wirtschaftsflüchtling« wohl kaum selbst als solcher bezeichnen; dieser und andere pejorative Begriffe wie »Scheinasylant« oder »Scheinflüchtling« kamen in Deutschland vor allem in den achtziger Jahren auf. Sie dienten der Delegitimierung von Flüchtlingen, denen primär materielle Motive unterstellt wurden.
Wie die jeweiligen Flüchtlinge behandelt wurden, hing bereits in früheren Epochen weniger von deren Vorgeschichte und Verfolgungsschicksal, sondern vielmehr von den Einstellungen der Aufnahmegesellschaft und ihrer politischen Eliten ab. Wollte man sich im Kalten Krieg von der kommunistischen Gewaltherrschaft abgrenzen, waren Flüchtlinge als lebender Beweis für Menschenrechtsverletzungen und andere Schattenseiten des Stalinismus und Staatssozialismus willkommen. Ereignete sich die Flucht in Zeiten ökonomischer Krisen, schlossen sich die Türen – diskursiv wie an den Staatsgrenzen. Neu in der Zeit der postmodernen Massendemokratien ist indes, dass ein Teil der politischen Eliten und immer häufiger Regierungen Flüchtlinge nutzen, um durch unverhohlenen Populismus Stimmung zu machen und die Bevölkerung für Wahlkampfzwecke aufzuhetzen. Die semantischen Details dieser öffentlichen Diskurse sind oft genauso wichtig wie die Unterschiede zwischen einzelnen Fluchtvorgängen und Flüchtlingsgruppen, die ein geschichtswissenschaftliches Buch selbstverständlich ebenfalls beachten muss.
Eine Gemeinsamkeit zwischen den »Gastarbeitern« der Nachkriegszeit und den Flüchtlingen früherer Perioden liegt darin, dass sie ähnlich wie die Aufnahmegesellschaften zunächst erwarteten, dass sie nur vorübergehend bleiben würden. Vor allem unter der ersten Generation war das »Syndrom der gepackten Koffer« verbreitet, obwohl nach ethnischen Säuberungen und religiösen Konflikten meist keine Möglichkeit zur Rückkehr bestand. Politische Flüchtlinge konnten dagegen häufiger aus dem Exil heimkehren, da die großen Diktaturen des 20. Jahrhunderts letztlich eine unerwartet kurze Lebensdauer hatten. In manchen Fällen stiegen ehemalige Flüchtlinge in hohe Staatsämter auf, so etwa Willy Brandt und Bruno Kreisky, die Schlüsseljahre ihres Lebens im Exil verbracht hatten, oder in den neunziger Jahren diverse Präsidentinnen und Präsidenten baltischer Staaten.26 Doch die Remigration in die alte (und imaginierte) Heimat war anders als bei Arbeitsmigranten eine seltene Ausnahme, meist blieben die Flüchtlinge dort, wo sie aufgenommen wurden. Das war fast immer zum Vorteil der entsprechenden Staaten und Gesellschaften.
Diese Vorteile werden in letzter Zeit kaum noch diskutiert, seit dem Herbst 2015 geht es in den öffentlichen und medialen Debatten über Flüchtlinge fast nur noch um Lasten, Überforderung und Bedrohungen. In den zwanziger Jahren und in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, ereigneten sich in Relation zur Größe der Weltbevölkerung jedoch weit umfangreichere Fluchtbewegungen.27 Das gilt insbesondere für Europa, das bis 1947 stärker von Massenflucht betroffen war als alle anderen Kontinente.
Doch was bedeutet hier eigentlich Europa, und wie kann man diesen geografischen und politischen Begriff auf die Geschichte anwenden? Seit dem Zerfall der Sowjetunion wird Europa häufig mit der EU gleichgesetzt oder als abgeschlossene räumliche Einheit betrachtet, die im Osten bis zum Ural, im Südosten zum Kaukasus, zum Bosporus und zur Ägäis reicht. Beides ist eine politisch gewollte Verkürzung, die der europäischen Geschichte nicht gerecht wird. Diese ist im Zusammenhang mit ihren Nachbarregionen und -gesellschaften besser zu verstehen. Das zeigen nicht zuletzt die historisch variablen Vorstellungen über die Ausdehnung Europas. Im Osten und Südosten des Kontinents waren die geografischen, politischen und kulturellen Grenzen keineswegs so klar und unumstritten, wie es heute angesichts der Existenz der EU erscheinen mag. Vor gut hundert Jahren wurden die Konflikte um die europäischen Gebiete des Osmanischen Reiches, das 1912 noch bis an die Adria und in das heutige Serbien reichte, als »orientalische Frage« behandelt. Das zeigt, dass man im Westen Europas den Orient nicht unbedingt im Nahen Osten verortete, sondern mitunter in Südosteuropa.28 Zugleich war das Osmanische Reich bis zum Ende des Ersten Weltkrieges ein integraler Bestandteil des europäischen Staatensystems und der Gleichgewichtspolitik zwischen den Großmächten. Die Gründung der Republik Türkei erfolgte im Kontext der europäischen Nationalstaatsbildung nach dem Ersten Weltkrieg. Diese sachlichen Argumente sprechen stark dafür, das Osmanische Reich und die Türkei – trotz aller gegenwärtigen politischen Konflikte – ebenso als Teil der europäischen Geschichte zu behandeln wie das Russische Reich und die Sowjetunion.29
Auch die nahöstlichen Nachfolgestaaten des Osmanischen Reiches, der Libanon, Syrien, Jordanien und der Irak, sind mit Europa nicht zuletzt dadurch verbunden, dass sie infolge der französischen und britischen Kolonialherrschaft entstanden. Israel wurde von jüdischen Flüchtlingen und Auswanderern aus Europa gegründet, die dort 1948/49 einen Nationalstaat nach europäischem Vorbild aufbauen wollten, was auch in diesem Teil der Welt massive Flüchtlingsströme zur Folge hatte. Dass innerhalb eines Jahres etwa eine Million Menschen über die Ägäis fliehen und dies die Ordnung und Werte Europas tangiert, ist vor knapp hundert Jahren schon einmal vorgekommen (1922/23 infolge des griechisch-türkischen Krieges), wenngleich unter anderen und noch weit ungünstigeren Umständen.
All diese und etliche andere Zusammenhänge kann man besser verstehen, wenn man den Blick auf die europäische Geschichte um Nachbarräume jenseits des Mittelmeers, des Atlantiks und die asiatischen Gebiete des Russischen Reiches bzw. der Sowjetunion erweitert. Selbstverständlich ist das bei der Flucht leichter möglich als bei der Integration, die stets gesellschafts- und länderspezifisch verläuft. Die Erweiterung in den Osten, Süden und Westen ist empirisch begründet, denn Nowosibirsk oder das ferne Wladiwostok sind nicht weniger europäisch geprägt als Buenos Aires und Boston; Beirut trug einmal den Beinamen »Paris des Nahen Ostens«, Istanbul hatte bis ins späte 19. Jahrhundert eine christliche Bevölkerungsmehrheit.30 Diese Öffnung der europäischen Geschichte soll keine Konflikte glätten oder den Kolonialismus vergessen machen, sondern die politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Beziehungen mit benachbarten Weltregionen berücksichtigen. Damit lässt sich zugleich die Globalgeschichte ergänzen, die sich bei ihrer Betrachtung Europas meist auf überseeische Beziehungen und Kolonien konzentriert (die auch hier vorkommen, insbesondere im Kapitel 2.9 über postkoloniale Flucht und Remigration), damit jedoch in mancher Hinsicht kolonialen Raumwahrnehmungen und dem Okzidentalismus der Nachkriegszeit verhaftet bleibt.
Es ist mittlerweile fast schon ein Totschlagargument geworden, Büchern mit einem Schwerpunkt auf Europa »Eurozentrismus« vorzuwerfen. Doch die Geschichte der Flucht und Flüchtlinge hat europäische Ursprünge, die man selbstkritisch betrachten sollte. Auf die Reconquista Spaniens wurde bereits verwiesen, im 17. Jahrhundert verbreitete sich aufgrund der Verfolgung der Hugenotten der Begriff des réfugié, in der Zeit des »langen« Ersten Weltkriegs, der überwiegend in Europa ausgefochten wurde, entwickelten sich Flüchtlinge zu einem globalen Problem, bis in die fünfziger Jahre verzeichnete Europa die bei Weitem meisten und umfangreichsten Fluchtbewegungen. Insbesondere die junge Bundesrepublik war in der frühen Nachkriegszeit ein »Flüchtlingsland«. Vielleicht erklärt dieser Erfahrungsschatz die zunächst sehr offene Haltung im Jahr 2015.
Die Idee der Menschenrechte, die für die UN-Flüchtlingskonvention von 1951 und ihre Vorläufer in der Zwischenkriegszeit konstitutiv war, ist ebenfalls europäischen Ursprungs. Auch das internationale »Flüchtlingsregime« der UNO – mit »Regime« sind hier die Versuche benannt, die Aufnahme und Weiterleitung von Flüchtlingen zu steuern – wurde in der Zwischenkriegszeit im Rahmen des Völkerbunds und damit in Europa aufgebaut. Als Negativbeispiel eines tatsächlichen Eurozentrismus kann die geografische Beschränkung der Genfer Konvention auf Europa gelten, als ob es 1951 in anderen Teilen der Welt keine akuten Flüchtlingsprobleme gegeben hätte.31 In China beispielsweise wurden im Zweiten Weltkrieg etwa dreißig Millionen Menschen entwurzelt, 1947 verloren infolge der Teilung Indiens mehr als zwölf Millionen Menschen ihre Heimat (dabei spielten Europäer bzw. konkret die Kolonialmacht Großbritannien eine unrühmliche Rolle). Indien und Pakistan ratifizierten die Genfer Flüchtlingskonvention indes nicht, weil sie befürchteten, auf diese Weise erneut unter den Einfluss der europäischen Großmächte zu geraten.
Ein Zusatzprotokoll aus dem Jahr 1967 beseitigte schließlich diesen Geburtsfehler der Genfer Flüchtlingskonvention, ihre Gültigkeit und der Aktionsradius des UNHCR wurden auf die gesamte Welt ausgedehnt. Diese Universalisierung hatte ebenfalls in unmittelbarer Nähe zu Europa begonnen. Zwischen 1954 und 1962 flohen etwa 200 000 Algerier vor dem Unabhängigkeitskrieg nach Tunesien sowie Marokko und wurden dort vom UNHCR betreut. Insofern war die Globalisierung der Genfer Flüchtlingskonvention nur ein logischer Schritt.
Mehr Kenntnisse über die Nachbarräume sind auch deshalb notwendig, um die Flüchtlinge aus dem Nahen Osten besser zu integrieren. Solange die Basisinformationen über die Herkunftsgesellschaften, im Falle Syriens über die Alewiten, die Assyrer, die Angehörigen verschiedener sunnitischer Glaubensrichtungen oder Nationalitäten wie die Kurden, derart begrenzt sind, wird man sich mit der Integration schwertun, jedenfalls schwerer als nötig. Auch hierzu wieder ein historisches Beispiel: Als vor knapp hundert Jahren nach der Konferenz von Lausanne sämtliche kleinasiatischen Christen zwangsausgesiedelt wurden, war man auf Seiten der Großmächte und sogar in Griechenland erstaunt, dass viele von ihnen kein Griechisch, sondern nur Türkisch sprachen. Entsprechende Komplikationen entstanden bei der Aufnahme der Karamanliden aus Anatolien. Sie wurden in Griechenland als Fremde stigmatisiert, die Integration verzögerte sich um Jahrzehnte. Das trieb die Flüchtlinge in die Arme der Kommunisten und trug 1945 zum Ausbruch des griechischen Bürgerkriegs bei.32
Dieser erweiterte Blick auf Europa und seine Geschichte ist nicht zuletzt durch die räumliche Mobilität der Flüchtlinge geprägt, die bereits in früheren Epochen Tausende Kilometer Landweg zurücklegten, das Mittelmeer in verschiedenen Richtungen sowie den Atlantik überquerten. Diese Mobilität hat sich in jüngster Zeit aufgrund neuer Kommunikationsmedien nochmals erhöht. Ob die Selfies mit Angela Merkel, die über Facebook, Whatsapp und andere soziale Medien um die ganze Welt gingen (eigentlich waren es professionelle Pressefotos von einem Besuch der Kanzlerin in einem Berliner Flüchtlingsheim), so stark als Pull-Faktor auf die eine Million Syrer, Iraker und Afghanen wirkten, die 2015 nach Europa kamen, lässt sich schlecht nachweisen oder widerlegen. Klar ist jedoch, dass die Welt kommunikativ zusammengewachsen ist, erst recht Europa mit seinen unmittelbaren Nachbarräumen rund um das Mittelmeer.33
Zwischen der alten und der neuen Heimat, wenn sie denn eine wird, liegt ein langer und gefährlicher Weg. Nach Angaben der International Organization for Migration (IOM), der wichtigsten NGO in diesem Bereich, sind allein im Jahr 2015 nachweislich 3770 Menschen auf der Flucht über das Mittelmeer ums Leben gekommen, 2016 stieg die Zahl der Ertrunkenen auf über 4500.34 Die Dunkelziffer liegt deutlich darüber, da viele Opfer namenlos und spurlos bleiben, weil ihre Leichname im Meer untergehen. Im folgenreichen Fall des Kleinkinds Alan Kurdi war dies anders. Die Bilder des dreijährigen Jungen, der im September 2015 bei der Überquerung der Ägäis ertrank, sorgten weltweit für Betroffenheit und trugen wenig später zur Öffnung der österreichischen und der deutschen Grenze für Flüchtlinge aus dem Nahen Osten bei.
Alan Kurdi ertrank zusammen mit seinem zwei Jahre älteren Bruder Ghaleb und seiner Mutter auf dem Weg vom türkischen Badeort Bodrum zur griechischen Insel Kos, als ein mit Flüchtlingen überladenes Boot kenterte. Die Familie hatte sich Schleppern anvertraut, weil sie kein Visum für eine geregelte Emigration zu einer in Kanada lebenden Tante erhalten hatte. Alans Leiche wurde am 2. September 2015 am Urlaubsstrand von Bodrum angeschwemmt. Dort lag der äußerlich unversehrte Körper des Kleinkinds wie ein Stück Strandgut, ganz normal mit T-Shirt, einer kurzen Hose und Kinderschuhen bekleidet, doch Alans Kopf befand sich halb im Wasser. Die Fotos erzeugten ein gewaltiges mediales und politisches Echo, die schwedische Außenministerin Margot Wallström brach vor laufenden Kameras in Tränen aus, der damalige britische Premierminister David Cameron sicherte die Aufnahme von jährlich 20 000 Flüchtlingen aus Syrien zu, die österreichische und die deutsche Regierung verkündeten drei Tage später die Öffnung der Grenzen für Tausende von Flüchtlingen, die sich nach Ungarn durchgeschlagen hatten und dort am Budapester Ostbahnhof sowie in provisorischen Lagern festsaßen. Die Bilder von Alan Kurdi entfalteten eine derartige Wucht, weil sie nicht inszeniert oder – in der Sprache der Postmoderne – »konstruiert« waren. Die Unschuld eines Kindes berührt offenbar über kulturelle Grenzen hinweg, während man erwachsenen Flüchtlingen oft alle möglichen Motive unterstellt. Alan Kurdi wurde am 4. September 2015 zusammen mit seinem Bruder und seiner Mutter in seiner Heimatstadt Kobane, einem monatelang vom IS belagerten Ort im Norden Syriens, beigesetzt.
Trotz der zahlreichen Todesfälle im Mittelmeer sind raumübergreifende Fluchtbewegungen heute leichter möglich als in früheren Epochen der Geschichte, als Zehn- und manchmal Hunderttausende Menschen auf der Flucht umkamen. Dagegen haben sich – so eine weitere These dieses Buches – die Voraussetzungen der gesellschaftlichen Integration seit den siebziger Jahren verschlechtert.35 Die Gründe dafür sind mannigfaltig und hängen vor allem mit dem Wandel auf dem Arbeitsmarkt, verringerter sozialer Mobilität, kulturellen und medialen Veränderungen sowie einem Teufelskreis negativer Einstellungen und Ängste zusammen.
Sind demnach die gegenwärtigen Integrationsängste, die im vierten Teil des Buches behandelt werden, berechtigt? Hier ist zu konstatieren, dass Deutschland und andere europäische Staaten, die schon viel länger Einwanderungsländer sind, als sie sich eingestehen wollen, in ihrer Geschichte mit weit umfangreicheren Fluchtbewegungen zurechtgekommen sind. Es steht außer Frage, dass die Integration der 890 000 Flüchtlinge, die 2015 in der Bundesrepublik eintrafen (2016 wurden 280 000 Flüchtlinge registriert), eine große Herausforderung darstellt. Das gilt auch für Österreich und Schweden, diese beiden Länder haben in Relation zur Gesamtbevölkerung ähnlich viele bzw. sogar noch etwas mehr Flüchtlinge aufgenommen. Doch es gibt in der Geschichte genügend Beispiele dafür, wie man mit derartigen Fluchtvorgängen umgehen und den nötigen Zusammenhalt, den wohl jede Gesellschaft und vor allem Demokratien brauchen, erreichen kann.
Die historischen Beispiele der Integration – die begrifflich gleich näher behandelt wird – werden jeweils gruppenbezogen im Anschluss an die Flucht und Aufnahme erörtert. Einschränkend ist vorauszuschicken, dass dies nicht für jede Gruppe machbar ist und erst recht nicht für jedes Zielland von Flüchtlingen. Eine derartige vergleichende Integrationsgeschichte, die man an exakten Parametern ausrichten müsste, wäre ein mehrjähriges Großprojekt. Doch auch aus den hier vorgelegten Erkenntnissen über historische Integrationsverläufe lassen sich einige Einsichten ableiten. Dabei wurde bewusst auf einen längeren Zeitraum und nicht nur auf die Zeitgeschichte zurückgegriffen, denn manch aktuelle Studien über die sogenannte »Flüchtlingskrise« wirken, mit Verlaub, doch etwas kurzatmig. Ob man aus der Geschichte und ihren zeitlichen Tiefenschichten lernen kann, ist generell strittig. Es wäre allerding schon genug gewonnen, würde man die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholen.
Konkret ist damit die Abweisung von Flüchtlingen wie in den dreißiger Jahren und unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg gemeint, die Hunderttausende Menschen das Leben kostete. Gescheiterte Flucht ist daher ebenfalls ein Thema dieses Buches. Zudem hatte die verweigerte Aufnahme Auswirkungen auf die Integration jener Menschen, die bereits früher gekommen waren. Ausgrenzung nach außen brachte schon immer Ausgrenzung im Inneren mit sich. Nun kann man sich angesichts der jüngsten Renaissance des Nationalismus in Europa, der gespaltenen Öffentlichkeiten und der stark von Ängsten und Fremdenfeindlichkeit geprägten Debatten in den sozialen Medien fragen, ob ein umfangreiches Buch über Flüchtlinge überhaupt die richtigen Adressaten findet oder ob es am Ende nur unter den vielgeschmähten »Gutmenschen« kursiert. Und doch muss die Wissenschaft an ihrer Aufgabe der Aufklärung festhalten, nicht zuletzt um unbegründeten Integrationsängsten, die seit einiger Zeit sämtliche westliche Gesellschaften verunsichern, entgegenzuwirken.
Was bedeutet eigentlich Integration? Der Begriff ist mittlerweile politisch derart überfrachtet und wird so inflationär benutzt, dass man als Historiker erst einmal daran zweifelt, ob er sich für das Fortschreiben der Geschichte von Flüchtlingen nach ihrer Ankunft eignet. Integration wird fast immer teleologisch gedacht, mit dem unausgesprochenen Endziel einer weitgehend homogenen Gesellschaft. Wie weit und in welche Richtung diese Homogenität gehen soll – ob eher kulturell, sozial, national oder wie in früheren Zeiten auf die Religion bezogen –, wird selten offen artikuliert und hängt vom politischen Standpunkt ab. Das erklärt, warum Integration fast zu einer Verheißung geworden ist, der sich alle politischen Lager von rechts bis links anschließen können, außer vielleicht der neuen (und wie immer alten) Rechten, die offen für eine Ausgrenzung von Migranten und damit auch von Flüchtlingen eintritt, und den radikalen Multikulturalisten, die Integration für eine von der Mehrheitsgesellschaft auferlegte Zumutung und einen Ersatzbegriff für Assimilation halten.
Die Abgrenzung gegenüber dem lange Zeit ähnlich und für vergleichbare Zwecke genutzten Terminus der Assimilation fällt in der Tat nicht leicht (Leser, die sich für diese Begriffsdiskussionen nicht so sehr interessieren, können hier erneut weiterblättern bis zum Anfang des ersten Teils, dort geht es wieder unmittelbar um historische Fluchtvorgänge). Dieser kam dann jedoch außer Gebrauch, weil Soziologen wie Milton Gordon ab den sechziger Jahren massive Zweifel an ihm äußerten.36 Gordon beobachtete in seiner klassischen Studie Assimilation in American Life, dass sich die Einwanderer nicht mehr sofort assimilieren wollten und sich als »Ethno-Klasse« teilweise abkapselten, wenn ihnen der soziale Aufstieg verwehrt blieb. Die zunehmende Verweigerung der Assimilation hing damit zusammen, dass diese als einseitiger, aufgezwungener Anpassungsprozess verstanden, vielleicht auch missverstanden wurde. Welches Maß an kultureller und sozialer Differenz toleriert wird und wer darüber entscheidet, ist seitdem ein stetig wiederkehrender Streitpunkt und bestimmt die heutigen Debatten um die Integration von Flüchtlingen mit.
Eine Gemeinsamkeit beider Begriffe liegt darin, dass Assimilation und Integration als lineare Prozesse verstanden werden, auch in der Wissenschaft. Dass Integration partiell und reversibel sein kann und grundsätzlich von den Integrationsangeboten der Mehrheitsgesellschaft abhängt, ist ein unbequemer Gedanke. Auch wenn mittlerweile noch so oft betont wird, dass es sich um einen zweiseitigen Prozess handelt, wird der Imperativ der Integration erst einmal aus der Perspektive des Staates und der Mehrheitsgesellschaft formuliert. Das kann man indirekt daran erkennen, dass es keinen entsprechenden Subjektbegriff gibt – wie bei »Flucht« und »Flüchtling« oder »Migration« und »Migrant« –, der »Integrant« wäre eine (inhaltlich fragwürdige) Neuschöpfung. Flüchtlinge haben ohnehin andere Sorgen und verwenden ein anderes Vokabular; jedenfalls unmittelbar nach ihrer Ankunft geht es in der Regel ums blanke Überleben, ein Dach über dem Kopf und die Möglichkeit, Geld zu verdienen. Um es hier wieder einmal aus der Perspektive von Joseph Roth zu formulieren: »Freilich: die Papiere! Ein halbes jüdisches Leben verstreicht in zwecklosem Kampf gegen die Papiere …«37 Gemeint waren damit die Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis, die er als galizischer Flüchtling in Berlin und dann später in Paris erst nach einigen Anläufen bekam – zu diesen Dimensionen der rechtlichen und beruflichen Integration gleich mehr.
Trotz dieser Bedenken gegen einen oft normativ aufgeladenen, linear gedachten und teleologischen Begriff wäre es nicht zielführend, einer Auseinandersetzung mit dem Thema Integration aus dem Weg zu gehen. Dazu wird es in Politik und Gesellschaft zu viel diskutiert, gerade im Zusammenhang mit Flüchtlingen. Es ist auch nicht so, dass diese immer nur passive Objekte dieser Debatten waren (wie heute, abgesehen von wenigen Ausnahmen, die Flüchtlinge aus dem Nahen Osten38). Es gibt historische Beispiele, bei denen Flüchtlinge ihre Position wirkungsvoll einbringen und so politische Entscheidungen und gesellschaftliche Stimmungen beeinflussen konnten. Ob sich die Integration von oben steuern und planen lässt, ist wieder eine andere Frage; wahrscheinlich ist das eine Illusion, ähnlich wie in früheren Epochen bei der Assimilation.
Gerade wegen der diffusen Ausrichtung der Debatten um die Integration ist es nötig, diesen Begriff zu Beginn dieses Buches kurz zu definieren, auch wenn die verschiedenen Ebenen dann nicht in allen Fallstudien gleichermaßen zur Geltung kommen. Integration wird hier in Anlehnung an Richard Münch, Wilhelm Heitmeyer und andere Soziologen funktionalistisch verstanden und nicht normativ, also als ein positiv zu bewertender Prozess.39 Das beantwortet jedoch noch nicht die Frage, wohin oder in was sich die Flüchtlinge integrieren sollen. Heute würde eine sehr allgemeine Antwort für die Bundesrepublik und andere westliche Länder lauten: in eine demokratische sowie rechtsstaatliche Ordnung und eine freiheitliche Gesellschaft, in der Mann und Frau gleichberechtigt sind. Wenngleich hier soeben ein Bündel von Werten aufgeführt wurde, ist die Integration für sich kein Wert, sondern ein zwei- oder mehrseitiger gesellschaftlicher Prozess. Bei dieser für Fachleute eigentlich selbstverständlichen Einsicht geht es nicht etwa um terminologische Finessen, sondern um historische Erfahrungen. Wenn die Mehrheitsgesellschaft es größtenteils ablehnt, eine bestimmte Gruppe zu integrieren, wie zum Beispiel in den dreißiger Jahren (und teilweise bereits zuvor) die Juden in Deutschland und anderen europäischen Ländern, bleiben deren Versuche einer Anpassung – man sprach damals meist von Assimilation – zwangsläufig vergebens.
Niklas Luhmann betont die Inklusion, also das genaue Gegenteil der Exklusion, als Voraussetzung einer längerfristigen Integration, bei der Gruppen sich aufeinander zu bewegen. Das bedeutet jedoch nicht, dass sämtliche Eigenheiten dieser Gruppen im Sinne einer Assimilation aufzuheben sind.40 Ein zweiter wesentlicher Punkt ist die Partizipation. Integration kann nur gelingen, wenn die jeweiligen Gruppen, darunter die Flüchtlinge, am politischen System, dem Wohlstand und der Wirtschaft einer Gesellschaft sowie an ihrer Kultur partizipieren. Dies bedeutet, dass die Werte einer Gesellschaft, darunter die Ziele der Integration, auszuhandeln sind und nicht einfach vorgegeben werden können.41 Letzteres ist vor allem mit Blick auf die gegenwärtige politische Debatte zu betonen, in der Integration zunehmend als Leistungsanforderung missverstanden und mit Sanktionsandrohungen versehen wird.42 Besser oder jedenfalls ehrlicher wäre es, zwischen gut begründeten Vorgaben (wie zum Beispiel dem Belegen von Sprachkursen und dem Respektieren der Verfassung) und dem zwei- oder mehrseitigen Prozess der Integration zu unterscheiden.
Bei diesem sind im Allgemeinen und in Bezug auf die Flüchtlinge vier Dimensionen zu unterscheiden. Die erste betrifft deren rechtlichen Status, ob und inwieweit sie überhaupt anerkannt wurden und dadurch die Staatsbürgerschaft des Aufnahmelandes erhielten oder nicht. Hier reicht die Spanne sehr weit, von der sofortigen rechtlichen Gleichstellung – etwa im Fall der deutschen Vertriebenen nach 1945 – bis zur absichtlichen Ausgrenzung, zum Beispiel bei den 700 000 Palästinensern, die nach 1948/49 in den meisten arabischen Staaten nicht gleichgestellt und teilweise sogar diskriminiert wurden. Ein zweiter Punkt, der in der Soziologie häufig untersucht und hier bezüglich der einzelnen Flüchtlingsgruppen immer wieder aufgenommen wird, ist der Arbeitsmarkt bzw. die berufliche Integration. Bei diesem zweiten und in einer modernen Arbeitsgesellschaft insgesamt vielleicht wichtigsten Teilgebiet der Integration geht es – etwas verkürzt ausgedrückt – darum, ob Flüchtlinge einen Arbeitsplatz finden, inwieweit dieser ihrem Qualifikationsniveau entspricht und ob zumindest den nachfolgenden Generationen ein sozialer Aufstieg ermöglicht wird. Bei früheren Flüchtlingsgruppen war dies öfter der Fall, manchmal stiegen sie sogar zu einer neuen Elite auf wie die erwähnten Hugenotten in Preußen oder Flüchtlinge aus Südosteuropa in der türkischen Republik.
Die berufliche Integration und der gesellschaftliche Aufstieg beruhen häufig auf räumlicher Mobilität, daher ist die Wohnsituation von großer Bedeutung. Inwieweit wohnen Flüchtlinge und andere Zuwanderer in gemischten Vierteln, isoliert oder gar noch im Lager? Diese Problematik der lebensweltlichen Integration (oder auch Desintegration), die seit einigen Jahren unter medialen Schlagworten wie »Ghettoisierung« und »Parallelgesellschaft« verhandelt wird, geht erneut über die Flüchtlinge hinaus und betrifft auch andere Migranten. Der vierte und letzte Indikator, der manchmal als die höchste Stufe der Integration angesehen wird, ist das Heiratsverhalten. Inwieweit haben Flüchtlinge oder ihre Nachfahren in die Mehrheitsbevölkerung eingeheiratet? Hier spielt selbstverständlich die Religion oder Konfession eine wichtige Rolle, denn die monotheistischen Weltreligionen lehnten Mischehen lange Zeit ab oder verlangten eine vorherige Konversion. Durch die Zivilehe fiel diese Barriere weg, dennoch überwiegen in Deutschland und anderen europäischen Ländern nach wie vor Eheschließungen innerhalb der jeweiligen Mehr- und Minderheiten. Die begrenzte familiäre Integration hängt mit dem sozialen Status der Partner zusammen; Flüchtlinge und deren unmittelbare Nachkommen gelten selten als eine sprichwörtliche gute Partie. Überhaupt ist die Integration primär als soziales Problem zu erfassen, auch wenn in den Medien und in der Wissenschaft seit den neunziger Jahren immer stärker die kulturellen Konflikte betont werden.43
Manche Soziologen wie beispielsweise Hartmut Esser sehen die Identität oder Identifikation mit der Mehrheitsgesellschaft als höchste Stufe der Integration an.44 Doch einerseits ist der Begriff der Identität seit einiger Zeit zu Recht in die Kritik geraten,45 andererseits sind Äußerungen dazu, die man aus historischen Quellen oder in der Vergangenheit durchgeführten Interviews und Umfragen ableiten kann, meist weniger aussagekräftig als das soziale Handeln. Obwohl das im Widerspruch zum Linguistic Turn und zu anderen Paradigmata der Postmoderne stehen mag, steht daher in diesem Buch mehr im Vordergrund, was Menschen tun, als was sie (durch Quellen belegbar) sagen. Das erscheint insbesondere für langfristige Prozesse wie die Integration, die sich meist erst im Wechsel der Generationen vollzieht und wegen ihrer langen Dauer gerade von Historikern häufiger untersucht werden sollte, als weiterführend.
Für die historische Quellenlage gilt, dass sich diese vier Dimensionen der Integration nicht anhand exakter Daten untersuchen lassen. Je länger die Periode zurückliegt, desto schwieriger wird es, nach Bevölkerungsgruppen unterteilt genaue Angaben über die Berufstätigkeit, die soziale Mobilität, das Wohnumfeld und die Lebenswelten in Erfahrung zu bringen. Statistiken über Einbürgerung oder Ehen lassen sich dagegen leichter finden, wobei hier wie bei den anderen Ebenen der Integration Unterschiede zwischen Männern und Frauen und mithin eine Gender-Dimension zu beachten sind.46 Die historische Forschung ist daher nicht so systematisch durchführbar, dass sie den Ansprüchen der Soziologie oder anderer sozialwissenschaftlicher Disziplinen genügen könnte. Dennoch lassen sich aus den zeitlichen Tiefendimensionen der Geschichte Schlussfolgerungen für die Gegenwart ableiten, obwohl sich die Voraussetzungen der Integration je nach Periode stark unterschieden, angefangen bei der Art und dem Entwicklungsstand der Staatlichkeit bis hin zu den ökonomischen Grundbedingungen.47 Dass der moderne Sozialstaat die besten Bedingungen für die Integration von Flüchtlingen bietet, sollte man nicht einfach voraussetzen, sondern kritisch hinterfragen, denn diese gelang historisch auch in ganz anderen Kontexten.
Als Trost bleibt den Historikern, dass die Datenlage für die Gegenwart ebenfalls schwierig ist. Das liegt daran, dass in staatlichen Erhebungen wie zum Beispiel dem Mikrozensus des deutschen Statistischen Bundesamtes nicht zwischen Flüchtlingen und anderen Migranten, sondern lediglich nach Herkunft unterschieden wird. Das liegt wie erwähnt in der Logik der Genfer Flüchtlingskonvention, wonach Flüchtlinge nicht mehr als solche gelten, sobald sie die Staatsbürgerschaft eines Aufnahmelandes erhalten haben. Doch es zeugt auch davon, dass die Erfahrung der Flucht aus Sicht der staatlichen Verwaltungen allenfalls eine untergeordnete Rolle spielt. Man könnte unter Bezug auf Michel Foucault länger darüber philosophieren, welche Dispositive der Macht hier wirksam sind und was das über die Aufnahmestaaten und -gesellschaften aussagt. Hier sei lediglich an einem Beispiel erläutert, dass es bis in die jüngste Zeit massive Unterschiede zwischen Flüchtlingen und anderen Migranten gibt. So stammten die Gastarbeiter aus Jugoslawien, die ab Mitte der sechziger Jahre in diverse europäische Länder kamen, überwiegend aus ländlichen Regionen und aus einfachen Verhältnissen. Dagegen waren unter den Kriegsflüchtlingen aus Bosnien und Herzegowina viele Angehörige des seit 1945 entstandenen Mittelstands und der Bildungsschicht vertreten, die sich die Flucht in weiter entfernte Länder überhaupt leisten konnten. Sie besaßen somit andere Ressourcen für die Integration, die jedoch aus verschiedenen Gründen zu wenig genutzt wurden. Auch die deutschen Türken werden häufig über einen Kamm geschoren, obwohl zum Beispiel die Asylanten, die infolge des Militärputsches von 1980 geflohen waren, andere soziale und kulturelle Voraussetzungen mitbrachten als die vorher gekommenen Gastarbeiter, bei denen wiederum nach Herkunftsregion und Konfession zu differenzieren ist.48 Es bleibt zu hoffen, dass den Flüchtlingen aus Syrien und anderen Herkunftsländern von Seiten der Aufnahmegesellschaften mehr Aufmerksamkeit entgegengebracht wird – nicht nur, weil das vielleicht gut und schön ist, sondern aus Eigeninteresse.
Aufgrund dieser forschungsspezifischen Ausgangslage wird das Buch im vierten Teil über Integrationsängste inhaltlich geöffnet. Es geht einerseits wie zuvor um Flüchtlinge, allerdings werden auch Arbeitsmigranten wie die soeben erwähnten türkischen Gastarbeiter und deren Nachfahren behandelt. Stehen denn »die Türken« (die Wahrnehmung als einheitliche Gruppe ist ein eigenes Problem) tatsächlich abseits der deutschen Mehrheitsgesellschaft? Diese Behauptung wird in konservativen Medien immer wieder geäußert, zuletzt anlässlich des türkischen Verfassungsreferendums von 2017, als eine klare Mehrheit für die Selbstermächtigung von Recep Tayyip Erdoğan und die auf ihn zugeschnittene Präsidialverfassung stimmte. Doch sind die »Integrationsängste« um die deutschen Türken berechtigt? Diese Frage und andere Integrationsverläufe lassen sich besser untersuchen, wenn man erneut eine historische Langzeitperspektive einnimmt. Gemessen an den schlechten Ausgangsbedingungen (darunter die lange existierende Unklarheit darüber, ob eine Integration überhaupt erwünscht war, die einseitige Geschlechterverteilung unter den Gastarbeitern sowie die Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt seit den achtziger Jahren), lassen sich manche Befürchtungen relativieren. Das ist nicht zuletzt deshalb von aktueller Bedeutung, weil die Probleme bei der Integration früherer Migranten indirekt die Wahrnehmung der seit 2015 angekommenen Flüchtlinge beeinflussen. Dagegen verlief die Integration bei jenen Gruppen, die heute verbreitet als Erfolgsfälle gelten (etwa die Hugenotten oder die Flüchtlinge aus den verlorenen deutschen Ostgebieten), keineswegs glatt, sondern oft erst im Wechsel der Generationen. Das ist mit der Metapher des »Trauben sauer Schreibens« gemeint, die zugleich ein anderes Licht auf vermeintliche Problemfälle wirft. Da man mit einer derartigen, Europa samt der erwähnten Nachbarräume abdeckenden Integrationsgeschichte wiederum etliche Bücher füllen könnte, wird im Schlussteil der Fokus auf das mittlere Europa und die Bundesrepublik verengt. Es wird allerdings punktuell auf andere Staaten und Gesellschaften verwiesen, sofern dies als erhellend erscheint. Die analytischen Leitlinien bleiben gleich, es geht um die rechtliche, berufliche, lebensweltliche und familiäre Integration. Entgegen allen Integrationsängsten waren Flüchtlinge (und andere Migranten) historisch betrachtet fast immer eine Bereicherung für die Länder, die sie aufnahmen, und ein Motor wirtschaftlicher, gesellschaftlicher und kultureller Veränderungen. Das vorliegende Buch sieht eine seiner Aufgaben darin, an dieses Potenzial zu erinnern.
Erzählungen über Flucht und Flüchtlinge durchziehen bereits das Alte Testament. In den Berichten über die Abwanderung Abrahams aus Kanaan, den Auszug der Israeliten aus Ägypten, das babylonischen Exil und über etliche andere Episoden wurden historische Fluchterfahrungen verarbeitet. Das Neue Testament steht dem nicht nach, Maria und Josef fliehen vor den Häschern des Herodes, erst nach dessen Tod können sie in ihre Heimat in Galiläa zurückkehren.
Die biblischen Texte enthalten bereits alle wichtigen Fluchtmotive: existenzielle Not, ethnische Konflikte, religiöse und politische Verfolgung. Die in der Bibel beschriebene Aufnahme von Flüchtlingen ist einerseits von einem ethischen Imperativ getragen, der auch die »Willkommenskultur« des Jahres 2015 geprägt hat. Andererseits verweist die Bibel auf leere, kaum bewohnte Landstriche, in denen sich Flüchtlinge niederlassen konnten. Diese Voraussetzungen waren auch weit später in der europäischen Geschichte vorhanden, man könnte sogar behaupten, in mancher Hinsicht bis heute. Aufgrund des Einfallens der Mongolen im 13. Jahrhundert, der Pestepidemien ab 1347 und der Verwüstungen des Dreißigjährigen Krieges wurden weite Teile Europas immer wieder entvölkert. Eine Anhebung der Einwohnerzahl und der Landesausbau durch Besiedlung gehörten daher zu den Kernpunkten staatlicher Entwicklungspolitik. Die absolutistischen Monarchien der Frühen Neuzeit sahen Flüchtlinge und andere Zuwanderer in der Regel als eine Bereicherung an, nicht als Last oder Bedrohung. Sie erwarteten eine Steigerung der Wirtschaftskraft und warben deshalb sogar aktiv um jüdische, protestantische und andere Flüchtlinge.
Das Jahr 1492, das in globalhistorischer Perspektive als Beginn der Neuzeit bzw. der modernen Geschichte Europas gilt, eignet sich auch deshalb als Ausgangspunkt einer Synthese über massenhafte Flucht, weil diese Zeitenwende genau damit begann. Während Christoph Kolumbus Amerika »entdeckte«,1 eroberten spanische Truppen im Zuge der Reconquista das letzte muslimisch regierte Königreich auf der Iberischen Halbinsel. Die Kapitulationsverträge sicherten den Muslimen in Granada zwar freie Religionsausübung zu, doch die neuen Landesherren übten entgegen den Vereinbarungen massiven Druck zur Konversion aus. Die bedrängten Muslime reagierten 1499 mit einem Aufstand, der in den Bergen der Sierra Nevada erst nach zwei Jahren und mit rücksichtsloser Kriegsführung unter Kontrolle gebracht werden konnte. Die Regierung, vor allem die Inquisitionsbehörde, ging daraufhin noch härter gegen die muslimische Minderheit vor und erließ eine Vorschrift zur kollektiven Zwangstaufe. Tausende Muslime, die sich nicht bekehren lassen wollten, flohen nach Marokko oder ließen sich in der Küstenregion um Valencia nieder, wo vorerst weniger strenge Gesetze galten.2 Kaiser Karl V. schloss diese Gesetzeslücke und dehnte die Zwangskonversion zwischen 1523 und 1526 auf sämtliche Landesteile Spaniens aus. Diese antiislamische Politik geht vor allem auf die Bigotterie des Hauses Kastilien und der Habsburger sowie die Selbstradikalisierung der Inquisition zurück. Es gab ferner einen außenpolitischen Zusammenhang, denn das Osmanische Reich eroberte in diesen Jahren Ungarn und expandierte im westlichen Mittelmeerraum nach Algerien. Die Furcht vor einer fünften Kolonne und einem osmanischen Einmarsch in Spanien war daher das gesamte 16. Jahrhundert hindurch nicht völlig unbegründet.
Selbst die Konversion verschaffte den Nachfahren der spanischen Mauren, den sogenannten Moriscos, keine Ruhe. Nach einem weiteren Aufstand in den Jahren 1568-70 mussten sie das frühere Königreich Granada ausnahmslos verlassen.3 Die Niederschlagung des Aufstands war erneut von großer Grausamkeit begleitet, so ließ Don Juan de Austria, bald darauf der Sieger der Seeschlacht von Lepanto, nach der Belagerung und Kapitulation der andalusischen Stadt Galera rund vierhundert Frauen und Kinder töten. König Philipp II. nahm bei der Verfolgung der Muslime auch wirtschaftlich keine Rücksichten. Obwohl die massenhafte Flucht zum Zusammenbruch des über Jahrhunderte aufgebauten Bewässerungssystems und zu einer Schwächung von Handel und Gewerbe führte, setzte der König die Verfolgung der Muslime und der Moriscos fort. Sein Nachfolger Philipp III. erließ dann 1609/10 Ausweisungsdekrete für alle in Spanien verbliebenen Moriscos. Wie viele Menschen insgesamt fliehen mussten, lässt sich nicht genau beziffern, weil ihre Flucht meist über mehrere Etappen und Generationen erfolgte.4 Die etwa 300 000 Muslime im Königreich Granada sowie die zahlreichen muslimischen Gemeinden an der valencianischen Küste wurden jedenfalls im Zuge von mehr als einhundert Jahren religiöser Verfolgung vollständig vertrieben.
Wie häufig in der Geschichte von Flucht und Vertreibung ging der Staat nicht nur gegen eine, sondern gegen mehrere Minderheiten gleichzeitig vor. Die spanischen Juden hatten keinerlei Verbindungen zu einer bedrohlichen Großmacht, sie waren niemals Kriegsgegner gewesen, doch die Kirche sah sie als Bedrohung im Inneren an. Kurz vor der Eroberung Granadas inszenierte die Inquisition in Andalusien einen Ritualmordprozess, bei dem der Hauptbeschuldigte, ein konvertierter jüdischer Kaufmann, unter Folter die Schändung von Hostien und die Ermordung christlicher Kinder gestand. Er endete auf dem Scheiterhaufen, aufgepeitschte Massen verübten in mehreren Städten Pogrome. Der spanische Staat und der Klerus stellten die Juden daraufhin vor die Alternative Zwangstaufe oder Exil. Etwa 200 000 Juden flohen 1492 und nach einer zweiten großen Verfolgungswelle 1513 aus Spanien nach Nordafrika, Italien, in die Niederlande und vor allem ins Osmanische Reich.5 Das Schicksal der portugiesischen Juden verlief auf ähnlichen Bahnen, sie mussten 1497 ihre Heimat verlassen, weil das spanische Königshaus der dynastischen Verbindung mit Portugal und der Verheiratung von Prinzessin Isabella mit König Manuel nur unter der Bedingung zustimmte, dass alle Juden aus dem Land geworfen würden.
Wie bei den Muslimen bot nicht einmal der Übertritt zum Katholizismus dauerhaften Schutz vor Verfolgung, denn nach dem Prinzip der »limpieza di sangre« (Reinheit des Blutes) wurde die Religionszugehörigkeit der konvertierten Marranen (der Name leitete sich im Spanischen etymologisch von Schweinen ab und war per se eine Erniedrigung) ähnlich wie bei den Moriscos in manchen Fällen über mehrere Generationen zurückverfolgt. Die Inquisition gehorchte hier im Prinzip einer ähnlichen Logik wie die radikalen Nationalisten des späten 19. Jahrhunderts, die ethnisch und rassisch definierte Abstammungskriterien einführten, um die Mitgliedschaft zu einer Nation zu bestimmen.
Während über das weitere Schicksal der muslimischen Flüchtlinge wenig bekannt ist – die meisten ließen sich im heutigen Marokko und in Algerien nieder –, weiß man über die Sepharden deutlich mehr. Die spanischen und portugiesischen Juden wurden über ganz Europa und seine mediterranen Nachbarräume verstreut (vgl. dazu Karte 1). Einige von ihnen verfügten als Kaufleute bereits über Verbindungen nach Genua, Pisa, Livorno, Venedig und Amsterdam, der größte Teil folgte jedoch einer Einladung des osmanischen Sultans und siedelte sich in Istanbul, Saloniki, Sarajevo, Izmir und anderen Städten des Osmanischen Reiches an. Ähnlich wie im frühneuzeitlichen Polen und Preußen lag das Interesse der Osmanen in einer Mehrung ihrer Untertanen nach dem kriegsbedingten Bevölkerungsrückgang wegen der verlustreichen Eroberung Konstantinopels und des Balkans.6 Demgegenüber war die Konfession der neuen Untertanen zweitrangig, weshalb Istanbul auch nach 1453 eine mehrheitlich christliche Stadt blieb.
Karte 1: Fluchtrouten der sephardischen Juden aus Spanien und Portugal nach 1492
Die Sepharden durften im Osmanischen Reich weiterhin ihren Glauben ausüben sowie Schulen und eigene Gerichte betreiben – das war der Kern des sogenannten Millets.7 Diese sehr weit gehende, nicht territoriale, sondern auf Gruppen bezogene Autonomie war möglich, weil die Regierung noch nicht so nahe an die Bürger heranrückte wie ein moderner Staat. Die Osmanen verlangten von den Sepharden – und analog dazu von ihren christlichen Untertanen – lediglich, dass sie ihre Steuern zahlten und sich allgemein loyal verhielten. Die Gruppenautonomie, die vom 15. bis ins 18. Jahrhundert ganz gut funktionierte, schwächte jedoch auf die Dauer das Osmanische Reich, das sich seit dem Zeitalter des Absolutismus einer verschärften Konkurrenz seitens anderer Mächte ausgesetzt sah. Das hatte mehrere, zunächst einmal wirtschaftliche und machtpolitische Gründe; durch die Expansion Europas nach Übersee verlagerte sich der Schwerpunkt der Weltwirtschaft nach Westen, außerdem rückten England und Frankreich durch den Kolonialismus im 19. Jahrhundert in Korfu und Ägypten ebenso an das Osmanische Reich heran wie das Russische Reich von Norden her.
Die anderen europäischen Imperien gewannen auch deshalb die Oberhand, weil sie sich reformierten, die Verwaltung zentralisierten, auf dem gesamten Staatsgebiet Steuern eintrieben und ihre Wirtschaft durch den Merkantilismus stärkten. Nicht zuletzt aufgrund der verheerenden Niederlagen gegen Russland versuchte das Osmanische Reich, an diese Entwicklung anzuschließen. Die Modernisierung der Verwaltung gelang jedoch auch in der Ära der Tansimat-Reformen im mittleren Drittel des 19. Jahrhunderts nur bedingt, weil hohe Staatsämter nach wie vor verkauft wurden und die Gouverneure der einzelnen Provinzen (Vilâyets) im Anschluss daran versuchten, aus ihren Untertanen so viel wie möglich herauszupressen. Die Feudalordnung auf dem Land war nicht minder drückend, eine schmale Schicht an Großgrundbesitzern und Notabeln stand einer Masse armer Bauern gegenüber. Außerdem intervenierten die europäischen Großmächte wiederholt gegen das Osmanische Reich; Österreich und Russland nutzten dazu ihre Rolle als selbsternannte Schutzmächte der südosteuropäischen Christen.
Der ab 1876 regierende, konservative Sultan Abdülhamid II
