Die Besiegten - Robert Gerwarth - E-Book

Die Besiegten E-Book

Robert Gerwarth

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Beschreibung

Warum das Ende des Ersten Weltkriegs Europa keinen Frieden brachte

11. November 1918: Der Waffenstillstand beendet das Sterben auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs. Dennoch kehrt in weite Teile Europas kein Friede ein. Robert Gerwarth macht das Ausmaß der Konflikte deutlich und zeigt, warum das Schicksal der Besiegten der Schlüssel zum Verständnis des 20. Jahrhunderts ist. Denn die Brutalität des Ersten Weltkriegs ist in der kollektiven Erinnerung Europas fest verankert. Fast völlig vergessen ist hingegen das Leid, das die zahlreichen (Bürger-)Kriege, Vertreibungen, Pogrome und gewaltsamen Auseinandersetzungen nach Ende des Ersten Weltkriegs über weite Teile des Kontinents brachten.

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Seitenzahl: 752

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Robert Gerwarth

DIE BESIEGTEN

Das blutige Erbe des Ersten Weltkriegs

Aus dem Englischen vonAlexander Weber

Siedler

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.
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Die englische Originalausgabe erschien 2016 unter dem Titel »The Vanquished. Why the First World War Failed to End, 1917–1923« bei Allen Lane, einem Imprint von Penguin Books, London. Für die deutsche Ausgabe wurde der Text vom Autor überarbeitet.
Copyright © 2016 by Robert Gerwarth Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2017 by Siedler Verlag, München, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,Neumarkter Str. 28, 81673 München
Umschlaggestaltung: Rothfos + Gabler, HamburgUmschlagmotiv: Süddeutsche Zeitung Photo Lektorat und Satz: Ditta Ahmadi, BerlinKarten: Peter Palm, BerlinReproduktionen: Aigner, BerlinISBN 978-3-641-15621-3V003
www.siedler-verlag.de

Für Oscar und Lucian

Inhalt

Karte: Europa 1914

Karte: Europa 1919 bis 1937

EINLEITUNG Die Illusion vom Frieden

TEIL I Niederlage

Eine Zugfahrt im Frühling

Russische Revolutionen

Brest-Litowsk

Siegeszuversicht

Wendungen des Schicksals

TEIL II Revolution und Konterrevolution

Der Krieg ist nicht zu Ende

Die russischen Bürgerkriege

Der scheinbare Sieg der Demokratie

Radikalisierung

Die Angst vor dem Bolschewismus und der Aufstieg des Faschismus

TEIL III Imperialer Zerfall

Paris und das Problem der Großreiche

Die Neuordnung Ostmitteleuropas

Vae Victis

Fiume

Von Smyrna nach Lausanne

AUSBLICK Der »Nachkrieg« und die europäische Krise des 20. Jahrhunderts

Dank

ANHANG

Anmerkungen

Bibliographie

Personenregister

Ortsregister

EINLEITUNGDie Illusion vom Frieden

Beide Seiten, Sieger und Besiegte, lagen am Boden. Alle Herrscher oder ihre Nachfolger waren ermordet oder abgesetzt … Alle waren geschlagen, alle geschwächt; alles, was sie gegeben hatten, umsonst gewesen. Niemand hatte etwas gewonnen … Wer überlebt hatte, die Veteranen zahlloser Kriegstage, kehrten, ob mit Siegerkränzen oder Hiobsbotschaften, zurück in ihre Heimatländer, die bereits erneut im Chaos versanken.

WINSTON CHURCHILL,The Unknown War (1931)

Dieser Krieg ist nicht das Ende, sondern der Auftakt der Gewalt. Er ist die Hammerschmiede, in der die neue Welt in neue Grenzen und neue Gemeinschaften zerschlagen wird. Neue Formen wollen mit Blut gefüllt werden, und die Macht will gepackt werden mit eiserner Faust.

ERNST JÜNGER, Der Kampf als inneres Erlebnis (1928)

AM 9. SEPTEMBER 1922 ENTLUDEN SICH die in einem Jahrzehnt des Krieges aufgepeitschten Emotionen in der Stadt Smyrna. In angespannter Stimmung verfolgte die christliche Mehrheit an diesem Tag den Einzug der türkischen Kavallerie in die einst wohlhabendste und weltoffenste Stadt des Osmanischen Reiches. In Smyrna, wo Muslime, Juden, Armenier und griechisch-orthodoxe Christen über Jahrhunderte mehr oder weniger friedlich zusammengelebt hatten, war nun, nach fast zehn Kriegsjahren, das Verhältnis zwischen den Volksgruppen nachhaltig zerrüttet. Das Osmanische Reich, das in den Balkankriegen der Jahre 1912/13 fast alle seine europäischen Besitzungen eingebüßt hatte und 1914 als Verbündeter Deutschlands in den Ersten Weltkrieg eingetreten war, hatte sich 1918 ein weiteres Mal auf der Verliererseite wiedergefunden. Der arabischen Territorien im Nahen Osten beraubt, sah sich das unterlegene ehemalige Großreich mit seiner gedemütigten muslimisch-türkischen Bevölkerung schon im folgenden Jahr einer neuen Bedrohung gegenüber: Ermutigt vom britischen Premierminister David Lloyd George, landete 1919 ein griechisches Invasionsheer in Smyrna, fest entschlossen, Griechenland und die zumindest zum Teil christlich besiedelten Gebiete in Westanatolien in einem neuen Reich zu vereinen.1

Der folgende dreijährige Krieg richtete sich von Anfang an nicht nur gegen die feindlichen Soldaten. Beide Seiten schreckten vor dem systematischen Einsatz von massiver Gewalt gegen Zivilisten nicht zurück – ein Trend, der sich im Verlauf des Krieges noch verstärken sollte. 1922 gelang es Mustafa Kemal, dem fähigen Führer der türkischen Nationalisten – besser bekannt unter seinem späteren Ehrennamen Atatürk (»Vater der Türken«) –, gegen die mittlerweile tief in Zentralanatolien stehenden gegnerischen Truppen eine erfolgreiche Gegenoffensive einzuleiten. Diesem Angriff hatte die hoffnungslos überdehnte und schlecht befehligte griechische Armee nichts entgegenzusetzen und fiel in sich zusammen. Der übereilte Rückzug der demoralisierten griechischen Truppen war von Plünderungen, Brandschatzungen und Morden an der muslimischen Bevölkerung Westanatoliens begleitet, was unter der christlichen Bevölkerung Smyrnas die durchaus berechtigte Angst vor türkischer Vergeltung auslöste. Irreführende Zusicherungen der griechischen Besatzungsverwaltung und vor allem die Präsenz von nicht weniger als 21 alliierten Kriegsschiffen im Hafen von Smyrna hatten bei Griechen und Armeniern in der Stadt aber Zuversicht aufkommen lassen, dass die westlichen Alliierten – allen voran Großbritannien, das Athen zur Besetzung Smyrnas ermutigt hatte – gewiss einschreiten und die christlichen Einwohner vor der Rache der Muslime schützen würden. Aber sie taten es nicht – und so kam es zu einer furchtbaren Tragödie in dieser einst so blühenden Handelsstadt.

Kaum hatten die türkischen Truppen Smyrna eingenommen, verhafteten Soldaten den orthodoxen Erzbischof Chrysostomos, einen lautstarken Befürworter der griechischen Invasion, und führten ihn dem befehlshabenden Offizier General Nureddin Pascha vor. Dieser überließ den Gefangenen dem aufgebrachten türkischen Mob, der sich vor dem Hauptquartier eingefunden hatte und den Kopf des Metropoliten forderte. Nach dem Augenzeugenbericht eines französischen Matrosen »fiel die Menge mit gellendem Gekreische über Chrysostomos her und schleifte ihn die Straße hinunter bis zu einem Frisörladen, aus dessen Tür Ismael, der jüdische Besitzer, nervös hervorspähte. Jemand stieß den Frisör beiseite, griff sich ein weißes Tuch, band es Chrysostomos um den Hals und rief: ›Verpasst ihm eine Rasur!‹ Sie rissen dem Prälaten den Bart ab, stachen ihm mit Messern die Augen aus und schnitten ihm Ohren, Nase und Hände ab.« Keine Ordnungsmacht setzte dem grausamen Schauspiel ein Ende. Schließlich zerrte man Chrysostomos in eine Seitenstraße und ließ den geschundenen Körper dort in einer Ecke verbluten.2

Kurz nach der Wiedereinnahme Smyrnas durch die kemalistischen Truppen eskalierte die Gewalt gegen christliche Zivilisten. Die Brände in den armenischen Vierteln erfassten bald auch andere Teile der Stadt.

© Alamy

Die Ermordung des orthodoxen Metropoliten von Smyrna war der Auftakt zu einer Gewaltorgie, die an die Plünderung feindlicher Städte in den Religionskriegen des 17. Jahrhunderts erinnerte. Nach Schätzungen wurden im Laufe der folgenden vierzehn Tage bis zu 30000 Griechen und Armenier ermordet und unzählige weitere von marodierenden Soldaten, Milizionären oder Mitgliedern einheimischer Jugendbanden beraubt, verprügelt und vergewaltigt.3 Am späten Nachmittag des 13. September brannten im armenischen Viertel die ersten Häuser. Bis zum nächsten Morgen standen fast sämtliche christlichen Viertel Smyrnas in Flammen. Tausende Männer, Frauen und Kinder flüchteten panisch zum Hafen, weil sie hofften, dieser Hölle auf einem der dort vor Anker liegenden Schiffe entkommen zu können. Von Bord eines der alliierten Kriegsschiffe verfolgte der britische Journalist George Ward Prize das mörderische Schauspiel und suchte die »unbeschreiblichen« Szenen in Worte zu fassen:

Was ich hier vom Deck der Iron Guard aus erblicke, ist eine ununterbrochene, etwa zwei Meilen breite Feuersbrunst, in der zwanzig deutlich erkennbare Vulkane tobender Flammen ihre scharfen Feuerszungen bis zu einer Höhe von hundert Fuß emporspeien … Das Meer glüht kupferrot, und, was am schlimmsten ist, von der dicht gepackten Schar Tausender Flüchtlinge, die sich auf dem schmalen Kai drängen, eingezwängt zwischen dem nahenden Feuertod hinter ihnen und dem tiefen Wasser vor ihnen, dringt ein solch andauerndes, markerschütterndes Geschrei blanken Entsetzens, dass es noch Meilen entfernt zu vernehmen ist.4

Als die türkischen Truppen den Hafen abriegelten, erkannten die Griechen, dass sie in der Falle saßen und die Alliierten weder eingreifen noch versuchen würden, die christliche Bevölkerung übers Meer in Sicherheit zu bringen. Verzweiflung brach aus. Kinder und Greise wurden zu Tode getrampelt, als die panische Masse sich in Bewegung setzte. Viele wählten den Freitod, indem sie sich ins Wasser stürzten. Andere versuchten, schwimmend eines der Schiffe zu erreichen. Dem Vieh, das die Menschen auf der Flucht vor dem Feuer zum Meer getrieben hatten, brach man die Vorderbeine, bevor man es ins Wasser stieß, damit es dem Feind nicht in die Hände fiel – eine Szene, die der damals noch wenig bekannte Auslandskorrespondent des Toronto Star, Ernest Hemingway, in der Kurzgeschichte »Auf dem Quai in Smyrna« schilderte.5 Hemingway war einer der vielen internationalen Reporter, die über den Untergang Smyrnas berichteten. Tagelang beherrschte das Schicksal der Stadt die Schlagzeilen in aller Welt. Der britische Kolonialminister Winston Churchill nannte die Zerstörung Smyrnas in einem Brief an die Premierminister der Dominions gar eine »Höllenorgie«, die »in der Geschichte der Menschheitsverbrechen kaum Parallelen kennt«.6

*

Die Grausamkeiten, die an den christlichen Bewohnern Smyrnas verübt wurden, und die vorausgegangenen Massaker an den muslimischen Türken belegen eindrücklich, dass auf den Ersten Weltkrieg nicht umgehend eine Zeit des Friedens folgte. So einzigartig, wie Churchill behauptet hat, waren die Gräueltaten von Smyrna keineswegs. In den häufig irreführend als Teil der »Zwischenkriegszeit« bezeichneten Jahren von 1918 bis 1923 waren erschütternde Gewalttaten wie jene in Westanatolien durchaus keine Seltenheit. Eine sogenannte Zwischenkriegszeit, die mit dem Waffenstillstand am 11. November 1918 begann und mit Hitlers Angriff auf Polen am 1. September 1939 endete und somit klar begrenzt war, hat es in Europa nur in sehr wenigen Staaten gegeben. Diese Periodisierung ist im Grunde nur sinnvoll für die primären Siegerstaaten des Ersten Weltkriegs, also für Großbritannien – sieht man vom irischen Unabhängigkeitskrieg einmal ab – und für Frankreich. In diesen Staaten begann mit dem Ende der Kampfhandlungen an der Westfront tatsächlich die Nachkriegszeit. Für all jene aber, die in Riga, Kiew, Smyrna und anderen Orten Ost-, Mittel- und Südosteuropas lebten, brachten die Jahre 1918/19 keinen Frieden, sondern ein Kontinuum der Gewalt. »Der Weltkrieg endete formal mit dem Abschluss des Waffenstillstandsvertrages«, erklärte der russische Philosoph und Universalgelehrte Pjotr Struve. Aber was dieser zeitgenössische Intellektuelle und einstige Marxist, der während des blutigen Bürgerkriegs in seinem Land Anhänger der Weißen Bewegung war, wahrnahm, war etwas ganz anderes: »Tatsächlich ist alles, was wir seither erlebt haben und noch immer erleben, eine Fortsetzung des Weltkriegs.«7

Struve registrierte nach 1918 eine allgegenwärtige Gewalt in Europa. Streitkräfte unterschiedlicher Größe und politischer Ausrichtung prallten an vielen Stellen Ost- und Mitteleuropas aufeinander, neue Regierungen kamen und gingen, und fast immer floss dabei viel Blut. Allein zwischen 1917 und 1920 gab es in Europa nicht weniger als 27 gewaltsame Regimewechsel, oftmals begleitet von schwelenden oder offenen Bürgerkriegen.8 Am dramatischsten war die Lage in Russland, wo Lenins bolschewistischer Putsch im Jahr 1917 in einen Bürgerkrieg von historisch nie dagewesenen Ausmaßen mündete, der über drei Millionen Menschen das Leben kostete.

Aber selbst in Staaten, in denen die Gewalt weit weniger offen zutage trat, teilten viele Zeitgenossen Struves Ansicht, dass das Ende des Weltkriegs keine Stabilität gebracht, sondern eine hochbrisante Situation heraufbeschworen hatte, in der bestenfalls eine prekäre Befriedung erreicht war, der dauerhafte Friede aber Illusion blieb. Im nachrevolutionären Österreich, das vom Kernland eines der größten europäischen Landimperien zu einer kleinen, verarmten Alpenrepublik herabgesunken war, wurde dieser Befund im Mai 1919 in einer auflagenstarken konservativen Zeitung unter der Überschrift »Krieg im Frieden« vertreten: Immer noch herrsche beträchtliche Gewalt auf dem Gebiet der unterlegenen europäischen Großmächte, zögen sich gewaltsame, kriegerische Auseinandersetzungen in einem weiten Bogen von Finnland und den baltischen Staaten über Russland, die Ukraine, Polen, Österreich, Ungarn und Deutschland bis auf den Balkan und weit hinein nach Anatolien und den Kaukasus.9

Merkwürdigerweise wurde in dem Artikel mit keinem Wort auf Irland verwiesen, den einzigen im Entstehen begriffenen Staat Westeuropas, der – zumindest während des Irischen Unabhängigkeitskrieges (1919–1921) und dem nachfolgenden Bürgerkrieg der Jahre 1922/23 – eine ähnliche, wenngleich weniger gewaltsame Entwicklung zu nehmen schien wie die zentral- und osteuropäischen Staaten zwischen 1918 und 1922.10 Aufmerksamen Beobachtern in Dublin entgingen die Gemeinsamkeiten dagegen nicht. Sie sahen die Umwälzungen in Irland als Teil einer viel umfassenderen europäischen Malaise, einem anhaltenden gewaltsamen Konflikt, der seinen Ursprung in der weltweiten Krise der Jahre 1914 bis 1918 hatte, aber einer eigenen Gewaltlogik folgte. So schrieb etwa der Nobelpreisträger William Butler Yeats in seinem berühmten Gedicht »Das zweite Kommen« (1919):

Things fall apart; the centre cannot hold;Mere anarchy is loosed upon the world,The blood-dimmed tide is loosed …And what rough beast, its hour come round at last,Slouches towards Bethlehem to be born?

(Alles zerfällt; die Mitte hält es nicht.Ein Chaos, losgelassen auf die Welt,Die Flut, bluttrüb, ist los, und überall …Bloß welches derbe Tier, ist reif die Zeit erst,Schlurft bethlehemwärts, um zur Welt zu kommen?) 11

Europas gewaltsamer Übergang vom Ersten Weltkrieg zum chaotischen »Frieden« der 1920er Jahre ist das Thema dieses Buches. Jenseits der bekannten Geschichte des Ersten Weltkriegs an der Westfront sollen dabei die Erfahrungen derjenigen im Mittelpunkt stehen, die sich 1918 auf der Verliererseite wiederfanden: die Bewohner der untergegangenen multi-ethnischen Reiche der Habsburger, der Romanows, der Hohenzollern sowie des Osmanischen Reiches mit seinen Nachfolgestaaten und Bulgariens. Aber auch Griechenland und Italien dürfen hier nicht vergessen werden, denn obgleich diese Länder im Herbst 1918 zu den Siegern zählten, sollten sie bald das Schicksal der Verlierer teilen. Für Athen war es der Griechisch-Türkische Krieg, der den Sieg des Jahres 1918 in die »Große Katastrophe« von 1922/23 verwandelte, während viele Italiener angesichts der Pariser Friedensverhandlungen von 1919 den Eindruck gewannen, für den teuer erkämpften Sieg an der Alpenfront nicht gebührend belohnt worden zu sein. Der Verdruss über die vermeintlich unzureichende Wiedergutmachung für rund 600000 Weltkriegstote war so gewaltig, dass er alles überschattete und nicht nur in der verbreiteten Vorstellung des vittoria mutilata (des »verstümmelten« Sieges) seinen Niederschlag fand, sondern zudem einen radikalen Nationalismus befeuerte. Gleichzeitig erzeugten schwere Arbeitskämpfe und gewaltsame Landnahmen bei vielen den Eindruck, Italien stehe kurz vor einer bolschewistischen Revolution. In mancher Hinsicht glich Italiens Nachkriegserfahrung, die 1922 in der Ernennung Benito Mussolinis zum ersten faschistischen Ministerpräsidenten Europas gipfelte, viel mehr jener der mittel- und osteuropäischen Verliererstaaten als der Frankreichs oder Großbritanniens.

Da der Schwerpunkt in diesem Buch auf den besiegten europäischen Landimperien und deren politischer Entwicklung nach dem Ersten Weltkrieg ruht, geraten hier Staaten in den Blick, die lange Zeit vorwiegend durch die Brille der Kriegspropaganda oder aus der Perspektive des Jahres 1918 betrachtet wurden, als die Legitimation der neu entstandenen osteuropäischen Nationalstaaten eine Dämonisierung jener Großreiche erforderte, aus denen sie hervorgegangen waren. Das hat einige westliche Historiker in den folgenden Jahrzehnten dazu verleitet, den Weltkrieg als epischen Kampf zwischen den demokratischen Westalliierten einerseits und den autokratischen Mittelmächten andererseits darzustellen und geflissentlich zu übersehen, dass der despotischste Staat von allen kriegführenden Nationen, nämlich das zaristische Russland, der Triple Entente angehörte. Erst in jüngerer Zeit wird in wissenschaftlichen Arbeiten über das Osmanische Reich und die Reiche der Habsburger und Hohenzollern die Legenda Negra, wonach es sich bei den Mittelmächten in erster Linie um »Schurkenstaaten« und anachronistische »Völkergefängnisse« gehandelt habe, zunehmend korrigiert. Diese Neubewertung betrifft insbesondere das deutsche Kaiserreich und die Donaumonarchie, die beide von Historikern inzwischen milder als in den ersten acht Jahrzehnten nach 1918 betrachtet werden, zumindest aber deutlich ambivalenter als noch vor wenigen Jahren.12

Selbst im Falle des Osmanischen Reiches, wo der während des Krieges begangene Völkermord an den Armeniern die kriminelle Natur eines Staates zu bestätigen schien, der seine Minderheiten erbarmungslos unterdrückte und teilweise ermordete, wird das Bild allmählich differenzierter. Unlängst haben Historiker darauf hingewiesen, dass zumindest bis 1911/12 nicht ausgeschlossen war, dass sich das Osmanische Reich zu einem Staat mit Gleichberechtigung und Bürgerrechten für alle in seinen Grenzen lebenden ethnischen und religiösen Gruppen entwickeln würde.13 Denn das für den Genozid an den Armeniern letztlich verantwortliche Komitee für Einheit und Fortschritt (KEF), das durch die Revolution von 1908 in Konstantinopel an die Macht gelangt war, hatte bis 1911 bereits einen Großteil seines öffentlichen Rückhalts eingebüßt, und sein Nationalismus stand ohnehin in scharfem Kontrast zum traditionell eher inklusiven Staatsbürgerverständnis im Osmanischen Reich.14 Doch nach dem italienischen Einmarsch in die osmanischen Großprovinzen (Vilâyets) Tripolitanien und Cyrenaika (zwei der drei historischen Großprovinzen Libyens) im Jahr 1911 und dem Ersten Balkankrieg von 1912 gelang dem KEF die Errichtung einer Diktatur. Vor allem während des Ersten Balkankriegs, in dem es zur massenhaften Ermordung und Vertreibung osmanischer Muslime kam, verschlechterten sich die Beziehungen zwischen den muslimischen und christlichen Volksgruppen des Reiches dramatisch. Viele muslimische Osmanen fühlten sich nun als Opfer christlicher Aggression, denn allein infolge des Ersten Balkankriegs waren bis zu 300000 Muslime, darunter die Familien einiger führender KEF-Funktionäre, gewaltsam aus ihrer Heimat auf dem Balkan vertrieben worden, was eine Flüchtlingskrise und die politische Radikalisierung weiter Bevölkerungskreise auslöste.15

Selbst wenn man die jüngste wissenschaftliche »Rehabilitierung« der Vorkriegsreiche für übertrieben hält, wird man kaum behaupten, das postimperiale Europa nach 1918 sei für seine Bürger ein besserer oder sichererer Ort gewesen als das Europa vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Seit dem Dreißigjährigen Krieg im 17. Jahrhundert hatte Europa keine solch verheerenden, sich gegenseitig befeuernden Bürgerkriege mehr erlebt wie die in den Jahren nach 1917/18. Mit den Bürgerkriegen, Revolutionen, Gegenrevolutionen und Grenzkonflikten zwischen neu gegründeten Staaten ohne klar definierte Grenzen oder international anerkannte Regierungen war Europa nach dem offiziellen Ende des Ersten Weltkriegs und dem Lausanner Abkommen von 1923 die mit Abstand gewalttätigste Region der Welt. Abgesehen von den Millionen, die zwischen 1918 und 1920 von der Spanischen Grippe dahingerafft wurden, und den Hunderttausenden, die infolge der alliierten Entscheidung, die Wirtschaftsblockade gegen die Mittelmächte nach Ende der Kampfhandlungen aufrechtzuerhalten, verhungerten, kamen bei bewaffneten Konflikten im Nachkriegseuropa weit über vier Millionen Menschen ums Leben – also mehr, als der Erste Weltkrieg von Großbritannien, Frankreich und den Vereinigten Staaten zusammen an Opfern gefordert hatte. Durch die kriegsgeschundenen Gebiete Europas zogen zudem Millionen verarmter Flüchtlinge und Vertriebene auf der Suche nach Sicherheit und einem besseren Leben.16 Mit gutem Grund haben Historiker Osteuropas die ersten Jahre nach 1918 daher als Zeit eines »erweiterten europäischen Bürgerkriegs« gedeutet.17

Das Elend und die grausamen Konflikte im »Nachkriegseuropa« haben in Westeuropa längst nicht so viel Beachtung gefunden wie das Kriegsgeschehen an der Westfront in den vier Jahren davor. Zeitgenössische britische Beobachter wie Winston Churchill haben die Auseinandersetzungen nach 1918 als »Kriege der Pygmäen« abgetan – eine herablassende Bemerkung, welche die orientalisierende und implizit koloniale Wahrnehmung Osteuropas offenbart, die noch Jahrzehnte später in westeuropäischen Schulbüchern anzutreffen war.18 Zudem spiegelt sie die sich seit der Balkankrise der 1870er Jahre und erst recht seit den zwei Balkankriegen von 1912/13 ausbreitende Vorstellung, Osteuropa sei im Gegensatz zum zivilisierten und friedliebenden Westen gewissermaßen »inhärent« gewalttätig. Derartige Vorurteile und die allgemeine Verrohung des Diskurses zwischen 1914 und 1918 machten die britischen und französischen Entscheidungsträger weitgehend blind oder gleichgültig gegenüber den sich in Mittel-, Ost- und Südosteuropa abspielenden Katastrophen, selbst wenn diese Gegenden erfassten, die vor dem Weltkrieg politisch stabil, kulturell hochentwickelt und friedlich gewesen waren.

Während westeuropäischen Lesern die Zeit des Übergangs vom Krieg zum Frieden in Europa weit weniger vertraut ist als die des Weltkriegs selbst, prägen die bitteren Jahre zwischen 1917 und 1923 das kollektive Gedächtnis Ost- und Südeuropas wie auch des Nahen Ostens und Irlands. Diese Erinnerung überlagert die Geschichte des Ersten Weltkriegs, und bisweilen verdrängen die Erzählungen von Staatsgründungen, Unabhängigkeitskriegen, nationalen Befreiungsbewegungen und revolutionären Umwälzungen sie sogar.19 In der Sowjetunion etwa war Lenins bolschewistische Revolution von 1917 – und nicht der vorangegangene »imperialistische Krieg« – jahrzehntelang der zentrale historische Bezugspunkt. Und in der heutigen Ukraine ist die – ausgesprochen kurze – Phase staatlicher Unabhängigkeit im Jahr 1918 in den politischen Debatten über die geopolitische Gefährdung des Landes durch Putins Russland noch immer allgegenwärtig. In manchen postimperialen Staaten – insbesondere in Polen, der Tschechoslowakei und dem Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen, dem späteren Jugoslawien – schienen die Bürger über der Erinnerung an die triumphale Geburt – oder »Wiedergeburt« – des Nationalstaats im Jahr 1918 sogar »vergessen« zu haben, dass Millionen ihrer Landsleute in den unterlegenen Armeen der Mittelmächte gekämpft hatten.

Es gibt auch Länder, in denen die Jahre nach 1917 im kollektiven Gedächtnis so präsent sind, weil sie mit traumatischen historischen Ereignissen verbunden werden: In Finnland, das im Ersten Weltkrieg seine Neutralität wahrte, überschattet der extrem blutige Bürgerkrieg von 1918, der in wenig mehr als drei Monaten etwa ein Prozent der Bevölkerung hinwegraffte, noch immer viele politische Diskussionen, während in Irland die Allianzen und Dilemmata des Bürgerkriegs von 1922/23 das parteipolitische System bis heute prägen. Denn nur ihre Gegnerschaft während des Bürgerkriegs vermag zu erklären, warum die zwei programmatisch nahezu identischen konservativen Volksparteien Irlands – Fianna Fáil und Fine Gael – sich bis heute strikt weigern, eine Koalition auf nationaler Ebene miteinander einzugehen. Im Nahen Osten spielt der Erste Weltkrieg in der kollektiven Erinnerung seit 1918 im Grunde keine Rolle und ist nur insofern von Interesse, weil mit ihm die entscheidenden Ereignisse der Zeit danach zusammenhängen: das Ende der osmanischen Herrschaft, die »Erfindung« neuer Staaten wie Irak, Jordanien oder Syrien, die vom Völkerbund verhängte Mandatsverwaltung und der Ausbruch des Konflikts um Palästina. Dieser geht nach Ansicht vieler Araber auf Lord Arthur Balfours Deklaration von 1917 zurück, in der die britische Unterstützung für die »Errichtung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina« verkündet wurde.20

Das komplexe Bild Europas am Ende des Ersten Weltkriegs, der fast zehn Millionen Tote und über zwanzig Millionen Verletzte forderte, macht die Kategorisierung oder Definition der darauffolgenden gewaltsamen Erschütterungen ausgesprochen schwierig. Dennoch ist es möglich, zumindest drei voneinander verschiedene, sich gegenseitig jedoch verstärkende und oftmals überlappende Konflikttypen innerhalb des einsetzenden »europäischen Bürgerkriegs« zu identifizieren. Erstens: Europa erlebte in der »Nachkriegszeit« neu aufflammende Auseinandersetzungen zwischen regulären oder im Entstehen begriffenen nationalen Armeen, also zwischenstaatliche Kriege – etwa den Polnisch-Sowjetischen Krieg, den Griechisch-Türkischen Krieg oder den Einmarsch der Rumänen in Ungarn. Solche Konflikte, häufig ausgetragen mit Waffen aus dem Weltkrieg, spielten sich vor allem dort ab, wo der Zerfall der alten Großreiche die Entstehung neuer und oftmals nervös-aggressiver Nationalstaaten begünstigte. Diese suchten ihre Territorien mit aller Macht und Gewalt zu behaupten oder gar zu vergrößern. Der im Zuge solcher Bestrebungen in den Jahren 1919 bis 1921 zwischen Russland und Polen tobende Krieg hinterließ schließlich 250000 Tote und Vermisste, und im militärischen Ringen zwischen Griechen und Türken in den Jahren 1919 bis 1922 dürfte es ähnlich viele Opfer – nämlich bis zu 200000 Tote – gegeben haben.21

Zweitens: Zwischen 1917 und 1923 brachen allenthalben Bürgerkriege aus – in Finnland, Ungarn, Irland, in Teilen Deutschlands und vor allem in Russland, auch wenn auf dem Territorium des ehemaligen Zarenreichs, wo sich verschiedene miteinander verwobene Konflikte überlagerten und dadurch noch verschärften, reguläre zwischenstaatliche Kriege von Bürgerkriegen kaum noch zu unterscheiden waren. Die Rote Armee führte Krieg gegen Polen und versuchte zugleich, die Loslösung der abtrünnigen Republiken in den westlichen Grenzgebieten und im Kaukasus mit aller Gewalt zu verhindern. Darüber hinaus befand Lenin sich in einem erbitterten Kampf gegen seine »weißen« Widersacher und eine ganze Reihe weiterer realer und eingebildeter Feinde – von den Kulaken bis hin zu Anarchisten und gemäßigten Sozialisten, die er allesamt verdächtigte, die bolschewistische Revolution zu unterwandern. Die Einmischung externer Kräfte machte die Lage in Russland noch unübersichtlicher, egal ob es sich um die alliierte Intervention aufseiten der Weißen oder deutsche Freikorpsmilizionäre handelte, die nach 1918 auf der Suche nach Land, Ruhm oder Abenteuern marodierend durch das Baltikum zogen, wobei sie zunächst an der Seite lettischer und estnischer Nationalisten kämpften und später gegen diese.

Drittens: Die Bürgerkriege, von denen Europa zwischen 1917 und 1923 heimgesucht wurde, waren in aller Regel die Folge sozial oder national motivierter Revolutionen, die diese Periode entscheidend prägten. Nachdem es in der Endphase des Krieges aufgrund von Mangelversorgung und Kriegsmüdigkeit in vielen Ländern bereits zu Arbeitsniederlegungen und Streiks gekommen war, ging das Kriegsende in allen europäischen Verliererstaaten mit offenen Revolutionen und gewaltsamen Machtwechseln einher. Diese zwischen 1917 und 1923 ausbrechenden Revolutionen waren entweder soziopolitischer Natur, sprich auf die Neuverteilung von Land, Macht oder Vermögen ausgerichtet – wie in Russland, Ungarn, Bulgarien und Teilen Deutschlands –, oder es waren »nationale« Revolutionen auf den Trümmern besiegter Imperien wie den Reichen der Habsburger, der Romanows und der Osmanen. Auf diesen Trümmern suchten sich neue oder zu neuem Leben erweckte Staaten zu etablieren, deren Bürger angetrieben waren vom Verlangen nach nationaler Selbstbestimmung.22 Dass zwei revolutionäre Strömungen gleichzeitig wirkten und sich immer wieder überschnitten, stellt eine Besonderheit der Zeit zwischen 1917 und 1923 dar.

Nur wenige Zeitgenossen dürften 1914 die Dauer und die Grausamkeit des Weltkriegs geahnt haben und erst recht nicht die revolutionären Verwerfungen, die er nach sich ziehen würde. Auch dürfte kaum jemand vorhergesehen haben, dass es den Vertretern von zwei besonders radikalen Varianten revolutionärer Ideologien, nämlich Bolschewismus und Faschismus, bis 1923 gelingen würde, in Russland beziehungsweise in Italien die Macht an sich zu reißen. Vielmehr hofften viele vor allem im Westen, der Erste Weltkrieg werde »alle Kriege beenden« und die Welt »für die Demokratie sicher machen«.23 Tatsächlich trat das Gegenteil ein. Die durch den Krieg und die Friedensverträge der Jahre 1919/20 aufgeworfenen, aber nie ausgeräumten Fragen schufen ein Machtungleichgewicht, das viel gefährlicher war als jenes, das vor 1914 existiert hatte. Zumindest im Nachhinein erscheint die europäische Ordnung am Vorabend des Krieges doch bemerkenswert stabil. Gewiss gab es in den Landimperien, die Kontinentaleuropa und den Nahen Osten beherrschten, mitunter gewaltsame Konflikte, wie die Hamidischen Massaker zwischen 1894 und 1896 oder die Niederschlagung der russischen Revolution von 1905 offenbaren, doch dass der Weltkrieg revolutionäre Machtwechsel und den kompletten Zerfall der kontinentaleuropäischen Reiche mit sich bringen würde, dafür gab es im Sommer 1914 keinerlei Anzeichen.

Immer wieder sind Untergang und Zerfall der europäischen Landimperien vom Standpunkt der Jahre 1918/19 als historische Zwangsläufigkeit gedeutet worden. Dabei machten die herrschenden Dynastien der Vorkriegsordnung durchaus einen gefestigten Eindruck und hatten die gewaltigen Landmassen ihrer Imperien im Großen und Ganzen unter Kontrolle.24 Dieser Eindruck relativer Stabilität wurde gefestigt durch das beachtliche Wirtschaftswachstum, das insbesondere in Russland und Deutschland, deren Regime von den Revolutionen der Jahre 1917 und 1918 hinweggefegt werden sollten, bis 1914 zu verzeichnen war. Die wirtschaftliche Entwicklung in beiden Staaten hatte steigende Einkommen sowie höhere Lebensstandards zur Folge, wobei der wachsende Wohlstand allerdings sehr ungleich verteilt war. Dennoch stand Europa im Jahr 1914 keineswegs am Rande eines revolutionären Wandels, weder in der nationalen noch in der soziopolitischen Variante.25

Dieses Bild eines insgesamt friedlichen Europas vor 1914, eines Kontinents auf dem Weg zum politischen, wirtschaftlichen und sozialen Fortschritt, bietet sich allerdings nicht auf dem Balkan und im Osmanischen Reich. In Südosteuropa und dem Mittelmeerraum begann der Krieg bereits 1911, als Italien die vormals osmanischen nordafrikanischen Provinzen Tripolitanien und Cyrenaika sowie die Inseln der Dodekanes annektierte. Im Jahr darauf vertrieb eine Koalition mehrerer Balkanstaaten die Osmanen aus ihren europäischen Besitzungen mit Ausnahme eines kleinen Brückenkopfs in Ostthrakien. Im Zuge dieser kriegerischen Verwerfungen hatten insbesondere muslimische Zivilisten massive Gewalt in Form von Massenmorden, Zwangsbekehrungen und Vertreibungen erlitten.26 In West- oder Mitteleuropa geschah dagegen nichts dergleichen. Vielmehr erlebte der Großteil Europas zwischen 1871 und 1914 eine historisch beispiellose Friedensperiode. Dass die Balkankriege Formen der Gewalt erzeugten, die in den folgenden Jahrzehnten ganz Europa heimsuchen sollten, war vor diesem Hintergrund ganz und gar unvorhersehbar. Erst der Kriegsausbruch im August 1914, nach George Kennans vielzitierten Worten die »Urkatastrophe« des 20. Jahrhunderts, sollte in diesen Teilen Europas eine ungewöhnlich lange Friedenszeit beenden.27

Kennan und viele andere haben argumentiert, der Erste Weltkrieg markiere den Beginn eines »Zeitalters der Extreme« (Eric Hobsbawm), einer Periode jahrzehntelanger gewaltsamer Umbrüche. Der folgende, noch verheerendere Konflikt nach 1939 hat dann die Frage aufgeworfen, ob die aggressiven Diktaturen Stalins, Hitlers und Mussolinis nicht unmittelbar auf die Ereignisse der Jahre 1914 bis 1918 zurückzuführen seien. Viele waren davon überzeugt, der Weltkrieg habe destruktive Kräfte freigesetzt, die mit den Pariser Verträgen von 1919/20 nicht zu beherrschen waren. Die berühmte »Brutalisierungsthese« – für den deutschen Fall formuliert in George Mosses Klassiker Gefallen für das Vaterland und seither auf ganz Europa ausgeweitet – lief darauf hinaus, dass die Front- und Grabenkampferfahrungen des Ersten Weltkriegs zu einer Verrohung des Krieges wie der Gesellschaft geführt habe. Dadurch habe sich ein neues und bis dahin beispiellos hohes Maß akzeptabler Gewalt etabliert und den Weg geebnet für die noch weit größeren Schrecken des Zweiten Weltkriegs, in dem unter den Zivilisten weit mehr Opfer zu beklagen waren als unter den Soldaten.28

Diese »Brutalisierungsthese« wird mittlerweile zunehmend kritisch gesehen, vor allem weil mit dem Kriegserlebnis an sich nicht hinreichend erklärt werden kann, wieso sich Politik und Gesellschaft nur in einigen der ehemaligen Kombattantenstaaten »brutalisiert« haben, in anderen hingegen nicht. Schließlich unterschied sich das Fronterlebnis der alliierten Soldaten nicht fundamental von dem der Teilnehmer aufseiten der Mittelmächte – sieht man vom Ausgang des Krieges einmal ab. Gegen die These spricht auch, dass die meisten Veteranen, die für die Mittelmächte gekämpft und überlebt hatten, nach dem Krieg in ein friedliches, ziviles Leben zurückfanden. Nicht jeder, der im Weltkrieg gekämpft hatte, wurde zum Protofaschisten oder Bolschewiken oder sehnte sich danach, nach der offiziellen Beendigung der Kampfhandlungen im November 1918 weiterzukämpfen.29 Doch selbst wenn sich tatsächlich keiner der Gewaltausbrüche der Nachkriegszeit ohne Rückgriff auf den Ersten Weltkrieg erklären lässt, scheint es sinnvoller, diesen Konflikt als unbeabsichtigten Katalysator der sozialen wie nationalen Revolutionen zu betrachten, die Europas politisches, soziales und kulturelles Gefüge in den kommenden Dekaden prägen sollten.

Folgten die Julikrise und der Kriegsausbruch im August 1914 noch einer stark dem 19. Jahrhundert verhafteten Logik des begrenzten Krieges, so sollte der Weltkrieg in seinem langen und unvorhergesenen Verlauf – insbesondere zum Ende hin – seinen Charakter ändern. Bereits im Herbst 1914 war allen Beteiligten klar, dass die industrielle Feuerkraft der kriegführenden Nationen den Charakter zwischenstaatlicher Kriege nachhaltig verändert hatte und die Stagnation an der Westfront die Mobilisierung von ganzen Bevölkerungen in bis dahin ungekanntem Maße erforderte. Die Dauer des Krieges führte von 1916 an verstärkt zu Spannungen an den Heimatfronten und unter den Soldaten. Vor allem aber sollte das Jahr 1917 einschneidende Veränderungen bringen, als die Oktoberrevolution das Ausscheiden Russlands aus dem Völkerringen zur Folge hatte und die Westalliierten – gestärkt durch den Kriegseintritt Amerikas – die Zerschlagung der europäischen Landimperien zunehmend offen als Kriegsziel formulierten. Gerade die Geschehnisse in Russland wirkten sich dramatisch aus, und zwar auf zweierlei Weise: Petrograds Eingeständnis der Niederlage schürte Anfang 1918 bei den Mittelmächten die Hoffnung auf einen baldigen Sieg – und das nur wenige Monate, bevor der militärische Zusammenbruch an mehreren Fronten erfolgte. In ihrer verblendeten Siegeszuversicht mobilisierten die Mittelmächte vorübergehend neue Kräfte auf dem kriegsgeschundenen Kontinent und schürten überhöhte Erwartungen für die Friedensverhandlungen mit dem Westen. Erst in dieser letzten Phase erwuchsen aus einem besonders erbitterten und hochtechnisierten, letztlich aber konventionellen zwischenstaatlichen Konflikt verschiedene miteinander verknüpfte Auseinandersetzungen. Diese waren aufgrund ihrer Logik und Zielsetzung weitaus gefährlicher als der Erste Weltkrieg, in dem es letztlich darum gegangen war, den Feind zur Annahme von Friedensbedingungen – die durchaus drastisch sein mochten – zu zwingen. Die Gewalt in den Auseinandersetzungen nach 1917 war dagegen kaum noch beherrschbar, denn hier drehte es sich um vermeintlich existenzielle Fragen – den Fortbestand oder die »Wiederauferstehung« der eigenen Nation oder Klasse – und darum, den Gegner auszulöschen, ganz gleich ob es sich dabei um Mitglieder einer anderen Ethnie oder um »Klassenfeinde« handelte. Diese genozidale Logik sollte in den Jahren zwischen 1939 und 1945 in Mittel- und Osteuropa schließlich die Oberhand gewinnen.

Ebenso bemerkenswert ist in Bezug auf die nach 1917/18 aufbrechenden Konflikte, dass es den europäischen Nationalstaaten zuvor über ein Jahrhundert recht erfolgreich gelungen war, ihr Monopol auf legitime Gewalt durchzusetzen. Die Nationalarmee war zur Regel erklärt und die elementare Unterscheidung zwischen Kombattanten und Nichtkombattanten in internationalen Verträgen festgeschrieben worden – wobei es in der Praxis allerdings häufig zu Verstößen kam. Die Nachkriegskonflikte liefen diesem Trend vollkommen entgegen: In Ermangelung funktionstüchtiger Staaten auf dem Gebiet der ehemaligen europäischen Landimperien maßen sich Milizen unterschiedlichster politischer Couleur die Rolle von Nationalheeren an, und die Trennlinien zwischen Freund und Feind, Soldaten und Zivilisten verschwammen zusehends, was fatale Folgen haben sollte.30

In diesem Buch werden einige Thesen über diese Zeit des Übergangs vom Krieg zum Frieden in Europa formuliert, die im Gegensatz zu Mosses allumfassender, aber letztlich irreführender »Brutalisierungsthese« stehen. Der Schlüssel zum Verständnis des weiteren gewaltsamen Verlaufs der europäischen Geschichte im 20. Jahrhundert – Russland und die ehemals osmanischen Provinzen des Nahen Ostens inbegriffen – ist nämlich nicht zwingend in den Kriegserfahrungen der Jahre 1914 bis 1918 zu finden, sondern in der Art und Weise, wie dieser Krieg für die europäischen Verliererstaaten zu Ende ging: mit Niederlagen, dem Zusammenbruch ihrer Großreiche und Revolutionswirren.

Zwar sind die Revolutionen der Nachkriegszeit für einzelne Staaten umfassend untersucht worden – speziell für Russland und Deutschland –, doch die Veröffentlichungen zu diesem Thema sind erstaunlich länderzentriert, als handle es sich bei den revolutionären Ereignissen, die Europa zwischen 1917 und den frühen 1920er Jahren erschütterten, um vollkommen unverbundene nationale Phänomene.31 Auch zur deutschen »Kultur der Niederlage«, die seit einigen Jahren Gegenstand der historischen Forschung ist, gibt es bisher keine Studie, welche die deutsche Erfahrung in einen breiteren Kontext aller europäischen Verliererstaaten einbettet.32 Das ist höchst erstaunlich, da einer der offensichtlichen Gründe für die Gewalteskalation der Nachkriegszeit gerade in der Mobilisierungskraft der Niederlage von 1918 – oder im Falle Italien dem Eindruck eines »verstümmelten Sieges« – zu liegen scheint.33 Sieht man von Italien und dem irischen Teil Großbritanniens ab, kam es bei den Siegermächten Europas nach 1918 nämlich zu keinem wesentlichen Anstieg politischer Gewalt, was zumindest zum Teil darauf zurückzuführen ist, dass der militärische Triumph die Opfer der Kriegszeit rechtfertigte und nach innen die Legitimität jener Staaten stärkte, die siegreich aus dem Konflikt hervorgegangen waren.34 Zwar gab es in den britischen und französischen Imperien der Zwischenkriegszeit gelegentlich Gewaltausbrüche, doch diese unterschieden sich quantitativ kaum von den Kolonialrevolten der Vorkriegszeit. Auf die Besiegten trifft das nicht zu. In keinem der im Ersten Weltkrieg unterlegenen Staaten gelang die Rückkehr zur Stabilität und zum inneren Frieden der Vorkriegszeit auch nur annähernd.

Zu den Schrecken des Krieges und der Erfahrung der Niederlage kam als ein weiterer maßgeblicher Faktor für den Anstieg der Gewalt nach 1918 der plötzliche Zerfall der europäischen Landimperien und die schwere Geburt ihrer Nachfolgestaaten. Die Pariser Friedensverträge wiesen Millionen von Menschen – vornehmlich der deutschstämmigen Bevölkerung (für die die Nationalsozialisten später die Bezeichnung »Volksdeutsche« einführten) in der Tschechoslowakei, in Italien und Polen, den Ungarn in der Tschechoslowakei, Jugoslawien und Rumänien sowie den Bulgaren in Rumänien und Griechenland – neu geschaffenen Nationalstaaten zu, die sich einem fundamentalen Dilemma gegenübersahen: Obgleich sie danach strebten, »Einvölkerstaaten« zu sein, handelte es sich bei Polen, Jugoslawien und der Tschechoslowakei um Vielvölkerreiche im Miniaturformat. Der wesentliche Unterschied zwischen ihnen und ihren imperialen Vorgängern, der k.u.k. Monarchie oder dem Romanow-Reich, bestand nicht in der erhofften »ethnischen Reinheit«, sondern vielmehr darin, dass sie wesentlich kleiner waren und die ethnischen Hierarchien sich umgekehrt hatten.35 So lag das Epizentrum des territorialen Revisionismus in Europa in den folgenden Jahrzehnten nicht von ungefähr auf dem Gebiet der alten multinationalen Imperien, deren Auflösung neue Gewalträume schuf.36

Das »Heimholen« von 1918 verlorenen Volksgruppen und die Rückgewinnung »historischer« Gebiete spielte bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs und zuweilen auch noch nach 1945 eine entscheidende Rolle in der Außen- und Innenpolitik Ostmitteleuropas – insbesondere in Ungarn, Bulgarien und Deutschland. Das galt ebenso für Russland, das nicht nur seine zeitweiligen Eroberungen des Ersten Weltkriegs eingebüßt hatte, sondern auch die westlichen Grenzgebiete des Zarenreichs. Moskaus Bemühungen um Wiederaneignung »verlorenen Landes« und die Festigung seines Einflusses in Osteuropa im Allgemeinen – oft mit Gewalt – sollten sich bis in die 1940er Jahre und darüber hinaus hinziehen.

Die diversen Revolutionen, die Niederlage der Mittelmächte und die territoriale Neuordnung eines ehedem von Großreichen beherrschten Kontinents schufen ideale Bedingungen für neue und anhaltende Auseinandersetzungen. Selbstverständlich muss jede Erklärung für die Eskalation der Konflikte auch die Bedeutung regionaler, oft auf viel ältere Gegensätze zurückgehender Traditionen und Umstände im Blick behalten, da aus diesen ebenfalls die Gewalt erwachsen konnte, die sich nach dem Krieg vielerorts Bahn brach. Als typische Beispiele für derartige Einflüsse können hier etwa die Tschetnik-Tradition des Guerillakriegs auf dem Balkan, die republikanische Bewegung in Irland vor 1914 und die revolutionären Spannungen im Russland der Vorkriegszeit gelten, die sich 1905 gewaltsam entladen hatten.37 Zusammengenommen waren aber Revolution, Niederlage und nationale »Wiedergeburt« aus den Trümmern der untergegangenen Reiche Europas die entscheidenden Auslöser der länderübergreifenden Welle bewaffneter Auseinandersetzungen, die sich in einigen Teilen Europas bis 1923 hinzogen. Einen vorläufigen Schlusspunkt bildete der Vertrag von Lausanne. Dieser schrieb das Staatsgebiet der neuen Türkischen Republik fest und beseitigte die griechischen Gebietsansprüche in Kleinasien durch einen erzwungenen Bevölkerungsaustausch enormen Ausmaßes.

Nach Lausanne erfuhr Europa zwischen 1924 und 1929 eine kurze Phase der Stabilisierung, doch dann sollten die zwischen 1917 und 1923 aufgeworfenen, aber nicht gelösten Probleme nach Ausbruch der Weltwirtschaftskrise 1929 mit aller Macht auf die außen- und innenpolitische Agenda zurückdrängen. Die Entwicklungen im Europa der Jahre 1917 und 1923 sind also entscheidend für das Verständnis jener Gewaltzyklen, die den Kontinent im 20. Jahrhundert prägten. Als Ausgangspunkt dieser Entwicklungen müssen die verheerenden Ereignisse in Russland zu Beginn des Jahres 1917 gelten, als der bevölkerungsreichste der Kombattantenstaaten als erster im Chaos von Revolution und militärischer Niederlage versank.

TEIL INiederlage

Der Friede mit Russland … und der große Sieg dieser Tage über die Engländer sind die zwei mächtig hallenden Hammerschläge an alle deutschen Herzen … Wer am deutschen Siege kleinmütig verzweifelte undauch wer nie an ihn geglaubt hat, sieht ihn nun als greifbare Möglichkeit vor sich und muss sich dem Gedanken des Sieges beugen.

ALFRED HUGENBERG an Paul von Hindenburg, 26. März 1918

Ein siegreicher Ausgang des Krieges würde eine deutsche Revolution nie gebracht haben, und noch ein rechtzeitiger Friedensschluß hätte sie verhindert. Alle sind wir Söhne der Niederlage.

HEINRICH MANN, »Sinn und Idee der Revolution«, Münchner Neueste Nachrichten, 1. Dezember 1918

Eine Zugfahrt im Frühling

Der »Siegeszug« des Bolschewismus begann mit einer Bahnfahrt am Ostersonntag des Jahres 1917. Am Spätnachmittag des 9. April bestiegen der russische Bolschewik Wladimir Iljitsch Uljanow, seine Frau und Mitstreiterin Nadeschda Krupskaja sowie dreißig seiner engsten Mitarbeiter im Züricher Hauptbahnhof einen Zug in Richtung Deutschland.1 Das Auswärtige Amt in Berlin, das sich die geheime Reise aus der neutralen Schweiz durch deutsches Staatsgebiet von der Obersten Heeresleitung hatte genehmigen lassen und die Weiterfahrt nach Russland organisierte, setzte große Hoffnungen in diesen Mann, von dem bis dahin außerhalb der Sozialistischen Internationale nur wenige gehört hatten. Der Mann schmiedete Umsturzpläne und verdiente sich ein Zubrot mit journalistischen Artikeln, die er in obskuren linksradikalen Blättern mit Kleinstauflage unter dem Pseudonym »Lenin« veröffentlichte. Ausgestattet mit falschen Papieren und einer beträchtlichen Geldsumme sollte dieser Lenin nun die Führung der nach wie vor eher kleinen bolschewistischen Bewegung in seinem Heimatland übernehmen, die Februarrevolution, durch die kurz zuvor der Zar gestürzt worden war, radikalisieren und den Krieg Russlands gegen die Mittelmächte beenden.2

Schon seit Kriegsbeginn im Jahr 1914 hatte das Auswärtige Amt geheime Pläne geschmiedet mit dem Ziel, die Alliierten an der Heimatfront zu destabilisieren. Aus diesem Grund hatte es revolutionäre Bewegungen unterschiedlicher politischer Couleur gefördert: irische Republikaner, die sich von London lossagen wollten, Dschihadisten in den britischen und französischen Kolonialreichen und russische Revolutionäre, die sich gegen das autokratische Regime in Petrograd verschworen hatten.3 Den innenpolitischen Zielen all dieser Bewegungen stand Berlin zumeist gleichgültig bis ablehnend gegenüber, aber man sah in ihnen Partner in dem gemeinsamen Bemühen, die Alliierten von innen heraus zu schwächen.4 Zum Leidwesen der Strategen in der deutschen Hauptstadt schienen diese Anstrengungen aber kaum Früchte zu tragen. Den rund 3000 muslimischen Kriegsgefangenen etwa, die zunächst in einem eigens geschaffenen »Halbmondlager« in Wünsdorf bei Zossen interniert und dann zur Propaganda hinter die Mesopotamienfront oder nach Persien geschickt wurden, gelang es nie, nennenswerte Zahlen von Dschihadisten für einen Heiligen Krieg gegen London oder Paris zu mobilisieren. Im Frühjahr 1916 erlitt Berlin einen weiteren Rückschlag, als der von Deutschland unterstützte Osteraufstand in Dublin nicht zur erhofften landesweiten Revolution in Irland führte. Roger Casement, der die ersten beiden Kriegsjahre im Reich verbracht und versucht hatte, unter seinen Landsleuten in deutscher Gefangenschaft eine »Irische Brigade« zu rekrutieren, wurde unmittelbar nach seiner von der deutschen Kriegsmarine ermöglichten Landung an der Küste von Kerry verhaftet und später hingerichtet.5

Dennoch entschloss sich Berlin, die subversive Strategie weiterzuführen. Nachdem der Zar im Februar 1917 gestürzt worden war, suchte man Revolutionäre nach Russland einzuschleusen. Bereits 1914 hatten sich deutsche Diplomaten in den neutralen europäischen Staaten mit Unterstützung von Informanten darangemacht, Namenslisten geeigneter Kandidaten aus den wachsenden linksradikalen Exilgemeinden zu erstellen. Lenins Name tauchte 1915 erstmals auf einer dieser Listen auf. Nach der Abdankung des Zaren informierte das Auswärtige Amt die deutsche Regierung und die Oberste Heeresleitung (OHL) darüber, dass es in der neutralen Schweiz eine ganze Reihe radikaler Marxisten gebe, die in Petrograd die bolschewistische Fraktion der extremen Linken, die den Krieg ablehnte, erheblich stärken könnten. Die politischen und militärischen Entscheidungsträger in Berlin billigten den Plan, für die Rückkehr dieser Exilanten nach Petrograd zu sorgen.6

Als Lenin im April 1917 die Zugfahrt antrat, war er 47 Jahre alt und hatte bereits mehrere Jahrzehnte revolutionärer Agitation hinter sich. Die Familie, die ursprünglich aus der Wolgastadt Simbirsk (dem heutigen Uljanowsk) stammte, zog nach dem Tod des Vaters, eines Erbadligen und staatlichen Schulinspektors, im Jahr 1886 auf das mütterliche Familiengut in der Nähe von Kasan. Schon im Mai 1887 traf sie ein weiterer Schicksalsschlag: Wladimirs älterer Bruder Alexander wurde wegen der Beteiligung an einem vereitelten Attentat auf Zar Alexander III. verhaftet und hingerichtet. Nach dem Tod des älteren Bruders engagierte sich der jüngere immer stärker in marxistischen Kreisen. Nachdem er wegen der Teilnahme an antizaristischen Studentenprotesten von der Kasaner Universität verwiesen worden war, verfolgte er als Jurastudent in Moskau seine politischen Interessen. Nach dem Examen arbeitete der junge Anwalt intensiv für die revolutionäre Bewegung und pflegte Kontakte zu führenden russischen Sozialdemokraten. Als er 1897 von einer Europareise zurückkehrte, wurde er verhaftet und wegen politischer Agitation für drei Jahre nach Sibirien verbannt.7 In der Verbannung gab er sich – womöglich nach dem sibirischen Fluss Lena – den Kampfnamen »Lenin«.8

Nach der Verbannung lebte Lenin in Westeuropa, zunächst in der Schweiz, dann in München, wo er die Zeitung Iskra (Der Funke) herausgab, in der auch seine bekannte programmatische Schrift »Was tun?« (1902) erschien. Zwar gründete sein Denken fest auf Marx’ Analyse des Kapitalismus, doch zumindest in einem wichtigen Punkt wichen Lenins Überlegungen zum Aufbau einer kommunistischen Gesellschaft von dessen Theorien ab: Nach Marx würde es im Endstadium der bürgerlichen Gesellschaft und des kapitalistischen Wirtschaftssystems aufgrund von Klassengegensätzen zwangsläufig zu einer spontanen Erhebung des Volkes kommen. Auf diesen »natürlichen« revolutionären Moment wollte Lenin nicht warten, denn dieser würde nur eintreten in einer hochentwickelten Industriegesellschaft, in der die Industriearbeiter ein ausgeprägtes Klassenbewusstsein besaßen. Diese Vorausssetzungen erfüllte Russland nicht im Entferntesten. Daher plante Lenin die gewaltsame Machtübernahme mit einem Staatsstreich, durchgeführt von einer entschlossenen und straff organisierten Elite aus Berufsrevolutionären.9 Unter diesen sollten sogenannte Sowjets die zweite Ebene der neuen Machtstruktur bilden – Arbeiterräte, wie sie sich im Verlauf der Revolution von 1905 spontan in vielen großen Städten des Zarenreichs gegründet hatten. Diese hatten die Aufgabe, die Verbreitung des Klassenbewusstseins unter den Bauern und Arbeitern zu fördern, die mehrheitlich weder lesen noch schreiben konnten.10

Nach den revolutionären Umbrüchen des Jahres 1905 und dem Oktobermanifest, mit dem Zar Nikolaus II. einige Zugeständnisse abgerungen werden konnten, war Lenin nach Russland zurückgekehrt, musste aber schon im Dezember desselben Jahres erneut vor der Polizei fliehen und weitere 14 Jahre im Exil verbringen. Während dieser Zeit lebte er in verschiedenen europäischen Metropolen – Genf, Paris, London, Krakau und von 1914 an in Zürich. Die größte Stadt der Schweiz war zu jener Zeit eine besonders beliebte Zufluchtsstätte, denn dort herrschte kein Krieg. Zudem verfügte man an der Limmat über eine lange Tradition in der Beherbergung von Dissidenten – und über gute Nachrichtenverbindungen. Zürich war die Geburtsstätte des Dadaismus, der avantgardistischen Kunstbewegung um Hugo Ball und Tristan Tzara im Cabaret Voltaire und zu dieser Zeit das Zuhause etlicher Radikaler der europäischen Linken, die auf eine Revolution hofften, sich aber nicht einig waren, wie diese zu bewerkstelligen sei.11

Reibereien innerhalb der radikalen Linken gab es seit der Gründung der Zweiten Sozialistischen Internationale im Jahr 1889. Seitdem stritten sich die verschiedenen Lager über den richtigen Weg zur Verwirklichung des idealen proletarischen Staates, wobei die Gräben zwischen den Befürwortern von Reformen und jenen, die eine Revolution für unumgänglich hielten, zu Beginn des 20. Jahrhunderts immer tiefer wurden. Im Fall der russischen Sozialdemokraten standen sich als wichtigste Fraktionen Lenins radikale Bolschewiki und die moderateren Menschewiki gegenüber, die – im Einklang mit Marx’ Theorien – zunächst eine bürgerlich-demokratische Neuordnung Russlands anstrebten, da es erst danach zu einer proletarischen Revolution kommen könne.12 Die Unvereinbarkeit dieser Positionen führte 1903 schließlich zur Spaltung der Partei.

Der Kriegsausbruch 1914 verschärfte die Zerwürfnisse innerhalb der europäischen Arbeiterbewegung. Ein Großteil der sozialdemokratischen Parteien des Jahres 1914 stimmte den Kriegskrediten ihrer Länder zu und stellte somit Landestreue über internationale Klassensolidarität.13 Nicht so Lenin. Er war ein kompromissloser Kritiker der reformorientierten Linken, glühender Verfechter eines radikalen Umsturzes der bestehenden Ordnung und Befürworter eines unmittelbaren Separatfriedens. Diese Position machte ihn aus Sicht der deutschen Regierung zum idealen Kandidaten, denn Berlin ging es schließlich darum, die innenpolitische Lage in Russland weiter zu destabilisieren. Unter Mithilfe des umtriebigen und bestens vernetzten russischen Exilmarxisten Alexander Parvus wurde ein Kontakt zu Lenin hergestellt.14

Lenin, der in recht bescheidenen Verhältnissen lebte und seine Zeit zumeist schreibend in den öffentlichen Bibliotheken Zürichs verbrachte, wurde vom Ausbruch der Februarrevolution gegen die Romanow-Dynastie in Petrograd überrascht. Die Züricher Emigranten, die von den Ereignissen in Russland lediglich über die Presse erfuhren, erreichten die Nachrichten von den Unruhen dort erst nach einigen Tagen. Lenin las nun, dass der Zar auf Drängen einer Duma-Abordnung sowie ranghoher Generäle abgedankt und auch sein Bruder Michail dem Thron entsagt hatte. Obwohl der Ausgang der Revolution noch völlig offen schien, witterte er sofort seine Chance. Anders als 1905, als es ihm nicht mehr gelungen war, noch in die Revolution einzugreifen, wollte er diesmal keine Zeit verlieren. Er musste so rasch wie möglich nach Russland zurückkehren, um vor Ort die Dinge selbst in die Hand zu nehmen.15

Dass Lenin nur mit deutscher Hilfe über den kriegsgeschüttelten Kontinent nach Russland gelangen konnte, war offensichtlich, denn die westlichen Alliierten würden schwerlich irgendetwas billigen, was den Kriegsaustritt Russlands beförderte. Und die Deutschen würden nur helfen, weil das ihren eigenen Interessen diente. Lenin wusste das, glaubte aber, dass in diesem Fall der Zweck – eine womöglich erfolgreiche bolschewistische Revolution in Russland – die Mittel heilige. In den Verhandlungen mit der deutschen Abordnung forderte er, dass sein Waggon und der seiner Mitreisenden als extraterritoriales Gebiet zu gelten hätten und als solches gekennzeichnet sein müssten; mit einem Stück Tafelkreide wurde daraufhin »deutsches Hoheitsgebiet« von »russischem Hoheitsgebiet« getrennt; ferner bestand Lenin darauf, dass es zwischen den begleitenden deutschen Offizieren und den russischen Revolutionären zu keinem Kontakt kommen dürfe.16

Nachdem der Zug die deutsche Grenze passiert hatte, sahen die Reisenden aus der neutralen Schweiz auf den Bahnhöfen, die der Zug durchfuhr, erstmals ausgemergelte Soldaten und abgezehrte Zivilisten, was Lenin in der Hoffnung bestärkte, die Kriegsfolgen würden bald auch in Deutschland eine Revolution auslösen. Auf Rügen ging er mit seiner Entourage an Bord eines Schiffes, das die Revolutionäre nach Trelleborg brachte. Von dort ging es nach Stockholm, wo sie einen Zug nach Petrograd bestiegen. Entgegen seinen Befürchtungen gab es bei der Einreise nach Russland keine Probleme. Nach zwölf Jahren im Exil kehrte Lenin am 16. April 1917 in die russische Hauptstadt zurück, wo er von einer begeisterten Menge bolschewistischer Anhänger mit Blumen empfangen wurde. Sie spielten die Marseillaiseund schwenkten rote Fahnen, während der Zug in den Finnischen Bahnhof von Petrograd einfuhr.17 Lenin war wieder daheim.

Russische Revolutionen

Das Russland,in das Lenin 1917 zurückkehrte, glich kaum noch dem Land, das er 1905 verlassen hatte. Vor dem Krieg war das zaristische Riesenreich im politischen Sinne fraglos der autoritärste Staat Europas gewesen, ein Land, das sozial und wirtschaftlich voll enormer Gegensätze war. Trotz der Emanzipation der Leibeigenen im 19. Jahrhundert war das Zarenreich weiterhin semifeudalistisch geprägt, verzeichnete inzwischen aber – wenn auch von einem niedrigen Niveau ausgehend – ein beachtliches Industriewachstum. Insbesondere auf dem Öl- und Stahlsektor übersprang der wirtschaftliche Nachzügler auf dem Weg in die Moderne gleich mehrere Entwicklungsstufen und wies höhere Wachstumsraten auf (ebenfalls auf niedrigem Niveau) als die Vereinigten Staaten, Deutschland und Großbritannien zur Jahrhundertwende.18 Doch große Teile der russischen Gesellschaft verspürten nichts von dem rasanten Wirtschaftswachstum. Überhaupt lag vieles im Argen im Reich der Romanows, das sich von Ostpolen im Westen bis zur Küste Sibiriens im fernen Osten erstreckte. Die Gesellschaftsstruktur »glich einer Pyramide mit einem großen Sockel« – den vor allem Kleinbauern und das wachsende städtische Industrieproletariat bildeten –, »die sich allmählich zu einer schmalen Spitze verjüngte«.19 Ganz oben thronte Zar Nikolaus II., der wie schon sein Vater Alexander III. die moskowitische Tradition wiederbelebt hatte. Nach dieser Tradition war der Herrscher der »barmherzige Vater« seiner Untertanen, die Verkörperung Gottes auf Erden – in Wahrheit eben ein Regent, der wie ein mittelalterlicher Feudalherr über sämtliche russischen Ländereien gebot.

Die gesellschaftliche Elite war größtenteils adlig – am Vorabend des Ersten Weltkriegs gehörten der russischen Aristokratie 1,9 Millionen Menschen an –, stellte aber alles andere als eine homogene gesellschaftliche Klasse mit einheitlichen politischen Vorstellungen dar.20 Was die meisten adligen Landbesitzer in den Jahrzehnten vor dem Kriegsausbruch 1914 allerdings verband, war das Gefühl des Niedergangs, die Überzeugung, dass die wirtschaftlichen Modernisierungskräfte ihre traditionelle aristokratische Lebensweise tiefgreifend verändern würden. Anton Tschechows gesellschaftskritisches Theaterstück Der Kirschgarten (1904), in dem die tragische Heldin Ljubow Andrejewna Ranjewskaja wegen ihrer Weigerung, den geliebten Kirschgarten in eine Feriensiedlung zu verwandeln, ihr Familiengut verliert, fängt diese Krisenstimmung auf eindrückliche Weise ein.21 Die im Schwinden begriffene Vorkriegswelt des Adels und dessen Ahnungen vom drohenden Verfall prägten auch das Werk des ersten russischen Literaturnobelpreisträgers Iwan Bunin. Dieser Nachkomme einer alten und ehemals wohlhabenden Adelsfamilie, dessen alkoholkranker Vater einen Großteil des Familienvermögens verzecht und verspielt hatte, entwarf in seiner Novelle Suchodol (1911) eine düster-prophetische Vision: Die Besitztümer des einst reichen Aristokratengeschlechts der Chruschtschows schwinden stetig, bis am Ende der Erzählung so gut wie nichts mehr an diese einst so mächtige und einflussreiche Familie erinnert.22

Noch sehr viel schlechter als dem Landadel, der unter dem Gefühl von Bedeutungsverlust und Niedergang litt, ging es dem großen Heer der russischen Kleinbauern am unteren Ende der gesellschaftlichen Hierarchie. Die Abschaffung der Leibeigenschaft im Jahr 1861 hatte am harten Los dieser Schicht wenig geändert. Die Armut auf dem Land trieb mit Beginn der Industrialisierung viele landlose Bauern in die Städte, wo neue Fabriken entstanden und Industriearbeiter benötigt wurden. Die Arbeitsbedingungen waren auch hier hart, der Lohn niedrig und durch Inflation entwertet. Kriminalität und Prostitution gediehen prächtig unter den erbärmlichen Verhältnissen, in denen die Arbeiter mit ihren Familien lebten, während der ständige Mangel der Gesundheit wenig zuträglich war.23 Eingepfercht in Mietskasernen mit unzureichenden sanitären Anlagen, waren diese Menschen besonders anfällig für Krankheiten wie Typhus, Cholera und Tuberkulose.24

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte die Unfähigkeit des Staates, etwas gegen die soziale Ungleichheit zu tun, und die Weigerung des Zaren, den Forderungen nach politischen Reformen nachzukommen, die alltägliche Gewalt deutlich anschwellen lassen. In der Revolution von 1905 hatten sich die gesellschaftlichen Spannungen dann erstmals entladen: die Schmach des verlorenen Krieges gegen Japan in Fernost sowie zahlreiche innere Konflikte von den Arbeiterunruhen bis zu ethnischen Konflikten in den westlichen Grenzgebieten wie im Kaukasus.25 Nachdem der Zar mit dem Oktobermanifest einige Zugeständnisse gemacht hatte – Bildung eines Parlaments, der Staatsduma, und Annahme einer Verfassung –, stabilisierte sich die Lage im Reich zwar ein wenig, doch die revolutionäre Gewalt konnte die zaristische Polizei trotz aller Bemühungen nicht unter Kontrolle bringen.26 Allein zwischen Januar 1908 und Mai 1910 wurden über 700 Staatsbedienstete und 3000 Zivilisten ermordet und weitere 4000 verletzt.27 Als die Regierungstruppen zwei Jahre später, im Frühjahr 1912, mit äußerster Brutalität gegen einen Großstreik auf den Goldfeldern der südostsibirischen Lenaregion vorgingen und dabei rund 500 Menschen töteten oder verletzten, kam es zu Solidaritätsstreiks im gesamten Reich.28 Dennoch ist kaum denkbar, dass die sozialen und politischen Unruhen oder die gegen die Staatsmacht gerichteten Gewalttaten ohne den Ersten Weltkrieg zum völligen Zusammenbruch des Zarenregimes geführt hätten.29

Am Vorabend des Krieges schien die Herrschaft der Romanows gefestigter als noch wenige Jahre zuvor.30 1913 richtete Zar Nikolaus prunkvolle Feiern anlässlich der 300-jährigen Herrschaft der Romanow-Dynastie aus und würdigte ausgiebig den Anteil seiner Familie am Aufstieg des einst bescheidenen Fürstentums Moskau zur europäischen Großmacht – eines Reiches, das nun ein Sechstel der Landfläche des Planeten umspannte.31 Der Krieg, der 1914 ausbrach, sollte diesem russischen Riesenreich einen festen Platz unter den Großmächten sichern. Bei allen Kriegsteilnehmern überlagerte die einsetzende Welle des Patriotismus zunächst die tiefgreifenden gesellschaftlichen und politischen Spannungen, doch nirgends verflog diese Kriegseuphorie so schnell wie in Russland.

Nachdem die russischen Truppen eine erfolgreiche Offensive in Ostpreußen unternommen und die durch den Kaukasus vorrückenden osmanischen Truppen zurückgeschlagen hatten, wendete sich das Blatt rasch. Die Niederlagen, die das deutsche Heer der Zarenarmee 1914 und 1915 beibrachte, führten zum »Großen Rückzug« der russischen Streitkräfte durch die westlichen Grenzgebiete des Imperiums und lösten dabei innere Unruhen aus. Die allgemeine politische und soziale Unzufriedenheit entlud sich in umfangreichen Streiks der Textil- und Metallarbeiter. 1916 kam es außerdem im Kaukasus zu massiven Protesten gegen die Ausweitung der Wehrpflicht, die gewaltsam niedergeschlagen wurden.32

Nikolaus’ umstrittene Entscheidung, den Oberbefehl über die russischen Armeen an sich zu reißen, verschlechterte die Lage im Innern weiter. Denn während er fern der Hauptstadt an der Front weilte, entstand in der Bevölkerung der Eindruck, die Regierungsgeschäfte würden nun von seiner unbeliebten Frau, der in Deutschland geborenen Zarin Alexandra Fjodorowna, und ihren Vertrauten, insbesondere dem undurchsichtigen sibirischen Mönch Grigori Rasputin geführt. Rasputins brutale Ermordung durch zwei russische Adlige und einen rechtsgerichteten Duma-Abgeordneten am 30. Dezember 1916 war ein Beleg dafür, dass der Zar und sein Führungszirkel selbst in den höheren Kreisen der russischen Gesellschaft an Rückhalt verloren hatten.33

Unter dem Oberbefehl des Zaren verbesserte sich die militärische Situation indes nicht. Zwar fügte die Brussilow-Offensive von 1916 der schlecht vorbereiteten k.u.k. Armee in Galizien hohe Verluste zu und zwang die Deutschen, zur Stabilisierung der Ostfront größere Verbände aus Verdun abzuziehen, doch diese Erfolge waren teuer erkauft: Fast eine Million russische Soldaten kamen bei der Offensive gegen die Mittelmächte ums Leben oder wurden verwundet, so dass sich die russischen Weltkriegsverluste Anfang 1917 auf rund 2,7 Millionen Soldaten beliefen. Darüber hinaus befanden sich bereits zwischen vier und fünf Millionen russische Soldaten in Kriegsgefangenschaft.34 In den Kasernen, wo die häufig unter massivem Druck zum Kriegsdienst gezwungenen rund 2,3 Millionen neuen Rekruten auf desillusionierte und zunehmend politisierte Soldaten trafen, erzeugten der hohe Blutzoll und das nicht absehbare Ende des Krieges eine explosive Stimmung. Insbesondere die Garnisonen rund um Petrograd (wie St. Petersburg seit September 1914 mit patriotisch russifiziertem Namen hieß) sollten sich in den nächsten Monaten zu Brennpunkten revolutionärer Aktivität entwickeln.35

Die militärischen Misserfolge und die sich ausbreitende Kriegsmüdigkeit verschärften die ohnehin angespannte innenpolitische Situation ohne Zweifel noch, doch den Ausschlag für den Ausbruch der Revolution von 1917 gab die wirtschaftliche Lage. Russland stand vor dem Ersten Weltkrieg in dem Ruf, der bedeutendste Getreideexporteur Europas zu sein, doch in Wahrheit war es ein Land mit erstaunlich geringer landwirtschaftlicher Produktivität. Mit Kriegsausbruch erhöhte sich die Gefahr einer Hungersnot, da der Landwirtschaft Arbeitskräfte und Vieh entzogen wurden. 18 Millionen russische Männer, von denen die meisten Bauern waren, wurden einberufen, zwei Millionen Pferde eingezogen. Je länger der Krieg dauerte, desto schlechter gestaltete sich die Ernährungslage. Von 1916 an litten die Einwohner der größeren russischen Städte Hunger, ja waren nicht selten vom Hungertod bedroht.36 Ein Bericht der zaristischen Geheimpolizei »Ochranka« warnte Ende 1916, dass die Heimatfront zusammenzubrechen drohe. Die drastische Kürzung der Lebensmittelzuteilungen könne eine Hungerrevolte und die »wildesten Exzesse« auslösen. Es bestehe die akute Gefahr einer Revolution.37

Je länger der Krieg sich hinzog, desto teurer und spärlicher wurden die Nahrungsmittel.38 Die Hungerkrise wurde dann tatsächlich zum Auslöser jener Revolution, die den Zaren und sein Regime im Februar 1917 hinwegfegte. Der Funke, der das Pulverfass zur Explosion brachte, waren durch Brotknappheit verursachte Unruhen in der russischen Hauptstadt, die mit Streiks und Aussperrungen in den Putilow-Rüstungsbetrieben zusammenfielen.

Petrograd, damals die fünftgrößte Stadt Europas, stellte eine ideale Brutstätte für revolutionäre Bewegungen dar. Siebzig Prozent der dortigen Arbeiter waren in großen Fabriken beschäftigt. Der Lohn war erbärmlich und ebenso die Lebensverhältnisse. Etwa die Hälfte der Unterkünfte hatte weder fließendes Wasser noch Kanalisation. Der Kontrast zwischen den Fabrikarbeitersiedlungen im Wyborger Distrikt und dem prachtvollen Newski-Prospekt mit dem Zarenpalast auf der gegenüberliegenden Newaseite hätte kaum größer sein können. Am Morgen des 8. März 1917 (nach dem damals in Russland geltenden julianischen Kalender der 23. Februar; erst im folgenden Jahr sollten die Bolschewiki die gregorianische Zeitrechnung einführen) legten mehr als 7000 Frauen in den Textilfabriken des Wyborger Distrikts die Arbeit nieder, um gegen die viel zu knappen Lebensmittelzuteilungen zu protestieren. Die permanent steigenden Preise hatten ihre Lage schier ausweglos gemacht: Sie froren, sie waren hungrig – und sie waren verzweifelt. Schon in den ersten beiden Monaten des Jahres hatte die Krise zu einer Welle von Streiks und Demonstrationen im ganzen Reich geführt. Als die Streikenden nun durch Petrograd marschierten, strömten immer mehr Arbeiter aus den umliegenden Fabriken herbei und schlossen sich den Frauen an. Gegen Mittag waren es mehr als 50000, und bis zum Abend zogen zwischen 80000 und 120000 Menschen durch die Straßen.39

Zunächst zeigten sich die Verantwortlichen wenig besorgt und hielten es nicht einmal für nötig, den im militärischen Hauptquartier in Mogilew weilenden Zaren zu unterrichten. Doch am nächsten Morgen hatte sich die Zahl der Protestierenden, die durch Petrograds wohlhabende Innenstadtbezirke marschierten, verdoppelt, und sie stieg weiter an. Am Samstag, dem 10. März, gingen rund 300 000 Arbeiter auf die Straße.40 Und was noch schlimmer war: Die Demonstranten, die sich aus Protest gegen die Mangelversorgung zusammenfanden, erhoben zunehmend auch politische Forderungen. Das Volk verlangte nach Demokratie, forderte das Ende des Krieges und geißelte die Inkompetenz des Zarenregimes, ja sogar des Herrschers selbst.41

An jenem Samstagabend erfuhr endlich auch der Zar von den Unruhen in der Hauptstadt. Ohne jedes Verständnis für seine verzweifelten Untertanen, die nach Brot und Frieden riefen, befahl er dem Kommandanten des Petrograder Militärdistrikts, die Proteste unverzüglich zu beenden, wenn nötig mit Gewalt. An Truppen, die diesen Befehl ausführen konnten, mangelte es nicht, schließlich war Petrograd ein bedeutender Militärstützpunkt mit über 300000 Soldaten, die in der Stadt und den umliegenden Kasernen stationiert waren.42

Am Morgen des 11. März führten regierungstreue Truppen den Befehl des Zaren aus und eröffneten das Feuer auf die protestierende Menge, wobei Dutzende von Demonstranten erschossen wurden. Dies sollte sich als fataler Fehler erweisen, denn im Laufe des Tages widersetzten sich immer mehr Soldaten anderer Einheiten dem Befehl, auf unbewaffnete Demonstranten zu schießen, und kündigten damit dem Regime die Treue auf.43 Am folgenden Tag zogen bereits aufständische Soldaten und Arbeiter gemeinsam zu den städtischen Gefängnissen und befreiten die Insassen, stürmten Polizeistationen und das Innenministerium und besetzten das Hauptquartier der Ochranka. Als der befehlshabende General Chabalow dem Zaren schließlich offenbarte, dass die Lage in Petrograd außer Kontrolle sei, erwog der Herrscher die Entsendung loyaler Truppen in die Hauptstadt.44 Aber dafür war es längst zu spät. Während in Petrograd die Minister des Zaren bereits ihre Ämter niederlegten und schleunigst die Flucht ergriffen, ließ sich Nikolaus II. in Mogilew nur mit Mühe überreden, zugunsten seines Bruders, des Großfürsten Michail Alexandrowitsch, abzudanken. Doch dieser wies den vergifteten Kelch aus Angst um sein Leben zurück und machte damit den Weg frei für die Demokratisierung Russlands.45

Die Abdankung des Zaren besiegelte das Ende der Romanow-Dynastie und der tausendjährigen monarchistischen Herrschaft in Russland. Die Schockwellen dieses Regimewechsels waren auch jenseits der russischen Grenzen deutlich spürbar. Mit der Februarrevolution erfasste eine kaum zu überschätzende Dynamik das kriegsgebeutelte Europa. Ein Land nach dem anderen sollte am Ende vor der grundlegenden Frage nach der Art seiner zukünftigen politischer Legitimation stehen. 1917 war noch nicht abzusehen, in welche Richtung sich die russische Revolution entwickeln würde, aber eines stand fest: Erstmals nach 1789 war ein bedeutendes autoritäres Regime in Europa durch eine Revolution gestürzt worden.

Während in Petrograd, Moskau und anderen Städten im Reich unter dem Jubel der begeisterten Massen die alte Ordnung zusammenbrach, bildeten Duma-Mitglieder ein Gremium, das als »Provisorische Regierung« in die Geschichte eingehen sollte. An seiner Spitze stand als Ministerpräsident der liberale Fürst Georgi Jewgenjewitsch Lwow. Andere bedeutende Mitglieder dieser Exekutive waren der Duma-Präsident Michail Rodsjanko, der Historiker und Führer der konstitutionellen Demokraten (»Kadetten«) Pawel Miljukow sowie der sozialistische Anwalt Alexander Kerenski als stellvertretender Vorsitzender.46 Gleichzeitig formierten sich mit den örtlichen Sowjets »Volksvertretungen«, die nach dem Vorbild der Revolution von 1905 geschaffen worden waren, um den Massen auf der Straße eine Stimme zu geben.Diese Sowjets bildeten eine starke politische Gegenkraft.47