Die besten Ärzte - Sammelband 81 - Katrin Kastell - E-Book

Die besten Ärzte - Sammelband 81 E-Book

Katrin Kastell

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Beschreibung

Willkommen zur privaten Sprechstunde in Sachen Liebe!

Sie sind ständig in Bereitschaft, um Leben zu retten. Das macht sie für ihre Patienten zu Helden.

Im Sammelband Die besten Ärzte erleben Sie hautnah die aufregende Welt in Weiß zwischen Krankenhausalltag und romantischen Liebesabenteuern. Da ist Herzklopfen garantiert!

Der Sammelband Die besten Ärzte ist ein perfektes Angebot für alle, die Geschichten um Ärzte und Ärztinnen, Schwestern und Patienten lieben. Dr. Stefan Frank, Chefarzt Dr. Holl, Notärztin Andrea Bergen - hier bekommen Sie alle! Und das zum günstigen Angebotspreis!

Der Inhalt dieses Sammelbands entspricht ca. 256 Taschenbuchseiten.

Jetzt herunterladen und sofort sparen und lesen.

Dieser Sammelband enthält die folgenden Romane:

Chefarzt Dr. Holl 1846 - Der falsche Weg

Notärztin Andrea Bergen 1325 - Mit ihrem süßen Lächeln

Dr. Stefan Frank 2279 - Das Kind der toten Patientin

Der Notarzt 328 - Wie buchstabiert man "Liebe"?

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 491

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Katrin Kastell Marina Anders Stefan Frank Karin Graf
Die besten Ärzte - Sammelband 81

BASTEI LÜBBE AG Vollständige eBook-Ausgaben der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgaben Für die Originalausgaben: Copyright © 2015/2017/2018 by Bastei Lübbe AG, Schanzenstraße 6 – 20, 51063 Köln Vervielfältigungen dieses Werkes für das Text- und Data-Mining bleiben vorbehalten. Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller Verantwortlich für den Inhalt Für diese Ausgabe: Copyright © 2025 by Bastei Lübbe AG, Schanzenstraße 6 – 20, 51063 Köln Covermotiv: © Studio Romantic / Shutterstock ISBN: 978-3-7517-8616-4 https://www.bastei.de https://www.bastei-luebbe.de https://www.lesejury.de

Die besten Ärzte - Sammelband 81

Cover

Titel

Impressum

Inhalt

Chefarzt Dr. Holl 1846

Der falsche Weg

Die Notärztin 1325

Mit ihrem süßen Lächeln

Dr. Stefan Frank 2279

Das Kind der toten Patientin

Der Notarzt 328

Wie buchstabiert man „Liebe“?

Guide

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Contents

Der falsche Weg

Am OP-Tisch kam die Wahrheit heraus

Von Katrin Kastell

Dr. Holl ist zutiefst erschüttert. Seine Patientin Saskia Leisner ist dabei, mit einer aggressiven Diät und gefährlichen Appetitzüglern ihre Gesundheit zu ruinieren.

„Ich habe keine andere Wahl“, erklärt sie ihm. „Ich nehme einfach nicht ab, und ich würde absolut alles tun, um mein Gewicht zu reduzieren.“ Und dabei ist Saskia keineswegs dick, sondern eine ausgesprochen hübsche, sportliche Frau mit Rundungen an den richtigen Stellen. Mit Engelszungen redet Dr. Holl auf sie ein, um sie von ihrem gefährlichen Kurs abzubringen, und rät ihr, dringend die Hilfe eines Ernährungstherapeuten in Anspruch zu nehmen. Doch seine eindringlichen Worte erreichen die junge Frau nicht.

Ein paar Monate später liegt Saskia in der Berling-Klinik auf dem OP-Tisch und kämpft nach einer verpfuschten Operation im Ausland, die sie ihrer Traumfigur näherbringen sollte, um ihr Leben …

Es war Sommer, und die Hitze hing schwül und schwer in den Straßen Münchens. Kein Lüftchen wehte, und Kühlung war ein unerreichbarer Traum für alle, die arbeiten mussten und nicht kurzerhand in ein Schwimmbad oder an einen See flüchten konnten. Ventilatoren und Klimageräte arbeiteten auf Hochtouren und brachten doch keine echte Erleichterung.

Luftfeuchtigkeit und Luftdruck machten älteren Menschen zu schaffen und allen, die einen schwachen Kreislauf hatten. Das Martinshorn der Rettungswagen war immer aus irgendeiner Richtung zu hören.

Die Fußgängerzone der bayrischen Metropole lag verwaist im gleißenden Licht der Sonne. Nur wer musste, wagte sich um die Mittagszeit hinaus, und die vereinzelten Gestalten suchten jeden Schatten, der sich ihnen bot, und flüchteten sich in die klimatisierten Läden.

In einer kleinen Seitenstraße drängten sich die Menschen unter den Sonnenschirmen eines gemütlichen Straßencafés. Jeder Stuhl war besetzt, und die Kellnerinnen kamen nicht hinterher, Eis und kalte Getränke an die Tische zu tragen, während ihnen selbst der Schweiß über das Gesicht lief.

Direkt neben dem beliebten Café lag eine Eventplanungsagentur. Das Schaufenster bot den Augen einen bunten Blumenstrauß an unterschiedlichsten Dekorationen und atmosphärischen Anregungen für jede Art von Feier.

Vertrauen Sie uns! Wir machen Ihren besonderen Tag für Sie unvergesslich!

„O Gott!“, stöhnte Saskia Leisner, eine der zwei Inhaberinnen der Agentur, als das junge Paar gegangen war, dessen Hochzeitsplanung gerade lief. „In zehn Minuten kommen schon die nächsten Kunden! Sollen wir ein Schild raushängen? Wegen Hitze geschlossen!“

„Brillante Idee! Ich bin dabei! Lass uns zur Hintertür hinausschleichen und abhauen“, stimmte Anita Möritzstein ihr zu und nutzte die kurze Pause, um sich mit einem feuchten Waschlappen etwas zu erfrischen. Die Hitze war einfach unerträglich.

„Es gibt keine Hintertür“, erinnerte Saskia sie frustriert.

„So ein Pech! Ich wusste, die Sache hat einen Haken. Kein Fluchtweg offen. Da werden wir wohl oder übel bleiben und leiden müssen! Möchtest du auch ein Vanilleeis? Ich hole uns schnell eins von drüben. Dafür müsste die Zeit locker reichen.“

Als Anita mit dem Eis wieder vor der Ladentür stand, waren die nächsten Kunden bereits im Laden.

Mutter und Tochter waren ein paar Minuten früher gekommen und schon ins Gespräch mit Saskia vertieft. Sie gestikulierten heftig und sahen aus wie zeitlich minimal versetzte Zwillinge – sehr blonde Haare, sehr große Kulleraugen, und selbst ihr Kleidungsstil war nahezu identisch und fußte auf einer tiefen Liebe zum Rosaroten in jeder Ausprägung und Form.

Bedauernd ließ Anita das Eis im Mülleimer neben der Tür verschwinden. Mutter und Tochter waren keine Unbekannten. Sie kamen bereits zum dritten Mal, ohne sich entscheiden zu können.

Kunden, die sich für alles begeisterten, aber einfach nicht wussten, was sie wollten, waren fast so schlimm wie Kunden, die zu genau wussten, was sie wollten, und sich mit nichts zufriedengaben. Unter drei Stunden würde auch diese Beratung nicht abgehen, und ob etwas dabei herauskam, war offen.

„Mama, schau nur! Ist das nicht romantisch? Romantisch soll es sein! Romantisch! So will ich es!“, kam es von der Tochter, was immer Anita und Saskia vorschlugen. Die junge Frau konnte sich nicht entscheiden, was sie nun eigentlich genau romantisch fand.

„Schatz, aber …“, entgegnete ihre wählerische Mutter, die zwar auch nicht wusste, wie genau sie sich die Hochzeit ihres einzigen Kindes wünschte, aber dafür genau wusste, wie es nicht sein sollte.

„Wenn ich heute noch einmal jemanden Schatz sagen höre, werde ich zur Mörderin!“, schnaubte Saskia, als Mutter und Tochter vier Stunden danach wieder gingen, ohne sich für einen der zahllosen Vorschläge der Hochzeitsplanerinnen entschieden zu haben.

„Und nächste Woche auf ein Neues! Wie schön, dass sie uns ewige Treue versprochen haben und wiederkommen – wieder und wieder und wieder … Glaubst du, wir können sie mit einem guten Trick vielleicht doch an die Konkurrenz weiterreichen, ohne dass wir mit einer Klage wegen Betriebsschädigung rechnen müssen?“, fragte Anita ironisch.

„Falls dir etwas einfällt …“

Anita zuckte nur hilflos die Schultern und schüttelte den Kopf.

„Ob es wohl überhaupt schon einen Bräutigam gibt? Er wurde noch mit keinem Ton erwähnt. Falls ja, tut er mir jetzt schon leid. Mama wird immer ein Wörtchen mitzureden haben. Ein Albtraum!“, prophezeite Saskia. „Wir sollten glückliche Scheidungen in unser Programm aufnehmen. Was meinst du? Eine Marktlücke mit Perspektiven, oder?“

Sie lachten. Saskia und Anita hatten ihre Eventplanung vor gerade einmal fünf Jahren eröffnet und gehörten inzwischen zu den ersten Adressen in München, wenn es darum ging, ein Fest oder anderes großes Ereignis zu planen.

Auch an diesem Wochenende waren sie für sieben Hochzeiten zuständig, und es gab noch viel zu tun, bis die Gäste sich im siebten Himmel wähnten, ohne auch nur im Entferntesten zu ahnen, was für eine Planung und Arbeit hinter den bezaubernd leichten Momenten steckte, die sie sorglos und entspannt mit ihren Gastgebern genossen.

„Darfst du eigentlich noch so munter darauflosspotten, Herzblatt? Du bist doch jetzt selbst der Liebe verfallen, und bevor du dich versiehst, planen wir vielleicht schon bald deine Hochzeit“, frotzelte Anita. „Und dabei hattest du mir versprochen, nie selbst in den süßen Apfel zu beißen, von dem man am Ende nur jahrelanges Bauchgrimmen erntet. Du wirst schon sehen! Ich kenne mich aus. Zweimal …“

„… geschieden und für immer kuriert!“, beendete Saskia ihren Satz, den sie schon oft gehört hatte, und verdrehte die Augen.

„Mach dich nur lustig, Süße, wenn du erst selbst so richtig durch die Mangel gedreht wirst, vergeht dir das Lachen. Das Leben kann so herrlich sein, wenn man solo ist und keiner einem sagt, wie man zu sein hat. Freiheit! Lebensfreude! Gute Laune! Du wirst noch an meine Worte denken!“, mahnte Anita sie übertrieben salbungsvoll und fuhr dabei mit ihrem Zeigefinger dicht vor Saskias Augen hin und her.

Saskia fing den Finger mit ihrer Hand ein und schob ihn weg. Lachend streckte sie ihrer Freundin die Zunge heraus.

„Wenn du mit solcher Überzeugung solo bist und bleiben willst, warum hast du dann kommende Woche ein Speed-Dating im Kalender stehen?“, fragte sie unschuldig.

„Man muss doch den Markt im Blick behalten für den Fall der Fälle“, antwortete Anita zwinkernd. Sie konnte nicht lange alleine sein, und vier Monate nach ihrer zweiten Scheidung war sie längst wieder auf der Suche nach einem neuen Partner.

„Und du bist dir sicher, dass dieser Kevin, den du mir unverzeihlicherweise noch immer nicht vorgestellt hast, etwas ganz Besonderes ist?“

„Absolut sicher!“, erklärte Saskia im Brustton der Überzeugung. „Wenn ich nicht gerade daran zweifle und darüber nachdenke, vielleicht doch lieber wegzulaufen“, fügte sie dann ein wenig jämmerlich an. „Du kennst mich doch! Scheidungskindersyndrom im Endstadium.“

„Vorsicht ist besser als Nachsicht! Du sparst dir den Scheidungsanwalt“, kommentierte Anita.

„Du springst wenigstens in kalte Wasser und schwimmst an Land, schüttelst alles ab und gehst weiter, wenn es nichts war. Ich gehe ein paarmal mit einem Mann aus, sehe vor mir, wie er sich in einer Ehe verwandelt und wie grausig es mit ihm und mir unweigerlich enden muss, und schon bin ich weg. An dem Punkt bin ich schneller als die Polizei erlaubt“, bemerkte Saskia selbstkritisch.

„Mit diesem Kevin triffst du dich schon über einen Monat. Das ist rekordverdächtig. Ist er die große Ausnahme? Springt dein Unglücksradar bei ihm etwa nicht an?“, fragte Anita sie.

„Vielleicht …“ Unweigerlich schlich sich ein glückliches Lächeln um Saskias Lippen beim Gedanken an Kevin. Es war durchaus möglich, dass sie endlich bereit war für eine ernsthafte Beziehung – die erste ihres Lebens, wenn es um die Männerwelt ging.

Vor einem Monat war sie dem charmanten Junggesellen auf einer der Hochzeiten begegnet, die sie persönlich betreut hatte. Er war ihr sofort ins Auge gesprungen, weil er schlicht und ergreifend umwerfend aussah. Aber sie wäre nie darauf gekommen, dass er sich im Gegenzug auch für sie interessieren könnte.

Saskia wusste, dass sie schöne Gesichtszüge hatte und eine anziehende Ausstrahlung, aber sie wusste auch, dass ihre Figur für kein Titelblatt taugte. Dafür hatte sie leider ein paar entscheidende Pfunde zu viel.

Rubens wäre vor ihr in die Knie gegangen und hätte sie angefleht, ihm Modell zu stehen. Zu ihrem Leidwesen galten seine Bilder nach wie vor als Kunst, aber sein exzellenter Frauengeschmack hatte sich in den Jahrhunderten nicht durchgesetzt. Pech für sie, denn eigentlich fühlte sie sich wohl in ihrem Körper, wenn er auch nicht der Idealnorm entsprach.

Kevin schien das nicht zu stören. Immer wieder sagte er ihr, wie schön er sie fand. Eine Verabredung folgte auf die andere. Oft gingen sie spät am Abend, wenn sie endlich beide frei hatten, zum Abschluss des Tages noch etwas zusammen trinken. Ihre Wohnungen lagen im selben Viertel der Stadt und zu Fuß keine zehn Minuten auseinander. Einer der zahllosen Zufälle, die ihr sagten, dass es unter Umständen keine Zufälle gab und dass Kevin der Richtige war.

Bisher war sie seinen dezenten Einladungen, noch auf einen Kaffee mit in seine Wohnung hochzukommen, geschickt ausgewichen. So selbstbewusst sie nach außen auftrat und so souverän und sicher sie sich in Gesellschaft bewegte, so war Saskia, ging es um ihren Körper, doch eher scheu und schüchtern.

Aber wenn Kevin sie zum Abschied küsste, wurde ihr jedes Mal heißer, und es dauerte von Mal zu Mal länger, bis sie sich tatsächlich voneinander lösen konnten. All ihre Sinne sprachen auf ihn an, und ihm schien es mit ihr genauso zu gehen. Lange konnte sie es nicht mehr hinauszögern, den nächsten Schritt zu gehen, das war ihr klar.

„Saskia, nicht alle Männer sind Idioten, und selbst dein Vater und ich hatten unsere Momente. Sei doch nicht immer so streng!“, hatte ihre Mutter ihr ein paar Tage zuvor geraten. „So schön ist es auch wieder nicht, sein Leben allein zu verbringen. Du bist eine schöne Frau. Genieße dein Leben!“

„Und warum hast du nach eurer Scheidung keinen Mann mehr in dein Leben gelassen? Du bist noch keine fünfundfünfzig, und es ist noch nicht zu spät, mit dem Genießen loszulegen, oder?“, hatte Saskia ein wenig giftig gekontert.

„Streng, Tochter, erbarmungslos streng – zu dir, zu mir, zu allen anderen“, meinte ihre Mutter, ohne sich auf das strittige Thema näher einzulassen. Es tat ihr leid, wie sehr die Scheidung Saskia geprägt hatte, aber sie konnte es nicht ändern und war es leid, sich für etwas zu entschuldigen, was sie sich nicht freiwillig ausgesucht hatte.

Monika Leisner hatte ihren geschiedenen Mann über alles geliebt und sich innerlich nie völlig von diesem Gefühl befreien können. Neunzehn Jahre lebte sie inzwischen allein. Sie konnte keinen anderen Mann emotional an sich heranlassen, obwohl sie es immer einmal wieder versucht hatte.

Im Gegensatz zu ihrer Mutter hatte Saskias Vater gleich nach der Scheidung seine langjährige Geliebte geheiratet und führte sein Leben mehr oder weniger weiter, nur dass zwei Protagonisten ausgetauscht worden waren. Er hatte noch einmal zwei Kinder bekommen.

Saskia traf ihre Halbgeschwister so gut wie nie. Sie war nicht wirklich warm mit ihnen oder der zweiten Frau ihres Vaters geworden. Es war seine neue Familie, und für sich hatte sie darin keinen Platz gefunden.

Das Problem war, dass immer einer mehr liebte, und den traf es bis ins Mark, wenn die Beziehung scheiterte. Saskia wollte nicht wie ihre Mutter zurückbleiben und immer ein wenig neben sich stehen, weil etwas von ihr weggebrochen war, was sie nicht hatte ersetzen können. Nein, lieber wollte sie ihr Leben tatsächlich allein verbringen, als verloren und allein zurückzubleiben. Zumindest hatte sie vor Kevin meist so gedacht.

Wie sie war Kevin Anfang dreißig und selbstständig. Er hatte ein Immobilienbüro, das nur einige Seitenstraßen entfernt von ihrer Agentur lag. Sie hatten sich bisher immer in einem Lokal irgendwo in der Mitte oder in ihrem Wohnviertel getroffen und es vermieden, zu indiskret in die Welt des anderen einzubrechen, aber die Neugierde wuchs.

Waren sie nach einem Monat so weit, etwas vom Alltag des anderen zu erfahren? Sie wusste es nicht. Saskia war noch keinem Mann begegnet, bei dem so viel gepasst hatte, und doch blieb sie vorsichtig. Ständig stießen sie auf mehr Übereinstimmungen, sei es nun in Bezug auf ihre Kindheit und Jugend oder ihre besonderen Vorlieben.

Mit Kevin konnte sie einfach über alles reden. Als Selbstständiger wusste er zudem genau, warum sie kaum Zeit für sich hatte, und machte keine große Sache daraus, wenn sie ihm kurzfristig einen Termin absagen oder noch einmal um eine Stunde nach hinten verschieben musste. Er war klasse, und sie war dabei, sich in ihn zu verlieben.

„Dieses holdselige, leicht dämliche Grinsen kenne ich!“, klagte Anita. „Wo ist meine zynische, emotionsgefeite Partnerin geblieben? Saskia, unterstehe dich, dir das Herz brechen zu lassen! Ich brauche dich hier und zwar mit heilem Herzen und bei klarem Verstand! Keine Sondergenehmigung für Liebeskummer! Dafür bin ich zuständig. Ich habe Erfahrung darin.“

„Ich unterstehe mich, in deinem Revier zu wildern! Kein Liebeskummer!“, gelobte Saskia schmunzelnd.

„Dann ist es gut!“

***

„Das war vielleicht ein Wochenende! Sieben Hochzeiten! Mit so vielen unbekannten Mitarbeitern haben wir noch nie zusammengearbeitet. Irre! Der 8. August ist für viele Paare ein Traumtermin. Alle wollen ausgerechnet an diesem Tag heiraten, und es ist die Hölle, Termine in den Standesämtern oder Kirchen zu bekommen. Ich bin immer froh, wenn der 9. August anbricht und dieser Trubel überstanden ist. Ich habe richtige Plattfüße, und ich fühle mich wie neunundneunzig“, ächzte Saskia, als sie sich am Sonntagabend auf den Barhocker neben Kevin sinken ließ.

Es war kurz nach zweiundzwanzig Uhr, und sie war seit sechs Uhr ununterbrochen auf den Beinen. Bis auf Kleinigkeiten waren von der organisatorischen Seite her die sieben Feiern rund gelaufen.

Die neuen Mitarbeiter hatten sich bewährt und ihre Sache nicht übel gemacht. Anita und sie hatten es wieder einmal geschafft, aber sie hatten das Gefühl gehabt, einen Sack Flöhe hüten und überall zugleich sein zu müssen. Saskia war zum Umfallen müde, aber zufrieden.

„Dein Glück, dass du es hier mit einem Mann zu tun hast, der wohl der beste Fußmasseur ist, den du heute Nacht buchen kannst. Wenn ich fertig mit deinen Füßen bin, fühlst du dich wie neu und möchtest Tango tanzen“, lockte Kevin.

„Und auch noch gleich Tango? So! So!“

„Wenn du es nicht testest, wirst du nie wissen, ob ich zu viel verspreche.“ Er zwinkerte ihr verschmitzt zu.

„Die Versuchung ist enorm“, meinte Saskia fröhlich und konnte ein Gähnen nicht unterdrücken. „Aber ich passe! Tango ist mir viel zu anstrengend nach diesem Wochenende, das ich hinter mir habe. Ich kann mich kaum noch auf dem Hocker halten, falle nachher in mein Bett, und dann wird geschlafen – tief und selig.“

„Dagegen hätte ich auch nichts einzuwenden. Kein Problem!“, sagte Kevin und breitete einladend die Arme aus.

„Tief und selig und allein …“, fügte sie an und machte mit dem Zeigefinger eine verneinende Geste an ihrem Gin Tonic Glas.

„Spielverderberin! Wie schrecklich und fürchterlich einsam!“ Er schüttelte sich demonstrativ. „Wer schläft schon gerne allein?“

„Ich! Und wenn du wissen würdest, wie laut ich schnarche, wärst du voll und ganz meiner Meinung. Ich zersäge den halben Englischen Garten in einer einzigen Nacht. Noch Fragen?“

„Da ich die zweite Hälfte zerlege, sollten wir besser aufs Land ziehen und unsere Kinder dort großziehen. Das ist sicherer. Sie sollen doch hin und wieder einen Baum zu sehen bekommen, und mit den Münchner Bäumen räumen wir viel zu schnell auf. Wir sind ein gutes Team. Warum gründen wir keine Holzfällerfirma und siedeln gleich nach Kanada um? Da gehen uns die Bäume nie aus, und unsere Kinder haben jede Menge Platz zum Spielen.“

„Du hast immer eine Antwort parat.“ Saskia musste lachen, aber es berührte sie, dass er von Kindern sprach. Mit dreiunddreißig Jahren musste sie in den kommenden Jahren die Entscheidung treffen, ob sie nun Mutter werden wollte oder nicht.

Eigentlich hatten in ihrer Vorstellung Kinder immer zu ihrem Leben gehört, aber es hatte viel Zeit verschlungen, die Agentur aufzubauen und an die Spitze zu bringen, und nun verschlang es viel Zeit, sich an der Spitze zu halten und alle Kunden zufriedenzustellen. Unter diesen Bedingungen war es schwierig, einen Partner zu finden und eine gute Beziehung zu führen.

Bisher war sie bei dem Versuch, einen Mann besser kennenzulernen, immer in den Anfängen stecken geblieben. Über Kinder hatte sie seit Jahren mit keinem Mann mehr gesprochen. Und als Alleinerziehende hatte sie sich in ihren Träumen nie gesehen. Sie fand, ein Kind brauchte Vater und Mutter.

„Ist dir das ernst?“, hakte sie bei Kevin nach. „Möchtest du wirklich einmal Kinder und eine richtige Familie haben?“

„Na klar! Wofür lohnt es sich denn sonst, sich etwas aufzubauen? Ich meine, ich arbeite doch nicht so hart dafür, dass ich irgendwann einmal ein Vermögen Mutter Kirche vermachen kann oder einem Verein für gepeinigte Tiere. Nein, ich möchte etwas in dieser Welt zurücklassen, wenn ich einmal sterbe – Kinder und Enkel. Das ganze Paket!“

Saskia sah ihn nachdenklich an. Die Antwort hätte ihr eigentlich gefallen müssen, aber irgendwie empfand sie eine Art Unbehagen, das sie nur schwer zuordnen konnte. Er wollte etwas von sich hinterlassen, wenn er starb. Bei alldem ging es allein um ihn. Ob er bei dieser Einstellung wohl einmal ein guter, fürsorglicher Vater sein würde? Er kam ihr eher egoistisch vor.

„Und du?“, fragte er. „Du willst doch bestimmt auch eine Familie. Frauen wollen das doch immer.“

Wieder war da dieses eigentümliche Unbehagen. Wurde es ihr zu ernst? Machte sie deshalb innerlich einen Schritt zurück? Ganz sicher war sie sich ihrer selbst nicht.

Saskias Eltern hatten sich scheiden lassen, als sie vierzehn Jahre alt gewesen war. Das Unglück und die Traurigkeit ihrer Mutter waren für Jahre kaum zu ertragen gewesen. Saskia hatte immer versucht, eine gute Tochter zu sein, um sie ein wenig über den Verlust hinwegzutrösten, und ganz hatte sie es noch immer nicht geschafft, den Kummer ihrer Mutter bei ihrer Mutter zu belassen.

„Keine Kinder in deinem Traumpaket? Bist du eine Ausnahme?“ Verwundert sah er sie an und deutete ihr nachdenkliches Schweigen falsch.

„Nein, ich bin keine Ausnahme! Ich fände es schon sehr schön, ein oder zwei Kinder zu haben und mitzuerleben, wie sie heranwachsen und sich entwickeln. Das könnte mir gefallen. Ich möchte nur nicht, dass die Welt dieser Kinder irgendwann in Stücke bricht, weil ihre Eltern die Familie zerstören und zerreißen, ohne Rücksicht auf Verluste.“

„Man kann seine Kinder behüten wollen und sich bemühen, aber was dann kommt … Na ja, das ist das Leben“, sagte Kevin ernst.

„Genau, und auf meinem Grabstein soll nicht einmal stehen: Sie hat sich redlich bemüht. “

„Oh – und da behauptest du, keine Ausnahme zu sein?“, fragte er ironisch.

„Das hoffe ich doch! Aber ganz abgesehen davon, macht mir mein Beruf Sorgen. Ich weiß nicht, wie sich mein Beruf und Kinder miteinander vereinbaren lassen. Mehrere Jahre pausieren, kommt für mich nicht infrage. Anita müsste sich eine andere Partnerin suchen, denn allein lässt sich das nicht stemmen. Könntest du dir vorstellen, beruflich zurückzustecken, um die Vaterrolle zu übernehmen?“, ging sie in die Offensive.

Der Verlauf, den das Gespräch da nahm, war für beide überraschend und ein wenig verwirrend. War das nun Sonntagabendgeplauder, oder verbarg sich mehr dahinter? Kevin hatte das Gefühl, auf dem Prüfstand gelandet zu sein, und er wollte seine Sache gut machen. Er überlegte, dann nickte er.

„Der Gedanke ist mir erst einmal fremd, aber sollte meine Frau besser verdienen als ich, warum nicht? Ich denke, das ist eine materielle Entscheidung.“ Plötzlich lachte er leise auf. „Da habe ich dir noch nicht einmal die Füße massiert, und schon planen wir unsere Zukunft. Das sollte dir zu denken geben, Saskia. Ich fürchte, wir sind füreinander bestimmt.“

Saskia wollte das so gerne glauben und drängte das Unbehagen zurück. Sie war einfach nur feige. Er war ein toller Mann, wünschte sich eine Familie und war flexibel und offen für untypische Lösungen. Was wünschte sie sich mehr? Irgendwann musste sie sich doch einmal mit etwas oder jemandem zufriedengeben!

Mit Anfang dreißig war es an der Zeit, dass sie ihr Misstrauen der Männerwelt gegenüber ablegte und auch einmal ernst machte. Sie wollte doch eine Familie haben, und das ging eben nur, wenn sie auch bereit war, einem Mann zu vertrauen. Warum sollte Kevin nicht dieser Mann sein, der ihr Vertrauen verdiente? Vielleicht konnte es mit ihm klappen, ein Leben lang zusammenzubleiben oder zumindest, bis die Kinder erwachsen waren.

Trotz all dieser Gedanken fühlte Saskia sich ihm nach diesem Gespräch nicht näher, sondern war eher etwas ernüchtert. Bei allem, was er gesagt hatte, war es irgendwie immer nur um ihn gegangen. War ihr bisher nur entgangen, wie egoistisch er war, oder hing es mit dem Familienthema zusammen?

Als Kevin sie etwas später auf der Straße küsste, löste sie sich deutlich leichter von ihm als sonst und war sogar froh, als sie allein unter ihre Bettdecke kroch. Kinder und Familie waren eine nette Vorstellung, aber vielleicht war sie für genau das Leben geschaffen, das sie gerade führte.

Sie wünschte, sie wäre sich an diesem Punkt sicherer gewesen! Irgendwann bedauern, eine falsche Entscheidung getroffen zu haben, das wollte sie auf keinen Fall. Warum musste das Leben nur immer so kompliziert sein!

***

„Lass uns Urlaub machen und ein paar Tage zusammen verbringen, Saskia!“, schlug Kevin im Verlauf des Augusts vor, der weiterhin hochsommerlich heiß und sonnig blieb und geradezu einlud, aus München hinauszufahren.

„Tut mir leid! Könntest du einen Blick in meinen Kalender werfen, würdest du dir die Haare raufen. Bis zum 15. November habe ich an jedem Wochenende Events und bin im Einsatz. Wenn es dann neblig und kühl ist, dann ist zumindest im Moment noch eine kleine Pause in Sicht, bevor die ganzen Weihnachts- und Silvesterevents einsetzen“, lehnte Saskia bedauernd ab.

Von Urlaub träumte sie nur noch, seit sie selbstständig war.

„Das ist mir schon klar, aber wer sagt denn, dass es übers Wochenende sein muss? An den Tegernsee können wir jederzeit auch für zwei oder drei Tage fahren. Notfalls lohnt sich sogar ein Tagesausflug. Ein Bekannter von mir hat dort ein Ferienhäuschen am See. Es ist wirklich schön da, und wir hätten einen eigenen Steg … Kann ich dich damit locken?“

Saskia überlegte. Urlaub – einmal aus allem ausbrechen und die Füße baumeln lassen. Das war eine große Versuchung.

„Ich habe den Schlüssel zum Ferienhaus und kann immer hin, wenn er nicht gerade selbst mit seiner Familie dort ist. Unter der Woche steht es fast immer leer, und im Moment sind sie sowieso für drei Wochen in Kroatien im Urlaub. Kommst du mit?“

„Wann?“

„Wenn es nach mir geht, dann gleich morgen. Bei mir ist es im Büro gerade eher ruhig. Das Maklergeschäft geht nach den Sommerferien wieder richtig los. Ich kann mich ganz nach dir richten.“

Sie saßen in einem gemütlichen Biergarten, den sie zu ihrem Stammlokal auserkoren hatten. Man konnte herrlich im Schatten der Bäume sitzen und plaudern.

Saskia hatte sich innerlich minimal von Kevin zurückgezogen, obwohl sie sich noch fast jeden Abend mit ihm traf. Es war immer entspannend und nett, aber sie war eigentlich dabei, die Leinen zu kappen.

Sie mochte Kevin, aber den Rest ihres Lebens wollte sie lieber nicht mit ihm verbringen. Es waren Kleinigkeiten, die ihr an ihm nicht gefielen, aber in ihrer Summe genügten sie. Die große Liebe war dabei abzuflauen. Er war ihr zu egoistisch und eine Spur zu oberflächlich.

„Saskia, ich merke doch, dass ich bei dir immerzu auf dem Prüfstand stehe. Das ist ganz schön anstrengend. Gib uns wenigstens eine kleine Chance, einander einmal entspannt zu erleben, bevor du mich aus deinem Leben wirfst!“, sprach er das Problem direkt an.

Sie errötete, denn ihr war nicht klar gewesen, wie genau er mitbekam, was in ihr vor sich ging. Konnte er denn oberflächlich sein oder egoistisch, wenn er ihre Ängste spürte? Nein, es lag an ihr. Sie war einfach feige und schob die Scheidung ihrer Eltern wie einen Schutzschild vor sich her, um nicht verletzt zu werden. Das musste ein Ende haben!

„Morgen ist gar kein so übler Gedanke“, überlegte sie und ging im Geiste Anitas und ihren Terminkalender durch.

Es war Dienstagabend. Natürlich musste bis zu den Events am Wochenende noch jede Menge organisiert werden, aber vor Freitagabend fand keine Feier statt. Einige Beratungstermine standen an, aber damit wurde Anita zur Not auch einmal alleine fertig.

„Warte einen Moment!“ Saskia griff nach ihrem Smartphone und schrieb Anita eine WhatsApp. Die Antwort kam prompt.

Lass es endlich einmal krachen! Carpe diem! Nutze den Tag! Ich brauche dich am Samstag wieder. Vorher komme ich klar.

Typisch Anita! Saskia musste schmunzeln. Es war schön, so eine Partnerin und Freundin zu haben.

„Kevin, wir können morgen früh los. Ich muss am Samstagmorgen wieder arbeiten. Drei Tage Urlaub! Herrlich! Ich kann mich gar nicht mehr erinnern, wie das ist!“, freute sie sich und strahlte erwartungsvoll.

Am Mittwochmorgen kurz nach neun holte Kevin sie mit seinem Auto vor ihrer Wohnung ab, und sie fuhren die knapp vierzig Kilometer zum Tegernsee. Aus München hinaus war viel Verkehr, und sie standen immer wieder im Stau, aber das bekümmerte sie nicht. Sie plauderten und lachten und waren bereits in Urlaubsstimmung.

„Ist das schön! Ein kleines Paradies.“ Saskia war absolut begeistert von dem Ferienhaus und seiner Lage am See. Es handelte sich um ein stabiles, luxuriös ausgestattetes Holzhaus mit einer riesigen Veranda, die von der Grundfläche mindestens noch einmal so groß wie das Haus war und zur Hälfte überdacht. Dann folgte ein leicht abfallender Wiesenhang, der direkt zu einem privaten Steg im See führte.

Stauend ging Saskia von Raum zu Raum. Dieses Ferienhaus bot jede Menge Platz, und es war komfortabler ausgestattet als ihre Wohnung. Die Wohnküche war ein einziger Traum, und es war ein Jammer, dass nur so selten hier gekocht wurde. Das Badezimmer erinnerte an eine Wellnesslandschaft mit Whirlpool und Sauna.

„Wahnsinn! Was so etwas wohl kostet? Dein Freund muss Millionär sein!“, rief sie und konnte sich nicht sattsehen.

Eine Ledergarnitur stand um einen offenen Kamin herum und lud zum Entspannen auch an kühleren Tagen ein. Es passte einfach alles und war perfekt. Von draußen grüßten die Berge und der See. Die Aussicht war umwerfend.

Saskia hielt es nicht im Haus, nachdem sie ihre Sachen hineingetragen hatten. Es zog sie hinunter an den See und hinaus in diesen herrlichen Sommertag, der ganz Kevin und ihr gehörte und an dem keiner etwas von ihnen wollte. Sie war selig.

Rechts und links von dem Grundstück lagen ähnlich exklusive Ferienidylle, aber sie waren weit genug entfernt und durch Hecken abgegrenzt, sodass man einander nicht störte, auch wenn es zu einem der Grundstücke eine Art schmalen Durchgang gab. Außer vom See her ließ sich das Grundstück nicht einsehen, und die Motorboote und Paddelboote waren zu weit draußen, um als störend empfunden zu werden.

„Geld hat er mehr, als er ausgeben kann“, kam es von Kevin zurück, der ihr amüsiert folgte.

Bei seinem ersten Besuch war er genauso sprachlos und begeistert gewesen wie sie, aber seitdem hatte er schon häufig Zeit am See verbracht. Er hatte dem Eigentümer dazu verholfen, das Grundstück zu bekommen. Solche Grundstücke am See waren nicht nur unermesslich teuer, sie waren in der Regel auch nicht zu haben.

Kevin hatte es geschafft, einen Verkaufswilligen zu finden, und den Kauf abgewickelt. Dabei war er zufällig Zeuge einiger Dinge geworden, die weder an die Öffentlichkeit noch an das Ohr der Gemahlin des neuen Besitzers gelangen sollten.

Er hatte geschwiegen. Das hätte er so oder so getan, weil es seinem Berufsethos entsprach. Aber das Arrangement, das ihm der erleichterte neue Eigentümer sozusagen als kleines Dankeschön angeboten hatte, hatte er nicht abgelehnt. Er nutzte das Ferienhaus oft und gerne und nie alleine.

„Als Makler kennst du sicher viele Menschen, die so reich sind“, überlegte Saskia. „Schließlich muss man vermögend sein, wenn man sich in München eine Wohnung oder ein Haus kaufen möchte.“

„Wahren Reichtum hat man nicht auf der Bank liegen. Der größte Reichtum, über den ein Mann verfügen kann, sind eine gute Frau und gesunde Kinder, finde ich“, antwortete er weise wie aus dem Märchenbuch für heiratswillige Damen.

Saskia glaubte ihm jedes Wort, nahm seine Hand und lächelte ihn verliebt an. Wie hatte sie ihn nur je für oberflächlich halten können? Er war alles andere als das, und ein warmes Glücksgefühl begann sich in ihr auszubreiten. Sie hatte den Mann gefunden, mit dem sie leben und Kinder großziehen wollte.

Kevin und sie würden sich nicht entfremden und irgendwann nur noch aufeinander herumhacken, wie sie es bei so vielen Paaren beobachten konnte, wenn sich der erste Gefühlstaumel gelegt hatte. Sie würden sich immer schätzen, an ihrer Beziehung arbeiten und etwas Lebendiges und Schönes aus ihrer gemeinsamen Zeit machen. Er verdiente ihr Vertrauen, und genau das wollte sie ihm auch von nun an entgegenbringen: Vertrauen.

„Ich war schrecklich dumm! Danke!“, sagte sie mit Wärme und schiegte sich an seine Seite. Das erste Mal zog sie all ihre Schutzpanzer ein und war einfach nur bereit und offen für ihn und alles, was da so zwischen ihnen geschehen mochte.

Zärtlich legte er den Arm um sie, und dann ließ er sich plötzlich auf die Wiese fallen und zog sie geschickt mit sich, sodass sie weich auf ihm landete.

Saskia lachte, stützte sich mit den Armen ab und sah ihm lange in die Augen, dann küsste sie ihn zart.

„Hmm. Wäre ich ein Kater, würde ich jetzt im tiefsten Bass schnurren vor Wohlbehagen“, sagte er leise und begann, ihr Gesicht mit spielerischen, kleinen Küssen zu erkunden, während seine Hände forschend über ihren Körper glitten. „Darf ich?“

„Hmm …“, imitierte sie ihn. „Ich bitte darum.“

Er lachte und seine Liebkosungen wurden mutiger und fordernder. Saskia entzog sich ihm diesmal nicht. Sie genoss seine Berührungen und ließ es geschehen, keine Kontrolle zu haben über das, was gleich geschehen würde. Fast drei Monate waren sie nun schon zusammen. Er hatte lange genug Geduld bewiesen, und auch sie wollte ihn.

„Hier draußen? Wirklich?“, fragte sie dann aber doch keuchend, als er ihr das T-Shirt über die Arme streifte und ihren BH nach unten schob, sodass er sich ihren vollen Brüsten widmen konnte. „Man kann uns vom See aus sehen und …“

„Da sieht uns keiner und selbst wenn … Du bist wunderschön.“ Seine Hände umschlossen ihre wohlgeformten, straffen Brüste und massierten sie sinnlich, bis sie es kaum noch aushielt. Es war peinvoller Genuss, und sie stöhnte und wand sich. Als sich seine Lippen um ihre Brustwarzen legten und er sanft hineinbiss und leicht daran sog, schrie sie leise auf vor Lust.

„Du bist einfach unglaublich! Eine richtige Frau und kein flaches Brett! Überall, wo etwas sein soll, da ist auch etwas bei dir“, flüsterte er rau, während er erneut begann, ihre Brüste sanft zu kneten und die Brustwarzen zu reizen. „Sie sind so warm und weich. Du bist wundervoll!“

Saskia gab sich seinem Verlangen und seiner Leidenschaft hemmungslos hin. Das erste Mal war ihr Körbchengröße D kein Dorn im Auge, sondern sie war stolz auf die Rundungen ihres Körpers, die unter seinen Berührungen zum sinnlichen Leben erwachten.

Sie war keine Jungfrau mehr mit ihren dreiunddreißig Jahren, hatte Sex aber nie viel abgewinnen können. Es hatte sie stets große Überwindung gekostet, sich vor einem Mann zu entblößen. Die Freude hatte die Furcht und die Anstrengung eigentlich nie aufgewogen. Diesmal war es vollkommen anders. Als sie hinterher nackt nebeneinander auf dem Rasen lagen, empfand sie eine Leichtigkeit und ein Glück, wie sie es nicht kannte.

„Ich liebe dich.“ Sie sagte es sehr leise, und als er nicht antwortete, war sie sicher, dass er sie nicht gehört hatte, denn er lag völlig entspannt und mit geschlossenen Augen da, ein zufriedenes Lächeln um die Lippen.

„Sollen wir heute Abend grillen? Morgen lade ich dich in ein Lokal ein, das den besten Fisch hat, den du dir denken kannst, aber heute fände ich es schöner, erst einmal ganz anzukommen. Außerdem kann ich nicht die Finger von dir lassen und möchte dich ganz für mich alleine haben“, schlug Kevin vor, und Saskia war das mehr als recht. Auch ihr stand der Sinn nicht nach Öffentlichkeit.

Sie fuhren noch einmal kurz los und holten ein paar Vorräte in einem Supermarkt, die sie im Kühlschrank der Luxusküche verstauten, bevor sie eine Runde schwimmen gingen.

Saskia war eine Wasserratte und schwamm leidenschaftlich gerne und gut. Als sie ein paar Züge im Delphinstil schwamm, machte Kevin große Augen.

„Ich hatte keine Ahnung, dass du so sportlich bist.“

„Siehst du, was du alles noch nicht von mir weißt …“, neckte sie ihn ausgelassen.

Nachdem sie sich in der Sonne getrocknet hatten, führte Kevin sie in ein kleines Bootshaus neben dem Steg. Da lagen zwei Ruderboote.

„Sollen wir den See erobern?“, fragte er unternehmungslustig.

„Ich bin dabei!“

Sie ruderten weit hinaus und bewunderten gemeinsam das atemberaubende Gebirgspanorama.

„Ich hätte eine Angel mitnehmen sollen, dann könnte ich uns das Abendessen fangen und würde mich wie ein ganzer Kerl fühlen“, scherzte er.

„Beim nächsten Mal!“, tröstete sie ihn.

Für Saskia war dieser Tag ein einziges Fest, und der Donnerstag schloss sich an und war nicht minder bezaubernd und schön.

Das erste Mal verbrachte sie eine ganze Nacht in den Armen eines geliebten Menschen und wachte morgens an Kevin gekuschelt auf. Sie fühlte beim Erwachen die Wärme seines Körpers neben sich, erinnerte sich an seine Berührungen und den Taumel der Lust und erlaubte sich, glücklich zu sein.

***

Am Freitagmorgen schliefen sie aus und deckten am Vormittag auf der Terrasse den Tisch für ein spätes Frühstück und frühes Mittagessen. Sie wollten gegen fünfzehn Uhr zurückfahren, damit Saskia am Abend schon bei einem Geschäftsjubiläum helfen konnte, das sehr aufwendig geplant war.

„Am liebsten würde ich für immer hierbleiben und nicht in die Realität zurückkehren“, meinte sie wehmütig, als die frischen Brötchen auf dem Tisch standen, die sie schnell von einem nahen Bäcker geholt hatte.

Es duftete nach Kaffee, den Kevin in der Zwischenzeit aufgebrüht hatte.

„Dann würde es dir hier bald langweilig werden. Gerade weil es die Ausnahme ist, macht es so viel Spaß“, antwortete er und schenkte ihr Kaffee ein. „Orangensaft?“

Saskia nickte. Er klang an diesem Morgen irgendwie anders als an den beiden Tagen zuvor. Sie konnte es an nichts festmachen, aber er war kühler, viel weiter weg und irgendwie fremd. Hatte sie etwas falsch gemacht? War sie am Ende vielleicht doch nicht die Frau, die er hinter ihr vermutet hatte? Sie fühlte sich etwas verunsichert.

„Ist alles in Ordnung?“, wollte sie wissen.

„Aber klar doch! Ich bin in Gedanken nur schon bei einer schlecht geschnittenen und renovierungsbedürftigen Eigentumswohnung, die ich vor unserer Spritztour auf eines der großen Immobilienportale gestellt habe, ohne sonderlich große Erwartungen“, erzählte Kevin ihr.

So detailliert hatte er bisher ihr gegenüber noch nicht über seinen Beruf gesprochen.

„Inzwischen haben sich neunzig Interessenten gemeldet, und einige haben es einmal wieder ganz besonders eilig“, fuhr er fort. „Spinner! Der Besichtigungsmarathon beginnt gleich morgen. Vermutlich geht die Wohnung im Handumdrehen weg. Leicht verdientes Geld. Zurzeit kaufen diese Idioten einfach alles. Man muss es ihnen nur nett verpacken, und schon zahlen sie Spitzenpreise für Schund und denken noch, es sei ein Schnäppchen.“

„Hast du da nicht manchmal ein schlechtes Gewissen, wenn …“, setzte Saskia an, wurde aber von einer angenehmen Altstimme unterbrochen.

„Lecker! Kaffeeduft! Da muss ich nur meiner Nase folgen, und es wird ohne mich geschlemmt. Frechheit! Wie wäre es mit einer Einladung?! Kevin, schäme dich! Ich hatte keine Ahnung, dass du da bist. Lass dich umarmen, du Prachtkerl!“

Eine Frau mit einer langen roten Mähne stand plötzlich auf der Terrasse. Sie hatte nur einen äußerst spärlichen Bikini an, der ihren Körper mehr enthüllte als bedeckte, und bei diesem Körper konnte sie sich das problemlos leisten.

Saskia fühlte sich neben ihr wie Aschenputtel im Aschekasten. Diese Frau war eine Schönheit. Lange Beine, schmale und doch weibliche Hüften, schöne Brüste und kein Gramm Fett. Sie war fast einen Meter achtzig groß und hätte als Model arbeiten können.

Rubens hätte sie vermutlich als Bohnenstange verschmäht, zumindest hoffte sie das, aber selbst bei ihm hatte Saskia da so ihre Zweifel. Letztendlich war selbst er ein Mann gewesen. Die Frau war nicht flach und dürr. Sie war einfach vollkommen geformt und dazu ein klassisch ausgewogenes Gesicht, grüne Katzenaugen und die wilde rote Mähne.

„Marion!“ Ein Strahlen ging über Kevins Gesicht, als er sich zu ihr wandte. „Setz dich zu uns! Es reicht locker für drei.“

Sie umarmte ihn und legte dabei beide Hände um seine Pobacken, um ihren Besitzanspruch zu dokumentieren, während sie Saskia frech ins Gesicht grinste.

„Wenn ich gewusst hätte, dass du da bist, wäre ich längst zu dir rübergekommen!“, sagte Kevin. „Ich bin seit Mittwoch da und du?“

„Gestern am späten Abend bin ich angekommen, aber ich bleibe für ein paar Wochen. Ich arbeite an einem Roman, und hier am See habe ich immer die besten Ideen – vor allem, wenn du da bist“, flirtete sie ungeniert mit ihm. „Kommst du nächstes Wochenende alleine?“

Saskia verschlug es den Atem. Kannte diese Frau denn keine Grenzen? Kevin war schließlich in Begleitung da, und diese Begleitung hatte Ohren.

„Kommt dein Mann nach?“, wollte Kevin wissen, und es klang alles andere als ablehnend.

Saskia sah die beiden vor ihren inneren Augen Schäferstündchen halten, wann immer der Ehemann nicht anwesend war.

Hatte Kevin sie etwa in sein Liebesnest mit einer anderen Frau mitgenommen, weil er davon ausgegangen war, dass die andere nicht da war? Konnte er derart unverfroren und gemein sein?

„Ach der! Er hat immer nur Arbeit im Kopf. Mitte September will er auch einmal für eine Woche hier ausspannen, aber bis dahin ist es noch weit. Ich bin nicht gerne allein. Das weißt du doch“, gurrte sie, und die Einladung musste ein Tauber hören.

Kevin lachte und gab keine Antwort, aber Saskia hatte das Gefühl, man würde ihr bei lebendigem Leib die Haut abziehen. Was passierte da gerade? Hatten Kevin die vergangenen zwei Tage mit ihr denn nichts bedeutet? Wie konnte er so tun, als ob sie gar nicht anwesend war, und mit der anderen flirten?

„Kevin? Möchtest du uns nicht vorstellen?“, brachte sie sich in Erinnerung und stellte sich neben ihn. Das war ein Fehler, den sie umgehend bereute.

Die andere war fast zwanzig Zentimeter größer als sie, und neben ihr fühlte sie sich unscheinbar und pummelig. Sie war Durchschnittsware aus dem Supermarkt und stand einem Gourmetmodel der Spitzenklasse gegenüber.

Kevin hätte blind sein müssen, um ihr den Vorzug zu geben.

„Entschuldige! Selbstverständlich! Marion, das ist Saskia, eine Freundin aus München. Saskia, das ist Marion, die heimliche Herrin des Sees.“

Eine Freundin aus München – das war sie also, irgendeine Freundin aus München.

„Ich packe dann einmal meine Sachen zusammen, Kevin“, sagte sie verletzt und ging ins Haus.

„Oh! Oh! Herr Makler, jetzt musst du schleunigst gutes Wetter machen! Da ist jemand sauer“, hörte sie Marion spöttisch hinter sich sagen.

„Saskia ist nicht so. Sie ist eine selbstständige, starke Frau. Komm, setz dich! Wie ist es dir ergangen? Wir haben uns seit letztem Sommer nicht mehr gesehen“, erwiderte Kevin gelassen und schenkte der Besucherin tatsächlich Kaffee ein.

Wütend packte Saskia ihre Sachen zusammen. Die Fremde hatte ihr den ganzen Morgen verdorben und alles, was so schön und harmonisch gewesen war, mit einem monumentalen Fragezeichen versehen. So selbstständig und stark wie Kevin offensichtlich dachte, war sie eindeutig nicht. Sie war eifersüchtig und gekränkt.

Von der Terrasse drang heiteres Lachen zu ihr hoch. Kevin frühstückte mit Marion. Er kam gar nicht auf den Gedanken, die geringste Rücksicht auf Saskias Gefühle zu nehmen. Das war gemein. Wie konnte er ihr die andere einfach vorziehen? Als sie nach einer halben Stunde mit Packen fertig war, setzte sie sich auf das frisch von ihr gemachte Bett und lauschte. Marion war noch da.

Trotzig stand Saskia auf und ging wieder hinunter. Wie immer es auch zwischen der anderen und Kevin stand, noch war sie da und hatte ein Anrecht auf seine Aufmerksamkeit. Sie sah es nicht ein, sich zu verkriechen. Nein! Er mochte sie getäuscht haben, aber sie versteckte sich nicht wie ein weidwundes Tier. Sie stand zu sich.

„Da bist du ja wieder!“, wurde sie von Kevin freundlich, aber ohne die gewohnte Herzlichkeit begrüßt. „Jetzt ist der Kaffee kalt. Ich mache dir einen frischen.“ Er verschwand in der Küche und ließ die zwei Frauen allein.

„Sie schreiben Romane?“, fragte Saskia höflich, die kein unbehagliches Schweigen aufkommen lassen wollte.

„Krimis. Bei mir vergiften eifersüchtige Frauen ihre Rivalinnen mit Schierling oder anderen giftigen Kräutern, und dann gehen sie ins Bad, nehmen eine Dusche und werden nie überführt – eine saubere Angelegenheit.“

„Tatsächlich? Der perfekte Mord scheint mir auf Dauer ziemlich langweilig als Krimihandlung, aber jedem das Seine. Eine gute Anregung ist es trotzdem. Danke! Bevorzugen Sie ein spezielles Gift? Ich habe weiter unten ein paar Fingerhutpflanzen gesehen“, konterte Saskia. „Wie wäre es mit einem Fliegenpilzragout auf einem Fingerhutbeet und Bratkartoffeln?“

„Lieber nicht!“ Marion kicherte. „Sie haben Fantasie, aber ich nehme Ihre Einladung zum Abendessen besser nicht an. Das soll kein sonderlich angenehmer Tod sein, und für einen Mann wie Kevin sollte man sich nicht das Leben zerstören“, kam es zurück.

„Abendessen? Leben zerstören? Um Himmels willen, was habt ihr denn für Themen? Sollte ich da etwas wissen?“ Kevin brachte den Kaffee und setzte sich wieder zu ihnen, bevor Saskia fragen konnte, was genau Marion mit ihrer seltsamen Bemerkung gemeint hatte.

„Gib acht, sollte Saskia einmal für dich kochen, Prachtkerl. Sie ist eine hervorragende Köchin, und wir haben nur ein paar spezielle Rezepte ausgetauscht. Es kommt immer auf die Zutaten an“, antwortete Marion trocken.

Saskia musste gegen ihren Willen grinsen. Marion war eine interessante Frau, und wäre sie ihr unter anderen Umständen begegnet, hätte sie das Gespräch mit ihr gesucht.

„Schade, dass ihr heute schon fahrt, ihr Turteltäubchen. Ich hätte mich euch gerne ein wenig angeschlossen, um dem Computer zu entfliehen, aber leider, leider, werde ich wohl doch arbeiten müssen“, beklagte sich Marion, als sie ein paar Minuten später ging. Diesmal küsste sie Kevin rechts und links auf die Wange, ließ sich aber betont viel Zeit dafür und zwinkerte Saskia heiter zu.

„Ich hoffe, Sie kommen ungestört voran!“, wünschte ihr Saskia boshaft im Gegenzug.

„Aua! Die sanfte Sensible kann beißen. Nett, Sie kennengelernt zu haben.“ Lachend und mit schwingenden Hüften ging Marion davon.

Kevin schmunzelte, während er den Kaffeetisch abzuräumen begann. Saskia beobachtete ihn fassungslos. Wollte er etwa so tun, als ob eben nichts Nennenswertes geschehen sei?

„Was war das?“, fragte sie direkt, und der aggressive Unterton war kaum zu überhören.

„Saskia, Marion ist eine Freundin. Da läuft nichts zwischen uns. Sie ist seit fünfzehn Jahren verheiratet und lebt mit ihrem Mann in Düsseldorf. Über den Sommer ist sie meist hier am See. Flirten liegt ihr im Blut. Sie kann nicht anders, aber im Grunde ist sie in Ordnung“, erklärte Kevin ihr.

Er setzte sich wieder an den Tisch zu ihr, wenn er auch sichtlich genervt war.

„Eines muss ich allerdings gleich klarstellen. Ich komme mit vielen Frauen zusammen schon durch meinen Beruf, und ich komme in der Regel gut mit Frauen aus. Da ich gerne flirte und mir mein Charme schon den einen oder anderen Notarvertrag eingetragen hat, finde ich das sehr gut so. Es macht mir Spaß, ist geschäftsförderlich und vor allem absolut harmlos. Eifersucht ist etwas, womit ich nichts anfangen kann“, fuhr er fort, und der Tadel saß.

„Normalerweise tendiere ich nicht zur Eifersucht, aber das eben hat für mich eine Grenze verletzt. Wenn du mit mir hier bist, dann möchte ich bitte auch gerne die erste Geige spielen und nicht achtlos ignoriert werden, sobald eine Schönheit auftaucht, mit der ich nicht mithalten kann. Wenn du eine Frau wie Marion willst, dann kannst du sie haben, aber warum bin ich dann hier?“ Saskia war zornig.

„Wenn ich eine Frau wie Marion wollte, dann wäre ich mit ihr hier. Bin ich aber nicht. Es ist nicht mein Problem, wenn du Minderwertigkeitsprobleme hast. Ich finde dich schön und stelle keine Vergleiche zwischen dir und Marion an. Jede von euch ist begehrenswert und einmalig. Frauen sind ein Faszinosum, und keine gleicht der anderen.“

Saskia wollte etwas sagen, machte den Mund aber wieder zu und kämpfte mit den Tränen. Lag er richtig? Natürlich fühlte sie sich, ging es um ihren Körper, schnell minderwertig. Das war ihr klar, und vermutlich erklärte es in der Tat ihre im Nachhinein etwas übertriebene Reaktion. Nur ob sie das Loblied auf die Frauenwelt im Ganzen sonderlich beruhigend fand, konnte sie nicht sagen. Sie hatte keine Lust, mit der Hälfte der Menschheit konkurrieren zu müssen, wollte sie mit ihm zusammen sein.

„Marion und ich haben uns vor fünf Jahren kennengelernt, als ich das erste Mal hier ein paar Tage Urlaub gemacht habe. Seitdem sehen wir uns ein oder zweimal im Sommer, wenn sie am See ist, und haben uns angefreundet. Ich mag dich, Saskia, aber meine Freunde lasse ich mir von dir nicht verbieten. Das wäre noch schöner! Ich bin ein erwachsener und freier Mensch, auch wenn wir zusammen sind.“

Saskia fühlte sich plötzlich schuldig und konnte gar nicht mehr verstehen, warum sie sich so aufgeregt hatte. Sie hätte nie gewollt, dass Kevin seine Freundschaften aufgab für sie. Das war doch Unsinn! Und für einen Mann war es auch nichts Besonderes, wenn er Frauen mochte. Wäre es ihr etwa lieber gewesen, wenn er ein Loblied auf Männer gesungen hätte? Was war mit ihr los? Dieses Verliebtsein machte sie verrückt.

„Entschuldige!“, bat sie kleinlaut. „Marion hat mich kalt erwischt. Sonst bin ich nicht eifersüchtig, aber nach den letzten beiden Tagen … Du bedeutest mir sehr viel und … Es tut mir leid!“

Kevin stand auf, gab ihr einen zärtlichen Kuss und räumte weiter den Tisch ab, als ob sie damit alles aus der Welt geräumt hätten. Leider war dem nicht so. Trotz der Versöhnung war etwas zwischen ihnen anders als zuvor, und sie brachen schon kurz nach dreizehn Uhr auf, ohne groß Worte darüber zu verlieren.

Der Zauber war verflogen, und es zog sie nach Hause, um sich erst einmal neu zu sortieren.

„Danke für die bezaubernden Tage“, bedankte sich Saskia, als Kevin sie vor ihrer Wohnung absetzte.

„Ich danke dir“, erwiderte er und küsste sie auf eine zärtlich vertraute Weise, die neu zwischen ihnen war. „Ich rufe dich später an“, versprach er, als er davonfuhr.

***

„Wie war es?“, bestürmte Anita ihre Freundin mit Fragen, als sie sich am Abend auf dem Geschäftsjubiläum trafen und dafür sorgten, dass alles perfekt ablief, wie geplant. „Lass dich anschauen!“ Sie hielt Saskia auf Armeslänge von sich und musste lachen. „Es scheint nicht übel gewesen zu sein. Du leuchtest förmlich.“

„Gar nicht übel, gar nicht, gar nicht übel. Ich könnte mich an Urlaub gewöhnen. Hast du gewusst, wie schön es am Tegernsee ist? Ich hatte keine Ahnung, und dabei liegt er doch gleich ums Eck. Herrlich!“

„Hey, du willst mir jetzt aber keinen Vortrag über Gebirgslandschaften halten, oder? Möchtest du gelyncht werden? Ich bin neugierig!“, unterbrach Anita sie. „Wie ist er so? Konnte er dein Herz erobern, oder wartest du auf den Nächsten? Erzähl endlich, und spann mich nicht so auf die Folter!“

„Mich hat es erwischt, Anita. Ich habe mich verliebt mit Haut und Haaren und möchte keinen anderen mehr. Kevin ist großartig – in jedem Bereich. Wir hatten viel Spaß, und er konnte mir die Scheu nehmen. Bei ihm konnte ich mich endlich fallen lassen und seine Berührungen genießen. Es war unbeschreiblich“, schwärmte Saskia mit einem schüchternen Lächeln. Über Sex sprach sie sonst nie.

„Das klingt wunderbar! Ich freue mich so“, rief Anita, aber etwas an ihrer Freundin ließ sie stutzen. „Gibt es da trotz allem ein Aber ? Du bist die Königin der Aber , und ganz ohne Aber geht es bei dir nicht, oder?“, hakte sie nach.

Saskia schluckte. Da war ein Stachel des Zweifels geblieben, auch wenn sie es sich nicht eingestehen wollte. Die Sache mit dieser Marion war ihr nicht geheuer.

„Ich weiß nicht, ob er treu sein kann und wie ernst es ihm tatsächlich mit mir ist“, gestand sie. „Er ist für mich ein ganz besonderer Mensch und … Ob ich das auch für ihn bin, kann ich nicht sagen. Er scheint mir allgemein sehr empfänglich für weibliche Reize zu sein, wenn du verstehst, was ich meine.“

„Nicht ganz. Ich schmelze bei entsprechenden männlichen Reizen leider nur so dahin, aber wenn ich mit einem Exemplar der Gattung Mann verbandelt bin, dann sind die anderen Exemplare tabu für mich. Zweifelst du an seiner Treue? Wie kommst du darauf, dass er es nicht so mit der Treue hat?“

Saskia berichtete von dem eigentümlichen Brunch. Obwohl es ihr peinlich war, wie sie sich benommen hatte, schilderte sie auch das, ohne sich zu schonen.

„Von dem Moment an, wo diese Marion auf der Terrasse aufkreuzt ist, gab es mich nicht mehr für ihn. Er hat mich einfach links liegen lassen und sich ganz ihr gewidmet. Klar, die beiden hatten sich lange nicht gesehen, und da gab es viel zu erzählen.“

„Na ja …“, brummte Anita diplomatisch. Sie wollte ihre Freundin nicht noch mehr verunsichern, aber sie fand Kevins Verhalten unerhört.

„Hätte sie keine endlosen Beine und perfekten Proportionen aufzuweisen, wäre ich unter Umständen ganz ruhig geblieben und hätte es für normal gehalten. So hat es mir ganz und gar nicht gefallen. Ich war ganz schön eifersüchtig, und Eifersucht fühlt sich nicht schön an, das kann ich dir sagen. Bisher hatte ich noch nie einen Grund dafür. So wichtig war mir noch kein Mann, dass ich Angst hatte, ihn wieder zu verlieren.“

„Habt ihr hinterher darüber geredet?“

„Ja. Er hat mir beteuert, sie sei nur eine gute Freundin. Greifst du einem Kumpel an den Po oder tust alles, um die Frau, mit der er gerade zusammen ist, auf die Palme zu bringen? Freunde mögen die beiden sein, aber ich bin sicher, dass sie mal etwas miteinander hatten und schon zusammen im Bett waren. So etwas spürt man einfach. Und ich bin sicher, dass Marion nichts dagegen hätte, wenn er wieder zu ihr ins Bett kriechen würde, wenn sie auch definitiv an keiner Beziehung mehr zu ihm interessiert ist.“

„Das ist ihre Sache und uninteressant. Wichtig finde ich, wie du zu Kevin stehst. Hältst du ihn für einen Lügner?“, wollte Anita wissen, die sich noch kein rechtes Bild machen konnte. Bei ihr wäre diese Marion hochkant von der Terrasse geflogen, oder sie wäre selbst gegangen. Manches ließ sie sich von niemandem mehr gefallen, aber sie hatte auch zwei gescheiterte Ehen Vorsprung.

„Nein! Ich meine, Lügen gehören für ihn als Makler in gewisser Weise zu seinem Geschäft, und in seinem Geschäft ist er verdammt gut. Lügen würde ich es aber nicht direkt nennen, eher vielleicht flunkern. Er ist Meister darin, bei seinen Schilderungen das auszulassen, was verfänglich sein könnte. Er spielt in den Vordergrund, was er im Vordergrund wissen will, und alles andere lässt er dezent im Hintergrund verschwinden.“

Anita wusste nicht so recht, was sie sagen sollte. Sympathisch war ihr Kevin nach dem, was sie da hörte, nicht unbedingt. Hoffentlich war Saskia da keinem Frauenhelden in die Finger geraten, der nur mit ihren Gefühlen spielte und alles mitnahm, was er haben konnte. Ihre Freundin hatte etwas Besseres verdient.

„Pass auf dich auf!“, bat Anita und hielt sich ansonsten mit jedem Kommentar zurück. Wenn es um Gefühle ging, konnte man so leicht alles in Scherben gehen lassen durch nur einen einzigen falschen Ton. Dazu gestand sie sich das Recht nicht zu. Es wurde Zeit, dass Saskia Erfahrungen sammelte, selbst wenn es negative waren.

„Tu ich doch immer. Ich stelle euch bald einmal einander vor, damit du dir ein Bild von ihm machen kannst.“

Gegen dreiundzwanzig Uhr war das Jubiläum so weit gediehen, dass Saskia und Anita gehen konnten. Die Gäste tanzten, tranken an der Bar und fühlten sich wohl. Für alles Weitere waren die Planerinnen nicht mehr zuständig. Sie hatten einen guten Job gemacht und waren müde und zufrieden.

„Schlaf gut und bis morgen!“ Anita und Saskia umarmten sich auf dem Parkplatz. Am anderen Tag hatten sie gleich zwei Hochzeiten. Zum Glück lagen die Orte nicht weit auseinander, und sie wollten sich kurz treffen, sobald alles im grünen Bereich lief bei den Festen. Zumindest Zeit für einen gemeinsamen Kaffee wollten sie sich nehmen.

Saskia hatte den Abend über immer wieder einen beunruhigten Blick auf ihr Smartphone geworfen. Bisher hatte sich Kevin nicht gemeldet. Sie war davon ausgegangen, dass sie sich noch kurz in einer Bar treffen würden, aber da er es nicht vorschlug und ihr keine Nachricht geschrieben hatte, tat sie es auch nicht. Sie wollte nicht aufdringlich wirken, obwohl sie ihn sehr gerne gesehen hätte. Er fehlte ihr.

Der Anruf, den er ihr für den Abend versprochen hatte, fiel aus. Vermisste er sie denn kein bisschen? Saskia fühlte sich in ihrem eigenen Bett fremd. Sie hatte sich schon daran gewöhnt, dass er neben ihr lag, und vermisste die Intimität seiner Nähe. Sie lauschte in die Stille und sehnte sich nach seinen Atemgeräuschen und sogar nach seinem leisen Schnarchen, wenn er in der Traumphase war. Warum rief er nicht an?

Am Samstag zog sie diskret und professionell die Fäden auf der Hochzeit, für die sie zuständig war. Braut und Bräutigam waren mit dem glücklichsten Tag ihres Lebens mehr als zufrieden. Noch immer hatte Kevin sich nicht gemeldet.

„Was ist denn los mit dir? Läuft etwas aus dem Ruder? Der Vater des Bräutigams ist Alkoholiker, und sollte er zu viel trinken …“, riet Anita ihr, als sie sich zwischen Mittagessen und Abendessen kurz auf einen Kaffee trafen, etwa in der Mitte zwischen ihren Festen. Dort wurden gerade Spiele gespielt, die von Freunden und Geschwistern der Brautpaare organisiert worden waren, was Saskia und Anita etwas aus der Verantwortung nahm.

„… muss ich mich mit den beiden anderen Söhnen verständigen, die ihren Vater dann wegbringen, bevor es übel eskalieren kann“, beendete Saskia den Satz. Schließlich war sie dabei gewesen, als die Mutter des Bräutigams heimlich diese Absprache mit ihnen getroffen hatte. „Bisher nippt er brav an seinem Wasserglas mit einer Zitronenscheibe darin. Alles im grünen Bereich.“

„Wunderbar! Und warum bist du so nervös und siehst aus wie zehn Tage Regenwetter? Saskia, sag mir nicht, dass der Liebeskummer schon zuschlägt?! Komm schon! Erst das Glück und dann das Leid! Du kannst das Glück nicht nahezu komplett auslassen und gleich leiden. Das zählt nicht“, schimpfte Anita und versuchte, sie zum Lachen zu bringen, was ihr auch gelang.

Saskia lachte, aber in ihr drin sah es nicht nach Lachen aus. Sie hätte das Glück zu gerne erlebt und das Leid ausgelassen, aber anscheinend hatte das Leben etwas anderes mit ihr vor. Immer wieder musste sie an ihre Mutter denken. All die Jahre war sie fest entschlossen gewesen, sich nie zu verlieben, um nicht in diese Falle zu geraten, und nun steckte sie mittendrin.

„Kevin hat sich nicht mehr gemeldet. Ich schätze, für ihn ist unsere Geschichte erledigt. Er hat mir gestern nicht einmal eine Gute Nacht gewünscht, und auch heute habe ich noch keine Nachricht von ihm bekommen. Seit drei Monaten wünscht er mir jeden Morgen einen Guten Tag. Dieses Schweigen passt nicht zu ihm. Seit ich am Freitagnachmittag aus seinem Wagen gestiegen bin, hat er nichts von sich hören lassen.“

„Saskia, wir haben Samstagnachmittag. Sorry, aber für deine Weltuntergangsstimmung ist es noch etwas früh. Er muss doch auch einiges aufarbeiten. Lass ihm etwas Zeit, bevor du das Gedankenkarussell anwirfst!“, beruhigte Anita sie.

„Du hast ja recht!“, meinte Saskia, aber das ungute Gefühl blieb.

Kevin meldete sich auch am Nachmittag und Abend nicht. Wieder fuhr Saskia nach der Arbeit direkt nach Hause und wurde von ihrer leeren Wohnung feindselig empfangen. Sie verstand sich selbst nicht mehr. Das Alleinsein war immer etwas Positives und Gutes für sie gewesen. Sie hatte sich nie gelangweilt und ihre eigene Gesellschaft durchaus als unterhaltsam und ausreichend empfunden. Konnten zwei Tage mit einem Mann das so grundlegend ändern? Warum fühlte sie sich plötzlich so einsam?

Der Sonntag war ein endloser Albtraum, und sie war heilfroh, als ihre Arbeit beendet war und sie gehen konnte. Kevins Schweigen hielt an, aber Saskia hatte beschlossen, in die Offensive zu gehen. Sollte das seine Art sein, sie abzuservieren, dann musste sie das wissen. Solange sie hoffte und wartete, machte sie sich nur verrückt. War es vorbei, musste sie lernen, damit umzugehen und wieder in ihr gewohntes Leben zu finden.

Treffen wir uns um zehn im Biergarten? , schrieb sie Kevin eine Nachricht auf WhatsApp.

Wunderbare Idee! Bin da!, kam es umgehend zurück.

Hatte sie sich vielleicht doch nur verrückt gemacht? War alles noch in Ordnung, und er hatte genau wie sie viel Arbeit gehabt? Sie wünschte es sich so sehr.

***

Als Saskia im Biergarten ankam, saß Kevin schon an ihrem Lieblingstisch unter einer Linde und winkte ihr heiter.

Es ging auf Ende August zu, und die Tage begannen spürbar kürzer zu werden. Um zweiundzwanzig Uhr herrschte schon Dämmerung, und es kühlte sogar ein wenig ab, was bei den Temperaturen eher angenehm war.

„Hast du etwas gegen Mückenstiche dabei? Hier surrt es verboten laut, und ich schlage um mich, seit ich mich gesetzt habe“, wurde sie von Kevin begrüßt, als ob alles zwischen ihnen in bester Ordnung sei.

„Halte durch! Ich habe mein Wundermittel in der Handtasche“, antwortete Saskia und reichte ihm die Sprühflasche, ohne die sie die Abende am See kaum ausgehalten hätten. Die Mückenplage war der einzige Nachteil in ihrem Paradies gewesen.

„Danke!“ Er sprühte sich großzügig ein, dann reichte er ihr die Flasche zurück. „Ich habe einen lieblichen Weißwein für dich bestellt.“

„Danke!“ Es war irgendwie schön, dass er wusste, was sie mochte. Überhaupt empfand sie die natürliche Vertrautheit zwischen ihnen, und ihr wurde warm ums Herz.

„Hast du Hunger?“

Saskia schüttelte den Kopf. Sie hatte zwar den Tag über so gut wie nichts gegessen, aber nun war es zu spät dafür. Das war bei ihrer Arbeit häufig der Fall. Von festlich gedeckten Buffets umgeben, kam sie selbst selten dazu, einen Happen zu essen.

Die Kellnerin brachte den Wein. Kevin plauderte munter drauflos. Zwanzig Kandidaten hatten am Samstag die Eigentumswohnung besichtigt, und am Montag kamen die nächsten zwanzig an die Reihe.