Die Chroniken von Araluen - Die Ruinen von Gorlan - John Flanagan - E-Book

Die Chroniken von Araluen - Die Ruinen von Gorlan E-Book

John Flanagan

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Beschreibung

Spannende und actionreiche Abenteuer in einem fantastisch-mittlalterlichen Setting – tauche ein die Welt von "Araluen"!

Sein ganzes Leben hat der 15-jährige Will davon geträumt, ein großer Ritter zu werden wie sein Vater, den er nie gekannt hat. Weil er aber zu klein und schmächtig ist, wird er den geheimnisvollen Waldläufern als Lehrling zugeteilt. Statt Schwert und Schlachtpferd erhält er Pfeil und Bogen und ein kleines Pony. Als das Königreich von bösen Kräften und ungeheuerlichen Kreaturen angegriffen wird, muss Will sich bewähren und stellt fest, dass das Leben eines Waldläufers viele Herausforderungen, aber auch besondere Möglichkeiten birgt …

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Seitenzahl: 318

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DER AUTOR

John Flanagan arbeitete als Werbetexter und Drehbuchautor, bevor er das Bücherschreiben zu seinem Hauptberuf machte. Den ersten Band von »Die Chroniken von Araluen« schrieb er, um seinen 12-jährigen Sohn zum Lesen zu animieren. Die Reihe eroberte in Australien in kürzester Zeit die Bestsellerlisten.

Inhaltsverzeichnis

DER AUTORWidmungPrologEinsZwei Drei Vier Fünf Sechs Sieben Acht Neun Zehn Elf Zwölf Dreizehn Vierzehn Fünfzehn Sechzehn Siebzehn Achtzehn Neunzehn Zwanzig Einundzwanzig Zweiundzwanzig Dreiundzwanzig Vierundzwanzig Fünfundzwanzig Sechsundzwanzig Siebenundzwanzig Achtundzwanzig Neunundzwanzig Dreißig Einunddreißig Zweiunddreißig Epilog Copyright

Für Michael

Morgarath, Herrscher über die Berge von Regen und Nacht, ehemals Baron von Gorlan im Königreich von Araluen, blickte über sein karges, regengepeitschtes Land und stieß – vielleicht zum tausendsten Male – einen Fluch aus.

Ein Ödland aus zerklüfteten Felsen, verwitterten Klippen und eisbedeckten Bergen – das war alles, was ihm geblieben war. Ein Reich aus tiefen Schluchten und steilen, schmalen Wegen – nur Geröll und Fels, ohne einen Baum oder ein wenig Grün, um die Eintönigkeit aufzulockern.

Vor nunmehr fünfzehn Jahren war dieses unwirtliche Stück Land zu seinem Gefängnis geworden und er konnte sich noch gut an die herrlichen grünen Auen und dicht bewaldeten Hügel seines früheren Lehens erinnern. Die Flüsse waren reich an Fischen, auf den Feldern wuchs saftiges Getreide und in den Wäldern gab es mehr als genug Wild. Gorlan war ein herrlicher, blühender Ort gewesen.

Die Berge von Regen und Nacht hingegen waren trostlos und verlassen.

Eine Gruppe Wargals exerzierte im Burghof draußen. Morgarath sah ihnen ein paar Sekunden lang zu und lauschte dem gutturalen rhythmischen Singsang, der diese Übungen begleitete.

Die Wargals waren gedrungene, ungestalte halbmenschliche Wesen, mit einer langen Schnauze und Reißzähnen wie die von Bären oder Hunden. Seit Urzeiten lebten sie in diesen abgeschiedenen Bergen und hatten von jeher die Menschen gemieden. Bevor Morgarath sie ausfindig machte, hatte niemand sie je gesehen. Es gab nur Gerüchte und Legenden, die von einem wilden Stamm in den Bergen erzählten.

Bei den Vorbereitungen für den Aufstand gegen das Königreich von Araluen hatte Morgarath Gorlan verlassen, um eben diesen Gerüchten nachzugehen. Wenn es solche Kreaturen gab, konnten sie ihm in dem von ihm beabsichtigten Krieg einen Vorteil verschaffen.

Es dauerte lange, doch er fand sie tatsächlich. Die Wargals verfügten, abgesehen von ihrem rhythmischen Singsang, über keine gesprochene Sprache. Hauptsächlich verständigten sie sich durch eine Art primitiven Gedankenaustausch. Und so konnten sie von jemandem mit höherer Intelligenz und Willenskraft ohne größere Probleme gefügig gemacht werden. Morgarath unterwarf sie seinem Willen und sie wurden die vollkommenen Krieger, mitleidslos und gehorsam.

Während er sie jetzt betrachtete, fielen ihm die farbenfroh gekleideten Ritter in ihren glänzenden Rüstungen ein, die in den Turnieren auf Burg Gorlan gegeneinander anzutreten pflegten. Auf den Zuschauertribünen saßen dann die kostbar gekleideten Damen und applaudierten begeistert. Wenn Morgarath sie nun mit diesen missgestalteten Kreaturen in schwarzem Fell verglich … er fluchte erneut.

Die Wargals, die auf die Wahrnehmung seiner Gedanken gedrillt waren, spürten seine Unzufriedenheit und hielten inne. Verärgert befahl er ihnen weiterzumachen und der eintönige Singsang hob wieder an.

Morgarath entfernte sich vom Fensterloch und trat näher ans Feuer, das nicht ausreichte, um die Feuchtigkeit und Kälte aus dieser düsteren Burg zu vertreiben. Fünfzehn Jahre, dachte er jetzt wieder. Fünfzehn Jahre, seit er sich gegen den jungen, neu gekrönten König Duncan aufgelehnt hatte. Schon als der alte König krank darniederlag, hatte er alles sorgfältig geplant. Morgarath wollte sich die Führungslosigkeit und Verwirrung nach dem Tod des Herrschers zunutze machen. Er hatte vorgehabt, Streitigkeiten zwischen den anderen Adligen des Reiches zu schüren, wodurch er selbst ungehindert den Thron hätte übernehmen können.

Heimlich hatte er seine Armee von Wargals abgerichtet und sie weit oben in den Bergen bereit gehalten. Dann, in den Tagen der Trauer, die auf den Tod des Königs folgten, als sämtliche Barone des Königreiches nach Schloss Araluen kamen, um den Beisetzungszeremonien beizuwohnen, hatte Morgarath angegriffen. Innerhalb von wenigen Tagen hatte er den südöstlichen Teil des Königreichs erobert und die überrumpelten, führerlosen Streitkräfte vernichtet.

Duncan, der erst Mitte zwanzig und unerfahren war, hätte sich niemals gegen Morgarath behaupten können. Das Königreich wartete nur darauf, dass er es regierte. Der Thron wartete nur darauf, dass er ihn übernahm.

Doch dann hatte Lord Northolt, der oberste Heereskommandant des alten Königs, einige der jüngeren Barone in einem Treuebündnis um sich geschart. Damit stärkte er Duncans Entschlossenheit und gab den anderen neuen Mut. Die Armeen trafen in der Heide von Hackham nahe dem Fluss Slipsunder aufeinander. Fünf Stunden dauerte die Schlacht und die Verluste auf beiden Seiten waren hoch, doch schließlich schien Morgarath den Sieg davonzutragen. Der Slipsunder war ein seichter Fluss, aber seine gefährlichen Treibsandstellen und der weiche Schlamm bildeten eine unpassierbare Barriere, die Morgaraths rechte Flanke schützte.

Da führte einer dieser sich überall einmischenden Graumäntel, einer dieser Waldläufer, einen Trupp Kavallerie über eine geheime Furt zehn Kilometer flussaufwärts. Eine mächtige Reiterschar in voller Rüstung tauchte im entscheidenden Moment der Schlacht auf und überwältigte die Nachhut von Morgaraths Armee.

Die Wargals, die aus den unzugänglichen Felsschluchten der Berge stammten, hatten eine Schwäche: Sie fürchteten Pferde und konnten daher dem Angriff der Reiterei nichts entgegensetzen. Sie zogen sich erst in das schmale Gebiet des Drei-Schritte-Passes zurück und dann weiter hinauf in die Berge von Regen und Nacht. Morgarath, dessen Aufstand fehlgeschlagen war, musste mit ihnen gehen. Und hier lebte er nun schon fünfzehn Jahre im Exil. Er wartete, schmiedete Pläne und hasste die Männer, die ihm das angetan hatten.

Jetzt, so dachte er, war die Zeit der Vergeltung gekommen. Seine Spione hatten ihm berichtet, das Königreich sei träge und selbstzufrieden geworden und man habe seine Anwesenheit hier in den Bergen so gut wie vergessen. Der Name Morgarath war heutzutage ein Name aus Legenden, ein Name, den Mütter benutzten, um unartige Kinder zu zähmen, indem sie ihnen drohten, der böse Lord Morgarath käme sonst und würde sie holen.

Die Zeit war reif. Erneut würde er seine Wargals in eine Schlacht führen. Doch diesmal würde er Verbündete haben. Und er würde vorher Unsicherheit und Verwirrung verbreiten. Diesmal würde keiner von jenen, die sich einst gegen ihn zusammengetan hatten, am Leben bleiben, um König Duncan zu stützen.

Denn die Wargals waren nicht die einzigen Kreaturen, die er in diesen düsteren Bergen gefunden hatte. Er hatte noch zwei andere, weitaus grässlichere Verbündete  – die beiden schrecklichen Ungeheuer, die als Kruls bekannt waren.

Die Zeit war reif, sie auf seine Feinde loszulassen.

Versuch doch etwas zu essen, Will. Morgen ist schließlich ein wichtiger Tag.«

Jenny, blond, hübsch und fröhlich, deutete auf Wills kaum berührten Teller und lächelte ihren Kameraden aufmunternd an. Will machte einen Versuch, das Lächeln zu erwidern, doch es gelang ihm nicht. Obwohl sein Lieblingsessen vor ihm stand, stocherte er nur darin herum. Heute Abend konnte er vor lauter Anspannung und Aufregung kaum einen Bissen hinunterbringen.

Er wusste wohl, dass morgen ein großer Tag war. Er wusste es nur allzu gut. Morgen war der wichtigste Tag in seinem ganzen Leben, denn morgen war der Tag der Wahl, und da würde entschieden, wie er den Rest seines Lebens verbringen sollte.

»Das sind wohl die Nerven«, sagte George, legte seine Gabel ab und fasste sich ans Revers seiner Jacke. Er war ein dünner, ungelenker und wissbegieriger Junge, fasziniert von Schriften und Gesetzestexten und mit der Neigung, das Für und Wider jeder Frage lang und gründlich zu erörtern – manchmal zu lange. »Furchtbare Sache, diese Nervosität. Die kann dich so lähmen, dass du nicht mehr denken, essen oder reden kannst.«

»Ich bin nicht nervös«, sagte Will schnell, der bemerkt hatte, dass Horace aufblickte und drauf und dran war, eine sarkastische Bemerkung zu machen.

George nickte einige Male und dachte offensichtlich weiter nach. »Andererseits«, fügte er dann hinzu, »ist es erwiesen, dass ein wenig Nervosität die Leistungsfähigkeit sogar verbessern kann. Sie erhöht nämlich deine Wahrnehmungskraft und deine Reaktionsfähigkeit. Also ist die Tatsache, dass du dir Sorgen machst, eigentlich nicht notwendigerweise etwas, worüber man sich Sorgen machen müsste.«

Ein schiefes Lächeln umspielte Wills Mund. George war wie geboren für den Beruf des Advokaten. Es stand so gut wie fest, dass er am nächsten Tag vom Zunftmeister der Schreiber und Rechtsgelehrten gewählt würde. Vielleicht, dachte Will, ist das letztlich mein Problem. Will war der Einzige unter den fünf Mündeln, der Zweifel hinsichtlich der Wahl hatte, die in weniger als zwölf Stunden stattfinden würde.

»Er hat guten Grund, nervös zu sein!«, mischte Horace sich ein. »Welcher Zunftmeister sollte ihn denn schon als Lehrling haben wollen?«

»Ich bin sicher, wir alle sind nervös«, sagte Alyss begütigend. Sie schenkte Will eines ihrer seltenen Lächeln. »Es wäre dumm, nicht nervös zu sein.«

»Tja, ich bin es jedenfalls nicht!«, widersprach Horace und lief dann rot an, als Alyss eine Augenbraue hob und Jenny kicherte.

Typisch Alyss, dachte Will. Er wusste, dass dem hoch gewachsenen, anmutigen Mädchen bereits ein Platz als Schülerin bei Lady Pauline, der Vorsteherin des Diplomatischen Dienstes von Redmont versprochen war. Ihre Behauptung, dass sie wegen des nächsten Tages nervös sei, und ihr Takt, nicht auf Horaces Schnitzer herumzuhacken, zeigte, dass sie bereits sehr gute diplomatische Fähigkeiten besaß.

Jenny würde natürlich sofort der Küche zugeteilt werden, dem Reich von Meister Chubb, Redmonts Küchenchef. Er war ein Mann, der im ganzen Königreich für seine Bankette berühmt war. Jenny liebte Essen und Kochen und war mit ihrem offenen Wesen und der stets guten Laune im geschäftigen Treiben der Burgküche gewiss sehr willkommen.

Horaces Wahl war zweifellos die Heeresschule. Will blickte jetzt auf den Jungen, der ein Mündel war wie er selbst und der gerade hungrig den gebratenen Truthahn, Speck und Kartoffeln von seinem Teller in sich hineinschaufelte. Horace war groß für sein Alter und sehr athletisch. Die Möglichkeit, dass er abgewiesen wurde, gab es praktisch nicht. Horace entsprach genau den Vorstellungen, die Sir Rodney von einem Heeresschüler hatte – er war stark, athletisch und in bester körperlicher Verfassung. Und, ergänzte Will in Gedanken sarkastisch, nicht allzu helle. Die Heeresschule war für Jungen wie Horace, der nicht von adeliger Abstammung war, der einzige Weg, um später als Ritter dem Königreich zu dienen.

Blieb nur noch Will. Was sollte er wählen? Noch wichtiger – wie Horace schon treffend angemerkt hatte –, welcher Zunftmeister würde ihn als Lehrjungen annehmen?

Denn der Wahltag war der Wendepunkt im Leben der Mündel. Sie waren Waisen, die aufgrund der Großherzigkeit von Baron Arald, dem Herrn von Gut Redmont, aufgezogen wurden. Meist waren ihre Eltern im Dienst für den Lehnsherrn gestorben, und der Baron sah es als seine Pflicht an, für die Kinder seiner Untergebenen zu sorgen und es ihnen zu ermöglichen, etwas aus ihrem Leben zu machen.

Der Wahltag bot diese Gelegenheit.

Jedes Jahr konnten Mündel, die fünfzehn Jahre alt wurden, sich darum bewerben, als Lehrlinge bei den Meistern der verschiedenen Zünfte angenommen zu werden. Normalerweise traten Kinder in die Fußstapfen ihrer Eltern. Die Mündel hatten diese Möglichkeit natürlich nicht und so war der Wahltag für sie die Chance, einen Beruf ihrer Wahl zu erlernen.

Jene Mündel, die bei keinem der Zunftmeister unterkamen, wurden bei Bauersleuten im nahe gelegenen Dorf untergebracht. Will wusste, dass dies nicht oft passierte. Der Baron und seine Zunftmeister bemühten sich normalerweise sehr, die Mündel zu vermitteln. Aber hin und wieder kam es dennoch vor, und dieses Schicksal fürchtete Will mehr als alles andere.

Horace fing seinen Blick auf und grinste ihn selbstgefällig an. »Hast du immer noch vor, dich für die Heeresschule zu bewerben, Will?«, fragte er mit vollem Mund. »Dann solltest du lieber was essen. Dafür musst du nämlich noch ein wenig stärker werden.«

Er ließ ein schnaubendes Lachen hören und Will sah ihn böse an. Vor ein paar Wochen hatte Horace mit angehört, wie Will Alyss anvertraute, dass er sehr gerne zur Heeresschule ginge. Seither hatte Horace keine Gelegenheit versäumt, Will darauf hinzuweisen, dass er mit seiner schmalen Statur völlig ungeeignet für den harten Drill der Heeresschule war.

Dass Horace wahrscheinlich sogar Recht hatte, machte die Sache nur noch schlimmer. Im Gegensatz zu dem großen und muskulösen Horace war Will klein und drahtig. Er war gelenkig, schnell und überraschend stark, aber er hatte einfach nicht die Größe, die – wie er wusste – von einem Heeresschüler verlangt wurde. Während der letzten Jahre hatte er immer gehofft, dass der so genannte Wachstumsschub noch vor dem Wahltag käme. Doch dieser Wunsch hatte sich leider nicht erfüllt und jetzt stand genau dieser Tag vor der Tür.

Da Will nichts erwiderte, merkte Horace, dass er mit seiner Bemerkung einen Treffer gelandet hatte. Das war eine Seltenheit in ihrer turbulenten Beziehung. Während der vergangenen Jahre waren er und Will immer wieder aneinander geraten. Horace war der Stärkere von beiden und hatte Will meist besiegt, obwohl Wills Schnelligkeit und Gelenkigkeit ihm hin und wieder ermöglichten, einen Überraschungsstoß anzubringen und rechtzeitig zu entkommen, bevor Horace ihn erwischte.

Doch so oft Horace den Kampf mit Fäusten auch gewann, so selten gelang ihm dies bei einem Streit mit Worten. Wills Geist war so beweglich wie der ganze Kerl, und so schaffte es Will fast immer, das letzte Wort zu haben. Und genau darin lag das Problem. Will musste erst noch lernen, dass es nicht immer gut war, das letzte Wort zu behalten.

Horace beschloss, den momentanen Vorteil auszunutzen.

»Man braucht Muskeln, um bei der Heeresschule angenommen zu werden, Will. Echte Muskeln«, sagte er und schaute sich Beifall heischend am Tisch um. Die anderen Mündel spürten die Spannung zwischen den beiden Jungen und sahen auf ihre Teller.

»Ja, besonders zwischen den Ohren«, erwiderte Will und prompt fing Jenny an zu kichern. Horaces Gesicht wurde knallrot und er machte Anstalten, von seinem Platz aufzustehen. Doch Will war schneller und bereits an der Tür, bevor Horace sich erhoben hatte, und so musste er sich damit zufrieden geben, Will eine Beleidigung nachzurufen.

»So ist es recht! Lauf nur davon, Will Namenlos! Du bist ein Niemand und keiner wird dich als Lehrling haben wollen!«

Draußen im Vorraum hörte Will die höhnische Bemerkung und spürte, wie ihm das Blut in die Wangen stieg. Es war die Schmähung, die er am meisten hasste, auch wenn er versucht hatte Horace das nie merken zu lassen. Er wusste genau, dass dieser das sonst nur als Waffe gegen ihn einsetzen würde.

Die Wahrheit war, dass niemand Wills Nachnamen kannte. Niemand wusste, wer seine Eltern waren. Anders als die anderen Mündel seines Jahrgangs, die vor dem Tod ihrer Eltern auf dem Lehnsgut gelebt hatten und deren Familiengeschichte jeder kannte, war Will als Neugeborenes wie aus dem Nichts aufgetaucht. Er war vor fünfzehn Jahren auf der Burgtreppe, in eine Decke gehüllt und in einem Korb liegend, gefunden worden. Ein Zettel steckte an der Decke, auf dem stand:

Seine Mutter starb im Kindbett. Sein Vater starb als Held. Bitte sorgt für ihn. Sein Name ist Will.

In jenem Jahr hatte es nur ein einziges anderes Mündel gegeben. Alyss’ Vater, ein Leutnant der Reiterei, war in der Schlacht von Hackham gefallen, als Morgaraths Armee geschlagen und zurück in die Berge vertrieben worden war. Alyss’ Mutter traf der Verlust so schwer, dass sie einige Wochen nach der Geburt einem Fieber erlag. Und so war neben Alyss noch genug Platz im Waisenhaus für das unbekannte Kind. Baron Arald war ein freundlicher und großzügiger Mann und hatte Will als Mündel von Burg Redmont anerkannt. Natürlich nahm man allgemein an, dass Wills Vater im Krieg gegen Morgarath gestorben war, und da Baron Arald in diesem Krieg eine führende Rolle übernommen hatte, war es eine Frage der Ehre, das Opfer des unbekannten Vaters auf diese Weise zu ehren.

So war Will ein Mündel von Burg Redmont geworden. Mit der Zeit waren weitere Mündel hinzugekommen, bis sie zu fünft in ihrem Jahrgang waren. Doch während die anderen Erinnerungen an ihre Eltern hatten oder, wie in Alyss’ Fall, es zumindest Leute gab, die sie gekannt hatten und ihr von ihnen erzählen konnten, wusste Will nichts über seine Herkunft.

Deshalb hatte er eine Geschichte erfunden, die ihn während seiner ganzen Kindheit gestärkt hatte. Und als die Jahre vergingen und er immer mehr Details hinzufügte, glaubte er sie schließlich selbst.

Sein Vater, das wusste er, war den Heldentod gestorben. Also entwarf er für sich das Bild eines Helden – eines Ritters in glänzender Rüstung, der gegen die Horden der Wargals kämpfte, sie links und rechts niedermähte, bis er schließlich allein aufgrund der enormen Überzahl der Feinde überwältigt wurde. Will hatte sich den hünenhaften Mann immer wieder in allen Einzelheiten ausgemalt, jedes Detail seiner Rüstung und seiner Waffenausstattung kannte er, aber nie hatte er sich sein Gesicht vorstellen können.

Als Ritter würde sein Vater von ihm erwarten, dass Will in seine Fußstapfen trat. Deshalb war die Aufnahme in die Heeresschule so wichtig für ihn. Und das war auch der Grund, weshalb er, je unwahrscheinlicher dies wurde, umso verzweifelter an dieser Hoffnung festhielt.

Er verließ das Waisenhaus und ging in den dunklen Burghof. Die Sonne war längst untergegangen und die Fackeln, die in Halterungen an den Wänden steckten, warfen ein flackerndes Licht. Will zögerte einen Moment. Er hatte keine Lust, wieder hineinzugehen und sich Horaces Sticheleien anzuhören. Das würde nur wieder zu einer Rauferei zwischen ihnen führen, die Will, wie er wusste, so gut wie sicher verlöre. George würde dann die Situation wortreich beurteilen und dadurch für weitere Verwirrung sorgen. Alyss und Jenny würden ihn vielleicht trösten – besonders Alyss, da sie von Anfang an zusammen aufgewachsen waren. Aber im Augenblick wollte er ihr Mitleid nicht und ganz sicher nicht Horaces Hohn. Also ging er zu dem einzigen Ort, wo er Ruhe fand.

Der riesige Feigenbaum, der in der Nähe des Mittelturms der Burganlage wuchs, hatte ihm schon oft Zuflucht geboten. Große Höhen machten Will keine Angst und er kletterte geschickt den Baum hinauf, immer weiter, wo ein anderer schon längst aufgehört hätte, bis er sich ganz oben in der Krone befand – auf schmalen Ästen, die unter seinem Gewicht schwankten. Schon früher war er oft hier herauf vor Horace geflohen. Der konnte nämlich bei Wills Kletterkünsten nicht mithalten. Er fand eine bequeme Astgabel und setzte sich darauf. Unter ihm drehten die Burgwachen ihre Runden.

Er hörte, wie die Tür des Waisenhauses geöffnet wurde, und als er hinunterspähte, sah er Alyss herauskommen und sich vergeblich im Hof nach ihm umsehen. Sie zögerte einen Moment und kehrte dann wieder ins Haus zurück. Das Rechteck aus Licht, das durch die offene Tür in den Hof fiel, erlosch, sobald sie die Tür sanft hinter sich schloss. Eigenartig, dachte Will, wie selten die Leute nach oben schauen.

Eine Schleiereule landete fast lautlos auf einem nahen Ast. Sie betrachtete Will ohne Besorgnis und schien zu wissen, dass sie nichts von ihm zu befürchten hatte. Sie war eine schweigsame Jägerin, eine Herrscherin der Nacht.

»Du weißt wenigstens, wer du bist«, sagte er leise zu ihr. Die Eule drehte den Kopf, dann schwang sie sich fort in die Dunkelheit und ließ Will allein mit seinen Gedanken.

Während er so dasaß, wurden in der Burg nach und nach die Lichter gelöscht. Die Fackeln brannten herunter und wurden um Mitternacht von der Wachablösung durch neue ersetzt. Schließlich brannte nur noch in einem Fenster Licht und das war das Studierzimmer des Barons, wo der Herrscher von Redmont noch über Berichten und Papieren brütete. Es befand sich fast auf gleicher Höhe mit Wills Platz im Baum und so konnte er die stämmige Gestalt des Barons an seinem Schreibtisch genau beobachten. Schließlich stand Baron Arald auf, streckte sich einmal und beugte sich dann vor, um die Lampe zu löschen, bevor er den Raum verließ und sich in sein Schlafgemach im Obergeschoss begab. Jetzt schlief die ganze Burg, bis auf die Soldaten auf der Mauer, die Wache hielten.

In weniger als neun Stunden, fiel Will ein, musste er sich der Wahl stellen. Leise, aber schweren Herzens kletterte er den Baum hinab und ging zu seinem Bett im dunklen Jungenschlafraum des Waisenhauses.

Also gut, Lehrlingsanwärter! Hier entlang! Und macht nicht so ein versteinertes Gesicht, wenn ich bitten darf!«

Der Sprecher, oder eigentlich eher der Rufer, war Martin, Baron Aralds Sekretär. Als seine Stimme durch den Vorraum schallte, erhoben sich die fünf Mündel unsicher von der langen Holzbank, auf der sie gesessen hatten. Plötzlich waren doch alle nervös, jetzt, wo der große Augenblick gekommen war. Sie trotteten durch die hohe eisenbeschlagene Holztür, die Martin für sie aufhielt. Keiner wollte der Erste sein.

»Kommt schon, kommt schon!«, bellte Martin ungeduldig. Alyss entschloss sich schließlich, die Führung zu übernehmen, wie Will es schon vorausgesehen hatte. Die anderen folgten dem schlanken blonden Mädchen.

Will sah sich neugierig um, als er das Studierzimmer des Barons betrat. In diesem Teil der Burg war er noch nie zuvor gewesen. Der Turm, in dem sich die Verwaltung sowie die Privatgemächer des Barons befanden, wurde selten von jemandem niedrigen Rangs besucht. Der Raum war hoch und geräumig. An der östlichen Wand befand sich ein riesiges Fenster – offen, um frische Luft hereinzulassen, aber mit einem mächtigen Holzladen, der bei schlechtem Wetter geschlossen werden konnte. Es war das gleiche Fenster, durch das Will in der vergangenen Nacht geblickt hatte. Heute fiel Sonnenlicht auf den wuchtigen Eichenschreibtisch.

»Kommt schon! Stellt euch in einer Reihe auf, in einer Reihe!« Martin schien diesen Moment der Autorität zu genießen. Die Gruppe stand immer noch ungeordnet beisammen und er musterte sie mit unzufrieden verzogenem Mund.

»Der Größe nach! Der Größte kommt nach vorne!« Er deutete auf die Stelle, wohin er den größten der fünf haben wollte. Und das war natürlich Horace. Allmählich ordnete sich die Gruppe selbst. Hinter Horace nahm Alyss ihren Platz ein. Dann kam George, der einen halben Kopf kleiner als sie war und unglaublich dünn. Er stand in seiner üblichen krummen Haltung da. Will und Jenny zögerten. Jenny lächelte Will an und bedeutete ihm, sich vor sie zu stellen, auch wenn sie wahrscheinlich ein paar Zentimeter größer war als er. Das war typisch für Jenny. Sie wusste, wie Will unter der Tatsache litt, dass er der Kleinste seines Jahrgangs war. Als Will sich aufstellte, hielt Martins Stimme ihn auf.

»Nicht du! Zuerst das Mädchen!«

Jenny zuckte entschuldigend mit den Schultern und trat an den Platz, auf den Martin gezeigt hatte. Verdrosen stellte Will sich hinter sie.

»Kommt schon! Fröhliche Gesichter! Uuund … stillgestanden …«, fuhr Martin fort, wurde jedoch von einer tiefen Stimme unterbrochen.

»Ich glaube nicht, dass das notwendig ist, Martin.«

Es war Baron Arald, der unbemerkt durch eine kleine Tür in der Wand eingetreten war. Jetzt war es Martin, der sich so präsentierte, wie er sich eine Hab-Acht-Stellung wohl vorstellte: die mageren Arme eng an den Körper gelegt, die Fersen zusammengedrückt, sodass seine krummen Säbelbeine deutlich sichtbar waren, und den Kopf weit in den Nacken gelegt.

Baron Arald verdrehte unmerklich die Augen. Manchmal fand er die Hingabe seines Sekretärs etwas übertrieben. Der Baron war ein großer, breitschultriger Mann, wie es sich für einen Ritter des Königreiches gehörte. Es war jedoch allgemein bekannt, dass Baron Arald auch Essen und Trinken sehr schätzte, also bestand seine eindrucksvolle Gestalt nicht nur aus Muskeln.

Er trug einen kurzen, ordentlich gestutzten Bart, der wie sein Haar erste graue Strähnen zeigte, die seinen zweiundvierzig Jahren angemessen waren. Er hatte ein ausgeprägtes Kinn, eine große Nase und dunkle, durchdringende Augen mit buschigen Brauen. Es war, wie Will fand, ein einschüchterndes, aber kein unfreundliches Gesicht. Vielmehr lag ein überraschender Funken von Humor in diesen dunklen Augen. Will hatte dies bereits bei den gelegentlichen Besuchen des Barons im Waisenhaus bemerkt, wenn er sich nach den Fortschritten seiner Mündel erkundigte.

»Mylord!«, verkündete Martin lautstark, sodass der Baron leicht zusammenzuckte. »Die Kandidaten sind versammelt!«

»Das sehe ich«, erwiderte Baron Arald geduldig. »Vielleicht bist du so gut und bittest die Zunftmeister ebenfalls herein?«

»Mylord!«, erwiderte Martin und machte den Versuch, die Hacken aneinander zu schlagen. Da er Schuhe aus weichem Leder trug, konnte dieser Versuch nur schief gehen. Er marschierte dennoch äußerst zackig zur Tür. Sein Gehabe erinnerte Will an einen Pfau. Als Martin die Hand auf den Türgriff legte, sprach der Baron ihn noch einmal an.

»Martin?«, sagte er leise. Als der Sekretär ihm einen fragenden Blick über die Schulter zuwarf, fuhr er im gleichen sanften Ton fort. »Bitte sie herein, aber schrei sie nicht an. Zunftmeister mögen das nicht.«

»Ja, Mylord«, antwortete Martin und sah aus, als hätte man ihm die Luft herausgelassen. Er öffnete die Tür und mit mühsam gesenkter Stimme, sagte er: »Werte Zunftmeister, Seine Lordschaft ist jetzt bereit.«

Die Meister der Zünfte betraten den Raum ohne festgelegte Reihenfolge. Sie respektierten einander und die Gelegenheiten für ein starres Zeremoniell waren selten. Sir Rodney, Leiter der Heeresschule, trat als Erster ein. Groß und breitschultrig wie der Baron, trug er das Gewand eines Ritters, nämlich ein Kettenhemd unter einem weißen Waffenrock, versehen mit seinem eigenen Wappen, einem purpurroten Wolfskopf. Dieses Wappen hatte er sich als junger Mann verdient, als er gegen die Nordländer gekämpft hatte, die ständig die Ostküste des Königreiches unsicher machten. Den Bug jener Seepiraten, gegen die Sir Rodney gekämpft hatte, hatte ein Wolfskopf geschmückt. Natürlich trug Sir Rodney jetzt auch einen Schwertgürtel mit Schwert. Kein Ritter ließe sich bei offiziellen Anlässen ohne sein Schwert sehen. Er hatte ungefähr das Alter des Barons, blaue Augen und ein Gesicht, das man ohne die gebrochene Nase als gut aussehend bezeichnet hätte. Er trug einen riesigen Schnurrbart, aber anders als der Baron keinen Kinnbart.

Als Nächstes kam Ulf, der Oberstallmeister, der für die Pflege und die Ausbildung der großen Schlachtrösser zuständig war. Er hatte aufmerksame braune Augen, muskulöse Arme und breite Handgelenke. Er trug ein einfaches Lederwams über seinem Wollhemd und den Beinkleidern. Hohe Reitstiefel aus weichem Leder reichten über seine Knie.

Lady Pauline folgte nach ihm. Schlank, elegant und inzwischen grauhaarig, war sie in ihrer Jugend eine beeindruckende Schönheit gewesen. Doch auch jetzt noch besaß sie genügend Anmut und Grazie, um die Aufmerksamkeit der Männer auf sich zu lenken. Lady Pauline, die mit dem Titel Lady für ihre Bemühungen um die Außenbeziehungen des Königreichs belohnt worden war, stand dem Diplomatischen Dienst in Redmont vor. Baron Arald schätzte ihre Fähigkeiten sehr und sie war ihm Vertraute und Ratgeberin zugleich. Der Baron sagte oft, dass Mädchen die besten Anwärter für den Diplomatischen Dienst seien. Sie waren feinsinniger als Jungen, die es naturgemäß eher in die Heeresschule zog. Und während Jungen ständig versuchten, auftretende Probleme mit den Fäusten zu lösen, konnte man sich darauf verlassen, dass Mädchen ihren Verstand gebrauchten.

Es war nur natürlich, dass Nigel, Zunftmeister der Schreiber und Rechtsgelehrten, gleich hinter Lady Pauline hereinkam. Sie hatten Angelegenheiten von beidseitigem Interesse diskutiert, während sie darauf warteten, dass Martin sie hineinrief. Nigel und Lady Pauline waren nicht nur Kollegen, sondern auch enge Freunde. Es waren Nigels gut ausgebildete Schreiber, welche die offiziellen Dokumente und Verlautbarungen verfassten, die dann von Lady Paulines Diplomaten übergeben wurden. Er beriet sie auch oft bei der genauen Wortwahl solcher Schreiben, da er ein weitreichendes Wissen der Rechtsvorschriften hatte. Nigel war ein kleiner, drahtiger Mann mit einem lebendigen, neugierigen Gesicht, das Will an ein Frettchen erinnerte. Sein Haar war glänzend schwarz, sein Gesicht hager und seine dunklen Augen blickten aufmerksam und wissbegierig.

Meister Chubb, der Küchenvorsteher, kam als Letzter herein. Er war ein dicker Mann mit einem kugelrunden Bauch. Und natürlich trug er eine weiße Küchenschürze und die dazugehörige Mütze. Er war dafür bekannt, jähzornig zu sein, und die Mündel traten ihm stets mit Vorsicht entgegen. Er hatte ein leicht gerötetes Gesicht, feuerrotes Haar und trug, wo immer er auch hinging, stets einen Holzlöffel mit sich. Er war für ihn so etwas wie ein Zunftstab und wurde von ihm nicht selten als Waffe eingesetzt. Oft genug landete er mit einem dröhnenden Schlag auf den Köpfen von achtlosen, vergesslichen oder langsamen Küchenhilfen oder Lehrlingen. Jennifer war die Einzige unter ihnen, für die Chubb so etwas wie ein Held war. Es war ihr sehnlichster Wunsch, für ihn zu arbeiten und von ihm zu lernen, Holzlöffel hin oder her.

Es gab natürlich auch noch andere Zunftmeister, wie zum Beispiel den Schmied und den Büchsenmacher. Aber nur jene Zunftmeister, die derzeit auch Platz für neue Lehrlinge hatten, waren heute anwesend.

»Die Zunftmeister sind versammelt, Mylord!«, trompetete Martin. Für ihn schienen Lautstärke und Wichtigkeit der Angelegenheit in einem direkten Verhältnis zu stehen. Wieder verdrehte der Baron die Augen.

ENDE DER LESEPROBE

OMNIBUS ist der Taschenbuchverlag für Kinder in der Verlagsgruppe Random House

1. Auflage

Deutsche Erstausgabe Oktober 2006

Gesetzt nach den Regeln der Rechtschreibreform

© 2004 John Flanagan

Die englische Originalausgabe erschien 2004 unter dem Titel »Ranger’s Apprentice –

The Ruins of Gorlan« bei Random House Australia Pty Limited, Sydney, Australia. This edition published by arrangement with Random House Australia. © 2006 der deutschsprachigen Ausgabe OMNIBUS, München Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten Übersetzung: Angelika Eisold-Viebig Lektorat: Petra Koob-Pawis Vignetten: Mathematics Umschlagbild: Volker Fredrich Umschlagkonzeption: init.büro für gestaltung, Bielefeld he · Herstellung: CZ/JL Satz: Uhl + Massopust, Aalen

eISBN 978-3-641-10117-6

www.omnibus-verlag.de

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