Die Drachenkämpferin - Der Auftrag des Magiers - Licia Troisi - E-Book

Die Drachenkämpferin - Der Auftrag des Magiers E-Book

Licia Troisi

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Beschreibung

Die Halbelfe Nihal schafft das Unmögliche: Als erste Frau wird sie zum Ritter des Drachenordens geschlagen. Ihr Gefährte Sennar ist unterdessen auf der gefährlichen Suche nach der Untergetauchten Welt, wo er sich Hilfe im Kampf gegen den Tyrannen erhofft. Der zweite Teil der atemberaubenden „Drachenkämpferin“-Saga, die international für Furore sorgt.

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Inhaltsverzeichnis

Zwischen Land und Meer
1 - Vor dem Aufbruch2 - Piraten3 - Ein Wunder4 - Sturm5 - Laio wird Knappe6 - Das Geheimnis der Träne7 - Die Vanerien8 - Laios Kampf9 - Im Strudel
Die Gefangenen
10 - Die Untergetauchte Welt11 - Ein alter Mann im Wald12 - Der Graf13 - Befreiungsversuch14 - Der Krieg erreicht Zalenia15 - Der Mann im Schatten16 - Abschied
Auf der Suche
17 - Ein neuer Ritter18 - Der Feind19 - Nihals Genesung20 - Abstieg zur Hölle21 - Die Versuchung des Todes22 - Idos Geheimnis23 - Ido aus dem Land des Feuers24 - Erneut zusammen25 - Der Tod des Verräters26 - Rais27 - Eine Armee von Toten
RegisterCopyright

Mein Name ist Nihal. Aufgewachsen bin ich in Salazar, einer Turmstadt im Land des Windes. Meine Familie – das war nur ein Mensch, Livon, mein Adoptivvater, der beste Waffenschmied der acht Länder der Aufgetauchten Welt. Er war es, der mir den Umgang mit dem Schwert beibrachte und mir das Leben erklärte. Ihm verdanke ich alles. An seiner Seite verlebte ich meine Kindheit, umgeben von Schwertern, Schilden und Rüstungen, beseelt von dem Wunsch, später einmal ein großer Krieger zu werden.

Es hätten unbeschwerte Jahre sein können, denn ich wusste noch nicht, was es mit meinen blauen Haaren auf sich hatte und mit meinen spitz zulaufenden Ohren. Wären da nicht diese Albträume gewesen, die mich nachts immer wieder quälten, diese schmerzverzerrten Gesichter, die mich bedrängten und mir unverständliche Worte zumurmelten.

Das Heer des Tyrannen tauchte völlig unerwartet auf, an einem Abend im Herbst. Ich beobachtete, wie es näher rückte durch die Ebene vor Salazar, wie eine schwarze Flut, die alles niederwalzte und unter sich begrub.

Nichts blieb mehr übrig von dem Leben, das ich bis dahin geführt hatte.

Salazar wurde erobert und niedergebrannt, meine Freunde getötet, mein Vater vor meinen Augen mit einem Schwertstreich niedergestreckt. Er gab sein Leben, um mich zu verteidigen gegen zwei Fammin, jene Ungeheuer, die der Tyrann erschaffen hat, um sie für sich kämpfen zu lassen. Sechzehn Jahre war ich damals – und beide habe ich getötet. Denn mit dem Schwert war ich bereits sehr geschickt – abe nicht geschickt genug. Ich wurde verwundet, und als ich aus der langen Lethargie des Krankenlagers langsam wieder zu mir kam, waren um mich herum nur noch Schmerz und Verzweiflung.

Ich erfuhr, dass ich die letzte Überlebende eines ganzen Volkes war, des Volkes der Halbelfen, das der Tyrann Jahre zuvor hatte auslöschen lassen. In den Trümmern meines Dorf im Land des Meeres hatte mich die Zauberin Soana, die Schwester Livons, als Säugling gefunden. Der leblose Körper meiner Mutter hatte mich vor der Mordlust der Fammin beschützt. Ich war die Einzige, die nicht dem Massaker zum Opfer gefallen war.

Nachdem ich die Wahrheit wusste, war ich plötzlich kein sorgloses Kind mehr, sondern ein zu schnell erwachsen gewordenes junges Mädchen. Die Albträume verfolgten mich nun jede Nacht. Und ich schwor mir, dass ich kämpfen würde mit all meiner Kraft, um den Tyrannen zu stürzen. So reifte mein Entschluss, Drachenritter zu werden.

Es war nicht leicht, in die Akademie aufgenommen zu werden. Mit dem Schwert in Händen musste ich mir meinen Platz erstreiten. Raven persönlich, der oberste General des Ordens der Drachenritter, wählte zehn Krieger aus, die ich alle besiegen musste, um Schülerin werden zu dürfen. Und einen nach dem anderen rang ich nieder.

Es war ein einsames Jahr, das ich dort in der Akademie verbrachte: Nicht nur weil ich eine Frau war, schnitten mich die anderen Zöglinge, sondern auch, weil ich so ganz anders war als sie selbst. Bei allem, was ich tat, verfolgten mich ihre misstrauischen Blicke.

Anfangs litt ich darunter. Doch mit der Zeit wurde ich immer unempfindlicher gegen ihren Hass, gegen den Schmerz, gegen alles. Meinen Vater und mein Volk zu rächen war das Einzige, was noch für mich zählte.

Die Nächte waren geprägt von den Albträumen, in denen mich die Geister zur Rache aufriefen, die Tage von den Entbehrungen der Ausbildung. Ich arbeitete daran, selbst zu einer Waffe zu werden, die weder Gefühle kannte noch Schmerz, und mein Herz und meinen Geist zum Verstummen zu bringen.

Nach dem ersten Teil der Ausbildung wartete eine große Prüfung auf mich: meine erste Schlacht. An jenem Tag auf dem Schlachtfeld wurde mein Kopf ganz leer, und der Schmerz verflog. Es gab nichts anderes mehr als mein Schwert aus schwarzem Kristall, das Livon für mich geschmiedet hatte, und das Blut der Fammin. Ich kämpfte und tötete, wütete unter den Feinden. Nach der Schlacht waren die Generäle voll des Lobes über meinen Eifer, und ich glaubte mich meinem Ziel schon sehr nahe.

Doch ich irrte mich. In jener Schlacht fiel der Drachenritter Fen, der Geliebte Soanas. Für mich war er ein Held. Ich war in ihn verliebt, das einzige Gefühl, das mich noch lebendig gehalten hatte. Als ich vor seinem Leichnam stand, beschloss ich, dass es in meinem Leben fortan nur noch Krieg und Tod geben sollte.

Zum Abschluss meiner Ausbildung schickte man mich zu Ido in die Lehre, einem Drachenritter und Angehörigen des Volkes der Gnomen. Er war es, der mich zum Nachdenken brachte: War es richtig, was ich da tat? War es richtig, nur noch für die Rache zu leben?

Endlich wurde mir ein lang gehegter Wunsch erfüllt, und ich bekam meinen eigenen Drach en. Es war nicht leicht, sein Vertrauen zu gewinnen, denn er kannte den Krieg und hatte bereit seinem anderen Drachenritter gehört. Lange weigerte er sich, mich auch nur in seine Nähe zu lassen, und wollte nicht mehr fliegen. Mit dem Tod seines Herrn war seine Kampfeslust erloschen, aber ich fühlte, dass er mir ganz ähnlich war: Er war einsam und verlassen. Er war mein Drache. Und ist es immer noch. Sein Name ist Oarf.

In der ganzen Zeit war Sennar immer für mich da. Wir waren fast noch Kinder, als wir uns kennenlernten. Gemeinsam wurden wir erwachsen, lachten, träumten und litten zusammen. Wir kämpften für dieselbe Sache.

Ich denke häufig an ihn.

Sennar ist mein bester Freund. Sennar, der Zauberer. Sennar, das Mitglied im hohen Rat der Magier.

Ich weiß nicht, ob er die Untergetauchte Welt bereits gefunden hat, ich weiß noch nicht einmal, ob wir uns überhaupt wiedersehen werden.

Unsere letzte Begegnung endete auf eine Weise, die ich nicht vergessen kann.

Seine Abwesenheit schmerzt mich jeden einzelnen Tag.

Zwischen Land und Meer

Während des Zweihundertjährigen Krieges verließen viele Bewohner der Aufgetauchten Welt, der Kämpfe müde, ihre Heimatländer und zogen fort, um sich im Meer eine neue Zukunft aufzubauen. Der letzte Kontakt zu ihnen liegt einhundertfünfzig Jahre zurück. Damals versuchten zwei Reiche der alten Welt, die miteinander verbündeten Länder des Wassers und des Windes, die Untergetauchte Welt zu erobern. Dazu bedienten sie sich einer Karte, die durch heimgekehrte Bewohner der neuen Welt auf das Festland gelangt war.

Das Unternehmen scheiterte tragisch: Kein Einziger kehrte zurück, der von den Ereignissen hätte berichten können. Seit jener Zeit nun hat man in der Aufgetauchten Welt nie wieder etwas von dem neuen Kontinent gehört, und auch das Wissen, wie dorthin zu gelangen ist, fiel dem Vergessen anheim.

AUS DEN ANNALEN DES RATS DER MAGIER; FRAGMENT

Daher ermächtigen wir den König des Lands des Windes, eine Abschrift jener Seekarte aufzubewahren, mit der (…) Die Originalkarte findet Verwendung (…) im Feldzug gegen die Untergetauchte Welt.

PERGAMENT AUS DER KÖNIGLICHEN BIBLIOTHEK

DER STADT MAKRAT MIT DEM SIEGEL DES LANDS DES WASSERS; FRAGMENT

1

Vor dem Aufbruch

Ein Quersack mit ein paar Büchern und nur wenigen Kleidern darin war sein ganzes Gepäck. Sennar schulterte ihn und trat hinaus ins Freie.

Unter seinem Umhang trug er ein schwarzes, bis zu den Füßen reichendes Gewand mit einem großen, weit aufgerissenen Auge auf Bauchhöhe, das von ineinander verschlungenen roten Ornamenten gerahmt wurde. An das Klima in Makrat hatte er sich noch nicht gewöhnt. Im Land des Meeres, aus dem er stammte, waren die Frühlinge mild gewesen, und im Land des Windes war es fast immer warm. Doch hier, im Land der Sonne, wo in diesem Jahr der Rat der Magier seinen Sitz hatte, herrschte im Frühling eine eisige Kälte fast wie im Winter, und die schwüle, drückende Hitze des Sommers legte sich dann ohne Übergang über das Land. Sennar fröstelte und zog sich die Kapuze seines Umhangs über seine langen roten Haare.

Er war neunzehn Jahre alt – und ein Zauberer. Ein hervorragender Zauberer sogar. Aber er war kein Held. Im Gegensatz zu Nihal, die sich mit Todesverachtung in den Kampf stürzte. Seine Aufgabe war es gewesen, hinter der Front zu agieren und Strategien zu entwickeln. Und nun, da sich ihm die Gelegenheit bot, den leidenden Völkern seiner Welt in ganz besonderer Weise zu dienen, überkam ihn die Angst. Nach monatelangen Beratungen mit den anderen Zauberern im Rat und nach zahlreichen Zusammenkünften mit den höchsten Militärs war nun der Augenblick gekommen. Jetzt würde er in See stechen und die Meere befahren, unterwegs zu einem Kontinent, den es, das war ihm durchaus bewusst, vielleicht gar nicht mehr gab.

Allein – so hatte es der Rat beschlossen.

Ich bin ein Feigling

Seit einhundertfünfzig Jahren war keine Nachricht mehr von der Untergetauchten Welt zu ihnen gedrungen. Sennars Mission bestand nun darin, diese Welt neu zu entdecken und dann ihren Herrscher dazu zu bewegen, der Aufgetauchten Welt zur Seite zu stehen in einem Krieg, dessen Ende nicht abzusehen war: dem Kampf gegen den Tyrannen. Im fahlen Licht des Morgengrauens kam ihm diese Mission noch aussichtsloser vor.

Sein Pferd war bereits gesattelt, doch Sennar zögerte, sich hinaufzuschwingen. Noch ist Zeit. Noch kann ich umkehren und den Räten erklären, dass es wohl ein Fehler war, dass ich mich geirrt und meine Meinung geändert habe …

Er blickte sich um. Keine Menschenseele war zu sehen. Alles schlief. Der richtige Zeitpunkt, die passenden Bedingungen, um sich auf die Reise zu machen. Ohne Abschied. Instinktiv führte er eine Hand zu der Narbe auf seiner Wange. Dann nahm er die Zügel in die Hand und machte sich auf den Weg.

Zunächst würde ihn die Reise in das Land des Meeres führen, wo er sich Seeleute suchen musste, die es wagten, mit ihm den Ozean zu befahren.

Es war das Land, in dem er geboren war und das er mit acht Jahren verlassen hatte, um seiner Lehrmeisterin Soana in das Land des Windes zu folgen. Seit damals war er nur selten heimgekehrt, denn es war eine lange und beschwerliche Reise.

Zwei Jahre war Sennar nicht mehr zu Hause gewesen.

Aber nun, da er an einem Wendepunkt seines Lebens stand, verspürte er den Wunsch, seine Mutter noch einmal zu sehen.

Es war schon später Morgen, als er in Phelta, seinem Heimatdorf, eintraf.

Am Himmel hingen schwere schwarze Regenwolken, ein Gewitterhimmel, der wie eine Glocke die wenigen Häuser seines Dorfes überspannte. Kein Mensch war auf der Straße, anscheinend hatten sich alle in Erwartung des Unwetters in ihre Häuser verkrochen. Die Luft war feucht, und Sennar sog den starken, durchdringenden Geruch des Meeres, der bis in das Hinterland wehte, tief ein.

Das Dorf bestand aus einigen gemauerten Häusern, die mit den für die Gegend typischen Strohdächern gedeckt und von robusten Holzzäunen eingefasst waren. Es war ein kleines Dorf mit nicht mehr als zweihundert Bewohnern, und alles sah einfach und bescheiden aus. Die Häuser drängten sich dicht aneinander wie eine Schar verängstigter Kinder in einem fremden Land. Sennar verband nur wenige Erinnerungen mit diesem Dorf. Zwar war er dort geboren, doch die meiste Zeit hatte er mit seiner Familie im Kriegsgebiet gelebt. Nur wenige Male im Jahr, wenn sein Vater Urlaub bekam, waren sie heimgekommen, und nur dann hatte er an alte Verbindungen anknüpfen und seine Freunde wiedersehen können. Dennoch war dies sein Zuhause. Seine Heimat. Sein Vaterland.

Bevor er seine Mutter aufsuchte, wollte er sich noch ein wenig umsehen. Er verspürte das Bedürfnis, sich mit diesem Ort wieder vertraut zu machen, über das Pflaster seiner Kindheit zu laufen, die altbekannten Gerüche in der Nase zu spüren, an den Häusern mit dem von der Seeluft bröseligen Putz entlangzustreifen. So schlenderte er durch die engen gewundenen Gassen, verweilte ein wenig auf dem winzigen Dorfplatz, wo an Festtagen ein Markt abgehalten wurde, stand eine Zeit lang auf dem Landungssteg, der wie eine schmale hölzerne Zunge in die See ragte.

Und mit einem Mal sah er alles um sich herum so, wie er es als Kind wahrgenommen hatte, und eine Vielzahl verschütteter Erinnerungen überwältigte ihn: verschwommene Bilder von Spielen zwischen den Häusern, von längst aus den Augen verlorenen Freunden, von den kleinen Freuden der Kindheit. Kurz, von den Dingen, die er vielleicht zu rasch vergessen hatte.

Der Gedanke, seine Mutter wiederzusehen, ließ sein Herz höherschlagen. Als er vor ihrer Tür stand, drang von innen das Klappern von Geschirr zu ihm. Er zögerte einen Moment und klopfte dann an.

Ihm öffnete eine schmächtige Frau mit einem Gesicht voller Sommersprossen, die seit ihrer letzten Begegnung merklich gealtert war. Sie trug ein schlichtes schwarzes Kleid, wie es arme Leute tragen, die ihr einziges Gewand ewig flicken und stopfen, das jedoch von einem Spitzenkragen verziert wurde. Ihr zu einem losen Knoten zusammengefasstes Haar, früher einmal genauso feuerrot wie das ihres Sohnes, war von weißen Strähnen durchzogen. Ihre Augen jedoch hatten sich seit ihren Mädchentagen nicht verändert. Sie waren von einem lebhaften, munteren Grün und leuchteten sofort auf, als sie Sennar erblickte. »Mein Sohn, wie schön, dass du wieder da bist!«, rief sie und schloss ihn fest in die Arme.

Frische Blumen auf dem Tisch, Spitzendeckchen auf den Möbeln, eine tadellose Sauberkeit: Sennar erkannte die Sorgfalt wieder, mit der sich seine Mutter auch um die kleinsten Dinge im Haus kümmerte.

Als sie sich von ihm gelöst hatte, machte sie sich umgehend am Küchenherd zu schaffen und legte Holz nach. »Warum hast du deinen Besuch denn nicht angekündigt? Ich kann dir ja gar nichts Besonderes anbieten, nur das wenige, was ich noch in der Speisekammer habe. Heute ist ein großer Tag, den müssen wir feiern.« Sie hastete in der Küche hin und her, zog Schranktüren auf, holte Töpfe und Schüsseln hervor.

»Mach dir doch keine Mühe, Mama«, versuchte Sennar sie zu bremsen.

Dabei bereitete es ihm Vergnügen, sie am Herd herumhantieren zu sehen, und er ließ es zu, dass er wieder der kleine Junge war, so wie damals, als sein Vater noch lebte und die Familie beisammen war.

Während sie kochte, redete die Frau ohne Unterlass, erkundigte sich, wie es ihrem Sohn ergangen war, und erzählte von ihrem eigenen Leben. Aber sie plauderten auch über Belanglosigkeiten des Alltags in einer Vertrautheit, die Sennar lange vermisst hatte.

Als das Essen fertig war, setzten sie sich zu Tisch. Sennars Mutter war immer schon eine ausgezeichnete Köchin gewesen, die auch mit nur wenigen Zutaten die fürstlichsten Gerichte zu zaubern verstand. Heute hatte sie eine Fischsuppe mit Gemüse zubereitet, dazu Walnussbrot zum Tunken.

Nun, da sie in der friedlichen Stille des Hauses vor den dampfenden Tellern saßen, hatte Sennars Mutter endlich Gelegenheit, ihren Sohn mit Muße zu betrachten. »Du bist wirklich erwachsen geworden …«

Sennar errötete.

»Ein richtiger Mann …, ein Ratsmitglied …« Ihre Augen strahlten vor Stolz. »Weißt du, ich habe mich noch gar nicht richtig an den Gedanken gewöhnt. Erzähl mir noch mehr. Wie lebst du? Wie kommst du so zurecht?«

Sennar tat ihr den Gefallen, obwohl ihm seine Gewissensbisse fast die Kehle zuschnürten. Zwar waren mittlerweile viele Jahre vergangen, und seine Mutter hatte ihm seine Entscheidung niemals vorgehalten, aber dennoch war Sennar im tiefsten Innern überzeugt, sie und seine Schwester im Stich gelassen zu haben. War er nicht tatsächlich von zu Hause fortgegangen, um seinen Träumen nachzujagen, indem er sich von Soana leichten Herzens in ein Land hatte mitnehmen lassen, das vom Kriegsgeschehen noch gänzlich unberührt gewesen war? Dieser Entscheidung hatte für ihn schon immer etwas von einer Flucht angehaftet. Als er zu Ende erzählt hatte, drückte er ihre Hand: »Und du, Mama? Wie kommst du über die Runden?«

»Ach, eigentlich ganz gut. Meine Stickereien verkaufen sich immer noch, wenn auch nicht mehr so gut wie früher einmal. Den Krieg bekommen wir eben auch hier zu spüren. Aber ich will nicht klagen, von dem, was ich verdiene, kann ich leben, sogar besser als viele hier bei uns. Ja, ich führe ein erfülltes Leben. Das Haus ist immer voller Freundinnen, die vorbeischauen.«

Sennar schlug die Augen nieder. »Und Kala?«

»Kala geht’s gut. Gewiss fehlt sie mir hier, aber ich sehe sie doch recht häufig.«

Die Frau nahm das Gesicht ihres Sohnes zwischen die Hände. »Sennar, sieh mich mal an. Egal, was deine Schwester denken mag, deine Entscheidung war richtig. Ich bin stolz auf den Mann, zu dem zu geworden bist.«

»Ich muss sie noch mal sehen«, sagte Sennar.

Der Blick seiner Mutter wurde ernst. »Was hast du nur, mein Sohn? Du wirkst so …, wie soll ich sagen? … unruhig.«

»Nein, es ist alles in Ordnung, ich muss nur … eine Reise machen, in ein sehr fernes Land. Deswegen bin ich gekommen. Ich werde eine ganze Weile fort sein.«

Die Wahrheit mochte er ihr nicht sagen. Worauf es ankam, war, sie ein letztes Mal gesehen zu haben. Nur das zählte.

Seine Mutter musterte ihn lange und versuchte, in seinem Gesicht zu lesen, was ihn quälte. Dann schlug sie die Augen nieder. »Kala wohnt jetzt am anderen Ende des Dorfes, in einem Haus direkt am Meer«, murmelte sie.

Zu Fuß machte sich Sennar auf den Weg. Der Himmel war immer noch von düsteren Wolken verhangen, und der Regen hatte kaum nachgelassen. In seiner immensen Weite dehnte sich das Meer vor ihm aus.

Mit Macht schlug die Brandung an den Kai und verschlang alles, was sich ihr entgegenstellte. Es war das Meer, wie er es aus seiner Kindheit kannte, so voller Kraft, jenes Meer, an dem er und sein Vater an Feiertagen hin und wieder geangelt hatten. Jenes Meer, in dem er sich mit Herzenslust getummelt hatte. Aber nun schien es ihm fast zu zürnen.

Sennar ging ein paar Schritte auf den Landungssteg hinaus. Hoch wie Berge kamen ihm die Wellen vor, aber er hatte keine Angst. Er ließ eine über sich zusammenschlagen und trat heil und trocken, umgeben von einem bläulichen Feld, daraus hervor: Es war ein magischer Schutzwall, ein recht unkomplizierter Abwehrzauber. »Na, hast du gesehen?«, rief er der Welle nach und kicherte. Dann erblickte er ein Stück entfernt das Haus, zu dem er unterwegs war. Er erschauderte unter seinem Umhang und spürte, dass ihn der Mut verließ.

Auf halber Strecke blieb er stehen und blickte sich um. Vielleicht sollte er lieber zuvor im Wirtshaus vorbeischauen. Es lag ganz in der Nähe, und früher oder später würde er sich dort ohnehin blicken lassen müssen. So verschob er den Besuch bei der Schwester und bog in eine andere Gasse ein.

Vor dem Wirtshaus mühte sich älterer Mann mit weißem Bart und von der Sonne gegerbtem Gesicht mit einem Fass ab und fluchte auf den Regen. Sennar erkannte ihn auf Anhieb: Im Fluchen war niemand derart einfallsreich wie Faraq. »Brauchst du Hilfe?«, rief er, während er auf ihn zutrat.

Der Mann schrak zusammen und drehte sich ruckartig um. »Bist du noch bei Sinnen? Soll mich vielleicht der Schlag treffen? Wer zum Teufel bist du?«

Sennar verkniff sich ein Lächeln. Der Wirt war immer noch derselbe Griesgram wie vor Jahren. »Erkennst du mich denn nicht mehr?«

Faraq musterte ihn misstrauisch und schlug sich dann mit der flachen Hand gegen die Stirn. »Aber ja! Du bist Sennar, der Zauberer. Zum Henker, ich werd wohl wirklich langsam alt. Als ich dich das letzte Mal sah, warst du noch ein Bübchen, und jetzt kannst du mir auf den Kopf spucken.« Er lachte und schlug Sennar ein paarmal kräftig auf die Schulter. »Aber was stehen wir denn hier rum wie zwei Fische im Nassen? Komm rein!«

Die Wirtsstube war vollkommen anders, als Sennar sie in Erinnerung hatte. Sie schien geschrumpft zu sein. Der Magier nahm an einem der klobigen Holztische Platz, während Faraq hinter dem Schanktisch verschwand.

»Das müssen wir feiern. Bei diesem Sauwetter können wir was Kräftiges vertragen«, erklärte der Alte, als er mit einer Flasche mit einer bläulichen Flüssigkeit darin und zwei Gläsern wieder auftauchte und an Sennars Tisch trat.

»Willkommen daheim, Junge!«

Faraq hob das Glas und leerte es in einem Zug. Sennar betrachtete ihn. Bei seinem letzten Besuch in der Schenke war Faraqs Haar nur ein wenig grau meliert und das Netz aus Fältchen um seine Augen, wenn er lachte, kaum zu erahnen gewesen. Mein Gott, war das lange her! Sennar nahm einen Schluck. Und der genügte, um ihn zum Husten zu bringen und seine Kehle in Brand zu stecken.

»Na, sieh mal einer an!«, lachte Faraq. »Will jetzt ein Mann sein und verträgt den Hai nicht!«

»Ich hab das Zeug eben noch nie getrunken. Bei uns, dort, wo ich jetzt lebe, kennt man das nicht.«

Dieser Schnaps, Hai genannt, war ein übles Gesöff. Es war Brauch, dass man junge Burschen an ihrem sechzehnten Geburtstag zur Feier ihres Übertritt in das Erwachsenenleben in die Kneipe mitnahm und damit abfüllte.

»Durch deinen Weggang hast du eben einiges bei uns verpasst«, meinte Faraq scherzend. »Aber, wie man hört, hast du es ja richtig weit gebracht. Mitglied im Rat der Magier, nicht wahr?«

Sennar nickte.

»Ein tüchtiger Kerl, unser Zauberer!« Faraq schlug ihm, voller Anerkennung, wieder heftig auf die Schulter.

Sennar freute sich, die raue, aber ehrliche Art seiner Landsleute wieder neu zu entdecken. Er liebte das Land, das ihn hervorgebracht hatte.

Nach einer Reihe weiterer Gläser, über deren Anzahl Sennar bald den Überblick verlor, erkundigte sich Faraq nach dem Grund seiner Rückkehr. Und mit schnapsgerötetem Gesicht erzählte ihm Sennar die ganze Geschichte.

Faraq konnte es nicht fassen. »Das ist doch der reinste Wahnsinn, Sennar. Nicht wenige haben bereits versucht, in die Untergetauchte Welt zu gelangen. Und glaub mir, kein Einziger ist zurückgekommen.«

»Ich weiß. Aber ich hab mich nun mal für diese Mission zur Verfügung gestellt. Soll ich jetzt etwa den Schwanz einziehen? Nein. Aber ich brauche natürlich jemanden, der verrückt genug ist, mich dorthinzubringen. Ich brauche ein Schiff. Wie wär’s, könntest du mir nicht helfen, einen Kapitän zu finden?«

»Dazu wird kein Mensch bereit sein.«

»Dann muss ich es eben allein wagen.«

Faraq blickte ihn zweifelnd an. »Mir ist einfach nicht klar, ob du ein Narr bist oder ein Held.«

Sennar lachte. »Dann schon eher ein Narr. Von einem Helden habe ich wenig. Ich war sogar zu feige, meiner Mutter zu verraten, was ich vorhabe. Und übrigens, erzähl ihr bitte auch nichts. Sie soll sich keine Sorgen machen.«

Faraq nickte. »Gut, versprochen.«

Sennar stand auf. »Nun, was ist? Wirst du mir helfen?«

Der Alte kippte einen letzten Schluck und brachte Sennar zur Tür. »Ich kann dir nichts versprechen. Aber komm morgen wieder.«

Es regnete immer noch. Sennar zog sich die Kapuze über und schlug den Weg zu Kalas Haus ein. Er klopfte an. Keine Antwort. Er klopfte noch einmal.

»Wer zum Teufel ist da?«, rief jemand, und mit einem Ruck wurde die Tür aufgezogen.

Kala, wie Sennar sie in Erinnerung hatte, war eine Zwanzigjährige mit einer noch mädchenhaften Figur gewesen, aber die Frau, die nun vor ihm auf der Schwelle stand, war üppig gebaut und hatte ein rundes Gesicht, das eingerahmt wurde von lang herabfallenden kupferroten Locken. Für den Bruchteil einer Sekunde starrten sich die beiden reglos an. In ihren auffallend hellen Augen, die genauso blau waren wie seine eigenen, erkannte Sennar den Zorn, der mehr und mehr in ihr aufstieg. Und plötzlich schlug sie ihm die Tür vor der Nase zu.

»Kala! Mach wieder auf!« Keine Antwort. Sennar trommelte mit der Faust gegen die Tür.

»Komm schon, Kala, ich muss mit dir reden. Es ist vielleicht das letzte Mal, dass wir uns sehen können!«

»Der Himmel gebe, dass es so kommen möge«, schrie Kala hinter der Tür.

»Gut, wie du willst. Dann warte ich hier eben, bis du mir aufmachst. «

Nach einigen Augenblicken ging die Tür wieder auf.

»Hau endlich ab! Ich will dich nicht sehen. Wenn du nicht sofort hier verschwindest, ruf ich die Wachen.«

»Nur zu. Ich hab mir nichts zu schulden kommen lassen. «

Kala machte Anstalten, die Tür erneut zuzuknallen, doch Sennar legte seinen Arm dazwischen.

»Nimm den verfluchten Arm weg, sonst brech ich ihn dir.«

»Ich will doch nur mit dir reden.«

Durch das Geschrei angelockt, tauchte hinter Kalas Rock der Lockenkopf eines kleinen Mädchens auf. »Was ist denn los, Mama?«

»Geh wieder rein«, befahl Kala ihr. »Und du verschwinde. Hier ist kein Platz für dich«, zischte sie den Bruder an.

Sennar starrte das Kind verwundert an. »Ich hab eine Nichte? Ich hab eine Nichte, und ihr sagt mir kein Wort?!«

Kala blickte ihn lange an. »Ach, verflucht«, stieß sie seufzend hervor. »So komm eben rein.«

Sennar trat ein, während es von seinem nassen Umhang auf die Holzdielen der geräumigen Wohnküche tropfte. Er blickte sich um. Das Feuer im Kamin sorgte für eine behagliche Wärme, und den Tisch schmückte ein Strauß weißer Blumen. Das kleine Mädchen stand vor ihm und starrte ihn mit großen Augen an.

»Ich hab dir doch gesagt, du sollst uns allein lassen, Marn. Bist du taub?«, wies die Mutter es zurecht.

Das Mädchen verschwand mit trippelnden Schrittchen.

»Wie alt ist sie?«, murmelte Sennar.

»Was geht’s dich an?«, antwortete Kala, immer noch aufgebracht.

Nun, da seine Schwester vor ihm stand und er eigentlich mit ihr reden konnte, fühlte sich Sennar mit einem Mal erschöpft.

»Also? Was willst du, Sennar?«

»Ich weiß es auch nicht mehr so genau.« Es fiel ihm schwer, einen Anfang zu finden, nach dem jahrelangen Schweigen. Er atmete tief durch. »Ich war doch noch ein Kind, als ich fort bin, Kala. Und erst danach ist Vater gestorben. Ich dachte ja daran, nach Hause zu kommen, aber Soana wurde nicht müde, mir zu erklären, dass ich meinen Weg fortsetzen und ein Magier werden müsse, um den Tyrannen zu bekämpfen.«

Kala blickte ihn verächtlich an. »Du bist genau wie Vater.«

Sennar fühlte sich verletzt. »Und, ist das so schlimm? Auch Vater wollte seinen Beitrag leisten im Kampf für die Freiheit. Er war ein bewundernswerter Mann.«

»So, so, seinen Beitrag … Aber dazu hat er Mama gezwungen, in einem Heerlager zu leben und ihre Kinder im Krieg aufzuziehen. Er hat das Glück dreier Menschen geopfert, nur um weiter als Knappe seinem geliebten Ritter dienen zu können. Und du bist wie er. Du hast uns im Stich gelassen, um ein Held zu werden, um irgendwen oder irgendwas zu retten. Aber du bist kein Held, Sennar. Du hättest zurückkommen müssen. Wir brauchten dich. Mama hat ihr ganzes Leben lang wie ein Maultier schuften müssen, weil das Geld nie reichte. Und ich musste ohne die kleinste Mitgift heiraten.« Kala senkte die Stimme. »Ich habe dich geliebt, Sennar. Als du mit dieser Hexe von dannen zogst, warst du noch sehr jung und wusstest nicht, was du tust. Aber mittlerweile sind es elf Jahre, dass du dich irgendwo in der Ferne herumtreibst und deinen Angelegenheiten nachgehst. Und dann glaubst du noch, ein kurzer Besuch hin und wieder könne uns für deine Abwesenheit entschädigen.«

»Ich hab euch immer sehr vermisst.«

»Ach, sei doch ruhig. Jedes Mal, wenn du kamst, freute sich Mama wie ein kleines Kind über ein neues Spielzeug. Aber wenn du dann wieder fort warst, hörte ich sie in ihrer Kammer weinen. Das machte mich so wütend. Warum zwang sie dich nicht, bei uns zu bleiben? Warum sagte sie dir nicht offen ins Gesicht, wie selbstsüchtig du bist? Aber nein, sie hat dich immer bewundert, hat dich unterstützt, wo sie konnte.« Kalas Augen füllten sich mit Tränen. »Aber ich bin anders als sie. Und nun verschwinde. Bitte. Und lass dich hier nie wieder blicken.«

Sennar schnürte es die Kehle zu. »Ich hänge doch noch immer an dir, so wie früher, als wir Kinder waren, Kala. Und dein Töchterchen ist wunderschön. Im Ernst.«

Er trat auf sie zu, um sie auf die Wange zu küssen, doch sie wich zurück.

»Warum bist du überhaupt gekommen?«, fragte sie.

»Ich muss zu einer langen Reise aufbrechen. Und ich weiß nicht, wann und ob ich überhaupt zurückkehren werde. Deswegen wollte mich von dir verabschieden.«

Kala blickte ihren Bruder schweigend an.

»Ich hab Angst vor dieser Reise«, fuhr Sennar fort, fast so, als spreche er zu sich selbst. »Manchmal würde ich mich am liebsten drücken. Und gleichzeitig drängt es mich zum Aufbruch. Seltsam, nicht wahr? Aber offenbar verläuft mein ganzes Leben auf diese Weise.«

Kalas Augen waren feucht geworden.

»Darf ich mich von meiner Nichte verabschieden?«

Kala nickte und wischte sich rasch ein paar Tränen aus dem Gesicht. »Marn!«

Das Mädchen kam angelaufen und blieb, ein wenig schüchtern, bei seiner Mutter stehen.

»Sie ist vier«, murmelte Kala.

Sennar streichelte ihr über den Kopf, wandte sich dann zur Tür und trat, ohne sich noch einmal umzudrehen, ins Freie.

Am Nachmittag des folgenden Tages war das Wirtshaus gerammelt voll. Sennar zwängte sich zwischen den Tischen hindurch und hielt geradewegs auf Faraq zu.

»Hast du jemanden gefunden?«, fragte er leise.

Faraq blickte sich um und zog ihn, einen Arm um Sennars Schulter legend, zu sich heran. »Die Sache ist nicht ganz einfach …«

»Wenn sich niemand findet, reicht mir auch ein Boot, ein Kahn, irgendwas, das auf dem Wasser treibt, und ich steche alleine in See«, unterbrach ihn Sennar.

»Nur die Ruhe. So verrückt kannst noch nicht mal du sein. Bist noch nicht mal zwanzig und brennst schon darauf, diese Welt zu verlassen. Pass auf, mein Sohn kennt da jemanden, aber die Sache ist nicht ganz billig.«

»Am Geld soll es nicht scheitern.«

»Dann heute Abend an der westlichen Mole.«

»Ich werde da sein.«

Eingewickelt in einen langen schwarzen Umhang, der ihn von Kopf bis Fuß verhüllte, schlich sich Sennar aus dem Haus seiner Mutter. Die Nacht war klar und das Meer glatt wie ein Spiegel. Auf der Mole war niemand zu sehen. Er setzte sich nieder und ließ die Beine baumeln. Die schmale Mondsichel warf ein gespenstisches Licht auf das Wasser unter ihm.

»Bist du der Verrückte?«, fragte eine Frauenstimme, die tief klang, fast rau.

Sennar drehte sich um. Hinter ihm erkannte er eine schmale Gestalt in einem langen Mantel. Er hatte sie nicht kommen hören. »Ob ich was bin?«

»Na was schon?«, fuhr sie ihn gereizt an. »Ob du der Verrückte bist, der zur Untergetauchten Welt segeln will?«

»Ja, das bin ich.«

Ohne die Kapuze abzunehmen, ließ sich die Frau neben ihm nieder. »Eine Million Dinar!«, sagte sie in gleichgültigem Ton.

Sennar blickte sie an. »Wie bitte?«

»Du hast schon richtig verstanden. Hast du so viel?«

Sennar überschlug seine finanziellen Mittel. Würde er zu der vom Rat zur Verfügung gestellten Summe noch seine eigenen Ersparnisse beisteuern, würde es reichen. »Der Preis scheint mir ein wenig übertrieben.«

Die Frau lachte. »Da täuschst du dich aber. Den Letzten, der sich auf das Abenteuer einließ, hat man nie wieder gesehen. Und von seinem Schiff wurde nur der Mast gefunden. Zwei Jahre später.«

»Wann könnten wir in See stechen?«

»Kommt drauf an. Wie ich hörte, hast du eine Karte. Zeig mal her.«

»Die hab ich jetzt nicht dabei«, antwortete er kleinlaut und ärgerte sich dabei über sich selbst. Als Verschwörer war er eine echte Katastrophe.

Die Frau stand auf und wandte sich zum Gehen. »Na, dann also morgen, hier, zur gleichen Zeit.«

»Können wir uns nicht bei Tageslicht treffen? Ich würde gern den Rest der Mannschaft kennenlernen, mir das Schiff anschauen …«

Sie beugte sich vor und brachte ihr Gesicht ganz nah an das seine heran. Im Mondlicht erkannte er ihre Augen, so schwarz wie Pech, und er spürte ihren Atem auf seiner Haut, als sie sagte:

»Nein, nein …, so viele Wünsche … Halt dich lieber zurück, ich könnt’s mir auch noch anders überlegen. Bis morgen dann, Bübchen.«

Sie blickte ihn noch einen Moment an, wandte sich dann ab und verschwand in der Dunkelheit.

Als Sennar am nächsten Abend zur Mole kam, wartete die Frau bereits auf ihn. Sie trug wieder ihren langen Mantel.

»Komm mit, hier im Freien sind wir nicht sicher.«

Besorgt folgte er ihr, denn er spürte, dass er geradewegs in einen Schlamassel geriet. So liefen sie eine ganze Weile am Strand entlang, in einem größeren Abstand voneinander und, wie sie es verlangt hatte, im Wasser, obwohl das Meer jetzt im Winter eiskalt war. Endlich gelangten sie zu einer zwischen hohen Klippen versteckten Bucht.

Sennar erinnerte sich, dass man ihm als kleinem Jungen verboten hatte, dort zu spielen. Die Bucht sei gefährlich, hieß es nur. Sie zwängten sich durch einen Felsspalt, der sich bald aber schon zu einer von Kerzen erhellten Höhle weitete.

»Hier sind wir ungestört«, sagte sie.

Sennar blickte sich um. Offenbar wurde die Grotte bewohnt. In der Mitte stand ein schwerer Tisch voller Gläser und Schnapsflaschen, und reihum gingen Gänge ab, die anscheinend zu anderen Höhlen führten.

»Setz dich!«

Jetzt erst löste die Frau das Band, mit dem ihr Mantel geschnürt war, und streifte sich mit einer theatralischen Geste die Kapuze vom Kopf.

Sennar blickte sie an. Sie mochte zwischen fünfundzwanzig und dreißig sein, hatte glattes, schwarzes Haar, das ihr lang bis zu den sehr weiblich geschwungenen Hüften herabfiel, und trug ein samtenes, tief ausgeschnittenes Oberteil, das sich eng um ihre vollen Brüste schmiegte. Davon abgesehen aber war sie wie ein Mann gekleidet: mit Stiefeln, einer ledernen Hose und darüber einem Dolch am Gürtel. Sennar verschlug es die Sprache.

»Was starrst du mich so an? Hast du noch nie eine Frau gesehen ?«, fragte sie, während sie sich, ohne ihn aus den Augen zu lassen, einen Stuhl am Tisch zurechtrückte, darauf Platz nahm und die Beine übereinander schlug. Dann griff sie zu einer Flasche und füllte zwei Gläser. Eines reichte sie Sennar und leerte das andere wie ein Glas Wasser. »Nun? Wie heißt du?«

Der Magier fragte mit leiser Stimme zurück. »Und du?«

»Das erzähle ich dir nach unserer Besprechung. Natürlich nur, falls ich es dann noch für angebracht halte. Jetzt lass mal die Karte sehen.«

Sennar durchwühlte seine Taschen. Die Frau machte ihn nervös. Hektisch kramte er in seinen Sachen, bis er plötzlich ihre Hand an der Hüfte spürte.

»Vielleicht suchst du ja das hier«, sagte sie betont liebenswürdig.

Sennar senkte den Blick. »Verzeih, ich bin etwas durcheinander. Ja, das ist sie.«

Die Frau zog die Pergamentrolle aus seinem Gewand hervor, öffnete sie und warf einen raschen Blick darauf. »Solche Karten habe ich schon Dutzende gesehen. Die hilft uns nicht weiter«, sagte sie und ließ sie mit einer verächtlichen Geste auf den Tisch fallen.

»Wieso denn?«, fragte Sennar, fast gekränkt.

»Na, du bist gut, Bübchen«, antwortete sie spöttisch, »meinst du denn, du bist der Erste, der in die Untergetauchte Welt gelangen will? Du hast wohl keine Ahnung, wie viele es vor dir schon versucht haben. Deswegen sind eine ganze Reihe solcher Karten in Umlauf. Aber das sind fast immer nur unverständliche Kritzeleien, von grober Hand gezeichnete Routen. Nein, nein. Dabei schwören alle, dass ausgerechnet ihre die richtige sei. Seltsam allerdings, dass letztendlich kaum jemand den Mut aufbringt, wirklich in See zu stechen. Und die wenigen, die es versuchten, haben längst die Fische gefressen.«

Sennar nippte an seinem Schnaps, nahm die Pergamentrolle zur Hand, räusperte sich und erklärte mit fester Stimme: »Nein, du irrst dich. Diese Karte zeigt tatsächlich den richtigen Weg in die Untergetauchte Welt.« Er zwang sich, ihr ins Gesicht zu schauen. Sie war so schön, dass es ihm den Atem nahm.

Die Frau bedachte ihn mit einem höhnischen Blick. »Aber gewiss! Lass mich raten: Du hast sie bei einem Händler erstanden, der dir versicherte, über lange Jahre regelmäßig dort rübergesegelt zu sein.«

Sennar nahm noch einen weiteren Schluck, bevor er antwortete: »Nein, ein Händler war da nicht im Spiel. Ich weiß zwar nicht, wie sie dorthingelangt ist, aber ich fand die Karte in der Königlichen Bibliothek von Makrat. Beigefügt war ein weiteres Pergament mit dem Siegel vom Land des Wassers, ein Schriftstück, das eindeutig belegt, dass diese Karte hier, oder genauer, eine Abschrift dieser Karte, beim fehlgeschlagenen Feldzug gegen die Untergetauchte Welt benutzt wurde.«

»Na, wennschon. Es steht doch gar nicht fest, dass dieser Feldzug wirklich stattgefunden hat«, wandte sie ein.

Sennar schüttelte den Kopf. »Wie kommst du denn darauf? Und ob der stattgefunden hat! Das steht fest. Denn warum sonst sollte ein Gesandter der Untergetauchten Welt wenig später beim Rat der Könige in der Aufgetauchten Welt vorstellig geworden sein und die entsetzlichsten Katastrophen angedroht haben, falls man sich fortan nicht rigoros von ihrem Reich fernhalte. Alle historischen Quellen, die ich einsehen konnte, berichten davon ohne größere Abweichungen. Daraus folgt: Diese Karte hier, wie gesagt eine Abschrift, verzeichnet sehr exakt die Lage der Untergetauchten Welt.« Er hatte, ohne Luft zu holen, geredet und lehnte sich jetzt mit zufriedener Miene auf seinem Stuhl zurück.

Die Frau verdrehte die Augen. »Was soll die schon groß angeben?«, schnaubte sie. »Die ist doch vollkommen unverständlich. «

Sennar gab sich nicht geschlagen. »Ich hab mich lange damit beschäftigt. Sag mir, was du daran nicht verstehst.«

Sie schob ihren Stuhl neben seinen und rückte nun so nahe an ihn heran, dass sich ihre Schultern berührten. Sie deutete auf einige Stellen auf der Karte. »Diese Küstenlinien hier hab ich noch nie gesehen. Und dieser undeutliche Klecks dort … Ich wüsste nicht, welche Insel damit gemeint sein könnte. Und dann erst dieser Kringel dort oben … Was soll denn das sein?«

Sennar hatte Mühe, bei der Sache zu bleiben. Die Nähe dieser Frau verwirrte ihn, und schon die leichte Berührung ihrer Schulter jagte ihm einen angenehmen Schauer über den Rücken. Er rückte ein wenig von ihr ab. »Die Küstenlinie ist die Westküste vom Land des Meeres – zugegeben, nicht sehr genau, aber im Vergleich mit anderen Karten wird das ganz deutlich. Der Klecks dort muss tatsächlich eine unbekannte Insel sein, aber diese Inselgruppe weiter vorn sind die Ooren-Inseln, auch Winter-Inseln genannt. Aber dieser Kringel, wie du ihn bezeichnest, ist das Eingangstor zur Untergetauchten Welt. Ein riesengroßer Wasserkrater, ein Strudel, der …«

Die Frau brach in schallendes Gelächter aus. »Du bist wohl nicht ganz bei Trost! Ich werd mich doch nicht mit meinem Schiff in einen Krater stürzen.«

»Das brauchst du auch gar nicht. Es reicht, wenn ihr mich in der Nähe in einem Beiboot aussetzt. Ich sehe dann zu, wie ich durch den Krater komme, und du segelst um eine Million Dinar reicher zufrieden nach Hause zurück«, erklärte Sennar und kippte dann noch einen letzten Schluck Schnaps hinunter.

Die Frau blickte ihn an. In ihren dunklen Augen blitzte Spott auf. »Mit anderen Worten, du bezahlst mir eine Million Dinar, damit ich dir Gelegenheit gebe, dich umzubringen. Wirklich originell! Dich gleich hier an einem Baum aufzuknüpfen wäre dir wohl nicht kompliziert genug?«

Sennar rollte die Karte zusammen und steckte sie wortlos ein. Sie hat recht. Es ist Selbstmord.

»Eins würde mich noch interessieren: Wieso tust du das eigentlich?«, fragte sie.

Sennar überlegte, dass es wohl nicht ratsam sei, ihr die Wahrheit zu sagen, und wich aus. »Ich bin Magier und habe dort eine Mission zu erfüllen.«

Die Frau schwieg einen Moment, stand dann auf und erklärte, während sie sich auf die Tischplatte stützte: »Morgen Nacht stechen wir in See. Unser Schiff liegt in der nächsten Bucht jenseits dieser Klippen vor Anker.«

Auch Sennar erhob sich. Es konnte es kaum glauben. Geschafft! Er reichte ihr die Hand. »Ich heiße übrigens Sennar. Nun kannst du mir wohl auch deinen Namen verraten.«

Sie blickte ihn lächelnd an. »Mein Name kostet eine Million Dinar.«

2

Piraten

Kein Mond erhellte die Nacht – genau der richtige Zeitpunkt, um unbemerkt in See zu stechen. Während er am Strand entlanglief und seine Füße im weichen Sand versanken, spürte Sennar, dass sich in sein Reisefieber noch ein anderes Gefühl mischte: das Verlangen, diese so außerordentlichen dunklen Augen wiederzusehen.

Den ganzen Tag über war ihm die geheimnisvolle Frau nicht aus dem Kopf gegangen, und als er sie jetzt in der Ferne erblickte, begann sein Herz, schneller zu schlagen: Verflixt noch mal, Sennar! Jetzt reiß dich doch mal ein bisschen zusammen!

Sie wartete vor dem Höhleneingang, und als er vor ihr stand, hob sie die Laterne und erhellte sein Gesicht, sodass der Lichtschein ihn blendete. »Können wir?«

Gemeinsam machten sie sich auf den Weg und gelangten zu der Bucht, wo das Schiff vor Anker lag.

In der Dunkelheit konnte Sennar es nur undeutlich erkennen. Es schien sich aber um einen schnellen Segler zu handeln, denn der Rumpf war auffallend lang und schmal. Der Bug hingegen war dekoriert mit einer Figur, die, wenn Sennar sich nicht täuschte, menschliche Formen aufwies und aus deren geöffnetem Mund ein Halbkreis spitzer Zähne ragte.

»Du kannst doch wohl schwimmen?«

Sennar blickte die Frau verwundert an. »Schwimmen?«, fragte er zurück, doch sie hörte ihn schon nicht mehr, denn sie hatte sich bereits kopfüber in das Wasser gestürzt und hielt in weit ausholenden Zügen auf das Schiff zu.

Verdattert blickte Sennar ihr nach. »Na meinetwegen …, was du kannst, kann ich auch …« Und es dauerte nicht lange, da hatte sich über dem Wasser eine Art Lichtbrücke gebildet, die den Strand mit einer Bordwand verband.

Mit triumphierender Miene spazierte Sennar darüber, bis er die schwimmende Frau erreicht hatte. »Es ist doch etwas kühl heute Abend. Willst du nicht lieber zu mir heraufkommen?«

Sie bedachte ihn nur mit einem verächtlichen Lächeln. »Wir sehen uns an Bord.«

Nur mit Mühe erreichte Sennar das Schiff. Einige Ellen von der Bordwand entfernt war seine Lichtbrücke ins Wanken geraten, und es hatte all seiner Kräfte bedurft, das Ziel zu erreichen, ohne im Wasser zu landen. Für einen Laien mochte es anders aussehen, doch handelte es sich um einen schwierigen, recht anspruchsvollen Zauber.

In ihren langen Mantel gehüllt, stand die Frau bereits an Deck, als Sennar keuchend an Bord kletterte. Wieder bedachte sie ihn nur mit ihrem verächtlichen Lächeln. Das gibt’s doch gar nicht, dass sie mir ständig was vormacht, dachte Sennar verärgert. Neben ihr stand ein kräftig gebauter älterer Mann mit stolzer Miene, zu einem Zopf geflochtenem grauem Haar und funkelnden Augen.

»So, du bist also der Verrückte«, sprach er Sennar an.

Im Dunkel der Nacht hallte das höhnische Gelächter seiner Kumpane wider. Sennar blickte sich um. Er war umgeben von einer kunterbunten Schar von Galgenstricken, und er fragte sich, ob es wirklich klug war, sich auf gut Glück diesen Leuten auszuliefern.

»Meine Tochter Aires hat mir ganz verschwiegen, dass du noch so ein Milchbubi bist.«

Sennar räusperte sich und streckte ihm die Hand entgegen. »Sehr erfreut, Eure Bekanntschaft zu machen, Kapitän. Mein Name ist Sennar und …«

»Erst das Geld, dann die Höflichkeiten«, unterbrach ihn der Alte mit drohender Stimme.

Unverzüglich entnahm Sennar seinem Quersack einen prallen Lederbeutel. »Die Summe müsste stimmen. Aber zählt ruhig nach.«

»Darauf kannst du Gift nehmen«, lachte der Alte höhnisch und wandte sich dann seiner Kajüte zu. »Lasst ihn nicht aus den Augen, Männer!«

Sennar nutzte die Gelegenheit, um den Schwarzen Dämon genauer zu inspizieren.

Das Schiff schien ordentlich instand, und an dem beißenden Geruch erkannte er, dass es erst kürzlich frisch geteert worden war. Das Deck war lang und geräumig, und das Achterkastell fügte sich harmonisch ein in die sanft geschwungene Linie des Rumpfes. Die drei Segel waren rot, eine für Schiffssegel ungewöhnliche Farbe. Die wenigen Männer, aus denen sich die Mannschaft zusammensetzte, schienen, ihrem Aussehen nach zu urteilen, nicht aus dem Land des Meeres zu stammen. Auch ein Gnom sowie ein Kobold waren darunter. Außerdem ein dunkelbraun gebrannter blonder Jüngling, der Sennar eine Weile neugierig betrachtete und dann auf ihn zutrat. Einen Moment lang fürchtete der Magier, er wolle ihm etwas antun.

»He, sag mal, wie hast du das gemacht vorhin, als du übers Wasser bist?«, fragte er aber nur.

Sennar atmete erleichtert auf. »Das war Zauberei. Ich bin nämlich Magier.«

»Und was sucht ein Magier in der Untergetauchten Welt?«, fragte ein anderer aus der Mannschaft, doch Sennar kam nicht dazu zu antworten, denn der Kapitän war wieder auf Deck erschienen.

»Wie’s aussieht, hat uns der Grünschnabel nicht übers Ohr hauen wollen. Die Summe stimmt. Also, willkommen an Bord, Junge. Ich bin Rool, der Kapitän. Mehr brauchst du im Moment nicht zu wissen. Die anderen wirst du während der Überfahrt schon noch kennenlernen.«

Sennar fühlte sich allmählich etwas ruhiger. »Wo kann ich meine Sachen unterbringen?«

»Was fragst du? Im Laderaum. Wo sonst? Auf, Männer, lichtet die Anker!«, schrie Rool.

Er hatte seinen Passagier bereits vergessen, der verdutzt auf dem Deck stand, während Bewegung in die Schar der Seeleute kam und alle ihre Plätze einnahmen.

Sennar ergriff Aires’ Arm. »Eine Million Dinar, und ihr steckt mich in den Laderaum?«

Aires packte die Hand, die sie festhielt, und drehte Sennar mit einer raschen Bewegung den Arm auf den Rücken. »Wir machen hier keine Vergnügungsreise«, zischte sie ihm ins Ohr und ließ ihn dann wieder los. »Mit der Million bezahlst du unser Risiko – aber keinen Platz an Bord. Wo wolltest du denn schlafen? Vielleicht in meiner Kajüte?«

Sennar rieb sich sein schmerzendes Handgelenk, während Aires ihn höhnisch anblickte. »Also beschwer dich nicht. Wir haben keine Kajüte frei. Wenn du Wert darauf legst, an dein Ziel zu gelangen, bleibt dir nichts anderes übrig, als gute Miene zum bösen Spiel zu machen.«

Sennar warf ihr einen wütenden Blick zu. Dieses Teufelsweib hatte leider recht.

Als er die Treppe hinabstieg, hörte er bereits das Geräusch davonhuschender Pfoten auf den Planken. Offenbar waren auch die billigen Plätze bereits belegt. In einer Ecke erblickte er einen hölzernen Kasten mit einigen Decken darauf. Betrübt streckte er sich auf diesem provisorischen Lager aus, zog sich eines der Leinentücher bis über die Augen und versuchte einzuschlafen.

Das Schiff setzte sich in Bewegung. Sennar lauschte den Wellen, die rhythmisch gegen die Bordwände schlugen, und hoffte, dass ihm dieses Geräusch beim Einschlafen helfen würde. Doch er irrte sich. Nach und nach wurde ihm immer flauer im Magen, bis ihn eine entsetzliche Übelkeit erfasst hatte. Wenn er die Augen schloss, wurde es nur noch schlimmer. Mal hatte er das Gefühl, nach hinten zu kippen, mal, mit dem Kopf nach unten zu hängen. Wachgehalten vom Gewusel der Ratten und der Seekrankheit, erlebte er eine der schlimmsten Nächte seines Lebens.

Aber Sennar brauchte auch nicht lange, um zu verstehen, dass er nicht nur das Meer zu fürchten hatte. Ganz offensichtlich war er auf einem Piratenschiff gelandet. Und was hinderte dieses Gesindel daran, ihm nun, da es sein Geld bekommen hatte, die Kehle durchzuschneiden und seine Leiche über Bord zu werfen?

Stets sah er sich misstrauisch um. In jedem Moment spürte er mordlüsterne Blicke auf sich und hatte das Gefühl, man warte nur darauf, sich bei der erstbesten Gelegenheit über ihn herzumachen.

So kam es, dass er die meiste Zeit im Laderaum verbrachte, in Gesellschaft der Bücher, die er mitgenommen hatte, in der Annahme, sie könnten ihm später in der Untergetauchten Welt vielleicht nützlich sein. Wenn er nicht las, dachte er darüber nach, was er an Land zurückgelassen hatte. Er dachte an Nihal, malte sich aus, wie er von seiner Mission heimkehrte und sie wiedersah, wie sie sich verändert haben würde … Er sah ihre Augen vor sich, ihr Lächeln … Doch dann schüttelte er den Kopf und strich sich über die Narbe auf seiner Wange. Nihal hatte sie ihm zugefügt, in einem Wutanfall bei ihrer letzten Begegnung. Es war ihr Abschiedsgeschenk gewesen.

An einem Abend bewahrheiteten sich Sennars schlimmsten Befürchtungen.

Wie üblich hatte er sich früh niedergelegt. Er aß zwar noch zusammen mit der Mannschaft zu Abend, verzog sich aber, aus Misstrauen gegenüber seinen Reisegefährten, gleich darauf in den Laderaum und legte sich schon schlafen, wenn die letzten Sonnenstrahlen gerade erst über dem Meer erloschen waren. So nahm er es in Kauf, lange Zeit noch in einem unruhigen Halbschlaf zu liegen, bis endlich von Deck kein Lärm mehr zu ihm drang. An diesem Abend jedoch glitt der Segler friedlich über ein spiegelglattes Meer, und Sennar war früher als sonst eingeschlummert.

Das Geräusch verstohlener Schritte auf der Treppe vermengte sich mit dem rhythmischen Schwappen der Wellen gegen den Schiffsrumpf. Holzplanken knarrten, Ratten huschten davon.

Doch kein Geräusch ertönte, als der Dolch gezogen wurde.

Die Klinge funkelte im Schein der Petroleumlampe, und Sennar schreckte aus dem Schlaf auf. Durch die Nächte in den Feldlagern an der Front waren seine Sinne geschärft worden. Er nahm nur dieses Aufblitzen wahr sowie ein gemeines Grinsen vor seinem Gesicht, wich zur Seite aus und warf sich zu Boden, während sich die Klinge in das Kissen bohrte.

Zu einem zweiten Versuch kam der Pirat nicht mehr. Denn mit einem Male wurde der Dolch glühend heiß in seinen Händen, der Mann schrie auf und ließ die Waffe fallen.

Er blickte zu Sennar, der mit geschlossenen Augen vor der Treppe stand und unverständliche Worte murmelte.

»Was zur Hölle … «, knurrte der Angreifer, doch er fand nicht die Zeit, den Satz zu beenden. Er stürzte zu Boden und lag steif und stumm wie ein geräucherter Hering da. Nur seine vor Schreck weit aufgerissenen Augen verdrehten sich.

Der Zauberer öffnete die Lider, atmete tief durch und versuchte, das Zittern der Hände in den Griff zu bekommen. Ja, es war nicht zu leugnen: Er hatte Angst gehabt. Aber er war auch außer sich vor Zorn: »Alle mal herkommen!«, rief er aus voller Kehle. »Alle mal herkommen!«

Verschlafene Gesichter tauchten in der Luke auf. Aires kam die Treppe herunter, barfuß und mit einem langen weißen Nachthemd bekleidet, das der Fantasie nur noch wenig Raum ließ. Sie warf einen Blick auf den am Boden liegenden Piraten, und der erwiderte ihn mit einem stummen Flehen.

»Was ist hier los?«, fragte sie drohend.

Sennar ließ sich nicht einschüchtern. »Nichts, bis auf die Kleinigkeit, dass ihr mich wohl doch ein wenig unterschätzt habt. «

»Egal, was du mit ihm angestellt hast – lass ihn auf der Stelle frei!«, zischte die Frau.

»Eins nach dem anderen, Aires. Zunächst sollten wir mal ein paar Dinge klarstellen. Punkt eins: Wenn ihr glaubt, in mir einen Tölpel gefunden zu haben, der sich leicht ausnehmen lässt, so habt ihr euch verrechnet. Punkt zwei:« – Sennar deutete auf den Piraten am Boden – »So wie ihm wird es jedem ergehen, der es wagt, mir zu nahe zu kommen. Und mit ihm war ich noch gnädig.«

Im Laderaum wurde es still. Mit unergründlichem Gesichtsausdruck stand Aires eine Weile schweigend da. Dann verzog sie die Lippen zu einem höhnischen Lächeln: »Tapfer, tapfer, unser Magier. So steckt also hinter diesem braven Gesichtchen mehr, als man glauben mag.« Sie trat auf Sennar zu und brachte den Mund ganz dicht an Sennars Ohr. »Pass auf, eine Hand wäscht die andere: Ich achte darauf, dass der Übermut der Männer künftig im Zaum bleibt, und du lässt uns mit deinen Zaubereien in Ruhe. Andernfalls sorge ich persönlich dafür, dass du es sehr bereust.«

»Gut, abgemacht«, flüsterte der Magier, während ihm der kalte Schweiß über den Rücken lief.

Aires wandte sich den Seeleuten zu, die die Luke umstanden. »Die kleine Vorführung ist beendet, Männer. Legen wir uns lieber schlafen.« Dann stieg sie seelenruhig wieder an Deck und verschwand.

Wieder allein im Laderaum, atmete Sennar erleichtert auf. Dann fiel sein Blick auf den Piraten am Boden. Er seufzte ungeduldig, sprach eine kurze Formel und löste den Zauber.

Ohne sich noch einmal umzudrehen, stürmte der Mann die Treppe hinauf.

Am nächsten Morgen wurde Sennar auf Deck mit halb bewundernden, halb ängstlichen Blicken empfangen. Die »kleine Vorführung«, wie Aires den Zwischenfall nannte, hatte ihre Wirkung nicht verfehlt. Fortan wagte es niemand mehr, sich nachts in den Laderaum zu schleichen, und so kam es, dass Sennar, obwohl er sich weiterhin von den anderen fernhielt, nun allmählich die Reise genießen konnte.

Das Schiff war wunderschön, aus einem dunklen Holz gefertigt, das Sennar nicht kannte und das ihm ein majestätisches und gleichzeitig bedrohliches Aussehen verlieh. Zudem ließ dieses dunkle Holz das Blutrot der im Winde flatternden Segel besonders wirkungsvoll hervortreten. Der schmale Rumpf maß vom Bug bis zum Heck nicht mehr als vielleicht dreißig Ellen, und auch die Bordwände ragten nicht sonderlich hoch über den Wasserspiegel hinaus. So war der Segler dazu geschaffen, leicht wie der Wind über die Wogen zu schießen, wie aus dem Nichts seine Beute zu packen und ebenso rasch am Horizont zu entschwinden. Neben dem Kapitän und der schönen Aires waren noch rund zwanzig Seeleute an Bord.

Die Figur, die Sennar in der Nacht ihres Aufbruchs am Bug ausgemacht hatte, stellte einen Dämon dar, dessen Rumpf geradezu aus dem Holz des Kiels herauszuwachsen schien. Auf diesem kunstvoll geschnitzten Oberkörper saß, von einem Stiernacken getragen, ein monströses Haupt, um das sich, anstelle der Haare, lange Schlangen wanden. Sein aufgerissener Rachen gab den Blick auf Zähne so spitz wie Stacheln frei. Wenn der Segler durch die Wellen glitt, schien diese Galionsfigur höhnisch dem Ozean zu trotzen und ihn auszulachen mit ihrem grimmigen Lächeln. Sennar verstand nicht viel von der Seefahrt, aber dieses Schiff fand er herrlich.

Kam der Magier morgens an Deck, stand der Kapitän bereits am Bug, ließ sich den Wind um die Nase wehen und genoss den Anblick, wie sein Gefährt federleicht übers die Wogen glitt. Sennar war fasziniert von diesem Mann, ja, die ganze Schiffsbesatzung hatte etwas, das ihn anzog.

Der Erste, mit dem sich Sennar anfreundete, war der blonde Junge. Er hieß Dodi und war der Schiffsjunge an Bord. Der Fünfzehnjährige fuhr seit seinem zehnten Lebensjahr zur See und war der uneheliche Sohn eines Mitglieds der Mannschaft. Sein Vater, der ebenfalls zur Mannschaft zählte, hatte früher nichts von ihm wissen wollen, sich aber nach dem Tod von Dodis Mutter dazu durchgerungen, ihn mit an Bord zu nehmen.

Da Sennar sich einfach nicht an das Rollen des Schiffes gewöhnen konnte, hatte Dodi es sich zur Aufgabe gemacht, den Magier von seiner ständigen Übelkeit zu kurieren. »Mir ging es am Anfang ganz genauso. Aber keine Sorge: Versuch’s mal mit einem schönen Salzhering, und du wirst sehn, bald bist du den flauen Magen los.«

Der Magier aber schien gegen alle Mittel resistent zu sein. Schiffszwieback, altbackenes Brot, Sardinen, Trockenfleisch: Nichts schien die Übelkeit lindern zu können.

Eines Abends schließlich gab Dodi auf. »Bei allen Meeresgöttern! Was soll man da machen? Es hat einfach keinen Sinn! Aber, hör mal, du bist doch Zauberer – warum hilfst du dir eigentlich nicht selbst?«

Sennar bewegte den Kopf gerade so viel, dass er den Jungen schief anblicken konnte. Mehr schaffte er nicht, so schlecht, wie er sich fühlte.

»Wenn ich das könnte, hätte ich das wohl längst getan!«

Dodi starrte ihn mit großen Augen an. »Das ist doch nicht zu fassen! Ein Magier soll so ein lächerliches Problem nicht in den Griff bekommen?«

Obwohl ihm nicht danach war, setzte Sennar zu einer Erklärung an. »Das hat mit Können gar nichts zu tun. Die Sache ist doch ein wenig komplizierter. Zu zaubern kostet jede Menge Energie.« Sennar unterdrückte einen erneuten Brechreiz und verfluchte im Geiste alle Wellen des Ozeans. »Zaubert man in gesunder, ausgeruhter Verfassung, kann einem nicht mehr passieren, als dass man irgendwann einfach nicht mehr kann. Ähnlich wie bei einem Dauerlauf, verstehst du?«

»Oder wie wenn man das ganze Deck vom Bug bis zum Heck geschrubbt hat«, kicherte der Schiffsjunge.

»Ganz genau.« Sennar lächelte und wartete wieder einen Moment, um das Rumoren in seinem Magen zu beruhigen. »Aber wenn es einem ohnehin schon nicht gut geht, bewirkt man mit Zaubern nur, dass es einem noch schlechter geht. Allerhöchstens kann man versuchen, den Heilprozess einer schon halb geschlossenen Wunde zu beschleunigen. Aber mehr ist nicht drin. Kurzum, im Augenblick bin ich als Magier außer Gefecht gesetzt.«

»Und ich dachte immer, Magier seien widerstandsfähiger.«

Sennar schüttelte den Kopf. »Warum eigentlich? Ermüden Krieger auf dem Schlachtfeld vielleicht nicht? Siehst du, und ebenso ergeht es uns Magiern. Und außerdem kommt es auch auf den Zauber an. Schweben zum Beispiel ist furchtbar anstrengend. Lasse ich hingegen eine ganze Nacht lang ein Feuerchen brennen, fühle mich am Morgen bloß ein wenig schwach. Klar: Je besser und mächtiger ein Zauberer ist, desto länger bleibt er bei Kräften. Aber irgendwo haben wir alle unsere Grenzen. Schwierige Zauber verlangen ein hohes Maß an Energie, auch von Magiern, die …« Sennar brach plötzlich ab und schloss die Augen. Ein weiteres Wort, und er hätte noch das wenige erbrochen, das er zu sich genommen hatte.

»He, Magier …, bist du noch bei dir?«, fragte Dodi.

»Ja. Es geht schon.«

»Aber sonst, abgesehen von der Erschöpfung«, ließ der Junge nicht locker, »könnt ihr doch alles tun, was euch in den Sinn kommt, oder?«

»Nein, eigentlich nicht. Kennst du den Unterschied zwischen den Zaubern des Rates der Magier und denen des Tyrannen? «

Dodi schüttelte den Kopf.

»Nun, die Zauber des Rates, die als einzige erlaubt sind, beruhen auf der Fähigkeit, mit den eigenen Kräften auf die Natur einzuwirken. Deswegen sind Magier Weise: Sie müssen die Naturgesetze kennen, um sie mit ihren Zaubern zu verstärken und in die gewünschte Richtung zu lenken. Das heißt, ein guter Magier verstößt nicht gegen die natürliche Ordnung, sondern nutzt die Natur, um sein Ziel zu erreichen. Und das ist eine schwierige Kunst.«

»Was darfst du denn zum Beispiel nicht tun?«, fragte Dodi interessiert.

Sennar musste nachdenken, denn die Übelkeit vernebelte auch sein Hirn. Nach einer Weile sagte er: »Nun, ich darf weder Dinge aus dem Nichts schaffen, noch das Wesen eines Geschöpfes verändern. Das heißt, ich darf zum Beispiel kein Schwein in einen Vogel verwandeln. Allerhöchstens könnte ich ihm vielleicht das Aussehen eines Vogels verleihen. Zudem darf ich die Elemente zu nichts nötigen, kann es also nicht regnen lassen, wenn Trockenheit herrscht, oder mitten im Winter eine heiße Sommersonne scheinen lassen. Möglich ist mir aber, Regenfälle für eine gewisse Zeit in die Länge zu ziehen oder die Kraft eines Sturmes zu verstärken, und dergleichen mehr.«

»Und was war mit unserem Kumpan, den du vorgestern gelähmt hast? Also für mich sah das nicht besonders natürlich aus …«

»Doch – ich habe nämlich nichts anderes getan, als die Gewalt, die er gegen mich ausüben wollte, auf ihn selbst zu richten. Nicht mehr und nicht weniger.«

Dodi legte die Stirn in Falten. »Du hast recht. Das ist ganz schön kompliziert.«

»Es können eben nicht alle Zauberer sein«, tröstete Sennar ihn. »Aber was das Wichtigste ist: Ich darf nicht töten mit meinen magischen Fähigkeiten. Ein Leben auszulöschen ist das schlimmste Vergehen gegen die Natur. Nicht zufällig beruhen aber genau darauf viele der geheimen Zauberformeln des Tyrannen. Und das ist auch der Grund, warum sie verboten sind.«

»Erklär doch mal genauer! Das interessiert mich brennend«, forderte Dodi ihn auf.

Sennar blickte ihn ernst an. »Das sollte es eigentlich nicht. Die Magie des Tyrannen hat nur ein Ziel: die Naturgesetze zu verletzen und umzukehren. Nimm als Beispiel nur die Fammin. Sie entstanden durch die Kreuzung verschiedenster Arten, die durch eine verbotene Zauberformel ins Werk gesetzt wurde. Und das Ergebnis sind blutrünstige Ungeheuer, die nur eins kennen: töten. Verbotene Zauber bringen stets Tod und Zerstörung mit sich, denn niemand verstößt ungestraft gegen die natürliche Ordnung der Dinge. Darüber hinaus beschädigt ein Magier, der ständig verbotene Zauber ausübt, seinen eigenen Geist und bringt das Böse in die Welt.«

Dodi schien beeindruckt. »Woher weißt du das eigentlich alles?«, fragte er nach einer Weile. »Der Rat der Magier, der Tyrann … was hat das alles mit dir zu tun?«

»Nichts, überhaupt nichts. Ich hab nur viel darüber gelesen«, erklärte Sennar ausweichend.

Der Schiffsjunge schwieg einige Augenblicke. »Egal wie, jedenfalls schuldest du mir fünf Dinar, Magier«, sagte er dann.

»Fünf Dinar? Wofür denn?«

Dodi zeigte ein strahlendes Lächeln. »Na, was ist denn mit deiner Seekrankheit? Ich hab dich zum Erzählen gebracht, und darüber hast du sie ganz vergessen!«

Sennar lachte und versetzte ihm einen freundschaftlichen Klaps.

Dodi war ein Plappermaul, und Sennar hörte ihm gern zu. In kurzer Zeit lernte er auf diese Weise alles Wissenswerte über jeden einzelnen Piraten an Deck. Einige hatten angeheuert, um sich einer Verurteilung zu entziehen, andere aus Abenteuerlust, wieder andere, weil sie ihr Hab und Gut im Spiel verloren hatten. Auf diesem Schiff gab es Geschichten und Anekdoten in Hülle und Fülle.

Sennar interessierte sich in erster Linie für den Kapitän, dessen Person und Vergangenheit von einem undurchschaubaren Geheimnis umrankt war. Was Dodi ihm erzählte, waren verschiedene widersprüchliche, mit Legenden ausgeschmückte Versionen: Die einen behaupteten, er sei auf See geboren und befahre seit jeher schon die Meere, andere erzählten, eine unglückliche Liebe habe ihn auf das Meer hinausgetrieben, wieder andere schworen, er habe sich aus Überdruss an seinen Mitmenschen vom Leben auf dem Festland abgewandt.