Die drei Schwestern - Richard Dehmel - E-Book

Die drei Schwestern E-Book

Richard Dehmel

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Beschreibung

In "Die drei Schwestern" entführt Richard Dehmel die Leser in eine tiefgründige und emotionale Erzählung, die im frühen 20. Jahrhundert angesiedelt ist. Der Autor schildert das Schicksal von drei Schwestern, die durch die gesellschaftlichen Konventionen und persönlichen Bestrebungen in unterschiedliche Lebenswege geleitet werden. DehmeLs stilistische Eleganz und seine Fähigkeit, komplexe psychologische Zustände darzustellen, machen das Werk zu einem bedeutenden Beitrag zur deutschen Literatur. Die Protagonistinnen sind sorgfältig ausgearbeitet und repräsentieren unterschiedliche Ideale und Zwänge der damaligen Zeit, während Dehmels poetische Sprache die innere Zerrissenheit und die Hoffnungen der Figuren eindringlich vermittelt. Richard Dehmel, ein wichtiger Vertreter der literarischen Moderne, war bekannt für seine innovativen Ansätze und sein Engagement für soziale Themen. Aufgewachsen in einem Biedermeier-Haushalt und geprägt von politischen Umwälzungen, reflektiert sein Werk häufig den Kampf zwischen individuellen Wünschen und gesellschaftlichen Forderungen. Diese persönlichen und soziokulturellen Einflüsse verleihen "Die drei Schwestern" eine besondere Authentizität und Dringlichkeit. Dieses Buch ist nicht nur eine fesselnde Erzählung über die Herausforderungen und Konflikte von Frauen in einer patriarchalen Gesellschaft, sondern auch eine tiefgründige Analyse der menschlichen Natur. Leser, die sich für psychologische Einsichten und historische Kontexte interessieren, werden von Dehmels meisterhaftem Erzählstil und den emotionalen Spannungen in diesem Werk tief berührt sein.

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Veröffentlichungsjahr: 2024

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Richard Dehmel

Die drei Schwestern

Emotionale Konflikte und Geschwisterbeziehungen im Spiegel des deutschen Naturalismus
Veröffentlicht im Good Press Verlag, 2024
EAN 8596547836919

Inhaltsverzeichnis

Cover
Titelblatt
Text

Die drei Schwestern

Inhaltsverzeichnis
Die drei Schwestern.
Eine Geschichte mit Zuhörern.

„Ja – also – die Geschichte, die ich heut erzählen will“, fing der kleine Amtmann bedächtig an, „müßte sich eigentlich so ein richtiger Geschichtenschreiber vornehmen, wenn’s was Orndtliches werden sollte; und habe sie sowieso nur stückweise selber mitangesehen, das Meiste von Andern gehört, und da werd’ich wol den Karren nur mühsam vorwärts schieben können. Aber Das sag’ich Ihnen –“

„Na, Sie haben gewiß wieder ein besondres Schrot im Lauf“, knurrte der Förster. „Drücken Sie man los!“

Der Buchhändler des Städtchens aber stieß seinen Freund in die Seite, machte ein schlaues Gesicht und sagte überlegen: „Willst wol Spannung erregen, Furchenrath? Kunstkniffe, Kunstkniffe! Kennt man, zieht nicht! Und wenn du noch soviel dazudichtest.“

„Diesmal ist das Dichten überflüssig“, verteidigte sich der Amtmann. „Trotzdem die Geschichte einfach genug ist“, fügte er nach einer Weile ernst hinzu. „Also –“

„Ein’n Augenblick! Erst mal einschenken!“ Der Wirt des Gasthauses raffte sich aus seinem Armstuhl auf und füllte die Gläser von Frischem. Dann schloß er die Thür des kleinen Hinterzimmers und schob sich wieder an den Stammtisch. Der Amtmann hatte sich in das alte, hohe Sopha zurückgelehnt; da saß er in sich versunken, wie eine Grille im Sandloch. Es war ganz still in der Stube; man hörte die Flamme am Dochte der verräucherten Hängelampe nagen. Die dreie merkten, daß in dem hagern Männchen heftige Erinnerungen brannten, und seine Stimmung teilte sich ihnen mit.

„Also“ – er richtete sich halb auf und strich über sein spärliches Haar – „ja! sehr einfach.“ Seine fadenscheinige Stimme zerriß fast. „Das Mädchen“ – er fuhr sich nochmals über den Schädel, dann rückte er sich ganz zurecht. „Ja! Als ich sie das erste Mal zu sehen krigte, war mir, als hätt ich sie schon lange gekannt. Und später wurde mir auch klar, woher das kam; denn ihr Thun und Gang und Wesen war, wie man es in den alten Märchen liest.

Ich selbst war dazumal noch so ein rechter grüner Grashüpfer, etwa zwei Jahre älter als sie, eben erst mündig geworden, und sollte grade anfangen, das Gut meines Vaters zu bewirtschaften, nachdem ich mich genugsam draußen umgethan und mein Militärjahr abgedient hatte. Inzwischen war sie von dem Alten eingestellt worden.

Es wußte niemand so recht, von wannen sie stammte; unsre Leute aber sagten immer, sie sei vom „leewen Godd“ gekommen.

Und das war so gekommen. Eines Tages hatte sie bei uns angeklopft und einen Dienst begehrt; und mein Vater, der sonst schwerlich etwas doppelt sagte, besonders zu uns Kindern, hat mir zweimal ausführlich erzählt, wie sie ihn so rührend und zugleich doch so gewißlich angesehen, daß er’s ihr nicht abschlagen konnte, trotzdem er fast schon überflüssig viel Hände in Lohn zu haben meinte. Am andern Tage hatte dann aus einem katholischen Nachbardorf der Pfarrer ihre Habseligkeiten geschickt; und ab und zu erkundigte er sich, ob sie brav und anstellig wäre. Und so wurde denn zuerst gar Manches unter den Leuten geredet, wenn auch nie, wie sonst gewöhnlich, spitz und hämisch, sondern immer fein behutsam und ins Fromme deutsam, bis man sie zuletzt das Herrgottskäferchen nannte; denn zufällig hieß sie auch Marie. Der Alte aber ließ sich über keinen von ihren Umständen aus; und man fragte ihn nicht leicht, wenn er nicht von selber sprach.

Und bald spürte er auch, daß es Menschen gibt, die niemals überflüssig sind. Und weil sie sich so wacker in Haus und Stall und Scheune umthat und Alles unter ihren Händen in gleichsam sonntaglicher Sauberkeit gedieh, so machte er sie schon nach einem Jahre zur Obermagd, und es war ihr auch diesmal keine von den andern Dirnen gram darum gewesen. Sie waren ihr alle zu Willen, noch eh sie zu befehlen brauchte; so sehr wirkte auf diese einfachen Seelen die sanfte Gelassenheit ihrer Mienen und die stille Bestimmtheit ihres Treibens. Wie sie überhaupt nicht reich an Worten schien. Und doch war nichts Verstecktes in ihr und Nichts, was etwa Andern die Worte benahm. In ihren Augen konnte man ihre Gedanken spielen sehen wie die Fische in einem klaren Teiche; und wem sie so mit ihrer aufmerksamen Freundlichkeit zu Munde hörte, der wurde noch Einmal so wortfroh wie sonst und meinte, wenn er von ihr ging, von ihren Lippen vieles Gute erlauscht zu haben. Wenn’s aber an sie trat, daß sie etwas sagen mußte, durfte man’s getrost auf die Goldwage legen, und was sie that, kam aus beiden Armen und stand auf beiden Beinen.“

Der Buchhändler hatte schon zweimal gehustet und stark mit den Augen gezwinkert. Jetzt mochte ihm das Loben aber doch zu bunt geworden sein, und er platzte heraus: „Na, du warst wol schön verschossen!“ Und der Förster schmunzelte, daß sich ihm die Bartspitzen um die Mundwinkel sträubten. Der Wirt indessen liebkoste gemächlich seine Ohren, gleich Einem, dem schon sehr viel Menschliches das Trommelfell erschüttert hat.

Da merkte der Amtmann, daß er mehr verraten hatte, als er wollte. Aber als ein Mann, der seine Rechnung mit sich fertig hat und mit Ruhe vom Leben sprechen kann, erwiderte er gemessen: „Ja, meine Verehrten, ich habe nach Dieser Keine mehr leiden mögen.“

Nun wurden auch die Andern wieder ernst, und der Buchhändler schaute fast ehrfürchtig auf die grauen Haare seines Freundes, der aus Liebe einsam geblieben war, der so verschlossenen Gemütes schien und doch so gern erzählte, und dem zum ersten Male jetzt der Schlüssel seines Innern aus den Fingern glitt.

„Ja, also“ – begann er aufs Neue – „ja: ich hatte damals schon manche Schürzenschleife aufgebunden. Denn die Worte sprangen mir seit jeher von den Lippen wie reife Erbsen aus der Hülse, und das haben die Dinger ja gern. Nur dieser vermochte ich nichts Schönes zu sagen, so sehr mir der Sinn danach stand. Das ging aber Allen so; denn sie hatte eine Schwäche.“

„Siehst du, Büchermade“, wandte er sich an den Freund, „jetzt kommen auch ihre Fehler an die Reihe – oder besser: ihr Fehl. Ja: Eins fehlte ihr, um ganz fürs Leben geschickt zu sein: die rechte Unbefangenheit. Man durfte ihr nicht von ihr selber sprechen; dann wurde sie fast ängstlich, wie eine Schnecke, der man an die Fühler gegriffen hat. Und war dies doch einmal geschehen, so konnte man die Furcht davor noch lange auf ihrem Gesichte lesen, sobald man wieder in ihre Nähe trat. Daher sich jeder bei uns hütete, ihr stilles Wirken zu stören.

So lagen Entschlossenheit und Schüchternheit, Besonnenheit und Zagheit in ihrer Seele neben einander, wie Fäden, die nicht recht zu einem festen Band verflochten waren. Mich aber rührte das vielleicht besonders – und den Vater wol auch, weil meine tote Mutter von ähnlicher Art gewesen war, obschon gesprächiger und weniger zart von Wuchs.