Gesammelte Werke in drei Bänden (III) - Richard Dehmel - E-Book
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Gesammelte Werke in drei Bänden (III) E-Book

Richard Dehmel

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Beschreibung

In Band III der 'Gesammelten Werke' von Richard Dehmel entfaltet der Autor seine außergewöhnliche Sprachkunst und tiefgründige Emotionen, die bis in die Abgründe der menschlichen Existenz vordringen. Dehmel, ein wegweisender Vertreter des deutschen Expressionismus, verarbeitet in seinen Gedichten und Prosaerzählungen zentrale Themen wie Liebe, Verlust und die Sehnsucht nach dem Unbekannten. Sein literarischer Stil zeichnet sich durch eine ausgeprägte Bildsprache und eine innovative Syntax aus, die den Leser in eine unverwechselbare Welt voller Intensität und Gefühl zieht, während er gleichzeitig den Zeitgeist des frühen 20. Jahrhunderts einfängt. Richard Dehmel (1863-1920) war nicht nur ein Schriftsteller, sondern auch ein scharfer Beobachter seiner Zeit. Sein Engagement in der Kunst und sein persönlicher Umgang mit Existenzfragen, geprägt von einer Vielzahl von Erfahrungen, beeinflussten seine Schaffensweise maßgeblich. In einem literarischen Klima, das von Umbruch und Experimentierfreudigkeit gekennzeichnet war, gilt Dehmel als eine Schlüsselfigur, deren Werke vom Streben nach künstlerischer Freiheit und vom Kampf mit der inneren Zerrissenheit zeugen. Für Leser, die sich für die Entwicklungen des Expressionismus interessieren und ein tieferes Verständnis menschlicher Emotionen anstreben, ist dieser Band ein unverzichtbares Werk. Die 'Gesammelten Werke in drei Bänden' laden ein, die poetische Tiefe und das soziale Bewusstsein Dehmels zu entdecken, und bieten einen eindrucksvollen Einblick in das literarische Erbe des 20. Jahrhunderts. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine umfassende Einführung skizziert die verbindenden Merkmale, Themen oder stilistischen Entwicklungen dieser ausgewählten Werke. - Ein Abschnitt zum historischen Kontext verortet die Werke in ihrer Epoche – soziale Strömungen, kulturelle Trends und Schlüsselerlebnisse, die ihrer Entstehung zugrunde liegen. - Eine knappe Synopsis (Auswahl) gibt einen zugänglichen Überblick über die enthaltenen Texte und hilft dabei, Handlungsverläufe und Hauptideen zu erfassen, ohne wichtige Wendepunkte zu verraten. - Eine vereinheitlichende Analyse untersucht wiederkehrende Motive und charakteristische Stilmittel in der Sammlung, verbindet die Erzählungen miteinander und beleuchtet zugleich die individuellen Stärken der einzelnen Werke. - Reflexionsfragen regen zu einer tieferen Auseinandersetzung mit der übergreifenden Botschaft des Autors an und laden dazu ein, Bezüge zwischen den verschiedenen Texten herzustellen sowie sie in einen modernen Kontext zu setzen. - Abschließend fassen unsere handverlesenen unvergesslichen Zitate zentrale Aussagen und Wendepunkte zusammen und verdeutlichen so die Kernthemen der gesamten Sammlung.

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Veröffentlichungsjahr: 2022

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Richard Dehmel

Gesammelte Werke in drei Bänden (III)

Bereicherte Ausgabe. Lyrische Intensität und kraftvolle Metaphorik in einem literarischen Meisterwerk
In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen
Bearbeitet und veröffentlicht von Good Press, 2022
EAN 4064066434311

Inhaltsverzeichnis

Einführung
Historischer Kontext
Synopsis (Auswahl)
Gesammelte Werke in drei Bänden (III)
Analyse
Reflexion
Unvergessliche Zitate

Einführung

Inhaltsverzeichnis

Dieser dritte Band der Gesammelten Werke Richard Dehmels versammelt zentrale Prosastücke, ausgewählte Betrachtungen sowie zwei Bühnenwerke und rundet damit das Panorama eines Autors ab, der Gattungsgrenzen immer als Anregung verstand. Eine einleitende Übersicht bietet Orientierung und macht die Architektur der Zusammenstellung sichtbar. Im Mittelpunkt stehen erzählerische Momentaufnahmen, weiterführende ästhetische und kulturpolitische Reflexionen und dramatische Experimente. Die Auswahl zielt nicht auf Vollständigkeit, sondern auf Prägnanz und charakteristische Spannweite: von konzentrierten Novellenbildern über programmatische Essays bis zu dialogisch verdichteten Konflikten auf der Bühne. So entsteht ein vielstimmiges Profil, das Denken und Dichten in enger Nachbarschaft zeigt.

Die Sektion Lebensblätter bietet eine Auswahl von Novellen in Prosa, die Dehmels Blick für überraschende Wendepunkte des Alltags verdichten. Zu ihr gehören Die Rute, Der Werwolf, Der Menschenkenner und sein Gleichgewicht, Das Gesicht, Das hölzerne Bein, Die gelbe Katze und Die Gottesnacht. Diese Texte arbeiten mit knapper Disposition, prägnanten Motiven und einer sensiblen Psychologie, die innere Regung und äußeres Geschehen eng verschränkt. Statt epischer Breite bevorzugen sie die Verdichtung des Augenblicks und die genaue Modulation der Tonlage. Ihre Szenen sind scharf konturiert, zugleich offen genug, um Nachhall zu erzeugen, der über das Erzähldatum hinausweist.

Charakteristisch für Dehmels Erzählprosa ist die Nähe zur lyrischen Verdichtung: Bildkraft, Rhythmus und eine dynamische Syntax verleihen selbst nüchternen Beobachtungen suggestive Spannung. Die Perspektive bleibt beweglich; der Ton wechselt zwischen empathischer Zuwendung und kalkulierter Irritation, wodurch moralische Fragen aus der Situation heraus entstehen, nicht als These von außen. Oft markieren kleine Requisiten oder Gesten den Umschlag des Geschehens und geben den Figuren Kontur, ohne sie endgültig festzulegen. So entwickeln die Novellen eine doppelte Bewegung: Sie bieten sinnliche Anschaulichkeit und stellen zugleich die Kategorien in Frage, mit denen Leserinnen und Leser ordnen.

Mit den Betrachtungen über Kunst, Gott und die Welt setzt der Band deutliche Akzente im essayistischen Werk. Die ausgewählten Texte Kunst und Volk, Nationale Kulturpolitik, Kunst und Persönlichkeit, Das Buch und der Leser, Philosophische und poetische Weltanschauung, Der Olympier Goethe, Grabrede auf Liliencron, Naivität und Genie sowie Kultur und Rasse dokumentieren eine wache Beteiligung an ästhetischen und gesellschaftlichen Debatten. Sie verbinden persönliche Positionierung mit allgemeiner Begründung und suchen die produktive Reibung zwischen Kunstpraxis und Öffentlichkeit. Manche Begriffe und Setzungen tragen den historischen Kontext ihrer Entstehung; eine heutige Lektüre verlangt kritische Aufmerksamkeit und differenzierende Einordnung.

Im Zugriff der Essays zeigt sich Dehmels Fähigkeit, Erfahrung und Begriff zu verschränken. Aphoristische Zuspitzung steht neben argumentativer Entfaltung; anschauliche Beispiele flankieren prinzipielle Überlegungen zur Verantwortung des Künstlers, zur Bildung des Publikums und zur Wirkung des Buches als Medium. Wo Persönlichkeiten wie Goethe oder der Freund Liliencron in den Blick geraten, tritt eine dialogische Nähe hervor: Tradition erscheint nicht als abgeschlossene Autorität, sondern als lebendiges Gegenüber, an dem sich das eigene Maß schärft. So entsteht ein Denkraum, der das Poetische nicht unterordnet, sondern als Erkenntnisform ernst nimmt. Die Spannung zwischen persönlichem Bekenntnis und öffentlicher Argumentation bleibt dabei bewusst produktiv.

Die dramatische Abteilung führt mit Die Menschenfreunde, einem Drama in drei Akten, und Michel Michael, einer Komödie in Versen, zwei Bühnenwerke in zweiter Ausgabe zusammen. Beide Stücke erkunden, wie Ideen im gesellschaftlichen Verkehr Sprache, Haltung und Handlung prägen. Charakterführung und Dialog sind auf Kontrast gebaut; komische Zuspitzung und pathetische Ernstfälle halten einander die Waage. In der Verskomödie wird die Musikalität des Ausdrucks zum Träger von Witz und Widerrede, während das Drama die Konflikte stärker in Szenenrhythmus und Handlungsknoten bündelt. So öffnet der Band den Blick auf Dehmels Theater als Labor für gesellschaftliche Selbstprüfung.

Über die Gattungen hinweg verbinden sich zentrale Anliegen: die Erkundung individueller Freiheit im Spannungsfeld von Gemeinschaft, die Frage nach der Verantwortung der Kunst und die Suche nach einer Sprache, die Gefühl und Gedanke gleichermaßen trägt. Die hier vereinte Spannweite macht sichtbar, wie sich Motive zwischen Prosa, Essay und Bühne spiegeln und variieren. Dass einige Texte in zweiter Ausgabe vorliegen, verweist zudem auf die textgeschichtliche Beweglichkeit dieses Werks. Band III bietet somit keine Summe, sondern eine Einladung zum Vergleich, zur erneuten Lektüre und zur Prüfung der Aktualität von Dehmels Fragen und ihrer möglichen Antworten im Heute.

Historischer Kontext

Inhaltsverzeichnis

Richard Dehmel (1863–1920) schrieb den Großteil der in Band III versammelten Novellen, Essays und Dramen in der Hochphase des wilhelminischen Kaiserreichs. Berlin, sein hauptsächlicher Wirkungsort seit den späten 1880er Jahren, bot ihm ein Laboratorium der Moderne: Industrialisierung, Großstadtleben und ein expandierender Literaturbetrieb prägten Themen und Tonlage. Zwischen Naturalismus, Symbolismus und Jugendstil suchte Dehmel eine poetische Verdichtung des Alltags und des Begehrens. Die Auswahl der Lebensblätter-Novellen zeigt diese Bewegung, während die programmatischen Betrachtungen den zeitgenössischen Anspruch formulieren, Kunst müsse gesellschaftlich wirken. Dass seine Texte auf Widerstand stießen, befördert den kämpferischen Duktus vieler Passagen und erklärt ihre scharfe Gegenwartsadressierung.

Die öffentlichen Sittlichkeitsdebatten der 1890er Jahre, kulminierend in der „Lex Heinze“ von 1900, rahmten Dehmels Auseinandersetzung mit Erotik, Körper und moralischer Norm. Nach Verfahren vor Berliner Gerichten (1896/97) wegen „unsittlicher Schriften“ schärfte er seine Argumente für die Autonomie der Kunst. In dieser Atmosphäre, zugleich genährt von Nietzsche-Rezeption und frühen psychoanalytischen Kontroversen um 1900 in Wien, entstehen Novellen wie „Die Rute“ oder religiös grundierte Texte wie „Die Gottesnacht“, die Trieb, Schuld und Erlösung als gesellschaftliche Konfliktstoffe verhandeln. Das Publikum reagierte gespalten: Skandalurteile standen neben Bewunderung für eine Sprache, die emotionale Extreme literarisch legitimierte.

Die soziale Frage nach 1890, das Erstarken der SPD und neue Bildungsinitiativen wie die Berliner Volksbühne prägten Dehmels Blick auf Gemeinsinn und Heuchelei. Seine Dramen – in Band III exemplarisch „Die Menschenfreunde“ – prüfen bürgerliche Wohltätigkeit auf ihre verborgenen Machtinteressen. Zugleich erwägt er in Essays wie „Kunst und Volk“ eine demokratisierte Kultur, die ästhetische Qualität und Volksbildung verbindet. Das rasche Wachstum von Mietskasernenvierteln, Klassenkonflikten und Vereinswesen lieferte ihm Beobachtungsfelder; daraus beziehen Figuren wie der „Menschenkenner“ ihr psychologisches Gleichgewicht inmitten gesellschaftlicher Unrast. Rezipientinnen und Rezipienten erwarteten moralische Orientierung – Dehmel antwortete mit provozierender Ambivalenz.

Die um 1900 einflussreichen naturwissenschaftlichen Weltbilder – Darwinismus, Erbtheorie und der von Ernst Haeckel popularisierte Monismus (Deutscher Monistenbund seit 1906) – strukturieren Dehmels theoretische Texte. In „Philosophische und poetische Weltanschauung“ sucht er eine Versöhnung von Erkenntnis und Gefühl; in „Kultur und Rasse“ bewegt er sich in den damals verbreiteten, heute zu Recht kritisch beurteilten Diskursen über Vererbung, Nation und Kultur. Diese Denkrahmen erklären die wiederkehrenden Motive von Instinkt, Vitalität und Auslese in Novellen wie „Der Werwolf“. Zeitgenössisch galten solche Verknüpfungen als modern; später belasteten sie die Rezeption, weil sie wissenschaftlichen Schein mit normativen Wertungen vermengten.

Parallel stand Dehmel in den Kanon-Debatten der Jahrhundertwende. 1899 markierten reichsweite Goethe-Feiern den 150. Geburtstag des Dichters; Dehmel antwortete mit dem Essay „Der Olympier Goethe“, der klassisches Maß mit moderner Leidenschaft zu vermitteln sucht. Seine „Grabrede auf Liliencron“ (1909, Hamburg/Alt-Rahlstedt) verankert die eigene Lyrik in einer Linie norddeutscher Modernität. Netzwerke der Avantgarde – etwa die Berliner Zeitschrift „Pan“ (ab 1895) – boten Resonanzräume. Aus diesen Kontexten stammen die Überlegungen zu „Naivität und Genie“ sowie zur „Kunst und Persönlichkeit“, die das Spannungsverhältnis zwischen naturwüchsigem Talent, ästhetischer Disziplin und öffentlicher Rolle des Autors profilieren.

Der expandierende Buchmarkt des Kaiserreichs, mit Verlagen wie S. Fischer, der Reclam-Universal-Bibliothek, Leihbibliotheken und Lesevereinen, schuf neue Lektüregewohnheiten. Dehmels „Das Buch und der Leser“ reflektiert dieses Medienökosystem: die Erwartung schneller Wirkung, die Autorität des Kritikers, die didaktischen Programme von Bildungsverbänden (etwa im Umfeld des 1902 gegründeten Dürerbunds). Öffentliche Lesungen in Berlin, Hamburg und Provinzstädten machten Autor und Werk zu Ereignissen; zugleich forderten sie knappe, zugespitzte Formen. Diese Bedingungen begünstigten die pointierten Novellen der Sammlung und schärften die essayistische Stimme, die zwischen Werbung für die Kunst und Abwehr gegen Vereinnahmung oszilliert.

Der Erste Weltkrieg veränderte Ton und Publikum. Wie viele Intellektuelle meldete sich Dehmel 1914 freiwillig zum Landsturm; Frontnähe und Heimatdienst speisten patriotische Texte und Vorträge. In den hier versammelten kulturpolitischen Stücken schwingt die Mobilisierungsidee mit, wenn „Nationale Kulturpolitik“ das Bündnis von Kriegsmoral und Bildung fordert. Spätere Lesarten, besonders in der frühen Weimarer Republik, begegneten dieser Haltung mit Skepsis. Zweite Ausgaben von „Die Menschenfreunde“ und „Michel Michael“ zeigen, wie Überarbeitungen auf die Kriegs- und Nachkriegserfahrung reagierten: Satirische Brechungen verschieben Pathos in Selbstironie, und die Figur des deutschen „Michel“ wird zur Projektionsfläche kollektiver Ernüchterung.

Die Sammlung spiegelt auch Dehmels intermediale Reichweite. Arnold Schönbergs Streichsextett „Verklärte Nacht“ (1899, Wien) nach Dehmels Gedicht machte seine Bildwelt in der Musik kontrovers berühmt; weitere Vertonungen durch Richard Strauss oder Max Reger zeigten, wie sein emotionaler Überschuss Gattungsgrenzen überstieg. Solche Allianzen stärkten die Aura des Autors, verstärkten aber zugleich kulturpolitische Konflikte um Moderne und Tradition. Motive von Trieb, Tiermetaphorik und Grenzüberschreitung – bis hin zu Gestalten wie dem Werwolf – verknüpfen die Prosastücke mit den dramatischen und essayistischen Entwürfen. So wird Band III zur Chronik einer Epoche zwischen Fin de Siècle, Massenkultur und Kriegsumbruch.

Synopsis (Auswahl)

Inhaltsverzeichnis

Übersicht

Der Band vereint Novellen, kulturkritische Essays und zwei Bühnenstücke, die den Spannungsbogen zwischen individueller Leidenschaft, gesellschaftlicher Moral und künstlerischem Selbstverständnis ausloten.

Stilistisch wechseln lyrische Verdichtung, polemische Zuspitzung und dramatische Zusammentriebe; wiederkehren Motive von Trieb und Natur, Masken des Ichs und der Anspruch von Kunst auf Wirkung im öffentlichen Raum.

Lebensblätter – Novellen in Prosa (Auswahl: Die Rute; Der Werwolf; Der Menschenkenner und sein Gleichgewicht; Das Gesicht; Das hölzerne Bein; Die gelbe Katze; Die Gottesnacht)

Die ausgewählten Novellen führen Figuren an Grenzerfahrungen von Körper, Identität und Schuld, oft verschattet von unheimlichen Symbolen und Tierbildern.

Der Ton reicht von ironisch-grotesk bis dunkel-balladenhaft; leitend sind Konflikte zwischen Trieb und Sitte sowie die Frage, wie Wahrnehmung und Selbsttäuschung Schicksale formen.

Betrachtungen über Kunst, Gott und die Welt – Kunst, Öffentlichkeit und Nation (Kunst und Volk; Nationale Kulturpolitik; Kultur und Rasse)

Diese Texte verhandeln die gesellschaftliche Rolle der Kunst zwischen Volksnähe, staatlicher Steuerung und kultureller Selbstbehauptung.

Der Duktus ist streitbar und programmatisch; im Fokus steht der Anspruch, Ästhetik und Gemeinwesen fruchtbar, aber spannungsreich zu verschränken.

Betrachtungen über Kunst, Gott und die Welt – Künstlerbild und Genie (Kunst und Persönlichkeit; Naivität und Genie; Der Olympier Goethe)

Im Zentrum steht das Ideal der schöpferischen Persönlichkeit und die Frage, wie ursprüngliche Unmittelbarkeit und formende Disziplin das Werk prägen.

Goethe dient als Maßstab für Größe und Haltung; der Ton schwankt zwischen analytischem Zugriff und hymnischer Verehrung.

Betrachtungen über Kunst, Gott und die Welt – Lesen und Weltanschauung (Das Buch und der Leser; Philosophische und poetische Weltanschauung)

Diese Reflexionen erkunden das Verhältnis von Autor und Publikum sowie die Komplementarität von begrifflichem Denken und poetischer Erkenntnis.

Sachlicher Essayton verbindet sich mit poetischer Begrifflichkeit; leitmotivisch ist die Idee der Bildung als dialogischer Prozess.

Betrachtungen über Kunst, Gott und die Welt – Erinnerung und Kanon (Grabrede auf Liliencron)

Die Gedenkrede würdigt dichterische Lebensleistung und verankert sie im literarischen Gedächtnis.

Akzentuiert werden Vorbildcharakter, Traditionsbildung und das Ethos kollegialer Verbundenheit.

Die Menschenfreunde – Drama in drei Akten (Zweite Ausgabe)

Das Stück zeigt idealistische Wohltäter, deren gute Absichten an persönlichen Eitelkeiten und sozialen Widersprüchen zerschellen.

Zwischen Satire und Ernst entlarvt es moralische Posen und fragt nach glaubwürdiger Verantwortlichkeit im Handeln.

Michel Michael – Komödie in Versen (Zweite Ausgabe)

Eine Verskomödie, die mit Tempo und Sprachwitz Rollenspiele, Selbstbilder und gesellschaftliche Erwartungen gegeneinander ausspielt.

Der heitere Ton kaschiert eine kritische Sicht auf Opportunismus und die Tauschwerte von Gefühl und Ruhm.

Gesammelte Werke in drei Bänden (III)

Hauptinhaltsverzeichnis
Übersicht
Lebensblätter Novellen in Prosa Auswahl
Die Rute
Der Werwolf
Der Menschenkenner und sein Gleichgewicht
Das Gesicht
Das hölzerne Bein
Die gelbe Katze
Die Gottesnacht
Betrachtungen über Kunst, Gott und die Welt Auswahl
Kunst und Volk
Nationale Kulturpolitik
Kunst und Persönlichkeit
Das Buch und der Leser
Philosophische und poetische Weltanschauung
Der Olympier Goethe
Grabrede auf Liliencron
Naivität und Genie
Kultur und Rasse
Die Menschenfreunde Drama in drei Akten Zweite Ausgabe
Michel Michael Komödie in Versen Zweite Ausgabe

Dritter Band

S. Fischer, Verlag, Berlin

22. bis 24. Tausend

Übersicht

Inhaltsverzeichnis

(Die mit * bezeichneten Stücke sind neu aufgenommen)

Seite
Lebensblätter
Die Rute
7
Der Werwolf
24
Der Menschenkenner und sein Gleichgewicht
36
Das Gesicht
45
*Das hölzerne Bein
52
Die gelbe Katze
60
Die Gottesnacht
67
Betrachtungen
Kunst und Volk
101
*Nationale Kulturpolitik
111
Kunst und Persönlichkeit
117
*Das Buch und der Leser
126
*Philosophische und poetische Weltanschauung
133
*Der Olympier Goethe
137
*Grabrede auf Liliencron
141
Naivität und Genie
144
Kultur und Rasse
168
Schauspiele
Die Menschenfreunde
193
*Michel Michael
269

LebensblätterNovellen in ProsaAuswahl

Inhaltsverzeichnis

Die Rute

Inhaltsverzeichnis

Eine bedenkliche Geschichte

Er mußte selber lachen. Wenn ihn einer so sähe: jetzt, mitten in der Julihitze, die Ofentür aufschraubend. Und nun hinein mit der Rute in das offene Loch! Er bückte sich noch tiefer und freute sich, wie die harten Birkenreiser die dünne Schicht Asche zerritzten. Die war noch vom Winter her; das kühle Ockergelb der sanften Fläche tat ihm ordentlich wohl. Da lieg du!

Er machte langsam wieder zu. Ja, das fehlte noch grade: dieser Popanz im Hause. „Gott sieht, Gott hört, Gott straft“ — er richtete sich auf — das hatte er glücklich abgeschafft; nun sollte wohl die Rute hinterm Spiegel Jehovah spielen.

Diese Mütter! eine wie die andere. Es mußte doch noch immer etwas unbewußte Judenseele in ihr stecken: du sollst, mein Kind, weil deine Eltern das so wollen. Na warte, Schatz!

Er setzte sich an seine Arbeit zurück. Ein unverschämter Sonnenstrahl stach blendend von der Wand her über den Schreibtisch weg; grade von dem Bild der Beiden her. Er rückte zur Seite und ließ den Eindruck auf sich wirken. Hm: ruppig genug sah sein Töchterchen aus, da unter der grellen Glasplatte auf der schwülen Kupfertapete: so den Finger im Mäulchen, neben der mild zuredenden Mutter. Köstlich, dieser eigensinnige Moment.

Und nun sollten dem heißen Herzchen diese Momente wohl mit der Rute ausgetrieben werden: ein artig Kindchen, eine Puppe aus ihr werden. Heilige Mutterliebe!

Als ob sie nicht Zeit genug hätte, die Einsicht der Kleinen zu üben! den ganzen Tag über! während Er sich um das bißchen Leben placken mußte. Und sie hatte doch zur Genüge an sich selbst erlebt, und auch an ihm, daß nur die Einsicht, die wirklich bewußte Selbstanschauung, den Menschen ein bißchen menschlicher macht. Aber natürlich: „Kinder, die wissen nichts von sich“ — und da ist es für die liebe Mutter viel bequemer, sie mit der Rute zu traktieren. Als wenn Eltern wüßten, was solch Kind für seine Zukunft darf und nicht darf.

Ja, das würde wohl nun wieder einen zähen Kampf der Seelen geben. Wie sie neulich reizend fein gelächelt hatte, als sein polnischer Freund ihn im Scherz den Hahnrei seines Bewußtseins nannte. Ja, das war Wasser auf die Mühle ihrer weiblichen Unwillkürlichkeit.

Er mußte wieder lachen. Das Gesicht: wenn sie nun im Oktober zum ersten Mal wieder heizen würde und ihr dann die Rute aus dem gelben Loch entgegenstarrte, die langvermißte. Vielleicht grade an seinem Geburtstag. Wie sie sich dann nach ihm umdrehn würde, mit ihren goldnen Augen, ihren dunkeln, da beim Ofen knieend. Und das rechte Auge, ihr Wesensauge, würde groß und ruhig von Verständnis leuchten, und von Einverständnis; aber in dem kleineren, linken, dem Gattungsauge, durch die Wimperschatten des zu schwachen Lides, würde dieser frauenhafte Vorwurf zittern, daß sein vorbedachtes Schweigen sie wohl habe beschämen sollen. Still um ihre schmalen Lippen würde ein neuer Wille dämmern, bis in die zärtlichen Mundwinkel hin; und dann würde er zu ihr treten und sie küssen wie damals, als sie sich noch lieben mußten, als sie noch nicht Freunde waren.

Er stand auf. Blos fünf kleine Schritte bis zum Ofen. Wie das schmale Zimmer ihn getäuscht hatte! Oder das lange Mittelfeld des persischen Teppichs? — Er sah die wunderlichen Ranken des bunten Bortenmusters in der Mittagssonne glühen. Er fühlte die Freude wieder, wie sie ihm zum vorigen Geburtstag das schöne alte Ding von ihrem Spargeld geschenkt hatte. Er sah hinüber auf sein Arbeitsfleckchen und lächelte.

Aber grausig öde war sie wirklich, diese ewige juristische Begriffsstoppelei! Noch dazu jetzt, mitten im blühenden Sommer.

Er trat ans Fenster und sah das dunkelblanke Blättergrün der magern Pappel drüben vor der grauen Straßenfront im heißen Himmelslicht blitzen; wie allein sie stand, so mitten in der Großstadt. Die Kupfertapete des Zimmers kam ihm immer schwüler vor. Ja, er mußte mal wieder hinaus in den Wald! zum Vater Förster! Richtig: morgen, zu Mutters Geburtstag! Den hätt er beinah wieder vergessen.

Gott ja, das Elternhaus —: am Eichenhain, am Pappelbach, rings weit am Waldrand hin das freie Feld, die hellen Wiesen, und fern am andern Horizont die kleine Ackerbürgerstadt mit dem kümmerlichen alten Kirchturm, dem gelbgetünchten Schulhaus —: Kindheit.

Er setzte sich. Der Alte, der natürlich würde wieder tun wie Rübezahl: als ob der unverhoffte Eintritt seines Ältesten ihm höchstens seinen grimmigen Bart verwirren könne. Blos die stahlblauen Augen würden plötzlich etwas dunkler schimmern unter den silbrigen Brauen, die kleinen scharfen Pupillen eine Sekunde lang größer sein, die Backenfurchen um die mächtige Nase ein bißchen tiefer werden: „Na, Junge?“

Er hatte doch wahrhaftig noch immer etwas wie Gewissensangst vor diesem wetterroten Gesicht mit dem dichten, fast schon weißen Bart und Kopfhaar, dieser Hakennase und dem strengen, forschenden Blick, der zuweilen doch so herzlustig blitzen konnte. So hatte er als Kind sich immer den lieben Gott gedacht; geträumt. Damals wohl aber noch dunkelbärtig.

Die dicken Falten um die Nasenwurzel, ja und die schroff geschwungene Stirn, die hatte er vom Vater; nur die Augen, die waren wohl mehr nach der Mutter geschnitten, auch mehr grau als blau, mehr Stimmung als Wille. „Du bist wohl wunderlich, Jung?“ das war von je ihr herbster Tadel gewesen; sie verstand jeden Menschen mit ihrer Nachsicht. Du liebes Mutterherz: morgen!—

O, wie würde ihre ganze schlanke Gestalt von warmer Liebe zittern, von fast ängstlicher Freude, bis hinauf ins wellenkrause Schläfenhaar, die grauen Augen, die vielen Runzeln der feinen Züge, all die kleinen Sorgenfältchen um den hagern Mund, die Runen der Mutterschaft. Ja, sie war immer noch schön, die alte Mutter; aber ihr Schönstes doch die gütigen Lippen, so umstrahlt von Runzel an Runzel. Das war ihm immer wie der Ausdruck ihres ganzen zärtlichen Lebens; als zuckte in diesen vielen Fältchen tiefrot ihr verschwiegenes Herz, wie um den feinen Purpursaum am Stempelkrönchen der Narzissenblüte der keusche Geruch der gelblichen Narbenfalten.

Denn Narzissen, ja, das waren ihre Lieblingsblumen. O, wie sie die zu pflanzen wußte! Nur einzeln durften sie stehen, hin und wieder, die reinen, weißen, ruhigen Sterne über dem grünen Gartenrasen, daß die zarte bräunliche Kelchblatthülle oben um den schlanken Stengel deutlich sichtbar war an jeder, wie ein langer dänischer Handschuh um den Arm einer adligen Dame. Ja, sie verstand die ganze Welt.

Und morgen würde er sie küssen, und sie würde ihren wunderlichen Jungen auch verstehen, wenn er dann allein hinaus ins Freie ginge, irgendwo an eine Wald-Ecke hin, wo der schattenschaukelnde Wind durch ein Lupinenfeld herüberstriche. Wie er ihn schon roch, den süßen Geruch der tausend goldgelben Blütenkerzen, so am Rand des sammtgrüngrauen Fingerblättermeeres liegend, mit der heißblauen Himmelsglocke drüber; — warum war er blos Jurist geworden?!

Dieser Dummejungentick. Blos um dem Alten zu zeigen, daß er seine paar Groschen nicht nötig habe, auch zum teuersten Studium nicht. Und nun — nun war er Rechtsanwalt: Er mit seinem Achselzucken über alles sogenannte Recht. Er würde doch noch Schriftsteller werden. Hol der Teufel die Kundschaft!

Aber Weib und Kind? Und dann würde der Alte von neuem über verrückte Projekte reden und die Mutter wieder Gram auf ihre alten Tage haben; sie sah ihn ohnehin schon immer mit der stillen Scheu des Mitgefühls bei seinen Besuchen an.

Nun, morgen würde er die Kleine mitnehmen. Sie war jetzt Mensch genug, ihn zu begleiten; und dann würde eitel Innigkeit und Einigkeit im Forsthaus herrschen, wie neulich zu Ostern, als seine Frau ihn mit der Kleinen begleitet hatte. Dann würden die Eltern sich mehr als Großeltern fühlen und an den Sohn nicht soviel Fragen stellen, soviel verfängliche Lebensfragen.

Er erhob sich und öffnete die Tür. „Recha!“ rief er über den Flur. Dann setzte er sich zurück an den Schreibtisch und nahm ein Aktenstück zur Hand.

„Erich?“ trat sie fragend ein, die Finger auf der Klinke lassend.

Er blickte auf. „Wo ist die Kleine?“

„Spielen gegangen; sie muß bald wiederkommen.“ Sie drückte die Klinke fest; es klang, als ob sie etwas von ihm wollte.

Er schob sich wieder vor den Aktenstoß. Wie schön es ihm noch immer war, dies edelsemitische Nasenprofil, zu dem die braune Flechtenkrone um die Stirn so königlich paßte, daß die kleine Gestalt dadurch größer schien. Er liebte sie doch wohl noch. Also Vorsicht! Jetzt trat sie hinter seinen Stuhl.

„Du! Erich!“

„Hm?“

„Ich muß dir etwas sagen. Ich habe gestern eine Rute gekauft.“

„So?“

„Ja. Es ging nicht mehr anders. Wirklich: sie wird mir gar zu unnütz.“

„Detta oder die Rute?“

„Nein du, wirklich, es ist mir ernst.“

„Mir auch!“ Er drehte sich um nach ihr. „Übrigens möchte ich morgen zu den Eltern fahren und die Kleine mal allein mitnehmen; mach mir, bitte, den Rucksack zurecht.“ Sie nickte. „Aber bitte, nur das Nötigste; auf zwei Tage blos.“ Sie nickte wieder. „Und — na aber, was hast du denn?“ Sie kämpfte mit Tränen.

„Erich!“ Sie bezwang sich. Nur das linke Auge kämpfte noch. Er zog sie an sich.

„Sieh mal, Herze, verzeih! Aber wirklich: was sollt ich wohl erwidern? Du kennst doch meine Ansicht! Kinder sind doch keine jungen Affen; wenigstens dann nicht mehr, wenn die beliebte Prügeldressur beginnen soll. Du nennst die Detta bockig, und wer weiß was alles, weil —: blos weil sie jetzt im dritten Jahr ist. Wenn sie im zwanzigsten sein wird, wirst du das Charakter an ihr nennen.“

„Aber —“

„Nein; genug jetzt, bitte. Ich wäre heute auch was Bessers, hätte mich der Hundekantschu meines Alten nicht immer eigensinniger gemacht. Bring ihr Pflichtgefühle bei, soviel du willst; aber nicht mit Schlägen, muß ich bitten.“ Er wies auf seinen Bücherschrank: „Da! lies was über Suggestion! Du hast doch deinen bewußten Willen.“ Um ihre Mundwinkel huschte etwas wie ein feines Lächeln. Aha! sie dachte an den Hahnrei des Bewußtseins; dieser verdammte Pole! — „Die Rute jedenfalls verbitt ich mir[1q].“ Beinahe hätte er nach dem Ofen gezeigt.

„Du scheinst auf meinen bewußten Willen grade nicht viel Wert zu legen.“

Er ließ sie los. „Schockschwerenot! nun werde gar noch empfindlich!“

„Nun, nun“ — begütigte sie sogleich; und wieder dies huschende Lächeln.

„Na, was lachst du denn in einem fort!“

„Ich?“ Sie sah ihn groß und ruhig an.

Da flog die Tür auf. „Hater! ich habe beide Hände voll Sonne!“ kam das Ungestümchen hereingewirbelt. Wie ihr die blonden Lockenfäden um die heißdunkeln Augen hingen! und um das merkwürdige Trotznäschen! „Sieh mal, Mutter!“ öffnete sie die Fäustchen.

„Willst du morgen mit Hater zu Ovater fahren?“ fragte die Mutter.

„Nein!“ fuhr das Näschen in die Höh.

„Aber Ovater wird sich so freuen, und die liebe Omama!“

„Großmutter!“ betonte er.

„Nein!“ stampfte das Beinchen.

„Na, dann bleib nur hier“ — er nahm sacht ihre Händchen und strich langsam jeden Finger gerade. „Dann wird Vater ganz allein die große schwarze Juno bellen hören — wau-wau-wau“ — er fixierte sie — „und die bunten Tuckehühnchen spielen sehen“ — er ließ die Händchen plötzlich frei — „tuck-tuck-tuck, ücke-rü-üh! — Und —“

„Große Muhkuh! Detta doch mit!“ hob sie hüpfend die Ärmchen aus einander. „Tuck-tuck-tuck, sehr lieb“ — jubilierte sie und umschlang die Kniee der Mutter.

Die nickte ihm zu, verständniswillig. Blos: schon wieder dies unbewußte Mundwinkelzucken!—

*

Der schwerfällige Post-Omnibus rumpelte aber wirklich etwas sehr vorsintflutlich. Und die holprige Landstraße hätte auch wohl längst eine neue Schüttung vertragen können. So konnte man ja seekrank werden auf den zersessenen Sprungfedern.

Er reckte sich und wollte den Hut aus der Stirn schieben. Aber die heiße Vormittagssonne stach grad an dem schlafenden Kutscher vorbei prall in den offenen Vordersitz; das Braunrot des verschossenen Polsterplüsches schweelte schon beinah wie versengt. „Schweiß und Staub — Schweiß und Staub“ — hörte er die beiden Gäule ihren gewohnten Klappertrab traben. Die jungen Rüstern an der sandigen Straßenkante sahen aus, als bedürften sie vor Hitze selbst des Schattens.

„Hater“ — und sinnend zeigte die Kleine auf den nickenden Fuhrmann vor sich — „ßpielt die Feitße mit dem Wind?“ Die Peitsche wippte in der Hand des Schlafenden im Takt der Gäule hin und her; die Zügel in der andern Hand mußten wohl die Bewegung vermitteln.

„Nein, mein Kind, der Wind ist weggegangen von der Peitsche.“

„Wo ist denn der Wind?“

„Schlafen gegangen.“

„— ßlafen gangen?“

„Ja“—

„Wo ßläft er denn?“ Herrgott, dies ewige Gefrage!

„Er schläft!“ Sie war doch wirklich ein unglaublicher Quirl.

„Er ßläft?“

„Ja!“

„Wo denn?“

„Auf den Wolken.“

„Wolken?“ fragte sie zögernder.

„Ja“ — sagte er kleinlaut und blickte weg; kein einziges Wölkchen stand am Himmel.

„Wo denn aber?“ fragte sie ebenso kleinlaut.

Er schwieg.

Wie sie ihn schon in der Eisenbahn mit ihrer Neugier fortwährend gepeinigt hatte! Na, Gott sei Dank: jetzt schien sie auch mit einzuschlafen. „Schwarzer, Brauner“ — „Schwarzer, Brauner“ — hörte er wieder den Trott der Gäule. Jetzt war sie schon im Nicken. Die Peitsche hatte sie wohl eingewiegt.

Er dachte an gestern. Es mochte doch wohl nicht ganz leicht sein, sie immer und immer um sich zu haben. Wie seine Mutter wohl mit ihr auskommen würde? „Du wunderlicher Jung’!“

Eigentlich könnte er den Sonnenschirm aufspannen, den ihm Recha gestern als Geburtstagsgeschenk schon in Bereitschaft gehalten hatte; in manchem war sie doch sehr vorbedacht. Er langte nach dem sorgsam eingehüllten Ding. Aber der Staub, der würde es unsauber machen. Es war doch schließlich ein Geschenk für die Mutter! Das nimmt man doch nicht in Gebrauch vorher. Ach Torheit: kindische Rührgefühle! Nein, Ehrfurcht: der Geburtstag der Mutter!—

Ob seine Geschwister das heute wohl auch so fühlten? verstreut in der Fremde, geboren aus Einem Schooß, der heute vor Jahren und Jahrzehnten in andrer Fremde geboren worden. Schooß aus Schooß — er blickte sein Kind an —: und Schößling neben Schößling. Er sah die nahen jungen Bäumchen an der Straßenkante vorüberschwinden, jedes ewig den andern fern. Er sah sie in der Ferne der Alleeflucht eng zusammenrücken, immer enger; sie führten in die Heimat — von ihr her — fort, fort von ihr — o Elternhaus!—

Ja, so von ferne, jetzt: wie dehnte sich sein Herz den alten Eltern entgegen! Und dann, wie hob’s ihm die Arme hoch, hin um ihren Hals, im ersten Augenblick des Wiedersehens; immer noch. Dann war er ganz ihr Kind, ihr Blut, Leben von ihrem Leben, hingegeben, unbewußt, wie ans Herz der Natur. Er sah sich schon kopfbückend in die kleine Stube treten, durch die niedrige Tür, sah Lindenzweige an die Fensterscheiben tippen, sah die zwei blanken Schränke aus Birkenholz, die Gewehre und Rehgehörne, das wohlig grüne Schattenlicht.

Doch dann — dann trat auch schon das andre Leben mit ihm ein und zwischen sie: das mit den Zweckfragen, die der Mensch sich stellt, der Mensch im Gegensatz zur Natur und also auch zum Mitgeschöpf, zu jedem Allernächsten grade: das Leben des umgestaltenden Geistes, der bewußt gewordene Wille zur Zukunft, der ewige Kampf um neue Kultur.

Dann war er nicht mehr Kind, sie nicht mehr Eltern; dann war er ein Junger, sie noch die Alten. Dann war die liebe Muttersprache — o heiliges Wort dem Fühlenden — kein Verständigungswerkzeug mehr: dasselbe wohlgemeinte Wort, es hatte ihnen anderen Sinn als ihm, so sehr er in kindlicher Scheu sich mühte, den steten Zwiespalt zu verhehlen. Dann war die schattenkühle stille Stube schon manchmal recht schwül und drückend gewesen.

Ob ihm das wohl mit seinem Kinde auch einmal so gehen würde? — Fernliebe?! — Entzückend, wie sie da ahnungslos schlief, im Schatten des schlafenden Kutschers; und heute würde sicherlich sie jedweden Zwiespalt überbrücken. Einst aber? — Ach was! wenns ihr mal paßte, seinethalben mochte sie Seiltänzerin werden!

Er sah die Zügelleinen in der Hand des Fahrenden schaukelnd auf den Schenkeln der trabenden Klepper hüpfen. Auf ihren Rücken, um die schwitzenden Flanken, tanzte das Sonnenlicht hin und her, in großen spiegelblanken Flecken; es war doch unerträglich heiß. Die drei Messingringe aus den Kumten wippten blitzend auf und nieder mit dem Schulterriemzeug — auf und nieder — in Schweiß und Staub; — er sah nach der Uhr. Halbzwölf erst; noch eine Stunde so.

Er horchte wieder auf den Takt der Hufe: Schwarzer, Brauner — auf und nieder — auf und nieder, Schweiß und Staub. Ah, jetzt: vorn vor den müden Pferdehälsen kam wenigstens das Dorf schon hoch, wo immer angehalten wurde. Da gab es was zu trinken. Und zu rauchen. Zigarren vergessen! Er gähnte und lehnte sich zurück; noch fünf Minuten.

Das Geschaukel der Pferdeschenkel wurde immer sonderbarer; förmlich arabeskenhaft schwankten die Spiegelwellen der Flanken. Er schloß halb die Augen; das tat ihm wohl. Wie er alldas bewußt genoß! — Am Kumt die Ringe zuckten glitzernd auf und nieder zu ihm her, wie drei große blendende Sterne; auf und nieder — Schwarzer, Brauner — Schwarzer, Brauner, Weiß und Staub.

Er schloß die Augen etwas fester. Die Sterne blitzten immer weißer. Auf und nieder; weiß und taub.

Nein, das war wohl nicht das rechte Wort; es war wohl Gelb. Ja, Gelb. Süßer gelber Lupinengeruch; so wohlig kühl. Es mußte wohl ein Feld wo sein; Lupinenfeld. Das hatte er wohl übersehen vorhin.

Nein, es war wohl doch nicht gelb. Denn es waren ja Narzissen. Ja, Narzissen. Nein, er träumte wohl; nein, nicht! Denn es waren ja drei große, deutliche Narzissensterne — blendend weiß — nein fünf — nein sieben; sieben weiße Strahlenblüten.

Sieben nickende Narzissen; mit purpurgoldnem Krönchen jede. Sieben schlanke Edeldamen, mit wellenkrausen Schläfenhaaren. O, wie schön! Jede mit so grauen Augen; Mutteraugen. Jede hatte um die zarten Arme lange dänische Handschuh’ an; gelbe.

Und verbeugten sich vor ihm, eine nach der andern, mit den weißen Strahlenhüten. Jede bis zur siebenten. Die hielt einen Spiegel; hatte dunkle Augen, dunkelbraune.

Trat die erste vor; sagte ihm ein Wort. Und das war ihr Name, und den hatte er schon gehört; nur besinnen konnt er sich nicht drauf. Sagte auch die zweite ihren Namen; auch die dritte. Schlossen alle mit der Silbe „sinn“, nein „sein“ — Sinn, Sein — auch die vierte, fünfte, sechste; und die purpurgoldnen Krönchen nickten. Nur die siebente war stumm; war blaß; hielt ihm nur den Spiegel hin. Der war blind. Und sie schüttelte den Kopf; und ihr linkes Auge blickte traurig.

Nein, das war doch gar zu lustig: wie ihr Purpurkrönchen wackelte. Denn das war ja gar kein Krönchen: war ein dicker roter Hahnenkamm, wippte in der Sonne. War ein ganzer Hahnenkopf — dicker bunter Hahnenhals — der blähte sich. Schlug mit beiden Flügeln funkelnd durch die Luft — rief ganz laut und deutlich: ücke-rüh-ü-üh!—

Er riß die Augen auf. Wahrhaftig: eben stieß der Omnibus mit härterem Gerumpel auf die ersten Pflastersteine der Dorfstraße, und drüben auf dem einen Hofzaun reckte sich der Hahn und krähte zum zweiten Mal. Der alte Fuhrknecht hob das Stoppelkinn: „jüh, Rackers!“ mit den Zügeln auf die schweißbeglänzten Pferdeschenkel klatschend. Auch die Kleine wurde langsam munter.

Was der Traum wohl zu bedeuten hatte? Ach, bedeuten: Unsinn! Aber wie er wohl entstanden war?

Sollte —: Hahnrei des Bewußtseins? — Hm...

Das Wort des Polen war ihm doch wohl tiefer gegangen, als er damals dachte.

*

Die Abendsonne schien sich heute förmlich zu krümmen, wie vor Durst. Immer dicker wurde der kupferrote Ball, da hinter den Wasserdünsten des sumpfigen Sees am Horizont. Grade zwischen den zwei dicksten alten Pappelstämmen bei der kleinen Straßenbrücke drüben hing das dunkelrote Ungetüm im fernen Grau, dicht unter dem Zittersaum des schwarzgrünen Laubdaches.

So groß und glanzlos hatte er sie niemals sinken sehen. Nur die breiten drei Brechungskeile, mit denen sie Wasser zog, wie die Leute hier sagten, standen stromhell wie aus Goldtopas geschliffen unter der purpurnen Kugel, zeigend daß sie noch Licht gab. Der Mittelkeil war nur ganz kurz noch; wie ein mächtiger Strahlensockel. Vor dem schwellenden Gelb der Seitenschrägen hoben sich die beiden Pappelstämme tiefschwarz ab mit ihren Borkenrändern. Das Laubdach wurde immer dunkelgrüner.

„Wird morgen wieder schwere Hitze geben“, sagte der Alte und trat aus der Haustür zu ihm an den Gartenzaun. „Meine ganzen jungen Kiefern werden noch vertrocknen; schlimmes Jahr!“ Er zeigte mit der Pfeife in das Astwerk der Akazienkrone über ihnen: „Läßt schon Blätter fallen.“ Der Tabaksrauch berührte wirbelnd grade eine der verwelkten Blütentrauben.

„Hast du neue Bienenstöcke, Vater?“

„Einen blos“ — erwiderte der Alte und setzte sich auf die Bank am Zaun. Nun wies er schmunzelnd auf die Kleine, die an der hohen Haustürschwelle neben „Lotte Goldsnut“ hockte. Die Teckelhündin lag, platt alle Viere von sich, wie tot im warmen Sande, und die Kleine war eifrig bestrebt, zwischen die vier Zehen der krummen Vorderpfoten immer drei der abgefallenen Akazienblätter festzuklemmen. Immer wenn sie fertig war mit einer Pfote, streifte sich die Dachsmadam mit der andern die Blätter wieder ab, und das Spiel begann mit Ernst von neuem. Was die Recha nur wollte! die Kleine war ja unglaublich artig.

Jetzt trat die Mutter aus der Tür, in jedem Arm behutsam eine flache Satte voll Dickmilch tragend. Er sprang ihr zur Hand. Wie sich all ihre Runzeln freuten, bis in die liebreichen Augen hinein, als er die eine Schüssel ihr abnahm und sie auf den Gartentisch setzte; richtige Geburtstagsaugen! Und zugleich wars wohl auch die Freude, wie ihrem Ältesten nachher die kühle Labung schmecken würde, so mit Streuzucker drüber und Schwarzbrotkrümeln. Wie die fette Sahne nach dem Eiskeller duftete! Orndtlich winterlich sah die weiche Pelzschicht aus.

„Na, Alterchen?“ ließ sich Mutter hören, Vaters Schneehaar glattstreichend — „soll ich hier decken oder unter der Linde?“

„Lieber hier, Mutting,“ kam er dem Alten zuvor; „hier sieht man die Abendsonne so schön.“ Die rote Scheibe stieß jetzt grade auf den Horizont der Landschaft; der Strahlenfächer war verschwunden.

Der Alte griff sich in den Bart. Sicherlich knurrte er im stillen wieder: „Sentimentaler Krempel!“ Das war ein Lieblingstrumpf von ihm.

„Die Lindenblüte riecht auch zu stark“, meinte mit rascher Abwehr die Mutter; „Abends manchmal ganz betäubend.“ Dann beugte sie sich zu der Kleinen nieder: „na, mein Lämmechen?“ strich ihr die Locken sanft aus der Stirn, sorglich nach dem Alten blickend, und ging wieder ins Haus. Lotte Goldsnut erhob sich.

„Hat ’ne zarte Nase, unser Muttel“, brummte der Alte und griff gemächlich an sein eigenes Vorgebirge, eine dicke Wolke von sich paffend; „krigt’s schon mit den Nerven.“

„Ovater“ — kam auf einmal die Kleine hinter der Teckelhündin herangependelt — „bist du der Weihnachtsmann?“

„Woll, mein Mäuschen!“ und er nickte belustigt. Tief nachdenklich sah sie ein Weilchen auf die eine Schüssel hin, durch deren dunkelgrüne Glaswand der weiße Inhalt schimmerte. Dann ging sie wieder an die Schwelle, wo die verblichenen Akazienblätter auf dem sandigen Boden lagen.

„Muß doch mal im Hofe nachsehn“ — sagte der Alte und stand auf — „ob die Juno etwa los ist; das Schindluder hat mir neulich einen von den jungen Hähnen abgewürgt.“ Er reckte sich. „Kann das Volk auch gleich in den Stall bringen.“ Er schritt ins Haus. Lotte Goldsnut wackelte ihm nach.

Die Sonnenkugel war jetzt nur noch mit dem oberen Drittel sichtbar, wie das rote nackte Augenschild eines riesigen Birkhahns. Nun wurde sie verdunkelt, fast verdeckt, von dem strotzenden Euter der grauen Leitkuh, die eben mit der Heerde drüben von der nahen Weide kam. Um die schweren Bäuche stieg der Staub der Landstraße auf. Der lahme Spittelhirt des Städtchens hinkte barfuß hinterdrein. Durch das hohlere Getön der Brückenbohlen klang die Kupferglocke am Hals der Vorderkuh. Zum Brüllen war die Heerde wohl zu satt. Die Mäuler kauten noch.

Nun war die Sonne blos noch ein fasriger Rand, wie ein glühender Wimpernbogen; das machten wohl die Binsen und das Röhricht in der Ferne. Man konnte fast mit den Augen verfolgen, wie sie Strich für Strich untertauchte. Er warf die ausgegangene Zigarre weg und stützte sich fester auf den Zaun. Jetzt verglomm der letzte Strich, grade oberhalb der einen Pappelsohle, wie hineingeschrumpft. Es wurde plötzlich etwas heller. Die fahle Dunstwand schien sich abzukühlen. Das dumpfe Rotgrau lockerte sich zart ins Grünliche. Durch die stummen Pappeln, von Haupt zu Haupt das Fließ entlang, wagte sich ein Lüftchen; noch beklommen. Jetzt: die trägen Blätter fingen an zu munkeln.

Er fuhr auf: eine verspätete Biene, von der Linde her, vorbei zu Korbe. Ob sein Vater die Feierstunde der Natur auch so ins Einzelne mitfühlte? Mit so sinnlicher Andacht? Nein. Das war wohl Neugehirn. Neue Sinnlichkeit. Auch neue Wissenschaft.

Aber doch: er hatte ihn einmal sagen hören: „Der Kiefernhochwald, aber Schnee muß liegen, das ist meine Kirche!“ Aber eben: Kirche: Unnatur! — Da, da drüben die Pappelblätter, oben an der höchsten Spitze, wie sie schwärzlich im blassen Luftblau hingen, jeder Rand von einem zarten, zitternden Flimmerschein umwirkt: wars nicht tief feierlich zu wissen, daß sich da jetzt von unten her die letzten scheidenden Sonnenstrahlen durch den Atemduft des warmen Laubes in der Abendkühle goldhell brachen.

„Hater —“ fragte plötzlich die Kleine und schob sich bedächtig auf die Bank, ihr Schürzchen von sich haltend, das sie mit Akazienblättern vollgesammelt hatte — „sind die Bäume müde, Vater?“ Ihre Augen blickten, weit und träumerisch geöffnet, über den Tisch weg nach den Pappeln. „Wie die Menßen ’tehn sie da.“

Er mußte nicken; wortlos. Wie die Menschen! O Kindermund.

Das mußte er der Mutter sagen; das war ein Wort aus ihrem Geist. Die Kleine saß immer noch träumerisch; leise trat er in den Hausflur. Und auch den Narzissentraum ihr sagen! Ja, und dem Alten helfen seine Hähne einsperren; das nahm er immer sehr hoch auf.

Die Küche war offen. Die Mutter stand am Herd, eben einen Eierkuchen in der zischenden Pfanne wendend. Nein, das war nicht die rechte Stimmung; lieber morgen Vormittag im Garten. „Ah —“ sog er unwillkürlich den Geruch des brutzelnden Gebäckes ein.

„Mein großer Junge!“ lachte sie und griff ihm liebkosend durch den Kinnbart. „Hast wohl schönen Hunger von dem langen Spaziergang?“

„Wo die Juno blos stecken mag!“ wetterte der Alte, aus dem Hühnerhof in die Küche tretend; mit dem Helfen wars also auch nix. „Fängt auf ihre alten Tage zu jagen an; muß ihr mal ’ne Ladung Schrot aufsengen, Kantschu scheint nicht mehr zu ziehen.“ Er war ganz rot vor Ärger; wie seine Hähne. „Hast du sie nicht bemerkt Nachmittag?“

„Nein, Vater.“

„Konnt mirs denken“, ging das Sticheln los; „liegst ja immer gleich im Grase fest.“ Schwerenot, was ihn das wohl anging!

„Fertig, Kinderchen“ — rief die Mutter und nahm das Gedeck zur Hand, ihm die Teller reichend.

Gottseidank! atmete er auf, wieder hinaus ins Freie tretend; der Alte hinterdrein mit den Eierkuchen. Aber was war das? das war ja ’ne nette Bescherung! Auf dem Gartentisch, mitten drauf, saß sein Töchterlein, eifrig bestrebt, die sandigen Akazienblätter in verschiedenen schönen Kringeln auf dem weißen Sahnenpelz der dicken Milch zurechtzulegen; eben wollte sie die zweite Satte in Angriff nehmen.

„I du Balg!“ Er besann sich; nur keinen Wutausbruch! Weswegen auch? eigentlich wars doch zum Lachen! Er nahm sich zusammen und sprach mit Nachdruck: „Das war aber unartig von dir!“

Sie sah ihn groß von der Seite an. „Das war darnicht una’tig von mir!“

„Kiek!“ machte der Alte in der Haustür, und der Kobold stach aus den stahlblauen Augen.

Wollte er ihn vielleicht gar foppen? Na warte! Er stellte die Teller hin. „Komm mal runter!“ sprach er und trat vor sein Kind.

„Nein!“ stemmte sie die Arme auf. I zum Donner, da sollte doch gleich—

„Kiek!“ kams abermals von der Haustür her; „Respekt scheint sie nicht viel zu haben.“

„Braucht sie auch nicht! Verlange ich nicht! Ich schlage meine Kinder nicht!“ Verdammt: wie war das aus ihm herausgeplatzt? Hätt er das Balg blos nicht mitgebracht!

„Nna“, knurrte der Alte mit Seelenruhe: „die Köter fressen ja dicke Milch auch ganz gern. Komm, Lotte“ — pfiff er der Dachshündin, die sich eben durch den Zaun schlängelte. Was war der Jöhre blos aus einmal so hinterrücks in den Kopf gekrochen?!

„Komm mal her, mein Schäfchen,“ legte sich jetzt die Mutter ins Mittel und lächelte. Der Alte streichelte die Hündin, die bereits in der fetten Sahne schleckte. „Komm, mein Schäfchen; komm her zu mir.“

„Will aber nich!“ bockte sie erst recht, die Finger um den Tischrand klammernd. Jetzt riß ihm aber bald die Geduld!

„Na, Herzchen,“ lockte die Mutter wieder: „wirst doch nicht wieder wunderlich sein?“

Ah: am Nachmittag also auch schon?! Was sollte der Alte denn von ihm denken!

„Vater haut nich“ — stemmte sie sich noch fester.

Teufel, das war denn doch zu bunt! „Willst du jetzt gleich herunterkommen?!“

„Nein!“

„Detta?!“

„Nein!“

Wie sie festhielt! Warte, Kröte! Strampelst noch? Und mit den Beinen stoßen? — „Laß, Mutter! laß mich!“ schrie er wütend. Und wie das blanke Fleisch sich wand! Wie’s klatschte! Wie die Hand ihm brannte! Wie der Racker brüllte! Warte, Satan!—

„Na, na! so grob gleich?“ hörte er plötzlich den Alten; wie aus einem Nebel her.

„Kanalje!“ keuchte er — „marsch!“ und besann sich. Ganz knallrot, ja, war das Fleisch gewesen; knallrot wie ein Hahnenkamm. Und — Hahnrei des Bewußtseins! schoß ihm das Blut in die Schläfen; verdammt ja, wie eine Ohrfeige.

Hatte sie’s verdient? fragte etwas in ihm. Sie stand muckstill, mit den Tränen kämpfend. Was würde Recha sagen? Er schämte sich.

„Hab sie Nachmittag auch schon mal striegeln müssen,“ kams wieder von der Haustür her. Kreuzdonner — „Na, entschuldige nur! Blos mit der Rute ein bißchen auf die Finger.“

So —: deswegen also „Weihnachtsmann“?! und darum war sie vorhin so sonderbar artig?! — Er konnte nicht anders, er mußte lachen. Und auf einmal lachten sie alle zusammen.

Der Werwolf

Inhaltsverzeichnis

Erzählung

An einem sehr nebligen Oktober-Abend sprach sich in dem entlegensten Vorort einer norddeutschen großen Handelsstadt die unheimliche Kunde herum, der Apotheker des Ortes sei auf der Eisenbahn während der Rückfahrt aus der Stadt von einem Raubmörder erschossen worden. Es war das ungefähr um dieselbe Zeit, als in einem Vorort der deutschen Reichshauptstadt Berlin ein aus dem Zuchthaus entlassener Schustergeselle die ganze zeitunglesende Menschheit zu unvergeßlichem Gelächter bewegte, indem er kraft einer abgetragenen preußischen Offiziersuniform nebst dazu passender Körperhaltung den versammelten Magistratspersonen die hirnberückende Vorstellung eingab — oder, wie die gebildeten Deutschen sich damals ausdrückten, suggerierte — er solle auf allerhöchsteignen Befehl Seiner Majestät des Kaisers den obrigkeitlichen Geldschrank ausräumen. Auch in jener norddeutschen Villenkolonie war über den musterhaften Gaunerstreich dieses sogenannten Hauptmanns von Köpenick, bei aller damals üblichen Ehrfurcht vor der Würde und Weisheit der Staatsvertreter, noch am Tage des Mordes reichlich gelacht worden; nun aber geriet die Einwohnerschaft, die größtenteils aus begüterten Kaufleuten und gutgestellten Beamten bestand, in eine zunehmende Ernsthaftigkeit. Fast alle mußten sie täglich zur Stadt fahren, um ihren Geschäften nachzugehen; jeder von ihnen sagte sich also, es hätte ihm nach erfüllter Berufspflicht, während er als gebildeter Bürger eines gesitteten Staatswesens auf dem besteuerten Bahnwagenpolster in den wohlverdienten Genuß einer Zeitung oder eines kleinen Schlummers versunken saß, genau desgleichen ergehen können wie dem bemitleidenswerten Apotheker, ja es könnte vielleicht sogar noch geschehen. Denn der Gemordete wurde begraben, ohne daß von dem Raubmörder auch nur die geringste Spur entdeckt war; und wochenlang setzten die städtischen Waffenhändler erstaunliche Mengen von Taschenrevolvern, Stockdegen, Schlagringen und andern Verteidigungswerkzeugen an die erregte Bevölkerung der sämtlichen umliegenden Ortschaften ab, während zugleich bei der Bahnverwaltung die verschiedensten dringlichen Sicherheitsvorschläge zum Umbau des ganzen Wagenparks einliefen, und bei der Polizeidirektion die mannigfachsten Verdachtsanzeigen, die immer weniger zur Ergreifung des Mörders und immer mehr zur Erregung der Bürgerschaft beitrugen.

Es ließ sich einstweilen nur ermitteln, daß auf der Böschung der Vorortbahn unweit der letzten Haltestelle ein alter Kavallerie-Revolver mit zwei abgeschossenen, zwei noch geladenen und zwei ungeladenen Patronenkammern die Mordtat sowohl wie die Flucht des Täters hinlänglich bezeichnete; auch fanden die Untersuchungsbeamten in nächster Nähe des Mordwerkzeuges die goldene Uhr und Kette des Apothekers, und in dem Bahnwagen hatte bei dem Gemordeten seine entleerte Banknotentasche blutbefleckt auf dem Polster gelegen. Augenscheinlich also war der Verbrecher nach der planvoll durchgeführten Beraubung während der Fahrt aus dem Wagen gesprungen, hatte die Tür wieder zugeschlagen, den Revolver im Sprunge fallen gelassen und dabei in der Hast auch die Uhr verloren; oder er hatte Uhr wie Revolver, um sich nicht später dadurch zu verraten, absichtlich sofort aus der Hand geworfen. Eine Fußspur war aus dem Graswuchs der Böschung nirgends zu erkennen gewesen, und in dem dichten Nebel konnte der Täter sehr leicht noch an demselben Abend nach dem Hafen der Handelsstadt auf offener Straße entkommen sein, hatte sich erst wohl unterwegs an irgend einem Feldteich gesäubert und war dann vermutlich mit falschen Papieren auf einem der vielen Auslandschiffe als Kohlenschipper oder dergleichen schon nächster Tage in See gegangen. Die meisten Umwohner wollten freilich aus allerlei Meldungen entnehmen, er streife noch heimlich im Lande herum; und da der massenhafte Vertrieb von Taschenwaffen jeder Art natürlich etliche freche Burschen zu neuen Gewalttaten anreizte, so schob sie der allgemeine Argwohn immer wieder auf den entschlüpften Raubmörder, obgleich diese ungeübten Gelegenheitsräuber stets bald der Polizei in die Hände fielen. Im übrigen blieben alle Nachforschungen, auch Zeitungsaufrufe und Säulenanschläge, ob irgendwer im deutschen Reich einen alten Kavallerie-Revolver kürzlich an irgendwen verkauft habe, trotz ausgesetzter Belohnung erfolglos; man mußte leider den Schluß ziehen, daß der Verbrecher die Waffe wohl schon in seiner militärischen Dienstzeit irgendwie beiseite gebracht und für seine spätere Laufbahn aufbewahrt hatte.

Was die Bevölkerung ganz besonders erregte, war der sehr viel Gesprächsstoff bietende Umstand, daß der erschossene Apotheker, trotzdem ihm der eine Schuß die Schläfe durchbohrt, der andre die Schädeldecke zerschlagen hatte, noch lebend, wenn auch bereits bewußtlos in dem Bahnwagen aufgefunden ward. Die ärztliche Leichenschau ergab, daß die Bewußtlosigkeit wahrscheinlich erst einige Minuten nach der Verwundung unter heftigen Schmerzen eingetreten war; und jedermann suchte sich nun zu vergegenwärtigen, was für Gedanken dem Unglückseligen in seinen letzten Augenblicken durch das zerfetzte Gehirn gestürmt sein mochten. Dies umso angelegentlicher, als der Entseelte bei Lebzeiten in der Ausübung seines Berufes fast jedem einzigen Ortsinsassen mehr oder minder nahe gekommen und auch als Persönlichkeit weit beliebt war: ein sanfter, schmiegsamer, schlanker Herr mit einem blonden Christuskopf und — was bei seiner Aufgeklärtheit manchem verwunderlich erschien — von förmlich gottgläubiger Frömmigkeit. So legten denn alle Nachdenklichen sich selbst und Andern die Frage vor, wie wohl das Gottvertrauen des Apothekers die letzte kurze Bewußtseinsfrist nach dieser gräßlichen Lebenserfahrung innerst bestanden haben möge, zumal da bekannt geworden war, daß die Witwe beim ersten Anblick des Toten nur die verzweifelten Worte herausgebracht hatte: „es gibt keinen Gott, es gibt keinen Gott!“ Auch daß sie den ziemlich hohen Betrag von 150000 Mark, auf den der knapp vierzigjährige Mann erst unlängst sein Leben versichert hatte, und welchen ihr die Versicherungsgesellschaft unverzüglich überwies, mit keinerlei Regung des Trostes entgegennahm, sondern vor Schluchzen kaum zu quittieren vermochte, gab der gemütvollen Bürgerschaft zu vielen teilnehmenden Reden Anlaß. Das menschliche Mitgefühl der Bevölkerung[2q] erstreckte sich so weit in die Runde, daß der Friedhofsgärtner nach der Beerdigung reichliche vierzehn Tage brauchte, um die Gräber und Beete wieder zurecht zu machen, die unter dem nicht zu hemmenden Andrang von Leidtragenden jeden Alters und Standes, einheimischen und auswärtigen, zertreten oder zerrauft worden waren. Und noch mehrere Wochen nach dem Ereignis konnte man in der ganzen Gegend keiner gebildeten Unterhaltung beiwohnen, die nicht schließlich zu der Erörterung führte, ob dem verewigten Apotheker, falls es ein Fortleben über das Grab hinaus gäbe, die Nichtentdeckung seines irdischen Mörders als ein völlig sachgemäßes Verfahren der himmlischen Gerechtigkeit einleuchten würde.

Da geschah es an einem schönen Nachmittag, daß ein Gemüsehändler des Ortes, der seine Mistbeete für den Winter herrichtete, durch eine Gartenhecke hindurch ein sonderbares Gespräch mit anhörte, das zwischen dem Eigentümer des Nachbarhäuschens und dessen einzigem Freunde stattfand. Dieser Nachbar war allen Leuten ein Rätsel. Als früherer Eisenbahnschaffner hatte er infolge einer Zugentgleisung eine leichte Kopfverletzung erlitten, von der ihm, wenn sein Gebaren nicht trog, eine dauernde Geistesstörung verblieben war, zwar keine richtig irrsinnige, aber die ihn nach Meinung der Ärzte doch dienstunfähig erscheinen ließ; und so hatte er vor Gericht erlangt, daß ihm die Bahnverwaltung den Abschied nebst angemessenem Sühnegeld und — bis sein Geist vielleicht wieder dienstfähig würde — auch Ruhegehalt bewilligen mußte. Nun tat er von Morgens bis Abends nichts weiter, als daß er vor seinem dürftigen Häuschen, für dessen Erwerbung das Sühnegeld draufgegangen war, in verbiesterter Weise hin und her schritt. Zu jeder Tages- und Jahreszeit, bei schlechter wie guter Witterung, marschierte er da in dem schmalen Raum zwischen Hauswand und Straßenhecke wie ein Wolf im Käfig auf und ab, mit verwildertem buschigem rotbraunem Bart, beide Fäuste in die Taschen vergraben, die Mütze tief ins Gesicht gedrückt und scheu die Vorübergehenden musternd, manchmal mit mißtrauisch zugekniffenen, manchmal mit feindselig aufgerissenen Augen; sodaß die Leute im Ort schließlich sagten, wenn er nicht wirklich geisteskrank sei, müsse er es bei dieser Art Übung allmählich bis zur Vollkommenheit lernen. Außer zu seinen Mahlzeiten und sonstigen häuslichen Geschäften, die seine Frau nicht für ihn verrichten konnte, wies sein öffentlicher Lebenswandel nur dann eine Unterbrechung auf, wenn in der Nachbarschaft irgend ein Todesfall vorkam oder auch blos zu erwarten stand. Dann verschwand er sofort aus dem Straßengärtchen, schloß sich Tagelang in seine Schlafkammer ein oder trollte während der Leichenzeit, wie ein von bösen Geistern Verfolgter, in den dichten Haidegehölzen herum, die an den Friedhof angrenzten. Deswegen hatte ein Lehrer der Ortsschule, der sich in seinen Mußestunden mit Abhandlungen über Gespenstersagen und Schauermärchen beschäftigte, einmal am Biertisch im Scherz geäußert, der rätselhafte rotbärtige Kerl werde sich noch als Werwolf entpuppen; und dieses hingeworfene Wort war als Spitzname an ihm hängen geblieben und dermaßen gang und gäbe geworden, daß kein Kind sich allein in die Haide wagte, aus Furcht, vielleicht von dem wilden Mann überfallen und abgewürgt zu werden.

Ob der Werwolf selbst merkte oder ahnte, was über ihn gemunkelt wurde, das wußte wohl nicht einmal seine Frau; denn zu Gesprächen neigte er nicht, sondern gab auf Anreden entweder garnichts oder höchstens ein unwirsches Knurren zurück. Nur ein kleiner krötiger buckliger Flickschneider, mit dem sich sonst niemand recht einlassen mochte, hatte sich an ihn angenistet und verstand ihm zuweilen ein paar Worte oder gar ein Schmunzeln abzugewinnen. Das passierte allerdings selten genug, und blos an besonders schönen Tagen; denn des Flickschneiders elenden Knochenbau flog beim leichtesten Lüftchen das Zipperlein an, und außerdem war er so schwach auf den Beinen, daß er dem unermüdlichen Werwolf kaum ein halbes Stündchen lang Schritt halten konnte. Geschah es aber, dann schien sich dieser voll tiefen Behagens daran zu weiden, wie das kleine klägliche Klümpchen Unglück mit seinem bartlosen Unkengesicht und seiner keuchenden Kläfferstimme da neben ihm hin und her hampelte, und wie die Leute das seltsame Freundespaar verstohlen von ferne besichtigten. An einem solchen schönen Nachmittag also — es war ein ungewöhnlich milder November — vernahm der erwähnte Gemüsehändler, hinter der Gartenhecke knieend, wie der Flickschneider plötzlich den Werwolf fragte, ob er nicht früher, vor seinem Eisenbahndienst, Sergeant oder so’was gewesen sei. Und als der mißtrauisch antwortete, er könne sich nicht mehr an alles erinnern, zog der Andre ein Zeitungsblatt aus dem Rock, das den berüchtigten Kavallerie-Revolver in größengetreuer Abbildung zeigte, und fragte mit pfiffiger Miene weiter, ob er sich hieran vielleicht erinnern könne; worauf der Werwolf erst wie entgeistert stillstand, dann in ein schreckliches Toben und Schluchzen ausbrach und den Krüppel wahrscheinlich entzweigemacht hätte, wäre nicht die Frau aus dem Hause dazwischengestürzt und auch der Gemüsehändler zu Hilfe geeilt. Natürlich meldete dieser den Vorgang ohne Aufschub der Polizei, und am andern Morgen wurde der Unhold von zwei Gendarmen zur Stadt befördert und ins Untersuchungsgefängnis gesteckt.

Beim Verhör erklärte zunächst der Flickschneider mit untertänigstem Selbstgefühl, daß er sich feierlich dagegen verwahren müsse, als Freund des Verhafteten zu gelten. Er sei ein unbescholtener Staatsbürger und habe sich mit dem verdächtigen Menschen lediglich deshalb abgegeben, um heimlich dabei herauszustudieren, ob derselbe in Wirklichkeit verrückt sei oder blos immerfort so tue. Die verfängliche Frage nach dem Revolver habe er eigentlich nur gestellt, weil einem solchen heimtückischen Müßiggänger doch alles zuzutrauen sei. Er wolle keineswegs die Behauptung aufstellen, daß der Werwolf den Apotheker umgebracht habe; es bleibe ja immerhin die Möglichkeit, daß derselbe den greulichen Wutanfall aus reinem Ärger über die Frage gekrigt oder auch blos geheuchelt habe. Aber er möchte doch nicht verfehlen, die Aufmerksamkeit der hohen Behörde auf den bedenklichen Umstand hinzulenken, daß der Verhaftete am Tage des Mordes schon seit dem Mittag verschwunden gewesen und erst wieder am Tage nach dem Begräbnis vor seiner Haustür erschienen sei. Wenn sich also derselbe nach alledem vor dem hohen Gerichtshof als schuldig erweisen sollte, so möchte er — und bei diesen Worten blies sich des Flickschneiders Busenwölbung wie ein Truthahn vor dem ebenfalls verhörten Gemüsehändler auf — ganz ergebenst befürworten, daß er allein den vollen Anspruch auf die für die Entdeckung des Mörders ausgesetzte Belohnung erheben dürfe. Der Beschuldigte saß währenddem mit gänzlich verstocktem Gesichtsausdruck da; nur als sein Verschwinden zur Rede kam, geriet er in merkliche Unruhe, und sein zusammengebissener Mund schien wieder mit inneren Tränen zu kämpfen. Doch bewirkte seine Vernehmung nichts weiter, als daß er hartnäckig leugnete oder zumeist blos den Kopf schüttelte, beständig die Augenbrauen runzelnd, wie wenn er die Sache nicht recht begriffe. Und da seine Frau nur in einem fort aussagte, sie könne sich hoch und teuer verschwören, daß sie nie einen solchen oder andern Revolver an ihrem Mann beobachtet habe, so mußte das lebhafte Rechtsbedürfnis der aufs stärkste gespannten Zeitungsleser einstweilen damit zufrieden sein, sich in neue entrüstete Leitartikel über die öffentliche Unsicherheit im allgemeinen, wie über den unheimlichen Werwolf und sein jahrelang freies Herumgerenne im besonderen zu vertiefen.

Indessen ergab der Fortgang der Nachforschungen, daß der Beschuldigte um die Zeit, als Revolver des vielgenannten Systems in der Armee geführt wurden, tatsächlich Sergeant gewesen war, und zwar bei der reitenden Artillerie; auch daß er sich wirklich zur Stunde des Mordes nicht in seiner Behausung befunden hatte. Vor allem aber gelang es dem Flickschneider, der inzwischen zusehends in der Achtung der teilnahmvollen Bürgerschaft stieg und von Tag zu Tag mehr Zuspruch gewann, durch eifrige Umfragen festzustellen, daß die Frau des Verhafteten schon seit Jahren bei sämtlichen Krämern und Händlern des Ortes, bei Schlachtern, Bäckern und Handwerksleuten, beträchtliche kleine Schulden gemacht und ihren Mann für sein lumpiges Ruhegehalt und seine schuftige Faullenzerei — das waren ihre eigenen Worte — einmal laut vor den Nachbarn ausgeschimpft hatte; und außerdem war sie am Tag vor dem Raubmord in der Familie des Apothekers beim Aufscheuern mitbeschäftigt gewesen, sodaß sie von dessen Bahnfahrt zur Stadt wohl irgend etwas vorausgehört und dem Werwolf hinterbracht haben konnte. Es zweifelte demnach niemand mehr, daß dieser sein kärgliches Gnadenbrot, sei es mit, sei es ohne Wissen der Frau, durch den blutigen Handstreich hatte aufbessern wollen und die geraubten Banknoten noch irgendwo verborgen hielt; geteilter Meinung war man einzig darüber, ob er den ruchlosen Entschluß aus echtem Irrsinn gefaßt haben mochte oder immer nur wieder in der Berechnung, daß sich bei standhaft geheuchelter Geistesstörung jede Schandtat ungestraft ausführen lasse.

Zur großen Befriedigung sämtlicher Wohlgesinnten schien durch die nächste Gerichtsverhandlung, die eine öffentliche war, die letztbesagte Meinung bestätigt zu werden; denn als dem Verhafteten all jene Einzelheiten seiner verdächtigen Lebensführung der Reihe nach vorgehalten wurden, war deutlich zu sehn, wie der handfeste Mann aus seiner gewohnten Halsstarrigkeit allmählich gleichsam herausstrauchelte und schließlich einen hilflosen Blick auf den freundlich lächelnden Staatsanwalt warf. Und als dieser den Blick — was in damaliger Zeit ganz erstaunlich an einem Staatsanwalt war — ohne Strenge erwiderte, vielmehr den erschütterten Angeklagten mit herzgewinnender Stimme fragte, ob er nicht endlich sein Gewissen erleichtern und durch ein mutiges Geständnis vor Gott und den Menschen reinigen wolle, da übermannte den Werwolf ein solches Weinen, daß die meisten Damen im Zuschauerraum, sogar auch die Witwe des Apothekers, nicht anders konnten und laut mitweinten. Das alles aber machte ihn dermaßen wirr, daß er vor fassungslosem Stammeln kein klares Wort zu entgegnen wußte, sondern nur krampfhaft, während die Tränen ihm in den zitternden Bart niederrollten, bald Ja und bald Nein aus der Kehle würgte, bald mit zerknirschten Geberden nickte, bald widerspenstig den Kopf schüttelte. Mehr war aus ihm nicht herauszubringen; und also mußte er, bis sein Gewissen zum vollen Geständnis gereift sein würde, oder bis andere sichere Anzeichen für seine Schuld zutage kämen, in die Untersuchungshaft zurückgeführt werden.

Während sich nun die Bevölkerung zwar im Grunde bereits beruhigt fühlte, aber sich umso gründlicher der immer noch schwebenden Sorge annahm, ob der Gerichtshof den Verbrecher füglich zum Tode verurteilen dürfe oder blos lebenslänglich ins Irrenhaus sperren, ward der sittlichen Spannung der Gemüter durch zwei fast unglaublich widerspruchsvolle, jedoch polizeilich verbürgte Zeitungsberichte ein wahrhaft erschreckliches Ziel gesetzt. Der erste Bericht verkündigte nämlich, daß sich der Werwolf frühmorgens nach jener Verhandlung an einem abgerissenen Hemdärmelstreifen in seiner Haftzelle erhängt und auf die Kalkwand der Zelle die Worte gekritzelt hatte: „Ich kann nicht mehr. Ich weiß nicht mehr. Gerechter Himmel, es gibt einen Gott.“ Wohingegen der zweite Bericht besagte, daß der Staatsanwalt am selben Vormittag von dem Anwalt der Apothekerswitwe einen langen Eilbrief empfangen hatte, demzufolge der Werwolf nicht der Mörder, sondern ihr Gatte ein Selbstmörder war. Und zwar wußte die schwergeprüfte Dame dies schon seit dem ersten Anblick der Leiche, da ihr zugleich von den Untersuchungsbeamten der Kavallerie-Revolver gezeigt und von ihr als Eigentum des Toten, aus seinem — wie man es damals nannte — freiwilligen Militärjahr her, an einem Rostfleck erkannt worden war. Um indessen — so legte ihr Anwalt dar — den guten Ruf des Dahingegangenen, sowohl den moralischen wie besonders den christlichen, ihrer ehelichen Pflicht gemäß nach Kräften aufrecht zu erhalten, habe sie voller Selbstverleugnung so lange wie möglich zu schweigen versucht und deshalb auch die Versicherungssumme ohne Widerspruch hingenommen, zumal ihr Anrecht nach dem Vertragswortlaut als unanfechtbar gelten könne. Da aber nunmehr ein Unschuldiger für die blutige Tat scheine büßen zu sollen, und da inzwischen auch durch die Versicherungsgesellschaft bedauerlicherweise ermittelt worden, daß der Dahingegangene sein Vermögen in Börsenspekulationen verspielt und demnach vermutlich die Ermordung nur zu dem Zweck veranstaltet habe, seine Familie vor dem Bankrott zu retten, so glaube Klientin die traurige Wahrheit nicht länger unterdrücken zu dürfen. Dieselbe gebe der Hoffnung Raum, daß, möge ihr Gatte auch schwer gefehlt haben, das allgemein menschliche Mitgefühl doch seinen furchtbaren Opfertod als genügende Sühne anerkennen und nicht noch seine Namenserben denselben entgelten lassen werde. Welcher Hoffnung dann in der Tat sowohl der freundliche Staatsanwalt wie die gemütvolle Bürgerschaft aufs offenherzigste entsprach, besonders als man noch erfuhr, daß sich die wohlgesinnte Witwe mit der Versicherungsgesellschaft gütlich geeinigt und ein Drittel der empfangenen Summe in aller Stille zurückgezahlt hatte.

Für den erhängten Werwolf freilich war ihr Bekenntnis leider Gottes einige Poststunden zu spät gekommen. Aber zum Glück war vorauszusehen, daß sich die Witwen der beiden Selbstmörder, da die zweite die erste gerechterweise auf Entschädigung verklagen konnte, im stillen ebenfalls gütlich einigen mußten. Auch blieb ja immerhin unentschieden, ob sich der Werwolf nicht doch vielleicht, als er an jenem Tag seine Wohnung verließ, mit der sträflichen Absicht getragen hatte, den Andern meuchlings auszurauben; und jedenfalls ließ sich gewissermaßen eine Art höherer Gerechtigkeit in dem sonst peinlichen Umstand entdecken, daß dieser auf Staatskosten lebende Heuchler, dessen schlechtes Gewissen ihm nicht einmal den ruhigen Genuß seiner Rente erlaubte, sich kurzerhand selbst gerichtet hatte. Viel erschrecklicher war dem gebildeten Teil der überraschten Bevölkerung die ungeheure Verstellungskraft, die den sanften gottgläubigen Apotheker bis zur letzten Minute befähigt hatte, den Schein des Raubmordes herzustellen und Revolver nebst Uhr noch im Todeskampf aus dem Bahnwagenfenster herauszuschleudern. Doch am allerbedenklichsten war die Ungewißheit und bot jedem gründlichen Zeitungsleser noch auf lange Zeit reichlichen Gesprächsstoff, ob der Werwolf nun doch zuguterletzt, laut seiner rätselhaften Wandinschrift, in wirklichen Irrsinn verfallen sei und sich, dem freundlichen Staatsanwalt folgend, für den Mörder gehalten habe. Den Feinden der bürgerlichen Ordnung natürlich erschien das als ausgemachte Gewißheit; ja, ein ruchloser Schriftsteller jener Zeit nannte es gradezu einen Staatsfall und ein fast noch musterhafteres Beispiel von hirnberückender Eingebung — oder, wie die gebildeten Deutschen sich damals ausdrückten, Suggestion — als das des berühmten Hauptmanns von Köpenick.

Der Menschenkenner und sein Gleichgewicht

Inhaltsverzeichnis

Novelle aus dem Innern eines Misanthropen

Jan Goderath war sein Name; und er war stolz auf den Namen. Er hatte ihn wieder zu Ehren gebracht, als kein Mensch mehr dem alten Handelshaus traute. Und nun ging er hier durch die fremde Stadt, die ihn plötzlich an jene Leidenszeit mahnte, und konnte sich seinen Trübsinn nicht deuten; die ganze Stadt schien in Trauer versunken.