Die Eliteeinheit Benjamin und Kilian - B. H. Bartsch - E-Book

Die Eliteeinheit Benjamin und Kilian E-Book

B. H. Bartsch

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Beschreibung

Nach einer schmerzhaften Erfahrung in seinem frühen Erwachsenenalter beschließt der Bärenwandler Benjamin, niemals seinen vorherbestimmten Gefährten finden zu wollen. Doch Jahre später stellt ihm das Schicksal ein Bein und ihm wird klar, dass er in dieser Sache kein großes Mitspracherecht hat. Denn er begegnet einem Mann, der ihn lockt wie ein Glas Honig. Emotionen erwachen, die Ben vor langer Zeit tief in seinem Herzen eingeschlossen hat. Verdammtes Schicksal. Vor ein paar Jahren hat Kilian eine Aufgabe übernommen, die für ihn nicht nur eine Herzensangelegenheit ist, sondern seitdem auch seinen ganzen Alltag bestimmt. Er ist glücklich mit seinem Leben und sein Sohn ist ein wunderbarer kleiner Junge. Doch plötzlich holt ihn seine Vergangenheit ein und er sieht sein inzwischen stabiles Leben wie ein Kartenhaus zusammenfallen. Ereignisse, die er nicht beeinflussen kann, brechen über ihn herein und zwingen ihn, um Hilfe zu bitten. Und zwar den Mann, der ihm deutlich zu verstehen gibt, dass er ihm lieber aus dem Weg gehen würde. Bekommen die beiden ihre Ängste von früher in den Griff? Schaffen sie es, Hand in Hand, der Gefahr aus Kilians Jugend zu trotzen, um die kleine Familie zusammenzuhalten? Das ist der dritte Teil der Eliteeinheit-Reihe. Die Geschichte ist in sich abgeschlossen. Allerdings zieht sich eine Nebengeschichte, die ihren Ursprung im ersten Band findet, durch die nächsten Bände. Jeder weitere Band der Reihe bezieht sich auf ein neues Paar und ist einzeln für sich lesbar. Diese Geschichte hat knapp 61.000 Wörter. Teil 1 – Die Eliteeinheit – Daniel und Tiago Teil 2 – Die Eliteeinheit – Noeh und Jérôme Teil 3 – Die Eliteeinheit – Benjamin und Kilian  

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B. H. Bartsch

Die Eliteeinheit Benjamin und Kilian

Band 3

BookRix GmbH & Co. KG81371 München

Klappentext

Nach einer schmerzhaften Erfahrung in seinem frühen Erwachsenenalter beschließt der Bärenwandler Benjamin, niemals seinen vorherbestimmten Gefährten finden zu wollen. Doch Jahre später stellt ihm das Schicksal ein Bein und ihm wird klar, dass er in dieser Sache kein großes Mitspracherecht hat. Denn er begegnet einem Mann, der ihn lockt wie ein Glas Honig. Emotionen erwachen, die Ben vor langer Zeit tief in seinem Herzen eingeschlossen hat. Verdammtes Schicksal.Vor ein paar Jahren hat Kilian eine Aufgabe übernommen, die für ihn nicht nur eine Herzensangelegenheit ist, sondern seitdem auch seinen ganzen Alltag bestimmt.Er ist glücklich mit seinem Leben und sein Sohn ist ein wunderbarer kleiner Junge. Doch plötzlich holt ihn seine Vergangenheit ein und er sieht sein inzwischen stabiles Leben wie ein Kartenhaus zusammenfallen. Ereignisse, die er nicht beeinflussen kann, brechen über ihn herein und zwingen ihn, um Hilfe zu bitten. Und zwar den Mann, der ihm deutlich zu verstehen gibt, dass er ihm lieber aus dem Weg gehen würde.Bekommen die beiden ihre Ängste von früher in den Griff? Schaffen sie es, Hand in Hand, der Gefahr aus Kilians Jugend zu trotzen, um die kleine Familie zusammenzuhalten?Das ist der dritte Teil der Eliteeinheit-Reihe. Die Geschichte ist in sich abgeschlossen. Allerdings zieht sich eine Nebengeschichte, die ihren Ursprung im ersten Band findet, durch die nächsten Bände. Jeder weitere Band der Reihe bezieht sich auf ein neues Paar und ist einzeln für sich lesbar.Diese Geschichte hat knapp 61.000 Wörter.Teil 1 – Die Eliteeinheit – Daniel und TiagoTeil 2 – Die Eliteeinheit – Noeh und JérômeTeil 3 – Die Eliteeinheit – Benjamin und Kilian

Prolog Benjamin

 

Prolog Benjamin

 

Der Wahnsinn blickt mich an. Seine Augen sind feuerrot und das Flehen in ihnen, es zu beenden, bricht mir das Herz. Seine Hände graben sich in die Muskeln in meinen Oberarmen. Die Kraft, die in ihnen steckt, bricht mir fast die Knochen.

»Ich will sie zurück. Gib sie mir zurück!« Er schreit mich an. Speichel tropft von seinem Kinn, seine Haltung vom Seelenschmerz gebeugt. Oh Dad, wenn ich könnte, würde ich es tun. Der Anblick und seine Trauer treiben mir die Tränen in die Augen und Letztere gesellt sich zu meiner eigenen. Er ist unrasiert, das Haar steht ihm wirr vom Kopf ab und er riecht ungewaschen. Das ist nicht mein Vater, zu dem ich immer aufgeschaut habe. Nicht der Alpha, der er bis zu Mamas Tod war. Der faire und gerechte Mann, der das Rudel gegründet und zu dem gemacht hat, was es bis zu diesem Zeitpunkt einmal war. Nein, das hier ist ein Mann, der dem Wahnsinn verfallen ist, weil er seine von Schicksal erwählte Gefährtin verloren hat. Mit gerade mal fünfundvierzig Jahren auf der Lebensuhr. Hilflos lasse ich den Übergriff zu. Biete ihm ein Ventil, um den Schmerz in seinem Herzen und seiner Seele loszuwerden, aber ich weiß, dass es nichts bringt.

Er kämpft. Seit sechs Wochen ist das Leben im Rudel nicht mehr das, wie wir es kennen. Vor sechs Wochen starb meine Mutter auf hinterhältige Weise. Getötet von einem anderen Alpha, mit dem Wissen, dass mein Vater ebenfalls nicht mehr lange zu leben hat. Was hat sich das Schicksal dabei gedacht, als es damals ihre Leben miteinander verknüpft hat? Ich sehe meinen Vater jeden Tag auf Raten sterben, das Rudel auseinanderbrechen. Ich spüre die Trauer der anderen um das, was wir mal hatten und jetzt verlieren. Familie und Freunde, ein Zuhause, ein glückliches Leben, die Zukunft. All das liegt in Scherben.

Er stößt mich zurück und ich pralle an die Wand. Durch den Aufprall fällt eines der aufgehängten Bilder herunter und das Glas im Rahmen zerspringt. Er schaut auf den Schaden, dreht sich um und rennt aus dem Haus in Richtung Wald. Ich folge ihm und schaue ihm nach. Am Waldrand verharrt er, brüllt und fällt auf die Knie. Mein Onkel tritt neben mich, schaut mich traurig an und hält mir einen Revolver hin.

»Nein. Nein, Onkel Bernie, das kann ich nicht.« Er greift nach meiner Hand und legt die Waffe hinein.

»Das da hat dein Vater nicht verdient. Er würde wollen, dass wir es beenden. Das hat er mir mal gesagt. Aber ich kann es nicht. Wer den Alpha tötet, übernimmt seinen Platz. Das will und kann ich nicht. Du bist sein Sohn, du solltest seinen Platz übernehmen.« Mit Tränen in den Augen schaut er mich an und ich sehe in ein Gesicht, das meinem Dad so ähnlich ist. Dann dreht er sich um und verschwindet im Haus. Die Tür fällt ins Schloss und er lässt mich allein. Ich stehe da und schaue auf die Waffe in meiner Hand. Mir wird schlecht. Die Aussicht auf das, was ich tun soll, dreht mir den Magen um.

Schritt für Schritt nähere ich mich meinem Vater. Er kniet noch immer mit dem Rücken zu mir. Rührt sich nicht, verharrt da an Ort und Stelle und scheint in seiner eigenen Welt zu sein. Ich trete um ihn herum und schaue ihn an. Dann knie ich mich zu ihm.

»Dad.« Er schaut mit tränennassem Gesicht auf.

»Es tut mir so leid. So sehr leid. Aber ich kann nicht ohne sie. Verstehst du? Sie hat einen Teil von mir mitgenommen, ohne den ich nicht existieren kann.« Er blickt auf die Waffe in meiner Hand. In seinen Augen spiegelt sich plötzlich Verstehen und Dankbarkeit wider.

»Ich bin stolz auf dich und ich liebe dich. Aber ich kann nicht weitermachen. Du wirst es verstehen, wenn du deinen Gefährten findest.« Schrecken fährt mir in die Glieder. »Dachtest du, ich wüsste es nicht?« Ich nicke, denn aus meiner sexuellen Orientierung habe ich immer ein Geheimnis gemacht. Hab nicht drüber gesprochen. Mit niemanden. Nicht mal mit Liam, meinem Cousin und bestem Freund. »Es ist okay. Das war es für Mama und das ist es auch für mich.« Die Akzeptanz meiner Eltern war mir wichtig, aber ich traute mich nicht. Nicht vor dem College, und auch nicht danach. Er dreht den Revolver in meiner Hand mit der Mündung auf sich. Schaut auf das kalte Metall herab und dann wieder zu mir auf. »Wirst du mich neben ihr begraben? Ich möchte zu ihr.« Mein Finger am Abzug.

»Ja, Dad. Das werde ich. Ich liebe dich auch.« Ich falle ihm um den Hals und drücke ihn an mich. Ein letztes Mal. Ein Finger an meinem Zeigefinger drückt und ein Knall ertönt. Der Körper in meinen Armen wird schlaff und sackt in sich zusammen. Ich lege ihn auf den Rücken und eine letzte Träne kullert aus dem Augenwinkel in Richtung seines Haaransatzes, wo sie sich verfängt.

Den leblosen Blick seiner Augen werde ich nie wieder vergessen.

 

Kapitel 1 – Benjamin Tohuwabohu mit Folgen

 

 Kapitel 1 – Benjamin

Tohuwabohu mit Folgen

 

Der Mond steht hoch am Himmel. Noch zwei Tage bis Vollmond. Nicht, dass mein Tier besonders auf die volle Scheibe am Nachthimmel regiert, aber ich mag die Nächte, an denen er genügend Sicht schenkt.

Ich bin ein Bär. Meine Instinkte sind messerscharf, was ich von meiner Sehkraft nicht behaupten kann. Dafür habe ich eine feine Nase und die sagt mir, dass hier erst vor Kurzem eine Rotte Wildschweine entlanggelaufen ist. Die sollten wir im Auge behalten. Mindestens zwei von den Bachen sind trächtig, was per se eine gute Nachricht ist.

Das Wasser des Big Rideau Lake schimmert silbern und der Mond spiegelt sich in ihm. Es frischt auf und erste Wolken schieben sich vor die Himmelsscheibe und verdunkeln meine Sicht. Vielleicht sollte ich langsam mal zurück. Die anderen machen sich irgendwann Gedanken.

Wenn man vom Teufel spricht. Meine Nase wittert den Panther, den Löwen, den Tiger und den Gepard. Meiner Nase entgeht nichts. Da ich nichts zu befürchten habe, bleibe ich entspannt liegen und schaue weiterhin auf den See. Sie legen sich dicht neben mich ins Gras und lassen mich in Ruhe. Das weiß ich zu schätzen. Niemand von ihnen drängt mich zu Erklärungen, die ich nicht bereit bin zu geben. Sie nehmen mich so, wie ich bin. Mit meinen Lasten und Fehlern. Das Einzige, was sie mir sagen, ist, dass sie für mich da sind, wenn ich sie brauche. Aber das weiß ich.

Für mich war die Gründung des Rudels ein großer Schritt. Sowohl für die Zukunft als auch wegen meiner Vergangenheit. Aber nun hat mich eben diese schneller eingeholt als eine Rakete auf dem Weg ins All. Mit einem Schlag stand ich gedanklich wieder auf Kodiak Island, mit dem Revolver in der Hand, vor der Leiche meines Vaters.

Auch wenn für meinen Vater der Tod eine Erlösung war, kann ich es nicht vergessen. Ich habe ihn getötet und das hat mein Leben zerstört. Alle aus meinem ehemaligen Rudel haben mir immer und immer wieder dasselbe gesagt, nämlich dass ich ihn erlöst und damit das Richtige getan habe. Aber es nimmt mir nicht die Schuld. Die Erinnerungen an diesem Tag habe ich tief in meinem Herzen vergraben und wollte sie nie wieder herausholen. Doch dann steht da plötzlich dieser Mann vor mir, der mich und meinen Bären völlig ausflippen lässt.

Ich kann das nicht. Nicht nach dem, was ich erlebt habe. Das will ich niemandem antun. Diese Gefährtensache ist Fluch und Segen zugleich. Ich habe meine Eltern mein Leben lang glücklich gesehen. Sie haben sich mit jeder Faser ihres Köpers geliebt und dann starb meine Mutter. Zusehen zu müssen, wie der eigene Vater dem Wahnsinn verfällt, hat mich eines gelehrt: Niemals wollte ich meinen vom Schicksal bestimmten Gefährten finden. Nein! Ich kann diesen Mann nicht wiedersehen.

Im Geiste habe ich bereits meine Sachen gepackt. Dieser Ort hier hätte mein Zuhause werden können. Aber das Wissen, dass mein vom Schicksal erwählter Gefährte ein paar Meilen weiter lebt, lässt in mir die Panik ausbrechen.

Ich will das nicht durchmachen, was mein Vater erleben musste, genauso wenig will ich, dass mein Gefährte so derart leiden muss, wenn ich mal nicht mehr bin.

Ein dicker Regentropfen klatscht mir auf die Nase. Hmmm … Inzwischen ist es stockdunkel und der Mond versteckt sich hinter den Wolken. Das Geräusch von Regentropfen, die auf das Wasser fallen, übertönt meine lauten Gedanken. Die Katzen im Rudel, also alle außer mir, regen sich und wollen zurück. Daniel, unser Alpha, reibt sich an mir und stupst mich an. Das leise Maunzen fordert mich auf, mit ihnen zu gehen. Die Trauer in meinem Herzen gewinnt gerade wieder die Oberhand und das darf ich nicht zulassen. Also muss ich wieder gehen, um nicht daran zu zerbrechen und um überhaupt wieder in der Lage zu sein, die Erinnerungen und Gefühle dahin zurückzudrängen, wo sie mir nicht wehtun. Ein letzter Lauf mit meinem Rudel und ein Abschied, nur muss ich das dem Rudel noch klarmachen.

 

***

»Du gehst nirgendswo hin!« Tio kommt wütend auf mich zu und stößt seine Hände an meine Brust. Seine Lippen sind zusammengepresst und seine Stimmung spiegelt seinen Gesichtsausdruck wider. Dieser kleine Kerl hat Eier aus Stahl. Wo die anderen mich gelähmt und schockiert anschauen, reagiert er emotional. Autsch! Das Selbstverteidigungstraining mit ihm zeigt Wirkung und er hat mich echt hart erwischt. Kurzzeitig hat er mir tatsächlich die Luft aus meinen Lungen gepresst.

»Ben, das klingt jetzt hart, aber davonlaufen bringt dir überhaupt nichts. Dein Bär würde immer zurückkommen wollen. Er weiß, wo dein Gefährte lebt. Du wirst an der Tatsache zerbrechen, dass du nicht mehr eins mit deinem Tier wärst. Das Schicksal denkt sich was dabei, wenn es dir jemanden an deine Seite stellt. Schlag dieses Geschenk nicht aus.« Daniels Worte sickern in meinen Verstand, wie Gift intravenös in meine Adern. Ich will das nicht hören.

»Ich habe ihn doch nur kurz getroffen.« Selbst in meinen Ohren klingt es nach einer Ausrede.

»Ben, du belügst dich selbst.« Cas legt seine Hand auf meine Schulter und drückt zu.

»Meinst du nicht, dass dein Gefährte das Recht hat, seine zweite Hälfte kennenzulernen? Was spricht dagegen, wenn ihr euch erst mal trefft und dann seht, wie es weitergeht?« AJ versucht es auf die diplomatische Weise. Ihre Worte ehren sie, aber sie wissen eben nicht, was ich erlebt habe. Vielleicht würden sie dann auch anders denken.

»Ich kann das nicht. Ich kann das einfach nicht.« Ihre Worte gepaart mit dem Unterton in ihren Stimmen lösen in mir einen Anfall von Panik aus.

»Hey, ruhig, Brauner. Wir wollen dir nur aufzeigen, dass es auch andere Wege gibt.« Noeh legt seinen Arm um Jerome, der ihn nickend anschaut.

»Ich bin noch nicht lange dabei, aber eines habe ich sehr schnell gelernt, nämlich dass dieses Rudel hier zusammenhält und niemanden allein lässt. Das habt ihr mit mir nicht gemacht, und mit Tio auch nicht. Was lässt dich glauben, dass wir dich jetzt einfach so gehen lassen würden? Wenn ich die anderen richtig verstehe, dann hast du eigentlich keine Wahl. Erinnerst du dich an deine Worte in der Küche in meinem Haus, als du und Noeh nachts nach eurer Einsatzbesprechung zu mir kamt? Ben, egal was du erlebt hast, du musst da jetzt nicht allein durch. Die Vergangenheit liegt hinter dir, vor dir die Zukunft. Willst du irgendwann eines Tages zurückblicken und deine Entscheidung, die du im Übrigen nicht nur für dich allein triffst, bedauern?« Jeromes Worte reißen die ersten Steine um mein ummauertes Herz ein. Ich muss hier raus, bevor sie mich weichkochen.

»Ich muss nachdenken.« Langsam schiebe ich meinen Stuhl zurück und verlasse den Speiseraum, trete nach draußen und schaue mich um. Es ist später Nachmittag. Vielleich drehe ich einfach eine Runde mit dem Wagen. Waschen könnte ich ihn auch mal wieder. Zielstrebig gehe ich auf mein Auto zu, entsperre die Verriegelung und steige ein. Der 400 PS starke Motor springt an und der V8 blubbert vor sich hin. Ich liebe diesen Sound.

Langsam fahre ich die Strecke zum Highway und cruise in Richtung Portland davon. Blöde Idee. Ganz blöde Idee, wo ich doch weiß, dass Kilian dort wohnt, aber in Portland befindet sich am Stadtrand eine Tankstelle mit angeschlossenen Waschboxen zum Selberwaschen.

 

Beim Autowaschen komme ich zur Ruhe. Ich mache das gern und verstehe nicht, warum jemand sein Auto vernachlässigt, nur weil es vielleicht schon älter ist. Grundsätzlich habe ich eine andere Einstellung zu Maschinen. Sie sind das, was ich wirklich verstehe. An Motoren zu schrauben hat mich schon gereizt, als ich noch ein ganz kleiner Junge war. Mein Dad hat mich immer mit in die Werkstatt genommen. Von ihm habe ich alles gelernt, was mit Autos zu tun hat. Er war ein begnadeter Mechaniker. Verdammt … Nun schweifen meine Gedanken wieder zu meinem Vater. Ich werfe das Leder in den Eimer, stelle ihn hinter den Beifahrersitz und laufe noch mal zur Kontrolle um meinen Wagen herum. Alles blitzt und glänzt, so wie ich es mag.

An der Ecke gegenüber ist ein kleiner Lebensmittelladen. Die Besitzerinnen sind zwei junge Frauen, die sich auch gern die Mühe machen, besondere oder außergewöhnliche Dinge zu besorgen. Sie sind nett und dazu ein süßes Paar. Ich beschließe mir ein Sixpack Bier mitzunehmen und so langsam wieder nach Hause zu fahren.

Ich schließe den Wagen ab und gehe zu Fuß zum Laden. Als ich eine kleine Hinterhofgasse passiere, liegt dort ein Kinderfahrrad. Es riecht nach Müll, Urin und Angst.

»Los, gib mir deinen Rucksack und das Geld. Hast du ein Telefon? Los, komm schon, du Zwerg. Wir haben nicht den ganzen Tag Zeit.« Nanu? Was geht denn da ab? Ich bleibe an der Ecke stehen und betrachte die Rückansichten von zwei Jungen mit ziemlich tief sitzenden Hosen. Sie haben einen kleinen Jungen in die Ecke gedrängt. Der eine bewegt sich auf den Kleinen zu und reißt ihm den Rucksack aus der Hand. Der Kleine wird dabei zu Boden gerissen und schreit auf. Ernsthaft? Ein Überfall auf einen kleinen Jungen?

»Was glaubt ihr, was ihr da tut?« Meine Stimme donnert durch die Gasse und hallt laut zurück. Die Jungs drehen sich um und schauen mich erschrocken an. Ich schätze sie auf vierzehn, maximal fünfzehn Jahre alt. Ich gehe auf die beiden zu und der eine zieht ein Messer aus seiner Tasche. Mein Bär knurrt und am liebsten würde er die Sache übernehmen, aber dass da sind noch Kinder. Sie kommen mir hochnäsig entgegen und lassen den Kleinen zurück, der inzwischen weint und sich das Handgelenk hält. Ein Megaschreck fährt mir in die Knochen. Das da ist Bailey. Der Sohn meines Gefährten. Schlagartig ist es mit meiner Freundlichkeit vorbei. Die beiden sind inzwischen ein ganzes Stück näher gekommen und schauen mich herausfordernd an. »Oh Jungs, ihr habt einen ganz fatalen Fehler gemacht.« Das höhnische und eindeutig selbstüberschätzende Grinsen der beiden geht mir tierisch auf den Sack.

»Was willst du Fatzke? Meinst du, wir haben Angst vor dir? Geh dahin, wo du herkommst.« So, und nun reicht es. Ich trete einen Schritt auf sie zu und der eine mit dem Messer schwingt seinen Arm, den ich am Handgelenk packe und es einmal drehe. Es knackt und der Bengel schreit laut auf. Er lässt das Messer fallen und ich lasse seinen Arm los. Mit aufgerissenen Augen schaut mich der andere an und setzt zu einem Sprint an mir vorbei an. Ich stelle ihm ein Bein und er fliegt so lang, wie er dürr ist, auf die Nase. Ich wende mich an Bailey und gehe langsam auf ihn zu. Die anderen beiden fliehen aus der Gasse und lassen uns allein. Der Kleine steht da und ist völlig geschockt und hat scheinbar heftige Schmerzen in seinem Handgelenk.

»Hey, kleiner Fuchs. Wo tut es weh, hm?« Seine Tränen schimmern auf seinen Wangen und er schaut mich mit großen Augen an. »Ich denke, wir sollten deinen Daddy anrufen und du musst zu einem Arzt. Der sollte sich dein Handgelenk anschauen. Komm erst mal mit.« Ich greife nach seinem Rucksack und hebe ihn auf. Bailey steht vor mir, mit dem Arm an seine Brust gedrückt und hat bis jetzt noch keinen Ton von sich gegeben. Ich hocke mich hin und schaue ihn an.

»Ich bin Ben. Dein Dad ist Kilian, richtig?« Er nickt, aber seine Haltung ist komplett defensiv. »Ich werde dir ganz bestimmt nichts tun. Komm, wir rufen mal deinen Dad an.« Ich führe ihn aus der Gasse. Er schnieft leise und wirkt geschockt. Ich habe keine Ahnung, wie ich mit einem Kind umgehen soll, aber der kleine Mann hier braucht seinen Dad und einen Arzt. Alles Weitere klärt sich dann schon. Wir kommen an seinem Fahrrad an. Ich hebe es auf und schiebe es zu dem kleinen Laden, wo ich es an die Hauswand lehne. Einer der Frauen kommt nach draußen und schaut erschrocken zu uns.

»Oh mein Gott, Bailey, was ist denn passiert?«

»Haben Sie die Telefonnummer von seinem Vater? Ich denke, er sollte so schnell wie möglich herkommen.«

»Ja, die habe ich. Moment.« Sie zieht ein Smartphone aus der hinteren Tasche ihrer Hose und sucht nach der Nummer. Sie hält mir ihr Telefon hin und ich drücke den Anrufbutton.

»Levine. Hey, Patt, was ist los?«

»Hi Mr Levine, hier spricht Benjamin Ward. Ich war mit meinem Kollegen Noeh Jefferson heute Morgen bei Ihnen. Erinnern Sie sich? Nun, Sie sollten vielleicht besser hier zum Laden kommen. Bailey ist hier bei mir und er muss dringend zu einem Arzt. Die Polizei werde ich auch gleich rufen. Der kleine Mann ist überfallen worden.«

»Was? Wie geht es ihm?«

»Ich halte ihm das Telefon mal ans Ohr, Moment.« Ich nehme es runter und hocke mich zu Bailey hin. »Hier ist dein Dad. Magst du mal mit ihm reden?« Er nickt und lauscht dem Telefon. Wieder füllen sich seine Augen mit Tränen und kullern die Wangen herunter. Ich versuche, nicht zu lauschen, aber meine Hörfähigkeit ist einfach zu gut. Er sagt ihm, dass er bereits auf dem Weg und gleich da sei. Während sie reden, ist Patt zurück in den Laden gegangen und hat die Polizei gerufen.

Wir sitzen auf einer Obstkiste und die Sirenen kündigen den Streifenwagen an. Sergeant Parker Bowles steigt aus und kommt mit langen Schritten zu uns rüber.

»Hey, Bailey, alles gut, mein Junge?« Er beugt sich zu ihm runter und legt seine Hand an seine Schulter. »Alles wird wieder gut. Ich habe deinen Dad schon gesehen, er ist auf dem Weg.« Er richtet sich wieder auf und schaut mir in die Augen.

»Mr Ward, richtig?« Ich erhebe mich und reiche ihm meine Hand.

»Benjamin Ward. Korrekt. Ich habe beobachtet, wie zwei Halbstarke sich an ihm vergriffen haben. Der eine dürfte ein angeknackstes Handgelenk haben. Ist passiert, als ich ihn entwaffnet habe. Der andere hat mit seinen Handflächen Bekanntschaft mit dem Boden in der Gasse gemacht. Als ich mich um den Kleinen kümmern wollte, haben die beiden die Flitze gemacht. Aber das Wichtigste ist, dass Bailey zu einem Arzt gebracht wird. Er hält sich das Handgelenk. Er ist gefallen, als der eine Vogel ihm den Rucksack entreißen wollte.« Ein Transporter mit Ladefläche schießt um die Ecke und kommt mit quietschenden Reifen zum Stehen. Kilian! Er springt aus dem Wagen und rennt zu uns. Sofort beginnt Bailey zu weinen und Kilian nimmt ihn in den Arm. Liebevoll streicht er ihm das Haar aus dem Gesicht und hält ihn fest.

»Sollen wir einen Krankenwagen rufen?«, fragt Patt und reicht dem Kleinen ein Taschentuch. Kilian so innig mit seinem Sohn zu sehen, erwärmt mir das Herz. Er putzt ihm die Nase, legt dann seinen Arm schützend um den Kleinen und küsst ihm auf den Scheitel. Die Ähnlichkeit zwischen den beiden ist frappierend.

»Nein, keinen Krankenwagen. Ich bringe ihn zu Dr Moose. Der behandelt ihn schon, seit er ein Baby war.« Kilian schaut Hilfe suchend zu Sergeant Bowles, der an seinem Wagen steht und irgendwas ins Mikrofon spricht.

»Was ist denn überhaupt passiert?«, will Kilian wissen.

»Zwei große Jungs wollten mir mein Geld wegnehmen. Und sie haben gefragt, ob ich ein Handy habe. Ich habe ihnen gesagt, dass ich keins habe, aber sie haben mir nicht geglaubt. Dann hat der eine mir den Rucksack wegnehmen wollen und hat dran gerissen. Dabei bin ich hingefallen und hab mir am Handgelenk wehgetan. Und dann kam Mr Ward und hat die Jungs verjagt. Dad, sie haben mir mein Geld weggenommen. Nun kann ich das Heft nicht kaufen.« Oh … Mein Bär grummelt vor Wut vor sich hin. Der Kleine wirkt so niedergeschlagen.

»Ach, mein Kleiner. Das mit dem Geld regeln wir zwei schon, aber jetzt musst du erst mal zum Arzt.«

»Mrs Patt, würden Sie mir das Heft aufheben, bitte? Ich komme ein anderes Mal und hole es ab.«

»Mach dir mal keine Sorgen, okay? Wir heben es für dich auf. Gute Besserung, Bailey.« Mit diesen Worten geht Patt zurück in den Laden und der Sergeant tritt wieder zu uns.

»Ich habe eine böse Ahnung, wer die beiden waren. Circa fünfzehn Jahre alt, der eine rote Haare, blaue Augen und einen abgebrochenen Schneidezahn, der andere etwas kleiner, schwarze Haare und ein Nasenpiercing?« Ah, eine sehr gute Beschreibung von den beiden Vögeln.

»Genau, die waren es. Scheinen ja keine unbeschriebenen Blätter zu sein.«

»Nein, leider nicht. Die haben für ihr Alter schon ordentlich was auf dem Kerbholz. Ich werde mal zu den Eltern fahren. Mr Levine, wollen Sie Anzeige erstatten?«

»Ja. Das ist kein Kavaliersdelikt mehr. Das war ein Raubüberfall mit Körperverletzung. Bailey will sein Geld wiederhaben und eine Entschädigung. Das ist das Mindeste, was dabei rumkommen sollte.« Kilian erhebt sich und nimmt den Kleinen auf den Arm.

»Danke«, wendet er sich an mich. »Ich melde mich bei Ihnen, aber jetzt muss ich mein Kind zum Arzt bringen.«

»Hey, kein Problem. Alles Gute, Bailey.«

»Vielen Dank, Sir.« Seine Stimme klingt müde und er sieht abgekämpft aus. Kilian setzt den Kleinen ins Auto und fährt mit ihm in Richtung Stadt davon. Mein Blick fällt auf das Fahrrad, das vergessen an der Hauswand lehnt.

»Ich würde wegen Ihrer Zeugenaussage auf Sie zukommen. Haben Sie eine Telefonnummer für mich, wo ich Sie erreichen kann?«

»Jederzeit gern.« Ich diktiere ihm meine Nummer und er verabschiedet sich.

Ich blicke zur Tankstelle, wo mein Auto steht, und überlege, ob ich nach der ganzen Sache noch Lust auf ein Bier habe. Beschließe mir dennoch ein Sixpack mitzunehmen und gehe in den Liquidstore, wo man hier ausschließlich Alkohol kaufen kann, der ebenfalls von den Frauen betrieben wird.

Die beiden Frauen reden über den Überfall und dass die Jungs eingesperrt gehören. Da bin ich ihrer Meinung, denn wenn sie jetzt nicht auf den Weg der Tugend zurückgebracht werden, werden sie mit solchen Aktionen irgendwann mal Schlimmes anrichten, was nicht mit ein paar Tagen Ruhe und Genesung wieder in Ordnung gebracht werden kann. Der Angriff mit dem Messer war schon nicht ohne. Ich nehme mir ein Pack Bier aus dem Kühlschrank und gehe zur Kasse. Patt steht hinter dem Tresen und kassiert das Bier ab.

»Schlimme Sache. Ein Kind sollte das nicht erleben müssen. Und gerade Bailey, der immer so höflich fragt, ob wir ihm sein Lieblingscomic besorgen können. Mir tut das alles so leid. Und das Fahrrad steht auch noch hier.«

»Ich nehme das Fahrrad mit und bringe es den Levines.«

»Oh, würden Sie dann das Heft hier auch mitnehmen? Mit einem lieben Gruß von mir und dass Bailey schnell wieder gesund wird. Hoffentlich ist das Handgelenk nicht gebrochen.« Sie sieht besorgt aus, und ihr Geruch bestätigt, dass sie meint, was sie sagt. Eine ehrliche Haut.

»Klar. Wenn ich schon mal hier bin, könnten Sie mir einen Whiskey besorgen? Ich möchte eine Flasche Balvenie Caribbean Cask.«

»Oh, ein edler Tropfen. Besorge ich Ihnen gern, dauert allerdings bis Ende der Woche.«

»Kein Problem. Danke, Patt.« Ich nehme das Sixer, das Heft und klemme mir das kleine Fahrrad unter den Arm und schlendere zurück zu meinem Auto. Für heute hatte ich genug Aufregung.

 

Kapitel 2 – Kilian Ein Überfall mit Folgen

 

Kapitel 2 – Kilian

Ein Überfall mit Folgen

 

Auf dem Küchentisch liegen Baileys Schulsachen. Das Arbeitsheft ist aufgeschlagen und unten rechts prangt ein lachender Smiley von seiner Lehrerin, die damit seine Leistung honoriert hat. Zehn Smileys in Folge bedeuten bei uns einen Kinobesuch nach Baileys Wahl. Und, bei Gott, er hat es sich verdient. Mein kleiner Kämpfer.

»Dad? Darf ich mir heute noch das neue Comicheft holen? Sie haben es mir extra bestellt.«

»Hast du deine Aufgaben fertig?«

»Japp.«

»Okay, aber pack erst die Schulsachen in deine Tasche und dann geh. Aber nicht trödeln, wir essen gleich.«

»Das kriege ich hin. Bin mit dem Fahrrad ganz schnell wieder zu Hause.«

»Aber an der Kreuzung aufpassen. Und schieb das Fahrrad über die Straße, hast du mich verstanden?«

»Jaahaa.« Er verdreht die Augen und packt dabei seine Sachen in seine Schultasche.

»Bailey, Augenverdrehen ist unhöflich.« Ich versuche wirklich nicht, den strengen Vater heraushängen zu lassen, aber wenn er sich erst mal eine schlechte Angewohnheit angeeignet hat, ist es nur noch komplizierter.

»Entschuldige, Dad. Kommt nicht wieder vor.«

»Okay.« Ich lege meine Hand auf seine zarte Schulter und schaue ihn versöhnlich an. »Ich habe den Smiley gesehen. Wollen wir Sonntag ins Kino gehen?«

»Können wir bitte noch zwei Wochen warten, dann kommt der zweite Teil von den Turtle-Warriors heraus? Könnten wir vielleicht den ansehen? Biiiitteeee?« Er hat diesen gewissen »Bitte-Bitte-Blick« perfektioniert, bei dem ich ihm nichts abschlagen kann.

»Okay. Dann in zwei Wochen.«

»Jahhh …« Er bildet eine Faust und zieht sie ruckartig nach hinten. Triumphierend schnappt er sich seine Tasche und poltert den Flur entlang bis in sein Zimmer, um sich seinen Geldbeutel zu holen, damit er sein wöchentliches Highlight aus dem kleinen Supermarkt mit angrenzendem Liquidstore die Straße herunter abholen kann.

Immer wieder bin ich erstaunt, wie viel Kraft in dieser kleinen Person steckt. Wenn man bedenkt, dass sein Start ins Leben alles andere als leicht war. Ich schüttle die schlechten Gedanken ab und wende mich dem Abendessen zu. Es ist kurz nach fünf, also noch recht früh, aber der Tag heute hat mir bereits genug Überraschungen geboten. Der Bedarf ist gedeckt.

Mit den Gedanken an den Besuch der beiden Männer am gestrigen Tag beginne ich das Essen vorzubereiten, die Waschmaschine zu füllen und mal wieder Staub zu wischen. In der Regel lenkt mich Arbeit von meinen Sorgen ab, aber seit gestern kann ich an nichts anderes mehr denken als an diesen Mann, der sich seltsam verhalten und mich keines Blickes gewürdigt hat. Ich habe nur einen Hauch seines Geruches aufgenommen, aber niemand hat je besser gerochen als der große Kerl, der meinen Fuchs aus seinem Bau lockt und der ihn gern wiedersehen möchte. Nur sein Verhalten hinterlässt einen bitteren Beigeschmack. Das ist so eine Sache mit Gefährten, sie gehören zusammen. Jedoch das Gefühl, abgelehnt zu werden, tut weh und gleicht einer schallenden Ohrfeige.

 

Das Telefon klingelt und reißt mich aus meinem Gedankenwirrwarr. Patt aus dem Laden ruft an. Nanu?

»Levine. Hey, Patt, was ist los?«

»Hi, Mr Levine, hier spricht Benjamin Ward. Ich war mit meinem Kollegen Noeh Jefferson gestern Morgen bei Ihnen. Erinnern Sie sich?« Ja, sicher erinnere ich mich. Du scheinst ein Problem mit mir zu haben. »Nun, Sie sollten vielleicht besser zum Laden kommen. Bailey ist hier bei mir und er muss dringend zu einem Arzt. Die Polizei werde ich auch gleich rufen. Der kleine Mann ist überfallen worden.« Ein Schock schießt mir in die Knochen.

»Was? Wie geht es ihm?« Panik wallt in mir auf und Angst um Bailey beginnt mir den Hals zuzuschnüren.

»Ich halte ihm das Telefon mal ans Ohr, Moment.« Die tränenerstickte Stimme von meinem Kleinen holt mich aus meiner Schockstarre, denn ich stehe nach wie vor im Wohnzimmer mit dem Staublappen in der Hand. Ich reiße mich zusammen und renne geistesgegenwärtig in die Küche, schalte den Ofen ab und sprinte zu meinem Transporter. Ich muss zu meinem Kleinen.

 

***

 

Bailey liegt im Bett und schläft. Die eingegipste Hand liegt auf der Decke auf und wirkt befremdlich. Die kleinen Finger lugen heraus und wirken so winzig. Ich betrachte das Kind, um das sich mein Leben dreht, und versuche die Sorgen um ihn in den Hintergrund zu schieben. Das Licht auf dem Nachtschrank schalte ich aus und lehne die Tür nur an, damit ich ihn hören kann, wenn was sein sollte. Es ist inzwischen dunkel geworden, ich räume die Küche noch auf und schalte dann das Licht aus. Erschöpft lasse ich mich auf das Sofa fallen und sitze nun im Dunkeln. Der Tag läuft in meinen Gedanken Revue und ich denke wieder an den Mann, der gestern meine Gefühlswelt auf den Kopf gestellt hat, der sich heute als der Retter meines Kleinen erwiesen hat. Was, wenn er nicht zufällig vorbeigekommen wäre und den Überfall vereitelt hätte? Ich verabscheue Gewalt und mein Fuchs tut das auch. Aber jetzt gerade verspüre ich enorm den Wunsch, den beiden Tätern ihren dürren Hals umzudrehen für das, was sie Bailey angetan haben. Ich hoffe nur, dass Bailey den Vorfall gut verarbeiten kann.

Ein Auto kommt auf den Hof gefahren. Ich schalte das Licht an und gehe zur Tür. Der schicke Dodge RAM von gestern steht vor der Haustür und ein Mann hebt etwas von der Ladefläche des Wagens. Baileys Fahrrad. Das habe ich ja total vergessen.

Der Mann tritt neben den Wagen und bleibt stehen. Er mustert mich und verharrt. Doch dann räuspert er sich und kommt näher. Ich erkenne ihn sofort und mein Fuchs beginnt zu bellen. Er freut sich, Benjamin zu sehen, aber alles an diesem Mann wirkt auf mich defensiv.

»Guten Abend.« Seine Stimme klingt rau, als ob er sie länger nicht gebraucht hätte.

»Hi. Das Fahrrad. Ich habe nicht dran gedacht, es mitzunehmen, als wir vorhin zum Arzt gefahren sind. Danke fürs Bringen.«

»Das ist kein Problem. Ich hätte es wahrscheinlich auch stehen lassen, wenn ich in deiner Situation gewesen wäre. Wie geht es Bailey?«

»Er schläft jetzt. Das Handgelenk ist an zwei Stellen gebrochen. Weil er noch so klein ist, brauchen die Knochen allerdings etwas, bis sie wieder in Ordnung sind. Magst du reinkommen?« Ich deute mit meinem Daumen über meine Schulter und warte seine Entscheidung ab. Er überlegt und es scheint so, als ob er meine Einladung ausschlagen wolle. Irgendwie wirkt er auf mich, als müsste er jeden seiner Schritte genau abwägen. Doch dann nickt er und öffnet die hintere Fahrertür. Er greift rein und holt etwas heraus. Dann verschließt er den Wagen und bringt das Fahrrad zur Veranda. Ich trete zurück und öffne die Tür weit. Das Licht aus dem Flur strahlt ihn und die Umgebung draußen an. Er stellt das Rad an die Hauswand und tritt näher. Er hält das Comicheft in der Hand, für das Bailey extra losgefahren ist. Als er zur Tür tritt, füllt er den Rahmen beinahe aus. Der Kerl ist groß, kräftig und muskulös. Mein Herz beginnt zu rasen. Ein Bär. Er ist ein Bär!

»Komm rein. Magst du was trinken?«

»Ein Schluck Wasser wäre sehr nett.« Seine Stimme klingt belegt. Er tritt an mir vorbei und ich nehme seinen Geruch zum ersten Mal richtig wahr. Eine Mischung aus Honig, Wald und etwas Herbem, wirklich gut Riechendem. Er zieht mir in die Nase und lässt mich leicht taumeln. Ich bitte ihn ins Wohnzimmer und er schaut sich um.

»Ihr habt es sehr nett hier. Ähm, hier, bevor ich es wieder mitnehme.« Er reicht mir das Heft und zieht seine Hand sofort wieder zurück. Er wirkt nervös. »Ich soll von Patt liebe Grüße und gute Besserung wünschen. Sie hat es mir mitgegeben, mit den besten Wünschen für Bailey.« Ich halte das Heft mit beiden Händen fest, damit meine Hände beschäftigt sind.

»Danke. Ich hole dir mal dein Wasser.« Eilig drehe ich mich um und gehe in die Küche, wo ich das Heftchen auf den Tresen lege. Ich nehme ein Glas aus dem Schrank und eine kleine Flasche Wasser aus dem Kühler. Meine innere Ruhe hat sich mit seiner Ankunft aus dem Staub gemacht. Krampfhaft versuche ich mich zu beruhigen. Was ist, wenn er nicht mal schwul ist? Mit zitternden Händen gehe ich ins Wohnzimmer zurück, wo er vor dem großen Bilderrahmen steht und die vielen kleinen Fotos betrachtet, die ich im Laufe der letzten neun Jahre gesammelt und zu einer Collage zusammengefasst habe.

»Das hier ist eine großartige Arbeit. So viele Fotos. Hast du das gemacht?« Ich trete neben ihn an die Wand, wo der große Rahmen seinen Platz gefunden hat.

»Das sind fast alle Fotos, die ich seit …« Ich verharre und überlege schnell, was ich sagen kann. »Seitdem wir hier in Portland sind, gemacht habe. Den Rahmen hat Bailey gestaltet. Das sind ganz viele kleine Fingerabdrücke. Er hat Stunden damit verbracht, sie dicht an dicht auf den Rahmen zu setzen und ich finde, es ist eine sehr gelungene Arbeit.«

»Auf jeden Fall. Du kannst sehr stolz auf deinen Sohn sein.«

»Das bin ich.« Gemeinsam schauen wir auf die einzelnen Fotos. Mir fallen sofort die Gelegenheiten ein, wo sie entstanden sind. Am See, im Tierpark, auf dem Spielplatz, am Lagerfeuer, Bailey zurückgezogen mit einem Buch unter dem Baum im Garten. Selfies im Auto, auf der Couch. Zu jeder sich bietenden Gelegenheit habe ich den Moment festgehalten, denn unsere gemeinsame Zeit kann schneller zu Ende sein, als uns lieb ist. Mir fällt auf, dass ich dichter bei ihm stehe, als ich es sonst bei einem Fremden zulassen würde. Schnell wende ich mich ab und stelle das Glas und die Flasche auf den Tisch. Ich schnappe mir den Sessel und setze mich. Benjamin folgt meinem Beispiel und besetzt das Sofa. Mit nach vorn gebeugtem Oberkörper und mit dem Armen auf seinen kräftigen Schenkeln aufgestützt schaut er mir in die Augen. Um mich abzulenken, gieße ich ihm das Wasser ins Glas und schiebe es ihm rüber. Er ergreift es und nimmt einen großen Schluck. Die Stille im Raum ist seltsam. Keiner von uns scheint das Offensichtliche ansprechen zu wollen. Mein Herz pocht schnell in meiner Brust und meine Aufregung kann ich kaum noch verbergen. Seine Hände halten das Glas zwischen seinen Knien und er blickt hinein. Dann hebt er den Kopf und schaut mir direkt in die Augen. Mir ist klar, dass ich was sagen muss, aber ich weiß nicht, was! Ich bin selten sprachlos, aber er macht mir nicht den Eindruck, dass er dasselbe empfindet wie ich. Er wirkt so selbstbeherrscht. Das muss einseitig sein. Bevor ich mich hier zum Vollhorst mache, halte ich mich lieber zurück.

»Nochmals danke, dass du eingeschritten bist. Ich weiß nicht, was passiert wäre, wenn du nicht vorbeigekommen wärst. Normalerweise passiert hier nicht viel. Zumindest ist es mir nicht zu Ohren gekommen. Umso geschockter bin ich, dass es jetzt uns passiert ist.«

»Das kann ich mir gut vorstellen, aber die Hauptsache ist, dass es Bailey schnell wieder besser geht. Wenn ich etwas für dich tun kann, dann scheue dich nicht, mich anzusprechen.« Er setzt das Glas an, ext das Wasser und stellt es auf den Tisch zurück. Dann klopft er mit beiden Händen auf seine Schenkel und erhebt sich. Was? Will er etwa schon gehen? Verdammt. Ich erhebe mich ebenfalls und überlege krampfhaft, was ich sagen könnte, um ihn zum Bleiben zu bewegen.