Die Entstehung des Christentums - Jens Schröter - E-Book

Die Entstehung des Christentums E-Book

Jens Schröter

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Beschreibung

Als Jesus am Kreuz starb, gab es noch kein Christentum. Erst allmählich entstanden im Judentum und darüber hinaus Gemeinschaften, die glaubten, dass Jesus Christus der Sohn Gottes ist. Diese Christusgläubigen bildeten eigene religiöse und ethische Überzeugungen aus, die sich in den ersten drei Jahrhunderten im Römischen Reich weit verbreiteten. Jens Schröter beschreibt, wie aus der Vielzahl an christlichen Gemeinden mit je eigenen Glaubensweisen, Lebensformen, Ritualen und Texten eine christliche Kirche entstand, die nicht alle Spielarten christlichen Glaubens und Lebens in sich aufnahm, aber doch eine große Vielfalt integrierte. Mit seinem anschaulich geschriebenen Buch liegt eine neue Geschichte des frühen Christentums auf dem neuesten Forschungsstand vor.

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Veröffentlichungsjahr: 2024

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Jens Schröter

DIE ENTSTEHUNG DES CHRISTENTUMS

Von den Anfängen bis zu Konstantin dem Großen

C.H.Beck

Übersicht

Cover

Inhalt

Textbeginn

Inhalt

Titel

Inhalt

Karte: Die Verbreitung des Christentums um 180

Zeittafel

Einführung

1. Die Ausbreitung des christlichen Glaubens

Der Ausgangspunkt

Die Hinwendung zu den Nichtjuden

Die Attraktivität der christlichen Botschaft

Praktische Voraussetzungen

Das Zeugnis der Aberkiosinschrift

Die apokryphen Apostelakten und die pagane Gesellschaft

Die Taufe

Zwischen Judentum und paganer Welt

2. Christlicher und jüdischer Glaube

Der gemeinsame Schriftenbestand

Anfänge der Trennung von «Judentum» und «Christentum»

Institutionelle Ausdifferenzierungen

3. Christlicher Glaube in der nichtchristlichen Gesellschaft

Sexualität, Götterglaube, Beruf

Leben im Haus: Ehe und Familie, Sklaven, Stellung der Frau

Hausgemeinden und Kirchenbauten

Christlicher Glaube und griechisch-römische Geisteswelt

Die Apologeten: Verteidigung gegen nichtchristliche Polemik

Christlicher Glaube und nichtchristliche Religionen

Das Ende der Welt und die Auferstehung der Toten

Christlicher Glaube und römischer Staat

4. Vielfalt und Einheit des Christusglaubens

Literatur

Quellentexte und Übersetzungen

Darstellungen

Zum Buch

Vita

Impressum

Karte: Die Verbreitung des Christentums um 180

Zeittafel

Personen und Ereignisse der politischen Geschichte

Personen, Schriften und Ereignisse des frühen Christentums

14–​37: Kaiser Tiberius

37–​41: Kaiser Caligula

41–​54: Kaiser Claudius

54–​68: Kaiser Nero

64: Brand Roms

64/65: Maßnahmen Neros gegen die Christen

66–​70 (74): Jüdisch-römischer Krieg

69–​79: Kaiser Vespasian; Einrichtung des Fiscus Iudaicus

70: Zerstörung Jerusalems und des Tempels

79–​81: Kaiser Titus

81–​96: Kaiser Domitian

96–​98: Kaiser Nerva

98–​117: Kaiser Trajan

112/113: Briefwechsel zwischen Kaiser Trajan und dem Statthalter Plinius d.J.

ca. 56–​120: Tacitus

ca. 70–​130: Sueton

117–​138: Kaiser Hadrian

138–​161: Kaiser Antoninus Pius

161–​180: Kaiser Mark Aurel

234 – vor 305: Porphyrius

2. Hälfte 2. Jh.: Kelsos

249–​251: Christenverfolgung unter Decius

257–​258: Christenverfolgung unter Valerian

303–​311: Christenverfolgung unter Diokletian und seinen Nachfolgern

311: Toleranzedikt des Galerius

312: Sieg Konstantins über Maxentius an der Milvischen Brücke

30: Kreuzigung Jesu

ca. 30–​50: Steinigung des Stephanus, Gründung der Gemeinde von Antiochia, Beginn des Wirkens des Paulus

ca. 49: Apostelkonzil

ca. 50–​56: Paulusbriefe

ca. 63–67: Tod von Petrus und Paulus

ca. 70–​100: Evangelien des Neuen Testaments

ca. 80–​90: Kolosser- und Epheserbrief

ca. 90–​100: 1. Petrusbrief, Offenbarung des Johannes, 1. Clemensbrief

ca. 100–​110: Didache

2. Jh.: Athenagoras

ca. 100–​165: Justin, der Märtyrer

um 130: Basilides

um 140: Valentin

um 140: Markion

ca. 130–​140: Ignatiusbriefe

ca. 140–​150: Hirt des Hermas

2./3. Jh.: Apokryphe Evangelien, apokryphe Apostelakten

ca. 140–​200: Irenäus

ca. 150–​220: Clemens von Alexandria

ca. 160–​220: Tertullian

Ende 2./Anfang 3. Jh.: Diognetbrief

Mitte 2. Jh. – Ende 3. Jh.: Christliche Märtyrerberichte

ca. 185–​253: Origenes

ca. 200–​258: Cyprian von Karthago

1. Hälfte 3. Jh.: Minucius Felix

ca. 250–​325: Laktanz

ca. 260/265 – vor 341: Euseb von Cäsarea

Einführung

Mit dem Christentum tritt ein neuer Glaube in die Welt. Er gründet auf der Überzeugung, dass durch den galiläischen Juden Jesus aus Nazareth das Heil für alle Menschen gekommen ist. Er verbreitet sich in kurzer Zeit im Römischen Reich und führt zu neuen, dieser Überzeugung entsprechenden Lebensformen. Die ersten drei Jahrhunderte bilden dabei eine Formierungs- und Konsolidierungsphase. In diesem Zeitraum prägen sich eigene Rituale und Praktiken aus, entstehen selbständige Organisationsstrukturen und Sozialformen. Zudem werden Bekenntnisse des Glaubens an Gott und Jesus Christus formuliert und mit der christlichen Bibel entsteht eine Schriftensammlung als gemeinsame Grundlage der christlichen Kirche. Über viele Aspekte, etwa über die Ehe, die Haltung zum Staat, die Bedeutung von Taufe und Eucharistie sowie Umfang und Anordnung der biblischen Schriften, bestanden dabei unterschiedliche Auffassungen. Der Rekurs auf einen vermeintlich einheitlichen Ursprung, aus dem das Christentum entstanden sei, war darum schon immer ein romantisches Ideal, das zwar stets aufs Neue reaktiviert wird – bis hin zu evangelikalen Bewegungen der Gegenwart –, mit der Wirklichkeit jedoch wenig gemein hat. Das Christentum existiert seit seinen Anfängen vielmehr in einer Dynamik von Einheit und Vielfalt. In den ersten drei Jahrhunderten bildet sich ein Rahmen für das heraus, was in der christlichen Kirche gelten soll und wie trotz der vielfältigen Lebensformen und Ansichten die Konturen des christlichen Glaubens erkennbar bleiben können.

Diese «Experimentierphase» reicht vom Wirken Jesu bis zu den kaiserlichen Maßnahmen, mit denen am Beginn des 4. Jahrhunderts die Christenverfolgungen beendet wurden. Dadurch änderte sich die Situation des Christentums im Römischen Reich maßgeblich. In der Zeit davor wurde die Grundlage gelegt, auf der sich die Kirche ab dem 4. Jahrhundert unter neuen Vorzeichen zur Reichskirche entwickelte. Die Beendigung der Verfolgungen durch den Römischen Staat, in deren Konsequenz der christliche Glaube frei ausgeübt werden durfte, sogar aktiv gefördert und schließlich zur Staatsreligion erhoben wurde, stellte das Christentum vor neue Aufgaben. Die Christen hatten sich zunächst in der nichtchristlichen Gesellschaft als «Fremde» verstanden (vgl. etwa 1 Petr 1,1; 2,11) und wurden von ihrer Umgebung oftmals argwöhnisch beäugt oder angefeindet. Eine Integration in die gesellschaftlichen Strukturen erfolgte stets mit Blick auf die Grenzen, die der Christusglaube setzte, etwa bei der Teilnahme an öffentlichen Festen und der Wahl von Berufen. Ab dem 4. Jahrhundert spielte die christliche Kirche dagegen bei der Gestaltung sozialer, politischer und religiöser Verhältnisse eine zunehmend aktive Rolle. Dies nötigte dazu, das eigene Selbstverständnis und das Verhältnis zu politischen Machthabern und staatlichen Institutionen neu zu reflektieren.

Obwohl historische Epochen niemals klar voneinander abgegrenzt sind, lässt sich die Zeit vor den genannten, maßgeblich mit Kaiser Konstantin (reg. 306–​337) verbundenen Veränderungen als eigene Phase in der Geschichte des Christentums verstehen. Von einer «Konstantinischen Wende» sollte man gleichwohl nicht reden. Dieser lange Zeit gängige Ausdruck steht zum einen in der Gefahr, einen Mythos zu befördern, der durch die christliche Verklärung Konstantins entstanden ist. Zum anderen wird dabei leicht übersehen, dass die christliche Kirche damals längst für ihr Selbstverständnis unentbehrliche Inhalte und Strukturen ausgebildet hatte. Die kaiserlichen Maßnahmen haben demnach Entwicklungen verstärkt, die seit längerem im Gang waren, haben diese aber nicht erst ausgelöst. Dazu gehören etwa die Organisation der christlichen Gemeinden, die Schaffung des Bischofsamts und die Integration des christlichen Glaubens in die römische Gesellschaft.

Die ersten Anhänger und Anhängerinnen des Christusglaubens waren Juden und Jüdinnen. So verstanden sie sich selbst und so wurden sie oft auch von außen wahrgenommen. Bevor eigene, von Juden und Heiden unterschiedene Gemeinschaften der Christusgläubigen entstanden, war der Glaube an Jesus Christus demnach eine Form des jüdischen Glaubens. Er hatte allerdings seine Besonderheiten, die von Beginn an zu Auseinandersetzungen innerhalb des Judentums führten. Das Bekenntnis zur Auferweckung des gekreuzigten Jesus von Nazareth und seine Verehrung als Messias («Christus») waren für Juden, die diese Überzeugung nicht teilten, ein Verrat an den Grundlagen des jüdischen Glaubens. Verkündeten Christen diese Überzeugung nichtjüdischen Menschen – und das taten sie sehr bald –, stieß das ebenfalls auf Widerspruch. Nur einen Gott zu verehren, alle anderen Götter dagegen für nicht existent zu erklären, war in den Ohren von Griechen und Römern eine Dummheit und eine Provokation.

Die Christen fanden sich so in einer merkwürdigen Lage wieder: Sie teilten mit den Juden den Glauben an den einen Gott, den Gott Israels, der allein zu verehren sei. Zugleich interpretierten sie diesen Glauben auf eine Weise, der schließlich zur Trennung vom Judentum führte. Nichtjuden – die für Christen und Juden «Heiden» waren – wollten sie dagegen davon überzeugen, an den Gott Israels und an Jesus Christus zu glauben, ohne dass sie dazu Juden werden müssten. Christliche Gemeinschaften standen jüdischen und nichtjüdischen Menschen in gleicher Weise offen – eine ungewöhnliche und für Juden wie Heiden provozierende Haltung. Mit ihr verbanden sich viele Fragen, die bei der Integration des christlichen Glaubens in die Gesellschaft zu bedenken waren.

Was als «Christentum» und «Kirche» gelten sollte, stand am Anfang keineswegs fest, sondern bildete sich in längeren, komplexen Prozessen erst heraus. Zwar sind die Bezeichnungen «Christen» bzw. «Christ» (Christianoí bzw. Christianós) bereits im Neuen Testament belegt (Apg 11,26; 26,28; 1 Petr 4,16), auch der Begriff «Kirche» (ekklēsía) wird sowohl für einzelne Ortsgemeinden (so in den meisten Fällen) als auch für die Gesamtheit christlicher Gemeinden verwendet (so z.B. in Mt 16,18; Apg 9,31; Kol 1,18.24; Eph 1,22; 5,23–​32). Als eine organisatorisch und theologisch selbständige Größe entstand die christliche Kirche jedoch erst im Verlauf der ersten drei Jahrhunderte, in denen der christliche Glaube Eigenständigkeit gegenüber dem jüdischen gewann und sich in der griechisch-römischen Gesellschaft etablierte. Anfangs gab es Gruppen von Christusgläubigen an einzelnen Orten, aus denen schließlich eine Religionsgemeinschaft mit übergreifenden Strukturen, gemeinsamen Ritualen, verbindenden Bekenntnissen und einem gemeinsamen Schriftenbestand wurde. Diese Entwicklungen machen zugleich nachvollziehbar, warum die an Jesus Christus Glaubenden keine Gruppe innerhalb des Judentums blieben, aber auch keine philosophische Schule und kein Kultverein der griechisch-römischen Antike wurden.

Wenn im Folgenden von «Christentum» und «Christen», von «Christusgläubigen» und «christlichen Gemeinschaften» die Rede ist, soll deshalb nicht der Vorstellung einer von Beginn an von Judentum und paganer Gesellschaft unterschiedenen religiösen Gemeinschaft Vorschub geleistet werden. Vielmehr soll diese Begrifflichkeit zum Ausdruck bringen, dass der Christusglaube dasjenige Merkmal ist, das diejenigen, die sich ihm verpflichtet wussten, untereinander verband und sie von denjenigen, die ihn nicht teilten, unterschied.

Die Geschichte des frühen Christentums ist keine zielgerichtete Entwicklung. Der Weg von den Anfängen bei Jesus und den Aposteln zur Entstehung der christlichen Kirche und der Erhebung des Christentums zur Staatsreligion des Römischen Reiches hätte nicht den Verlauf nehmen müssen, den er faktisch genommen hat. Vieles hätte auch anders kommen können. Zu Sexualität, Familie und Beruf hätten sich andere Auffassungen durchsetzen können als diejenigen, die in der Kirche vorherrschend wurden. Rituale, die sich im Christentum nicht durchgesetzt haben – z.B. der «heilige Kuss» oder ein liturgischer Tanz –, hätten zum Teil des Gottesdienstes werden können. Der Kanon des Neuen Testaments könnte eine andere Gestalt haben – manche Schriften könnten fehlen, andere dafür dabei sein. Der Blick auf das frühe Christentum schärft deshalb nicht zuletzt den Blick für Praktiken und Sichtweisen, die aus heutiger Sicht randständig oder befremdlich erscheinen mögen, es aber keineswegs immer gewesen sein müssen.

Wenn antike Theologen auf klare Unterscheidungen zwischen akzeptierten und abgelehnten Glaubensformen, Lebensweisen und Schriften drangen, macht das deutlich, dass derartige Grenzen gerade nicht eindeutig waren. Es muss deshalb nicht irritieren, wenn das Christentum bis in die Gegenwart hinein in verschiedenen Konfessionen und zahlreichen Gruppierungen existiert, die zu vielen Fragen unterschiedliche Auffassungen vertreten und deren Lebensformen und liturgische Praxis sich voneinander unterscheiden. Darin kommt die Vielfalt zum Ausdruck, die den christlichen Glauben von Anfang an prägt und die als sein Reichtum, nicht als ein zu überwindendes Problem, betrachtet werden sollte. Zu beachten ist, dass diese Vielfalt auch Grenzen hat, wenn das Profil des christlichen Glaubens erkennbar bleiben soll.

Die Leitfrage der folgenden Darlegungen ist deshalb: Wie entstand der Glaube an Jesus Christus und wie wurde er unter den politischen, kulturellen und sozialen Bedingungen der jüdischen und griechisch-römischen Antike gelebt? In der Entstehungs- und Formierungsphase des Christentums wurden Inhalte und Formen ausgebildet, die seither diskutiert, aktualisiert und modifiziert werden. Dazu gehören z.B. Traditionen über Geburt, Kreuzigung und Auferweckung Jesu; die Ethik der Feindesliebe; die Überzeugung, dass der Glaube an Jesus Christus den Glauben an den Gott Israels als den einzigen Gott einschließt, sowie die schon im Neuen Testament zu findenden Interpretationen von Taufe und Abendmahl. Auch die christliche Haltung zu Ehe, Besitz und staatlicher Macht wird bis in die Gegenwart von früh entstandenen Vorstellungen geformt. Die ethischen Auffassungen der frühen Christen waren dabei oftmals von jüdischen Traditionen bestimmt, etwa in der Sexualmoral und der Ablehnung der Verehrung des Kaisers und anderer Götter.

Die Christusgläubigen bildeten anfangs überschaubare Gemeinschaften, deren Überzeugungen und Lebensweise auf ihre Umgebung fremd gewirkt haben müssen. Eine wichtige Voraussetzung für die breite Akzeptanz, die der christliche Glaube sehr bald in der griechisch-römischen Welt gefunden hat, war die Auffassung, dass die Zugehörigkeit zur christlichen Gemeinschaft die Unterschiede zwischen den Menschen bedeutungslos werden lässt. Die christliche Botschaft war aufgrund dieser Offenheit für alle Menschen attraktiv und hat schnell auch unter Nichtjuden Fuß gefasst. Erstaunlich ist gleichwohl, dass sie in relativ kurzer Zeit weite Bereiche des Römischen Reiches erreichte. Dafür waren nicht zuletzt praktische Voraussetzungen notwendig, die diese Verbreitung erst möglich machten. Es musste aber auch gelingen, Menschen, die aus ganz anderen kulturellen und religiösen Verhältnissen stammten, von der Attraktivität des Christusglaubens zu überzeugen. Dies wird Gegenstand des ersten Teils sein.

Eine in der Anfangszeit zentrale Frage war, wie sich christlicher und jüdischer Glaube zueinander verhalten. Obwohl sich der Christusglaube zu einer eigenständigen Lebens- und Glaubensform entwickelte, blieben der Glaube an den Gott Israels sowie die Berufung auf jüdische Schriften und Traditionen von zentraler Bedeutung. Die Christusgläubigen teilten von Anfang an grundlegende Überzeugungen mit dem Judentum, interpretierten sie jedoch in eigener Weise. Das Verhältnis von christlichem und jüdischem Glauben war deshalb in der Entstehung des Christentums grundlegend. Damit wird sich der zweite Teil befassen.

Die neu gewonnenen Anhängerinnen und Anhänger kamen zunehmend aus dem nichtjüdischen Bereich. Sie brachten ihre eigenen philosophischen und ethischen Auffassungen über die Welt und den Menschen, aber auch zu Alltagsfragen wie Ehe, Beruf, Sklaverei und Bestattung mit. Diese Überzeugungen und Lebenshaltungen mussten mit dem christlichen Glauben vermittelt werden und haben ihn dadurch wesentlich geprägt. Die Christen waren zudem häufig Anfeindungen seitens der Gesellschaft und der staatlichen Behörden ausgesetzt, bis hin zu Ausgrenzungen, Denunziationen und schließlich sogar systematischen Verfolgungen. Warum es dazu kam, wie die Christen diesen Situationen begegneten und wodurch sie sich behaupten konnten, wird im dritten Teil behandelt.

Welche Auffassungen und Richtungen haben sich in dem seit jeher von Vielfalt und Einheit geprägten Christentum ausgebildet, und welche Merkmale stellten sich schließlich als konstitutiv für den christlichen Glauben heraus? Das wird Thema des vierten Teils sein. Dabei wird vor allem darauf zu achten sein, welche Maßstäbe für die Unterscheidung von akzeptierten und abgelehnten Auffassungen in der christlichen Kirche entstanden. Bereits im Neuen Testament finden sich voneinander abweichende Vorstellungen, den christlichen Glauben inhaltlich zu formulieren und praktisch zu gestalten. Das setzt sich im 2. und 3. Jahrhundert in der philosophischen Reflexion des Christusglaubens sowie in diversen Formen, christliche Gemeinschaft zu leben, fort. Zugleich entsteht in dieser Zeit eine Vorstellung davon, was christliche Kirche ist und wie sie unter den Bedingungen des Römischen Reiches gestaltet werden kann. Daran kann dann im 4. Jahrhundert angeknüpft werden, als das Christentum zur vorherrschenden Religion des Römischen Reiches wird.