Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Eine terroristische Vereinigung wird von Sicherheitskräften ausgehoben - im Jahre 1307 in Frankreich. Knapp 200 Jahre später wird ein eiskalter deutscher Manager der reichste Mann der Menschheit. Und im Jahr 1875 konstruiert ein Betrüger die erste Zeitbombe der Welt, um Hunderte zu ermorden. Tragödie und Komödie liegen in der Geschichte oft eng beieinander: Warum wurde Lenins Gehirn wie ein Carpaccio in Scheiben geschnitten? Wer verbreitete das Gerücht, Eva Braun würde Lederunterwäsche tragen? Warum musste ein Elefant auf dem elektrischen Stuhl sterben? Wofür machte Amerikas Staatsfeind Nummer 1 Reklame? Weshalb sollte Bismarck einen Tierarzt konsultieren? Warum erschoss sich die Frau eines Nobelpreisträgers nach dem größten Erfolg ihres Mannes? Wie oft wusch Hitler sich die Füße? Endlich gibt es auf diese Fragen Antworten - einige klingen verrückt, manche machen betroffen - aber alle sind wahr!
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 214
Veröffentlichungsjahr: 2025
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Malte Bastian arbeitete als Lokalredakteur, Werbetexter und Pressesprecher. Nach Sachbüchern zur Sozialversicherung erschienen zwei Bände mit Kurzgeschichten und ein Kriminalroman von ihm. 2021 folgte das maritime Lesebuch „Mein Opa, das Meer und ich“, 2024 die Familienbiografie „(M)eine ganz normale Familie. Von Nazis, Flüchtlingen und einem ermordeten Onkel“. Malte Bastian ist heute als Berater und Autor für TV-Produzenten und Wirtschaftsunternehmen im Bereich Kommunikation tätig. Er lebt und arbeitet in Köln und Bremen-Bremerhaven.
Eine terroristische Vereinigung wird von Sicherheitskräften ausgehoben - im Jahre 1307 in Frankreich. Knapp 200 Jahre später wird ein eiskalter deutscher Manager der reichste Mann der Menschheit. Und im Jahr 1875 konstruiert ein Betrüger die erste Zeitbombe der Welt, um hunderte Menschen zu ermorden. Die besten Thriller schreibt die Geschichte. Manche sind absurd wie die Anekdote über die Lederunterwäsche, die ein Diktator seiner Geliebten schenkte. Andere sind melancholisch, wie die Story einer Kellnerin, die sich in einen Killer verliebte, der ein Faible für V8-Motoren hatte. Tragödie und Komödie liegen in der Geschichte oft dicht nebeneinander: Was haben die chronischen Blähungen Hitlers mit dem Zweiten Weltkrieg zu tun? Auf wessen Wunsch tranchierte ein Neurologe das Gehirn Lenins wie ein Carpaccio? Warum sollte Bismarck einen Tierarzt konsultieren? Wieso war der erste Fitness-Influencer vor 120 Jahren gerade bei Damen so beliebt? Und weshalb erschoss sich die Frau eines Nobelpreisträgers ausgerechnet nach einem der größten Erfolge ihres Mannes? Dieses Buch präsentiert spannende Kurzgeschichten mit hohem Unterhaltungswert und historischer Exaktheit - vieles klingt verrückt, manches macht betroffen, aber alles ist wahr.
Die Erfindung der Lederunterwäsche ist auch als Printbuch erhältlich.
1934: Ein Flachkopf für die Gangster
Warum der Ford V8 nicht nur technisch eine Sensation war, sondern auch Kriminelle begeisterte: Die Geschichte von John Dillinger und Bonnie und Clyde.
1500: Der reichste Mensch aller Zeiten
Wie ein Augsburger Kaufmann sich seinen Platz im Paradies erkaufen wollte – und deshalb wohl zum ersten Mal im Leben etwas Gutes tat: Die Geschichte von Jakob Fugger.
1917: Ausgeraubt und ausgestopft
Warum mit Banküberfällen eine Revolution finanziert wurde und weshalb ein deutscher Arzt Lenins Hirn in ein Carpaccio verwandelte: Die Geschichte von Josef Stalin.
1915: Atemlos durch die Schlacht
Als ein Wissenschaftler Millionen Menschen das Leben mit dem Tod retten wollte und warum sich seine Frau deshalb erschoss: Die Geschichte von Fritz Haber und Clara Immerwahr.
1908: Starker Kaffee braucht starke Frauen
Was eine Mutter im Schulheft ihres Sohnes suchte und warum eine Metzgerstochter Königin von Wien wurde: Die Geschichte von Melitta Bentz und Anna Sacher.
1936: Die Blähungen des Bösen
Wie ein Arzt die Verdauung eines berüchtigten Patienten in den Griff bekommen wollte und damit richtig gut verdiente: Die Geschichte von Adolf Hitler und Theo Morell.
1909: Rivalen der Eisbahn
Weshalb eine Handvoll Männer als erste am Nordpol sein wollte und dabei mindestens einer schummelte: Die Geschichte von Robert Peary, Frederick Cook und Matthew Henson.
1878: Hering und den Tierarzt für Durchlaucht
Als ein Fürst die berühmteste Praline der Welt erfand – und der andere die Vorzüge eines unscheinbaren Fisches entdeckte: Die Geschichte von Paul Fürst und Fürst Otto von Bismarck.
1314: Der Fluch aus den Flammen
Warum eine Razzia des Mittelalters zwar erfolgreich auf dem Scheiterhaufen endete, aber ein König unzufrieden war: Die Geschichte von Philipp dem Schönen und den Templern.
1877: Der Urwald wuchs in Altona
Weshalb es eine alleinerziehende Mutter mit Karl May aufnahm und Millionen Menschen in ihren Büchern bis heute um die Welt reisen: Die Geschichte von Sophie Wörishöffer.
1912: Die Geburt der Fake News
Als ein deutscher Schiffsoffizier angeblich mit der TITANIC unterging und später damit Kasse machte: Die Geschichte von Max Dittmar-Pittmann. ..
1819: Hoden für das Himmelreich
Was Fanatiker für den lieben Gott riskierten und warum ein Wandermönch eine Coaching-Praxis im Schlafzimmer betrieb: Die Geschichte von den Skopzen, Chlysten und Grigori Rasputin
69: Das Pissoir wird fiskalisch attraktiv
Warum ein Herrscher den öffentlichen Haushalt sanieren musste und wieso Gerber und Wäscher dafür zahlen sollten: Die Geschichte von Kaiser Vespasian und dem WC.
1865: Das große Workout der Belle Époque
Wie ein Schwede das Fitnessstudio erfand und das „Müllern“ in knappen Trikotagen die Damenwelt begeisterte: Die Geschichte von Gustav Zander und Jørgen Peder Müller.
1946: Die Erfindung der Lederunterwäsche
Als das Tagebuch der Eva Braun die Welt erblickte und wie es ein Bergsteiger heimlich an die Boulevardpresse verscherbelte: Die Geschichte von Eva Braun und Luis Trenker.
1903: Tod eines Dickhäuters
Warum ein Feldherr Elefanten über die Alpen trieb und 2.000 Jahre danach eine Elefantenkuh auf dem elektrischen Stuhl sterben musste: Die Geschichte von Hannibal und Topsy.
1927: Der Gott des Automobils frisst seine Kinder
Wie eine Künstlerin die Welt verzauberte – und dann erst ihre Kinder und schließlich sich selbst an den technischen Zeitgeist verlor: Die Geschichte von Isadora Duncan.
1190: Ein Kaiser landet im Kochtopf
Was ein Badeunfall in der Türkei für militärische Konsequenzen hatte und warum sich seitdem ein Monarch in einem deutschen Gebirge ausschläft: Die Geschichte von Kaiser Barbarossa.
1932: Interview mit einem Vampir
Als ein Schriftsteller mit Diktatoren plauderte – und warum sich heute kaum noch jemand an seine Bestseller darüber erinnert: Die Geschichte von Emil Ludwig und Benito Mussolini.
1875: Die völlig überflüssige Entwicklung der Zeitbombe
Wie ein skrupelloser Verbrecher mit einem Schlag reich werden wollte – und dabei einer der schlimmsten Kriminellen seiner Zeitwurde: Die Geschichte von William King Thomas.
„Lernen S' a bisserl Geschichte, Herr Reporter!“
Bruno Kreisky, österreichischer Bundeskanzler, 1981 gegenüber einem TV-Journalisten.
History is more or less bunk“, behauptete der ebenso geniale wie rücksichtslose Autobauer Henry Ford, was ungefähr so viel heißt wie „Geschichte ist mehr oder weniger Quatsch“. Ford hielt den Blick in die Vergangenheit für völlig überflüssig – jedenfalls als er im Mai 1916 von der Chicago Daily Tribune interviewt wurde. Man solle doch lieber in der Gegenwart leben und nicht zurückschauen, meinte der 1863 geborene Autokönig. Dabei hatte er schon früh ein Stück Industriegeschichte geschrieben: 1913 war bei der Ford Motor Company das Fließband eingeführt worden. Damit wurde die Produktion verachtfacht, die Autos billiger und die Löhne konnten erhöht werden. So hat Ford ganz nebenbei auch noch die Win-win Situation erfunden, die erstmals in den 1970er Jahren an der Harvard Universität wissenschaftlich untersucht wurde. Aber diese Untersuchung wäre wohl für Henry Ford vermutlich auch nur „bunk“ gewesen.
Immer wieder bekam Ford Briefe dankbarer Kunden – auch von solchen, die eher zweifelhaften Berufen nachgingen. 1934 fand Amerikas „Staatsfeind Nummer 1“, der Gangster John Dillinger, zwischen zwei Raubüberfällen die Zeit, sich bei Henry Ford in einem Brief zu bedanken: „Sie haben ein herrliches Auto gebaut, es ist ein Vergnügen, damit zu fahren!“ Dillinger meinte den Ford V 8 mit seiner starken Maschine und exzellenter Straßenlage, der in der Lage war, alle Verfolger der Polizei mühelos abzuhängen. Immer wieder hatte Dillinger mit Hilfe eines V8 und entsprechend rücksichtsloser Fahrweise selbst die Special Agents des FBI genarrt. Was aber war das denn für ein Wunderauto, mit dem Dillinger stets den Behörden entkam? Die Idee zum Bau des V8 war Ford bereits Ende der 1920er Jahre gekommen. Damals brachte ausgerechnet sein Rivale William Knudsen, Präsident bei Chevrolet, das Modell International Six auf den Markt, „einen Sechszylinder zum Preis eines Vierzylinders“, wie es in der Werbung hieß. Mit Knudsen hatte Ford nämlich noch eine Rechnung offen: Der gebürtige Däne war lange Zeit einer seiner engsten Mitarbeiter gewesen, bevor er 1921 zu Chevrolet gewechselt war. Knudsens Idee, einen günstigen Sechszylinder für ein breites Publikum anzubieten, war es, die Ford herausforderte. Wer, wenn nicht er, der große Henry Ford, hatte das Automobil schließlich für Millionen Menschen erschwinglich gemacht? Allein von seinem Modell T, der Tin Lizzie, waren bis 1927 über 15 Millionen Stück gebaut worden. Nach Ford Verständnis gehörte Mobilität für alle Menschen unbedingt zu Freiheit und Demokratie – und tatsächlich waren im Gegensatz zu den USA Diktaturen wie das Nazi-Reich und die Sowjetunion immer untermotorisiert.
Ford nahm die Herausforderung an. Wenn Knudsen einen Sechszylinder zum Preis eines Vierzylinders auf den Markt brachte, sollte es ihm, dem Autokönig, doch gelingen, sogar einen Achtzylinder zum Preis eines Sechszylinders zu bauen! Monatelang wurde daran in Detroit herumgetüftelt. Geld war ausreichend vorhanden: 50 Millionen Dollar – nach heutiger Kaufkraft über 1,6 Milliarden Euro. Hatte Knudsen den International Six in der letzten Phase der Aktieneuphorie auf den Markt gebracht, herrschte nach dem Börsenkrach im Oktober 1929 Pessimismus. Da war Fords Investition in der Krise, wo andere sich zu Tode sparten, nicht nur eine gewaltige Summe, sondern auch Zeichen für Zuversicht. Neue Produktionsverfahren und Maschinen wurden entwickelt, Arbeiter eingestellt, Ingenieure angeworben. Dieses Signal mitten in der großen Depression zeigte, dass der American Dream durch Optimisten wie Ford wieder in Schwung kam.
Eine amerikanische Legende auf vier Rädern: Der Ford V8.
Mehr als 30 Motoren wurden entworfen, viele davon als Einzelstücke gebaut und immer wieder getestet. Gleichzeit arbeitete Henrys Sohn Edsel mit seinen Designern an einer Karosserie, die natürlich dem neuen Motor ein würdiges und modernes Outfit geben sollte. Ein Entwurf nach dem anderen wurde diskutiert, gebaut und dann doch wieder verworfen. Den Ingenieuren ging es nicht anders. Doch Ende 1931 war es endlich soweit: Der Motor wurde von König Henry höchst persönlich für würdig gefunden. Die charakteristischen, sehr flach konstruierten Zylinderköpfe des 3,6-Liter-Triebwerks hatten ihm schnell seinen Namen gegeben: Flathead, also Flachkopf. Erstmals hatte Ford einen Motorblock aus einem Stück gegossen. Das trug zur Reduzierung von Gewicht und Komplexität bei und half, auch die Produktionskosten deutlich zu senken. Der Flathead V8 war schnell bekannt für seine einfache Kon- struktion und hohe Leistung – ideal für den Massenmarkt. Auch die Karosserie, die den Flachkopf umgab, war ihrer Zeit weit voraus. Alles in allem ein erstklassiges Auto zu einem unglaublich günstigen Preis. Ab 460 Dollar – 2.100 Reichsmark – war der V8 zu haben. Selten in der Automobilgeschichte erregte ein neuer Wagen so viel Aufsehen. Die ersten 100.000 Bestellungen gingen noch vor der offiziellen Vorstellung ein. Aber nicht nur in den USA war der V8 eine Sensation. In Europa schrieb die Allgemeine Automobil-Zeitung aus Wien nach einer Probefahrt begeistert:
Ford V8, 3,6 Liter Hubraum, 65 PS. Verbrauch 17 Liter auf 100 Kilometer – das galt 1932 als richtig sparsam…
Kein europäischer Hersteller war in der Lage, diese Qualität und Leistung zum Preis eines V8 anzubieten. Als die ersten Serien durch ihren ungeheuren Öl-Durst unangenehm auffielen, investierte Henry Ford erneut viel Geld und es dauerte keine zwölf Monate, bis diese lästige Kinderkrankheit verschwunden war. Jetzt war der Wagen endgültig perfekt und fand immer mehr Käufer – auch auf dem deutschen Markt. Seitdem der Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer erfolgreich mit dem Autokönig verhandelt hatte und es in der Domstadt ein Ford-Werk gab, wurde der V8 nämlich auch in Deutschland hergestellt. Eine Kampfansage an Hersteller wie Mercedes-Benz: Deren Modell W 15 hatte nur sechs Zylinder bei bescheidenen 32 PS, schaffte gerade einmal eine Spitzengeschwindigkeit von 90 Stundenkilometern – kostete aber 1.000 Reichsmark mehr, als der V8.
Über 17.000 Exemplare des Ford V8 wurden auch auf dem deutschen Markt verkauft – vor fast 100 Jahren eine hohe Stückzahl.
Jede Automarke hat bekanntlich ihre Fans. Adolf Hitler hatte ebenso eine Vorliebe für Mercedes-Benz, wie Marlene Dietrich und Richard Tauber. Hans Albers hingegen schätzte BMW, Fürstin Gracia Patricia setzte wie Revolutionsführer Lenin auf Rolls-Royce. Heinz Rühmann entdeckte nach dem Zweiten Weltkrieg seine Zuneigung zum VW Käfer und Marilyn Monroe liebte ihren Ford Thunderbird. Der Ford V8 aber ging in die Automobilgeschichte nicht nur als berühmter Oberklassewagen für die aufstiegsorientierte Mittelschicht ein, sondern vor allen Dingen auch als das Lieblingsauto von Amerikas legendären Gangstern. John Dillinger, der gefürchtete Bankräuber, war wohl der bekannteste. Er und seine Gang waren berüchtigt für ihre Raids, in wenigen Minuten rasant durchgezogene Banküberfälle und spektakuläre Ausbrüche aus diversen Gefängnissen.
Dillinger ging der Ruf nach, von dem erbeuteten Geld auch gern etwas an arme Menschen zu verschenken. Als moderner Robin Hood wurde er zu einer nationalen Berühmtheit. Bei den Überfällen blieb er immer höflich und sprang gern elegant über den Banktresen – unzählige Male seitdem in Spielfilmen kopiert. Rohe Gewalt mochte er nicht, sein einziges Opfer war ein Polizist, den er über den Haufen schoss, als der sich ihm in den Weg stellte. Dillinger liebte gute Anzüge, war galant gegenüber Damen und feierte gern – wie etwa Silvester 1933 in Florida, wo er mit seiner Bande ein großes Strandhaus in Daytona angemietet hatte. Keine gute Idee, wie sich rasch herausstellte, denn dort flogen die Gangster beinahe auf, als sie um Mitternacht das neue Jahr gut gelaunt und sternhagelvoll mit ein paar krachenden Salven aus ihren Maschinenpistolen begrüßten. Nur mühsam war es ihnen anschließend gelungen, die misstrauischen Nachbarn mit etlichen Dollars und ein paar Whiskyflaschen davon abzuhalten, die Polizei zu rufen.
Gigantische Belohnung: 15.000 Dollar, nach heutiger Kaufkraft umgerechnet etwa 350.000 Euro, waren auf John Dillinger ausgesetzt. Das lockte natürlich auch Verräter in Gangsterkreisen an.
Der Ring des FBI zog sich langsam enger um Dillinger. Sein Konterfei prangte auf Fahndungsplakaten in den gesamten USA, tauchte immer wieder in den Wochenschauen auf und war inzwischen mindestens so bekannt, wie das Gesicht von Präsident Roosevelt. Dagegen musste er schnellstens etwas unternehmen. Er färbte sich die Haare, ließ sich einen Schnurrbart wachsen und kam nach längeren Überlegungen auf die Idee, sich zusätzlich das Gesicht operieren zu lassen um wirklich nicht mehr erkennbar zu sein. Sein Anwalt beauftragte zwei Chirurgen, Dr. Wilhelm Loeser und Dr. Harold Cassidy, mit der OP – im Wohnzimmer eines Freundes in einem Sessel. Am 27. Mai 1933 begab sich der Staatsfeind Nummer 1 unters Messer. Einige Leberflecke wurden entfernt, seine Nase durch Auffüllungen mit Eigengewebe verdickt, die Grübchen abgeflacht und das berühmte dreiste Dillinger-Grinsen, das inzwischen ganz Amerika kannte, durch Schnitte in die Mundwinkel etwas hochgezogen und verändert. Nachdem er sich ein paar Tage erholt hatte, versuchten die Chirurgen noch durch Säure seine Fingerspitzen unkenntlich zu machen. Alles in allem eine schmerzhafte Prozedur mit eher mäßigem Erfolg: Als ihn seine Gangsterfreunde sahen, meinten sie entsetzt, er sähe so verquollen aus, als wenn er Mumps hätte. Immerhin war John Dillinger jetzt nicht mehr für jeden Passanten sofort als John Dillinger zu erkennen.
Ich glaube, meine einzige schlechte Angewohnheit ist das Ausrauben von Banken“, bemerkte John Dillinger einmal ironisch bei einer seiner vielen Vernehmungen, „ich rauche sehr wenig und trinke auch nicht viel.“ Am Steuer seines „Dienstwagens“, natürlich eines Ford V8, ist er bei den Überfällen immer nüchtern. Sein fahrerisches Geschick, gepaart, mit dem bulligen Achtzylinder, lässt ihn bei jeder Verfolgungsfahrt entkommen. Doch schon bald ist Schluss mit dem Rauben und Autofahren. Special Agent Melvin Purvis, von FBI-Chef J. Edgar Hoover persönlich mit der Jagd auf Dillinger beauftragt, rückt ihm immer mehr auf die Pelle und hat längst Kontaktleute in seinem Umfeld.
Bis 1940 wurde der Ford V8 gebaut – in sieben Karosserievarianten vom Tourenwagen über den Roadster (wie hier) bis zum Kombi.
Am 22. Juli 1934 sitzt Dillinger mit seiner Geliebten Polly Hamilton und deren Freundin Anna Sage in Chicago im Kino und sieht sich den Film Manhattan Melodram an, die Geschichte eines Staatsanwaltes, dessen bester Freund ein Gangster ist. Als auf der Leinwand der Gangster stirbt, weiß Dillinger noch nicht, dass auch er nur noch wenige Minuten zu leben hat. Anna, die Freundin seiner Geliebten Polly, hat ihn verraten um die hohe Belohnung zu kassieren. Beim Zugriff des FBI vor dem Kino gibt es eine Schießerei, möglicherweise von den Special Agents inszeniert. Dillinger wird tödlich getroffen. Die Rennen mit der Polizei sind vorbei. Aber den berühmten Brief an Henry Ford, in dem Dillinger den V8 so gelobt hatte, nutzt die Ford Motor Company noch Jahre um für die Qualitäten des Autos zu werben.
Neben Amerikas Staatsfeind Nummer 1 und vieler lokaler US-Kiez-Größen schätzte auch das wohl berühmteste Gangsterpaar der Geschichte, Bonnie Parker und Clyde Barrow, den Ford V8. Die beiden lernen sich 1930 kennen und ganz offensichtlich ist es Liebe auf den ersten Blick. Bonnie ist 19 Jahre alt, Clyde 21. Ort der Begegnung ist das Diner, in dem sie arbeitet. Da hat er schon eine Karriere als Kleinkrimineller hinter sich, Gewalt im Gefängnis erfahren und ist auf dem besten Wege, Berufsverbrecher zu werden. Bonnie hingegen schreibt Gedichte, jobbt als Kellnerin, träumt von einer Karriere als Sängerin oder Schauspielerin. In ihren Tagebüchern schreibt sie über ihre Sehnsucht, einmal etwas Besonderes im Leben zu erreichen. Schließlich wird sie jetzt immerhin eine ganz besondere Gangsterbraut.
Clyde trägt Bonnie, die sich bei einem Unfall schwer verletzt hatte. Im Hintergrund ein (mit Sicherheit geklauter) Ford V8.
Als Clyde wegen schweren Diebstahls wieder hinter Gittern landet, schmuggelt Bonnie ihm eine Pistole in den Knast, mit der er ausbricht, allerdings auch schnell wieder gefasst wird. Ein gutmütiger Richter sieht trotz der Flucht irgendwo einen Rest von Anstand und Einsicht in ihm und setzt den Rest der Strafe 1932 auf Bewährung aus. Offensichtlich aber ist die kriminelle Energie in Clyde mächtiger als der Rest von Anstand. Kaum ist er auf freiem Fuß, beginnt er mit Bonne eine blutige Spur von Verbrechen durch das Land zu ziehen. Romantisch und grausam zugleich wird dieses neue Leben. Wobei es wohl eine Arbeitsteilung gibt: Für die Überfälle ist er zuständig, für das Leben um die Verbrechen und etwas flüchtige Romantik drumherum sie.
Bald gibt es die ersten Toten. Das Leben der beiden verläuft immer mehr wie ein gewalttätiges Roadmovie. Die Zeitungen berichten ausführlich, an den Tatorten taucht neben den Zeitungsreportern immer wieder die Wochenschau auf. Das Interesse der Menschen ist groß: Mitten in der Wirtschaftskrise lebt hier ein Paar wild und gefährlich während das übrige Amerika in die große Depression verfallen ist. Und immer wieder knacken die beiden Autos – und immer sind es Ford V8, mit denen sie stets einen Vorsprung vor der Polizei haben. Denn die Beamten fahren häufig ausgerechnet den Sechszylinder von Chevrolet, den Henry Ford mit seinem Achtzylinder übertrumpft hatte. Und so schreibt auch Clyde Barrow wie schon John Dillinger einen begeisterten Brief an Ford:
Aber irgendwann nähert sich das romantisch-brutale Roadmovie von Bonnie und Clyde seinem Ende und es ist kein Happy End. Am 23. Mai 1934 fahren sie – mal wieder mit einem geklauten V8, dieses Mal einem eleganten beigegrauen Modell Fordor Deluxe – in einen Hinterhalt der Polizei. Beide sind natürlich wie immer bewaffnet und das wird ihnen zum Verhängnis: Die Polizei wird später einfach behaupten, aus diesem Grund sei eine normale Festnahme leider nicht möglich gewesen.
Bonnies Waffe, ein Colt Detective Special Kaliber 38. Die kleine Waffe passte ideal auch in eine Damenhandtasche, war aber dennoch gefährlich und mit entsprechender Durchschlagskraft.
Ohne Vorwarnung wird von den Beamten sofort geschossen. Es ist eine von der Polizei sorgfältig geplante Hinrichtung. Ohnehin droht Bonnie und Clyde für ihre vielen Verbrechen die Todesstrafe. Das FBI und die Staatsanwaltschaft aber wollen keinen Prozess. Dort könnten ja die ganzen peinlichen Fehler bei der jahrelangen Fahndung zur Sprache kommen. Deshalb wird ohne Warnung geschossen. Genau 16 Sekunden dauert dieser Justizmord. 167 Patronen verfeuern die Polizisten, der Lärm des Geschoßhagels verursacht bei einigen von ihnen einen Hörsturz. Bonnie und Clyde sind schon nach den ersten Schüssen sofort tot, aber es wird sinnlos weiter geballert, ja, einige Beamte laden sogar noch einmal nach. Später werden bei der Obduktion in den Körpern des Gangsterpaares 100 Kugeln gefunden.
Unsterblich aber wird durch dieses brutale Ende der Mythos von Bonnie Parker und Clyde Barrow. 1967 verewigen Faye Duneway und Warren Beatty das Gangsterpaar auf der Leinwand. Und auch der Ruf des V8 profitiert vom Ende des mörderischen Duos: Als nach der Schießerei der örtliche Fordhändler den zersiebten Wagen auf Anordnung der Polizei abtransportiert, springt der unkaputtbare Flathead-Motor sofort an. Und wie schon der Brief John Dillingers in die Werbegeschichte der Ford Motor Company einging, so wird auch das Schreiben von Clyde Barrow über die Vorzüge des V8 natürlich veröffentlicht. Heute wäre es wohl undenkbar, dass etwa ein deutscher Autohersteller Dankesschreiben krimineller Clans publizieren würde. Aber das ist eine andere Geschichte.
Jedes Jahr veröffentlicht das Businessmagazin Forbes eine Liste mit den reichsten Menschen der Welt. Im Jahr 2024 stand auf Platz eins dieser Liste des kapitalistischen Hochadels der 75jährige Franzose Bernard Arnault mit einem geschätzten Vermögen von etwa 233 Milliarden Dollar, was so ungefähr dem Bruttoinlandsprodukt (BIP) Griechenlands entspricht. Die Arnaults verdienen ihr Geld unter anderem mit Kosmetik und Mode, darunter die bei Oligarchen und Hollywoodgrößen beliebten Marken Louis Vuitton und Sephora. Weit abgeschlagen hinter Arnault folgt ein gewisser Elon Musk – 52 Jahre alt, Autoproduzent, Raketenfabrikant und nebenberuflich auch mal Präsidentenberater. Immerhin über 200 Milliarden Dollar konnte Musk 2024 sein Eigen nennen. Mal wird es durch Börsenbewegungen mehr – wie 2025 als es kurzzeitig auf 480 Milliarden anstieg – mal weniger. Platz zwei belegt aktuell Oracle-Chef Larry Ellison (81), der auf 350 Milliarden Dollar Vermögen kommt. Jeff Bezos, der 60jährige Amazon-Gründer, schaufelte 2025 rund 230 Milliarden Dollar zusammen. Aber das Forbes-Ranking verändert sich durch schwankende Börsenkurse wie die Tabelle der Bundesliga andauernd.
Wer also ist ganz solide berechnet der reichste Mensch aller Zeiten? Der legendäre John D. Rockefeller? Facebook-Gründer Mark Zuckerberg? Alles falsch. Der reichste Mensch aller Zeiten ist ein bodenständiger Schwabe. Es ist jemand, dessen Vermögen nie der Gnade oder Ungnade der Börsenkurse unterworfen war. Und dieser reichste Mensch der Welt ist einer, der sein Geld noch ohne Internet verdienen musste. Keine Apps, kein Online-Shop, kein Vergleichsportal – ja nicht einmal ein Telefon für die Akquise besaß er. Aber wer war denn einst in der Lage, sich so dermaßen schamlos an seinen Zeitgenossen zu bereichern, dass selbst Elon Musk und Jeff Bezos im Vergleich dazu wie arme Schlucker daherkommen?
Der reichste Mensch aller Zeiten ist der Kaufmann Jakob Fugger aus Augsburg. Er hatte zu Beginn des 16. Jahrhunderts ein unglaubliches Vermögen angehäuft: Es entsprach in etwa dem Wert von gut zwei Prozent des kompletten europäischen Bruttoinlandsprodukts seiner Zeit. An der heutigen Börse eingesetzt, wären es wohl über 1.000 Milliarden US-Dollar – und damit mehr als doppelt so viel, wie Musk und Bezos zusammen besitzen. Jakob Fugger, 1459 geboren, stammte aus einer Kaufmannsfamilie, wobei Kaufmannsfamilie eine charmante Untertreibung ist. Auch der Begriff Handelshaus für das Fuggersche Imperium klingt noch zu bescheiden. Es war ein international tätiger Konzern mit besten Verbindungen in die Politik. An der Spitze dieses Konzerns stand Jakob Fugger, dessen Bildnisse noch heute Entschlossenheit, Kraft und Kühnheit – aber auch Rationalität und Empathielosigkeit ausstrahlen. Wer ihm damals ins Gesicht geschaut hatte, wusste, welche menschliche Gestalt das Geld wohl angenommen hätte, wenn es denn zu seiner Fleischwerdung gekommen wäre. Albrecht Dürer hat Fugger 1518 gemalt und ein unglaublich lebendiges Portrait geschaffen. Wer heute die Züge Fuggers betrachtet, blickt dem modernen Kapitalismus ins Auge. Wie aus einem Spiegel der Vergangenheit, sehen wir hier einen Investor, der Quartalsberichte und Due-Dilligance-Prüfungen auf dem Tisch hat. Dieser Mann auf dem Bild könnte auch genauso gut auf einen Laptop oder ein Smartphone schauen.
Prototyp des modernen Managers: Jakob Fugger (1459-1529).
Jakob und seine Brüder Georg und Ulrich betrieben von Augsburg aus ihr Family-Office wie man wohl heute sagen würde. Ein Konsortium aus Banken mit Filialen in ganz Europa und vielen miteinander verknüpften Handelsgesellschaften. Einen Großteil ihres Reichtums hatten sie aber nicht nur klugen Investments oder fetten Zinsen bei Kreditvergaben zu verdanken, sondern dem Bergbau. Dabei ging es weniger um Kohle, als um Kupfer. Lange Zeit hatten die Fugger sogar das Monopol beim Kupferabbau in Europa. Das seltene Metall wurde für alles Mögliche gebraucht: Herstellung von Nägeln, Dächern, Schmuck, Haushaltswaren, dem Guss von Kirchenglocken – und der Herstellung von Rüstungsgütern. Im Zeitalter Fuggers löste gerade die moderne Kriegstechnik mit Kanonen und Handfeuerwaffen endgültig Schwerter und Rüstungen ab. Und wie praktisch: Im 16. Jahrhundert war immer irgendwo ein Krieg und wurden Waffen in riesigen Mengen gebraucht. Wer dafür Kanonenrohre, Spieße und Gewehrläufe produzierte, brauchte viel Kupfer für deren Herstellung. Dieses Kupfer lieferten die Bergwerke der Fugger.
Rechnungsabschluss vor 500 Jahren: Ein Kaufmann überprüft seine Bücher. Er sitzt in seinem Kontor, umgeben von Waren aus aller Welt und seinen Gehilfen.
Die Fugger waren gefragte Partner und Berater bei den Mächtigen ihrer Zeit. Und niemand hätte es gewagt, sie bei Meinungsverschiedenheiten einfach so zu feuern, wie Donald Trump sich nach anfänglicher Euphorie von Elon Musk trennte. Ein Grund für die Anhänglichkeit an Jakob und seine Brüder war der chronische Geldmangel der öffentlichen Kassen. Hier liehen sich Fürsten und freie Städte gern Geld vom Bankhaus Fugger. Aber Jakob Fugger blieb nicht nur der Finanzier im Hintergrund. Mit der Unterstützung der Habsburger, stieg der Konzernherr aktiv in die Politik ein und sorgte dafür, dass seine Geschäfte im wahrsten Sinne des Wortes wie geschmiert liefen. Sehr mächtige Freunde machte sich der Augsburger Bankier: Der Aufstieg von Maximilian I. zum Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation wäre wohl ohne das Geld Fuggers nicht möglich gewesen. Nach dem Tode Maximilians griff Jakob erneut in das Geschehen ein und sorgte mit einem angemessenen Investment für die Wahl von Maximilians Enkel zum neuen Kaiser. Und wer das ganze Kupfer für die Rüstungsindustrie verkaufte, konnte natürlich auch komplette Feldzüge mit Logistik und Personal finanzieren. Promi-Kunde Karl V. hatte allerdings einen Nachteil: Seine kaiserliche Börse war oft leer und er ließ bei Fugger anschreiben. So manche Zahlung erließen die Bankiers dem Monarchen im Laufe der Jahre. Aber auch davon ließ sich profitieren: Als Gegenleistung gab es neue Schürf- oder Handelsrechte wie etwa das Eisenmonopol in Ungarn.
Prominenter Kunde des Bankhauses Fugger: Der junge Kaiser Karl V.
D
