Die Feuerreiter Seiner Majestät 01 - Naomi Novik - E-Book

Die Feuerreiter Seiner Majestät 01 E-Book

Naomi Novik

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Beschreibung

Eine faszinierende „All-Age“-Fantasy-Saga voll dramatischer Drachenkämpfe, Magie und großer Gefühle!

Als die HMS Reliant eine französische Fregatte aufbringt, kann Captain Will Laurence noch nicht ahnen, wie sehr sich sein Leben bald schon ändern wird. Denn die Fregatte hat eine höchst kostbare Fracht an Bord: ein noch nicht voll ausgebrütetes Drachenei, dem schon bald eine jener sagenhaft mächtigen Flugkreaturen entschlüpfen wird. Will Laurence weiß um seine Pflicht: Er muss dem Drachen einen Namen geben und so der lebenslange menschliche Begleiter dieses Geschöpfes werden. Auch wenn das bedeutet, dass er die Planken seines geliebten Schiffes für immer verlassen und sich in die Lüfte erheben muss – als ein Feuerreiter Seiner Majestät …

Peter Jackson, der Regisseur von „Der Herr der Ringe“, wird „Die Feuerreiter Seiner Majestät“ verfilmen!

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Seitenzahl: 586

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Naomi Novik

Die Feuerreiter Seiner Majestät

DIE AUTORIN

Naomi Novik wurde 1973 in New York geboren und ist mit polnischen Märchen, den Geschichten um die Baba Yaga und J. R. R. Tolkien aufgewachsen. Sie hat englische Literatur studiert, im Bereich IT-Wissenschaften gearbeitet und war außerdem an der Entwicklung von äußerst erfolgreichen Computerspielen beteiligt. Doch dann schrieb Naomi Novik ihren Debüt-Roman, mit dem sie sofort die Herzen von Kritikern und Lesern gleichermaßen eroberte: »Drachenbrut«, den ersten Band um DIE FEUERREITER SEINER MAJESTÄT. Naomi Novik lebt mit ihrem Mann und sechs Computern in New York.

Weitere Titel um DIE FEUERREITER SEINER MAJESTÄT sind in Vorbereitung.

Inhaltsverzeichnis

Naomi Novik - Die Feuerreiter Seiner MajestätDIE AUTORINWidmungTeil eins
Kapitel 1 Kapitel 2 Kapitel 3
Teil zwei
Kapitel 4 Kapitel 5 Kapitel 6 Kapitel 7 Kapitel 8
Teil drei
Kapitel 9 Kapitel 10 Kapitel 11 Kapitel 12
Epilog
Kapitel V Kapitel XVII
Danksagung DrachenprinzCopyright

Für Charles

mein sine qua non:»unerlässliche Voraussetzung« und zugleich »absolute Notwendigkeit«

Teil eins

1

Im unruhigen Seegang hob und senkte sich das vom Blut der Kämpfenden glänzende Deck des französischen Schiffes in Besorgnis erregendem Maße. Ein Hieb konnte den Mann, der ihn ausführte, ebenso leicht selbst zur Strecke bringen wie das anvisierte Ziel. Im Eifer des Gefechts blieb Laurence keine Zeit, sich über das Ausmaß des Widerstandes zu wundern, doch selbst durch den betäubenden Schleier des Schlachtfiebers und das Durcheinander von Klingen und Pistolenrauch bemerkte er den gequälten Ausdruck auf dem Gesicht des französischen Kapitäns, während dieser seine Männer anfeuerte. Er war auch noch zu erkennen, als sie kurze Zeit später an Deck zusammentrafen und der Mann äußerst widerstrebend seinen Degen übergab: Im letzten Augenblick noch schloss sich seine Hand halb um die Klinge, als wolle er sie wieder zurückziehen. Laurence blickte empor, um sicherzugehen, dass die Fahne gesetzt worden war, dann nahm er den Degen mit einem stummen Kopfnicken entgegen. Er selbst beherrschte kein Französisch, und so würde jedes weitere Gespräch warten müssen, bis sein Dritter Leutnant anwesend wäre – jener junge Mann, der im Augenblick unter Deck damit beschäftigt war, die französischen Kanonen zu sichern. Mit dem Versiegen der Kampfhandlungen ließen sich die überlebenden Franzosen buchstäblich an Ort und Stelle zu Boden sinken. Laurence bemerkte, dass es weniger waren, als er an Bord einer Fregatte mit sechsunddreißig Kanonen erwartet hatte. Er schüttelte den Kopf und musterte den französischen Kapitän missbilligend: Der Mann hätte sich nie auf einen Kampf einlassen sollen. Abgesehen von der schlichten Tatsache, dass die Reliant selbst im günstigsten Fall der Amitié an Waffen und Männern leicht überlegen gewesen wäre, war die Besatzung offenkundig durch Krankheit oder Hunger dezimiert worden. Obendrein befanden sich die Segel über ihnen in einem traurigen Zustand, was nicht der Schlacht, sondern dem Sturm, der erst heute Morgen nachgelassen hatte, zuzuschreiben war. Nur mühsam war es ihnen gelungen, überhaupt eine einzige Breitseite abzufeuern, ehe die Reliant herangekommen war und sie das Schiff geentert hatten. Der Kapitän war augenscheinlich tief bestürzt angesichts der Niederlage, doch er war kein junger Mann mehr, der sich von Übermut hatte hinreißen lassen: Er hätte seinen Männern einen besseren Dienst erweisen sollen, als sie in einen so aussichtslosen Kampf zu schicken.

»Mr. Riley«, sagte Laurence, um die Aufmerksamkeit seines Zweiten Leutnants auf sich zu lenken, »sorgen Sie dafür, dass unsere Männer die Verwundeten unter Deck bringen.« Er hakte den Degen des Kapitäns an seinen Gürtel, denn er war nicht der Ansicht, dass dem Mann die Ehre gebührte, ihn wiederzubekommen, obwohl Laurence normalerweise die Klinge zurückgegeben hätte. »Und schicken Sie nach Mr. Wells.«

»Sehr wohl, Sir«, erwiderte Riley und gab umgehend die notwendigen Anweisungen. Laurence trat an die Reling und schaute hinab, denn er wollte prüfen, welchen Schaden der Rumpf genommen hatte. Dieser wirkte vergleichsweise unbeschadet, weil Laurence seine Männer angewiesen hatte, Schüsse unterhalb der Wasserlinie zu vermeiden. Mit Befriedigung dachte er, dass es keine Schwierigkeiten bereiten sollte, das Schiff in den Hafen zu bringen.

Seine Haare hatten sich aus seinem kurzen Zopf gelöst und fielen ihm nun in die Augen, während er sich vorbeugte. Ungeduldig strich er sie beim Umdrehen zurück und verwischte dabei Blut auf seiner Stirn und seinem sonnengebleichten Haar. Dies, seine breiten Schultern und der ernste Gesichtsausdruck, mit dem er seine Beute in Augenschein nahm, verliehen ihm ohne sein Wissen ein wildes Äußeres, das seinen gewöhnlich nachdenklichen Gesichtszügen vollkommen unähnlich war.

Wells kam an Deck geklettert, um Laurence’ Ruf Folge zu leisten, und trat an dessen Seite. »Sir«, sagte er, ohne darauf zu warten, dass er zum Sprechen aufgefordert wurde. »Ich bitte um Entschuldigung, doch Leutnant Gibbs sagt, es befände sich etwas Sonderbares zwischen der Fracht.«

»Oh. Das werde ich mir ansehen«, antwortete Laurence. »Bitte teilen Sie diesem Gentleman mit«, er deutete auf den französischen Kapitän, »dass er mir für sich und seine Mannschaft sein Ehrenwort geben muss, denn sonst müssten sie eingesperrt werden.«

Der französische Kapitän antwortete nicht sofort; er betrachtete seine Männer mit einem kläglichen Gesichtsausdruck. Natürlich würde es ihnen viel besser ergehen, wenn sie über das Unterdeck verteilt werden konnten, und jede Rückeroberung des Schiffes war unter den gegebenen Umständen ohnehin praktisch unmöglich. Und doch zögerte er, ehe er den Kopf senkte und schließlich mit rauer Stimme mühsam hervorbrachte »Je me rends«, wobei sein Blick noch jämmerlicher wurde.

Laurence nickte knapp. »Er kann in seine Kabine gehen«, sagte er, an Wells gerichtet, und wandte sich ab, um in den Frachtraum hinunterzusteigen. »Tom, werden Sie mich begleiten? Sehr gut.«

Mit Riley auf den Fersen kletterte er hinunter, wo er auf seinen Ersten Leutnant traf, der dort auf ihn wartete. Gibbs’ rundes Gesicht glänzte noch immer vor Schweiß und Aufregung: Er würde die Prise in den Hafen bringen, und da es sich bei dem Schiff um eine Fregatte handelte, würde er mit ziemlicher Sicherheit selbst zum Kapitän befördert werden. Laurence war darüber nur mäßig erfreut. Auch wenn Gibbs seine Pflichten zuverlässig erledigt hatte, war ihm dieser Mann doch von der Admiralität aufgezwungen worden, und sie waren nie richtig miteinander warm geworden. Er hatte Riley auf dem Posten des Ersten Leutnants haben wollen, und wenn es nach ihm gegangen wäre, wäre es nun Riley, der seine Chance erhielte. Doch so lief es im Dienst der Marine, und er missgönnte Gibbs sein Glück auch nicht. Trotzdem war er nicht so aus vollem Herzen erfreut, wie er es gewesen wäre, wenn Riley sein eigenes Schiff erhalten hätte.

»Nun gut, was gibt es?«, fragte Laurence jetzt. Die Matrosen waren um ein merkwürdig platziertes Schott gedrängt, das sich in den Bereich achternaus öffnete, und vernachlässigten ihre Arbeit, die Fracht des aufgebrachten Schiffs in Listen zu verzeichnen.

»Sir, wenn Sie bitte herüberkommen wollen«, sagte Gibbs. »Machen Sie Platz hier«, befahl er, und die Matrosen zogen sich zurück, sodass Laurence nun einen Durchstieg erkennen konnte, der in eine Wand eingelassen war, welche den hinteren Teil des Frachtraums abtrennte. Dies konnte erst vor kurzem geschehen sein, denn das Holz war deutlich heller als bei den Planken, die den Einstieg umrahmten.

Er duckte sich, um durch die niedrige Tür zu gelangen, und fand sich in einer kleinen Kammer wieder. Die Wände waren mit dickem Metall verstärkt worden, was dem Schiff viel unnützes Gewicht eingebracht haben musste, und den Boden hatte man mit altem Segeltuch bedeckt. Darüber hinaus gab es einen kleinen Kohleofen in einer Ecke, der allerdings im Augenblick nicht benutzt wurde. Der einzige Gegenstand, der in diesem Raum verstaut worden war, war eine große Kiste, die einem Mann ungefähr bis zur Hüfte reichte und ebenso breit war. Man hatte sie mithilfe von dicken, an Metallringen befestigten Tauen am Boden und an den Wänden gesichert.

Laurence konnte sich nicht helfen: Er verspürte lebhafteste Neugier, und nachdem er diese einen Augenblick lang niederzukämpfen versucht hatte, gab er ihr nach. »Mr. Gibbs, ich denke, wir sollten einen Blick hineinwerfen«, sagte er und gab den Weg frei. Der Deckel der Kiste war sorgfältig festgenagelt, löste sich schließlich jedoch unter der Einwirkung vieler williger Helferhände. Sie nahmen den Deckel ab und holten die oberste Schicht des Füllmaterials heraus, dann beugten sich viele Köpfe gleichzeitig vor, um hineinspähen zu können.

Niemand sprach ein Wort; schweigend starrte Laurence auf die glänzende Rundung der Eierschale, die aus dem Strohhaufen herausragte: Es war kaum zu glauben. »Schicken Sie nach Mr. Pollitt«, sagte er schließlich, und seine Stimme klang ein wenig angespannt. »Mr. Riley, bitte stellen Sie sicher, dass diese Halterungen festsitzen.«

Riley antwortete nicht sofort; zu sehr war er in staunendes Starren versunken. Dann riss er sich von seiner Betrachtung mit einem Ruck los, sagte hastig: »Ja, Sir« und beugte sich vor, um die Befestigungen zu überprüfen.

Laurence trat erneut näher heran und blickte auf das Ei hinab. Was seine Natur anging, konnte es kaum einen Zweifel geben, auch wenn er es nicht aus eigener Erfahrung mit Bestimmtheit sagen konnte. Die ersten Augenblicke der Überraschung waren verflogen, und so streckte er zögernd die Hand aus, um sehr vorsichtig die Oberfläche zu befühlen: Sie war glatt und fest unter seiner Berührung. Umgehend zog er die Hand wieder zurück, denn er wollte nicht das Risiko eingehen, womöglich Schaden anzurichten.

Auf seine üblich linkische Weise kam Mr. Pollitt hinunter in den Frachtraum, wobei er sich mit beiden Händen an den Seiten des Niedergangs festhielt und blutige Spuren darauf hinterließ. Er war kein echter Seemann, denn er war erst im späten Alter von dreißig Jahren, nach einigen nicht näher bekannten Misserfolgen an Land, zum Schiffsarzt geworden. Doch dessen ungeachtet war er ein höchst fähiger Mediziner, der bei der Mannschaft wohlgelitten war, auch wenn er am Operationstisch nicht immer die ruhigste Hand hatte. »Ja, Sir?« Dann fiel sein Blick auf das Ei. »Gütiger Herr im Himmel.«

»Dann ist es also ein Drachenei«, stellte Laurence fest. Es kostete ihn einige Anstrengungen, den Triumph in seiner Stimme zu mäßigen.

»Oh ja, in der Tat, Kapitän, allein die Größe beweist das.«

Mr. Pollitt hatte seine Hände an der Schürze abgewischt und war bereits damit beschäftigt, weiteres Stroh zu entfernen, um das ganze Ausmaß des Eies abschätzen zu können. »Herrje, es hat sich bereits ziemlich verhärtet; ich frage mich, was sie sich dabei gedacht haben, jetzt noch so weit vom Land entfernt zu sein.«

Dies klang nicht sehr viel versprechend. »Verhärtet?«, fragte Laurence alarmiert. »Was hat das zu bedeuten?«

»Nun, es heißt, dass der Drache bald schlüpfen wird. Ich werde in meinen Büchern nachschlagen müssen, um sicher zu sein, doch ich glaube, dass Badkes Bestiarium mit Bestimmtheit sagt, wenn die Schale vollständig verhärtet ist, erfolgt das Schlüpfen innerhalb von einer Woche. Was für ein prächtiges Exemplar, ich muss meine Messschnur holen.«

Er eilte davon, und Laurence tauschte einen Blick mit Gibbs und Riley. Daraufhin rückten sie näher zusammen, damit sie sprechen konnten, ohne von den herumstehenden Gaffern belauscht zu werden. »Bei gutem Wind mindestens drei Wochen bis Madeira, wollen Sie sagen?«, fragte Laurence leise.

»Im günstigsten Fall, Sir«, bestätigte Gibbs mit einem Nicken.

»Ich kann mir nicht vorstellen, wie es dazu kam, dass sie sich mit dem Ei an Bord an dieser Stelle des Meeres befinden«, sinnierte Riley. »Was sollten wir Ihrer Meinung nach tun, Sir?«

Laurence’ anfängliche Zufriedenheit schlug nach und nach in Unbehagen um, als ihm klar wurde, wie ausgesprochen verzwickt sich die Lage gestaltete. Mit leerem Blick starrte er auf das Ei. Selbst im schummrigen Licht der Laterne glänzte es in dem warmen Ton von feinem Marmor. »Verflucht, wenn ich das nur wüsste, Tom. Doch ich schätze, ich werde dem französischen Kapitän seinen Degen zurückgeben. Nach all dem, was wir gesehen haben, ist es kein Wunder, dass er so erbittert gekämpft hat.«

Trotz allem war ihm selbstverständlich klar, dass es nur eine denkbare Lösung gab, so unangenehm es auch war, sie in Betracht zu ziehen. Mit düsterer Miene sah Laurence zu, wie das Ei, noch immer in seiner Kiste, auf die Reliant hinübergeschafft wurde: Wenn man von den französischen Offizieren absah, war er der einzige grimmig dreinblickende Mann an Bord. Er hatte ihnen freie Bewegung auf dem Achterdeck gewährt, und sie beobachteten nun von der Reling aus trübsinnig den bedächtigen Vorgang. Überall um sie herum waren die Gesichter aller Matrosen von einem Lächeln verklärt – in sich gekehrte, verzückte Mienen –, und bei den am Umzug nicht Beteiligten gab es viel Gedränge und etliche unnötige Warnungen und Ratschläge, die der schwitzenden Gruppe von Männern, welche mit dem eigentlichen Transport beschäftigt war, zugerufen wurden.

Als das Ei sicher an Deck der Reliant abgeladen worden war, verabschiedete sich Laurence in aller Form von Gibbs. »Ich werde die Gefangenen bei Ihnen lassen; es hat keinen Sinn, ihnen Anlass für einen verzweifelten Versuch zu geben, doch wieder in den Besitz des Eies zu gelangen«, sagte er. »Bleiben Sie in meiner Nähe, so gut es Ihnen möglich ist. Falls wir unverhofft getrennt werden sollten, werden wir uns in Madeira wiedertreffen. Meinen herzlichsten Glückwunsch, Kapitän«, fügte er hinzu und schüttelte Gibbs die Hand.

»Vielen Dank, Sir, und darf ich Ihnen sagen, dass ich sehr bewegt… sehr dankbar …« Doch hier versagte Gibbs’ Redegewandtheit, die ohnehin nie besonders ausgeprägt gewesen war. Er gab es auf und beschränkte sich darauf, Laurence und die ganze Welt, die ihm so wohlgesonnen schien, breit anzustrahlen.

Das Schiff war längsseits gebracht worden, um die Kiste rüberhieven zu können; Laurence musste kein Boot nehmen, sondern sprang einfach hinüber, als sich das Schiff auf einem Wellenkamm befand. Riley und der Rest seiner Offiziere waren bereits dabei abzudrehen. Er gab den Befehl, die Segel zu setzen, und ging schnurstracks unter Deck, um sich dort ungestört mit dem anstehenden Problem zu befassen; es offenbarte sich ihm jedoch auch während der Nacht keine denkbare Alternative. Am nächsten Morgen akzeptierte er schließlich das Unausweichliche und gab seine Befehle. Kurze Zeit darauf drängten sich die Oberfähnriche und die Leutnants in seiner Kajüte, geschniegelt und nervös in ihrem besten Zwirn. Einen solchen Massenappell hatte es bislang noch nicht gegeben, und die Kajüte war leider nicht geräumig genug, um allen bequem Platz zu bieten. Laurence bemerkte auf vielen Gesichtern den ängstlichen Ausdruck, der zweifellos von einem geheimen schlechten Gewissen herrührte, aufgeregte Mienen bei anderen. Nur Riley schaute besorgt, und vielleicht ahnte er bereits etwas von Laurence’ Vorhaben.

Laurence räusperte sich; er stand bereits, denn er hatte veranlasst, dass sein Schreibtisch und sein Stuhl entfernt würden, um mehr Platz zu schaffen. Doch er hatte sein Tintenfass und seine Feder ebenso wie mehrere Blätter Papier zurückbehalten, die nun auf dem Sims der Achterschiffsfenster hinter ihm lagen. »Gentlemen«, begann er, »Sie alle haben inzwischen gehört, dass wir ein Drachenei an Bord der Prise gefunden haben; Mr. Pollitt hat es für uns zweifelsfrei als ein solches identifiziert.«

Viele lächelten breit und stießen sich heimlich mit den Ellenbogen an; der kleine Oberfähnrich Battersea quäkte in seiner Sopranstimme: »Glückwunsch, Sir!«, und ein rasches, zustimmendes Gemurmel lief durch die Kabine.

Laurence runzelte die Stirn, obwohl er ihre Freude nachfühlen konnte, und wenn die Umstände auch nur ein wenig anders lägen, hätte er sie mit ihnen geteilt. Das Ei würde das Tausendfache seines Gewichtes in Gold wert sein – wenn es denn gelang, es sicher an Land zu bringen. Jeder Mann an Bord wäre an der Belohnung beteiligt, und als Kapitän würde ihm der größte Teil des Betrages zufallen.

Die Logbücher der Amitié waren über Bord geworfen worden, doch die Matrosen hatten sich – ganz im Gegensatz zu ihren Offizieren – als weniger verschwiegen erwiesen, und so hatte Wells aus ihren Beschwerden genug erfahren, um sich nur allzu deutlich zu erklären, wie es zu der Verzögerung gekommen war: ein Fieber unter der Besatzung, eine Flaute, die sie zurückgeworfen und fast einen Monat angedauert hatte, ein Leck in den Wassertanks, sodass die Wasserrationen knapp geworden waren, und dann zuletzt auch noch der Sturm, dem sie selbst vor so kurzer Zeit getrotzt hatten. Es war eine Abfolge von außergewöhnlich unglücklichen Umständen gewesen, und Laurence wusste, dass die abergläubischen Gemüter seiner Männer bei der Vorstellung verzagen würden, dass die Reliant nun das Ei trug, welches zweifellos der Grund für all dieses gewesen war.

Selbstverständlich würde er dafür Sorge tragen, dass diese Informationen der Mannschaft nicht zu Ohren kämen; es wäre bei weitem besser, wenn sie nichts von der langen Reihe von Unglücksfällen hörte, unter der die Amitié zu leiden gehabt hatte. Und so sagte Laurence lediglich, als wieder Ruhe eingekehrt war: »Unglücklicherweise hatte die Prise eine Menge Widrigkeiten zu bewältigen. Bereits vor einem Monat hätte sie Land erreichen sollen, wenn nicht noch eher, und die Verzögerung hat dazu geführt, dass wir nun den Fall haben, sofort Maßnahmen bezüglich des Eies treffen zu müssen.« Auf den meisten Gesichtern zeichneten sich daraufhin Verwunderung und Unverständnis ab, auch sorgenvolle Blicke wurden gewechselt, und so beendete er seine Ansprache mit den Worten: »Um es kurz zu machen, meine Herren: Es steht kurz vor dem Schlüpfen.«

Wieder war ein leises Murmeln zu hören, das dieses Mal enttäuscht klang, und hie und da stöhnte auch so manch einer. Gewöhnlich hätte er sich die Störenfriede gemerkt, um sie sich später zur Brust zu nehmen, doch so, wie die Dinge lagen, ließ er es dieses Mal durchgehen. Schon bald würden sie noch viel mehr Grund zum Murren haben. Bis jetzt hatten sie offenbar noch gar nicht begriffen, was seine Ankündigung bedeutete; sie hatten nur im Kopf ausgerechnet, wie sich die Belohnung für einen wilden kleinen Drachen verringerte, der weit weniger wertvoll war als ein ungeschlüpftes Ei.

»Vielleicht sind Sie sich nicht alle der Tatsache bewusst«, fuhr er fort, nachdem er mit einem einzigen Blick alles Flüstern zum Verstummen gebracht hatte, »dass sich England in einer äußerst bedrohlichen Lage befindet, was das Luftkorps angeht. Natürlich ist unsere Manövrierfähigkeit unübertroffen, und das Korps ist in der Luft jeder anderen Nation der Welt überlegen, doch was die Zuchtrate angeht, übersteigt die der Franzosen unsere Erfolge um das Doppelte, und es lässt sich unmöglich abstreiten, dass sie mehr Abwechslung in ihren Blutlinien haben. Ein vernünftig ans Geschirr gewöhnter Drache ist für uns mindestens so viel wert wie hundert der besten Kanonen, selbst wenn es nur ein gewöhnlicher Gelber Schnitter oder ein dreitonniger Winchester wären. Mr. Pollitt glaubt, nach der Größe und der Farbe des Eies zu urteilen, könnte es sich bei diesem Schlüpfling um ein Exemplar erster Güte und wahrscheinlich eines der seltenen, großen Rassen handeln.«

»Oh!«, entfuhr es Oberfähnrich Carver, als er begriff, was Laurence damit andeutete. Augenblicklich lief er hochrot an, weil er die Blicke auf sich zog, und schloss den Mund sogleich wieder.

Laurence schenkte der Unterbrechung keinerlei Beachtung; Riley würde dafür sorgen, dass Carvers Rumration für eine Woche einbehalten wurde, ohne dass er darüber ein Wort verlieren musste. Immerhin hatte der Ausruf die Aufmerksamkeit der anderen geschürt. »Wir müssen zumindest versuchen, dem Tier ein Geschirr anzulegen«, sagte er. »Ich vertraue darauf, Gentlemen, dass es hier niemanden gibt, der nicht bereit ist, seine Pflicht gegenüber England zu erfüllen. Das Luftkorps mag nicht die Art von Leben bieten, für die irgendeiner von uns erzogen worden ist, doch auch der Dienst in der Marine ist kein Zuckerschlecken, und es gibt niemanden unter Ihnen, der nichts von harter Arbeit versteht.«

»Sir«, setzte Leutnant Fanshawe ängstlich an. Er war ein junger Mann aus sehr guter Familie, der Sohn eines Earls. »Meinen Sie… Bedeutet das, dass wir alle …?«

Es war die Betonung des Wortes »alle«, das den selbstsüchtigen Beweggrund verriet, und Laurence fühlte, wie er nun selber beinahe purpurrot vor Zorn anlief. Schneidend sagte er: »Wir alle, in der Tat, Mr. Fanshawe, es sei denn, es befindet sich ein Mann unter uns, der zu sehr ein Feigling ist, um einen Versuch zu wagen, und in diesem Fall könnte sich der Gentleman vor einem Kriegsgericht verantworten, sobald wir in Madeira anlegen.« Er ließ einen wütenden Blick durch den Raum wandern, und niemand sonst sah ihn an oder wagte zu widersprechen.

Laurence war umso aufgebrachter, als er die Vorbehalte verstand und sie selbst teilte. Natürlich blieb niemand, der nicht für ein solches Leben geboren war, ruhig bei der Aussicht, plötzlich zu einem Flieger zu werden, und er verabscheute die Notwendigkeit, seine Offiziere dazu zu zwingen, sich dieser Möglichkeit zu stellen. Schließlich würde dies das Ende all dessen bedeuten, was einem gewöhnlichen Leben nahe kam. Es war nicht wie beim Segeln, wo man sein Schiff der Marine zurückgeben konnte, um an Land zu gehen, oft genug ungeachtet dessen, ob man es wollte oder nicht. Selbst in Friedenszeiten konnte ein Drache nicht einfach angedockt werden, und es war auch nicht möglich, ihn frei umherziehen zu lassen. Ein ausgewachsenes Tier von zwanzig Tonnen davon abzuhalten, das zu tun, wonach ihm gerade der Sinn stand, erforderte die gesamte Aufmerksamkeit eines Fliegers und einer Mannschaft von Gehilfen an seiner Seite. Drachen konnten nicht allein durch Kraft beherrscht werden und waren eigen, was ihre Lenker betraf. Einige ließen sich überhaupt keine Zähmung gefallen, nicht einmal, wenn sie frisch geschlüpft waren, und keiner würde Derartiges zulassen, nachdem er zum ersten Mal gefressen hatte. Ein wilder Drache konnte durch ständiges Bereitstellen von Nahrung, Gefährten und einem behaglichen Unterschlupf in den Zuchtgehegen gehalten werden, doch draußen war es schier unmöglich, ihn zu kontrollieren, außerdem würde er gar nicht mit Menschen sprechen.

Wenn ein Schlüpfling jedoch zuließ, dass ihm jemand ein Geschirr anlegte, dann band denjenigen ein lebenslanger Dienst an dieses Tier. Ein Flieger konnte sich kaum irgendeine Art von Heimstatt bauen oder eine Familie gründen, und er konnte auch nur in geringem Umfang am gesellschaftlichen Leben teilnehmen. Diese Männer lebten abgesondert und standen weit jenseits des Gesetzes, denn man konnte einen Flieger nicht bestrafen, ohne den Nutzen seines Drachen aufzugeben. In Friedenszeiten lebten die Angehörigen des Luftkorps in einer Art wilder, schändlicher Zügellosigkeit in kleinen Enklaven, gewöhnlich an den entlegensten und unwirtlichsten Plätzen Großbritanniens, wo den Drachen wenigstens ein gewisses Maß an Freiheit zugebilligt werden konnte. Auch wenn die Männer des Korps ohne Frage wegen ihres Mutes und ihrer hingebungsvollen Pflichterfüllung hoch angesehen waren, konnte die Aussicht, in ihre Reihen aufgenommen zu werden, für keinen Gentleman erstrebenswert sein, der in ehrbarer Gesellschaft aufgewachsen war.

Und doch stammten sie aus guten Familien. Es waren die Söhne von Gentlemen, die im Alter von sieben Jahren übergeben wurden, um auf dieses Leben vorbereitet zu werden, und es wäre eine undenkbare Beleidigung für das Korps, wenn ein anderer als einer ihrer eigenen Offiziere versuchen würde, einem Drachen das Geschirr anzulegen. Aber wenn man nun schon von jemandem verlangen musste, dieses Wagnis einzugehen, dann musste es alle gleichermaßen treffen. Wenn Fanshawe jedoch nicht in so ungehöriger Weise gesprochen hätte, hätte Laurence Carver gerne rausgehalten, denn er wusste, dass der Junge nicht schwindelfrei war, was ihm eine schlechte Voraussetzung für einen Flieger zu sein schien. Doch in der Atmosphäre, die diese armselige Frage heraufbeschworen hatte, hätte es so ausgesehen, als bevorzuge er jemanden, und das durfte nicht sein.

Er holte tief Luft, noch immer kochend vor Wut, und fuhr dann fort: »Niemand hier hat irgendeine Form der Ausbildung für diese Aufgabe, und die einzig faire Art und Weise, diese Pflicht zu verteilen, ist durch das Los. Selbstredend sind diejenigen, die Familie haben, entbunden. Mr. Pollitt«, sagte er und wandte sich an den Schiffsarzt, der eine Ehefrau und vier Kinder in Derbyshire hatte. »Ich hoffe, dass Sie für uns den Namen ziehen werden. Gentlemen, jeder von Ihnen wird seinen Namen auf ein Blatt Papier hier schreiben und ihn in diesen Sack werfen.« Seinem Wort ließ er Taten folgen, riss den Teil des Blattes mit seinem eigenen Namen ab, faltete ihn und warf ihn in den kleinen Sack.

Sofort trat Riley vor, und die anderen folgten pflichtschuldig seinem Beispiel. Unter Laurence’ kaltem Blick errötete Fanshawe und notierte seinen Namen mit zitternder Hand. Carver dagegen schrieb tapfer, wenn auch mit blassen Wangen, und schließlich war es Battersea, der, anders als praktisch alle anderen, ungeduldig sein Papier abriss, sodass sein Stück ungewöhnlich groß war. Man konnte hören, wie er Carver leise zumurmelte: »Wäre es nicht prächtig, einen Drachen zu reiten?«

Laurence schüttelte ob dieser Sorglosigkeit der Jugend ein wenig den Kopf. Allerdings wäre es in der Tat besser, wenn einer der jüngeren Männer ausgewählt würde, dem es noch leichter fallen dürfte, sich einzugewöhnen. Trotzdem wäre es hart zu sehen, wie einer der Jungen einer solchen Aufgabe geopfert würde – und sich hinterher dem Zorn seiner Familie stellen zu müssen. Aber das Gleiche würde auf jeden der Männer hier zutreffen, ihn selber eingeschlossen.

Obgleich er sein Bestes gegeben hatte, die möglichen Konsequenzen nicht von einem eigennützigen Blickwinkel aus zu betrachten, konnte er nun, wo der entscheidende Augenblick kurz bevorstand, seiner eigenen Befürchtungen nicht gänzlich Herr werden. Ein kleiner Fetzen Papier konnte das Ende seiner Karriere bedeuten, die Umwälzung seines Lebens und Schande in den Augen seines Vaters. Und dann war da noch Edith Galman, an die zu denken war. Doch wenn er damit anfinge, seine Männer wegen einer noch nicht gänzlich besiegelten Übereinkunft zu entschuldigen, würde niemand von ihnen übrig bleiben. Auf jeden Fall konnte er sich nicht vorstellen, sich selbst aus irgendeinem Grund vor diesem Auswahlverfahren zu drücken: Dies war nichts, was er seinen Männern zumuten, für sich selbst aber vermeiden konnte.

Er reichte Mr. Pollitt den Sack und bemühte sich angestrengt, lässig dazustehen und Unbesorgtheit auszustrahlen, während sich seine Hände hinter dem Rücken verkrampften. Der Schiffsarzt schüttelte den Sack zweimal, steckte dann mit abgewandtem Blick seine Hand hinein und zog einen kleinen, zusammengefalteten Zettel heraus. Laurence schämte sich, ein Gefühl tiefster Erleichterung zu verspüren, noch ehe der Name verlesen worden war: Der Zettel war einmal mehr als sein eigener gefaltet.

Das Gefühl dauerte nur einen Moment lang an. »Jonathan Carver«, verkündete Pollitt. Man hörte, wie Fanshawe mit einem Ruck tief ausatmete und Battersea seufzte; Laurence senkte den Kopf, während er Fanshawe lautlos ein weiteres Mal verwünschte. Ein so viel versprechender junger Offizier, der im Korps höchstwahrscheinlich nutzlos sein würde.

»Nun gut, das hätten wir also«, sagte er; es blieb nichts weiter zu tun. »Mr. Carver, Sie sind bis zum Zeitpunkt des Schlüpfens von allen laufenden Pflichten entbunden; stattdessen werden Sie sich mit Mr. Pollitt wegen der bevorstehenden Prozedur bezüglich des Anschirrens besprechen.«

»Ja, Sir«, antwortete der Junge ein wenig zaghaft.

»Wegtreten, meine Herren. Mr. Fanshawe, auf ein Wort. Mr. Riley, Sie haben die Brücke.«

Riley salutierte, und die anderen verließen hinter ihm die Kabine. Steif und blass blieb Fanshawe stehen, seine Hände hielt er hinter dem Rücken versteckt, und er schluckte; sein Adamsapfel trat deutlich hervor und hüpfte sichtbar. Laurence ließ ihn schwitzend warten, bis der Stewart die Kabineneinrichtung wieder hereingebracht hatte, dann setzte er sich und starrte ihn aus dieser Position vor den Achterfenstern wie von einem Thron hinab an.

»Und nun erwarte ich, dass Sie mir genau erklären, was Sie mit Ihrer Bemerkung vorhin gemeint haben, Mr. Fanshawe«, sagte er.

»Oh, Sir, ich habe gar nichts gemeint«, sagte Mr. Fanshawe. »Es ist nur, was man über Flieger sagt, Sir …« Er geriet unter dem zunehmend streitlustigeren Glitzern in Laurence’ Augen ins Stocken.

»Es interessiert mich nicht im Geringsten, was man sagt, Mr. Fanshawe«, unterbrach ihn Laurence eisig. »Englands Flieger sind das Schild des Landes in der Luft, wie die Marine es vom Meer aus schützt, und wenn Sie auch nur halb so viel wie der geringste unter den Fliegern erreicht haben, dann dürfen Sie Kritik anbringen. Sie werden Mr. Carvers Wache übernehmen und seine Arbeit zusätzlich zu Ihrer eigenen erledigen, und Ihre Ration Rum ist bis auf weiteres gestrichen: Informieren Sie den Quartiermeister darüber. Wegtreten.«

Aber trotz seiner Worte lief er, nachdem Fanshawe gegangen war, in seiner Kabine auf und ab. Er war streng gewesen, und das zu Recht, denn es war höchst ungehörig von dem Burschen gewesen, in dieser Weise zu sprechen, und darüber hinaus auch noch anzunehmen, dass er aufgrund seiner Abstammung entschuldigt werden könnte. Doch es war und blieb ein Opfer, und sein Gewissen plagte ihn schmerzhaft, wenn er an den Ausdruck auf Carvers Gesicht dachte. Dass er noch immer erleichtert war, machte die Sache nicht besser: Er verurteilte den Jungen zu einem Schicksal, dem er selbst sich nicht hätte stellen mögen.

Laurence versuchte, sich mit der Aussicht auf die hohe Wahrscheinlichkeit zu trösten, dass der Drache Carver – so unausgebildet, wie er war – verschmähen und das Geschirr ablehnen würde. Dann konnte man ihm keinen Vorwurf machen, und er würde den Drachen mit leichtem Herzen ausliefern und die Belohnung einstreichen können. Selbst wenn der Drache nur für die Zucht geeignet wäre, würde er England einen guten Dienst erweisen, und ihn den Franzosen abgenommen zu haben… nun, das war schon für sich genommen ein Sieg. Er für sein Teil wäre mehr als zufrieden mit einem solchen Ausgang, auch wenn ihm sein Pflichtgefühl gebot, alles in seiner Macht Stehende zu versuchen, um die Alternative herbeizuführen.

Die folgende Woche verstrich in unbehaglicher Stimmung. Es war unmöglich, Carvers Angst nicht zu bemerken, vor allem, als im Laufe der Woche die Arbeit des Waffenmeisters an dem Geschirr anfing, erkennbare Gestalt anzunehmen. Auch die Traurigkeit seiner Freunde und der Männer seiner Geschützmannschaft war offensichtlich, denn er war ein beliebter Kamerad, und seine Schwierigkeiten mit der Höhe waren kein großes Geheimnis.

Mr. Pollitt war als Einziger in bester Laune, denn was die Stimmung auf dem Schiff anging, war er nicht auf dem Laufenden, und ihn interessierte vor allem der Vorgang des Anschirrens. Er verbrachte viel Zeit damit, das Ei zu untersuchen, und ging schließlich so weit, dass er neben der Kiste im Waffenraum nächtigte und aß – sehr zum Verdruss der Offiziere, die dort schliefen, denn sein Schnarchen war mehr als durchdringend; außerdem war ihre Kajüte vorher bereits voll gewesen. Pollitt merkte von ihrem Unbehagen nicht das Geringste, und er setzte seine Wache bis zu jenem Morgen fort, an dem er mit einem kümmerlichen Maß an Feingefühl freudig verkündete, dass sich die ersten Risse in der Schale abzeichneten.

Laurence veranlasste unverzüglich, dass das Ei aus seiner Kiste genommen und an Deck gebracht würde. Ein Kissen aus altem Segeltuch, das man mit Stroh ausgestopft hatte, war eigens dafür angefertigt worden und ruhte auf einigen zusammengebundenen Truhen. Das Ei war behutsam darauf gebettet worden. Mr. Rabson, der Waffenmeister, schaffte das Geschirr herbei: Es handelte sich um ein behelfsmäßiges Gewirr aus Lederriemen, die mit Dutzenden von Schnallen aneinander befestigt waren, denn er hatte nicht genug über die Maße des Drachen gewusst, um es passend anzufertigen. Wartend stand er an einer Seite des Eies, während sich Carver direkt davor aufstellte. Laurence hatte den Matrosen befohlen, aus der Umgebung des Eies zu verschwinden, um mehr Platz zu haben. Die meisten von ihnen hatten sich entschlossen, in die Takelage oder auf das Dach der Achterhütte zu klettern, um die Ereignisse besser beobachten zu können.

Es war ein strahlend sonniger Tag, und vielleicht hatten die Wärme und das Licht den lange eingepferchten Schlüpfling ermutigt; die Schale bekam längere Risse, kaum dass das Ei auf das Kissen gelegt worden war. Über ihren Köpfen gab es unruhiges Zappeln und Flüstern, was Laurence zu ignorieren beschloss, und schließlich ein Schnappen nach Luft, als die ersten Bewegungen im Innern zu sehen waren: Eine krallenbewehrte Flügelspitze bohrte sich heraus, und Klauen kratzten sich durch einen anderen Spalt.

Und im Handumdrehen war alles vorbei: Die Schale brach beinahe genau in der Mitte, sodass die zwei Hälften auf das Deck geschleudert wurden, als wäre der Insasse ungeduldig geworden. Inmitten der übrig gebliebenen Schalensplitter saß das Drachenjunge und schüttelte sich heftig auf dem Kissen. Noch war es mit dem Schleim aus dem Inneren des Eies bedeckt und schimmerte nass in der Sonne; sein Körper war von einem reinen, makellosen Schwarz, von der Nasenspitze bis zum Schwanzende, und ein ehrfürchtiges Raunen lief durch die Mannschaft, als es seine großen Flügel mit den sechs Fingerknochen, dem Fächer einer Dame gleich, ausbreitete, deren unterste Spitzen mit ovalen Zeichnungen in Grau und leuchtendem Dunkelblau gesprenkelt waren.

Laurence selbst war beeindruckt; er hatte noch nie einen Schlüpfling gesehen, obwohl er bei vielen Flottenmanövern dabei gewesen und Zeuge geworden war, wie die ausgewachsenen Drachen des Korps als Verstärkung zuschlugen. Ihm fehlte das Wissen, um die Rasse zu bestimmen, doch es handelte sich mit Sicherheit um eine außerordentlich seltene Art: Er konnte sich nicht daran erinnern, jemals auf der einen oder der anderen Seite der kämpfenden Parteien einen schwarzen Drachen gesehen zu haben, und er schien recht groß für ein eben geschlüpftes Tier. Das machte die Angelegenheit nur noch dringender. »Mr. Carver, wenn Sie so weit sind…«, sagte er.

Carver, sehr blass, machte einen Schritt auf das Tier zu und streckte eine Hand aus, die sichtlich zitterte. »Guter Drache«, sagte er, aber die Worte klangen eher wie eine Frage. »Hübscher Drache.«

Das Drachenjunge schenkte ihm jedoch nicht die geringste Beachtung. Es war vollauf damit beschäftigt, sich selbst zu begutachten, und pickte auf geradezu eitle Weise Schalenstücke ab, die auf seiner Haut kleben geblieben waren. Auch wenn es kaum die Ausmaße eines großen Hundes hatte, waren die fünf Krallen an jeder seiner Klauen trotzdem einen Zoll lang und sehr beeindruckend. Carver starrte sie ängstlich an und machte eine Armlänge davon entfernt Halt. Dort stand er und wartete stumm. Der Drache beachtete ihn weiterhin nicht, und endlich warf Carver einen flehentlichen Blick über die Schulter zu der Stelle, an der Laurence mit Mr. Pollitt stand.

»Vielleicht sollte er noch mal mit ihm sprechen«, schlug Mr. Pollitt zögernd vor.

»Bitte tun Sie das, Mr. Carver«, sagte Laurence.

Der Junge nickte, doch gerade, als er sich zurückdrehte, kam ihm das Drachenjunge zuvor, kletterte von seinem Kissen und sprang an ihm vorbei auf das Deck. Carver wandte sich um, seine Hand war noch immer ausgestreckt, und auf seinem Gesicht lag ein höchst komischer Ausdruck von Überraschung, während die anderen Offiziere, die sich aufgeregt enger um den Drachen gedrängt hatten, erschrocken zurückwichen.

»Rühren Sie sich nicht«, fauchte Laurence. »Mr. Riley, kümmern Sie sich um den Niedergang.« Riley nickte und baute sich vor der Öffnung auf, um zu verhindern, dass das Drachenjunge nach unten gelangen konnte.

Doch der Schlüpfling machte sich stattdessen daran, das Deck zu erkunden. Er streckte eine lange, schmal gegabelte Zunge heraus, während er umherlief, berührte alles, was in Reichweite lag, und sah sich mit allen Anzeichen von Neugier und Scharfsinn um. Carver jedoch beachtete er auch weiterhin nicht, ungerührt von den fortgesetzten Bemühungen des Jungen, doch noch seine Aufmerksamkeit zu erringen, und auch an den anderen Offizieren schien er gleichermaßen wenig interessiert zu sein. Obwohl er sich gelegentlich auf die Hinterbeine erhob, um ein Gesicht genauer zu betrachten, war dies nicht anders, als wenn er eine Talje oder ein hängendes Stundenglas inspizierte und neugierig beäugte.

Laurence fühlte, wie seine Hoffnung schwand; eigentlich konnte ihm niemand einen Vorwurf machen, wenn das Drachenjunge keine Zuneigung für einen der nicht ausgebildeten Seeoffiziere zeigte, doch zu erleben, wie ein wahrhaft seltener Drache noch in der Schale gefunden worden war und dann doch nicht gezähmt werden konnte, war ein schwerer Schlag. Sie waren die ganze Angelegenheit mit ihrem Allgemeinwissen, dieser und jener Information aus Pollitts Büchern und Pollitts eigenen, ungenauen Erinnerungen an ein Schlüpfen, das er einst beobachtet hatte, angegangen. Nun jedoch befürchtete Laurence, dass es einen entscheidenden Schritt gab, den er unterlassen hatte. Es war ihm jedenfalls merkwürdig vorgekommen, dass das Drachenjunge sofort in der Lage sein sollte zu sprechen, obwohl es gerade erst geschlüpft war. Sie hatten nichts in den Texten gefunden, das irgendeine gesonderte Aufforderung oder einen Trick beschrieb, der das Junge zum Sprechen bringen könnte, doch er würde sich sicherlich Vorwürfe gefallen lassen müssen und würde sich auch selbst welche machen, wenn sich herausstellen sollte, dass sie etwas versäumt hatten. Schon bald würde Laurence daran denken müssen, das Biest einzusperren, um es davon abzuhalten, davonzufliegen, nachdem es gefüttert worden war. Aber noch war das Junge auf Erkundungsreise und kam nun zu ihm. Etwas schwerfällig setzte es sich auf die Hinterläufe, um ihn fragend anzuschauen, und Laurence blickte mit unverhohlener Sorge und Verzweiflung hinunter.

Es blinzelte ihn an! Laurence bemerkte, dass seine Augen von dunklem Blau waren und von einer schlitzförmigen Pupille geteilt wurden. Dann sagte es: »Warum runzeln Sie die Stirn?«

Mit einem Schlag verstummte das Gemurmel, und nur unter Schwierigkeiten gelang es Laurence, die Kreatur nicht mit offenem Mund anzustarren. Carver, der inzwischen geglaubt haben musste, er sei noch einmal davon gekommen, war die Kinnlade heruntergeklappt, während er hinter dem Drachen stand. Mit einem verzweifelten Ausdruck warf er Laurence einen Blick zu, doch dann nahm er all seinen Mut zusammen und machte einen Schritt nach vorne, bereit, den Drachen noch einmal anzusprechen.

Laurence blickte starr auf den Drachen und dann auf den bleichen, verängstigten Jungen; schließlich holte er tief Luft und sagte zu dem Tier: »Ich bitte um Verzeihung, das lag nicht in meiner Absicht. Mein Name ist Will Laurence, und wie heißen Sie?«

Kein Drill hätte das entsetzte Gemurmel verhindern können, das sich nun über das Deck ausbreitete. Das Drachenjunge schien es nicht zu bemerken, war jedoch einige Augenblicke lang von der Frage verwirrt, dann sagte es mit unzufriedener Miene: »Ich habe keinen Namen.«

Laurence hatte genug darüber in Pollitts Büchern gelesen, um zu wissen, was er antworten musste. So fragte er höflich: »Darf ich Ihnen einen geben?«

Es – oder besser er, denn die Stimme war auf jeden Fall männlich – musterte ihn erneut, hielt inne, um sich eine scheinbar makellose Stelle an seinem Rücken zu kratzen, und sagte dann mit wenig überzeugender Gleichgültigkeit: »Wenn Sie so freundlich sein wollen.«

Doch nun wusste Laurence nicht mehr weiter. Er hatte keinen wirklichen Gedanken an den Vorgang des Anschirrens verschwendet, der darüber hinausging, dass er sein Bestes versuchte, es überhaupt so weit kommen zu lassen, und er hatte keine Ahnung, was ein angemessener Name für einen Drachen sein könnte. Nach einem schrecklichen Moment von Panik verknüpfte sein Geist irgendwie Drachen und Schiff, und er platzte heraus: »Temeraire«, als ihn die Erinnerung an ein edles Schlachtschiff überkam, das er vor vielen Jahren beim Stapellauf gesehen hatte: Es hatte die gleiche anmutig gleitende Bewegung gehabt wie das Drachenjunge.

Im Stillen verfluchte er sich selbst, dass er sich nichts überlegt hatte, doch nun war es ausgesprochen, und immerhin war es ein ehrenvoller Name. Und schließlich war er ein Mann der Marine, und so war es nur angemessen… Doch hier unterbrach er sich in seinen eigenen Gedanken und starrte das Drachenjunge mit wachsendem Entsetzen an. Natürlich war er kein Mann der Marine mehr; das war ihm mit einem Drachen versagt, und in dem Augenblick, in dem der Drache das Geschirr aus seiner Hand annehmen würde, wäre es um ihn geschehen.

Der Drache, der offenkundig nichts von seinen Gefühlen ahnte, sagte: »Temeraire? Ja. Mein Name ist Temeraire.« Er nickte, was eine seltsame Geste war, da sein Kopf an einem Ende des langen Halses hüpfte, und sagte schließlich drängender: »Ich bin hungrig.«

Ein frisch geschlüpfter Drache würde unmittelbar davonfliegen, nachdem er gefüttert worden war, wenn man ihn nicht davon abhielt, und nur wenn das Tier überzeugt werden konnte, das Anschirren freiwillig zuzulassen, wäre es jemals zu kontrollieren und würde sich in der Schlacht als nützlich erweisen. Rabson stand entsetzt vor sich hin starrend da und war noch nicht mit dem Geschirr näher gekommen; Laurence musste ihn herbeiwinken. Seine Handflächen waren verschwitzt, und das Metall und das Leder fühlten sich rutschig an, als ihm der Mann das Zaumzeug überreichte. Er griff fest zu, dachte im letzten Augenblick daran, den neuen Namen zu benutzen, und sagte: »Temeraire, würden Sie so freundlich sein, mich Ihnen das anlegen zu lassen? Dann können wir Sie hier am Deck festmachen und Ihnen etwas zu essen bringen.«

Temeraire untersuchte das Geschirr, welches ihm Laurence entgegenstreckte, und seine schmale Zunge schnellte hervor, um den Geschmack zu prüfen. »Nun gut«, sagte er und verharrte erwartungsvoll. Wild entschlossen, an nichts anderes als an die unmittelbar bevorstehende Handlung zu denken, kniete Laurence nieder und kämpfte mit den Riemen und Schnallen, streifte sie vorsichtig über den weichen, warmen Körper und sparte die Flügel sorgfältig aus.

Der breiteste Gurt verlief rings um den mittleren Drachenkörper, direkt hinter den Vorderläufen, und wurde unter dem Bauch festgezurrt; dieser war über Kreuz an zwei dicken Lederbändern befestigt, welche über die Flanken des Drachen und den kräftigen Brustkorb verliefen, und dann hinter seinen Hinterbeinen und unterhalb des Schwanzes entlangführten. Eine Reihe von kleineren Schlaufen waren auf die Riemen genäht worden, die um die Beine und den Schaft von Hals und Schwanz geschnallt werden konnten, damit das Geschirr an Ort und Stelle blieb, und etliche schmalere und dünnere Bänder wurden über den Rücken gegürtet.

Das komplizierte Anlegen erforderte einiges an Aufmerksamkeit, wofür Laurence sehr dankbar war, konnte er sich doch ganz in diese Aufgabe vertiefen. Während er arbeitete, bemerkte er, dass sich die Schuppen erstaunlich weich anfühlten, und ihm kam der Gedanke, die metallenen Kanten könnten Verletzungen hervorrufen. »Mr. Rabson, seien Sie so gut und bringen Sie mir etwas zusätzliches Segeltuch. Wir werden damit diese Schnallen umwickeln«, sagte er über seine Schulter hinweg.

Schon bald war alles erledigt, auch wenn sich das Zaumzeug und die weiß umhüllten Schnallen hässlich von dem glänzenden, schwarzen Körper abhoben und es nicht sehr gut passte. Doch Temeraire beklagte sich nicht, ebenso wenig darüber, dass eine Kette vom Geschirr aus an einem Poller befestigt worden war, sondern reckte eifrig den Hals in Richtung des Bottichs voll dampfenden roten Fleisches von einem frisch geschlachteten Ziegenbock, der auf Laurence’ Befehl hin herausgebracht worden war.

Temeraire war keineswegs ein gesitteter Esser. Große Stücke Fleisch riss er einfach ab und würgte sie im Ganzen hinunter, wobei er Blut und Fleischstücke auf dem ganzen Deck verteilte. Zudem schienen ihn die Innereien besonders zu erfreuen. Laurence stand ein ganzes Stück von diesem Schlachtfest entfernt, und nachdem er das Ganze einige Augenblicke lang mit einem Gefühl leichter Übelkeit bestaunt hatte, wurde seine Aufmerksamkeit wieder auf die Situation an sich gelenkt, als Riley unsicher fragte: »Sir, soll ich die Offiziere wegtreten lassen?«

Er drehte sich um und warf einen Blick auf seinen Leutnant, dann auf seine starrenden, verstörten Anwärter; niemand hatte seit dem Schlüpfen etwas gesagt oder sich gerührt, obwohl, wie er plötzlich bemerkte, das erst vor einer knappen halben Stunde gewesen war: Das Stundenglas leerte sich gerade. Es war schwer zu glauben; noch schwieriger, anzuerkennen, dass der Drache tatsächlich angeschirrt war. Doch schwer oder nicht, man musste den Tatsachen ins Auge blicken. Laurence nahm an, er könne seinen Rang beanspruchen, bis sie Land erreichten, doch für eine Situation wie diese gab es keine Vorschriften. Aber auch wenn es so geschehen sollte, würde mit Sicherheit ein neuer Kapitän an seine Stelle treten, sobald sie Madeira erreicht hatten, und Riley würde nie aufsteigen. Und Laurence würde niemals in eine Position gelangen, in der er etwas für ihn tun könnte.

»Mr. Riley, die Umstände sind verzwickt, daran gibt es keinen Zweifel«, sagte er und wappnete sich. Er würde Rileys Karriere nicht zerstören, weil er sich feige um eine Entscheidung drückte. »Doch ich glaube, um des Schiffes willen muss ich es sofort in Ihre Hände übergeben; ich werde einen Großteil meiner Aufmerksamkeit nun Temeraire widmen und kann diese ja nicht aufteilen.«

»Oh, Sir«, sagte Riley mit elender Stimme, aber ohne zu widersprechen; offenkundig war ihm diese Idee auch schon selbst gekommen. Doch sein Bedauern war spürbar echt. Jahrelang war er mit Laurence gesegelt und dabei in seinem Dienst vom einfachen Oberfähnrich zum Leutnant aufgestiegen: Sie waren ebenso Freunde wie Kameraden.

»Lassen Sie uns keine Jammerlappen sein, Tom«, sagte Laurence leiser und weniger formell und warf einen warnenden Blick zu der Stelle, an der Temeraire sich noch immer gütlich tat. Die Intelligenz der Drachen stellte die Menschen, die sich mit diesem Thema befassten, vor ein Rätsel; er hatte keine Ahnung, wie viel ein Drache hören oder verstehen konnte, doch hielt er es für besser, nicht Gefahr zu laufen, den Drachen zu beleidigen. Er erhob seine Stimme wieder etwas und fügte hinzu: »Ich bin mir sicher, Sie werden das Schiff hervorragend befehligen, Kapitän.«

Dann holte er tief Luft und entfernte seine goldenen Epauletten. Sie waren ordentlich befestigt, aber er war kein reicher Mann gewesen, als er zum Kapitän ernannt worden war, und hatte seit diesen Tagen nicht vergessen, wie man sie leicht von einem Mantel lösen und an einen anderen heften konnte. Es mochte vielleicht nicht ganz korrekt sein, Riley dieses Rangabzeichen zu übergeben, ehe die Admiralität zugestimmt hatte, doch Laurence hatte das Gefühl, es sei notwendig, den Wechsel der Befehlsmacht auf sichtbare Weise kundzutun. Die linke Epaulette ließ er in seine Tasche gleiten, die rechte befestigte er an Rileys Schulter: Selbst als Kapitän konnte Riley nur eine tragen, bis er drei Jahre Erfahrung gesammelt hatte. Rileys helle, sommersprossige Haut verriet jede Gefühlsregung überdeutlich, und er konnte es kaum verhindern, trotz der Umstände erfreut über diese unerwartete Beförderung zu sein. Er errötete jäh und sah aus, als wolle er etwas sagen, doch er fand keine Worte.

»Mr. Wells«, sagte Laurence und gab einen Wink; nachdem der Anfang gemacht war, wollte er es auch richtig zu Ende bringen. Der Dritte Leutnant fuhr zusammen, rief aber dann doch ohne Nachdruck: »Hurra für Kapitän Riley.« Ein Jubel ertönte, vereinzelt zunächst, doch klar und deutlich bei der dritten Wiederholung: Riley war ein höchst fähiger Offizier und beliebt, auch wenn es eine doch etwas schockierende Situation war.

Als die Hochrufe verklungen waren, war Riley seiner Verlegenheit Herr geworden und fügte hinzu: »Und ein Hurra für … für Temeraire, meine Herren.« Nun ertönten die Jubelrufe aus voller Kehle, wenn auch nicht ungetrübt freudig, und Laurence schüttelte Riley die Hand, um die Angelegenheit zu besiegeln.

Zu diesem Zeitpunkt hatte Temeraire sein Mahl beendet und war über die Reling auf die Truhe geklettert, um dort seine Flügel in der Sonne auszubreiten, sie wieder anzulegen und erneut zu spreizen. Als er die Beifallsrufe für seinen Namen hörte, blickte er sich interessiert um, und Laurence trat an seine Seite. Es war eine gute Entschuldigung, um Riley allein zu lassen, damit er das Kommando übernehmen und die Ordnung auf dem Schiff wiederherstellen konnte. »Warum machen Sie solch einen Lärm?«, fragte Temeraire, rüttelte jedoch, ohne eine Antwort abzuwarten, an der Kette. »Wollen Sie sie bitte lösen? Ich möchte jetzt davonfliegen.«

Laurence zögerte; die Beschreibung der Zäumungszeremonie in Mr. Pollitts Buch hatte nichts zu der Frage gesagt, was zu tun war, wenn der Drache angeschirrt und zum Sprechen bewegt worden war. Er hatte irgendwie angenommen, dass der Drache ohne weitere Auseinandersetzungen einfach dort blieb, wo er war. »Wenn es Sie nicht weiter stört, sollten wir die Kette vielleicht noch ein wenig länger an Ort und Stelle belassen«, sagte er, um Zeit zu gewinnen. »Wir sind recht weit vom Land entfernt, müssen Sie wissen, und würden Sie davonfliegen, wäre es möglich, dass Sie den Weg zurück nicht fänden.«

»Oh«, sagte Temeraire und reckte seinen langen Hals über die Reling; die Reliant machte bei gutem Westwind ungefähr acht Knoten, und das Wasser schoss weiß schäumend an beiden Seiten davon. »Wo sind wir?«

»Wir sind auf dem Meer.« Laurence setzte sich neben ihn auf die Truhe. »Im Atlantik, vielleicht zwei Wochen vom Land entfernt. Masterson«, fügte er hinzu, um die Aufmerksamkeit eines müßigen Matrosen zu wecken, der sich nicht gerade unauffällig herumdrückte, um zu gaffen. »Seien Sie so gut und bringen Sie mir einen Eimer Wasser und einige Lappen.«

Das Gewünschte wurde herbeigeschafft, und Laurence bemühte sich, die Spuren der Mahlzeit von dem glänzenden, schwarzen Körper zu wischen. Temeraire genoss es mit sichtlichem Vergnügen, geputzt zu werden, und rieb hinterher dankbar seinen Kopf mit der Seite an Laurence’ Hand. Unwillkürlich musste Laurence lächeln und streichelte die warme, schwarze Haut, bis Temeraire sich hinlegte, seinen Kopf in Laurence’ Schoß kuschelte und einschlief.

»Sir, ich werde Ihnen die Kajüte überlassen. Wo sollten Sie auch sonst mit ihm hin?«, sagte Riley, der leise herbeigekommen war, und zeigte auf Temeraire. »Soll ich jemanden kommen lassen, der Ihnen dabei behilflich ist, ihn hinunterzutragen?«

»Danke, Tom, und nein, ich fühle mich hier im Augenblick behaglich genug; besser ist es, ihn nicht unnötigerweise aufzuwecken, würde ich meinen«, erwiderte Laurence. Etwas verspätet fiel ihm ein, dass es die Dinge für Riley nicht einfacher machen dürfte, wenn sein ehemaliger Kapitän auf dem Deck herumsaß. Trotzdem wollte er das schlafende Drachenjunge nicht bewegen, und so fügte er nur noch hinzu: »Wenn Sie so freundlich wären, dafür zu sorgen, dass mir jemand ein Buch bringt, vielleicht eines von Mr. Pollitt, dann wäre ich sehr dankbar.« Er dachte, dies würde sowohl dazu dienen, ihm die Zeit zu vertreiben, als auch verhindern, dass er zu sehr wie ein Beobachter wirkte.

Temeraire erwachte nicht, bis die Sonne hinter dem Horizont versank; Laurence schlummerte über seinem Buch, das die Gewohnheiten der Drachen auf eine Art beschrieb, die sie ungefähr so aufregend wie schwerfällige Kühe wirken ließ. Temeraire stupste ihn mit seiner stumpfen Schnauze an der Wange, um ihn aufzuwecken, und verkündete: »Ich bin wieder hungrig.«

Laurence hatte bereits vor dem Schlüpfen damit begonnen, die Vorräte des Schiffes abzuschätzen. Nun, wo er zusah, wie Temeraire die Überreste des Schafbocks und zwei hastig geschlachtete Hühner samt Knochen verschlang, schien es, dass er sie ein weiteres Mal überprüfen musste. Bislang hatte das Drachenjunge bei nur zwei Fütterungen das Gewicht seines Körpers an Nahrung verspeist; es wirkte bereits etwas größer und blickte sich sehnsüchtig nach mehr um.

Eilig und besorgt besprach sich Laurence mit Riley und dem Schiffskoch. Falls notwendig, konnten sie die Amitié herbeirufen und von ihren Vorräten zehren: Da deren Belegschaft durch die Reihe von Unglücksfällen so arg dezimiert worden war, hatte sie mehr Nahrung an Bord, als sie brauchte, um nach Madeira zu gelangen. Allerdings handelte es sich hauptsächlich nur noch um gepökeltes Schweinefleisch und gesalzenes Rindfleisch, und auch der Reliant erging es nicht wesentlich besser. Bei diesen Mengen würde Temeraire die frischen Vorräte innerhalb von einer Woche aufgebraucht haben, und Laurence hatte keine Ahnung, ob ein Drache Dörrfleisch zu sich nehmen würde oder ob ihm das Salz vielleicht nicht bekäme.

»Vielleicht nimmt er Fisch an?«, schlug der Koch vor. »Ich habe einen prächtigen kleinen Thunfisch, der heute Morgen frisch gefangen wurde, Sir. Ich habe ihn eigentlich für Ihr Abendbrot vorgesehen. Oh… das heißt …« Er brach unsicher ab und blickte zwischen seinem alten und seinem neuen Kapitän hin und her.

»Bei allem, was recht ist, lassen Sie uns einen Versuch machen, wenn Sie es für richtig halten, Sir«, sagte Riley, blickte Laurence an und überging die Verunsicherung des Kochs.

»Danke, Kapitän«, entgegnete Laurence. »Wir können es ihm ruhig anbieten. Ich nehme an, er wird es uns schon sagen, wenn es ihn nicht interessiert.«

Zweifelnd besah sich Temeraire den Fisch, dann knabberte er ein wenig daran, und sehr rasch war das ganze Ding vom Kopf bis zum Schwanz in seinem Schlund verschwunden: Es waren volle zwölf Pfund gewesen. Er leckte sich die Lippen und sagte: »Es hat sehr geknirscht, aber ich mag es ganz gerne.« Dann erschreckte er sie und sich selbst, indem er laut rülpste.

»Nun«, sagte Laurence und griff wieder nach den Putztüchern. »Das ist doch ermutigend, Kapitän; wenn Sie es einrichten können, einige Männer zum Fischen abzustellen, könnten wir vielleicht wenigstens den Ochsen einige Tage länger aufheben.«

Danach brachte er Temeraire hinunter in die Kabine. Die Leiter erwies sich als etwas problematisch, und am Ende musste der Drache mit einer Seilkonstruktion, die an seinen Schnallen befestigt wurde, hinuntergelassen werden. Forschend umschnüffelte Temeraire den Schreibtisch und den Stuhl und streckte den Kopf aus den Fenstern, um ins Kielwasser der Reliant zu schauen. Das Kissen, auf dem er geschlüpft war, war in eine Hängematte doppelter Breite gelegt worden, die neben der von Laurence baumelte, und er schaffte es mühelos, vom Boden aus hineinzuspringen.

Mehr oder weniger gleichzeitig verengten sich seine Augen zu schläfrigen Schlitzen. Laurence fühlte sich nun endlich von seinen Pflichten erlöst und nicht länger unter der Beobachtung der Mannschaft, und so ließ er sich in seinen Sessel fallen und starrte den schlafenden Drachen an, als wäre er ein Werkzeug des Jüngsten Gerichts.

ENDE DER LESEPROBE

1. Auflage Deutsche Erstausgabe Juni 2007 Gesetzt nach den Regeln der Rechtschreibreform

© 2006 der Originalausgabe by Naomi Novik

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel »His Majesty’s Dragon« bei Del Rey Books, an imprint of the Random House Publishing Group, a division of Random House, Inc., New York. © 2007 der deutschsprachigen Ausgabe cbt/cbj Verlag, München in der Verlagsgruppe Random House GmbH Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten Übersetzung: Marianne Schmidt Innenillustrationen: © Gayle Marquez Umschlagillustration: Dominic Harmann Umschlaggestaltung: HildenDesign, München he ∙ Herstellung: CZ Satz: Uhl + Massopust, Aalen

eISBN: 978-3-641-09179-8

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