Drachensieg - Naomi Novik - E-Book

Drachensieg E-Book

Naomi Novik

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Beschreibung

Ein furchtloser Feuerreiter und sein Drache treten Napoleon entgegen: Die letzte Schlacht um die Freiheit beginnt!

Der Russland-Feldzug war für Napoleons Armee vernichtend. Doch auch die Russen und ihre Verbündeten wurden stark geschwächt. Kapitän Will Laurence und sein Drache Temeraire verfolgen die Überreste der französischen Armee zurück nach Westen. Dennoch gelingt es Napoleon, unversehrt nach Paris zurückzukehren. Und es kommt noch Schlimmer für Temeraire, denn die Franzosen haben sein Ei gestohlen! Nun heißt es handeln oder sterben, denn die Freunde müssen nicht nur Temeraires Nachkommen retten, sondern endlich auch Napoleon stoppen …

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Buch

Der Russland-Feldzug war für Napoleons Armee vernichtend. Doch auch die Russen und ihre Verbündeten wurden stark geschwächt. Kapitän Will Laurence und sein Drache Temeraire verfolgen die Überreste der französischen Armee zurück nach Westen. Dennoch gelingt es Napoleon, unversehrt nach Paris zurückzukehren. Und es kommt noch Schlimmer für Temeraire, denn die Franzosen haben sein Ei gestohlen! Nun heißt es handeln oder sterben, denn die Freunde müssen nicht nur Temeraires Nachkommen retten, sondern endlich auch Napoleon stoppen …

Autorin

Naomi Novik wurde 1973 in New York geboren und ist mit polnischen Märchen, den Geschichten um die Baba Yaga und den Büchern von J. R. R. Tolkien aufgewachsen. Sie hat englische Literatur studiert, im Bereich IT-Wissenschaften gearbeitet und war außerdem an der Entwicklung von äußerst erfolgreichen Computerspielen beteiligt. Doch dann erkannte Naomi Novik, dass sie viel lieber schreibt als programmiert. So machte sie sich an ihren Debüt-Roman, mit dem sie die Herzen von Kritikern und Lesern gleichermaßen eroberte: »Drachenbrut«, den ersten Band um die Feuerreiter Seiner Majestät. Naomi Novik lebt mit ihrem Mann und sechs Computern in New York.

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Naomi Novik

Drachensieg

Die Feuerreiter Seiner Majestät 9

Roman

Deutsch von Marianne Schmidt

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Die Originalausgabe erschien 2016 unter dem Titel »League of Dragons« bei Del Rey, an imprint of Random House, a division of Penguin Random House LLC, New York.
Copyright der Originalausgabe © 2016 by Temeraire LLCCopyright der deutschsprachigen Ausgabe © 2017 by Penhaligon in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkterstr. 28, 81673 München Redaktion: Werner Bauer Covergestaltung: Isabelle Hirtz, Inkcraft, München unter Verwendung einer Illustration von © Kerem BeyitJvN · Herstellung: samSatz: Uhl + Massopust, AalenISBN 978-3-641-19900-5V002
www.penhaligon.de

Für Charles –sine qua non

I

1

Das Chevalier-Weibchen war noch nicht tot, als sie es fanden, doch hatten Aasfresser bereits damit begonnen, an seinem Körper herumzupicken. Eine Wolke heiser krächzender Krähen erhob sich, als Temeraires Schatten über die Lichtung fiel, und ein Hermelin in weißem Pelz und mit roter Schnauze huschte ins Unterholz; als Laurence abstieg, sah er die kleinen, glänzenden Augen geduldig abwartend unter einem Dornbusch hervorlugen. Die riesigen Flanken des französischen Drachen waren so stark zwischen den Rippen eingefallen, dass jede Vertiefung wie der Bogen einer durchhängenden Seilbrücke aussah. Mit jedem flachen Atemzug schwollen sie an und erschlafften wieder, sodass die Bewegungen der Drachenlunge deutlich zu beobachten waren. Das Weibchen bewegte seinen Kopf nicht, öffnete aber ein Auge einen winzigen Spaltbreit, drehte es so, dass es die Neuankömmlinge erfassen konnte, schloss dann das Lid jedoch wieder, ohne dass es ein Zeichen des Erkennens von sich gegeben hätte.

Im Schnee neben dem Tier, an dessen Brust gelehnt, saß tot ein Mann und starrte blind vor sich hin. Gekleidet war der Leichnam in kümmerliche Überreste, die einst die stolze, rote Uniform der Alten Garde gewesen waren. Er trug Epauletten, und die Vorderseite seines Mantels war mit kleinen Löchern übersät, wo ohne Zweifel zu einem früheren Zeitpunkt Orden gehangen hatten, die er, davon war auszugehen, an irgendeinen russischen Bauern verkauft hatte, der bereit gewesen war, ihm im Gegenzug für das Gold und Silber ein Schwein oder ein Huhn zu überlassen. Der Soldat und sein Drache waren Strandgut aus Napoleons versprengter Grande Armée: Höchstwahrscheinlich hatte der Hunger das Drachenweibchen auf seiner Nahrungssuche so weit ins Landesinnere getrieben, und nachdem das Tier seine letzte Kraft aufgebraucht hatte, war es außerstande gewesen, sich wieder den Resten seiner Truppe anzuschließen. Aller Wahrscheinlichkeit nach war es schon tags zuvor gelandet: Der aufgewühlte Boden rechts und links war zu harten Hügeln gefroren, und die Stiefel seines Kapitäns waren unter dem Schnee begraben, der seit dem gestrigen Morgen zu Boden rieselte.

Laurence hielt nach der Sonne Ausschau, die allmählich unterzugehen begann und nur noch knapp über dem Horizont zu erkennen war. Jede karge Stunde Tageslicht war jetzt wertvoll, jede Minute zählte. Die letzten Einheiten von Napoleons Armee eilten Richtung Westen und versuchten zu entkommen, und Napoleon selbst war unter ihnen. Wenn sie die Truppen nicht vor dem Fluss Beresina einholten, würde ihnen Napoleon nicht mehr in die Hände fallen. Am anderen Ufer warteten Verstärkungen und Vorräte auf ihn – und zwar Verstärkung in Gestalt von Drachen, die ihn und seine Männer in Sicherheit bringen würden. Dann würde dieser verheerende Krieg wieder nicht entschieden werden und kein Ende haben. Napoleon würde nach einer zu verschmerzenden Demütigung in die offen ausgebreiteten Arme Frankreichs zurückkehren und eine neue Armee ausheben, sodass es in zwei Jahren einen weiteren Feldzug geben würde – ein erneutes Abschlachten und Blutvergießen.

Wieder blähte ein mühevolles Keuchen die Flanken des Chevaliers auf; Atem strömte aus seinen Nüstern und wurde in der eisigen Luft zu weißen Wolken, die wie der Qualm an den Öffnungen von Kanonenrohren aussahen. Leise fragte Temeraire: »Können wir denn nichts für sie tun?«

»Wenn Sie bitte ein kleines Feuer machen würden, Mr. Forthing«, sagte Laurence.

Aber der Chevalier wollte nicht mal einen Schluck Wasser zu sich nehmen, als sie etwas Schnee geschmolzen hatten, um das Weibchen davon trinken zu lassen. Es hatte keinen Sinn; für das Tier gab es keinerlei Erleichterung mehr, nun, da sein Kapitän tot und es selbst schon fast aus dem Leben geschieden war.

Es blieb nur noch ein Akt der Gnade. Zwar konnten sie keinerlei Schwarzpulver erübrigen, aber sie hatten noch ein paar Zeltstangen mit angespitzten Enden dabei. Laurence legte eine davon unten an den Ansatz des Drachenkopfs, und Temeraire drückte eine seiner mächtigen Klauen darauf, womit er das Eisen mit einem Stoß in den Körper des Chevaliers trieb. Dieser starb ohne einen einzigen Laut. Noch zweimal hoben und senkten sich seine Flanken, während die endgültige Starre nach und nach den riesigen Körper erfasste; noch zuckten Muskeln und Sehnen sichtbar unterhalb der Haut. Ein paar Männer der Bodentruppe stampften mit ihren Stiefeln und bliesen sich in die zusammengelegten Hände. Der Schnee, der schwer auf den Tannen rings um sie herum lag, dämpfte alle Geräusche.

»Wir sollten weiter«, drängte der kleine Drache Grig, noch ehe die letzten Zuckungen den Schwanz des Chevaliers erreicht hatten. Ein tadelnder Unterton schwang in seiner hohen Spatzenstimme mit. »Wir haben noch fünf Meilen vor uns, ehe wir den Sammelplatz für heute Nacht erreicht haben.«

Er war der Einzige ihrer Mannschaft, den diese Szene nur wenig berührt hatte. Allerdings konnte man es einem russischen Drachen kaum verdenken, dass er Grausamkeit und Hunger gegenüber unempfindlich war, war ihm beides doch von jeher vertraut. Sein Einwurf war zudem gerechtfertigt, denn sie hatten alles, was ihnen noch zu tun übrig geblieben war, bereits erledigt. »Sorgen Sie dafür, dass die Männer aufsteigen, Mr. Forthing«, sagte Laurence und ging zu Temeraires gesenktem Kopf. Während des Fluges war sein Atem rings um seine Nüstern festgefroren. Laurence wärmte die Eiskruste mit seinen Händen an und löste sie dann vorsichtig von den Schuppen. Schließlich fragte er: »Bist du schon bereit weiterzufliegen?«

Temeraire antwortete nicht sofort. Er hatte in diesen letzten zwei Wochen mehr an Gewicht verloren, als es Laurence lieb war, was an der bitteren Kälte, den anstrengenden Flügen und zu wenig Nahrung lag. All diese Faktoren zusammen konnten sogar die Konstitution eines Schwergewichts von einem Drachen mit beängstigender Geschwindigkeit schwächen, und der Chevalier war ein mahnendes Beispiel dafür, wohin das Ganze führen mochte. Laurence konnte nicht verhindern, dass ihn das mit großer Besorgnis erfüllte.

Wieder einmal trauerte er Shen Shi und dem Rest ihres Versorgungszuges hinterher. Laurence hatte die chinesischen Legionen bereits vorher zu schätzen gewusst, aber jetzt noch mehr, wo sie fort waren und es in seiner eigenen Verantwortung lag, für die Verpflegung seiner Leute zu sorgen. Die russischen Flieger hatten vollkommen rückständige Vorstellungen davon, wie ihre Tiere ernährt werden sollten. Temeraires Kampfgeist allerdings war zu ausgeprägt, um sich von der Überzeugung abbringen zu lassen, dass er mit nicht mehr im Magen als drei Hühnchen und einem Sack Getreide einmal um die Welt fliegen würde, wenn ihn das bloß wieder in die Reichweite von Napoleon brächte.

»Ich bedauere es so sehr, dass Shen Shi und die anderen nach China zurückkehren mussten«, meinte Temeraire schließlich seufzend, und es klang wie ein Echo von Laurence’ Gedanken. »Wenn wir doch im Verbund fliegen könnten, vielleicht …« Er brach ab. Egal, wie optimistisch man war, es war absurd, sich vorzustellen, dass es für den Chevalier noch eine Rettung hätte geben können. Selbst drei Schwergewichte gemeinsam hätten noch Schwierigkeiten dabei gehabt, das erschöpfte Tier zu tragen. »Wenigstens hätten wir ihr noch ein bisschen heiße Grütze geben können«, sagte Temeraire.

»Wenn es ein Trost für dich ist«, warf Laurence ein, »dann denk daran, dass sie freiwillig und als Eroberin in dieses Gebiet gekommen ist.«

»Oh! Als ob es irgendwas gäbe, was die Drachen aus Frankreich nicht für Napoleon auf sich nehmen würden!«, maulte Temeraire. »Du weißt doch, was er alles für sie getan und wie sehr er ihr Schicksal verändert hat. Schließlich hat er Pavillons für sie gebaut und Straßen durch ganz Europa, und er hat ihnen eigene Rechte eingeräumt. Man kann keinem von ihnen die Schuld geben, Laurence; man kann sie nicht dafür verantwortlich machen.«

»Dann laste es doch wenigstens ihm an«, sagte Laurence, »dass er ihre Loyalität derartig ausgenutzt und den Chevalier und seine Kameraden in einem vergeblichen und ungerechtfertigten Eroberungsversuch in dieses Land geführt hat. Du konntest nicht verhindern, dass dieses Drachenweibchen hierherkam, und es stand auch nicht in deiner Macht, es zu retten. Nur ihr Herr und Meister hätte das tun können.«

»Das tue ich«, sagte Temeraire. »Ich verüble es ihm. Und, Laurence: Das Schlimmste wäre, wenn er uns jetzt noch entwischen würde.« Er holte tief Luft und hob entschlossen den Kopf. »Ich bin so weit. Wir können aufbrechen.«

Die Männer waren bereits wieder an Bord. Temeraire hob Laurence an dessen üblichen Platz am Ansatz seines Nackens, und mit einem Sprung, der weniger kraftvoll ausfiel, als es Laurence gern gesehen hätte, brachte er sie in die Luft. Unter ihnen wagte sich das Hermelin vorsichtig aus seinem Versteck und setzte sein Mahl fort.

Obwohl sie nur eine so kurze Pause eingelegt hatten, wurden sie vom beißenden Wind erneut überrascht. Die letzten warmen Herbsttage hatten sich bis spät in den November hingezogen, aber inzwischen war der russische Winter mit seiner ganzen Strenge über sie hereingebrochen und hatte unter Beweis gestellt, dass alle eindringlichen Warnungen, die Laurence vor seiner Ankunft gehört hatte, mehr als gerechtfertigt gewesen waren. Und heute waren die Temperaturen noch tiefer gesunken. Laurence war die klirrende Kälte auf dem Deck einer Fregatte in voller Fahrt gewöhnt und auch die an Bord eines Drachen hoch in der Luft, mitten im Winter, aber keine Erfahrung hatte ihn darauf vorbereitet, einem solchen Frost trotzen zu müssen. Leder, Wolle und Pelze schafften es nicht, ihn vor der Kälte zu schützen. Seine Wimpern und Augenbrauen waren von weißem Raureif überzogen, noch ehe er seine Fliegerbrille aufsetzen konnte, und als er sie endlich ordentlich befestigt hatte, lief das geschmolzene Eis innen an dem grünen Glas herunter und hinterließ dort Spuren in seinem Sichtfeld wie von Regen.

Die Männer der Bodentruppe, die im Bauchnetz reisten, waren etwas besser vom Wind abgeschirmt, denn sie konnten sich eng zusammendrängen und sich gegenseitig ein wenig Wärme spenden. Laurence hatte auch seiner spärlichen Anzahl von Offizieren die Erlaubnis erteilt, zu zweit oder zu dritt beisammenzusitzen. Ihm selber bot sich diese Möglichkeit nicht. Tharkay hatte sie zwei Wochen zuvor verlassen, um einem dringenden Ruf nach Istanbul zu folgen, und es gab niemanden sonst, mit dem Laurence den Platz hätte teilen können, ohne dass es zu Problemen geführt hätte. Ferris konnte man nicht fragen, ohne an Forthing zu denken, und umgekehrt; und er konnte nicht beide zu sich bitten. Da sie ja jeden Augenblick angegriffen werden konnten, mussten sie einfach besser auf Temeraires Rücken verteilt sein. Er ertrug die Kälte, so gut er konnte, unter einem Überwurf aus Ölzeug und einem bunt gestückelten Pelzumhang aus den Fellen von Hasen und Wieseln. Seine Beine hielt er übereinandergeschlagen, seine Finger schob er sich unter die Achseln. Und dennoch kroch die Eiseskälte unaufhaltsam in seine Glieder; wann immer seine Finger einen gefährlichen Grad an Taubheit erreicht hatten und aufhörten, ihm Schmerzen zu bereiten, zwang er sich dazu, in seinen Halteriemen aufzustehen. Bedächtig löste er einen der Karabinerhaken, was ihn mit seinen gefühllosen Händen in den dicken Handschuhen eine beträchtliche Zeit kostete, und klinkte den Haken in einen weiter entfernt liegenden Ring ein. Dann wiederholte er den Vorgang beim zweiten Verschluss und hangelte sich auf diese Weise einmal am Geschirr entlang, bis er am Ende des ersten Gurtes angelangt war und sich wieder richtig sicherte. Die naturgemäßen Gefahren, die mit einer solchen Unternehmung einhergingen – mit halb erfrorenen Händen und Füßen und auf einem Drachenrücken herumzuklettern, der durch kleine Eisschollen viel rutschiger als gewöhnlich geworden war –, hielten sich die Waage mit dem drohenden Schaden, den es geben würde, wenn er in dieser Kälte zu lange ohne Bewegung bliebe: Er musste seinen Blutkreislauf ankurbeln. Wenigstens war die instinktive Angst vor dem Boden weit unter ihm in diesem Fall eher sein Verbündeter als sein Feind; sein Herz zuckte heftig und klopfte ihm bis zum Hals, als er ausglitt und der Länge nach hinschlug, während er sich mit einer Hand am Geschirr festklammerte, wo er nur mit einem Riemen gesichert war. Die Bäume unter ihm rauschten dunkelgrün und verschwommen dahin.

Emily Roland befreite sich aus einem Haufen zusammengedrängter Offiziere in der Nähe und kletterte weitaus geschmeidiger an seine Seite. Sie war schon beinahe seit ihrer Geburt auf Drachenrücken unterwegs gewesen, auch als sie noch von ihrer Mutter gestillt worden war, und sie war in der Luft ebenso zu Hause wie auf dem Boden. Geschickt fing sie Laurence’ losen Gurt auf, dessen Haken gegen Temeraires Flanke klatschte, und befestigte ihn an einem anderen Ring. Laurence bedankte sich mit einem Nicken und schaffte es, wieder Tritt zu fassen; aber er war rot im Gesicht und keuchte, als er endlich zu seinem gewohnten Platz zurückgekehrt war.

Temeraire flog tief über dem Boden; seine Augen hatte er zu Schlitzen zusammengepresst, und der Atem aus seinen Nüstern wurde über seinen Nacken nach hinten geweht. Auf dem Weg gefror er zu kleinen Wölkchen mit nadelspitzen Eiskristallen, die Laurence ins Gesicht stachen. Grig flog hinter ihnen und versuchte, den Luftstrom, den Temeraires Flügel erzeugten, so gut es ging für sich zu nutzen. Unter ihnen breiteten sich die endlosen, schneebedeckten Weiten und die schwarzen, kahlen Bäume, die von Eis überzogen waren, aus. Die Felder waren leer und glitzernd und hart gefroren. Falls sie eine Hütte passierten, blieb sie ihren Blicken verborgen. Die Bauern waren dazu übergegangen, ihre Häuser bis zu den Traufen mit Schnee zu bedecken, um sie vor den Augen der marodierenden Drachen zu verbergen. Lieber aßen sie ihre Kartoffeln roh, als dass sie ein Feuer entzündeten, dessen Rauch sie hätte verraten können.

Nur die Leichen blieben liegen und wurden nicht begraben: die Spur, die Napoleons Armee hinterlassen hatte. Allerdings dauerte es nicht lange, bis sich die Gruppe von Wilddrachen darüber hermachte, die der Armee folgte und ebenso blutrünstig war wie ein Krähenschwarm. Wenn ein Mann starb, warteten sie nicht einmal ab, bis der Leichnam erkaltet war.

Laurence hätte es ausgleichende Gerechtigkeit genannt, dass Napoleons Armee jetzt von ebenjenen Wilddrachen gejagt und gefressen wurde, die sie selbst auf die russische Bevölkerung losgelassen hatte. Aber er fand keinen Trost in der Auflösung der einst so stolzen Grande Armée. Das Beutegut aus dem geplünderten Moskau zog sich in einer grotesken Aneinanderreihung hinter ihr her: Seidenstoffe, goldene Ketten und feine Intarsienmöbel waren rechts und links der Straße von verhungernden Männern zurückgelassen worden, die nun nur noch das nackte Überleben im Sinn hatten. Ihr Elend war zu groß geworden; sie waren für Laurence jetzt keine Feinde mehr, sondern hatten sich zu menschlichen Tieren zurückgebildet.

Eine Stunde später erreichte Temeraire den Treffpunkt; die Nacht war beinahe schon hereingebrochen. Als er landete, sog er dankbar und tief den Dampf ein, der von der Kochgrube aufstieg, über der ein großer Kessel mit Hafergrütze köchelte. Sofort fiel er über seine Ration her. Während der Drache mit seiner Mahlzeit beschäftigt war, kam Ferris zu Laurence. Er hielt mehrere kurze Stöcke in der Hand, die er an der Spitze zusammengebunden hatte, sodass sie wie das Gerüst eines Miniaturzeltes aussahen. »Sir, ich habe darüber nachgedacht, ob wir diese Gestelle über Temeraires Nüstern befestigen könnten. Dann könnten wir Ölplanen darüberlegen und würden alle von der Wärme seiner Nase profitieren. Außerdem würde sein Atem dann nachts nicht festfrieren. Wir könnten oben ein Loch in die Plane schneiden als Luftabzug. Zwar würden wir damit auch Wärme verlieren, aber ich denke, die Hitze seines Atems würde das mehr als wettmachen.«

Laurence zögerte. Die Verantwortung für ihr Nachtlager oblag seinem Ersten Leutnant und sollte auch in dessen Händen verbleiben. Eine Einmischung des Kapitäns in diesem Bereich würde die Autorität des befehlshabenden Offiziers empfindlich beschneiden. Es wäre besser gewesen, wenn sich Ferris nicht an Laurence, sondern an Forthing gewandt hätte, um dem anderen Mann die Möglichkeit zu geben, das Lob für diese Idee einzuheimsen. Aber das wäre viel verlangt gewesen, wo Forthing doch jetzt die Position innehatte, die eigentlich Ferris besetzen sollte, ja, die tatsächlich seine gewesen war, ehe er aus dem Dienst entlassen worden war.

»Sehr gut, Mr. Ferris«, sagte Laurence schließlich. »Seien Sie so gut und erläutern Sie Ihre Vorschläge Mr. Forthing.«

Er brachte es nicht über sich, etwas abzuschlagen, was Temeraires elendige Situation hätte erleichtern können. Aber sein schlechtes Gewissen nagte an ihm, als er sah, wie sich Forthings Wangen rot färbten, während Ferris mit ihm redete. Die beiden Männer standen einander gegenüber; der eine stämmig und mit breiten Schultern und Kieferknochen, der andere groß und schlaksig und mit Zügen, die die Zartheit der Jugend noch immer nicht gänzlich eingebüßt hatten; beide hielten sich gleichermaßen kerzengerade. Forthing verbeugte sich knapp, als Ferris zu Ende gesprochen hatte, dann drehte er sich um und gab der Bodentruppe etwas gezwungen einige Anweisungen.

Das Ölzeug wurde anders drapiert, und Laurence legte sich zum Schlafen unmittelbar neben Temeraires Nüstern, wo dessen regelmäßige Atemzüge nicht viel anders als das Murmeln von Meereswellen klangen. Die Wärme war besser als alles, womit sie sich in der letzten Zeit hatten begnügen müssen, aber sie reichte trotzdem nicht aus, den Frost vollständig zu vertreiben. An den Rändern des Ölzeugs wartete die Eiseskälte wie mit scharfen Messern und kroch beim leisesten Windhauch näher. Mitten in der Nacht öffnete Laurence die Augen und sah, wie sich auf dem Stoff über seinem Kopf eine seltsam wellenförmige Bewegung abzeichnete. Er streckte eine Hand aus und legte sie auf Temeraires Seite: Der Drache zitterte heftig.

Draußen war schwach ein Stöhnen und Murren zu hören. Laurence blieb noch einen Moment länger liegen, dann zwang er sich dazu, müde und erschöpft aufzustehen und nach draußen zu gehen. Das Fell, das er sich über seinen Mantel gelegt hatte, schützte ihn so gut wie gar nicht gegen die Kälte. Die russischen Flieger waren bereits auf den Beinen, liefen zwischen ihren Drachen herum, schlugen sie mit eisernen Treibstöcken und schrien sie an, bis sich die Tiere schließlich rührten und sich schwerfällig aufrappelten. Laurence ging zurück zu Temeraire, stellte sich neben seinen Kopf und sagte: »Mein Lieber, du musst aufwachen.«

»Ich bin schon wach«, murmelte Temeraire, ohne ein Auge zu öffnen. »Nur noch einen Moment.« Es bedurfte einer Menge an gutem Zureden, bis er sich müde erhob und sich einen Platz in der Reihe suchte, die die russischen Drachen gebildet hatten: Sie alle trotteten mit hängenden Köpfen eine Runde durch das Lager.

Nachdem sie sich eine halbe Stunde lang bewegt hatten, gestatteten die Russen es ihren Drachen wieder, sich hinzulegen, diesmal in einem großen Haufen unmittelbar neben dem Kessel mit dem Haferschleim. Eine dicke Eiskruste hatte sich oben auf dem Brei gebildet. Die Köche warfen in regelmäßigen Abständen glühende Kohlen hinein, die durch die gefrorene Schicht brachen und nach unten sanken. Laurence trieb Temeraire an, sich zwischen die anderen Drachenleiber zu kuscheln, und sofort drängte sich eine große Anzahl der kleineren weißen Drachen näher und schmiegte sich an ihn. Wieder wurde das Öltuch übergelegt, und alle versuchten, noch ein bisschen Schlaf zu bekommen. Aber Laurence hatte den Eindruck, dass es noch frostiger geworden war. Der Boden unter ihnen sonderte eine Kälte ab, wie ein Herd für gewöhnlich Hitze abgab, und diese Eiseskälte war so durchdringend, dass sie sich nicht vertreiben ließ, ganz gleich, wie viel Wärme die Drachenkörper auch produzierten.

Temeraire seufzte durch zusammengebissene Zähne. Laurence fiel in einen unruhigen Dämmerschlaf, aus dem er hin und wieder aufschreckte; dann legte er eine Hand auf Temeraires Flanke, um sich zu vergewissern, dass er nicht wieder so gefährlich zitterte. Die Nacht schleppte sich dahin, und schließlich wurde es schon wieder Zeit, Temeraire für einen weiteren Rundmarsch durchs Lager zu wecken. »Die Banner des Fürsten der Hölle rücken näher, Kapitän«, sagte O’Dea. Er und die anderen Männer der Bodentruppe stapften gemeinsam mit Laurence neben Temeraires riesigen, stampfenden Klauen durch den Schnee. »Wäre kein Wunder, wenn wir überrannt würden und man uns bei Morgengrauen im ewigen Eis eingeschlossen finden würde; Gott stehe uns Sündern bei.« Dann gebot die Kälte selbst seiner redseligen Zunge Einhalt.

Alle kehrten an ihre Plätze zurück und schliefen weiter oder versuchten zumindest, ein wenig zu dösen. Irgendwann später erwachte Laurence, ohne sagen zu können, wie viel Zeit vergangen war, und glaubte, der Morgen müsste kurz bevorstehen. Doch als er den Kopf nach draußen streckte, war die Nacht ebenso undurchdringlich wie vorher. Das Licht kam von Fackeln. Ein Kosakenkurier war gelandet; sein kleines Tier schob sich mit dem Kopf voran in den Drachenhaufen. Als die anderen Tiere den durchgefrorenen Körper spürten, erhob sich murmelnder Protest. Der Reiter des Drachenweibchens zitterte so stark, dass er nicht sprechen konnte. Stattdessen wedelte er hektisch mit den Händen vor den Gesichtern der kleinen Schar von Offizieren herum, die sich um ihn drängte, und im Schein der Fackeln warfen seine Bewegungen wilde Schatten. Laurence zwang sich in die Kälte hinaus und ging zu dem Grüppchen hinüber. »Beresina«, stieß der Neuankömmling hervor. »Beresina.«

Ein junger Oberfähnrich kam mit einem Becher heißen Grogs angerannt. Der Bote nahm einen großen Schluck, und die Umstehenden schlossen den Kreis um ihn herum enger, um ihm ein wenig von ihrer eigenen Körperwärme abzugeben. Seine Kleidung war mit einer Eisschicht überzogen, und an den Spitzen seiner Finger, die den Becher umfassten, waren hier und dort schwarze Stellen zu sehen: Frostbeulen.

»Beresina zamerzajet«, stammelte er. Einer der Offiziere stieß einen leisen Fluch aus, während der Kurier nach einem weiteren Schluck noch etwas hinzufügte.

»Was hat er gesagt?«, fragte Laurence leise einen der Offiziere, der die Sprache des Neuankömmlings verstand.

»Die Beresina ist zugefroren«, antwortete der Mann. »Bonaparte versucht, sie möglichst schnell zu erreichen.«

Sie waren noch vor Tagesanbruch in der Luft und erreichten das Lager der russischen Vorhut, als die Dämmerung langsam über die vereisten Hügel kroch. Die Beresina war eine wolkenverhangene, gespenstische Schneise zwischen hoch aufgetürmten Schneewehen. Nördlich des russischen Lagers strömte eine Handvoll französischer Regimenter wohlgeordnet über den Fluss. Die Männer marschierten in Zweierreihen; links und rechts von ihnen waren einzelne Menschen aus dem Umkreis der ehemaligen Lager der Franzosen und Soldaten zu sehen, die mit der Truppe nicht mehr mithalten konnten und sich nun, so gut es ging, allein durchschlugen: Frauen und Kinder mit gesenkten Köpfen und gegen die Kälte hochgezogenen Schultern und verwundete Männer, die blutige Spuren im Schnee hinterließen, während sie sich humpelnd weiterschleppten. Auf beiden Seiten lagen Leichen ausgestreckt, und immer wieder sank eine Gestalt zusammen und blieb reglos zurück. Selbst jetzt, wo der Fluchtweg offen vor ihnen lag, waren einige offenbar am Ende ihrer Kräfte angelangt.

»Das kann doch nicht alles sein, was von Napoleons Armee übrig ist«, sagte Temeraire mit zweifelndem Unterton. Es waren offensichtlich keine zweitausend Mann mehr. Auf den Hügeln am östlichen Ufer drängte sich eine kleine Gruppe französischer Drachen um ein paar Kanonen, die aufgestellt worden waren, um auf dem Rückzug Deckung zu geben, aber es waren nicht mehr als vier Tiere.

»Sie haben sich entlang des Ufers Richtung Norden verteilt«, berichtete Laurence, der gerade eine Depesche las, die ihm eilends von Gerry überbracht worden war. Die Teilung war eine kluge Strategie: Wenn die Russen mit ihrer ganzen Streitmacht gegen einen einzelnen Zug vorgehen würden, der gerade den Fluss überquerte, dann würde Napoleon diesen Teil seiner Leute aufgeben, um den Rest zu retten. Wenn sich die Russen aber selbst ebenfalls aufteilten, um mehr als eine Kolonne auf dem Überweg anzugreifen, dann könnte Napoleon einen Vorteil aus seiner Übermacht an Drachen schlagen und mehrere seiner Einheiten zusammenziehen – und zwar weitaus schneller, als das den Russen gelingen würde. Jede seiner Gruppen war groß genug, um sich gegen die Scharen von plündernden Kosaken behaupten zu können.

Als Laurence zu Ende gelesen hatte, drehte er sich zu seiner Mannschaft um. »Gentlemen«, begann er, »wir haben die Nachricht erhalten, dass Napoleon seinen Soldaten verkündet hat, er gedenke nicht, auf den Rücken eines Drachen zu steigen, solange auch nur einer seiner Männer noch am diesseitigen Ufer der Beresina zu sehen sei. Wenn er nicht gelogen hat, dann muss er in ebendiesem Augenblick irgendwo am Rande des Flusses zu finden sein.«

Ein aufgeregtes Murmeln erhob sich unter den Männern. »Wenn wir nur ihn zu fassen kriegen, können wir den ganzen Rest ziehen lassen«, sagte Dyhern und schlug sich mit der Faust in seine Handfläche. »Laurence, werden wir sofort aufbrechen?«

»Das müssen wir«, drängte Temeraire, der seinen Hunger und die Kälte vergessen zu haben schien. »Oh! Warum stehen denn die Russen einfach nur herum und warten ab?«

Diese Kritik war ungerecht: Jeder russische Hauptmann gab bereits brüllend Befehle, um seine Männer in Marschformation zu bringen, und gerade als Laurence seine Offiziere anwies, sich ebenfalls bereit zu machen, gingen die Befehle an die verbliebenen Drachen: Sie sollten aufbrechen, sich einen Überblick über die Menschen verschaffen, die dabei waren, die Beresina zu überqueren, und jede Einheit melden, die durch ungewöhnliche Stärke auffiel. »Temeraire«, sagte Laurence, während er seine Pistolen frisch lud, »könntest du Grig bitten, dass er allen weitersagt, sie sollen besonders nach den Drachen der Inka Ausschau halten? Die Franzosen hatten nicht viele davon bei sich, und die wenigen haben es sich bestimmt zur Aufgabe gemacht, Napoleon zu beschützen. Ma’am, ich hoffe, dass Sie es im Lager annehmlich genug haben«, fügte er, an Mrs. Pemberton gewandt, hinzu, Emily Rolands Anstandsdame. »Ich bin mir sicher, dass Mr. O’Dea sich nach Kräften um Sie kümmern wird.«

»Jawohl, Ma’am, alles, was in meiner Macht steht«, bekräftigte O’Dea und hob die Hand, wie um die Krempe eines Hutes zu lupfen, den er gar nicht trug; stattdessen hatte er sich einen behelfsmäßigen Turban aus Fellen und gegerbtem Pferdeleder um den Kopf gewunden. Dicke Lappen bedeckten auch seine Ohren und fielen ihm hinten tief in den Nacken. »Wir werden ein Zelt aufbauen und zusehen, dass wir etwas Hafergrütze auftreiben, Kapitän.«

»Bitte beachten Sie uns gar nicht«, winkte Mrs. Pemberton ab; sie war in ein Gespräch mit Emily versunken und reichte ihr gerade eine zusätzliche Pistole aus ihrem eigenen Besitz sowie ein sauberes Taschentuch.

Die französischen Drachen auf ihrem Hügel hoben wachsam die Köpfe, als sie die russischen Drachen näher kommen sahen, schwangen sich aber nicht sofort selbst in die Luft. Die Kanonen neben ihnen waren ausgerichtet und warteten darauf, ob die Gegner in Reichweite landen würden. Laurence warf einen Blick zu Vosjem hinüber, dem russischen Schwergewicht, das am nächsten zu ihm flog. Er und Kapitän Rožkov hegten keine großen Sympathien füreinander, aber im Augenblick vereinte sie ihr gemeinsames Ziel, das zum Greifen nahe schien. Rožkov drehte den Kopf und sah durch seine blaue Fliegerbrille zu Laurence; in wortloser Übereinkunft schüttelten sie den Kopf: Bonaparte war ganz ohne Zweifel nicht bei dieser Einheit zu finden, die am ehesten einem russischen Angriff ausgesetzt sein dürfte. Es gab hier auch keine Wagen oder Karren und nur sehr wenig Kavallerie.

Sie flogen am Flusslauf entlang Richtung Norden: Es waren bereits ein Dutzend ameisengleiche Marschkolonnen zu erkennen, die auf dem zugefrorenen, schneebedeckten Fluss unterwegs waren. Hinter ihnen feuerte die französische Kompanie Leuchtfeuer in verschiedenen Farben in die Luft, offenbar mit der Absicht, ihren vorauseilenden Kameraden Zeichen zu geben. Als die russischen Drachen der nächsten Flussbiegung folgten, wurden sie von einer Salve Musketengeschosse in Empfang genommen und mussten höher fliegen – was durchaus schmerzhaft in der Eiseskälte war. Nirgends war ein Drache der Inka zu entdecken; nur ein paar französische Mittelgewichte drängten sich um die Kanonen und beäugten ziemlich verängstigt die vielen russischen Schwergewichte.

Und dann stießen sie auf ein Dutzend Wagen, die – geschützt von der Kompanie – den Fluss überquerten. Gezogen wurden sie von Pferdegespannen, doch viele der Tiere hatten ihre Kapuzen verloren, wurden nun wild und gingen angesichts der vielen Drachen über ihren Köpfen durch. Die Wagen waren nicht nur mit Verwundeten beladen, sondern auch mit Beutegut. Zu seiner Beunruhigung hörte Laurence, wie Vosjem gierige Laute ausstieß, während sie den Kopf schräg legte und nach unten spähte, um einen Wagen, der gerade umkippte, genauer zu betrachten. Silberne Teller und Platten lagen überall im Schnee verstreut und warfen blitzend das Licht zurück.

Laurence hörte auch, wie Rožkov auf sie einbrüllte und mit roher Gewalt an ihrem stachelbesetzten Geschirr riss, allerdings ohne jeden Erfolg. Die anderen russischen Schwergewichte hatten den Schatz ebenfalls entdeckt: Jetzt fauchten sie sich gegenseitig an, versuchten, sich wegzubeißen, und warfen wild ihre Köpfe hin und her, weil ihren Offizieren die Zügel aus den Händen rutschen sollten. »Was zischen die denn so?«, fragte Temeraire und reckte den Kopf. »Es ist doch offensichtlich, dass Napoleon nicht hier ist. Napoleon ist nicht hier!«, rief er den russischen Drachen in ihrer eigenen Sprache zu.

Vosjem beachtete ihn überhaupt nicht. Mit einem letzten Rucken ihrer Schultern und ihres Halses warf sie Rožkov und seine beiden Leutnants von den Füßen, sodass sie hilflos in den Gurten hingen, nur gehalten von den dazugehörigen Karabinerhaken, und die Zügel fallen ließen. Mit einem Brüllen machte Vosjem einen Satz nach oben, legte ihre Flügel an und ging in einen steilen Sinkflug in Richtung der Gepäckwagen. Auch die anderen russischen Schwergewichte stimmten in das Gebrüll ein und schossen ihr hinterher, allesamt mit ausgestreckten Klauen. Sie kümmerten sich weniger um den Feind als vielmehr darum, wer von ihnen als Erstes die voll beladenen Wagen erreichen würde.

»Oh! Was macht ihr denn da bloß?«, schrie Temeraire; Laurence wandte angewidert den Blick ab. In ihrer blinden Gier unternahmen die russischen Tiere keinerlei Versuche, die Lazarettwagen oder die Wagen des Trosses zu verschonen, und verwundete Männer stürzten unter qualvollen Schreien auf das Eis des Flusses. Ungerührt landeten die russischen Drachen wahllos zwischen ihnen; andere brachten auch die restlichen Wagen zum Umkippen und zerrten sie ans Ufer, während sie sich gegenseitig mit Zischen und Blecken der Zähne und Klauen vom Leibe hielten.

Empört zog Temeraire weite Kreise am Himmel, konnte aber nichts tun. Es wäre auch dann unmöglich gewesen, ein Dutzend wild gewordene Drachen zur Räson zu bringen, wenn die russischen Tiere ihm nicht ohnehin generell mit Geringschätzung begegnet wären. »Temeraire«, rief Laurence, »versuch doch, ob du die kleineren Drachen überzeugen kannst, uns zu begleiten. Wenn wir Napoleon nur erst einmal finden würden; dann können wir zurückkommen und die Schwergewichte zur Vernunft bringen. Im Augenblick ist mit ihnen nichts anzufangen.«

Temeraire rief Grig und den anderen grauen Leichtgewichten etwas zu, und sie folgten ihm nicht unwillig: Keiner von ihnen konnte sich Hoffnung darauf machen, dass etwas von der wertvollen Kriegsbeute für sie abfallen würde – nicht wenn so viele Schwergewichte Anspruch darauf erhoben. Gerade als sie abdrehten, prallten zwei der russischen Drachen auf der gefrorenen Oberfläche des Flusses auf, wo sie mit ihren Klauen aufeinander losgingen und sich übereinanderrollten, während das Eis unter ihnen mit einem Krachen wie von Gewehrsalven zerbarst. Drei Wagen und Dutzende von schreienden Männern und Frauen versanken auf der Stelle im dunklen Strom des Flusses darunter.

Temeraire ließ den Kopf hängen, als er Richtung Norden flog und die abscheuliche Szene hinter sich zurückließ. Sie passierten vier weitere Übergänge. Das waren die Regimenter von Marschall Davout, die zwar arg dezimiert waren, aber noch immer in Kampfformation marschierten. Er hatte kaum noch Kanonen und beinahe keine Drachen mehr, denn die meisten von ihnen waren bereits vor dem Rückzug aus Smolensk in die Flucht geschlagen worden. Aber seine Soldaten waren auf die Seitenränder der Lazarettwagen geklettert und reckten ihre Bajonette in die Höhe, um einen vibrierenden Wald von abschreckenden Gewehrspitzen zu bilden. »Ich schätze, er ist von einem Kurier gewarnt worden«, sagte Temeraire, »und er hat jetzt eine Ahnung davon, wie sich die russischen Drachen aufführen. Oh, Laurence! Ich weiß kaum, wie ich ihnen in die Augen gucken soll! Wenn ich mir vorstelle, sie könnten glauben, dass ich so etwas tun würde – dass ich es auf Lazarettwagen abgesehen haben könnte, nur um ein bisschen Silber zu ergattern!«

»Nun ja, es war eine ganze Menge Silber«, bemerkte Grig mit einem unverhohlen neidischen Unterton, aber rasch fügte er hinzu: »Was natürlich nicht bedeuten soll, dass es richtig ist, was sie tun. Kapitän Rožkov wird so wütend sein! Genauso wie alle anderen Offiziere. Ich schätze«, fügte er missmutig hinzu, »dass sie uns unser Abendessen streichen werden.«

Temeraire legte seine Halskrause an. Ihm gefiel das Gesagte nicht besonders, und er sah zu, dass er rasch und mit kräftigem Flügelschwung vorwärtskam. Der Flusslauf unter ihnen beschrieb einen Bogen in östliche Richtung; leichte Schneeverwehungen überzogen die vereiste Wasseroberfläche. Hinter der nächsten Hügelkette stießen sie auf einen weiteren, diesmal kleineren Überweg: Auf beiden Seiten des Ufers waren Wagenspuren im Schnee zu sehen, und der Boden auf der höchsten Spitze des Ostufers war zertrampelt und vom Schnee befreit. Hier hatten offensichtlich Drachen die Kanonen aufgeladen und waren der Einheit gefolgt. Die Soldaten waren bereits zwischen den Bäumen am westlichen Ufer verschwunden.

Laurence suchte mithilfe seines Fernrohrs sorgfältig die Gegend und den vor ihnen liegenden Fluss ab. Auch wenn er auf keinen Fall wollte, dass Napoleon die Flucht gelang, so hatte er doch auch Angst, die feindlichen Linien zu überfliegen. Die russischen Leichtgewichte waren an keine andere Art der kriegerischen Auseinandersetzung als ihre eigenen Scharmützel gewöhnt. Sie bildeten keine starke Kompanie, und jetzt hatten sie auch noch französische Drachen rechts und links vor sich, die sich mit Kanonen schützten und deren Einheiten wohlgeordnet waren. »Wir müssen langsam daran denken, wieder umzukehren«, sagte er.

»Doch nicht etwa jetzt schon!«, begehrte Temeraire auf. »Sieh mal, ist das nicht eine Gruppe von Kosaken da drüben? Vielleicht wissen die, wohin Napoleon verschwunden ist.«

Eifrig legte er noch an Geschwindigkeit zu. Tatsächlich war dort eine Gruppe von plündernden Kosaken: sieben kleinere Tiere etwa in der Gewichtsklasse von Kurierdrachen, ungefähr halb so groß wie Grig. Jedes von ihnen trug ein Dutzend Männer, die sich an dem handgewobenen Geschirr in leuchtenden Farben festhielten. Die Kosaken waren mit Säbeln und Pistolen bewaffnet; ihre Kleidung war voller dunkler Flecke von getrocknetem Blut. Gruppen wie diese hatten den ganzen Weg von Kaluga aus die hinteren Reihen der Franzosen heimgesucht und waren auf diese Weise zum guten Teil verantwortlich gewesen für die rasche Niederlage Napoleons. Allerdings hatten sie weder ausreichend Waffen noch Drachen mit dem nötigen Gewicht, um sich regulären französischen Truppen entgegenzustellen. Ihr Anführer winkte ihnen einen Gruß zu; Dyhern borgte sich daraufhin Laurence’ Sprachrohr aus und wechselte mit ihm auf Russisch ein paar Sätze. Nach ein paar weiteren Worten landeten die Kosaken, und Temeraire ging neben ihnen zu Boden. Dyhern sprang von seinem Rücken und lief mit Laurence’ bester Landkarte zu den Kosaken hinüber. Nach einem weiteren kurzen Gespräch kam er wieder zurück und sagte: »Der Prinz de Beauharnais setzt zwei Meilen weiter mit neuntausend Mann und zwölf Drachen über; Tiere der Inka sind nicht dabei.« Laurence nickte schweigend und verbissen vor Enttäuschung. Doch dann bewegte Dyhern seinen Finger auf der Karte weiter nach Norden und sagte: »Allerdings sind zwei Inkadrachen bei der Gardeeinheit, die dort den Fluss überquert, wo er sich gabelt. Sie haben eine Kutsche und sieben geschlossene Wagen dabei.«

»Nur zwei Drachen?«, fragte Laurence mit scharfer Stimme nach.

Der Kapitän der Kosaken nickte und hielt bestätigend zwei Finger in die Luft; dann bewegte er seine rechte Hand in einem Kreis und deutete eine wegwerfende Bewegung Richtung Westen an, die wohl eine Flucht veranschaulichen sollte. »Er sagt, dass alle anderen Drachen der Inka vor vier Tagen in großer Hast nach Westen geflogen seien. Und sie hätten nichts mitgenommen«, erklärte Dyhern.

»Ihnen muss das Essen ausgegangen sein«, vermutete Temeraire, doch Laurence bezweifelte das. Was die Drachen der Inka anging, so galten die mächtigen Instinkte ihrer persönlichen Loyalität voll und ganz ihrer Kaiserin, die nun Napoleons Gefährtin war. Er war der Vater ihres Kindes, was ausreichte, damit die Hingabe ihrer Drachen sich auch auf Napoleon erstreckte. Dass sich dieser in einer Extremsituation entschlossen haben könnte, jene Tiere fortzuschicken, auf deren Schutz er sich hätte verlassen können, schien höchst unwahrscheinlich.

»Aber wir haben auch keine anderen französischen Schwergewichte zu Gesicht bekommen«, sagte Temeraire. »Keinen einzigen Drachen außer diesem armen Chevalier. Vielleicht hat er alle wegschicken müssen und nur diese beiden behalten.« Er blieb in der Luft stehen und sah mit bebender Halskrause sehnsüchtig nach Norden. »Laurence, wir müssen es wenigstens versuchen. Stell dir doch nur mal vor, wenn wir später erfahren würden, dass er uns so knapp entkommen ist …«

Laurence schaute wieder auf die Karte. Die Chancen standen äußerst schlecht, und dann lagen zwischen ihnen und der Flussgabelung eine Streitkraft von zwölf französischen Drachen und eine starke Einheit mit zahlreichen Soldaten und Kanonen. Wenn die Franzosen das Gefühl bekämen, dass Napoleon in Gefahr wäre, und sich ihnen mit aller Macht entgegenwerfen würden … »Nun gut«, sagte Laurence. Er konnte den Gedanken, den Temeraire formuliert hatte, ebenfalls nicht ertragen. »Dyhern, bitte fragen Sie die Kosaken, ob sie uns einen Weg zeigen können, wie wir uns der Flussgabelung von Osten aus annähern können. Wir müssen an de Beauharnais vorbei in einem Bogen, der weit genug ist, dass er uns nicht sieht. Nur so können wir uns irgendeine Hoffnung darauf machen, an ihren Anführer heranzukommen.«

Temeraire flog tief und wischte dabei den Schnee von den Baumwipfeln. Er legte ein solches Tempo vor, dass er die kleineren russischen Drachen abhängte und diese ihn nur gerade noch so im Auge behalten konnten. Laurence zügelte ihn nicht. Geschwindigkeit war der einzige Trumpf, der ihnen noch blieb – falls sie denn überhaupt eine Chance hatten. Wenn die Nachrichten der Kosaken stimmten, dann würde Temeraire Napoleons Tross im Alleingang aufhalten können, wenn sie ihn rechtzeitig genug und auf freier Fläche erreichten; dann könnten die russischen Leichtgewichte vielleicht aufschließen und einen beträchtlichen Schaden anrichten. Aber wenn die Kosaken sich irrten und Laurence und Temeraire dort von weiteren Schwergewichtsdrachen oder noch mehr Kanonen in Empfang genommen werden würden, wenn also die Einheit zu groß wäre, als dass sie sich von Temeraire allein aufhalten ließe, dann könnten auch die russischen Leichtgewichte nicht für einen Sieg sorgen. Es bliebe dann auch nicht mehr die Möglichkeit zurückzukehren und die russischen Schwergewichte dazuzuholen – und das, obwohl ihre Kraft eine entscheidende Wirkung entfalten würde, sollten die Franzosen tatsächlich alle ihre eigenen großen Tiere fortgeschickt haben.

Einer Tatsache war sich Laurence durchaus bewusst: Falls sie einer Übermacht gegenüberstünden, würde er einen schwierigen Kampf mit Temeraire auszufechten haben, um ihn von einem Vorstoß abzuhalten, der nur in einem Desaster enden könnte. Als Temeraire endlich in einem scharfen Bogen Richtung Westen abdrehte und wieder Kurs auf den Fluss nahm, stellte sich Laurence im Geschirr auf, ungeachtet des immer noch beißenden Windes und der Kälte, und versuchte, durch sein Fernrohr zu erkennen, was vor ihnen lag. Die Bäume wurden spärlicher; er konnte die beiden Arme des Flusses sehen, den sumpfigen Boden entlang der Ufer, und schließlich machte sein Herz einen Satz. Ein sehr großer, geschlossener Wagen zuckelte am anderen Ufer auf einem schmalen Pfad entlang, allerdings nicht von Pferden gezogen, sondern von einem der Inkadrachen. Dahinter fuhr eine ausladende, mit prächtigen Goldornamenten versehene Kutsche, auf deren Tür ein großes N prangte. Ein weiterer Drache der Inka wartete ängstlich neben den Kanonen am östlichen Ufer, und sein gelb-orangefarbenes Gefieder war so aufgeplustert, dass das Tier dreimal so groß wirkte. Aber selbst so reichte er nicht an Temeraires Gewichtsklasse heran. Kein anderer Drache war in Sicht.

»Laurence!«, sagte Temeraire.

»Ja«, antwortete Laurence, dessen angespannte Zurückhaltung aufzuweichen begann und großer Erleichterung Platz machte: Zwei Drachen und Kanonen, dazu dreihundert Mann kampfbereit, nur um eine Kutsche und einen Wagenzug zu beschützen? Er griff nach seinem Degen und lockerte ihn in der Scheide. »Los, mein Lieber, auf sie, so schnell du kannst. Mr. Forthing! Bitte geben Sie den Befehl nach unten, dass die Brandbomben bereitgehalten werden.«

Temeraire holte bereits tief Luft, und seine Flanken dehnten sich; unter seiner Haut bebte die zusammengezogene Kraft des Göttlichen Windes. Schwache Alarmrufe drangen an Laurence’ Ohren, als die Franzosen sie entdeckten. Der Inkadrache an der Spitze ließ den Wagen los und war mit einem Satz in der Luft, wo er wild mit den Flügeln zu schlagen begann. Der zweite schloss sich ihm an, und beide schossen in einem raumgreifenden Muster hin und her, vor und zurück, sodass sie ein schwer zu treffendes Ziel abgaben. Die Männer der Bodentruppe feuerten eine Raketensalve ab, gerade als Temeraire in den Sinkflug ging.

»Pass auf die Kanonen auf«, brüllte Laurence Temeraire zu; ein Zucken der Halskrause verriet ihm, dass er gehört worden war. Die Feldgeschütze – zwei Zwölfpfünder – gingen gleichzeitig los, spuckten hustend und rasselnd ihre Kartätschen aus und empfingen so ihren herannahenden Feind mit Schrapnellbeschuss. Temeraire war bereits außer Reichweite hochgezogen und segelte nun am oberen Rand des Schwarzpulverrauchs entlang, und während er den Tross überflog, ließen die Männer im Bauchgeschirr ein Dutzend Bomben regnen.

»Ha! Gut getroffen!«, schrie Dyhern. Gut die Hälfte der Bomben explodierte inmitten der französischen Kanonenbesatzung. Andere Kugeln rollten weg; eine platzte auf dem gefrorenen Flusslauf auf und versank in dem Loch, das sie selber in die Eiskruste geschmolzen hatte. Und dann hatte Temeraire die Kanonen passiert; er drehte sich um die eigene Achse in Richtung der Geschütze und ließ von hinten her den Göttlichen Wind auf sie los – den nicht enden wollenden, unvorstellbaren Lärm, der die eisüberzogenen Bäume am Ufer erschütterte und zerschmetterte, als wären es Glasflaschen. Die Geschützrohre bekamen Risse und fielen auseinander. Eines der Rohre, das noch vom Mündungsfeuer rauchte, rollte den Hügel hinab und riss zwei gewaltige Schneebänke mit. Schließlich krachte es gegen das hintere Rad der Kutsche, zerschmetterte es und begrub beinahe das gesamte Gefährt unter den Schneemassen.

Die Inkadrachen kamen im Sturzflug näher, bereit, mit ausgestreckten Klauen an Temeraires verletzlichen Flanken vorbeizuziehen. Dieser aber drehte sich geschmeidig zu einer Seite und tauschte gewaltige Hiebe mit dem schwereren der Angreifer aus. Dieser Drache hatte ein blaugrünes Gefieder mit zwei scharlachroten Kreisen rings um die Augen, was ihm einen verwegenen Ausdruck verlieh. Er trug beinahe zwei Dutzend Männer der Kaiserlichen Garde auf seinem Rücken; Gewehrfeuer donnerte aus deren Waffen. Laurence konnte knapp neben seinem Ohr das Pfeifen einer vorbeizischenden Kugel hören. Als Temeraire auf gleicher Höhe mit dem Drachen war, gelang es sechs der Männer, mit einem gewaltigen Satz auf Temeraires Rücken herüberzuspringen.

Der Himmel drehte sich um sie herum, ein Durcheinander von Farben, dazu der kalte Wind; dann löste sich Temeraire und ließ das blutende Tier der Inka zurück. »Bereit machen für die Enterer«, brüllte Forthing. Die Männer der Garde, die auf Temeraires Rücken gelandet waren, waren mit Gurten gesichert, die sie aneinanderbanden. Nur zwei von ihnen hatten es geschafft, sich mit den Händen am Geschirr festzuklammern, aber das reichte, um auch die anderen vor einem Absturz zu bewahren.

Die Gardisten waren Furcht einflößende Gestalten. Sie alle waren hochgewachsene Männer mit schwerem Körperbau, die stämmig aussahen in ihren Ledermänteln und den Pelzkappen, die sie tief in die Stirn gezogen trugen. Breite Säbel und je vier Pistolen hingen an ihren Geschirrriemen. Sie gaben sich gegenseitig Halt, bis sich alle festgehakt hatten. Dann, in einem engen, wohlgeordneten Pulk, schoben sie sich flink über Temeraires Rücken, wobei jeder seinen Kameraden mit vorgehaltener Waffe Deckung gab.

Laurence hatte nun allen Grund zu bereuen, dass seine Mannschaft so ausgedünnt war. Ihm standen nur einige wenige Offiziere zur Verfügung; in Neusüdwales war die Auswahl nicht eben üppig gewesen. Und von diesem zusammengewürfelten Haufen hatte nur eine Handvoll den Schiffbruch der Allegiance überlebt, unter ihnen der kleine Gerry, dessen Kräfte noch nicht ausreichten, um einen Degen zu halten, und der stattdessen lediglich mit einem langen Messer ausgestattet war. Was die anderen Ränge anging, hatte er neben Emily Roland nur noch Baggy, der nach wie vor mitten im Wachstum und entsprechend schlaksig war und der erst vor Kurzem von seinem vorherigen Posten in der Bodentruppe aufgestiegen war. Und dann war da noch der dünne Cavendish mit den hängenden Schultern. Sicher war er mutig und tapfer genug, aber wenn man ihn so ansah, schien es wahrscheinlicher, dass ihn ein starker Windstoß von Bord pusten würde, als dass man ihn sich dabei vorstellen konnte, wie er mit einem von Napoleons Gardisten die Klingen kreuzte.

Laurence hatte keine Männer von seinen Kapitänskameraden abziehen wollen, auch wenn Harcourt ihm freundlicherweise entsprechende Angebote unterbreitet hatte, ehe sich in China ihre Wege trennten. Aber Laurence wusste, dass er und Temeraire bei der Admiralität alles andere als ein gutes Ansehen genossen. Sicher, er war formal in allen Punkten rehabilitiert worden, aber es war undenkbar, dass diese Gentlemen irgendeinem Offizier aus seiner Mannschaft in Zukunft wohlgesonnen gegenüberstehen würden. Und diese Bedenken waren es, die nun das Los der Männer, die ihm zur Verfügung standen, oder sogar das Schicksal Temeraires besiegeln würden.

In unausgesprochener Übereinkunft hatten sich Roland und die Jungen zusammengezogen, um eine letzte Verteidigungslinie zwischen den näher rückenden Enterern und Laurence zu bilden – eine Absicht, die ihm völlig grotesk vorkam. Und doch war es sein eigener Fehler gewesen, dass er keine größeren Anstrengungen unternommen hatte, um seine Mannschaft zu verstärken. Forthing hatte keinen zweiten oder dritten Leutnant hinter sich, und es gab auch keine älteren Oberfähnriche, die sie in ihrem Widerstand hätten unterstützen können. Außerdem hatten sie keine Gewehrschützen an Bord.

Ferris und Dyhern zückten ihre Degen; sie schlossen sich Forthing an, und gemeinsam kletterten sie auf Temeraires Rücken den Franzosen entgegen. Laurence zog seinen eigenen Degen und seine Pistole – das Metall war so eiskalt, dass die Berührung schmerzte, und er konnte nur hoffen, dass sich überhaupt ein Schuss lösen würde.

Wieder drehte sich die Welt in einer schwindelerregenden Spirale, und dann ging es plötzlich steil nach oben. Die Drachen der Inka verfolgten Temeraire verbissen, denn sie wollten verhindern, dass er wieder zu Atem kam. Und sie fürchteten verständlicherweise den Göttlichen Wind. Laurence hatte den Bogen raus, wie er sich so in die Geschirrgurte lehnen musste, die Stiefel fest auf Temeraires Haut gepresst, dass er während eines stürmischen Flugs nicht das Gleichgewicht verlor. Aber auch er hatte kein Mittel gegen die Orientierungslosigkeit, die die ganze Welt um ihn herum zu bedeutungslosen Umrissen und Farben verschwimmen ließ. Er schüttelte den Kopf und blinzelte mit tränenden Augen. Alle Gardesoldaten hatten sich auf den Beinen halten können. Forthing kletterte näher – er richtete sich am Geschirr auf und gab einen Schuss aus seiner Pistole ab; einer der Franzosen feuerte im selben Moment. Eine Rauchwolke erhob sich, dann sackte der Enterer zusammen. Forthing zuckte und wand sich in seinen Haltegurten. Blut sprudelte aus einer Verwundung an seiner Wange und wurde ihm vom peitschenden Wind übers ganze Gesicht getrieben; leuchtend rot umgab es ein klaffendes Loch. Die Kugel war ihm in den Mund geraten und seitlich aus seinem Gesicht wieder ausgetreten. Ein weiterer Pistolenschuss ertönte, doch der graue Rauch, der in der Luft hing, verschleierte den Schützen. Laurence konnte nicht sagen, ob der Schuss von ihrer Seite oder vonseiten der Franzosen gekommen war.

Dyhern kämpfte mit einem anderen Mann der französischen Garde. Er selber war groß, aber der andere, jüngere Soldat hatte ihn bereits zu Boden gerungen. Ferris sah an Temeraires Rücken hinunter, griff waghalsig nach seinem zweiten Sicherungsgurt und löste den Karabinerhaken, dann ließ er das Geschirr los. Gute drei Meter fiel er nach unten zu dem Mann, der Dyhern überwältigt hatte, und es gelang ihm, sich an einem von dessen Gurten festzuklammern. Ehe der Franzose sich von dem Schrecken erholt hatte, hatte Ferris ihm schon mitten ins Gesicht geschossen. Dann schob er die benutzte Pistole in seinen Gürtel und bückte sich, um sich an Stelle des toten Mannes am Geschirr festzuhaken. Der Leichnam des Franzosen stürzte taumelnd Richtung Boden.

Mit einem Schlag stellte sich ein Gefühl von Schwerelosigkeit ein. Temeraire hatte gerade genug Abstand zu seinen Verfolgern bekommen, um sich umzudrehen; nun krümmte er sich mitten in der Luft wie ein gespannter Bogen, hing für den Bruchteil einer Sekunde reglos in der Luft und schnellte schließlich im Sinkflug auf die beiden Inka-Drachen los, die ihm so nah auf den Fersen waren. Die Tiere kreischten auf und wandten ihre Köpfe zur Seite, um im Nahkampf mit Temeraire ihre Augen vor seinen Klauen und Zähnen zu schützen. Die Welt zerfiel in kleine Teile: Temeraire brüllte den Drachen in die Gesichter, während sie alle auf den Erdboden zurasten. Der Göttliche Wind pulsierte erneut unter seiner Haut. Dann brüllte er wieder und ein drittes Mal; seine Flügel ruderten wild durch die Luft. Unabwendbar ging es dem Boden entgegen. Laurence klammerte sich mit aller Macht an die Gurte und sah, dass die anderen Männer es ihm gleichtaten. Es war, wie mitten im Sturm auf einem Schiff im Topp zu hängen und zu versuchen, ein Segel zu reffen. Schließlich schmetterte Temeraire die beiden anderen Drachen gemeinsam auf das unter ihm liegende Ufer; Äste von Bäumen brachen, und Schnee und Eis wurden in die Höhe katapultiert und stoben durch die Luft wie der Qualm von Schwarzpulver.

Laurence versuchte, seine Augen mit einem Arm abzuschirmen, aber der herumfliegende Schnee landete in dicker Schicht auf seinem Kopf, verklebte seinen Mund und verstopfte seine Ohren. Sie hatten alle aufgehört, sich zu bewegen. Wenn Temeraire beim Sturz verletzt worden war …

Gerade als Laurence seinen Arm wieder sinken ließ, sah er, dass einer der Gardesoldaten mit einem Säbel seinen Haltegurt durchtrennte und mit vier langen Sätzen direkt auf ihn zukam. Emily Roland sprang den Mann von einer Seite aus an; Baggy nahm ihn von der anderen Seite aus in die Zange, aber der Franzose war mehr als dreißig Zentimeter größer als die beiden, die ihn aufhalten wollten, und schob sich mühelos an ihnen vorbei. Seinen Säbel hielt er angriffsbereit in der Hand; Laurence zog seine eigene Pistole und drückte ab – jedoch ohne dass irgendetwas passiert wäre. Die Feuchtigkeit hatte das Schwarzpulver unbrauchbar gemacht. Geistesgegenwärtig schleuderte er dem Franzosen die Pistole ins Gesicht und parierte dessen niedersausende Klinge mit seinem eigenen Degen. Es war ein gewaltiger Aufprall. Der Franzose drosch mit aller Gewalt auf Laurence’ Degen ein und versuchte, ihn ihm aus der Hand zu schlagen; dann packte er ihn am Arm.

Der Untergrund, auf dem sie standen, wackelte: Temeraire schüttelte sich und versuchte, sich von den Schneemassen zu befreien, die ihn nahezu unter sich begraben hatten. Der Franzose ließ Laurence’ Arm los und griff nun Halt suchend nach einem Geschirrriemen, um nicht vollends das Gleichgewicht zu verlieren. Sie standen sich so nah gegenüber, dass sie sich hätten umarmen können, aber Laurence schaffte es, sich weit genug zurückzulehnen, um dem Mann einen Hieb mit dem Knauf seines Degengriffs gegen den Kiefer zu versetzen. Der Franzose wackelte benommen mit dem Kopf, schlug jedoch trotzdem noch einmal mit seinem Säbel zu. Laurence’ chinesische Klinge klirrte, als die Waffen aufeinanderprallten, hielt aber stand.

Sie waren einander ebenbürtig, doch plötzlich war das laute Krachen einer abgefeuerten Pistole zu hören, und heißes Blut und Gehirnmasse spritzten Laurence in die Augen; mit einem Satz wich er zur Seite aus. Emily Roland hatte seinem Gegner in den Hinterkopf geschossen. Laurence wischte sich Blut und Schnee aus dem Gesicht, während Temeraire sich auf die Hinterläufe aufrichtete und sich ein letztes Mal schüttelte, sodass er schließlich bereit war. Die beiden Drachen der Inka lagen zerschmettert unter ihm. Dabei war es vermutlich eher der Göttliche Wind als der Sturz gewesen, der ihnen den Garaus gemacht hatte. Die zwei letzten Männer der französischen Garde auf Temeraires Rücken hatten sich ergeben: Forthing nahm ihnen ihre Schusswaffen und Klingen ab, und Ferris fesselte ihre Arme. Alle ihre französischen Kameraden auf dem Drachenrücken waren niedergemetzelt worden; ihre Leichname lagen auf ihren eigenen toten Tieren verstreut.

Ein Stück weiter oben am Flussufer standen die Soldaten rings um die Kutsche herum wie zu Eis erstarrt und beobachteten die Szene, die Gesichter bleich, die Gewehre fest umklammert. Laurence spürte, wie Temeraire Luft holte und dann noch einmal sein markerschütterndes, entsetzliches Brüllen über ihre Köpfe hinweg ausstieß. Die Männer erwachten aus ihrem Schockzustand, gerieten in Panik und flohen. Einige versuchten in blindem Entsetzen, rutschend und immer wieder ausgleitend flussaufwärts zu entkommen, andere wandten sich zurück Richtung Osten und somit zweifellos in die offenen Arme der Kosaken. Die meisten aber stürzten zum westlichen Ufer und verschwanden zwischen den Bäumen.

Temeraire stand keuchend da. Dann schüttelte er sich, um sich vom Rausch der Schlacht zu befreien, und sah sich um. »Laurence, geht es dir gut? Oh! Bist du etwa verwundet worden? Waren das die Männer da drüben?«, fügte er mit zusammengekniffenen Augen hinzu, als sein Blick auf die Gefangenen fiel.

»Nein, nein, ich bin völlig unversehrt«, erwiderte Laurence eilig. Das Handgemenge würde er zwar noch eine Woche lang in den Schultern spüren, aber er hatte kaum eine Schramme davongetragen. »Es ist nicht mein Blut, keine Sorge.« Er legte Temeraire eine Hand auf den Nacken, um ihn zu beruhigen, denn ihm war völlig klar, wie das Schicksal der Gefangenen aussehen würde, sollte Temeraire zu dem Schluss kommen, sie hätten Laurence auch nur ein Haar gekrümmt.

Dieses Mal ließ Temeraire sich leicht ablenken. »Also dann …« Er drehte seinen Kopf zu der goldbesetzten Kutsche, die nun allein am Rande des Flusses stand und noch immer halb unter Schneemassen begraben war. Mit einem Satz war er am Ufer, schob mit angestrengtem Schnaufen den langen Wagenzug beiseite und räumte mit dem Vorderbein den Großteil der Schneewehe von der Kutsche, um sie freizulegen. Laurence sprang auf den Boden, Dyhern folgte ihm. Gemeinsam marschierten sie zu der Tür, die vielleicht drei Zentimeter aufgeschoben worden war, ehe die Schneemassen sie gestoppt hatten. Jetzt rissen die beiden sie ungeachtet der restlichen Schneeberge auf.

Zwei Frauen, vor Angst halb ohnmächtig, drückten sich in die Kissen: eine wunderschöne, junge Dame in einem Kleid, das zu tief ausgeschnitten war, als dass es noch als schicklich hätte durchgehen können, und ihre Zofe. Sie klammerten sich aneinander und kreischten, als sich die Tür öffnete. »Guter Gott!«, sagte Dyhern.

»Der Kaiser«, herrschte Laurence sie auf Französisch an. »Wo ist er?«

Die Frauen starrten ihn an. Dann antwortete die Dame mit bebender Stimme: »Er ist bei Oudinot … Bei Oudinot!«, und verbarg ihr Gesicht an der Schulter ihrer Zofe. Laurence trat entmutigt einen Schritt zurück und warf einen Blick zu dem Begleitwagen. Temeraire griff mit seinen Krallen nach dem Dach, rüttelte daran und zog.

Die Sonne ließ Gold aufblitzen: goldene Platten und Gemälde in vergoldeten Rahmen; außerdem Silberornamente, bronzebeschlagene Truhen und Reisekisten. Laurence und die anderen klappten die Bedeckungen zurück: noch mehr Gold und Silber und Kupfer und Berge von Papiergeld.

Sie hatten nur Napoleons Gepäck erbeutet. Der Kaiser selbst war entkommen!

2

Temeraire war untröstlich. »Das ist so was von ungerecht! Wann immer ich nichts lieber entdeckt hätte als einen großen Schatz, war keiner in Sicht. Und jetzt liegt einer hier vor uns, obwohl ich doch viel lieber Napoleon gefangen genommen hätte.« Als wollte er das Schicksal nicht herausfordern, fügte er eilends hinzu: »Nicht, dass ich mich ernsthaft beklagen würde. Ich habe wirklich überhaupt nichts gegen diesen Schatz einzuwenden. Aber, Laurence, es ist einfach unvorstellbar, dass Napoleon uns durch die Lappen gegangen sein soll. Sollte er denn wirklich allen Ernstes entkommen sein?«

»Ja«, antwortete Hammond an Laurence’ Stelle, der sich bereits in die Briefe vertieft hatte, die Placet ihnen aus Riga mitgebracht hatte. »Die letzten Nachrichten, die uns erreicht haben, lassen keinen anderen Schluss zu. Er wurde vor drei Tagen an der Seite der Kaiserin in Paris gesehen. Muss wohl mit einem Kurierdrachen aufgebrochen sein, kaum dass alle seine Männer die andere Seite des Ufers erreicht hatten. Es ist zu hören, dass er bereits die nächste Einberufung für die Armee angekündigt hat.«

Temeraire seufzte und ließ den Kopf hängen.

Der Großteil des Schatzes war in den Wagen verblieben, was den Transport erleichtern würde. Laurence hatte darauf bestanden, alle jene Stücke zurückzugeben, die leicht zu identifizieren waren, wie die ausgesprochen prächtigen Gemälde, die aus dem Zarenpalast gestohlen worden waren. Aber davon gab es nicht allzu viele: Das meiste waren Truhen, mit unförmigen Goldklumpen gefüllt, welche vermutlich zusammengeschmolzen waren, als Moskau in Flammen stand, und die niemand mehr hätte wiedererkennen können.

Temeraire leugnete nicht, dass die Beute ein hübscher Trost war – aber sie konnte Napoleons Entkommen dennoch nicht aufwiegen! Es war ihm nicht unlieb, dass die russischen Schwergewichte ihm nun mit deutlich mehr Respekt begegneten und allesamt geschworen hatten, dass sie das nächste Mal auf ihn hören würden, wenn er ihnen sagte, sie sollten nicht einfach irgendwo einen Zwischenstopp einlegen. Aber sie wollten ihm partout nicht abnehmen, dass er es nicht auf das Gold abgesehen hatte. »Ich habe nur meine Pflicht getan«, hatte er schließlich sehr formell erklärt, »und versucht, Napoleon zu fassen zu bekommen. Und ihr hättet alle dasselbe tun sollen.«

»O ja«, antworteten sie und nickten alle sehr bedächtig. »Du hast deine Pflicht erfüllt. Und jetzt erzähl uns noch mal, wie viel Gold in diese mittlere Kiste passte, die mit den vier Beschlägen.«

Temeraire fand diese Gespräche alles andere als befriedigend. »Und Napoleon sitzt derweil schön gemütlich wieder zu Hause«, sagte er, »und trinkt bestimmt mit Lien Tee. Ich bin mir sicher, sie war nicht den ganzen Winter über kurz vorm Erfrieren. Stattdessen hat sie in einem Dutzend verschiedener Pavillons übernachtet und ein Festmahl nach dem anderen goutiert. Da bin ich mir ziemlich sicher. Und wir sind immer noch hier.«

»Immer noch hier?«, erregte sich Hammond. »Herr im Himmel, es sind noch keine drei Tage vergangen, seitdem wir Wilna eingenommen haben. Da kann man doch wohl wirklich nicht behaupten, dass unser Aufenthalt hier schon zu lange dauern würde.«

Aber für Temeraire persönlich gab es nur wenig Unterschied zwischen Wilna und Kaluga. Nun gut, auch er konnte sehen, dass auf einer Landkarte zwischen den beiden Städten fünfhundert Meilen lagen, die sie in der Zwischenzeit zurückgelegt hatten. Aber auch wenn jeder behauptete, dass sie sich mittlerweile gar nicht mehr in Russland, sondern in Litauen befänden, fand er doch ihre augenblickliche Umgebung kaum verändert und nach wie vor wenig erfreulich. Der Stützpunkt ganz am Rande der Stadt hob sich nicht positiv von den vorherigen ab, der Boden war noch genauso hart gefroren wie auf russischem Gebiet, und auch wenn es hier mehr zu essen gab, waren die Mahlzeiten alles andere als appetitanregend: tote Pferde, immerzu nur tote Pferde. Laurence hatte dafür gesorgt, dass man ihm ein Lager aus Stroh und Lumpen herrichtete, welches die Bodentruppe jeden Tag ein wenig höher baute, aber das war nur ein schwacher Trost, wo Temeraire doch auch vom Palasthügel im Herzen der Stadt aus heruntergucken könnte. Dieser war hell erleuchtet für die Festlichkeiten, von denen die Drachen samt und sonders ausgeschlossen worden waren – als ob der Sieg ohne sie hätte errungen werden können.

»Ich bin allerdings beinahe froh«, sagte Temeraire, »dass der Jalan nach China zurückkehren musste; ich weiß gar nicht, wie ich ihnen ein solch unzivilisiertes Benehmen hätte erklären sollen, ganz zu schweigen von der schlechten Behandlung, die uns hier zuteilwird. Es ist eine Sache, während eines Krieges auf dem Schlachtfeld zahllose Unannehmlichkeiten erdulden zu müssen. Damit muss man rechnen, und ich bin mir sicher, niemand würde behaupten, dass wir nicht genauso zurückgesteckt hätten wie alle anderen auch. Aber es ist ganz was anderes, wenn sie einen danach im Schlamm rumsitzen lassen, in gefrorenem