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Ein innerer, meditativer Weg, der fähig macht einen Kultus zu bilden.
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Seitenzahl: 171
Veröffentlichungsjahr: 2020
Schon als junger Mensch mit 19 Jahren führte mich mein Weg direkt in den Misraim-Ritus Rudolf Steiners hinein. Die Situation dort erschien chaotisch, durch die Kriege waren kaum Rituale vorhanden. Nur die Arcana Arcanorum, eine Art von okkulten Instruktionen, waren aus Rudolf Steiners Mund von Mensch zu Mensch weitergegeben worden. Dann hatte ich, 24-jährig, das ungewöhnliche Schicksal, aus einer Art von Notsituation heraus, alle Grade des traditionellen, nicht durch Rudolf Steiner umgearbeiteten Memphis-Misraim-Ritus übertragen zu bekommen. Aus dieser Übersicht heraus war ich jedoch, begabt mit jugendlichem Schwung, davon überzeugt, einen Ritus zu finden oder zu erschaffen, der einen heilen, dem Christus gemäßen Menschenbau im Sinne des von Rudolf Steiner vorhandenen Bauplans bilden kann. Ich studierte Ägyptologie, um mich auch von historischer Seite mit allen Gesetzmäßigkeiten auszurüsten, die einen Kultus ausmachen.
Doch mehr und mehr kam ich zu der Erkenntnis, dass die Tatsache, wie sie nun einmal entstanden war, dass einige Rituale von Rudolf Steiner nicht mehr aufzufinden waren, nicht nur unglückliche Aspekte hatte. Jedes bös Gewollte kann ja zum Guten gewendet werden, und so leuchtete mir auf, wie damit einhergeht die Notwendigkeit, sich aus dem Ich heraus eine individuelle Befähigung für den Kultus zu erarbeiten. Mir klangen im Innern immer lauter und heller die Worte, die von Frau Friederike Westphal, die noch mit Rudolf Steiner den Misraim-Dienst erlebt hatte und die eine Trägerin der Arcana Arcanorum war, überliefert sind: „Rudolf Steiner hat immer frei gesprochen. Und jedesmal anders, der Situation entsprechend. Nur wir haben Blätter ausgeteilt bekommen.“ Früher löste diese Aussage in mir Unruhe aus. Es nahm mir die Hoffnung, ‚die höchsten, wirksamsten Mantren und Worte Rudolf Steiners‘, nach denen ich mich so sehnte, je zu entdecken. Diese Wahrheit machte mich einsam und zudem hoffnungslos, im Äußeren Halt zu finden. Es erklärt aber auch, zusätzlich zu der Tatsache, dass Marie Steiner alles verbrennen ließ, warum kaum Notizen zu finden sind, obwohl es circa 600 Mitglieder gab zu Rudolf Steiners Zeiten. Dann folgte die Veröffentlichung von einigen Ritualteilen in der Gesamtausgabe, Band 265.
Das Chaos war perfekt, denn jetzt erschien etwas ‚festgemauert‘, was von einer mit dem Ritual nicht vertrauten Herausgeberin zusammengestellte Teile aus den Notizbuchaufzeichnungen von Rudolf und Marie Steiner waren, aus verschiedenen Städten, aus verschiedenen Zeiten. Wer jetzt frei schaffend im lebendigen Geiste Rudolf Steiners tätig sein wollte, dem wurde eine Ritualkomposition durch die Herausgabe präsentiert, die mit der Autorität der GA als Rudolf Steiners daher kam. Da die Aufzeichnungen keine Überschriften trugen, ist die Zusammenstellung dieser und das Versehen mit einer entsprechenden Überschrift reine Interpretation der Herausgabe. So sind z. B. Stücke aus dem 5° in die Schließung des 1° hineingepackt. Auch wird nicht klar dargestellt, dass es nur einzelne Stücke sind. Dazwischen liegt sehr viel an notwendigem Geschehen, was nicht aufgezeichnet ist. So gibt es nicht wenige Anthroposophen, die meinen, sie hätten damit ein vollständiges Ritual.
So kam ich schließlich darauf, dass die Zeit vorbei sei, wo fertige Rituale bloß ausgeführt werden ohne Urteilsbildung. Jeder Mensch, der sich für den Mysterien-Kultus interessiert, sollte sich die Fähigkeit erwerben können, nicht nur den inneren Rhythmus eines Rituales zu hören, sondern auch in Geistesgegenwart Rituale zu bilden, sich eine Kultusfähigkeit – so scheint mir das treffende Wort zu sein – auszubilden. Diese Kultusfähigkeit versuche ich, in Vorträgen, Seminaren und Wahrnehmungsübungen zu vermitteln als eine Art und Weise, die man erlernen und mit der man verantwortungsbewusst kultisch handeln kann unter Wahrnehmung des Ich; sodass man nicht darauf angewiesen ist, abzulesen oder auswendig gelernte Texte daher zu sagen und meint, damit nicht vom Wege abzuirren.
Wenn Texte gelesen werden, dann so, dass sie gleichzeitig aus dem eigenen Ich gegenwärtig gegriffen und die aufgeschriebenen Worte deswegen genommen werden, weil sie sich jedesmal wieder als die treffendsten und lebendigsten zeigen.
Es gibt also heute auch im Misraim-Michael-Dienst1 aufgeschriebene Texte. Doch es lebt das Bestreben, sie aus dem Inneren heraus gegenwärtig zu bilden durch Imagination, Inspiration und Intuition. Wir sind am Entwickeln, am Ausbilden und Üben…
In den letzten Jahren wurden viele Fragen, die das rituelle Arbeiten betreffen, an mich herangetragen; besonders von Menschen, die in der Freien Hochschule tätig sind und an eine Weiterentwicklung Richtung zweiter Klasse denken. Ich überlegte, ob es gut sei, die Misraim-Michael-Logen zu öffnen für ein einmaliges Kennenlernen. Doch das stieß berechtigterweise auf Widerstand seitens der Logengemeinschaften.
Die Loge ist anders angelegt als eine esoterische Schule: In der esoterischen Ausbildung geht es meines Erachtens um eine Verfeinerung und Ausbildung der Leiber und geistigen Organe, um sich fähig zu machen, mit geistigen Wesen zu kommunizieren. Die Logenarbeit braucht eine okkulte Ausbildung. Zu ihr ist als erster Schritt nötig ein Willensentschluss, ein Willensentschluss, dem Christus Leib zu sein; der allerdings so unumstößlich im Herzen brennt, dass er mit allen Prüfungen, die das Leben so bringt, den ganzen Menschen wandeln kann. Deswegen die Bezeichnung ‚okkult‘. Man kann diesen Entschluss von außen nicht sehen, doch ist er die Grundlage der Arbeit.
Um diesen unumstößlichen Willensentschluss zu bewerkstelligen, hat es früher strenge Eide gegeben. Heute kann einem Willensentschluss nicht von außen nachgeholfen werden. Alleine schon durch die Tatsache, dass er durch Erkenntnistätigkeit einer stets neuen Abwägung durch das Ich bedarf. Das okkulte Geschehen wird immer individueller und auch die geistigen Wesen, die früher in den Logen gepflegt und behütet und ernährt wurden, – insbesondere der Christus, – lassen sich nicht bzw. nicht mehr an bestimmte kultische Verrichtungen und Worte binden.
Doch leben die geistigen Wesen, lebt der Christus auf im kultischen Bewusstsein. Menschen, die zur Wahrnehmung der geistigen Wesen kommen, werden früher oder später das Bedürfnis nach einem Kultus in sich verspüren wie einen inneren Ruf.
Nach dem berechtigten Widerstand gegen meine Idee, die Logen zu öffnen für Menschen, die diesen beschriebenen Willensentschluss nicht gefasst hatten, inaugurierte ich 2018 zusammen mit Rolf Speckner vom Misraim-Michael-Dienst aus eine Forschungsvereinigung, in der man auch einmalig kommen kann, ohne jegliche Bindung, um in das Wesen des Kultus etwas eintauchen zu können. Wir bearbeiten auch Fragen historischer Art, weil diesbezüglich bisher noch kaum etwas veröffentlicht ist,2 außer in der GA 265.
Doch schon im Titel dieses Bandes wird der Begriff ‚erkenntnis-kultische Abteilung‘ verwendet. Dieser Begriff ist nur durch eine Notiz des Lic. Emil Bock von einem Gespräch mit Rudolf Steiner überliefert, während von Rudolf Steiner selber der Begriff nicht verwendet wurde. Das zeigt, dass man an den Einführungs-, Bemerkungs- und Ergänzungsteil der Herausgeberin – immerhin hundert Seiten – sehr wach herangehen muss. Zudem scheint sie aus dem Gesichtspunkt der Bekanntheit mit dem Christengemeinschafts-Kultus heraus geschrieben zu haben. Dieser bietet jedoch keine Urteilsgrundlage für einen kainitischen Mysterien-Kultus. Ich möchte niemanden verletzen, möchte es aber doch so deutlich aufzeigen, weil dies Buch sehr viel in ein falsches Licht rückt und dadurch die okkulte Arbeit von Rudolf Steiner verdunkelt wird.
Rudolf Steiner bezeichnete diese Betätigung in seinem ‚Lebensgang’ als ‚symbolisch-kultische Abteilung‘, und er hat nie ungenaue Begriffe gewählt, schon gar nicht als Namen für eine Abteilung der anthroposophischen Bewegung, bei welcher der Name wesenhaft aufgefasst werden muss. Symbole sind Grundlage für die okkulte Betätigung. Die symbolisch-kultische Abteilung der anthroposophischen Bewegung arbeitet mit einer unaussprechlichen Symbol-Sprache, die wie das mathematische Denken jenseits des Egoismus im Geistigen sich bewegen kann.
Für dieses Buch nun stand ich vor dem Problem, wie ich den Kultus beschreiben sollte? Den Okkultismus beschreibt Rudolf Steiner, wie eben schon erwähnt, als mit einer Art von gesetzmäßigen Sprache lebend, die in ihrer symbolischen Art und Weise nicht in den Egoismus gezogen werden kann. Wenn ich für den Verstand den Zweck des Kultus erkläre, würde ich dann nicht genau das vollziehen, wovor er geschützt sein möchte? Wäre das nicht Verrat an dem Dienst der geistigen Wesen und des Menschen?
Die Art und Weise, die ich nun gewählt habe, um dieses Buch zu schreiben, ist mir die offenste Möglichkeit, in dem Leser, – genauer gesagt: dem die Worte Miterlebenden, – Kultusfähigkeit durch erlebende Erkenntnis zu bilden. Es soll keine nachschlagbaren Antworten oder Anleitungen geben, nach denen man einen Kultus einrichten kann. Es soll im Inneren erhellen, um was es im Kultischen geht. Ich bin durchweg bemüht, in dem Buch mich mit Herzenskräften zu bewegen und nur das bewusste Erleben aufzurufen. Ich hoffe, dass es Ihnen Freude und Anregung bereiten wird, auf meinem Segelboot, das ich Ihnen gleich vorstellen werde, liebevoll mitzusegeln, nicht um an bestimmte Orte zu kommen, sondern um das Segeln an sich zu lernen.
Christiane Gerges
websites: christiane-gerges.de
misraim-michael-dienst.de
+49 151 27030503
1 Dieser Name ist erst kürzlich von uns gebildet worden und nimmt Bezug auf die zeitliche Entwicklung des Namens durch Rudolf Steiner.
2 Literatur über die Geschichte von Misraim im Zusammenhang mit Rudolf Steiner im Anhang.
Eine Möglichkeit, dem lebendigen Mysterien-Kultus sich zu nähern.
Möge es als Anregung dienen, durch die dann von den Kultus liebenden Menschen dieser weiter zur Sichtbarkeit gewandelt werden kann.
Es sei gewidmet Michael, dem Angesicht des Christus, dienend den Exusiai.
Es sei gewidmet Michael, dem im Rhythmus Lebenden, dienend den Dynamis.
Es sei gewidmet Michael, der ordnenden Hand des Christus, dienend den Kyriotetes.
Biografisches im Zusammenhang mit diesem Buch – eine Art Vorwort
Einleitung
Die Frage nach einem zeitgemäßen Mysterien-Kultus
Erinnerung
Abrundung und innere Erkraftung – eine Art Nachwort
Fragen sind Lebenskraft. Eine Frage führt mich in eine Art von Bewegung hinein. Sie ist wie ein Meeres-Strom, in dem ich mich frei bewegen kann, der mich umhüllt und trägt und insgesamt in eine Richtung bewegt, unabhängig davon, ob ich in meinem Lebens-Schiff hüpfe, rückwärts oder seitwärts laufe. Ich kann tun und lassen, wonach ich mich gerade fühle, doch insgesamt wird mein Schicksal getragen von der Kraft der Frage, die ich geäußert habe.
Ich kann unterwegs Antworten wahrnehmen, sie tauchen auf wie Inseln am Horizont. Ich kann ankern und aussteigen. Eine Art ‚island hopping‘ von Antwort zu Antwort. Solche ‚island hopping‘-Touren bestimmen heute unser Leben: von Antwort und Wissen, zum nächsten Wissen. Die geistige Welt in ihrem Strom, der von Frage zu Frage fließt, ist außerhalb der Wahrnehmungen unseres Alltags gerückt.
Durch das Pflegen von Fragen kann ich wieder eintauchen in die lebendige Bildekraft der geistigen Welt:
Ich kann sogar mein Schicksal selbst unter dem Aspekt betrachten, dass ich nach meiner ‚Lebensfrage‘ forsche. Mit der Zeit kann ich dadurch wahrnehmen, wie alles, was wie eine rote Linie mein Schicksal durchzieht, was also unabhängig ist von den einzelnen karmischen Turbulenzen, durch eine bestimmte Frage bewegt wird, die ich gestellt habe, eventuell vor sehr langer Zeit, länger zurück, als ich erinnern kann. Eine Frage, die nicht unbedingt durch den Verstand gewandert sein muss. Eine Frage, die vielleicht durch die Wahrnehmung von Wissensgrenzen entstanden ist. Vielleicht hat es mich in Urzeiten bewegt, woher die Sonne kommt, wenn sie aufgeht? Und das Anstoßen an eine Wahrnehmungsgrenze hat in mir tiefe Verzweiflung ausgelöst. Diese Grenze war wie eine verschlossene Tür, an die meine Seele anklopfte und eine Kraft in Gang setzte, die eine untergründige Fragekraft ohne Worte ist: ein Strom, der von nun an mein Schicksal bewegte, eventuell über mehrere Inkarnationen.
Für diesen Strom der Fragekraft kann ich mich empfindsam machen, ihn kann ich ernst nehmen und wahrnehmen. Es ist ein Strom, der nicht von der Frage zur Antwort führt und dann befriedigt ist, sondern der mich Fragenden tiefer und tiefer – bzw. höher und höher – zieht, wenn nur die Fragekraft erhalten bleibt. Das Ernstnehmen meiner Fragen durch mich selbst, das für möglich Halten ihrer Entfaltung und deren Wahrnehmung durch mich dient dieser Aufrechterhaltung meines Fragestromes. Diesem Strom, der von mir ausgeht, kommt ein anderer entgegen. Das geistige Wesen, bei dem ich durch meine Frage angeklopft habe, entfaltet sich lichtvoll in diesem Strom, bildet mit seiner Entfaltung mein Schicksalsweben. In diesem Gewebe bilden wir beide Bewusstsein: das geistige Wesen und ich. Oder ist mein Bewusstsein dann sein Bewusstsein? Bilden die geistigen Wesen Bewusstsein in uns? Durch unsere Fragekraft, durch unser fragendes Interesse?
Dies soll die Art und Weise bestimmen, wie ich dieses Buch schreibe.
Für die Hauptfrage nach einem zeitgemäßen Mysterien-Kultus, die ich gestellt habe, leuchten untergeordnete Fragen auf, die wie die Wellen im Strom eine in die andere fließen. So von Welle zu Welle im Strom zu bleiben, auf dem Rücken der einen Welle, mich der Sogkraft der nächsten anvertrauen… Grundbedingung ist, nicht zu einem Punkt zu kommen, wo ich das Gefühl habe, zufrieden verweilen zu wollen.
Durch mein Empfinden kann ich diesen Strom der Fragebewegung gegenwärtig, während ich mich darinnen bewege, wahrnehmen – wie in einer Art staunendem Erlauschen, – empfindend das geistige Wesen, das durch meine Frage wirksam wird.
Um es allerdings zur Sichtbarkeit anzuregen, muss ich meine Erinnerungskraft für diese Bewegung des Fragestroms stärken. Dadurch kann ich die vollzogene Bewegung der Frage wie eine Form wahrnehmen. Die zeitlich sich vollziehende Bewegungslinie durch die Gedankenentwicklung in mir, die kann ich durch die Erinnerung wahren und in der Gleichzeitigkeit wahrnehmen. Dann wird mir nicht eine Antwort für den Verstand gegeben, sondern das Wesen dessen, in dem ich mich fragend bewege, wird mir in der durch die Erinnerung sichtbaren Bewegungs-Form aufleuchten, eine Gestalt, die gleichzeitig Bewegung ist. Dann steht das Wesen klar und hell vor dem inneren Auge.
In diesem Buch ist daher alles umgekehrt: Es gibt kein Gerüst aus Titeln, sondern ich bewege mich durch die Frage und mit der Frage nach dem zeitgemäßen Mysterien-Kultus. Es ist mir jetzt nicht deutlich, wohin die Reise führen wird. Ich gebe mir Mühe, keine Vorurteile zu haben, auch nicht solche, die durch Vorwissen entstehen, und ich gebe mir Mühe, keine Rückhalte zu haben durch irgendwelche Ängste und Dogmen. Allerdings gibt es eine Art und Weise, wie ich mich in dieser Frage bewege: die Stromlinie meines Schiffes also - und das ist die des Ich. Malerisch ausgedrückt, ist ein Kreuz auf meine Segel gemalt. Unter Aufrechterhaltung des Ich-Bewusstseins möchte ich diese Reise vollziehen.
Dieses Buch zu schreiben ist für mich mit der Entscheidung verknüpft, diese Reise nicht alleine anzutreten, sondern Sie einzuladen, diese Reise mit mir gemeinsam zu vollziehen. Ich bin Ihnen nicht voran gereist und übergebe hiermit meinen Bericht, sondern beziehe Sie als Leser mit ein in die Art und Weise, wie ich meine Worte ergreife. Auch wenn wir zeitlich versetzt uns bewegen, so halte ich Sie schon im Herzen, wenn ich mich jetzt schreibend vorwärts bewege.
Wenn Sie Fragen lesen, die gleich darauf beantwortet werden, so sind es keine Scheinfragen, sondern es ist der Prozess, der sich innerlich so abspielte.
Ich werde zu Ihrer Orientierung durch Fettdruck Marken setzen, wo das geistige Wesen des zeitgemäßen Mysterien-Kultus besonders hell aufleuchtet und diese im Anhang zusammenfassen zu einer Erinnerungsgestalt, wie sie sich durch das Buch durchbewegt hat.
Diese ist nicht von mir vorgefasst und von daher nicht auf meine Fähigkeiten beschränkt, sondern sie wird sich durch unsere Fragekraft offenbaren können.
In dieser Art möchte ich auch meine Ver-Antwortung auffassen: Ich möchte sie nicht verknüpfen mit meinen Sicherheiten und meinem Wissen, genauso wenig mit meinen Ängsten und meinem Unwissen, sondern alleine mit dem Halten meines Ich-Schiffes im Strom der Fragebewegung.
Wenn uns die erinnerte Bewegungsform des zeitgemäßen Mysterien-Kultus sichtbar werden wird, dann sollten wir im Bewusstsein haben, dass ein lebendiges Wesen sich immer weiter bewegt und wir im Erfassen seiner Gestalt uns schon wieder in der Vergangenheit dieses Wesens befinden. Um wirklich mit einem Wesen leben zu können, bedarf es dann der Pflege dieses Verhältnisses: Dabei gehe ich so oft fragend den Weg der Sichtbarmachung, bis ich in ein kontinuierliches und gegenwärtiges Wahrnehmungsverhältnis komme.
Ein kontinuierliches und gegenwärtiges Wahrnehmungsverhältnis lauscht und fragt und erinnert im Wahrnehmen. Ich möchte es als kontemplativ bezeichnen – ein Liebesverhältnis zu dem so wahrgenommenen Wesen.
Ich beginne mit der Bildung der Fragekraft in mir und ergehe mich in der Natur.
Um mich herum lauter tropische Bäume. – Früchte fallen mir zu Füßen. Sie fallen auf die dürren Blätter unter den Bäumen und bewirken raschelnde Geräusche. Sie haben wunderschöne Farben: lila bis leuchtend orange. Ich fühle immer mehr Lust, sie zu schmecken. Unsicher tapst mein Bewusstsein in den vernunftbegabten Teil meiner Seele: „Kennst Du nicht, sind vielleicht giftig.“ Und durch das Hin und Her werde ich in die Bewegungen des Verstandes gezogen, der gerne vermittelt zwischen Lust und Vernunft mit einer großen Palette an Ideen. Ihm bleiben bei der Fremdheit der Früchte wirklich alle seine Überredungskünste weg. Doch auf seinen Wogen wende ich mich seufzend und fragend höherer Erkenntnis zu: Wie haben die Menschen herausgefunden, welche Früchte giftig sind und welche essbar? Die Wissenschaftler sind sich einig: es fand eine Art Auslese statt. Einer hat die Früchte gegessen und die anderen haben beobachtet, ob er am Leben blieb oder nicht. Und das Wissen darum hat sich dann von Generation zu Generation weiter getragen. –
Der Wald öffnet sich, der Boden ist mit Gras bedeckt, Palmen biegen sich über den Strand. Es dauert nicht lange, da kommt einer der Inselbewohner zu mir und setzt sich an meine Seite. Ich frage ihn als Erstes, ob er alle Früchte von hier kennt und weiß, welche er essen kann und welche Teile davon genießbar sind. Er schaut mich erstaunt an wie eine außerirdische Erscheinung und sagt: „Sicher!“ Ich frage ihn, ob er dazu die Tiere beobachtet hat, was sie essen? Er schaut mich noch seltsamer an. Keine Antwort. (War ja klar, er wusste gar nicht, in welchen Ur-Vergangenheiten ich mich gerade bewegte.) Oder ob ihm seine Mutter dies alles gesagt hat? Er lacht. Er scheint ein wenig zu ahnen, wo ich bin, und er erzählt mir, dass seine Großmutter ihm zu essen gab, und er weiß, was seine Familie isst. Aber einmal, da wollte er lange Zeit im Wald sein, und da musste er die Früchte selber fragen. Sie haben ihm geantwortet und von sich erzählt. Ich solle auch die Früchte fragen, wenn ich nicht weiß, ob sie zu mir wollen oder nicht. Mir fällt auf, dass er von den Früchten ausgeht und nicht von seiner Lust, sie zu essen.
Was ich tun muss, frage ich, dass ich die Früchte verstehen und hören kann. Er schaut mich verwundert an. Er schaut und schaut: Und er stellt fest, dass meine Füße nicht so auf der Erde stehen wie die seinigen. In der Mitte seien sie zu hoch und hätten keinen Kontakt. Und die Früchte scheine ich als Stücke wahrzunehmen, die nicht mit der Erde verbunden seien. Bei jedem Schritt müsse ich in die Erde hinein wurzeln, um ein Kind der Mutter Erde zu werden. Über die Erden-Mutter könne ich die Früchte fragen, deren Geschenke sie seien. Die Erden-Mutter, sie schicke mir dann einen Wachtraum, in dem ich wie eine Wolke um die Frucht herum erwachen würde und von dort fühlen und wissen könne, wie es um die Frucht beschaffen sei: ob sie es gut mit mir meine und welche Teile genießbar seien. –
Ich fühle, dass es ein ganz außerordentlicher Moment ist, der gerade geschieht: einen Menschen zu treffen, der einen naturhaften Kultus als seine Alltagssituation erlebt. Dieser äußert sich in einer Art Gespräch mit der Erde. Ich merke, der Fragestrom, die Bewegung ist schon losgegangen, die Umgebung spricht zu mir. Der erste Farbstrich ist vollzogen. Ich entscheide mich dazu und hisse meine Segel:
Ist unser europäisches Alltagsbewusstsein solcher Art, dass wir uns als einzelne Stücke fühlen, abgetrennt von unserer Umgebung? Die Früchte so als Stücke anzuschauen, abgetrennt von der Erde, das ist eine Anschauung. Finde ich sie auch in meinem Bewusstsein von mir selbst? Da stehe ich auf der Erde und erlebe mich als einzelnes Wesen: eingeschlossen in meinem Selbst und von meinem Bewusstsein her abgetrennt von der Umgebung.
Fragen wir uns vom Kopf her nicht sogar manchmal verwundert, was die Natur um uns herum, was der Kosmos mit uns zu tun hat?
Wir gehen durch den Alltag, ohne im Bewusstsein zu haben, wo wir urständen! Haben wir unsere Mutter vergessen, unsere Erden-Mutter, auf der unsere Füße stehen?
Doch wir sind nicht nur Materie, nicht nur Stoff, nicht nur Leiblichkeit. Insbesondere in Europa sind wir gewohnt, unser inneres Wesen betreffend, uns nicht so sehr mit der Erde verbunden zu sehen, sondern eher uns mit dem Licht verwandt zu fühlen, aus dem das uns eigene Geisteslicht, unser Bewusstseinslicht stammt. Haben wir durch den Alltag im Bewusstsein, dass unser Geisteslicht, durch das wir ein Bewusstsein von uns haben, sei es, dass es hell in uns lebt oder dumpf glimmt, wenn wir verzweifelt am Boden liegen, – haben wir im Bewusstsein, dass es in dem großen Geisteslicht des Himmels urständet? Das Licht weist eher auf den Vater-Aspekt hin: auf den Vater im Himmel, wie er im ‚Vater unser’ und den europäischen Mythen beschrieben wird.
Verhindert dieses sich als ‚Stück‘ Fühlen die Möglichkeit des kultischen Bewusstseins?