Die Front in Fels und Eis - Gunther Langes - E-Book
Beschreibung

Das vorliegende Buch ist eine historische Darstellung des Hochgebirgskrieges von 1915 - 1918. Aus Originalberichten von hüben und drüben, aus zeitgenössischen Bildern, Skizzen und schematischen Darstellungen ersteht das Bild dieser in der Vergangenheit und, wie zu hoffen ist, auch in der Zukunft einmaligen "Front in Fels und Eis". Ein touristischer Anhang schlägt Brücke zur Gegenwart, indem er die heutige Situation und Begehbarkeit des ehemaligen Frontgebietes aufzeigt.

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EPUB

Seitenzahl:319

Sammlungen



Umschlagbild:

Geschütz am Pleißhorn, 3754 Meter, gegen Thurwieserspitze, 3652 Meter, und Trafoier Eiswand, 3563 Meter (Ortlergruppe)

Inhalt

Alle Beiträge ohne besondere Autorenangabe stammen vom Verfasser des Gesamtwerkes Dr. Gunther Langes

Vorwort zur vierten Auflage, von Dr. Josef Rampold

Geleitwort des Verfassers

Vorwort von Generaloberst Graf Viktor Dankl von Krasnik

Einleitung zur ersten Auflage von Gen. d. Art. a. D. Konrad Krafft von Dellmensingen

Der Krieg im Hochgebirge

Die Front im Fels

Der Heldentod des Bergführers Sepp Innerkofler

Die Erstürmung des Monte Piano (Oberstlt. a. D. Weiser)

Die Himmelfahrt des „Col di Sangue“

In Felsen und Feuer (Hubert Mumelter)

Kämpfe deutscher Jäger in den Felsen der Dolomiten (Contag von Kleberg)

Auf der Punta dei Bois

Der Fall der Tofana di Roces, 3225 m

Totentanz um die Fontana Negra

Patrouillenkämpfe im Fels

Die Wenigen von der Schönleitenschneid, 2705 m

Schleichpatrouillen um den Cristallo, 3216m

Im Rücken des Feindes

Überfälle auf ein Felsennest

Die Wiedereroberung des Rauchkofels

Minenkrieg

Die kleine Mine

Die große Mine

Die Sprengung des Cimone d’Arsiero

Die Front im Eis

Der Krieg im Bauch des Gletschers (Leo Handl)

Lehrzeit auf der Costabella

Eiskrieg im Gletscher der Marmolata

Die Eisstadt in der Marmolata

Vom Gletscherkrieg in der Ortlergruppe

Kampf im Frühling auf den Gletschern (Franz Kern)

Sturm auf Gletschergipfel (Wilhelm Winkler)

Der letzte siegreiche Kampf der alten Donaumonarchie am 3. September 1918

Um die Punta San Matteo

Um die Punta Giumella

Ein schwerer Auftrag

Sturm auf die Punta San Matteo

Traversierung zum Monte Mantello

Heldentod vor dem Villa-Corno-Grat

Bedeutender Erfolg

Nachruhm der Kaiserschützen

Patrouillenkämpfe im Eis

Der Sturm auf die Hohe Schneid, 3431 m

Eroberungund Verlust der Trafoier Eiswand, 3536 m

40 Stunden auf den Gletschern

Wege zwischen Stacheldraht und Kavernen

(Oberstlt. W. Schaumann)

Ehrentafel

Benützte Literatur

Verzeichnis der Bildstellen und Fotografen

Personen-und Ortsregister

Zur vierten Auflage der „Front in Fels und Eis”

Als Gunther Langes am 14. April 1972 nach kurzer, schwerer Krankheit aus unserer Mitte gerissen wurde, da lagen auf seinem Schreibtisch die eben fertiggestellten Vorarbeiten für die Neuauflage dieses Buches. Die „Front in Fels und Eis“ hat damit ihren Verfasser ein ganzes Leben lang bis zum letzten Tag begleitet, und Langes hat selbst wiederholt gesagt, daß ihm dieses als das wesentlichste unter allen seinen Büchern erscheine. Für ihn war aus dem unmittelbaren Erlebnis des Hochgebirgskrieges im Laufe der Jahre das mit Abstand zu betrachtende historische Ereignis geworden, dessen Darstellung in einem Zeitraum von vierzig Jahren, seit der Erstauflage von 1932, unwandelbare Gültigkeit behalten hatte. Demnach bringt diese Neuauflage den nur in unwesentlichen Kleinigkeiten revidierten Text, dazu teilweise neues und bisher unveröffentlichtes Bild- und Skizzenmaterial sowie einen touristischen Anhang über die Situation des Frontgebietes in unseren Tagen aus der Feder des Oberstleutnants im österreichischen Bundesheer Walther Schaumann.

* * *

Es war eine der letzten großen Freuden für Gunther Langes, als für ihn die Möglichkeit einer neuen Auflage seines Weltkriegsbuches zur Gewißheit wurde. Er durfte darin auch die Bestätigung sehen, daß dieses Buch stets den unbestrittenen Ruf einer historischen Darstellung von unbestechlicher Objektivität genossen hat und als seit langem vergriffenes Standardwerk von vielen Forschern, Bergsteigern und Bücherfreunden schmerzlich vermißt wurde; dieses Urteil kam auch von der Seite der ehemaligen Gegner, die den Namen Gunther Langes in ihrer diesbezüglichen Literatur stets im Tone hoher und ritterlicher Anerkennung nennen.

* * *

Langes wurde 1899 zu Füßen der wildschönen Pala im damals noch österreichischen Primör (Fiera di Primiero) geboren und wuchs im Banne dieser urgewaltigen Dolomitgruppe auf. Als Schüler berühmter Bergführer und der besten Bergsteiger seiner Zeit übertrifft er bald seine Lehrmeister und hat als kühner Felsgeher schon einen glänzenden Ruf, wie er mit 17 Jahren von der Schulbank weg an die Ortlerfront kommt, auf die Marmolata, zum Monte Grappa, in die Sieben Gemeinden und schließlich noch in den Feuerhagel der Westfront; die beiden Silbernen Tapferkeitsmedaillen schmücken des Kaisers Rock und die Offiziersuniform des Zweiten Weltkrieges.

Was dazwischen liegt, gehört vorwiegend den Bergen. In der Pala allein sind es fünfzig Erstbegehungen, darunter die schönste, die unerreichte — die Schleierkante auf die Cima della Madonna; der Skiläufer Langes steckt im Jahre 1935 an der Marmolata den ersten Riesentorlauf aus und wird bald danach als Ski-Experte in die USA geholt. Die Frucht all dieser Jahre steht in den mehrfach aufgelegten Skiund Kletterführern, denen sich später Geschichte und allgemeine Topographie anschließen, im originell erdachten „Autorama“ und in mehreren Bänden einer groß angelegten Südtiroler Landeskunde; im übrigen arbeitet der Philosophiestudent und promovierte Jurist als Schriftleiter bei bedeutenden deutschen Blättern und zeitweilig auch als Journalist in Bozen. Mehrere Jahre hat er in einem kleinen Haus in Seis unterm Schlern gewohnt und danach auch am Gardasee, den er besonders liebte und der für ihn die Abrundung der landschaftlichen Einheit zwischen Zentralalpen, Ortler und Dolomiten war.

* * *

Auf dem Soldatenfriedhof zu Sankt Jakob bei Bozen haben wir ihn zu Grabe geleitet; sein Sarg ruhte auf alten Eispickeln, die von jungen Bergrettungsdienstmännern getragen wurden, und die Fahne der alten Armee rauschte über die frisch aufgeworfene Erde dieses Landes, das er aus heißem Herzen geliebt und dem er stets die Treue gehalten hat.

Der Leutnant Gunther Langes, der Seilerste an der Schleierkante, der Pionier des Skilaufs, der fruchtbare topographische Schriftsteller — in allen diesen Belangen war er ein Mann, dessen Spur in der Geschichte Südtirols hell aufleuchtet und nicht verblassen wird.

Bozen, im Herbst 1972

Josef Rampold

Geleitwort

Tausendfach verschieden war das Gesicht der Fronten, die im Weltkrieg an die 9000 km lang durch Europa und Asien, vom Strand der Nordsee bis zum Wüstensand Arabiens und in dem Busch der deutschen Kolonien in Afrika lagen.

Keine Front war vielleicht merkwürdiger, als die im weiten Bogen über die Hochgipfel der Alpen gespannte.

Dieses Buch soll vom Leben und Kampf an dieser unwahrscheinlichsten aller Fronten erzählen.

Frei von aller filmischen Verfärbung und Verfälschung bringen die Bilder dieses Buches unwirklich scheinende klare Wirklichkeit, als getreue Zeugen phantastisch scheinender Tatsachen.

Die Bühne des Krieges im Hochgebirge war das Ödland der Alpen, das Land über jener Grenze, an der fast alles Leben erstorben ist, das Land, das allem Leben und auch dem Menschen feindlich ist. Dieses Ödland beginnt dort, wo die Berge über 2000 m allmählich felsig und eisig in den Himmel wachsen. Es war nicht möglich, diese Grenze scharf zu ziehen, es war auch nicht die gestellte Aufgabe, umfassend und chronistisch ein vollständiges Werk über den Hochgebirgskrieg zu schaffen. Dieses Buch sollte nur eine Auswahl bunter, lebendiger Bilder aus dem typischen Krieg in Fels und Eis der Alpen bringen.

Höchster Friede und höchste Gewalt der Natur sind das wunderbare und das furchtbare Merkmal dieser Alpenhöhen. Das eine wurde den Soldaten des Hochgebirges zum versöhnenden Geschenk gegen den Krieg, das andere stellte übermenschliche Anforderungen an ihre Tugend der Pflichterfüllung.

In diesem heldenmütigen Kampf gegen zwei Fronten, gegen den Feind und die Natur, erlebte der Hochgebirgskrieg den Gipfel seiner Eigenart.

Der Krieg ist so alt wie die Liebe und der Hunger. Mit ihnen wird er immer sein und vergehen. Ein Buch, das vom Krieg erzählt, soll nicht künden und werben für zukünftige Kämpfe der Völker, die unaufhaltsam kommen werden. Es soll ein Denkmal sein für das heroische Leid einer Nation, in deren Leben vom Anfang bis zum Ende der Kampf stehen muß, so naturnotwendig wie das Leben und der Tod.

So soll dieses Buch Denkmal und Dank sein für die Kämpfer des Hochgebirges.

Dr. Gunther Langes

Posten in einem Schneegraben im Hochgebirge (Hohe Schncid, Ortlergebiet).

. . . „wenn nicht die bodenständigen, in der heimatlichen Scholle verwurzelten Männer, die von Anbeginn an mit beispielloser Begeisterung zu den Waffen eilten und in hingebungsvollster Treue und Tapferkeit in Fels und Firn dem Eindringling entgegentraten, sich — ihren Ahnen gleich — als unüberwindlich erwiesen hätten.“ . . .

V. Graf Dankl

Vorwort

von Generaloberst Graf Viktor Dankl von Krasnik Österreichischer Armeeführer und Landesverteidigungskommandant von Tirol

Als die Armeen der österreichischen Monarchie 1914 gegen Rußland und Serbien ins Feld zogen, begann der letzte große Heldenkampf Österreich-Ungarns gegen ungeheuere feindliche Übermacht; als dann 1915 auch noch die Südwestgrenze des Reiches in den Alpen verteidigt werden mußte, da erreichte dieser weltgeschichtliche Kampf den Höhepunkt seiner epischen Größe.

Ein Ausschnitt aus diesem zähen Ringen wird in dem vorliegenden Buche geschildert. Es sind die Kämpfe, die um die Fels- und Eisberge des heiligen Landes Tirol geführt wurden, Kämpfe, die im Hinblick auf den Schauplatz, die harten Witterungsunbilden und die lange Dauer, zu den kühnsten und eigenartigsten der Kriegsgeschichte gehören.

Auf den Bergen Tirols war Gott am nächsten Zeuge, wie der österreichische Offizier und Soldat, der Tiroler Schütze und Landsturmmann, getreu ihrer fast tausendjährigen Tradition, heldenhaft bis zum Ende gekämpft haben, ein Ende, das nicht die Waffen entschieden, sondern schicksalhaftes, übermenschliches Geschehen.

Ein Land, das solche Söhne stellen und so furchtbare Opfer ertragen kann, muß Gott wieder zu neuer Größe emporheben!

Innsbruck, 3. Mai 1936.

Marmolata. Stollenbrücke über eine Gletscherspalte. Der Eingang zum Stollen ist zusammengebrochen.

. . . „Das schöne Land Tirol mit seinen auch uns so lieb gewordenen Bergen — das Land, wo die deutsche Sprache in besonders kernigem Laut erklingt, wo der Bauer frei auf seinen Höhen sitzt und uralte deutsche Kultur aus jedem Winkel uns grüßt — wir betrachten es auch als unser Land.“ . . .

Konrad Krafft von Dellmensingen

Einleitung zur l. Auflage dieses Buches

von General der Artillerie a. D. Krafftvon Dellmensingen einst Kommandeur des Deutschen Alpenkorps

Das Hochgebirge galt in den Kriegen früherer Zeiten meist nur als Durchzugsland. Die Kämpfe spielten sich an den Paßstraßen und auf den sie unmittelbar begleitenden Höhen ab. Ein längeres Verweilen inmitten des Gebirges fand selten statt.

In diesen Verhältnissen hat der Weltkrieg gründlich Wandel geschaffen. Einerseits war das Hochgebirge dem allgemeinen Verkehr besser erschlossen oder an den Grenzen durch militärische Weganlagen zugänglicher gemacht worden. Andererseits hatte die Entwicklung des Alpinismus dazu geführt, daß es unzugängliche Stellen selbst in den höchsten, schroffsten und unter ewigem Eis liegenden Gebirgsteilen so gut wie gar nicht mehr gab. Ferner hatte sich auch die militärische Technik und Bewaffnung, vornehmlich bei der Artillerie, in den Staaten, die gebirgige Grenzen besaßen, immer mehr den Bedingungen des Hochgebirges angepaßt. Früher konnten nur ganz leichte Geschütze im Gebirge verwendet werden; jetzt konnte, vermöge der Unabhängigkeit des Schußbeobachters von der Feuerstellung der Geschütze mittels neuer Rieht-, Beobachtungs- und Verkehrsmittel, und infolge der Verbesserung des Steilfeuers, auch im Gebirge, auf den Bergen wie vom Tale aus, Artillerie bis zu den schwersten Kalibern und in großer Zahl fast an jeder Stelle zur Wirkung gebracht werden.

Hatte es früher genügt, zum Grenzschutz die wichtigsten Paßstraßen durch Sperrbefestigungen in nächster Umgebung der Straßen zu verrammeln, so konnte nunmehr auch das zwischen den Pässen liegende Hochgebirge keinen genügenden Schutz mehr bieten. Je leichter sich solche Sperren seitwärts umgehen und von dorther unter Feuer nehmen ließen, desto mehr mußte sich der Krieg auch nach der Seite in die früher für unbetretbar erachteten Gebirgsteile ausdehnen und schließlich das ganze Gebirge in seinen Bereich ziehen.

Länder mit gebirgigen Grenzen mußten daher in kommenden Kriegen mit dauernden Kämpfen innerhalb ihrer ganzen Hochgebirge rechnen.

In Österreich-Ungarn hatte man diese Entwicklung für den Fall eines Krieges mit Italien vorausgesehen und sich im allgemeinen, wenn auch nicht vollständig genug, darauf eingerichtet. Tirol mußte im Weltkrieg als Nebenfront gelten, weil zu erwarten war, daß ein italienischer Angriff seine Ziele mehr im Osten und Nordosten suchen werde, und die Benützung Südtirols als österreichisches Ausfalltor gegen Italien zunächst nicht in Frage stand. Das Land wurde daher im ersten Jahre des Weltkrieges, als Italien noch in der zweifelhaften Neutralität verharrte, von schlagfähigen Truppen fast vollständig entblößt. Man begnügte sich damit, im Laufe dieser Frist längs der Grenze, unter teilweiser Preisgabe eigenen Gebietes, eine durchlaufende befestigte Stellung auszubauen und auch einige rückwärtige Sperrlinien zu schaffen. Alle diese Anlagen erforderten in Fels und Eis die mühevollste Arbeit und waren bis zum Kriegsausbruch mit Italien, da die Arbeitskräfte und -mittel knapp waren, nur bis zu einer einzigen schwachen Grabenlinie gediehen, die an für schwer zugänglich erachteten Stellen noch bedeutende Lücken aufwies. Daneben fehlte es auch ernstlich an Verteidigern. Die hierzu berufenen Söhne des Landes, die Kaiserjäger und Landesschützen (später Kaiserschützen) 1), verbluteten ferne von der Heimat auf den galizischen Schlachtfeldern. Die Not an Verteidigungstruppen für Tirol und der Waffenmangel waren so groß, daß man schließlich dazu schritt, die Stellungsarbeiter-Bataillone (alte Jahrgänge, Halbtaugliche und Unausgebildete) in Kampfbataillone umzuwandeln und sie mit deutschen Gewehren zu bewaffnen. Trotz dieser Aushilfen standen, als der Krieg vor der Türe war, längs der 500 Kilometer langen Grenze Tirols neben der gut kampffähigen Besatzung der ständigen Grenzsperren nur 22 der obengeschilderten „Landsturmbataillone“ und 7½ Ersatzbatterien, alle zweifelhaften Kampfwertes, der erdrückenden Übermacht des sprungbereiten italienischen Heeres gegenüber!

Zur Ergänzung dieses ganz ungenügenden Grenzschutzes verfügte Österreich vorerst nur noch über die sogenannten „Standschützen“ 2), etwa 30 000 Mann — eine Art Tiroler „Letztes Aufgebot“, nur ganz junge, noch nicht militärpflichtige und alte, dieser Pflicht längst entwachsene Leute, die flüchtig militärisch organisiert, uniformiert und bewaffnet wurden, aber erst aufgeboten werden mußten. Neben ihrer glühenden Heimatliebe, zornigem Tiroler Kampfesmut und einiger Schießfertigkeit brachten sie ihre Vertrautheit mit dem Gebirge mit. Die Zeiten der ruhmreichen Landesverteidigung Andreas Hofers feierten hierin ihre Auferstehung.

Diesen Umständen war es zuzuschreiben, daß auch Deutschland sich zu einer begrenzten Waffenhilfe für Tirol bereit erklärte, so lange Österreich die geeigneten Verteidiger nicht selbst aus dem Osten heranzuführen vermochte. Dem stand aber die Schwierigkeit im Wege, daß Deutschland keine Gebirgstruppen besaß. Deshalb mußte eine solche Truppe in dem „Deutschen Alpenkorps“ erst wenige Tage vor der Kriegserklärung Italiens improvisiert und aus den Schützengräben des Westens beschleunigt nach Tirol geworfen werden. Dieses Korps war aus Elitetruppen zusammengesetzt, zum Teil aus gebirgsvertrauten Bayern, umfaßte daneben aber auch Verbände aus fast allen übrigen süd- und norddeutschen Stämmen, denen das Gebirge etwas ganz Neues war 3). Es brachte aber eine sehr wertvolle Kampfkraft und die reiche Kriegserfahrung aus den bisherigen Kämpfen des Westens mit. Die Gebirgsausstattung, Gebirgserfahrung und Gebirgsgewandtheit mußte es sich erst aneignen.

Fürs erste gewährte diese Zufuhr der Verteidigung von Tirol den festen Kern und eine, insbesondere auch von der Bevölkerung mit Erleichterung begrüßte moralische Hilfe. Aber diese wäre wohl zu spät gekommen, wenn die Italiener, ihren Vorsprung ausnützend, überraschend mit der Kriegseröffnung auf allen Wegen gleichzeitig nach Tirol einmarschiert wären. Diese hätten dann unschwer schon damals das ganze Land bis zum Brenner in ihre Gewalt bringen können. Hatte doch das Alpenkorps von der deutschen Heeresleitung zur Vorsorge den ersten Auftrag erhalten, möglichst die Ge-birgslinie nördlich des Inns zu behaupten! Aber die Italiener gingen zögernd vor und nach dem Eintreffen des Alpenkorps wurde ihnen überall völlig Halt geboten. So kam es auch im Tiroler Hochgebirge längs der vorbereiteten Abwehrlinie zum langewährenden Stellungskrieg.

Neben dem Heldenmut der österreichischen Verteidiger hat also auch die deutsche Hilfe der Verteidigung Tirols mit über die ersten Schwierigkeiten hinweggeholfen.

Damit war aber diese Hilfeleistung nicht erschöpft. Noch waren die Stellungen sehr unvollständig, die Unterkünfte ganz unzureichend, es galt die deutschen Truppen an das Gebirge zu gewöhnen, die Tiroler Standschützen als Kämpfer auszubilden, das mangelhafte Verkehrsnetz zu erweitern und den Nachschub zu organisieren — neben der Kampflast der Verteidigung war auf allen diesen Gebieten eine Riesenarbeit zu leisten. Hier haben die Deutschen überall mitgeholfen und viele grundlegende Anregungen gegeben.

Die Eigenart des Gebirgskrieges brachte es mit sich, daß einzelne besonders beherrschende und wegesperrende Punkte zu Brennpunkten der Kämpfe wurden (Col di Lana, Tofana-Gebiet, Sextener Berge). Überall dort haben auch die Deutschen an der Ausgestaltung mitgearbeitet und in harten Kämpfen, im brüderlichen Verein mit den stammverwandten Verbündeten, hat mancher deutsche Streiter sein Leben gelassen und schläft dort den langen Schlaf auf einem der poesievollen Kriegerfriedhöfe inmitten der herrlichen Bergwelt oder in vergessenem Winkel. Bald verband die Kämpfer beider Heere die innigste aus der Notgemeinschaft geborene Kameradschaft, aus der jeder dem anderen viel zu geben hatte: der Österreicher dem Deutschen seine langjährige alpine Erfahrung und Organisation für den Gebirgskrieg, der Deutsche dem Österreicher seine kriegerische Zuversicht, seine Kampferfahrung und umsichtige Ordnung der gesamten Führung und aller Einrichtungen zur Erhaltung der Schlagfertigkeit. Das Alpenkorps verkörperte gewissermaßen ganz Deutschland im Kleinen, umschloß Angehörige fast aller deutschen Stämme, die bei dem gemeinsamen Werke das schöne Tiroler Land und sein Volk lieben lernten und die dort verbrachten Monate zu ihren schönsten Kriegserinnerungen zählen. So schlang sich auch ein festes Band um die teilweise so verschiedenen Stämme deutscher Zunge in beiden Heeren und brachte sie einander nahe. Aus dem edlen Wetteifer, dem Feinde keinen Fußbreit von dem verteidigten Tiroler Boden zu überlassen, erwuchs bald das stolze, sieghafte Vertrauen, daß hier dem Gegner niemals ein wesentlicher Erfolg blühen könne. Gemeinsam wurden, als der Sommer sich neigte, auch noch alle Vorsorgen für den Winter getroffen, die es möglich machen sollten — was bisher unerhört war — auch die höchsten Bergstellungen über den Winter unverändert zu behaupten, und dafür reiche Hilfsmittel aus dem Deutschen Reiche herangezogen.

Bis zum Herbst 1915 war es Österreich möglich geworden, seine eingeborenen Tiroler Truppen von den östlichen Kriegsschauplätzen in die Heimat zurückzuführen und nun konnte, die Landesverteidigung in ihre hierzu am nächsten berufene Hand gelegt, das Alpenkorps herausgezogen werden. Dieses konnte ihnen in dem Dolomitenabschnitt die unversehrte und in jeder Hinsicht verbesserte und für den Winter gut vorbereitete Stellung übergeben, die nun eine sichere Stütze der Verteidigung bildete.

Aber den Landessöhnen allein war es dann beschieden, die Stellungen im Gebirge noch jahrelang halten zu müssen, in dem zermürbenden Einerlei der Verteidigung, durch Sommer und Winter, in Schnee und Eis, unter unsäglichen Anstrengungen, Entbehrungen und Opfern, die freudig dem geliebten Heimatlande dargebracht wurden. Und sie haben die Stellungen gehalten bis im Jahre 1917 die Offensive vom Isonzo her, an der auch wieder Deutsche teilnehmen durften, einen großen Teil der Tiroler Front aus der Erstarrung befreite. Andere Teile haben treu gehalten bis zum bitteren Ende. Niemals ist es den Italienern gelungen, sich irgendeinen wesentlichen Vorteil im Kampfe zu erobern. Was es bedeutet, daß diese dünn besetzte strategische „Nebenfront“ so unerschütterlich sich behauptet hat, das kann man ermessen, wenn man die Folgen betrachtet, die alsbald eintraten, als mit dem Zerfall des österreichisch-ungarischen Kaiserstaates auch diese Front zerbrach und damit auch die deutsche und österreichische Südflanke aufgerissen wurde!

Wie Unvergleichliches, Unerhörtes, Niedagewesenes in diesen Kämpfen geleistet worden ist, in Fels und Eis, im Ertragen von Mühen und Anstrengungen, im unaufhörlichen Kampf verbunden mit unaufhörlicher schwerster Arbeit, in Hunger und Entbehrung auf den von eisigen Stürmen umtosten Höhen, in all den tausend Gefahren der winterlichen Bergwelt, ja im Bauche der Gletscher, in nieversagender Findigkeit im Kampfe mit der Natur und allen technischen Listen des Gegners — davon geben die in ihrer Schlichtheit so eindrucksvollen Berichte der Mitkämpfer in diesem schönen Buche im Verein mit dem einzigartigen Bildwerk das erhabenste Zeugnis. Sie singen das Lied vom braven, treuen Mann, der das Unmögliche möglich macht — wer hätte vordem es für möglich gehalten, das Menschen es vermocht hätten, selbst auf den höchsten eisumpanzerten Alpengipfeln den todbringenden Winter zu überdauern und dazu zu kämpfen?! — sie richten auch den vielen „unbekannten Soldaten“, die dort oben in Felsklüften und Abgründen, unter der tödlichen Last der Lawinen und im blutigen Heldenkampfe ihr würdigstes, oft unauffindbares Grab gefunden haben, das hehrste Denkmal auf: das Denkmal im Herzen aller Überlebenden, die dort ihren „guten Kameraden“ zurückgelassen haben und bei allen denen, denen diese Blätter beredte Kunde hievon zutragen. Ewige Ehre ihrem Andenken!

München, im Oktober 1932.

1) Den drei Regimentern der Tiroler Landesschützen wurden am 16. Jänner 1917 in Calliano (Trentino) von Kaiser Karl der Ehrentitel „Kaiserschützen“ verliehen.

2) Eine altüberlieferte, bis auf die Erzherzogin Claudia, 1632, zurückführende Tiroler Landwehr.

3) Bayr. Inf.-Leib.-Rgt. Bayr. Jäger, ein Rgt. preußische und mecklenburgische Jäger und ein zur Hälfte bayrisches und preußisches Schneeschuh-Jäger-Rgt. mit vielen Maschinengewehrabteilungen und starker Artillerie.

Es war einmal ein Schützenfest

Der Himmel hat’s gegeben

Tiroler Freiheit war das Best,

Der Einsatz war das Leben.

(Hermann v. Gilm)

Der Krieg im Hochgebirge

Mit dem Ausbruch des Krieges zwischen Österreich und Italien im Mai 1915 wurde der Hochgebirgskrieg geboren. Der militärische Alpinismus in der Vorkriegszeit und in seiner Folge die Verwendung von Truppen in hochalpinen Gebieten nahm eine sehr zögernde Entwicklung. Nur wenig Lehren zog man aus den Fortschritten des zivilen Alpinismus. Die Entwicklung des militärischen Alpinismus blieb immer eine geraume Zeitspanne hinter jenem Punkte zurück, auf dem sie hätte kraft der Pionierarbeit des zivilen Alpinismus stehen können.

Falsche Vorstellungen über das Wesen des modernen Zukunftskrieges und das starre Hängen an überlieferten Kampfarten beengte den Gesichtskreis der für die alpine Ausbildung der Truppen maßgebenden Kommandostellen so sehr, daß vielfach einzelnen verdienstvollen Pionieren im Militäralpinismus in ihren Bestrebungen Einhalt getan wurde, anstatt ihre Absichten kraftvoll zu fördern.

Die prächtigen alpinen Leistungen einzelner Offiziere und Truppenteile des österreichischen Heeres in den letzten Jahren vor dem Kriege fanden aus diesen Gründen fast überhaupt keine Würdigung als Wegbereiter für eine moderne Ausbildung der Truppen im Hochgebirge. Wohl war man stolz auf die alpinen Leistungen von einzelnen Offizieren wie Major Bilgeri, Hauptmann Czant, Oberleutnant Löschner u. a. und ihrer Truppen, aber man wertete die Leistungen nur sportlich und verwertete sie nicht fortschrittlich für die Ausbildung größerer Truppenteile. Sogar rückschrittliche Tendenzen ergaben sich bei höchsten Stellen, so daß man Offiziere für Unfälle, die bei diesen ersten hochalpinen Manövrierversuchen notwendigerweise vorkommen mußten, wegen ihrer Fahrlässigkeit verantwortlich machte.

Groß war das Staunen, als im Winter 1913 eine ganze Kompagnie Kaiserschützen unter Hauptmann Ludwig Scotti den Gipfel der Marmolata, 3309 m, erstieg. Aber noch größer war das Geschrei darüber, daß sich bei dieser kühnen Pioniertat einige Leute der Kompagnie Zehen erfroren hatten, woran vor allem nur die unvollkommene Ausrüstung der Truppe für Vorstöße in die Hochalpen Schuld trug.

Der modernen Strategie war das Hochgebirge fremd geblieben. Man konnte sich nicht vom Grundsatz lösen, daß nur die Ebene und die Täler dazu da seien, um auf ihnen zu kämpfen, bestenfalls die bequemen Übergänge und Pässe bezog man in die notwendige Verteidigungslinie ein.

Der Großteil der hochalpinen Front war bei Kriegsausbruch „militärisch ungangbares Gebiet“ und bildete für den Generalstab weiße Flecken auf der Karte. Es mutet merkwürdig an, wenn man hört, daß für die Verteidigung der Ortlergruppe die Besetzung des Stilfser Joches als genügend erachtet wurde, daß der ganze Stock der Tofanen „militärisch ungangbar“ und damit nicht verteidigungsnotwendig sei. Schon die ersten Kriegstage zeigten, daß die Besetzung auch dieser Gebiete unumgänglich notwendig war. Der Krieg wurde zu einem strengen Lehrmeister und brachte die Erkenntnis, daß im Sommer und im Winter dort Bataillone kämpfen können, wo man die Ruhe der Adler und Bergdohlen nicht stören zu müssen glaubte. Aus harter Notwendigkeit heraus erzwang der Krieg die rasche Entwicklung des Militäralpinismus und der Kriegiührung im Hochgebirge.

Als der Krieg mit Italien ausbrach, stießen zwei Heere an der Alpenfront zusammen. Mehr denn zwei Drittel der Tiroler Front waren auf der einzuhaltenden Verteidigungslinie reinste Hochgebirgsfront in Meereshöhen über 2000 m, Front in Fels und Eis.

Der rechte Flügel der österreichischen Front, der sich an den Schnittpunkt der italienischen, schweizerischen und österreichischen Grenze auf der Dreisprachenspitze, 2841 m, östlich des Stilfser Jochs anlehnte, verlief über die höchsten Berggipfel, die im Kriege umkämpft waren, und selbst der höchste Berg der damaligen Österreich-ungarischen Monarchie, der 3905 m hohe Ortler wurde zum Kriegsberg. In einer ununterbrochenen Linie verlief die Front des rechten österreichischen Flügels über die Eiskämme der Ortlerriesen, über die Gletscher und Berge der Adamello- und Presanellagruppe und erreichte erst mit der Überschneidung von Judikarien und des Etschtales eng begrenzte, tiefe Talpunkte. Von der Schweizer Grenze bis zum Abfall der Alpen in die lombardische Tiefebene bildeten die Kampflinien eine fast 100 km lange, geschlossene Eisfront, die fast durchwegs in Höhen von über 3000 m verlief und deren tiefste Punkte Übergänge wie der Tonalepaß mit immerhin noch 1900 m Höhe waren.

Vom tiefsten Punkt der ganzen Alpenfront im Etschtal bei Rovereto sprang die Höhenkurve schon in den Randgebieten des Etschtales wieder auf Höhen von über 2000 m und zeigte hier am 2300 m hohen Pasubio, den am erbittertsten und heftigsten umkämpften Berg der ganzen Alpenfront, daß auch im Hochgebirge der Aufmarsch und Einsatz von großen Truppenformationen, von Brigaden und Divisionen, notwendig und möglich war.

In dem subalpinen Gebiet der Sieben Gemeinden, der Hochflächen von Folgaria und Lavarone, senkte sich die Frontlinie auf eine durchschnittliche Höhe von 1000 bis 1500 m. Auch diese Zone stellte in der schlechten Jahreszeit hochalpine Anforderungen ah die Truppen.

Die Urgesteinszone südlich der Dolomiten drückte den Verlauf der Frontlinien wieder über die 2000-m-Grenze; sie erreichten auf dem messerscharfen Kamm der Fleimstaler Berge noch erheblichere Höhen, da fast keiner dieser Berge in seiner schroffen, lawinengefährlichen Wildheit unter 2500 m herabsank. Wie der rechte Flügel der österreichischen Front in Südtirol eine geschlossene Eisfront bildete, war der Frontverlauf durch die Wunderwelt der Dolomiten eine ununterbrochene, kompakte Felsfront. Gipfel auf Gipfel, über welche die roten Linien liefen, sprangen aus der Karte hervor, die Höhenkurve ging fast ständig an die 3000-m-Grenze und dort, wo die feindlichen Armeen sich im Herzen der Dolomiten gegenüberstanden, lagen die höchsten Feldwachen noch einige hundert Meter über 3000. Die Front gipfelte im höchsten Berg der Dolomiten auf der 3344 m hohen Marmolata und blieb auf dem Stock der Tofanen, im Massiv des Cristallo, auf den Bergen der Sextener Dolomiten, den Drei Zinnen, dem Elfer und der Sextener Rotwand ständig auf Dreitausendern. Die umkämpftesten und meistgenanntesten Dolomitberge senkten sich in ihrer Höhe gerade so tief, um den feindlichen Armeen die Möglichkeit zu geben, mit starken Truppenverbänden zu kämpfen: Der Col di Lana auf 2462 m, der Monte Piano auf 2324 m.

Leiteraufstieg zur Feldwache am Monte Cavallo in der Fanis-Gruppe.

Auch der weitere Verlauf der Frontlinie über die Karnischen Grenzkämme sank in der Höhe kaum nennenswert, um erst in seiner scharfen Abbiegung nach Süden in die Voralpen und Niederungen der Isonzofront abzubrechen.

Der höchste Schützengraben des Weltkrieges lag auf dem höchsten Berg der Ostalpen, auf dem Ortler mit 3905 m Höhe. Auch das höchste Geschütz des Weltkrieges stand auf dem Ortlergipfel. Schützengraben und Geschütz waren hier an der Alpenfront so hoch, wie die Front im Flachland kaum die höchsten Flieger über sich sah. Kampfanlagen in einer Höhe, die nur um geringes hinter jener des Ortlers zurückstand, waren auf der Königsspitze, 3860 m, auf der Thurwieserspitze, 3652 m, auf der Trafojer Eiswand, 3553 m, auf dem Monte Cevedale, 3778 m, auf dem Monte Vioz, 3644 m, auf der Punta San Matteo, 3692 m, und auf zahlreichen Gipfeln der Adamello- und Presanellagruppe in Höhen von 3000—3400 m.

Das höchste Geschütz der Dolomitenfront war die berühmte Kanone auf der Marmolata auf fast 3300 m, der die sechs Kanonen der Italiener auf der Tofana di Fuori (III) mit ihrem Standpunkt auf 3237 m wenig nachgaben.

Die Front der Hochalpen, von der man angenommen hatte, daß sie nie Front werden würde, hatte naturgemäß keinen Aufmarsch. Die ersten kühnen Patrouillen schufen sich am Beginn des Krieges in dem schwierigen Gelände ihre Wege selbst, wählten sich nach eigenem Gutdünken den Ort für ihre Stellungen und Stützpunkte und begannen den bewegten Kleinkrieg in Fels und Eis. Ohne Vorbild, Lehrmeister und taktische Befehle waren sie ganz auf sich selbst und die Erfahrungen, die sie sammelten, angewiesen. In diese Zeit zu Beginn des Krieges fiel die größte Bewegung im Hochgebirgskrieg. An vielen Frontteilen, in denen mehr Berge aufragten, als Patrouillen zu ihrem Schutze auf ihnen herumkletterten, war die Weite und der Raum für einen Krieg gegeben, der mehr der kühnen Jagd des Jägers nach einem gefährlichen Wild ähnelte, als einem modernen Krieg des 20. Jahrhunderts. Es war die Zeit der Erkundungen und Vorstöße, der Überfälle und Handstreiche. Erst allmählich wurde die Hochgebirgsfront gefestigter und starrer. Noch viele Monate gingen vorüber, bis die großen Lücken in den Frontlinien geschlossen wurden. Noch der erste Winter baute durch seine unbekannten und gefürchteten Gewalten die neutralen Zonen seiner als unbezwingbar erachteten Flanken und Gipfel in die Linien der Kämpfenden ein. Die Besetzung nur weniger hoher Berge und Gletscher im ersten Kriegswinter zeigt lehrreich, wie rasch die Entwicklung im Hochgebirgskrieg vor sich ging. Fast ausnahmslos alle Berge gegen 3000 m und darüber wurden im ersten Winter von beiden Gegnern geräumt, später alle ausnahmslos besetzt gehalten.

Die Überlegung schien vollkommen richtig zu sein, daß diese Berge in ihrer winterlichen Unnahbarkeit ein unübersteigliches Hindernis für den Gegner bilden würden. Diese Ansicht konnte sich solange halten, bis kühne Patrouillen von Freund und Feind überraschend den Bann der winterlichen Berge brachen und damit den Beweis erbrachten, daß in diesem Krieg in eisigen Regionen vieles möglich sei, was früher als unmöglich und absurd erschienen war. Der stärkste Zwang für die winterliche Besetzung der höchsten Fels- und Eisstellungen war die Tatsache, daß man nie wußte, wann die Gegenseite im Spätwinter oder Frühjahr die Besetzung der Hochstellungen vornehmen würde. Hierin konnten alle Berechnungen und Überlegungen stimmen oder falsch sein. In vielen Fällen, wo man glaubte, mehr denn rechtzeitig an die Besetzung einer im Winter verlassenen Hochstellung gegangen zu sein, wurden die anrückenden Besatzungstruppen von den Schüssen des Gegners empfangen, der oft schon seit vielen Wochen dort oben saß und nun nur mehr durch schwierige Angriffe zu werfen war. Der unsichere Ausgang, den diese Wettläufe oft hatten, weil man nie wußte, wann der Feind starten würde, mußte ausgeschaltet werden. Die Truppen blieben auf den Bergen sitzen, gleichgültig, wie hoch sie waren, hielten ihre Stellungen auf den Gletschern, gleichgültig, ob diese gefährlich waren oder nicht, durch 12 Monate im Jahr vom ersten bis zum letzten Tag. Damit blieb die Front in den Hochalpen im zweiten Kriegswinter des Jahres 1916/17 vollkommen geschlossen und feuerbereite Rohre reihten sich vom Ortler in 3905 m Höhe bis zu den blauen Fluten des Gardasees auf 65 Meter Seehöhe, über Gipfel und Gletscher, Grate und Pässe.

Bocche. Unterstände des Baons II/92.

Der Krieg im Hochgebirge war in vielem von besonderer Eigenart. Er war ebenso der Krieg Mann gegen Mann, wie der Krieg unter Einsatz großer Truppenmassen. Es wurde schon erwähnt, daß der Kleinkrieg der Patrouillen in den ersten Kriegsmonaten die allein mögliche Kampfhandlung zu sein und zu bleiben schien. Doch auch hierin zeigte die Entwicklung andere Formen, als man vorausgesehen hatte. Mit dem Ausbau der Hochgebirgsfront zu einer starren, stark befestigten Kampflinie änderte sich die Kampfart vollkommen. Die natürlichen Festungen der höchsten Gebirge wurden durch den raffinierten Ausbau der Stellungen mit allen modernen Mitteln zu unerhört starken Bollwerken. Wo man zur Einnahme solcher Bollwerke schreiten wollte, war nur bei höchst gesteigertem Einsatz von Menschen, Kampfmitteln und Material Aussicht auf Erfolg. Der Kleinkrieg der Patrouille und des Einzelkämpfers hatte sich zum großartigen Festungs- und Belagerungskrieg entwickelt. Er brachte mit sich, daß auf räumlich sehr beschränkten Frontabschnitten Truppenmengen eingesetzt wurden, wie sie auch an den Fronten des Flachlandes nur bei Großkämpfen vorgekommen sind. Die Kämpfe am Pasubio und am Col di Lana haben gezeigt, daß auch das Märchen von der Unmöglichkeit des Einsatzes größerer Truppenformationen in den Kämpfen im Hochgebirge eines guten Todes gestorben ist.

Trotzdem blieb der Kampf der Sturmpatrouillen auch im weiteren Verlauf eine der wichtigsten Kampfarten im alpinen Krieg. Die Patrouille blieb der stetig hämmernde Puls der alpinen Front. Der kleine Erfolg, der an anderen Fronten der Patrouille in Kampfhandlungen beschieden war, konnte im Gelände des Hochgebirges, wenn es geschickt ausgenützt zum mächtigen Verbündeten wurde, Kampfergebnisse bringen, die mehr als überraschend waren. Es war keine Seltenheit, daß nur wenige Mann starke Patrouillen Formationen vernichteten oder gefangennahmen, die zehn- und zwanzigfach stärker waren, daß ein lächerlich kleines Häuflein Bataillonen erfolgreich Widerstand entgegensetzen konnte und sie zum Verbluten brachte. Als besonderste Eigenart des Hochgebirgskampfes kann das Handgemenge bezeichnet werden. Die in dem schwierigen Gelände oft sehr geringen Möglichkeiten, das unhandliche Gewehr zu benützen und die oft außerordentlich guten Deckungsmöglichkeiten hinter Felsen zwangen sowohl den Angreifer als auch den Verteidiger, dem Gegner im Handgemenge gegenüberzutreten. Viele Kämpfe sind bekannt, bei denen die Soldaten nach vollkommenem Verbrauch ihrer Munition zu Steinen griffen und damit eine Urform des Kampfes wie vor Tausenden von Jahren wieder aufleben ließen.

In jeder Kampfhandlung, gleich ob mit Einsatz geringer oder größerer Truppenmengen, verlangte das Gelände des Hochgebirges selbständige und entschlossene Kampftätigkeit des einzelnen Mannes. Jeder noch so genau studierte und vorbereitete Kampfplan brachte in den Bergen unvorhergesehene und überraschende Momente durch das Gelände, in der Verteidigungsart des Feindes, in der Wirkung der eigenen Angriffs- und der gegnerischen Abwehrmittel. Nur die Truppe mit selbständig handelnden und entschlossen für sich kämpfenden Soldaten konnte in solchen Lagen Aussicht auf Erfolg haben. Nur Truppen mit höchsten menschlichen und militärischen Tugenden waren diesen schwierigen kämpferischen Anforderungen gewachsen. Die stumme Masse verlor in den Hochregionen ihren militärischen Wert der erdrückenden Wucht und wurde zu einer Hammelherde, die zitternd und ohnmächtig dem Blitz und Donner des Gefechtes auf Gefangennahme oder Untergang ausgesetzt war.

Mehr noch als die Infanterie stand die Artillerie in ihrer Ausbildung bergfremd dem modernen Hochgebirgskrieg gegenüber. Auch die für den Krieg in diesen Regionen geschaffenen spärlichen Formationen der Gebirgsartillerie waren in Hinsicht auf den Kampf im höchsten Gelände der Alpen nur unvollständig geschult. Schon was den Transport der Geschütze betraf, war man in der Annahme stecken geblieben, daß es nie notwendig sein würde, ein Geschütz weiter in die Berge hinaufzubringen, als es die ausdauernden und gewandt steigenden Tragtiere mit den einzelnen Bestandteilen des Geschützes auf schmalen Gebirgswegen leisten konnten. So dachte man 1914 bei den Armeen hüben und drüben der Alpen. Knapp zwei Jahre später standen Geschütze auf den Eisgipfeln der Ortler-, Adamello- und Presanellafront, schoß ein Geschütz vom 3300 m hohen Gipfelgrat der Marmolata über ihre tausend Meter hohe senkrechte Südwand ins Tal, hatten die Italiener sechs Geschütze auf den Felsgipfeln der Tofanen aufgestellt! Aus glatten Felswänden, aus dem Eis der Gletscher, von Spitzen und Graten der Hochgipfel pfiffen die Granaten gegen den Feind. Und weil der Mensch auf den Bergen nicht das regenwurmgleiche Dasein wie in der Ebene führen mußte, weil scharfe Augen und Gläser durchdringend über Berge und Täler spähten, mußte man sich gar bald in den Schoß der Berge verkriechen. Es bildeten sich jene gefährlichen Kavernenbatterien, die unsichtbar und unzerstörbar, tief in den Felsen saßen und zum lästigsten und verlustbringendsten Kampfmittel des Hochgebirges wurden, dem man ohnmächtig gegenüberstand. Nicht nur unter den harten Panzer des Felsens verkrochen sich die Batterien, sie bohrten sich auch in das Eis ein und widerstanden in diesen Eiskavernen kaum weniger gut der feindlichen Einwirkung.

Vorposten auf der Bocche-Spitze (Rolle).

Es gab keinen Berg und keine Wand, keinen Gletscher und kein Hochtal, in die man nicht Geschütze hinaufgetragen hätte, wenn dort ein guter Platz war, von dem man dem Feind kräftig entgegenwirken konnte. Eine Unmöglichkeit des Geschütztransportes schien es nicht mehr zu geben. Zu den denkwürdigsten dieser Transporte des alpinen Krieges gehören jene auf die Eisgipfel der Ortlergruppe und besonders jener auf den Gipfel des Ortlers selbst, das Hinaufschaffen von Geschützen auf Kletterberge der Dolomiten, darunter das der Italiener auf die Gipfel der Tofanen. Unter Einsatz von Hunderten von Soldaten wurde jeder einzelne Teil des Ortlergeschützes über die steilen Eis- und Schneehänge emporgeschafft und in — zwei Tagen stand es feuerbereit auf dem Gipfel. Die Italiener befestigten große Flaschenzüge an den Felswänden und hißten daran unzerlegte Feldkanonen auf Dreitausender, die dann oben brav und sicher ihren Dienst taten wie in einem Kornacker.

Der vielleicht schwierigste aller Geschütztransporte war jener auf die Kreilspitze, 3392 m, über deren Nordwand, wobei diese überhaupt zum ersten Male von Menschen bestiegen wurde. Diese Wand hat eine durchschnittliche Neigung von 45 Grad und erreicht in den oberen Teilen eine Steilheit bis zu 60 Grad. Das zerlegte Geschütz wurde auf Schlitten von Sulden zur Schaubachhütte gezogen, von dort über den Suldengletscher in die Firnmulde zwischen Schröterhorn, Kreilspitze und Königsspitze gebracht und von der Mulde durch eine Eisrinne und über die eisige Nordwand der Kreilspitze auf den Gipfel aufgehißt. Von Sulden bis in die halbe Höhe der Nordwand wurden die Geschützteile ausschließlich mit menschlicher Kraft auf Schlitten gezogen, von dort wurden sie durch Drahtseile hochgebracht. Hiebei geschah ein Unglück, das noch guten Ausgang hatte. Zwei ausgezeichnete Bergführer, die mit Steigeisen ausgerüstet waren, sollten von der Kreilspitze das Ende des Drahtseils, damit es sich nicht verfange, über die Nordwand hinunterbringen. Zusammengeseilt waren sie kaum 50 Meter in der Wand abgestiegen, als einer auf dem Eise abglitt und im Sturz den anderen mit sich riß. In grausigem Absturz flogen die beiden Körper, sich überschlagend, über die steilen Eishänge und Felsabstürze fast an die 500 Meter auf den Gletscher hinab. Mit einem gebrochenen Bein der eine und einer tiefen Kopfwunde der andere, beide über und über zerfetzt und zerrissen, konnten sie noch lebend geborgen werden und nach vier Monaten Aufenthalt im Krankenhaus wieder ihren harten Dienst in den Bergen aufnehmen.

Zur Bekämpfung versteckter feindlicher Stützpunkte, Maschinengewehrnester und Batterien mußte häufig ein Standpunkt für Geschütze gewählt werden, der kaum für gute Alpinisten erreichbar schien. Mitten in dem steilen Nordgrat der Marmolata, an die fast senkrecht zum Gletscher abstürzenden Felswände, wurde ein Geschütz geklebt, zu dem der Zugang schon eine hochtouristische Leistung ersten Ranges war.

Italienische Straßenmaskierung in San Martino di Castrozza südlich des Rollepasses (Dolomiten). Im Hintergrund der Colbricon, 2603 m, der hart umkämpft war und mehrmals gesprengt wurde.

Italienisches Geschütz wird über die Felswände in eine Gipfelstellung gebracht.

Italienischer Soldat in voller Hochgebirgs-Winterausrüstung.

In vielen Felsenstellungen wurden Geschütze bis zu den vordersten Feldwachen vorgezogen, um von dort besser gegen den Feind wirken zu können. Auf der Spitze der Punta dei Bois-Castelletto, 2657 m, stand eine kleine Spritze, die zwischen den Felszacken hervor den Italienern auf der Dolomitenstraße heftig zusetzte. Auch die Italiener hatten ein Gebirgsgeschütz zwischen die Kavernen ihrer Feldwachen auf dem Lagazuoiband vorgeschleppt und ließen es von dort aus einträchtig neben Maschinengewehren und Minenwerfern gegen den Feind wirken.

Schwere Artillerie wurde an der Alpenfront viel verwendet. Bis in die entlegensten Hochtäler wurden 30,5-Mörser vorgeschoben, für die oft kilometerlang .die schlechten Bergstraßen verbessert und fast immer alle Brücken verstärkt werden mußten. Oberhalb Corvara stand ein solcher Mörser, dem der Schutz des Col di Lana anvertraut war und aus dem Hochtal Fedaja hinter Canazei wirkte einer auf die Gletscherstellungen der Italiener auf der Marmolata.

Hochgebirgsfeldwache in Winterausrüstung.

Eine ungeheure Zusammenballung von Artilleriemassen ergab sich an der Hochgebirgsfront notwendigerweise dort, wo zähe verteidigte, von Natur und Mensch bis zur Vollendung befestigte Bollwerke erstürmt werden sollten. Große Anhäufung von Artillerie war besonders den italienischen Alpentruppen mit ihrem Überschuß an Kampfmitteln möglich. Ein Beispiel hiefür ist die Beschießung des Col di Lana, bei dessen Sprengung 140 Geschütze auf einen Raum wirkten, auf den sich Schulter an Schulter