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Das Unglück in der Ehe ist alltäglich, und die Zahl der mißhandelten Frauen ist zu hoch, um sie als bedauernswerte Einzelfälle abtun zu können. Wir müssen erkennen, daß die Gewalttätigkeit unserer Gesellschaft sich nicht nur im öffentlichen Raum abspielt, sondern vielfach in Küchen und Schlafzimmern. In diesem Buch versuchen die Sozialwissenschaftlerinnen Cheryl Benard und Edit Schlaffer, das Phänomen der ehelichen Gewalt zu beschreiben, aus historischen Quellen abzuleiten, bezugnehmend auf festgefahrene Klischees vom «Wesen» des Mannes und der Frau zu analysieren. Die Auseinandersetzung mit der Lebensideologie, die Entlarvung jener Illusionen, die die Ehe zu einem Gewalt- und Herrschaftsverhältnis machen, wird auf mehreren Ebenen betrieben: als Diskussion der herrschenden Lehre, anhand der Biographien betroffener Frauen und schließlich auch als Erfahrungsbericht der Verfasserinnen über die Schwierigkeit beim Erforschen eines heiklen Themas. «Die Ideologie der Liebe und die Institutionen von Männlichkeit und Weiblichkeit verhindern die Erkenntnis, daß die Erwartungen an eheliches Glück von vornherein zum Scheitern verurteilt sind. Enttäuschung und Aggression sind in die Beziehung einprogrammiert.»
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Seitenzahl: 359
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Cheryl Benard • Edit Schlaffer
Die ganz gewöhnliche Gewalt in der Ehe
Texte zu einer Soziologie von Macht und Liebe
Ihr Verlagsname
Cheryl Benard (geb. 1953) und Edit Schlaffer (geb. 1950) leiteten als Sozialwissenschaftlerinnen die «Ludwig Boltzmann-Forschungsstelle für Politik und zwischenmenschliche Beziehungen». Sie haben 1981 die Menschenrechtsorganisation «Amnesty for Women» ins Leben gerufen.
Unsere Gesellschaft betrachtet die Frau nicht als Wert an sich, sondern als Mittel zur Befriedigung männlicher Bedürfnisse. Aber einen Menschen in dieser Weise als Mittel und nicht als selbständiges Subjekt zu behandeln bedeutet, diesem Menschen das Recht auf eigene Existenz zu verweigern. Durch einen anderen als Mittel zum Zweck des Geschlechtsverkehrs gebraucht zu werden, wenn dieser andere einem zugleich die Existenz als Subjekt vorenthaltet, muß für jedes menschliche Wesen unerträglich sein. Wenn der Frau bewußt wird, daß sie so behandelt wird, muß sie sich entweder selbst verachten oder sie muß rebellieren … Die materiellen Voraussetzungen zur Rebellion sind nur wenigen Frauen gegeben. Verachten sich die Frauen also? Keineswegs: sie betrügen sich selbst, indem sie sich einreden … daß die reine und erhebende Qualität der Liebe … das Leben der Frau exaltiert …
Diejenigen, die Ideale zerstören wollen, werden meist als Feinde der Gesellschaft denunziert, aber in Wirklichkeit reinigen sie die Welt von Lügen.
George Bernard Shaw:
‹The Womanly Woman›
Sozialwissenschaften sind Wissenschaften von der Gesellschaft, das heißt Wissenschaften, die als ihren Gegenstand die Existenz der Menschen in sozialen Gruppen haben. Sie sind in Fachgebiete aufgeteilt: die Ethnologie zum Beispiel beschäftigt sich mit Menschen und Gesellschaften anderer Kulturkreise, die Soziologie mit den Strukturen und Prozessen sozialer Organisation, die Politikwissenschaft mit Fragen der Macht, des Konflikts, der Entscheidung. Da sie unmittelbar vom Menschen handeln, könnte der Laie annehmen, daß diese Wissenschaften besonders darum bemüht sind, ein Verständnis der gesellschaftlichen Realität herzustellen und zu vermitteln. Der Laie würde sich irren.
Die Theorien, Methoden und Zielsetzungen der Sozialwissenschaften sind so verschieden wie die Menschen, denen sie gesetzmäßig ablaufende Verhaltensmuster und Interaktionsformen unterstellen möchten. Ihre Funktionen sind sehr heterogen. In der Geschichte dieser Wissenschaften finden sich Bemühungen, die ganze Gesellschaft technisch perfekt neu zu ordnen, die Außenpolitik des einen oder anderen Landes zu unterstützen, die eine oder andere politische Partei oder Gruppe an der Macht zu halten oder zu stürzen. Kurzum, Sozialwissenschaftler beteiligen sich, wie alle anderen Gesellschaftsmitglieder auch, an den Konflikten, Kontroversen, Interessenkämpfen und Illusionen ihrer Zeit. Die Waffen, die ihnen dabei zur Verfügung stehen, sind jedoch besondere, und hierin liegt die fast märchenhafte Qualität, die Eigenart dieser Wissenschaftler. Um eine Partei zu unterstützen, müssen sie alle überzeugen, daß sie unparteilich sind; um in die Geschehnisse einzugreifen, müssen sie den Anschein erwecken, als stünden sie außerhalb der Ereignisse; um ihre Interessen zu vertreten, müssen sie so tun, als wäre ihr alleiniges und einziges Interesse das Voranschreiten menschlichen Wissens.
Und da die Menschen in all den Jahrhunderten ihres Zusammenlebens einige Vorstellungen darüber erworben haben, wie die Welt und die Mitmenschen zusammengesetzt sind, müssen die Wissenschaftler sich selbst und die Aussagen, die sie treffen wollen, so sehr verschlüsseln, daß nur die anderen Mitglieder der Wissenschaftlergruppe sie verstehen können. Wenn man sich nun auf diese Weise der Kritik der Bevölkerung entzogen hat, dann hat man nur mehr die Kritik der Fachkollegen zu befürchten. Da aber das persönliche Fortkommen davon abhängt, daß man die Theorien und Arbeiten der anderen entweder vernichtet oder sich daran anhängt, entstehen Allianzen und Cliquen (die sich «Schulen» nennen), die in Todesfeindschaft zueinander stehen und ihre ganze Konzentration und Kraft darauf lenken, die Gegenseite zu liquidieren, ihre Anstrengungen zunichte zu machen, ihre Forschungsergebnisse restlos zu zertrümmern, und sie persönlich bloßzustellen und zu blamieren (dieses Ziel heißt «Falsifizierbarkeit von Ergebnissen»). Die Überlebenden treffen sich in regelmäßigen Abständen entweder in Metropolen oder in entlegenen Ortschaften (diese Treffen heißen «Tagungen»). Tagsüber zerhacken sie sich gegenseitig mit Schriftstücken, die als «Referate» bezeichnet werden und aus drei bis vier Sätzen bestehen, die hinter einem Schutzwall von Fußnoten, einer Armada von Zitaten, einer Phalanx von ausländischen Untersuchungsergebnissen einmarschieren. Gegen diesen Schutzwall werden Rammböcke von anderen ausländischen Untersuchungen, heiße Pechhagel anderer Zitate, Katapulte anderer Fußnoten aufgeboten: diese Konfrontierung wird «Fachdiskussion» genannt. Die Kontrahenten bewegen sich langsam, schwerfällig; wie die Rüstungen mittelalterlicher Ritter schleppen auch die wissenschaftlichen Gerüste ihre Träger zu Boden. Sie brauchen Geräte, um sich in den Sattel heben zu lassen, und Leute, die sie ohne Rüstung gesehen haben, berichten, daß sie durch das jahrelange Tragen entsetzlich entstellt und einseitig entwickelt sind; eine Körperhälfte ist verkümmert.
Nach den täglichen Turnieren erholen sich die edlen Geister (wenn sie eher königstreu sind) in den Nachtklubs und Kasinos der Kongreßstädte; wenn sie eher die dunklen Ritter der Linken sind, in den Gasthäusern der Kleinstädte.
Unsere Situation als Frauen in diesen Feudalverbänden war von vornherein eine eher seltsame. Mitzustreiten stand uns nicht an, selbst wenn uns die Rüstung gepaßt hätte. Eigentlich hätten wir ja auf die Tribüne gehört, zu den anderen Damen; unsere Anliegen hätten unsere Herren für uns stellvertretend zu erkämpfen gehabt. Oder, wenn wir nicht das Glück hatten, dem Ritterstand anzugehören, dann hätten wir noch als Marketenderinnen den streitenden Heeren folgen können, fachliche und persönliche Dienstleistungen verrichtend, Fußnoten korrigierend, Zitate überprüfend … usw. Diese Rollen lehnten wir ab; was uns blieb war die Rolle des Hofnarren oder einer Jeanne d’Arc, in Männerkleidern für hohe Zwecke kämpfend. Die Wahl zwischen den Optionen, Gelächter zu inspirieren oder verbrannt zu werden, erscheint uns nicht besonders attraktiv. Zwischen den Schizophrenien unserer sehr dubiosen Stellungen an den Höfen der Lehnsherren versuchen wir, uns zu bewegen.
Das Thema des vorliegenden Werks wird beschrieben * Die Leser erfahren, daß es sich um ein Buch über Frauen und Männer handelt * Und über deren Konflikte und Probleme * Und auch über deren Hoffnungen und Wünsche * Und das Scheitern derselben * Die Autorinnen sind Sozialwissenschaftlerinnen und haben ein Projekt zum Thema «Gewalt in der Ehe» gemacht * Eine ziemlich direkte Form des Scheiterns * Jedoch ist das Verhältnis der Autorinnen zu ihren Wissenschaften kein ungetrübtes * Immer wieder gleiten sie im vorliegenden Text in ketzerische Aussagen zu diesen ab * Bereits in der Einleitung distanzieren sie sich und stellen Ihnen eine neue Methode vor * Mittels derer es möglich sein soll, daß Männer und Frauen von Frauen betrachtet werden * (Nämlich von uns) * Sodann werden einige Überlegungen zu den Fragen Gewalt/Alltag/Machtverhältnisse angestellt * Stellenwert der Ehe in diesem Komplex * Das eingeleitete Thema wird zum näheren Ausführen weitergeleitet
Dieses ist ein Buch über Frauen und Männer und über die Dinge, die sie voneinander erhoffen und die Eigenschaften, die sie voneinander erwarten, und über ihre Reaktionen, wenn diese Erwartungen nicht in Erfüllung gehen.
Es ist ein Buch über Frauen und Männer und daher ist es auch ein Buch über die Liebe, und es ist ein Buch über die gegenwärtige Gesellschaft, und daher ist es auch ein Buch über die Gewalt.
Bücher über aktuelle Themen folgen in der Regel einem bestimmten Schema, und der Leser darf erwarten, ein bestimmtes Grundmuster geboten zu bekommen: meist stellen die Bücher ein Problem dar, erklären, wie es zustande kommt, beschimpfen und verspotten viele andere Autoren, die über dasselbe Problem schreiben, und rufen schließlich zu bestimmten Aktionen auf. Je nach Neigung und Beruf des Verfassers verzieren sie sich zusätzlich mit Tabellen, belletristischen Leistungen, schönen oder schwierigen Worten, Zitaten, Fußnoten oder Bildern. Wenn wir nun im folgenden über Männer und Frauen schreiben, dann ist unser Buch nicht direkt als aktuell zu bezeichnen, denn immerhin haben sich vor Erscheinen unserer definitiven Abhandlung Generationen von Scholaren, Forschern, Philosophen, Schriftstellern usf. diesem Gegenstand gewidmet; trotzdem werden Sie einiges an Vertrautem, dem Schema «aktuell» entsprechendem, wiederfinden: vor allem diverse sich sorgfältig als etwas anderes präsentierende Beschimpfungen und Verspottungen anderer Autoren, eine Anzahl von Verzierungen mit dem Zweck, Ihr Wohlgefallen zu gewinnen, Anekdoten und Erzählungen zu Ihrer Zerstreuung und selbstverständlich die abschließenden Appelle, in denen Sie aufgefordert werden, endlich das Richtige und Einsichtige zu tun (möglichst zynisch formuliert, um die zarten Ideale der Verfasserinnen vor dem Spott der Öffentlichkeit zu schützen und Sie nicht durch offene Belehrungen zu verärgern). Im Gegensatz zu vielen anderen Büchern entbehrt das vorliegende etwas, das Kritiker «logischen Aufbau und Konsistenz» nennen werden. Was wir Ihnen vorlegen, ist ein Text, der sich aus sozialwissenschaftlichen Bemühungen, flüchtigen Eindrücken, langjährigen persönlichen Vorurteilen, feministischer Aggressionsbereitschaft und den gesammelten Ressentiments und Romanzen zusammensetzt, die das bisherige Ergebnis von (zusammengezählt) mehr als fünfzig Jahren weiblicher Existenz in Mitteleuropa in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts sind.
Wenn man Beobachtungen über die Wirklichkeit und Ausschnitte derselben vermitteln will, so stehen einem verschiedene Medien und Ausdrucksformen zur Verfügung. Man kann zum Beispiel einen Roman schreiben, ein Gedicht verfassen, eine Zeichnung anfertigen, ein Theaterstück interpretieren. Unter anderem kann man auch eine wissenschaftliche Untersuchung durchführen. Welches die adäquate Weise ist, ein Problem abzuhandeln, und welche Techniken innerhalb des jeweiligen Mediums zulässig sind, wird von der Gesellschaft bestimmt.
Nehmen wir das Beispiel einer Landschaft. Man kann sie in Öl malen oder als Aquarell, mit schreienden Sonnenblumen und einem grünen Himmel oder verwaschen und blaß, mit Kreide, Wasserfarben, Bleistift, Tusche, dick aufgetragen oder als Radierung, realitätsgetreu nach Maß, verschwommen nach Erinnerung, phantastisch nach Vorstellung und Empfindung. Die Vertreter der jeweiligen Ausdrucksform sind jeweils gewiß, die beste und einzig zulässige Form der Darstellung gefunden zu haben; die anderen sind entartet, dilettantisch, unästhetisch usw. In vielen Zeitaltern darf überhaupt nur eine einzige Form existieren; Personen, die davon abweichen, werden mißachtet oder sogar verfolgt. In stilisierten Fresken marschiert die einzig erlaubte Realität an den Wänden und Grabmälern entlang, oder sie blickt uns lebensgroß in dumpfen Farben der Präzision entgegen, bis sie in späteren Jahrhunderten zu Galerien bedeutender Personen, allesamt akkurat porträtiert in Spitzenkragen, zusammengefaßt wird, durch die unglückliche Scharen von Schulkindern getrieben werden. In manchen Kulturkreisen dürfen Lebewesen überhaupt nicht abgebildet werden; mit sehr viel Hinterlist und Geschicklichkeit gelingt es dem Künstler, ein paar Pflanzenblätter in die Geometrik der Moschee, gelegentlich ein paar menschliche Schicksale in die wissenschaftliche Abhandlung hineinzuschwindeln.
Ähnlich verhält es sich mit anderen Formen der Porträtierung und Interpretation von Realität. In manchen Zeitaltern und Kulturen artikuliert sich das Wissen in Gelehrtenlatein; es leitet sich von Gott ab, von Offenbarungen, von Riten, von Mythen, von Deduktionen, von Induktionen, von Experimenten, es drückt sich aus in Liturgien, kryptischen Formeln, Ziffern und Zahlen, es wird gedruckt in Traktaten, Enzyklopädien, Pamphleten, es wird lexikalisch aufgelistet, esoterisch nebelumhüllt, pädagogisch aufbereitet zur Belehrung und Läuterung des Publikums.
Es ist bemüht, die unmittelbar sich präsentierende Umwelt so präzis wie nur möglich zu erfassen, oder es ist bestrebt, hinter dem Schein vielfältiger Wahrnehmung die Zusammensetzung und Gesetzmäßigkeit zu erkennen; es handelt vom Menschen als sittliches Wesen, oder der Mensch darf überhaupt nicht vorkommen, zumindest nicht als unberechenbares und kläglich launenhaftes Individuum, sondern nur sauber und vernünftig, als Stichprobe, repräsentativ.
Der scharfsinnige Leser wird vermutet haben, daß wir in dieser unserer Arbeit über Männer und Frauen beabsichtigen, uns in gewisser Hinsicht von den vorherrschenden ästhetischen Kriterien unserer Fächer, der Soziologie und der Politikwissenschaft, zu entfernen.
Meine Damen und Herren, wir stellen vor: den empirischen Impressionismus.
Die Sozialwissenschaft ist eine Methode, um die soziale Realität zu beleuchten. Sie kann Ausschnitte der Wirklichkeit in einer ganz speziellen Weise erfassen, und sie kann die Art der Wahrnehmungen und Interpretationen in einer bestimmten Weise strukturieren, so daß bestimmte Aspekte hervortreten. Sie behandelt die gesellschaftliche Wirklichkeit, wie die natürliche Wirklichkeit unter dem Mikroskop behandelt wird: eine sehr dünne Scheibe wird sorgfältig abgetrennt und auf Glas gelegt, sodann wird diese Scheibe chemisch behandelt mit Färbstoffen, damit die Zusammensetzung klarer erkannt werden kann, und das Resultat wird unter ein Mikroskop gelegt und betrachtet; auf Grund dieser Behandlung kann man dann einiges sehr klar sehen, zum Beispiel die Zellenstruktur, und andere Dinge kann man überhaupt nicht mehr sehen, zum Beispiel die Feldmaus, deren Körper diese dünne Scheibe entnommen wurde.
Über die Feldmaus ist auch noch wissenswert, daß sie zum Beispiel in einem bestimmten Klima floriert und bestimmte Verhaltensweisen bei der Suche nach Nahrung und bei der Fortpflanzung zeigt und daß sie auf bestimmte Stimuli in einer bestimmten Weise reagiert (oder auch nicht).
Bei Untersuchungen über Männer und Frauen ist es noch etwas komplizierter. Bestenfalls kann man Eindrücke gewinnen über die Gründe ihres Verhaltens, und diese Eindrücke sind dadurch gefärbt, daß man selbst entweder ein Mann oder eine Frau ist und häufig auch mit größeren oder kleineren Schwierigkeiten mit entweder einem Mann oder einer Frau zusammen lebt. Das erachten viele unserer Kollegen, die Sie aus Büchern, Fernsehsendungen, Zeitschriftenartikeln usw. vielleicht kennen, nicht für erwähnenswert. Sie sind bemüht, sich unter rigoroser Anwendung der erarbeiteten Instrumentarien der vorliegenden Probleme zu bemächtigen. Wir verfolgen ihre Bemühungen mit dem allergrößten Interesse, wollen jedoch hier eine andere Methode versuchen; statt des realistischen Positivismus, sozusagen eine neue Technik der Sozialwissenschaft anwenden; einen Impressionismus. Wir wollen das wiedergeben, woraus sich unsere bisherigen Schlußfolgerungen zum Themenbereich «Ehe» und «Frauen und Männer» zusammensetzt; zum Beispiel aus Interviews und Gesprächen mit Frauen in der spezifischen Situation häuslicher Gewalttätigkeit und aus unserer Beschäftigung mit den Akten einer Wiener Eheberatungsstelle, Analysen, die wir im Rahmen eines Forschungsprojekts durchführten, aber auch aus unserer Verarbeitung der Konfrontationen und Schwierigkeiten, die sich dabei ergaben, aus Reiseeindrücken, aus einer Durchsicht von Frauenzeitschriften, aus Einschätzungen alltäglicher Erlebnisse und gelegentlich auch aus diffusen Rachegefühlen gegen bestimmte Personen und vor allem gegen Unbekannt.
Das politische Denken der Gegenwart zeichnet sich durch eine Erstarrung zu zwanghaften, schematischen Realitätswahrnehmungen aus.
Dem christlichen Gegensatz von Gut und Böse, dem marxistischen Antagonismus zwischen Bourgeoisie und Proletariat, der Vorstellung eines bipolaren sowjetisch-amerikanischen Konflikts ist die Überzeugung gemeinsam, daß die Weltgeschichte nur ein Subjekt, einen existentiellen Kampf und einen Ablauf hat. Die Erstarrung der Gesellschaft in antagonistische Polaritäten stabilisiert sich schließlich in einer Harmonisierung des Spannungs- und Feindschaftszustands: Dialog, Entspannung, Sozialdemokratie. Auch der «Kampf der Geschlechter» soll in einer Partnerschaftsideologie seine Auflösung finden. Die Schematisierung überdeckt die Realitäten (die vielen Realitäten) der Verhältnisse. Den Platz des alleinigen Subjekts nimmt die Vorstellung einer Masse entfremdeter einzelner ein, die von einem schattenhaften Akteur, der als Ursprung aller Zwänge und Gewaltverhältnisse postuliert wird (der Staat, der Kapitalismus, die Elite, das Establishment, das System etc.), mißbraucht und ausgebeutet werden.
Gesellschaftsanalyse und politische Theorie produzieren dieses Modell in immer neuen Auflagen. Um der Maschinerie theoretischer Erklär- und Lösbarkeit zu entkommen, muß diese Linearität durchbrochen werden. Das erfordert als Voraussetzung für Bewußtsein nicht eine Theorie der Gewalt, sondern – mit Foucault – eine Analytik der Macht.[1]
Gesellschaftskritik verfängt sich im Streit um den zentralen Widerspruch, das Gesetz der Veränderung, den Träger der Revolution und bleibt damit in einer sich als Makroanalyse begreifenden Scheinerklärung verfangen. Sie kann nicht sehen, daß Herrschaft nicht in erster Linie eine hierarchisch geordnete Struktur ist, sondern eine Qualität, die soziale Organisation in all ihren Beziehungen und Interaktionen prägt.
In der modernen Gesellschaft läuft keine eindeutige Trennungslinie zwischen einer Klasse von Ausgebeuteten und einer Klasse von Ausbeutern; alle Personen gehören in den verschiedenen Lebenszusammenhängen ihrer gesellschaftlichen Existenz sowohl der einen als auch der anderen Klasse an. Die Verhältnisse zwischen Männern und Frauen, Eltern und Kindern, Arbeitgebern und Arbeitnehmern, Beamten und Bürgern, zwischen Schichten, Rassen, Altersgruppen usf. ergeben eine Pluralität von Statusgefällen.
Neue Ansätze einer Gesellschaftskritik in das vorhandene Modell der Linearität und Polarität einzuordnen ist eine Form der Entthematisierung, die der Stabilisierung des Status quo dient. Daraus erklärt sich zum Beispiel die starke Tendenz zur Rivalität zwischen Bewegungen: zwischen einer schwarzen Bewegung, der Arbeiterbewegung, der Linken, der Frauenbewegung. Wenn es nur ein primäres Muster von Macht und Befreiung gibt, dann sind diese Bewegungen Konkurrenten. Und solange die kritischen Diskurse und Analysen damit beschäftigt werden können, wettstreitend nach der blauen Rose der wahren Revolution zu suchen, bleiben die Netzwerke und Strukturen, Verstrickungen und Ambivalenzen von Macht- und Herrschaftsverhältnissen in ihren breiten Flächen und Verflechtungen unangetastet. Will man diese Automatik umgehen, so muß man «einen politischen Kampf gegen sämtliche Maschinen der herrschenden Macht entfachen, ob es sich nun um die Macht des bürgerlichen Staates handelt, um die Macht aller Arten von Bürokratie, die schulische Macht, die familiale Macht, die phallokratische Macht in der Zweierbeziehung oder sogar um die repressive Macht des Über-Ich über das Individuum»[2].
Dieser Kampf hat keinen einzelnen, nicht einmal einen hauptsächlichen Träger, weil alle in einem dreifachen Verhältnis zur Macht stehen: indem sie an ihr teilhaben, ihr untergeordnet sind und sich durch Komplicenschaft an der eigenen Unterdrückung Vorteile oder vermeintliche Vorteile verschaffen.
Die vorliegende Arbeit versucht, in Ansätzen eine Analytik dieser Macht zu leisten, indem sie sich mit einer ihrer Ebenen – dem Verhältnis zwischen den Geschlechtern – auseinandersetzt. Unser Gegenstand ist die Verstrickung von Macht und Geschlecht, von Gewalt und Sexualität, die für den Charakter zwischenmenschlicher Beziehungen in allen bisherigen Herrschaftsordnungen bestimmend war.
Die Institution der Ehe hat, wie andere gesellschaftliche Institutionen auch, den Zweck, für grundlegende menschliche Bedürfnisse eine strukturierte Form der Befriedigung anzubieten. Die Stabilität der Institution wird gesichert durch die Gewährleistung von Alternativlosigkeit: selbst Varianten definieren sich ausschließlich über die Institution (so daß es zum Beispiel außereheliche, voreheliche und eheähnliche Beziehungen geben kann, aber keine grundlegend anderen Formen). Die Tatsache, daß es sich um einen Komplex sehr grundlegender Bedürfnisse handelt (nach Geborgenheit, Sicherheit, Vertrauen, Verständnis, Anerkennung, Solidarität, Befriedigung sexueller Bedürfnisse, Reproduktion), denen ausschließlich in dieser einen vorgegebenen Organisationsform «Ehe» und nur in Verbindung mit speziellen Inhalten und Bedeutungen irgendeine Chance der Erfüllung zugestanden wird, erklärt die Zusammensetzung dieser Institution aus den beiden Komponenten der Angst und der Erwartung: der Gewalt und der Liebe.
In einer Konkurrenzgesellschaft nimmt der «Privatbereich», dessen Kernstück Ehe und Familie sind, den Charakter einer Restkategorie an; daraus folgt die Überfrachtung dieses Bereichs mit Erwartungen und Bedürfnissen, die von den gegebenen Zuständen auf Grund dieser Zustände unerfüllbar bleiben müssen.
Es wird allgemein davon ausgegangen, daß die Ehe vorrangig eine Liebesgemeinschaft darstellt * Folglich erscheinen Konflikte und Gewalttätigkeiten als schwerverständliche Entgleisungen einzelner * Dieser Betrachtungsweise ist entgegenzuhalten, daß die Gewalt des Ehemannes in vielen Zeiten und Kulturen akzeptierter Bestandteil der Ehe war * Einige Illustrationen dieser Tatsache werden angeführt * Dabei ist sowohl von anderen Kulturkreisen als auch vom europäischen Raum die Sprache * Auch Kirche, Gesetzgebung und Bräuche spielen in diesen Ausführungen eine entscheidende Rolle * Im Licht dieser Tatbestände ergeben sich andere Interpretationsmöglichkeiten für gegenwärtige Vorkommnisse ehelicher Gewalt * Der eigenartige Doppelcharakter des Verhältnisses zwischen den Geschlechtern beginnt, Konturen anzunehmen * Die Erwartungen harmonischer Gemeinsamkeit, seelischer Verbundenheit und Liebe/Treue/Eintracht sind verflochten mit Zwangsmöglichkeiten, Autoritätsbefugnissen und Kontrollansprüchen * Das kann nicht gutgehen
Die unter dem Zeichen des Fortschrittsglaubens stehenden Sozialwissenschaften haben sich ein historisches Bild der Evolution der Geschlechterbeziehung zurechtgelegt, das etwa auf folgende Grundaussage reduzierbar ist: Das ursprüngliche Verhältnis zwischen den Geschlechtern war, wie alle menschlichen Beziehungen, durch Brutalität und Gewalt gekennzeichnet (Variante: ein ursprünglicher Zustand einer friedlichen und gleichen Urgesellschaft wird postuliert, der dann einem Gewalt- und Ausbeutungsverhältnis auf Grundlage des Privateigentums wich). Im Laufe von Mittelalter und Neuzeit entstand und entwickelte sich ein Gebäude neuer Normen, darunter auch die Vorstellung von «Liebe». Das Abklingen der männlich-militaristischen Gesellschaft[1] und der Übergang zu höfischen und städtischen Sozialformen veränderte die Stellung der Frau und ließ mit der Entstehung der romantischen Liebe und der Isolierung der einzelnen auf die Primärbeziehung heterosexueller Bindungen in der Ehe[2] eine neue Qualität zwischengeschlechtlicher Verhältnisse Vorrang gewinnen. Vorkommnisse von geschlechtsspezifischer Unterdrückung, Verfremdung und Gewalttätigkeit erscheinen in diesem Modell als anachronistische Überreste, die im Zuge fortschreitender Entwicklung vom Patriarchat zur Gleichheit restlos verschwinden werden: und mit ihnen die Disparitäten zwischen Entwicklungs- und Industrieländern, zwischen den Klassen, zwischen den Statusgruppen.
Zu dieser Betrachtungsweise meint Kate Millett:
«Es ist nicht üblich, das Patriarchat mit Gewalt in Verbindung zu setzen. Das System der Sozialisation ist so perfekt, die allgemeine Zustimmung zu den vorherrschenden Werten so verbreitet, die Geschichte seiner Vorherrschaft so lang und universal, daß gewaltsame Aufrechterhaltung (des Patriarchats) kaum mehr nötig ist … Die Erscheinungsformen seiner Gewalt gelten als individuelle Abweichung … ohne Verallgemeinerungswert …
Die emotionale Reaktion auf Gewalt gegen Frauen ist im Patriarchat ambivalent. Das Thema der geschlagenen Ehefrau zum Beispiel, ruft sowohl Gelächter als auch Peinlichkeit hervor. Gemessen am sadistischen Charakter der öffentlichen männlichen Sexualphantasie, wie sie sich in pornographischen und halb-pornographischen Medien spiegelt, ist wahrscheinlich ein Element der Identifizierung in diesen Reaktionen enthalten.»[3]
Die Geschichte der Ehe ist die Geschichte der gewaltsamen Unterwerfung der Frauen unter die Männer, die Geschichte des Geschlechterverhältnisses ist eine Geschichte der Gewalt. Das Patriarchat raubte Frauen und tauschte sie, tötete neugeborene Mädchen und verbrannte Witwen, verstümmelte die Füße von Frauen, schloß sie ein und verwehrte ihnen jeden Zugang zur Öffentlichkeit, schränkte die Bewegungs- und Kommunikationsfreiheit von Frauen mit physischen und psychischen Mitteln ein, verfügte über ihre Sexualität.
Murray Straus schreibt:
«Frauenmißhandlung ist nicht nur etwa eine Abnormität von einzelnen, sondern hat ihre Wurzeln in der Struktur von Gesellschaft und Familie selbst, das heißt in den kulturellen Normen und der sexistischen Organisation von Gesellschaft und Familie.»[4]
Der historische Entwicklungsgang der Geschlechterbeziehungen zeigt Veränderungen in den Arten der Gewaltverhältnisse, gestattet aber nicht die Schlußfolgerung eines qualitativen Abbaus.
In seiner umfassenden Untersuchung ‹Sex, Culture and Myth› registrierte Bronislaw Malinowski die weite Verbreitung eines Begriffs der Ehe, dem die Gewalt als konstituierendes Element zugrunde liegt; seinen Ausdruck findet diese Konzeption der Ehe schon in den ritualisiert-symbolischen Formen und Zeremonien:
«(In den Hochzeitszeremonien dieser Kulturen) ist die Demonstration der Gewalt des Ehemannes über seine Frau ein wichtiger Bestandteil: es wird ihm eine Peitsche überreicht, oder er gibt der Braut eine Ohrfeige, oder schlägt sie zum Schein usf.»[5]
Von der jeweiligen Religion, den jeweiligen Systemen kultureller Normen legitimiert, war das Recht des Ehemannes, seine Frau zu schlagen, in vielen Kulturkreisen akzeptiert: festgehalten wurde dieses Recht zum Beispiel sowohl im kanonischen Recht als auch im Islam. Im Koran heißt es zum Beispiel:
«Ermahnt Eure Frauen, wenn Ihr eine Rebellion befürchtet; laßt sie allein in ihren Betten und schlagt sie.»[6]
Im europäischen Mittelalter war das Züchtigungsrecht des Ehemannes in vielen Regionen durch Verordnungen und Schriftstücke festgehalten. Ein kurzer Überblick vermittelt einen Eindruck der zugrunde liegenden Werte.
Ende des 13. Jahrhunderts hieß es zum Beispiel in den Coutumes de Beauvaisis, daß ein Mann seine Frau schlagen konnte, wenn diese ihm untreu war, ihm widersprach oder ihm den Gehorsam verweigerte.[7] Im 14. Jahrhundert wurden in England vier Kategorien von Personen genannt, die ein Mann ungestraft schlagen oder ächten durfte, weil sie nicht den rechtlichen Status besaßen, um ihn gerichtlich dafür zu belangen: Verräter, Heiden, Leibeigene und seine Ehefrau.[8]
Das Vokabular kirchlicher Texte war ein anderes. Der Mönch Cherubino de Siena schrieb in seinen ‹Regole della vita matrimoniale› im 15. Jahrhundert zum Beispiel:
«Wenn deine Frau Unrecht tut, so eile nicht sofort mit Beschimpfungen und Schlägen hinzu; zunächst, erkläre ihr mit Liebe und Geduld ihr Unrecht, und lehre sie, es nicht wieder zu tun, um Gott nicht zu mißfallen, ihrer Seele nicht zu schaden und dir und sich selbst nicht Schande einzubringen … (wenn jedoch) die sanften Worte keinen Erfolg bringen, dann beschimpfe sie, bedrohe sie und schüchtere sie ein. Und wenn auch das nicht hilft, so nimm einen Stock und schlage sie fest … aber nicht im Zorn, sondern aus Sorge um ihre Seele, so daß die Prügel dir zur Tugend und ihr zum Guten gereichen.»[9]
Diese Sichtweise, die den Mann zum Verwalter der weiblichen Seele delegierte, zeigt sehr deutlich die gesellschaftliche Verteilung von Autoritäts- und Kontrollfunktionen. Die Kirche intervenierte auch gegen Exzesse, und es sind Predigten überliefert, die gegen übermäßige Brutalität Stellung bezogen und zum Beispiel die Männer aufforderten, ihre Frauen nicht zu mißhandeln, wenn sie statt Söhnen nur Töchter gebaren.[10] Im Judentum des Mittelalters entstand sogar eine grundlegende Diskussion um das Züchtigungsrecht des Ehemannes. Rabbi Perez legte im 13. Jahrhundert in Frankreich einer Synode der Rabbiner den Entwurf eines Dekrets vor, in dem Stellung gegen Vorkommnisse ehelicher Gewalttätigkeit bezogen wurde:
«Wir hören die Klage der Töchter unseres Volks bezüglich der Söhne Israels, die ihre Hand erheben, um ihre Frauen zu schlagen. Jedoch wer hat dem Ehemann das Recht gegeben, seine Frau zu schlagen? Ist es ihm nicht vielmehr untersagt, irgendeine Person in Israel zu schlagen? Ferner hat Rabbi Isaac in einem Responsum geschrieben, daß er es von der Autorität der drei großen Weisen hat, nämlich von Rabbi Samuel, Rabbi Jacob Tam und Rabbi Isaac, die Söhne von Rabbi Meir, daß einer, der seine Frau schlägt, genauso zu betrachten ist wie einer, der einen Fremden schlägt. Dennoch hören wir von Fällen, in denen sich jüdische Frauen beklagen, ohne daß ihnen geholfen wird. Wir stellen daher fest, daß jeder Jude angewiesen werden kann, durch Ansuchen seiner Frau oder einem ihrer nahen Verwandtschaft, einen herem (Eid) zu leisten, daß er seine Frau nicht im Zorn, aus Härte oder um sie zu erniedrigen, schlagen wird, denn das widerspräche den jüdischen Grundsätzen.
Und wenn er sich hartnäckig weigert, so soll das Gericht … ihr Alimente zusprechen, so als ob ihr Mann in die Ferne verreist wäre.»[11]
Dieses Dekret scheint nach L. Finkelstein nicht verabschiedet worden zu sein.
Das Züchtigungsrecht des Ehemannes diente der Aufrechterhaltung der Machtverhältnisse. Kein geringerer als Trevelyan schreibt über das England des 15. Jahrhunderts:
«Die Herrschaft lag beim Mann, und wo er sie mit Faust und Stock verteidigte, machte ihm das die öffentliche Meinung selten zum Vorwurf.»[12]
Und in seiner Untersuchung über die Stellung der Frau in mittelalterlichen Weistümern beschreibt Hans Fehr die Verhältnisse zwischen den Geschlechtern folgendermaßen:
«Das Weib war nicht selbständig. Es stand zeit seines Lebens unter der Vogtei des Mannes. Diese munt, mochte sie sich als Geschlechtsvormundschaft gegenüber dem urverheirateten Weibe oder als Ehevogtei gegenüber der Ehefrau äußern, trug den Charakter eines Schutz- und Gewaltverhältnisses … Die alte Gewaltidee, die Herrscherstellung des Mannes, verschwand nie ganz. Die Weistümer sprechen es wiederholt aus, daß die Frauenspersonen als Gewaltunterworfene zu betrachten seien.»[13]
Die diversen Verordnungen und Bräuche zeigen jedoch, daß das Verhältnis zwischen den Geschlechtern im Mittelalter nicht nur ein Gewalt-, sondern vor allem ein Herrschaftsverhältnis war; die Autorität des Mannes über die eigene Ehefrau war nur Ausdruck der Autorität aller Männer über alle Frauen, des Mannes über die Frau und damit eine Grundlage der sozialen Ordnung und Stabilität. Die Aufrechterhaltung der «richtigen» Machtverhältnisse in der Ehe war daher keine Privatangelegenheit, sondern Gegenstand allgemeiner Aufmerksamkeit. Der Mann hatte vielerorts die Pflicht, sein Recht als männliches Recht aufrechtzuerhalten. Die Richtigkeit der Verhältnisse wurde mit dem Verweis auf verschiedenste Legitimitätsquellen behauptet. Kreittmayr schrieb zum Beispiel noch Mitte des 18. Jahrhunderts in seinen Kommentaren zum Bayerischen Landrecht:
«Unser Codex weiset die Ehefrauen dahin an, daß sie ihrem Mann nicht nur in domesticis gehorchen, sondern auch gebührenden Respect bezeigen, und nicht weniger gewöhnlich … Der Gehorsam aber ist das Correlatum von obiger Herrschaft. Das Züchtigungsrecht sowohl mit Worten als Wercken ist ein Effectus potestatis maritalis und fundiert sich zum Theil in Jure Divino selbst, wenn die Schweitzer Version richtig ist, nach welcher die Worte der Schrift: Vir dominabitur tui, auf deutsch soviel heißen, als er wird dich peinigen …»[14]
Die gesellschaftliche Ordnung hatte die Unterordnung der Frauen als Grundlage; die Aufrechterhaltung dieser Ordnung wurde beaufsichtigt und öffentlich sanktioniert. Schlug zum Beispiel eine Frau ihren Mann, so war dies ein Verstoß nicht so sehr gegen ihn, sondern gegen die gesamte Sozialstruktur und damit öffentliche Angelegenheit. Bestraft wurde nicht nur die Frau, sondern auch der Mann, der seine Verantwortung für die Wahrung der Kontrolle vernachlässigt hatte, mancherort sogar seine Nachbarn, die ihn in der Ausübung seiner Autorität nicht ausreichend beaufsichtigt hatten.
Fehr berichtet:
«Wenn eine Frau ihren Mann geschlagen, dann brachen die Nachbarn dem Manne, der sich solches hatte gefallen lassen, die First vom Dache ab, und die Mannschaft des verbündeten Dorfes kam solemniter herbeigezogen mit einem Esel, auf welchen die Frau gesetzt und im Orte herumgeführt wurde, ‹damit die Männer nach Gottes Gebot Herren bleiben und die Oberhand behalten sollten›. Der Mann, der sich’s hatte gefallen lassen, wird so gut bestraft wie die Frau …»[15]
Ähnliche Regelungen führt Edward Shorter für verschiedene Teile Frankreichs an. Für das Departement Lot zum Beispiel wird berichtet:
«Wenn man dahinterkommt, sucht man einen Esel, läßt den Ehemann daraufsteigen und gibt ihm einen Spinnrocken … Dann wird er durch das ganze Dorf geführt. Wenn der Ehemann sich versteckt hat, nimmt man sich seinen nächsten Nachbarn vor, um ihn dafür zu bestrafen, daß er es zugelassen hatte, daß eine Frau seiner Nachbarschaft den Respekt mißachtet hatte, den sie ihrem Ehemann schuldet.»[16]
Interventionen der Öffentlichkeit gegen das Schlagen der Ehefrau kamen vor, waren aber ungleich seltener.[17] Denn die Eingriffe der Gemeinschaft hatten den Zweck, weibliche Unterordnung zu gewährleisten und bemühten sich erst in zweiter Linie (wenn überhaupt) um die Herstellung häuslichen Friedens.
Shorter schreibt:
«Die Gemeinschaft, die empfindlich gegenüber jeder unbefugten Anmaßung der Ehemannsautorität (durch die Frau) reagierte, war besonders schnell bei der Hand, öffentliche Demonstrationen weiblicher Stärke im Keim zu ersticken.»[18]
Da das Verhältnis zwischen den Geschlechtern ein Herrschaftsverhältnis war, war auch die Aufrechterhaltung des Machtverhältnisses in der Ehe keine private Angelegenheit, sondern Gegenstand allgemeiner Aufmerksamkeit. In diesem Sinn könnte man polemisch sagen, die Ehe sei die Keimzelle des Patriarchats.
Bei gewissen Delikten der Frau hatte ihr Mann nicht nur das Züchtigungsrecht, sondern die Züchtigungspflicht: «Wenn der Mann seine Frau nicht schlug, so verfiel er in … eine Buße.»[19]
Frauen wurden durch offen ausgesprochene Drohungen und mittels gesetzlich kodifizierter Gewalt in Unterordnung gezwungen. Physische Gewalt diente dazu, Auflehnung zu unterbinden. Michelet führt zum Beispiel aus, daß es in Sachsen dem Friedensrichter gestattet war, jede Frau zu schlagen, die sich ungebührend oder anmaßend benahm, und daß «von diesem Recht Gebrauch gemacht wurde, um ehrbare Frauen und Ehefrauen von Geschäftsmännern zu erniedrigen, die stolz oder selbstbewußt wirkten»[20].
Von der Kanzel herunter, in Lehrbüchern und in den Texten der Philosophen wurden Frauen unter Drohungen ermahnt, sich zu unterwerfen und ihre Unterordnung als Recht anzuerkennen. Zwar wurde die Minderwertigkeit der Frauen mit ideologischen Begründungen versehen, vorherrschendes Mittel der männlichen Macht war jedoch die Gewalt und ihre Androhung, die den Frauen von Kindheit an demonstriert wurde.
Geoffrey de la Tour de Landry zum Beispiel verfaßte für seine jungen Töchter ein Lehrbuch mit «moralischen Erzählungen und Texten», in dem er ihnen ihre Zukunft als Ehefrau erläutert:
«Jetzt folgt ein Beispiel für alle guten Frauen, daß sie geduldig leiden und erdulden mögen und mit ihrem Mann nicht streiten noch ihm widersprechen sollen, denn einmal gab eine Frau ihrem Mann in dieser Weise vor Fremden ungebührend kurzangebunden Antwort; und er schlug sie mit der Faust zu Boden; und mit dem Fuß trat er ihr ins Gesicht und schlug ihr die Nase ein, und für den Rest ihres Lebens war damit ihr Aussehen so entstellt, daß sie ihr Gesicht aus Scham nicht öffentlich zeigen mochte. Und das geschah ihr wegen der Worte, die sie ihrem Mann gegenüber sprach. Und daher sollten Frauen erdulden, und ihrem Mann das Wort lassen, und ihn Herr sein lassen, denn das ist ihre Pflicht.»[21]
Die wichtigste Aussage der historischen Quellen ist es, daß die Gewalt der Männer überall als öffentliche und politische, der Stabilisierung von Ordnung dienende Gewalt deklariert wurde. Erst allmählich, im Laufe der Neuzeit und mit der Entwicklung des Bürgertums, vollzog sich ein Prozeß, in dessen Ablauf Macht- und Herrschaftsverhältnisse zunehmend einem Strukturwandel unterzogen wurden.
Dieser Strukturwandel hatte zwei Seiten: auf der einen Seite wurde die Gewalt zunehmend auf Staat und Institutionen übertragen, die Zentralisierung und Koordinierung der «Staatsgewalt» waren Grundlagen der Moderne. Die andere Seite ist der damit einhergehende Prozeß der Dispersion von Zwängen und Gewalt, bis sie die gesamte Gesellschaft und auch die Einzelpersonen in einer Weise durchdringen, die vor der Moderne in dem Ausmaß nicht denkbar gewesen wäre. Die Internalisierung dieser Gewalt ist von Autoren wie Fromm, Adorno oder Habermas beschrieben worden; die Folgen an struktureller Gewalt, Vorurteil und Selbsteinschränkung erlauben – außer in Extremfällen – den Verzicht auf den Einsatz unmittelbarer Gewalt.
Die moderne Ehe wird vom Staat geschlossen; die Pflichten und das Verhalten der Eheleute sind gesetzlich festgelegt und juristisch einklagbar. Öffentliche Meinung, Medien und Gesellschaftstheoretiker beschäftigen sich unentwegt mit Ehe und Familie; es werden Ratschläge erteilt, Urteile gefällt, Theorien verbreitet. Trotzdem heißt es, daß die Ehe dem «Privatbereich» angehört. Die Tabus, die Nachbarn und Umgebung davon abhalten, bei ehelicher Gewalttätigkeit zu intervenieren, hindern sie nicht daran, ihre Meinung über Kommunen, ledige Kinder oder Homosexuelle laut kundzutun. Der Grund für die Nichtintervention bei häuslichen Streitigkeiten ist offiziell die Achtung des Privatbereichs. Der Effekt ist jedoch das Ausklammern der Ehefrauen aus allgemeingültigen Rechten, Regeln und Schutzeinrichtungen der Gesellschaft, und die Verfestigung männlicher Autorität in der Ehe. Die Selektivität der Interventionsbereitschaft beruht nicht auf Zufälligkeit und Willkür, sondern stellt ein System der Kontrolle und Herrschaftsverfestigung dar: Probleme sind Privat-, Abweichungen öffentliche Angelegenheit.
Der Leser wirft einen kurzen, von den Autorinnen behutsam gesteuerten Blick auf einige Ehethesen der orthodoxen Wissenschaft * Besagte Schriften werden von ebendiesen Autorinnen vernichtend kritisiert und endgültig widerlegt * Besondere Aufmerksamkeit kommt hierbei den Sozialwissenschaften zu * Wenn die sozialwissenschaftliche Argumentation auf Grenzen stößt, rekurrieren die angeführten Autoren häufig auf fachexterne, auch in der allgemeinen Vorstellung weitverbreitete Ansichten über das «Wesen der Geschlechter» * Ein wichtiger Aspekt dieser Vorstellung ist die Theorie eines «weiblichen Masochismus» (die Frauen wollen das ja so) * Folglich wird diese Theorie abschließend Gegenstand näherer Betrachtungen * Die Autorinnen demonstrieren den eindeutigen Ideologiecharakter der Masochismus-Theorie
«Frauen sagen zu ihren Freundinnen: meine Ehe ist unglücklich. Werden sie von einem Meinungsforschungsinstitut befragt, sagen sie: meine Ehe ist glücklich. Sie halten ihre Schwierigkeiten für privat, dabei wären sie in einer ehrlichen Statistik hochpolitisch.»[1]
In ihrem Buch ‹A Room of Ones Own› erzählt Virginia Woolf, wie sie – in der Hoffnung, etwas über das «Wesen der Frau» und ihre Lebensbedingungen zu erfahren – wissenschaftliche und sozialwissenschaftliche Standardtexte zu dieser Frage studierte. Die Texte lagen in großer Anzahl vor, und sie widersprachen sich alle in den Tatsachenangaben und Theorien, so daß sie bald die Unmöglichkeit erkennen mußte, aus den Analysen und Untersuchungen einen Wissensbestand destillieren zu können. Ihr tiefgehendster Eindruck nach der Lektüre der Texte war vielmehr ein Bild des – um das Vokabular unserer kritischen Genossen zu entlehnen – «Gesamtwissenschaftlers», der solche Texte verfaßt. Virginia Woolf nennt ihn «Professor X» und versucht sich den Mann (die Männer) vorzustellen, die mit großen Aufgeboten an Erfindungsgabe und Argumentation stichhaltig zu beweisen versuchen, daß Frauen «geistig, moralisch und körperlich» minderwertig sind und überall und für alle Zeiten sein müssen. An ihre Vorstellung eines nicht besonders attraktiven, komplexbeladenen und um seine Privilegien und seinen Status verzweifelt kämpfenden Gelehrten wird man bei der Durchsicht orthodoxer «Ehetheorien» unweigerlich erinnert.
Innerhalb der orthodoxen Wissenschaft lassen sich in bezug auf ihre Behandlung von Frauen zunächst drei Richtungen unterscheiden. Den Autoren der ersten Richtung blieb die wissenschaftliche Erkenntnis, daß die Menschheit und auch die Gesellschaft aus zwei Geschlechtern besteht, bislang verschlossen; die Nachricht über die Existenz von Frauen konnte sie in ihrer intellektuell-erhabenen Abgeschiedenheit noch nicht ereilen. In ihren Beschreibungen und Analysen historischer Ereignisse und sozialer Prozesse schildern sie eine Welt, die ausschließlich von Männern bevölkert ist. Gruppe II bilden die Restaurationstexte: Texte, die sich an einem Goldenen Zeitalter orientieren, in dem Frauen noch ihren rechtmäßigen Platz einnahmen (unten); ein Platz, der ihnen wieder zugewiesen werden soll. Die dritte Schule schließlich geht von einem Fortschrittsmodell aus und ist voll der Zuversicht, daß die Situation der Frau ständig besser wird und bald – wenn man es nur nicht überstürzt – vollends der des Mannes angeglichen sein wird. In ihren Texten findet sich ein reichhaltiges Angebot von Anekdoten darüber, wie entsetzlich es den Frauen früher ging/woanders geht und wie zufrieden sie im Vergleich dazu hier und jetzt sein sollten, wo man ihnen nicht mehr die Füße bindet, wo man sie nicht mehr als Hexen verbrennt, wo man sie nicht seinem Eskimofreund borgt.
Das Schwergewicht dieser dritten Richtung liegt demnach auch auf «interkulturellen Vergleichsuntersuchungen». Diese Untersuchungen haben den Zweck, den unaufhaltsamen Fortgang des Fortschritts zu beweisen und die Welt in ordentliche Kategorien der Geschlechterbeziehungen einzuteilen.
Im Sammelband ‹Soziologie der Familie› der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie[2] zum Beispiel führt Hyman Rodman Untersuchungen aus neun Ländern an, um sein Modell des historischen Entwicklungsgesetzes zu belegen. Nach Rodman vollzieht sich dieser Wandlungsprozeß in vier Stufen:
«Stufe 1: Patriarchat, Stufe 2: modifiziertes Patriarchat, Stufe 3: das Übergangsstadium zum Egalitarismus, Stufe 4: Egalitarismus.»
Noch erstaunlicher als die Tatsache, daß er eine Arbeit über eheliche Macht verfassen kann, in der weder physische noch psychische Sanktionen und Bestandteile dieser Macht erwähnt werden, ist seine Grundhaltung. Diese kommt in der folgenden ratlosen Fragestellung zum Ausdruck, in der er überlegt, ob das Konzept des Haushaltsvorstands fallengelassen werden könnte:
«Kündigt dies eine ‹schöne neue Welt› an, oder ist es eine Formel für einen Alptraum? Die Antwort hängt davon ab, ob diese zukünftige neue Familie flexibel genug bei der Entwicklung ihrer Machtstruktur oder ob sie ohne Machtstrukturen ist.»[3]
Wir gehen davon aus, daß es die Aufgabe der Sozialwissenschaft sein sollte, die Entstehung sozialer Muster und Institutionen sowie die Funktionen und Konsequenzen vorhandener Wertsetzungen und gesellschaftlicher Entscheidungen und Organisationsformen zu untersuchen, ideologiekritisch ihre Gebundenheit an gesellschaftliche Partikularinteressen zu überprüfen und mögliche Alternativen zu bestehenden Formen aufzuzeigen. Die Standardtexte der Sozialwissenschaften zum Thema Ehe und Familie, die in diese drei Kategorien fallen, zeigen, daß die Autoren zwar mitunter auch diesen Anspruch erheben, in Wirklichkeit aber von anderen Vorstellungen und Zielsetzungen über die Aufgabe ihrer Disziplinen ausgehen und die Partikularinteressen nicht nur unreflektiert lassen, sondern zu ihren eifrigsten Vertretern gehören. Ferner zeigt sich, daß die drei oben angeführten Theoriegruppen inhaltlich oft schwer zu unterscheiden sind, daß also ein einziger Autor Elemente von allen drei Schulen verbinden kann.
In der Ethnologie zum Beispiel treten die Frauen anderer Völker in der Regel als farbloser, uninteressanter Dienstleistungsbetrieb für die Jäger/Krieger auf; als gesellschaftlich maßgebend und wissenschaftlich interessant gelten meist die männlichen Tätigkeiten, männlichen Glaubensinhalte, männlichen Riten, männlichen Mythen.[4] Frauen werden nur in bestimmten Rollen und Funktionen überhaupt wahrgenommen – ihre spezifischen Reaktionsformen auf Unterdrückung und Unterordnung, ihre Muster gesellschaftlicher Interaktion und Kommunikation, ihre Wahrnehmungen von Gesellschaft und Realität, ihre Mechanismen der Interessendurchsetzung, ihre Werte, ihre Lebensbedingungen, werden in der Regel kaum beachtet. Frauen erscheinen meist nur als Hintergrundfiguren, es sei denn, es handelt sich um spezielle Untersuchungen zu Ehe, Familie oder der «Stellung der Frau».
Aber selbst das Interesse der Ethnologen an den Ehebräuchen und -verhältnissen anderer Gesellschaften war nie ein rein abstraktes. Ihre Interpretation der «Stellung der Frau» in anderen Kulturen war durch ihre Vorstellungen über das richtige Verhältnis zwischen den Geschlechtern gefärbt und diente auch wieder dazu, diese Vorstellung zu untermauern. Am deutlichsten kann man diese Intention in den Schriften des großen Forschers Evans-Pritchard verfolgen. In einem Vortrag, der sich schlicht ‹Die Stellung der Frau in primitiven Gesellschaften und in unserer eigenen› nennt[5], stellte er 1955 einige Überlegungen zu diesem Thema an, die sich auf wissenschaftliche Beobachtungen berufen, die deshalb schwer widerlegbar sind, weil Evans-Pritchard nirgends angibt, welche Gesellschaften er heranzieht: er spricht vom «primitiven Menschen» und von der «primitiven Gesellschaft», aber es wird vermutlich hierin Unterschiedlichkeiten geben, denn sonst hätte er doch kaum sein Leben ihrer Erforschung widmen können … Zunächst gibt Evans-Pritchard zum Thema «Ehekonflikte» zu bedenken, daß diese in modernen Gesellschaften viel heftiger und destruktiver sein müssen als in primitiven Gesellschaften, weil in primitiven Gesellschaften die Autorität des Mannes nie hinterfragt wird; gegen den stabilen Hintergrund ehemännlicher Autorität spielen sich lediglich Oberflächenkonflikte ab, und das ist vor allem auch für die Frauen eine viel angenehmere Situation. Auch in anderen Aspekten meint Evans-Pritchard, Vorteile in der Weltanschauung der Frauen dieser Welt zu erkennen: mit ihrer untergeordneten Position sind sie durchaus zufrieden, versichert er uns, denn «sie haben von sozialer Gleichheit noch nie etwas gehört». Schwierig wurde es erst in unserer modernen Gesellschaft, und zwar weil, wie er bedauernd feststellt, «die Stellung der Frau im 18. und 19. Jahrhundert Gegenstand philosophischer Spekulation wurde und zu allen möglichen liberalen und egalitären Bewegungen führte; daraus entstanden Vorstellungen einer ‹Unterdrückung› der Frauen und deren ‹Emanzipation› …»
Unter Berufung auf die (noch immer nicht identifizierten) «primitiven Gesellschaften» kann Evans-Pritchard seinen verängstigten Lesern jedoch versichern, daß die relative Stellung der Geschlechter in der vorhersehbaren Zukunft keine grundlegende Wandlung erfahren wird, und zwar auf Grund des Belegs, daß zu allen Zeiten und in allen Kulturen Männer überlegen sind, und das «um so mehr, je höher entwickelt die Zivilisation ist».
«Ich will nicht provozieren, ich stelle nur fest, was eine eindeutige Tatsache ist … Diese Tatsachen lassen schließen, daß es (für die weibliche Unterordnung) tiefgehende biologische und psychologische sowie soziologische Gründe gibt und daß die Beziehung zwischen den Geschlechtern durch soziale Veränderungen modifiziert, aber nicht grundlegend geändert werden kann.»[6]
